Siebentes Kapitel.

Die Nacht ist hin. Von starkem Rauhreif weiß besponnen,
Erschimmern rings in märchenhafter Pracht
Der Bäume Wipfel, purpurn übergüldet
Vom Morgenroth, das fern im Ost erwacht;
Bald wird, sein leuchtendes Gespann am Wagen,
Der Sonnenball die kurze Tagfahrt wagen.

Lichtblauer Himmel wölbt sich über Schloß und Landschaft
Und, wenn’s auch kalt macht, ist die Luft doch still
Und rührt nicht an des Waldes silbern Pfeitlein,
In dem die Sonne er begrüßen will;
Als ob ihm nimmer die Erfahrung sagte,
Daß er noch jedes Mal umsonst sich plagte.

Jetzt flammt es auf in hellen Blitzen weit im Osten
Getroffen von des Lichtes goldnem Hauch,
Erglänzt in allen Farben, glühend, funkelnd,
Ein herrlich Diadem, der Reif am Strauch.
Ein Meer von Gold ruht auf den schnee’gen Flächen,
Auf welchem glitzernd sich die Strahlen brechen. —

Daß schön der Tag sich anließ, kam Herrn Heinz zu statten,
Weil Elsbeth, wie er selbst, die Gäste bat,
Noch einen Tag das Jagdglück zu versuchen;
Was diese auch versprochen, eh’ sie spat,
Da müd’ und schläferig die Lider hingen,
Vom Wein sich trennten und zur Ruhe gingen. — —

Des Spielmanns schlichte Rede hatte gestern alle,
Nur nicht des Wasserstelzen Töchterlein,
Ernst angemuthet; dieses wollte lachen.
Mit krauser Stirne sah es unwirsch drein,
Als jener endlich schwieg und alle zaudern
Von heitern Dingen, wie vordem zu plaudern.

Doch bald gewann des Vogts gemüthlich Wesen wieder
Die Oberhand. In froh gelaunter Weis’
Befahl er Kunz, den Spielmann wohl zu letzen
Für sein Erzählen nun mit Trank und Speis’;
Es sei viel leichter, einen Korb verschwellen,
Denn Kehl’ und Magen fahrender Gesellen.

Das Gleichniß laut belachend, hörte sicher Niemand
Daß unterdessen Junker Kuonrads Mund
Des Schlosses Herrin heimlich flüsternd fragte,
Ob ihre Liebe auch so festen Grund, —
Als sie es eben von der Maid vernommen,
Die zu dem Spielmann einst in Lieb’ erglommen?

Wohl zog’s in dunklen Gluthen da auf Elsbeth’s Wangen,
Doch sah sie klaren Blicks zu ihm empor
Und sprach in mildem Ernste, aber leise,
Daß kaum erlauschen mochte es sein Ohr:
„Ich denke, Herr, es giebt nur Eine Minne
Und treufest wohnt sie tief im Herzen drinne!”

Als hätte sie zu viel gesprochen oder vorschnell,
So hastig stand sie dann vom Tische auf
Und wählte selbst dem Spielmann von den Speisen;
Auch, in der Eil’, die Kanne mit dem Knauf
Von Silber füllte sie mit Wein dem Alten,
Sah nicht, wie Mechtilds Blicke drob sie schalten.

Dann winkte sie dem Sänger freundlich sich zu setzen.
Was der natürlich auch gar gerne that
Und sich behaglich übers Essen machte,
So daß Kunz nicht ein zweites Mal ihn bat.
Bei Tische aber, nun der Ernst gebrochen,
Ward munter wieder hin und her gesprochen.

Nur einer horcht schweigend, und das war Herr Kuonrad,
Dem’s wahrlich doch am Mundwerk nicht gebrach;
Er gab wohl höfliche, doch kurze Antwort,
Wenn Fräulein Adelgunde zu ihm sprach;
Doch, wollte sie in ein Gespräch ihn ziehen,
So suchte, schlau, er solchem zu entfliehen.

Er merkte nicht, wie darob ihm das Fräulein zürnte,
Denn seine Blicke zog’s mit Allgewalt
Zu Elsbeth, die, der Wirthin Pflichten übend,
Ihm dann und wann mit einem Blick vergalt,
Der, mehr als tausend Worte, ihm enthüllte,
Welch holdes Glück ihr junges Dasein füllte.

Sie wußte lange, daß ihr Herz ihm angehöre
Und seines ihr; wenn auch mit keinem Wort
Ihr hold Geheimniß noch die Lippen regte,
Verriethen Blicke doch des Schatzes Hort.
Verschwieg’ne Liebe ist ja doppelt theuer
Und brennt im Herzen wie ein lodernd Feuer. —

Wie schon erzählt, gings wieder heiter zu am Tische;
Bei Scherz und Kurzweil floh die Zeit gar schnell.
Kunz mußte weidlich laufen mit dem Humpen,
Wollt’ er mit Ehr’ bestehn als Schenkgesell;
Auch kam ihm dabei vor, der Herren Kehlen
Woll’ heute jeder Grund und Boden fehlen.

Bald hörte laut man Udo zu dem Spielmann sagen:
„Hei, Alter! Sing’ ein Liedlein von der Jagd;
Kennst sicher eines, das recht lustig klinget
Und frohen Waidgesellen bas behagt.
Bei Sang und Kanne läßt sich traulich sitzen;
Sieh’ nur, wie alle schon die Ohren spitzen!”

Gehorsam griff der Sänger da zum Saitenspiele;
Doch, um zu zeigen, daß er wohl verstand,
Was Höflichkeit vor edeln Damen fordert,
Bat, eh’ er’s rührte mit gewandter Hand,
Er erst des Schlosses Herrin, ihm zu sagen,
Was für ein Lied der Holden thät behagen.

Zartsinnig bat sie da ihn um der Lieder eines,
So einst sein Mägdlein sich ersann und sang.
Mit feuchtem Blick ihr lohnend, griff der Alte
Drauf in die Saiten, daß es hell erklang.
Dann hob er, anfangs leise, an zu singen,
Daß es, wie Kinderstimmen süß mußt’ klingen:

„Am Hage blüht jung Röslein roth;
Deß’ litten Wind und Käfer Noth,
Wollt’s Jeder ha’n zur Fraue;
Es blühn wohl auf der grünen Au
Viel Blümlein, roth und blaue.”

„Zum Röslein heimlich sprach der Wind:
„„Laß’ um Dich werben, liebes Kind,
Ein Herr gehrt Dein zur Fraue.
Es blühn wohl auf der grünen Au
Viel Blümlein, roth und blaue.””

„„Zieh’ weiter!”” rothes Röslein sprach,
„„Verschlossen bleibt Dir mein Gemach,
Solch Buhlen ich nicht traue.
Es blühn wohl auf der grünen Au
Viel Blümlein, roth und blaue.””

„Drauf, gülden schön, ein Käfer kam,
Gab jungem Röslein süßen Nam’,
Als seiner holden Fraue.
Es blühn wohl auf der grünen Au
Viel Blümlein, roth und blaue.”

„Doch Röslein sprach: „„Dich nehm’ ich nicht
Goldkäferlein! Dein Angesicht
Nur hin nach andern schaue.
Es blühn wohl auf der grünen Au
Viel Blümlein, roth und blaue.””

„Als aber kam ein Junker her,
Da wurde Rösleins Herze schwer;
Von selbst ward’s seine Fraue.
Es blühn wohl auf der grünen Au
Viel Blümlein, roth und blaue.”

„Dem Junkherrn gab es Duft und Blüth’,
Doch er war bald des Kosens müd’,
Zog wieder fort in’s Blaue.
Es blühn wohl auf der grünen Au
Viel Blümlein, roth und blaue.”

„Und wißt Ihr, wer der Junkherr war?
Er heißet Lenz, nimmt jedes Jahr
Ein Röslein sich zur Fraue.
Es blühn wohl auf der grünen Au
Viel Blümlein, roth und blaue.”

Wie ein geöffnet Buch, drin wonniglich zu lesen,
Saß Elsbeth da und lauschte still dem Lied;
Der helle Sonnenschein aus ihren Zügen,
Verrieth dem Freund, was sie zu sagen mied,
Daß, gleich dem Röslein, seit er hergekommen,
Auch ihrem Herzen sei die Lieb erglommen.

Was Wunder, daß Herr Kuonrad sich nicht meistern konnte
Und, tief versenkt in Liebeslust und Weh,
Nur Augen hatte für des Hauses Herrin,
So heute ihm noch schöner schien, denn je.
Es brauchte wenig und, in Minne trunken,
Wär’ vor der Holden er auf’s Knie gesunken.

Ein selig Träumen nahm der beiden Herz gefangen,
Bis leis’ der letzte Saitenton verklang;
Doch, als der Spielmann, Udo’s Wunsch willfahrend,
Im nächsten Lied des Waidwerks Lust besang,
Und es erscholl, wie helles Hifthornklingen
Durch grünen Wald, da half auch Elsbeth singen.

Nur schüchtern erst, doch bald mit voller, klarer Stimme,
— Im Schloß war Lied und Weise längst bekannt, —
Sang Elsbeth, daß der Spielmann, hingerissen
Von ihren Tönen, alle Kraft gespannt
In schöner Harmonie, um zu begleiten
Mit seinem Sange und dem Spiel der Saiten.

Es war ein Jubeln, war ein frohes Tirilliren,
Als hörte man der Vöglein hellen Sang
Im blühnden Haine draußen und im Tanne,
Wenn dort das Halali des Waidmanns klang,
Um, fern im Echo, leise zu verhallen,
Und, wieder nah, von neuem zu erschallen. —

Gelt, Mägdlein, wenn die Liebe ’s Köpflein euch verwirret,
Ihr süß Geheimniß, euch allein nur kund,
Das junge Herzlein zum Zerspringen füllet,
Und doch nicht plaudern darf davon der Mund:
Dann quillt in Liedern hell aus Brust und Kehle,
Im Sange jauchzend, was euch hebt die Seele? —

Beim zweiten Verse sangen darauf auch die Herren
Das Liedlein mit in nicht zu lautem Baß;
Wer nur allein noch schwieg, war Adelgunde,
Von bittrer Eifersucht gequält und Haß,
Hielt jedem Laute sie den Mund verschlossen
Und blickte finster vor sich hin, verdrossen.

Je fröhlicher im Saal der Sänger Stimmen klangen,
Um desto heißer fühlte sie die Qual,
Geduldig sehn zu müssen, wie der Blick des Junkers
Sich immer wieder hin zu Elsbeth stahl;
Verschmähter Liebe unheilbare Schmerzen,
Sie nagten heimlich aber tief im Herzen.

Da von den Andern jedoch niemand darum wußte,
Floß jenen gar vergnügt der Abend hin
Bei frohem Sang und trautem Zwiegespräche,
Als ob es nur ein kurzes Stündlein schien,
Das man im Freundeskreise heut’ verbrachte,
Nicht sich die Mitternacht schon nahte sachte. —

Am nächsten Morgen hatte kaum des Wärtels Hornruf
Den Herren dann gemeldet, daß es tagt’,
Als diese, wieder frisch, vom Lager sprangen,
Hinauszureiten mit dem Vogt zur Jagd,
Die heute, weil der Freund es also wollte,
Im Thal, der Wutach zu, sich ziehen sollte.

* * *

Die Herren waren längst zur Jagd davon geritten,
Als Adelgunde sich vom Lager hob.
Sie hatte unruhvoll und schlecht geschlafen,
Weil wirr ein Traum sich in den Schlummer wob,
Aus dem sie, öfters aufgeschreckt, erwachte,
Da schon die Sonne durch die Scheiben lachte.

Voll Aerger drüber, weil den Ausritt sie verschlafen,
Es hatte Adelgunde Zeit und Ruh,
Auf’s neu’ dem Unmuth sich zu überlassen,
Daß gestern nicht der Junker immerzu
Nur ihrer Rede hörte, nicht ihn rührte,
Was, ach, so heiß, im Herzen sie verspürte.

In schlecht verhehltem Mißmuth grüßte sie verdrossen,
Als Elsbeth freundlich in das Zimmer trat,
Und ließ das Frühmahl unberührt erkalten,
Wie viel auch diese es zu kosten bat;
In dunklem Feuer ihre Blicke glühten,
So oft, die Lippen sich zu reden mühten.”

Da, unversehens, that die Arge jedoch freundlich
Und gab mit Lächeln Elsbeths Bitte nach,
Sie etlich Treppen aufwärts zu begleiten,
In’s eig’ne, prunkentblößte Schlafgemach;
Wo vor dem Fenster sich ein Söller baue,
Von welchem man den ganzen Gau erschaue.

„Erlaubt mir Eure Hand, daß ich Euch sorglich führe, — ”
Sprach arglos Elsbeth, als es aufwärts ging
Und Adelgunde zauderte, zu folgen
Im Dunkel, das die Treppe hier umfing, —
„Den nächsten Augenblick schon sind wir oben,
Von Sonnenschein und frischer Luft umwoben!”

Dies sagend, reichte Elsbeth ihrem Gast die Rechte,
An deren Finger sie das Reiflein trug,
So, wie wir wissen, ihr Herr Kuonrad schenkte,
Als er besorgt um ihre Zukunft frug,
Und das, seit jener Stunde, sie getragen,
Ohn’ daß es Jemand einfiel, drob zu fragen.

Nun lag’s, sammt ihren Fingern, in der Hand der Bösen,
Die, als sie’s fühlte, voller Bosheit sacht’
Versuchte, ob es abzustreifen wäre
Und, da dies anging, sich nicht lang bedacht’,
Das Reiflein Elsbeth heimlich weg zu nehmen,
Eh’ oben sie zum Licht des Tages kämen.

Zu gut nur, leider, war der Schlauen dies gelungen,
Wie ja dem bösen Vorsatz stets das Thun,
Nur allzu gern, auf halbem Weg begegnet,
Den Unheilsinnenden nicht lässet ruhn,
Bis er, im Banne finsterer Gewalten,
Sieht seinen Willen sich zur That gestalten.

Mit schadenfroher Miene stieg das Fräulein vollends
Den Rest der Treppen aufwärts, Elsbeth nach,
Und trat, so unbefangen als nur möglich,
In deren sonnighelles Schlafgemach.
Ein trautes Stüblein, nett und rein gehalten,
Gab’s Zeugniß für der Herrin emsig walten.

Ein Tischlein, wie das Bett schneeweiß bezogen, prangte,
Aus Eichenholz gefügt, links an der Wand,
Auf deren Sims, geschmückt mit frischem Eppich,
Die Statue der Muttergottes stand,
Von Künstlerhand in Elfenbein geschnitten,
Ein zierlich Bild, vor Alter gelb wie Quitten.

Noch etlich Stühle mit gestickten Rückenlaken
Und, gleich dem Tischlein, etwas altersschwach,
Nebst ein paar schweren, buntbemalten Truhen,
Besetzten diese Wand der Länge nach,
Indeß die andere das Bettlein säumte,
Drin Nachts die Liebliche in Unschuld träumte.

Drauß’, vor des Stübleins Fensterthüre, lag der Söller,
Ein Mauervorsprung mit nur niedrem Rand,
Fast einem Vogelneste zu vergleichen,
Das, festgeklebt, sich an dem Thurme fand;
Doch allso hoch, daß schier es schwindlig machte,
Wenn man zum ersten Mal den Fuß drauf brachte. —

Vom Sonnenschein umflirrt, der fast die Blicke blendet,
Betrat das Mädchenpaar des Söllers Raum;
Tief unter sich verschneite, weiße Thäler,
Die Wälder rings ein einz’ger Weihnachtsbaum,
Und fern im Süd’, ein Anblick zum Entzücken,
Der Alpen sonnbeglänzte Silberrücken.

Gar manchmal schon war Elsbeth da gestanden, hatte,
Versunken in des schönen Anblicks Pracht,
Und sich der Fernsicht freuend, stundenlange
Hier oben in der Einsamkeit verbracht,
Um, überwältigt von dem hehren Schauen,
An Gottes Werken still sich zu erbauen.

Nun sollte auch der Gast den klaren Tag benutzen.
Und, während Elsbeth ihm die Namen nannt’,
Von all den Bergen, Thälern in der Runde,
So weit ihr jene überhaupt bekannt,
Hier Umschau haltend, froher Laune werden,
Beim Anblick dieses schönen Stückleins Erden.

Doch Adelgunde schien nur wenig sich zu freuen;
Sie maß die Gute bald mit einem Blick
Der, mehr noch als die Worte, so ihm folgten,
Erkennen ließ, wie gram sie dem Geschick
Drob war, weil dies, in leid’ger Lust am Necken,
Vergessen hatte, sie zur Jagd zu wecken.

„Gebt’s auf, mir Namen vorzusagen,” sprach sie mürrisch
„Die doch kein Mensch im Kopf behalten kann,
Als etwan Ihr, der, wie es scheint, das Fremde
Es angethan, und nicht der eigne Bann;
Denn sonsten braucht’ ich Euch ja nicht zu fragen,
Den Wald zu zeigen, drin die Herrn heut’ jagen!”

Da, etwas überrascht, wies Elsbeth mit dem Finger
Hinüber, wo das Heidenschlößchen stand;
Ein römisches Gemäuer, dessen Reste
Im Waldesdickicht einst ein Waidmann fand,
Als, müde wohl, er sich auf’s Moos hinstreckte,
Das grün und weich die Mauertrümmer deckte.

„Dort drüben, nah der Wutach, zieht des Wildbanns Grenze
Sich bis hinunter, wo der Lauffen rauscht;
Die Luft ist still und wenn auch wir es bleiben,
Mag’s gehen, daß Eu’r Ohr den Klang erlauscht
Von ihren Hiften, so, gleich fernem Singen,
Ich mehr denn eimnal bis hierher hört’ klingen!”

„Das glaub’ ich gerne!” rief gereizt die Aufgeregte
In einem Ton, daß Elsbeth, drob erstaunt,
Der Stolzen in die dunklen Augen schaute;
Doch hielt den Gast sie nur für schlecht gelaunt,
Und that deshalb, als wäre ihr entgangen,
Wie hämisch vorhin dessen Worte klangen.

Gelassen hob sie also wieder an zu sprechen,
Und ging’s nicht lange, eh’ es Elsbeth däucht’,
Ihr harmlos Plaudern habe allen Unmuth
Des Fräuleins, wie im Flug, hinweggescheucht.
Sie merkte nicht, wie listig und verschlagen
Die Schlaue forschend stellte Wort und Fragen.

Nach Kurzem, denn die Jugend kann ja nichts verhehlen,
Besonders wenn das Herz sich glücklich weiß,
Gab Elsbeth, überlistet von des Fräuleins Reden,
Der Schmeichelnden ihr süß Geheimniß Preis,
Da tiefes Roth der Holden Wangen deckte,
Als jene bald sie mit Herrn Kuonrad neckte.

Nun gar die Liebliche, auf Adelgundens Frage:
Ob sie den Junker minne und er sie,
Mit silberhellem Lachen, statt zu sprechen,
Dem Glücke ihrer Liebe Ausdruck lieh,
Da ließ, nicht Herrin mehr des Zornes Wallen,
Die Fragerin jedwede Maske fallen.

„Vermeinet Ihr denn wirklich, daß der Herr Euch minnet,”
Klang’s giftig, schneidend aus des Fräuleins Mund,
„Weil wäger Ihr Euch ihm zur Kurzweil bietet,
Wie dies am Vrenentag wohl jedem kund?
Euch — eines Dienstmanns Tochter, die zufrieden,
Wird einst zum Mann ein Grundhold ihr beschieden!”

Die Augen weit geöffnet, stand die Ueberraschte,
Indeß das Blut ihr aus dem Antlitz wich,
Ob solcher Rede keines Wortes mächtig;
Es ballten krampfhaft ihre Hände sich,
Der Höhnenden gebührend zu vergelten,
Sie eines Dienstmanns Tochter frech zu schelten.

Denn was die Arge sonst gesprochen, war der Keuschen
Ja unverständlich; blieb es auch, Gottlob,
Bis jene, unter höhnischem Gelächter,
Des Junkers Reiflein in die Höhe hob
Und mit gedämpfter Stimme Worte nannte,
Daß Elsbeths Antlitz wie in Gluthen brannte.

„Gebt mir das Ringlein her!” bat dringend die Gequälte,
Nach raschem Blick auf ihren Finger hin.
„Gebt mir den Reif zurück! — Ihr könnt nicht wollen,
Daß ich mein Leben lang im Unglück bin!
Ich dank’s Euch noch in meiner letzten Stunde!
Gebt mir das Ringlein! — Bitte, Adelgunde!”

Den Bitten taub, hielt jene aber dies nur fester
Und lachte höhnisch: „Sagt ich mir doch gleich,
Als ich das Reiflein diesen Morgen funden,
Daß solche Fische nicht in Eurem Teich
Zu Hause sind; nun kann ich leicht mir denken,
Von wem Ihr Euch das Kleinod ließet schenken!”

„Denkt, was Ihr wollt!” entgegnete jetzt Elsbeth zürnend,
„Der Ring ist mein und halte ich ihn werth,
Als Angedenken traut gesprochner Worte,
Von denen keines mir das Herz beschwert;
Doch, die ich dennoch Euch mit Fleiß nun hehle,
Seit ich durchschaue — Eure schöne Seele!”

„Schaut lieber erst in Eure!” spottete die Arge,
„Wird wohl beim Sprechen nicht geblieben sein! —
Ha, ha! Was gilt’s, ihr hebet an zu beichten
Die volle Wahrheit? — Wie? Ihr saget Nein? —
Seht dieses Ringlein! — Es fliegt von dem Söller,
Bleibt nur das kleinste Wort Euch unterm Göller!”

In Aengsten um den Ring, erfaßte, statt zu sprechen,
Die Schwergekränkte jetzt des Fräuleins Hand
Und hielt sie fest, bis Adelgund’, weil stärker,
Mit einem Ruck sie tückisch ihr entwand,
Um nun, begleitet von boshaftem Lachen,
Die ausgesprochne Drohung wahr zu machen.

Noch kam sie nicht dazu; denn schier von Sinnen stürzte
Sich Elsbeth jählings auf den bösen Gast,
Das Kleinod, wenn auch durch Gewalt, zu retten.
Ihr starker Arm hielt Adelgund’ umfaßt,
So daß die keuchend rang sich loszuzwingen,
Was jedoch nicht so leichtlich wollt’ gelingen.

In blindem Eifer rangen beide, wortlos kämpfend,
Um den Besitz des Ringleins; Kraft bewußt,
Die jugendschönen Glieder sich umklammernd,
Sprach aus den Blicken grimmen Hasses Lust,
Der Gegnerin, und koste es das Leben,
Mit nichten in dem Kampfe nachzugeben.

Minuten währte schon das heiße, stumme Ringen
Der Mädchen, als es Adelgundens Kraft
Gelang die rechte Hand sich zu befreien,
Aus Elsbeths leider doch zu schwachen Haft.
Und nun, adje, das Ringlein sollte fliegen.
Das Unrecht, wie so oft, zum Scheine siegen.

Da scholl ein geller Schrei zum Himmel, markdurchdringend,
Von beider Stimmen, wie aus einem Mund.
Des Söllers niedrem Rand zu nah gerathen,
Als just zum Wurf ausholte Adelgund’,
War Elsbeth, durch des Stoßes Widerprallen
Zurückgeschleudert, von dem Thurm gefallen.

Das hatte doch die Böse nicht gewollt. Aufschreiend
In banger Angst, durchrannte sie im Nu
Das Stüblein, dann die dunkle Treppe nieder
Des Thurmes Ausgang und der Stelle zu,
Wo, wie ihr graute, da sie Schuld sich wußte,
Vom Sturz zerschmettert Elsbeth liegen mußte.

Doch, wie war sie erstaunt, als hier die Todtgeglaubte,
Gesund und heil an Gliedern, vor ihr stand!
Beschäftigt schnell den Schnee sich abzuschütteln,
Vom faltenreichen, blauen Wollgewand,
Den Hans, wenn er den Zwingolf morgens kehrte,
Am Fuß des Thurms seit etlich Tagen mehrte. —

Der Schneeberg, heute von der Sonne warm beschienen,
Lag locker da, in seiner Masse weich,
Ihm hatte Elsbeth es, nächst Gott, zu danken,
Daß, zwar vor Schrecken gleich dem Tode bleich,
Deß’ Nähe ihr das heiße Blut nun kühlte,
Sie, trotz dem Sturz, sich unbeschädigt fühlte. —

„Um Jesu willen!” keuchte Adelgunde angstvoll,
Ob Elsbeth etwa doch zu Schaden kam,
„Vergebet mir! — Ich will dem Herrgott danken,
Weil er so gnädig Euch in Obhut nahm,
Daß Ihr, nach solchem Fall, Euch dürft erheben
Mit heilen Gliedern ungekürzt am Leben!”

„Gewährt Verzeihung —” bat sie leise, als ihr Elsbeth
Nicht sogleich Antwort gab, „wär’ übler dran
Denn Ihr, hätt’ Euch ein Ungemach betroffen,
Da ich es war, die hob zu streiten an;
In kind’scher Lust Euch mit dem Ringlein neckte,
Nicht ahnend, daß ich Euern Zorn mir weckte.”

In Thränen schaute Elsbeth auf und sagte milde:
„Gott wolle Euch verzeih’n, wie ich dies thu’!
Meint Ihr es aber ernst, so helfet jetzo
Das Ringlein suchen —” fügte noch sie zu
Und wandte dann sich, in dem Schnee zu sehen,
Ob das Verlorne nicht sich ließ erspähen.

Da jedoch reichte, schamgesenkt die feuchten Blicke
Und tief gerührt von Elsbeths Edelmuth,
Ihr Adelgund’ das Kleinod mit den Worten:
„Ist unvonnöthen, daß Ihr suchen thut,
Was, ging’s verloren, selber mich auch schmerzte.
Hier nehmt den Ring! — Verzeihet, daß ich scherzte.”

Nun war ein Strom von Thränen das beredte Zeugniß,
Wie freudig überrascht sich Elsbeth fand,
Als ihr, fast zärtlich, gar noch an den Finger
Das Reiflein steckte Adelgundens Hand.
In langem Kuß sah man die Lippen pressen
Sie auf den Ring, in seligem Vergessen. —

Am Abend, als die Herrn vom Jagen wiederkehrten,
Im Zwingolf laut ihr Waidmannsgruß ertönt’,
War Frieden; denn die beiden Schönen hatten
Sich längst schon miteinander ausgesöhnt,
Wenn gleich es Adelgunden schwer gefallen,
Zu meistern stolzen Herzens heißes Wallen.

Im Kletgau heißt ein Sprüchlein: „Essen und Vergessen!”
Das oft im Leben sich verwenden läßt.
Auch Elsbeth that es, sie vergaß der Thränen,
Die Adelgunde ihrem Herz erpreßt’,
Nicht daran zweifelnd, daß des Junkers Liebe,
Wie heut sein Ringlein, ihr erhalten bliebe.

In solchem Glauben wurde bald sie wieder fröhlich;
Doch, wenn das Zartgefühl es auch verbot,
Ihr glückgeschwelltes Herz dem Gast zu öffnen,
Verriethen nun der Wangen lieblich Roth,
Der Augen Glanz, so strahlten wie zwei Sonnen,
Daß sie es sei, die sich den Sieg gewonnen.

* * *

Mußt nie vom Schicksal das für dich erzwingen wollen,
Was seine Macht zu schenken dir versagt,
Willst nicht du deines Herzens Ruh’ und Friede
Zum Leide wandeln und, vom Sturm gejagt,
Des Steuers ledig, mit gekappten Tauen,
Dein Hoffen, einem Schiff gleich, scheitern schauen. — —

Am Abend ging es wieder fröhlich zu im Palas.
Die Herren zechten und der Spielmann sang,
Von ihnen aufgefordert, heitre Weisen.
Stets sicher, daß er Beifall sich errang,
Besang sein Lied den kühlen Trunk im Kruge,
Den oft er leerte in gar gutem Zuge.

Zur Abwechslung, und auf den Wunsch von Adelgunde,
Die lieber lauschte, statt daß selbst sie sang,
Gab Elsbeth eben jetzt ein Lied zum Besten,
Das voll und süß von ihren Lippen klang;
Doch war’s ein andrer Text und andre Weise,
Als sie der Spielmann sang, dem Wein zum Preise.

Mit angehaltnem Athem lauschten still die Herren,
Indessen vor der Thür, im dunkeln Gang,
Des Hauses Mägde sich versammelt hatten
Und lautlos horchten, wie die Herrin sang,
Um auch, sobald des Liedes Töne schweigen,
In frohem Beifall dankbar sich zu zeigen.

Sie kamen nicht dazu. Denn eh’ das Lied zu Ende,
Stob, gleich dem Hühnervolk, bedroht vom Weih’,
Die Schaar der Mägde furchtsam auseinander
Und gaben Gang und Thüre plötzlich frei;
Ein Fackellicht warf auf die Mauersteine
Im Näherkommen ungewisse Scheine.

Gleich nachher machten auch die drinnen große Augen
Und brach Elsbeth das Singen jählings ab.
Den Leuchtspahn in der Faust, stand an der Thüre
Der Wirth von Bechtersbohl, genannt der Schwab,
Dem Zweie folgten, die er mußt’ begleiten,
Wie wohl’s ihm wenig Freud’ schien zu bereiten.

Als erster trat der Kaplan ein, so schon seit gestern
Im Thale war, wo er sein Amt erfüllt’.
Sie kannten ihn, trotz dem beschneiten Mantel,
In den er, frierend wohl, sich eingehüllt;
Er säumte nicht den fremden Gast zu nennen,
Den Niemand auf dem Schlosse mochte kennen.

Zu spät, denn eben ließ der Fremde sich vernehmen,
In tiefem Basse er zum Vogte sprach:
„Der Bischof läßt Euch gnädig Gruß entbieten,
Durch seinen Dienstmann, Franz von Edlibach,
Dem Ihr, so hoff’ ich, werdet drob verzeihen,
Daß noch so spät er Euch in’s Haus mußt’ schneien.

Voll Achtung hatte sich der Vogt da flink erhoben,
Wie es dem Dienstmann solches Herrn gebührt,
Und nun empfing er aus des Boten Händen
Ein Ledertäschlein, vielfach eng umschnürt,
Deß’ Siegel Krummstab und die Inful zeigte,
Bei welchem Anblick sich Herr Heinz verneigte.

Doch, eh’ er’s öffnete, bat er den Ueberbringer,
Den Mantel abzulegen und die Wehr’
Und mitzuhalten an der Tafelrunde:
„’s wär mir und hier den Freunden große Ehr’!”
Das ließ sich Edlibach nicht zweimal sagen,
Saß bald am Tisch und ruhte mit Behagen.

Bedächtig löste nun der Vogt die Schnur am Täschlein,
Indessen Elsbeth für den späten Gast
Des Saales rauchgebeiztem Eichenbuffert
Ein Glas entnahm, das ring zwei Krüglein faßt’,
In dem der Wein, wie blinkend Gold geschwommen
Als sie’s, credenzend, hieß den Herrn willkommen.

Die andern saßen derweil schweigend an der Tafel
Und sahn dem Vogte zu, dem’s endlich glückt’,
Des Täschleins Inhalt an das Licht zu bringen:
Zwei Schreiben, die das gleiche Siegel schmückt’,
Mit einer Aufschrift, deren Schnörkelzüge
Der Vogt von lange kannte zur Genüge.

So sah er denn auch bald, daß eines nur der Schreiben
An ihn gerichtet sei; das andre trug,
Vom Bischof eigenhändig aufgeschrieben,
In schöner Schrift Herrn Kuonrads Namenszug;
Dies übergab der Vogt dem Hausgenossen,
Noch ehe er das eigene erschlossen.

Als ob dem Junker bang, das Schreiben gleich zu öffnen,
Lag’s eine Weile schon in seiner Hand,
Eh’ er begann das Siegel zu erbrechen
Und flüchtig forschte, was zu lesen stand.
Nach kurzem Blick drauf aber ließ er’s sinken
Und griff zum Glas, doch nicht um draus zu trinken.

Er rieb die Augen sich, fing wieder an zu lesen;
Da ward ihm heiß und däuchte es ihn schier,
Als ob die Schnörkel um ein Wort sich drehten
In wirrem Tanze auf des Briefs Papier.
Dies eine Wort — will ihn die Hölle narren?
Es bannt’ den Blick ihm, macht sein Herz erstarren!

Gleich einem, der sich schon dem Tode eigen glaubte,
Saß stumm Herr Kuonrad da, den scheuen Blick
Mechanisch auf des Oheims Schreiben heftend,
Drin schwarz auf weiß zu lesen sein Geschick
Nun war, wie besser er’s nicht wünschen konnte,
Eh’ sich sein Herz in Elsbeths Blicken sonnte.

Das lastete jetzt bergeschwer auf seiner Seele
Und machte öde, rathlos ihm das Hirn,
Indeß sein Blut, in heißen Wellen kochend,
Mit dunklem Rothe färbte Wang’ und Stirn.
Der Brief erzitterte in seinen Händen;
O, Fluch dem Schicksal, solch ein Glück zu spenden!

Was er sich einst ersehnte, nun war’s ihm geworden,
Es lacht’ das Glück ihn an! Doch tief verzagt
Und, ach, im Innern nichts als schmerzlich Ringen,
So sah er in Verzweiflung sich gejagt.
Wußt’ nicht, soll er entsagen, unterliegen,
Mit Mannesfestigkeit den Gram besiegen?

Wie selten doch gelingt es uns einmal im Leben,
Daß das, was Jahre lang wir heiß erstrebt,
Uns wirklich Segen bringt, wenn es errungen;
Was einst als höchstes Ziel uns vorgeschwebt,
So Manchen trieb, das Aeußerste zu wagen,
Wie oft bracht’s Kummer nur, und bitter Klagen!

Noch war Herr Kuonrad unentschlossen, als auf einmal
Ein silbern Lachen tönte durch’s Gemach,
So lieb und traut, wie es nur Eine konnte,
Das aber doch ihm nun das Herze brach,
Sah, er, wie sie, des gleichen Schicksals Beute,
sich ahnungslos des Augenblickes freute.

Nicht unfern ihm saß Udo, leis mit Elsbeth plaudernd.
Herr Kuonrad sah der Holden süßen Mund
In Unschuld lächeln, Grüblein in den Wangen,
Von denen er geträumt so manche Stund’,
Daß anmuthvoll die gleich zwei Röslein blühten,
Und nun riß es ihn auf aus seinem Brüten.

Im selben Augenblick hob sich der Vogt vom Stuhle
Und, immer noch das Schreiben in der Hand,
Sprach freundlich er und allen wohl vernehmbar,
Den klaren Blick zum Freunde hingewandt:
„Ihr reiset morgen, läßt der Bischof wissen;
Uns thut es leid, Euch gar so bald zu missen!”

Dies hörend, kam dem Junker blitzschnell der Gedanke:
„Der Freund hier ist’s, der auch schon alles weiß;
Ganz sicher hat der Oheim ihm berichtet!”
Es überlief ihn dabei kalt und heiß,
So daß er schweigend in sein Schreiben starrte,
Indeß Herr Heinz von ihm der Antwort harrte.

Ein kurzes Ringen noch, doch qualvoll, schmerzensbitter;
Herr Kuonrad sah, es blieb mehr keine Wahl,
Als ungesäumt sich muthig zu entscheiden
Und — schnell entschlossen, kürzte er die Qual,
Bedachte nicht, ob auch das Herz gewinne,
Wenn er sich Reichthum wählt, statt treuer Minne.

Ein kurzes Lächeln heuchelnd, stand er auf am Tische
Und sprach, zum Vogte hingewendet, laut,
Doch ohne aufzublicken: „Es ist billig,
Daß frohe Botschaft man dem Freund vertraut:
Vernehmet denn, so Euch es mag belieben,
Was mir des Oheims güt’ge Hand geschrieben....”

Er las: „Wohledler und viellieber Herr und Neffe!
Zu wissen sei Euch und in Treuen kund,
Daß mir gelang, den König zu versöhnen,
So daß er nicht mehr grollt zu dieser Stund’;
Erachte auch, wollt’ es nicht ungut nehmen,
Habt nunmehr bas gelernt, die Zunge zähmen!”

„Wenn dem so ist, so möget Ihr denn wiederkehren
Und nützen Eures Herrn und Königs Gunst;
Nicht immer leuchtet ja des Glückes Sonne
Und hoher Herren Gnad’ ist öfter Dunst,
Den, wenn wir uns am wenigsten versehen,
Ein leichter Windzug läßt in Nichts verwehen.”

„Und item, kann ich Eurem Herzen noch vermelden,” —
Hier freilich stotterte Herr Kuonrad stark
Und ward bei jedem Worte ihm zu Muthe,
Als schneide er sich in das eigne Mark, —
„Daß Euer Bäslein, wie mich dünket, trauert,
Weil Eure Absenz gar so lange dauert.”

„Ihr Jawort hab’ ich, für das Weit’re wollet sorgen.
Sitzt nun am Rocken, dreht Euch selbst den Zwirn;
Doch traun, des Königs schmucke Ritterleute
Verwirren etwan gern ein Frau’ngehirn;
Auch ließ das Bräutlein nicht ganz leicht sich werben
Und Euer Zögern könnte viel verderben.”

„So reitet denn mit Gott in nächsten Tages Frühe,
Daß ja Ihr ehstens wieder um uns weilt.
Mit Gruß, Eu’r Oheim Otto, episcopus. —”
Herr Kuonrad schwieg; er hatte sich beeilt,
Den herben Trank in raschem Zug zu leeren,
Statt männlich seines Schicksals sich zu wehren.

Des Freundes Glück sich freuend, griff der Vogt zum Kruge
Und bracht’ ein Wohl aus auf des Junkers Braut.
Hell klangen Krug und Gläslein an einander,
Als jählings ward ein kurzes Klirren laut:
In kleine Scherben lag das Glas zersprungen,
So eben noch in Elsbeths Hand erklungen. —

Die Arme hatte ahnungslos gelauscht dem Freunde,
Bis von der Braut im Brief die Rede war,
Da wollten plötzlich ihr die Sinne schwinden,
Es trübte sich das schöne Augenpaar,
Und die noch erst so fröhlich konnte scherzen,
Sie saß nun schmerzgequält, die Hand am Herzen.

Indessen bald entschlossen all’ ihr Leid zu hehlen,
Am ersten dem, der trug die Schuld darob,
Stand sie auch auf und griff nach ihrem Gläslein,
Da alles sich zum Wohl der Braut erhob,
Das Heilo! freilich klang aus blassem Munde
Noch minder laut, als das von Adelgunde.

„Ihr freut Euch wäger?” hörte Elsbeth diese fragen,
Als just ihr Heilo sie gar zaghaft sprach,
Da ließ die weiße Hand das Gläslein fallen,
Daß klirrend es in hundert Stücke brach. —
Zum Schmerz noch Spott, wer dieses je empfunden
Und schweigend trug, hat Schweres überwunden.

Mit aller Kraft das wehe Herz bemeisternd, säumte
Die Gute nicht, zu thun, was ihre Pflicht,
Hielt tapfer aus am Tische, freundlich sorgend,
Daß es an Speis’ und Trank gebreche nicht;
Bis Adelgunde spät zur Ruh’ begehrte,
Weil nun der Abend ihr zu lange währte.

Den Schwänken lauschend, die der Vogt so gut erzählte,
Fiel Niemand auf, daß bald das Mädchenpaar,
Nach stillem Grüßen, sich zu Gehen wandte,
Obschon es damals just nicht Sitte war,
Daß, wenn die Herrn ins rechte Zechen kamen,
Die Damen darum ihren Rückzug nahmen. —

„Schickt mir den Fahrenden nach Wasserstelz hinüber,”
Sprach Adelgund’ auf Elsbeths „gute Nacht!”
„Er soll uns singen und zum Tanze spielen,
Bis früh das Taglicht durch die Scheiben lacht.
Was wär’ das Leben, gäb’s nicht hin und wieder,
Sich zu vergessen, Saitenklang und Lieder!”

Die Worte klangen herb und schneidend, wie das Lachen,
So ihnen folgte, nun die Thür sich schloß;
Doch als sie dann allein, rang mancher Seufzer
Aus Fräulein Adelgundens Brust sich los,
Es wachte lang die Stolze in Gedanken,
Eh’, schlafbezwungen, ihr die Lider sanken. —

Von Elsbeths Augen aber blieb der Schlummer ferne.
Ein schneidend Weh im Herzen hielt sie wach,
Seit, länger nicht mehr Herrin ihres Schmerzes,
Sie müden Schritts betrat das Schlafgemach,
Und dort, ein rührend Bild! von Gram umfangen
Zusammenbrach mit überthränten Wangen. —

Wer Frauenschönheit nicht in Augenblicken schaute,
Wo, leiddurchschüttert, fast das Herz ihr brach,
Der marmorgleichen Züge stummes Wehe
Aus müdgeweinten Augen schmerzvoll sprach,
Und doch verklärt von überird’schem Schimmer:
Gewiß, der sah die höchste Schönheit nimmer.

Vor Kurzem noch in einem Paradiese weilend,
Von Glück umstrahlt in süßer Minnelust,
Die unverhohlen ihr im Busen glühte,
Trug Elsbeth einen Himmel in der Brust,
Der, lichtumflossen, ihre Jugend schmückte,
Mit reicher Seligkeit sie hoch beglückte.

Auf heitern Auen schien es ihr ein wonnig Wandeln
In Blüthenduft und frischer Lenzespracht.
O, schöne Stunden, wo des Menschen Seele
Ein einz’ger Blick noch wunschlos glücklich macht,
Erwachter Liebe unschuldvolles Träumen
Gleich goldnem Morgenroth das Sein umsäumen! —

Und nun war all’ dies aus, in schwarze Nacht versunken,
Vernichtet ihres Herzens schöner Traum,
Vom Sturm geknickt die duft’ge Frühlingsblüthe
So furchtbar jäh — die Arme faßt es kaum.
Sie rang in tiefem Weh die zarten Hände
und schluchzte auf, doch hörten’s nur die Wände. —

Des Herzens erste Liebe gleicht gar oft der Blume,
Die uns am ersten Frühlingstage grüßt,
Ihr früh Erwachen aber — kommt ein Spätfrost —
Dann unversehens mit dem Tode büßt,
Als Opfer der paar warmen Sonnenstrahlen,
So allzufrüh sich ihr in’s Herzlein stahlen. —

In bangem Wachen lehnte Elsbeth schmerzversunken
Am Bett und starrte trostlos vor sich hin,
Indessen durch die grünen Butzenscheiben
Der volle Mond ihr fahl in’s Antlitz schien,
Des Stübleins kalte Fliesen matt beleuchtet,
Die sie mit ihrem Thränennaß befeuchtet. — —

Im Palas waren sie noch lange wach geblieben.
Es saß der Spielmann dort am Eichentisch,
Die Herrn mit Schwänken oder Sang vergnügend,
Dazwischen seine Kehle, allzeit frisch,
Dem Kruge zusprach, wie in jungen Tagen,
Je länger ’s ging, mit desto mehr Behagen.

Herr Kuonrad war’s allein, der nicht recht froh drein schaute,
Zum Lachen zwang sich, wenn der Vogt ihn neckt’
Mit witz’gem Worte oder muntrem Sprüchlein,
In welchem, harmlos zwar, die Mahnung steckt’,
So lang als möglich fröhlich noch zu zechen,
Da Eh’- und Wehstand oft das Krüglein brechen.

Er trank denn freilich auch am tapfersten von allen,
Doch däucht’ ihn schal und wässerig der Wein;
Denn statt, gleich jenen, Frohsinn sich zu trinken,
Ging ihm wie Gift ein jeder Tropfen ein.
Auch schien es ihn nicht fröhlich anzumuthen,
Daß öfters Benno’s Blicke auf ihm ruhten.

So war es ihm gar lieb, als bald der Vogt fürsorglich
An Morgen denkend, nun den Vorschlag that:
„Wir wöllen heut’ uns schon Behüet Gott! sagen,
Daß in der Fruh, beim ersten Hahnenkraht,
Die Herren ungehindert reiten können,
Indeß wir andern uns noch Ruh’ vergönnen!”

Herr Kuonrad stimmte gerne bei und bat nun höflich
Den Dank zu nehmen für die Gastfreundschaft,
Die ihm der Vogt so überreich gewährte,
Daß schier vergessen drob er seiner Haft;
Auch — Elsbeth besten Dank und Gruß zu sagen,
Kam ihm der Muth, dem Freund noch aufzutragen.

Als endlich dann die Herrn genug getafelt hatten,
War es des Bischofs Bote Edlibach,
Von dem ein Stammbuch uns noch jetzt berichtet:
Er habe „ordlich schön verricht sein Sach,
Und ehrlich den Willkummen also trunken,
Daß, statt in’s Bett, daneben er gesunken.”