Sechstes Kapitel.
In einem Zirkel von vergnügten Menschen weilen,
Mit ihnen holder Eintracht sich bewußt
Und freudig ihrem heitern Treiben lauschend,
Sein Theil zu haben an erlaubter Lust;
Wie schwinden jedem, welcher dies gefunden,
Gar eilig hin die viel zu kurzen Stunden!
So manches Tränklein aus des Apothekers Küche,
Blieb unverschrieben ewig deinem Mund,
Verweiltest öfters du bei frohen Menschen
Und lachtest dich mit ihnen recht gesund;
Denn wo in Freude hell die Augen glänzen,
Muß sich das Herz, muß sich die Seele lenzen.
Und kommt es einmal, daß du jene traurig schautest,
Mit denen du dich sonst so gern vergnügt,
Bedenke: schweres Leid vergeht am schnellsten,
Wenn andrer Mitgefühl sich dazu fügt.
Versäume nie, mit Frohen dich zu einen,
Doch hab’ auch Thränen, siehst das Leid du weinen. — —
* * *
In leicht Gewand gehüllt, und in der Hand die Laute,
Trat, grüßend, bald der Spielmann in’s Gemach. —
„He, Vöglein federleicht! woher des Weges?
Welch Lüftlein blies Dich unter unser Dach?...”
Rief, ihm zum Gruße, laut Herr Heinz entgegen,
Doch war der Fremde darob nicht verlegen.
Ein kleiner Schalk nur blitzte aus den grauen Augen,
Nun er, sich neigend, zu dem Vogte sprach:
„Weiß nicht, in welchem Busch mein Nest gewesen,
Ich fragte auch nie sonderlich darnach.
Daß ich zur Welt kam, müßt Ihr mir verzeihen,
Kann ich auch nicht die Alten benedeien!”
„So es den Herrn gefällig, mag ich wohl erzählen,
Von wo ich komm’, doch nicht, wohin ich will;
Da könnt’ der Wind Euch besser Antwort geben!”
Und nun der Spielmann sah, daß alles still
Bis auf den Vogt, der, ihn ermunternd, nickte,
Er zum Erzählen drauf sich schnell anschickte. —
„Zum Nest hinaus geworfen, als ich kaum konnt’ flattern,
Sucht’ ich die Atzung auf gar manche Art.
Wie andern Vöglein hat auch mir der Himmel
In seiner Weisheit ’s Hungern nicht erspart,
Und mühsam erst ging es von Ast zu Aste,
Wie es dem armen Piepmatz grade paßte.”
„Doch, als die Flügelein mir mälig kräftig wurden,
That ich in’s Land hinaus den ersten Flug;
Auf schwankem Zweiglein hab’ ich oft gesessen,
Mich nachher wundernd, wie nur dies mich trug.
Am Tag ging’s lustig fort von Baum zu Baume,
Des Abends wiegt ich mich in heitrem Traume.”
„Beim ersten Morgengraun stieg ich in’s Blau der Lüfte,
Es grüßte froh die Sonne mein Gesang.
Das Leben ist doch schön! pfiff ich mit andern,
Auf Treu und Glauben, ganze Tage lang.
Da nahm ein jähes End’ das Jubilirens,
Der Winter kam, jung Vöglein mußte frieren.”
„Von ungefähr kam ich zu einer Klosterpforten,
Und lud mich da für Winter lang zu Gast.
Gern hießen mich die frommen Herrn willkommen,
Da mein Diskant zu ihrem Chore paßt’;
Wo es an hellen Stimmen schien zu fehlen,
So viel auch feucht sie hielten Mund und Kehlen.”
„Sie gingen denn auch wacker dran, mir einzuüben,
Was ihnen däuchte Noth zur Singekunst;
Ich aber lernte gern und ließ mich meistern,
Empfänglich für der Lehrer Wort und Gunst.
Bald klang, wie Nachtigallensang im Rohre,
Mein Stimmlein täglich mit im Orgelchore.”
„Da, als die Lüfte wieder lind und milde wehten,
Vom Hang in tausend Bächlein schmolz der Schnee,
Die ersten Knospen aus den Stauden brachen,
Ward mir im Herzen, ich weiß nicht, wie weh.
Des Klosters Futter wollt’ nicht mehr behagen,
Zwar hatt’ ich Ursach’ nicht, mich zu beklagen.”
„Doch eine Sehnsucht, übermächtig, unbesieglich,
Riß mich dahin; ich konnt’ der Wolken Zug
Ob meinen Häupten stundenlang betrachten
Und sie beneiden um den freien Flug,
Mit welchem sie am blauen Himmelsbogen,
Gleich stolzen Schiffen, in die Ferne zogen.”
„Noch hielt ich tapfer aus, bis am Sankt Seppentage,
Der heil’ge Joseph ist mein Schutzpatron,
Mein Sehnen ich nicht länger mochte zwingen
Und heimlich aus dem Käfig flog davon.
Im Freien konnt’ ich nun die Glieder dehnen,
Doch stillte das mir nicht des Herzens Sehnen.”
„Willkomm! Willkomm! rief es aus jedem Busch entgegen.
Willkommen! Sag’, wo bliebst Du denn so lang?
So scholl es fröhlich aus viel hundert Kehlen
Und jubelnd stimmt’ ich ein in ihren Sang;
Der Dompfaff sang die Mess’ am Morgen frühe,
Der Chor ertönte hell von Bühl und Flühe.”
„In voller Lenzespracht stand ringsum Wald und Anger,
Die Bächlein murmelten, es blitzt’ der See;
Ein jeder Strauch trug schön ein Festgewändlein,
Aus zartgewebtem, duft’gem Blüthenschnee,
Und lustig Lebens gab’s auf allen Zweigen!
Dem Bürschlein hing der Himmel voller Geigen.”
Land auf, Land ab, durch grüne Thäler, über Höhen
Trug mich der Füße unermüdlich Paar;
Allüberall empfing mich lauter Jubel
Von der Gesellen leicht besohlter Schaar.
Vergessen war das Hungern, war das Frieren,
Ob eitel Kurzweil, Scherz und musiciren.”
„Das Leben ist so schön! ward wieder flott gepfiffen,
Ich lud mich froh bei Fröhlichen zu Gast;
Doch wenn ich müde Abends kam zum Lager,
Hielt neue Sehnsucht mir das Herz erfaßt;
Schlief dann ich ein, sah ich, in süßen Träumen,
Ein traulich Hüttlein zwischen Blüthenbäumen.”
„Am Morgen aber wurde wieder frisch gesungen,
Und ging dies so durch manche Woche hin;
Ein hübsch Gewändlein war mir eigen worden,
Auf das ich lange stolz gewesen bin,
Als ich, es war an einem Sonntag eben,
Der tiefen Sehnsucht Deutung sollt’ erleben.”
„Mit viel Gesellen hatt’ auch ich den Zug genommen
Durch’s Baierland in’s schöne Oesterreich.
Der Atzung gab’s genug auf solcher Reise
Und wo wir ruhten, blieb uns herzlich gleich;
Ob wir Land auf, Land ab den Weg genommen,
Man hieß uns überall gleich froh Willkommen!”
„Da kamen wir, noch früh am Tage, in ein Städtlein,
Wo man uns Herberg wies im „güldnen Kranz;”
Der Zeche halber sang ich ein paar Weisen,
Drauf fiedelten die andern einen Tanz,
Und, eh’ wir uns recht umsahn, war die Stuben
Euch dicht gedrängt voll Mädel und voll Buben.”
„Nun gab es lustig Streiten bei dem jungen Volke,
Die einen wollten Sang, die andern Tanz;
Ein hell Gesichtlein drängte sich mir nahe,
Ich sehe noch der Sammetaugen Glanz, —
Und bat mich mit kirschrothem Mündlein leise,
Ihm doch zu singen eine schöne Weise.”
„Gar gern gefällig, hieß ich da die andern schweigen
Und sang ein Lied, wie ich noch keines sang;
Vom Herzen lösten sich die Melodeien,
Gleich Perlen klar, in hellem, frischem Klang,
Denn meiner Sehnsucht Stern war aufgegangen;
Zwei Thränlein blinkten auf des Mägdleins Wangen.”
„Die Thränen mußt du trocknen! sprach ich zu mir selber
Und änderte die Weise und das Lied;
In süßen Tönen fing ich an zu locken,
Wie es die Vöglein draußen thun im Ried,
Den Blick konnt’ ich dabei nicht von ihr wenden,
Da ihre dunklen Augen schier mich blenden.”
„Und sieh! Kaum war ich mit dem letzten Lied zu Ende,
War auch der Zähren letzte Spur davon;
Ein helles Roth zog auf die zarten Wangen,
Gleich Rosen, aufgeblüht zu meinem Lohn.
Des Mägdleins Beifall wollt’ ich mir erringen
Und hätt’ ich müssen Tag und Nacht durch singen.”
„Es galten denn auch ihm nur meine schönsten Weisen;
Gar wenig scheerte mich der andern Lob.
Ein süß Verlangen ließ mein Herz erbeben,
So oft den schönen Blick sie zu mir hob,
Und ehe noch mein letztes Lied verklungen,
Hatt’ ich mich tief der Maid in’s Herz gesungen.”
„Wie nun die Fiedler einen muntern Hopser spielten
Und sich die andern drehn in frohem Muth,
Naht schüchtern mir die Holde sich bedankend,
Ihr lieblich Antlitz deckte tiefe Gluth;
Mir aber ward ganz wunderbar zu Sinne,
Das stille Sehnen hieß auf einmal Minne.”
„Der Geigen hell Erklingen zog auch uns zum Tanze,
Die Feine wiegte sich in meinem Arm;
Vor Freuden jauchzend schwang ich mich im Reigen,
Ihr Köpfchen lag an meinem Herzen warm.
Was mir die tiefen, dunkeln Blicke sagen,
Errathen hab’ ich’s, ohne viel zu fragen!”
„Da ward es mälig spät, die Fiedeln mußten schweigen,
Und Alt und Jung zog in die Nacht hinaus.
Ich folgte heimlich mit der Maid am Arme,
Durch Gassen kreuz und quer zu ihrem Haus;
Was wir uns sagten, möget selbst Ihr denken
Und darum diesen Theil mir gnädig schenken!”
„Das Paternoster, freilich, wurde nicht gesprochen!
Als spät und doch zu früh das Scheiden kam,
Hing sie in heißem Kuß an meinen Lippen
Und war in Thränen, da sie Abschied nahm;
Dann huschte sie in’s Haus, durch einen Garten.
Ich wußt’ nicht, sollt’ ich gehen oder warten.”
„Doch ging es eine Weile, eh’ ich mich konnt’ trennen
Vom Ort, der Zeuge war von meinem Glück.
Ein nahend Wetter hieß mich endlich gehen,
Und langsam suchte ich den Weg zurück,
Verfehlte aber bald die rechte Gasse;
Denn es war dunkel, wie in einem Fasse.”
„Voll Zuversicht, die Gasse wieder aufzufinden,
So mich zurück zur Herberg führen thät,
Schritt ich die Häuserreihen still vorüber,
Um nicht zu wecken, denn es schien mir spät;
War aber in dem Dunkel nichts zu wollen!
Nur ferne Blitze und des Donners Rollen.”
„Ein halbes Stündlein vielleicht war drob hingegangen,
Da brach das Wetter los mit aller Macht;
Ich suchte schirmend Obdach zu erspähen,
So oft ein Blitz durchbrach die schwarze Nacht,
Und endlich sah ich, unfern mir, zur Linken,
Ein Heil’genbild in einer Nischen winken.”
„In solchem Schirmen durfte ich mich sicher wähnen,
War doch die Nische selbst noch unter Dach;
Gelassen sucht’ ich ein behaglich Plätzchen
Und sann zufrieden meinem Glücke nach,
Derweil die Blitze grell den Himmel sengten
Und schwere Wolken überm Städtlein drängten.”
„Bald träumte ich gar süß von einem sel’gen Leben,
Das mir die Zukunft wies in goldnem Schein.
Mein fahrend Dasein hatt’ ich aufgegeben,
Sah hier am Orte schon ein Nestlein mein;
In welchem thät als Hausfrau lieblich walten,
Das Mägdlein, so ich heut’ im Arm gehalten.”
„Doch, während so ich träumte, ward das Wetter böser,
Die Fenster klirrten, da und dort ward’s hell,
Auch eine Wetterglocke hört’ ich läuten;
Die Donnerschläge folgten sich gar schnell.
Mich aber kümmerte kein Blitzezucken,
Durft’ unter gutem Schirme mich ja ducken!”
„Da schoß mit einem Mal ein Meer von gelben Flammen.
Herunter auf des Städtleins Giebelreihn,
Von unheimlichem Knattern arg begleitet;
Draus lohte hoch ein rother Feuerschein,
Dem lautes Schreien folgte, so mir kündet,
Daß in der Stadt des Wetters Strahl gezündet!”
„Bald wogte lautes Treiben durch die finstern Gassen,
Man konnte kaum sein eigen Wort verstehn;
Die einen schleppten Leitern, andre Eimer,
Mit denen sie in Hast zum Brunnen gehn,
Indeß am Himmel eine Feuergarbe
Auf Meilen leuchtete in rother Farbe.”
„Jetzt lockt’ auch mich der Böse aus dem sichern Winkel!
Ich ließ den guten Heiligen im Stich
Und trabte, gleich des Städtleins bestem Burger,
Zur Löscharbeit fast außer Athem mich;
War freilich unnütz, daß ich also rannte,
Da ich den Pelz dabei mir arg verbrannte!” —
„„Thu’ einen Schluck, Gesell, und dann bericht’ uns weiter,””
Sprach zum Erzähler hier der Wasserstelz.
Der Spielmann nahm den Krug, von Kunz geboten,
Und leerte ihn, mit einem „Gott vergelts!”
Zum Staunen Aller fast in einem Zuge,
Als ob nur etlich Tröpflein in dem Kruge.
„Am Aermel sich die nassen Lippen trocken wischend,
Fuhr drauf er fort: „So flog ich denn dahin,
Nicht achtend auf das Wirrsal in den Gassen,
Daß fast der Erste ich beim Feuer bin.
Hoch schwang ich einen Eimer in den Händen,
Die Flamme leckte schon an allen Wänden.”
Da, wie ich helfen will, dem Element zu wehren,
Packt meinen Nacken eine grobe Faust
Und hör’ ich schreien: „Heda, greift den Strolchen!”
Indeß ein Schlag auf mich herunter saust,
Der mich, so lang ich bin, zu Boden streckte,
Daß mir das Feuer aus den Augen leckte.”
„Der Fahrende ist an dem Brande schuldig!” hörte
Ich rufen, dann ging mir der Athem aus;
Ein schwerer Fußtritt raubte die Besinnung,
Die erst mir wieder ward im Büttelhaus.
Und nun, hochedle Herren, kam ein Leben,
Wie’s schlechter nicht dem ärmsten Hund gegeben!”
„Schon andern Tages stand ich vor des Städtleins Richter,
Der flissentlichen Brandstiftung verklagt;
Daß ich zur Nachtzeit nicht im Nest gewesen,
Ward ihm vom Herbergsvater eh’ gesagt.
Dir winkt das Dreibein, dacht’ ich, bist verloren,
Vom Schicksal als ein Opfer auserkoren!”
„Doch nahm ich mich zusammen und beschrieb dem Richter
Gewissenhaft, wie sich zum Brandplatz kam.
Daß ich im Dunkel abends mich verirrte,
Vorm Wetter dann beim Bildstock Deckung nahm,
Und auch der Heil’ge mich beschirmet hätte,
Lief nicht, zu helfen, ich zur Unglücksstätte.”
„Nur von dem Mägdlein und dem Gang mit ihr nach Hause
Mocht’ nicht ich sprechen, sonst war alles wahr.
Der Richter jedoch nannt’ es eitel Lügen,
Von weitem schon jedweder Wahrheit bar;
Wie ich auch schwur, es wollte nichts verschlagen,
Er ließ mich mit der Folter peinlich fragen.”
„So ward ich denn den Wasenknechten überwiesen,
Die bas sich freuten auf den Zeitvertreib,
Des fremden Vogels Federlein zu rupfen
Und ihn zu rösten bei lebend’gem Leib.
Mit Zittern trat ich in die Marterkammer,
Die bald auch wiederscholl, von meinem Jammer.”
„Ein jeder Tag schier brachte neue Qual und Schmerzen.
Die Teufel steigerten mir Grad für Grad
Die Marter, ach, ein zehenfaches Sterben!
Und grinsten höhnisch: „Bist noch gut für’s Rad!”
Als sie mich mit den heißen Zangen kniffen,
Daß zischend tief in’s Fleisch die Eisen griffen.”
„Doch, trotzdem sie die Qualen täglich fast erneuten,
Ich blieb dabei und sprach kein weiter Wort,
Als was dem Richter gleich schon ich bekannte,
Und was ich wiederholte fort und fort:
Daß ich die Herberg bloß deshalb verlassen,
Um Luft zu schöpfen in des Städtleins Gassen.”
„Lag dann ich wieder einsam auf dem Stroh des Kerkers,
Wo ich vor Schmerz zur Nacht mich schlaflos wand,
Kam wohl mir in den Sinn, es möchte nützen,
Würd’ etwas lockern ich der Zungen Band
Und frei bekennen, um des Mägdleins Willen
Sei spät der Herberg ich entschlüpft im Stillen.”
„Doch lieber hätt’ ich mir die Zunge abgebissen,
Eh’ ich die Holde meinethalb verrieth.
Ich schwieg also und ließ mich weiter martern,
Stumm wie ein Wild, das keinen Ausweg sieht.
Bist hin! dacht’ ich, und hast nur zu errathen,
Ob sie dich hängen werden oder braten!”
„Als sie jetzt sahen, daß ich Nichts verlauten lasse,
Da hielten sie mit Foltern endlich ein
Und gaben etwas Ruh’ dem armen Körper,
Sich zu erholen von der schweren Pein;
Auch, daß ich mich dem Rathe zeigen konnte,
Wenn der sein Urtel mir zu staben gonnte.”
„Zum Sterben elend, saß ich nun in meinem Loche
Und sann, auf feuchtem Lager, für mich hin,
Voll Sehnsucht auf mein letztes Stündlein harrend:
Ach, wenn ich nur des Leidens ledig bin,
Das mir mein traurig Dasein aufgebunden
So bleibt es gleich, was für ein End ich funden...!”
„Doch während solchem Harren heilten meine Wunden;
Dem Schlaf, so lang entbehrt, sank ich in Arm;
Ich schwang mich, träumend, mit der Maid im Reigen,
Ihr rothes Mündlein küßte mich so warm.
In trautem Plaudern kos’ten wir zusammen,
Bis ringsum stand die ganze Welt in Flammen!”
„Der Kette Klirren aber störte meinen Schlummer
Und ich besann mich, daß nur Traum und Schaum,
Was statt des Mägdleins mich jetzt oft umkos’te.
Entsetzen packte mich im Kerkerraum;
Ich rang mir wund die kaum geheilten Hände
Und flehte stöhnend um ein schnelles Ende.”
„Solch ein Erwachen war viel tausendfaches Leiden,
Verglichen mit der Folter argem Schmerz,
In hellem Wahnsinn riß ich an der Kette,
Die Kraft versuchend an dem harten Erz;
Ich war zu glücklich wohl im Traum gewesen,
Als daß ich, wach nun, davon konnt’ genesen.”
„So quälte ich mich wochenlang, bis eines Morgens
Erschlossen ward die Thüre und parat
Ein Weibel stund, umgeben von den Schergen,
Die mich begleiten mußten vor den Rath.
Im Sonnenschein lief Volk in allen Gassen.
Ich, schier geblendet, wankte durch die Massen.”
„Die Herren saßen ernst auf schön geschnitzten Siedeln
Und sahen finster blickend auf mich her;
Der Wasenmeister mußte rückwärts treten,
Daß frei ich stand mit meiner Kette schwer.
Dann fing man zu verklagen an, zu fragen;
Ich mußte ihnen nochmals alles sagen.”
„Geduldig gab ich Red’ und Antwort ihren Fragen,
Erzählte alles wahr und unverwandt;
Die Herren aber machten strenge Mienen,
Als ich zum Schlusse keine Schuld bekannt.
Da bat ich denn, mein Urtel schnell zu sprechen
Und über mich nur gleich den Stab zu brechen!”
„Nun flogen Red’ und Widerrede hin und wieder,
Gar manches fremde Wort kam mir zum Ohr;
Schon stand ich lange, ihres Spruchs gewärtig,
Da trat ein altes Männlein langsam vor.
Man sah ihm an, das Gehen ward ihm schwierig,
Auch schwiegen Alle, auf sein Wort begierig.”
„Mich streifte nur ein Blick aus seinen dunkeln Augen,
Die tief versenkt im faltigen Gesicht;
Dann wandte er sich zu den Rathscollegen,
Die lauschten still; sein Votum fand Gewicht.
Ich aber konnt’ den Blick nicht von ihm trennen,
Mir war, als sollt’ ich diese Augen kennen.”
„„Wollt nicht aburteln,”” kam es aus des Männleins Munde,
„„Eh’ Ihr zuvor auch mich gela’n.
In jener Unglücksnacht sah ich vom Fenster
Des Wetters Toben lange Zeit mit an;
Die Erde zitterte in ihren Gründen
Und jeder Strahl schien in der Stadt zu zünden.””
„„Da ist es leichtlich, daß wir doch uns irren könnten
Und Wahrheit wäre, was der Bursche spricht.
Ich fordre also Namens seiner Zeugen,
Ihm zu beweisen, eh’ den Stab man bricht,
Daß er es war, wie uns die Klage kündet,
Und nicht der Strahl, der uns das Haus gezündet.””
„„Der Unschuld Blut vergießen, heißt sich selber strafen;
Doch ist, Gottlob, noch Recht allhier der Brauch,
Daß, wenn wir richten, wir nicht fürchten müssen,
Es komme Unheil uns durch solchen Gauch.
Drum fordre Zeugen ich zum andern Male,
Dem Recht das Recht zu wahren hier im Saale!””
„„So weit die Sonne scheinet in des Kaisers Landen,
So weit noch Christenglocke tönt im Reich,
So weit an Mutterbrüsten Kindlein hangen,
So weit wir alle vor dem Herre gleich,
So weit am Himmel mahnen Blitzes Flammen,
Soll keinen rechtlos man zum Tod verdammen.””
„„Wie wir durch Gottes Gnade Seligkeit erhoffen,
So ist’s, nach altem Brauche, Richters Pflicht,
Beweise von dem Kläger einzufordern,
Eh’ man ein Urtel dem Verklagten spricht —
Traun! diesem Brauche wollen wir uns beugen:
Zum dritten Male fordre ich die Zeugen!””
„„Hochedler Schultheiß, wollet nun gebieten, nachdem
Die Männer wir besiebnet, daß man hört,
Was jene wissen und ob jeder willig,
Die Aussage mit seinem Eid beschwört;
Dann möget Ihr getrost das Urtel sprechen
Und — trägt der Bursche Schuld, den Stab ihm brechen!””
„Nach diesen Worten hielt das Männlein keuchend inne;
Das Sprechen ward ihm sichtbar endlich schwer.
Er ließ sich auf die nächste Siedeln nieder,
Wo nun er harrte, ob sie dem Begehr
Nach Zeugen, die ihr Wort beschwören sollten,
Im Rathe unverkürzt willfahren wollten.”
„Doch mocht’ des Alten Wort im Rathe Geltung haben;
Es dauerte nicht lange, ward erklärt
Vom Schultheiß, der im Rath den Vorsitz hatte,
Daß man die Zeugenabhör ihm gewährt,
Und seien jene eidlich zu verhören;
Kein Irrthum dürfe gutes Recht bethören.”
„Ein Nicken von dem Alten galt als Dank dem Schultheiß;
Dann rief ein Schreiber laut die Zeugen vor.
Es waren vier’, die in die Schranken traten,
Doch ihre Namen ich schon lang verlor;
Nur Einen kannt’ ich an den Fäusten wieder,
Die mich beim Brande damals schlugen nieder.”
„Wie nun die Zeugen reden sollten, stand der Alte
Nochmals vom Stuhle auf; es sprach sein Mund
Den vieren zu, der Wahrheit treu zu bleiben;
Gott sehe jedem Herzen auf den Grund
Und sei ihm selbst der Eidschwur des Gerechten
Nicht wohlgefällig, wie vielmehr des Schlechten!”
„So sprach er lang und breit, ein Pfaffe macht’s nicht besser,
Der auf der Kanzel seine Predigt thut.
Mir war dabei, als spräch’ aus seinen Worten
Es oft wie Mitleid für mein junges Blut,
Und trafen mich die großen, dunkeln Blicke,
Fühlt’ ich’s wie Trost in meinem Mißgeschicke.”
„Als er geendet, gab des Rathes dürrer Schreiber
Dem ersten Zeugen zum Bericht das Wort.
Gar kurz erzählte der, wie er getroffen,
Der ersten einen, mich am Unglücksort,
Und wie er mich als Fremden gleich erkannte,
Der nichts zu schaffen hatte, wo es brannte.”
„Im Unmuth ob der Rede faßte ich die Kette
Und hob die Hand beschwörend hoch empor,
Mit lautem Mund dem Rathe wiederholend,
Wie ich durch Zufall nur den Weg verlor,
Dann mit der Burgerschaft zu retten eilte,
Weil ich nicht fern vom Brand geborgen weilte.”
„Mit harten Worten hießen sie mich jedoch schweigen;
Ich knirschte mit den Zähnen und blieb still.
Vergeblich, dacht’ ich, ist des Einen Kämpfen,
Wenn um ihn jeder sein Verderben will.
Sein letztes Liedchen mag das Vöglein singen,
Denn es sitzt arg verstrickt in bösen Schlingen!”
„Es sprach der Zeuge weiter: Weil solch fremd’ Gesindel
Zu Allem fähig, habe der Verdacht,
Ich sei der Thäter, Jedermann befallen,
Sonst hätten sie mich dingfest nicht gemacht.
Von Andrem aber, schwur er, nichts zu wissen —
Er hat der Wahrheit ehrlich sich beflissen.”
„Die andern drei bestätigten des ersten Rede,
Sie auch bekräftigend mit Eid und Schwur.
Mir aber ward ganz wunderlich zu Muthe;
Ich glaub’ die Augen zeigten Wassers Spur.
In allen Gliedern fühlt’ ich frisches Leben,
Hätt’ schier den Männern einen Kuß gegeben!”
„Ein eigenartig Ding ist doch des Menschen Wesen!
Der Klügste bleibt ein ungenesen Kind.
Sein blödes Aug’ die Pfade nie erschauet,
So ihm zum Heil von Gott gebahnet sind!
Verzweiflung hielt mich wochenlang umfangen,
Daß ich am liebsten in den Tod gegangen.”
„Und nun, da schwach ein Stern am dunkeln Himmel blinkte,
Der wieder goldne Lebenshoffnung gab,
Entfalteten sich neu des Geistes Schwingen;
Ich hob mich kühnlich über’s offne Grab.
Das Leben wechselt zwischen Furcht und Hoffen,
Bis endlich uns des Todes Pfeil getroffen!”
„Doch, eh’s zur Freiheit ging, gab es noch böse Stunden,
Denn als die Viere ihren Spruch gethan,
Ward lange hin und her im Rath verhandelt, —
Ob sie den Vogel dürften fliegen la’n.
Ein alter Rathsherr meinte vielbedächtig,
Ich sei ihm, trotz der Zeugen Spruch, verdächtig.”
„Ein andrer rief, die Schuld sei unerwiesen, daher
Am besten auch, sie ließen mich gleich gehn,
Daß nicht des Städtleins Säckel erst noch Kosten
Für solchen Strolches Unterhalt entstehn;
Nur sollten vorher sie mich schwören lassen,
Zu meiden fortan Banngebiet und Gassen.”
„Da nun das Männlein sah, daß nicht sie einig würden,
Erhob es sich vom Stuhl mit ernstem Mund
Und sprach: Wenn trotz dem Schwure der vier Zeugen
Ich doch verdächtig scheine noch zur Stund’,
So sollte man auch hier nach Recht verfahren,
Und damit Zeit und unnütz Reden sparen!”
„Und das geschah denn auch. Die Räthe wurden stille;
Auf wohlverstandnen Wink des Schultheiß schob
Der Freimann wenig sanft mich aus dem Saale.
Wie Nebel war’s, was meinen Blick umwob,
Denn, schwach gemacht vom Foltern und vom Fasten,
Fühlt zentnerschwer ich meiner Fesseln Lasten.”
„Die Spannung, zu erfahren, was sie nun beschlössen,
Hielt aufrecht mich indessen drauß’ im Flur,
Und immer stärker kam mir der Gedanke:
Sie werden los mich geben mit dem Schwur,
Ihr Banngebiet auf ewig zu vermeiden;
Was ich geschworen hätt’ mit tausend Eiden.”
„Dazwischen gab es von des Wasenmeisters Knechten
Noch manchen Puff, weil’s nicht zum Galgen ging,
An den sie mich so gern gehangen hätten;
Doch achtete ich solches nur gering;
Mein Trost war ja, es kann nicht lang mehr dauern,
Bis hinter mir des Städtleins Thor und Mauern.”
„Gleich einer Schnecke langsam, schlich die Zeit von hinnen;
Fast däuchte mich, daß drinnen sie im Saal
Mit meinem Spruche gar nicht fertig würden;
Es schuf die Ungeduld mir harte Qual.
Jung Blut hat eben wenig Zeit und Weile,
Hofft, daß Erfüllung gleich den Wunsch ereile!”
„Da endlich ward des Saales Thüre aufgerissen,
Ein Büttel rief den Wasenmeister an,
Mich wiederum dem Rathe vorzuführen;
Er selbst ging stolzen Schrittes uns voran.
Der Freiheit mich schon freuend in Gedanken,
Trat leichtern Sinn’s ich dies Mal vor die Schranken.”
„Wie vorher winkte jetzt der Schultheiß seinem Schreiber,
Der gleich darauf mit wichtigem Gesicht
Und feierlichem Ton begann zu lesen;
Doch was er las, verstand ich leider nicht,
Am Schluß nur hieß es: aus sothanen Gründen
Sei Deliquent das Urtel zu verkünden.”
„„Dem Rubrikaten ist früh, nach dem Hahnenkrahte
Vom Freimann morgen vor der Rathhaus-Wacht,
Der Galgen auf dem Nacken einzubrennen,
Daß er hinfüro kanntlich sei gemacht, —
Nach solchem aber mittelst Ruthenhieben,
Von wegen Rechtens aus dem Thor zu schieben.””
„Schier sank ich hin ob diesem allzuharten Urtel;
Man forderte dafür noch meinen Dank,
Weil mich der Rath so gnädig angesehen,
Daß morgen schon ich würde frei und frank.
Mein leiser Fluch mocht’ ihnen dafür gelten,
Denn bessern Dank verdienten wohl sie selten.”
„Bislang sah ich im Leben wenig solcher Stunden,
Wie ich sie durchgemacht in jener Nacht,
Die mich von der ersehnten Freiheit trennte;
In wildem Fieber hab’ ich sie durchwacht,
Dem Städtlein fluchend und dem strengen Rathe,
Der mich erst losgab nach dem Hahnenkrahte.” —
„Es weicht die längste Nacht am Ende doch dem Morgen;
Ist sie auch schwer und bang, der Tag erscheint.
Drum gräm dich nicht, es muß die Noth sich enden,
Ob man sich auch von Gott verlassen meint.
So sprech’ ich jetzo, alt und viel erfahren;
Doch damals war ich — noch zu jung an Jahren!” —
„Es mochte lange Tag sein, als, wie Glockenläuten,
Des Riegels Quitschen tönte mir zum Ohr,
Und mir der Freimann guten Morgen wünschte
Inmitten seiner groben Knechte Chor;
Dann ging es, langsam nur, durch enge Gassen
Dem Markt entgegen, zwischen Menschenmassen.”
„Gar stolz hob ich den Kopf, als ob’s zum Tanze ginge,
Als folgt’ der Freimann mir, nicht ich, am Strick;
Doch schlug mir’s Herz, es möchte aus der Menge
Am End’ mich treffen jenes Mägdleins Blick,
Um das ich manchen Tag so schwer gelitten —
Ging’s nur, ich wäre schneller ausgeschritten.”
„Die halbe Burgerschaft war auf dem Weg zum Markte
Doch ich schritt keck in meiner Unschuld Muth
Zum Richtplatz hin, nicht vor dem Henker bebend,
Denn mein Gewissen war ja rein und gut;
Auch als sie nun mich an den Schandpfahl stellten,
War mir ihr Schmähen, als ob Hunde bellten.”
„Ja, als mit rothgeglühtem Eisen mir der Freimann
Des Städtleins Dreibein auf den Nacken brannt’,
Da zuckt’ ich kaum, so daß der Henker wüthend
Mich hartgeschmorten Teufelsbraten nannt’
Und fluchend seinen Knechten aufgetragen:
Bis ich am Thor, aus Kräften drein zu schlagen!”
„Schien freilich nicht vonnöthen, sie auch noch zu hetzen,
Denn kaum war ich der Fesseln los und frei,
Als sie mich peitschend durch die Gassen jagten
Und mir die Menge folgte mit Geschrei.
Der Rücken brannte mir, wie Höllenflammen,
Gezeichnet kreuz und quer mit blut’gen Schrammen.”
„Auf flinken Füßen ging’s die schmalen Gassen nieder,
Die Knechte hinter mir in wilder Jagd,
Als unfern ich dem Thor ersah das Häuslein,
Wo Abschied nahm von mir die holde Magd.
Ein Fenster war verhängt und drauß’ der Blumengarten,
Stand welk, als müßte er auf Pflege warten.”
„Mit thränenschwerem Blicke rannte ich vorüber,
Dem Ende meiner Qual, dem Thore zu.
Ich jauchzte auf; die Jagd war überstanden,
Denn vor dem Thore ließ man mich in Ruh. —
Nicht ohne meinen Fluch dem Nest zu spenden,
Schritt ich von dannen mit zerschundnen Lenden!”
„Nun war der Vogel frei, wenn gleich sie arg ihn rupften,
Und schier geknickt die jungen Flüglein sein! —
Nur mühsam hielt ich mich noch auf den Füßen
Und zog dahin im hellen Sonnenschein,
Bis endlich ich den grünen Wald erreichte
Und müd’ in’s Gras sank, wo ein Eichstamm bleichte!”
„„Letz’ Deine trockne Kehle wieder, alter Weinschlauch!””
Fiel hier Herr Heinz dem Spielmann nun in’s Wort,
„„So Du nicht fabelst, bist ein braver Kerle,
Wenn sie Dir auch den Braten arg geschmort;
Manch einer hätt’ das Mägdlein angegeben,
Eh’ halb so viele Pein er mocht’ erleben!””
Und hastig griff der Spielmann nach dem vollen Kruge,
So Kunz ihm rasch auf Elsbeths Wink gereicht;
Erschüttert von des Sängers bösem Schicksal,
Ward erst, als der nun schwieg, ihr wieder leicht
Und ging sie flink daran, mit eignen Händen
Ein gut Stück Schinken ihm und Brod zu spenden.
Der Spielmann ließ sich’s schmecken; unterdessen aber
Ward leis am Tische ein Gespräch geführt,
In welchem Elsbeth für den Sänger kämpfte,
Weil deß’ Erzählung sie gar tief gerührt;
Indessen Adelgunde ihm gar wenig traute,
Ja, in dem Ganzen nur ein Mährlein schaute.
Derweilen wurde Jener mit dem Essen fertig
Und bat von neuem nun den Vogt um’s Wort;
Doch schien’s, als ob der Zweifel leis ihn kränkte,
Denn also spann er die Erzählung fort:
„Würd’ meinen Nacken nicht das Dreibein zieren,
So glaubt’ ich selbst manchmal zu fabuliren!”
„Ist aber nur die Wahrheit, was mein Mund gesprochen!
Zwar weiß ich auch gar manche schöne Mär,
Zur Kurzweil holder Frauen ausersonnen,
Drob ihres Beifalls ich gar sicher wär.
Doch, mit Vergunst! Glaub’ nicht, Ihr werdet schmählen,
Weil ich gewagt, Erlebtes zu erzählen.”
„Nicht immer lüstet es den Sinn, rückwärts zu schweifen;
Verwichen Leid und Freud’ mit lautem Wort
Der Welt zu schildern, daß auch sie erfahre,
Was sonst wir bergen am geheimsten Ort.
Dann kommt es wieder, daß wir minder zaudern,
Von allem, was uns auf dem Herzen, plaudern.”
„Wie schon erzählt, hatt’ ich den Schritt zum Wald gerichtet;
Dort warf ich mich todmüde in das Gras.
Von Durst und Schmerzen aber arg gepeinigt,
Ging lange es, eh’ ich des Schlafs genas;
Nur nach und nach sang mich der Wald in Schlummer:
Ich fühlte endlich weder Schmerz noch Kummer.”
„Weiß, nimmer recht, wie lange ich geschlafen hatte,
Als es mich dünkte, eine zarte Hand
Glitt sammetweich mir über Stirn und Wangen;
Es war so angenehm, was ich empfand,
Daß, in der Angst, mein Traumglück zu verjagen,
Ich es vermied, die Augen aufzuschlagen.”
„Dann war es wieder, als ob kleine, weiche Finger
Mir glätteten das wirr zerzauste Haar,
Und, selig, fühlte ich auf meiner Stirne
Den warmen Druck von frischem Lippenpaar.
Ich konnt’ mich kaum noch halten vor Entzücken;
Doch, daß ich wachte, sagte mir mein Rücken.”
„So lag ich lange, wie durch Zauberbann gebunden,
Indeß’ der Schlaf sich mälig ganz verlor,
Als es auf einmal meinen Namen hauchte
Mit süßer Stimme und bekannt dem Ohr;
Wie warmer Odem streift es meine Wangen:
Das war kein Traum, was mich so hold umfangen.”
„Nun thät es nichts mehr batten, mußt’ die Augen öffnen.
Und was ersah ich? Meine traute Maid,
Sie knie’te dicht zur Seite mir im Grase;
Ich kannte gleich ihr braunes Linnenkleid.
Von meines Glückes Uebermaß bezwungen,
Hielt wortlos ich die Liebliche umschlungen!”
„Bald aber überkam mich ein schier seltsam Rühren
Ob ihrer Liebe, die so heldengroß
Mir auch die Treue zeigte, und ich schluchzte,
Gleich einem Kinde in der Mutter Schooß,
Um stets auf’s neu’, in seligem Vergessen,
Den Mund fest auf ihr Lippenpaar zu pressen.”
„So tauschten wortlos wir denn ungezählte Küsse,
Versenkte sich erglühend Blick in Blick;
Derweil ihr Antlitz ungefragt mir sagte,
Daß es sich blaß gehärmt um mein Geschick.
Wie konnt’ ich süßer lohnen denn die Schmerzen
Ihr anders, als von neuem sie zu herzen?”
„Doch wer vermöcht’ die Seligkeit mir nachzufühlen,
So ich empfand an meines Mägdleins Brust?
Die Engel vielleicht, wenn sie nicht uns neiden
In ihrem Paradiese um die Lust,
Die reine Herzen an einander finden,
Wenn sie in treuer Minne sich verbinden!”
„Zu bald nur wand die Holde sich aus meinen Armen
Und frug mich ängstlich: „„Joseph, kannst Du gehn?””
Es strich die Hand dabei durch meine Locken,
Wie leise Lüftlein durch die Saaten wehn.
Mir aber kam nun die Erinn’rung wieder,
Und traurig wies ich auf die wunden Glieder.”
„Da beugte, tief erröthend, sie sich auf die Seite
Und hob ein kleines Bündel aus dem Gras;
’s war bald geöffnet und ich schaute staunend,
Wie nun zum Vorschein kamen Krug und Glas.
Das letztre füllte sie und ließ mich nippen;
Es war gleich Balsam für die heißen Lippen.”
„Den wunden Nacken aber kühlte sie mit Wasser
Aus einem Bach, der nah vorbei gerauscht.
Mit trunknen Blicken sucht ich ihr zu lohnen,
So oft das Tüchlein frisch sie umgetauscht,
Und wäre Wochen lang gern krank gelegen,
Nur, daß die Gute meiner sollte pflegen.”
„Dazwischen fütterte sie mich aus ihrem Bündlein,
Zufrieden lächelnd, als sie sah, wie’s schmeckt’;
Es sagte mir ihr herzig klingend Plaudern,
Daß heute früh sie sich im Wald versteckt,
Um, voller Sehnsucht, nach mir auszusehen,
Bis mich ihr Blick von Weitem konnt’ erspähen.”
„Als ich die müden Schritte dann zum Walde lenkte,
Sei still sie mir gefolgt mit zagem Schritt,
Dem sanften Schlummer gern mich überlassend,
So lange meine Sicherheit dies litt.
Nun aber mahne dringend sie zur Eile,
Weil ich noch immer in dem Stadtbann weile.”
„Aus meinem Glücke aufgescheucht, sah ich nun selber,
Wie nah’ die Sonne schon dem Niedergehn;
Doch zugleich schaute ich auch reisefertig
Die Traute selber mir zur Seite stehn.
Hei! sprang ich Euch empor und ihr an’s Herze,
Als ob ich dagelegen nur zum Scherze!”
„Voll Ernst doch wehrte sie des Mundes heißem Kusse,
Und machte sich aus meinen Armen frei,
Mich eifrig mahnend an die Flucht zu denken;
Denn wenn mich morgen nach dem Hahnenschrei,
Die Burger noch in ihrem Weichbild fingen,
So sei es sicher, daß sie doch mich hingen.”
„Da schwur ich ihr bei allen Heiligen des Himmels,
Wie ich sie nimmermehr verlassen könnt’,
Seit mir gewißlich worden, daß das Schicksal
Mir ihrer Liebe süßes Glück gegönnt;
Ich wollte eher Schmach und Tod erleiden,
Als sie im Leben fortan nun zu meiden.”
„Mit dunklem Rothe auf den zarten, lieben Wangen,
Bekannte traurig sie in leisem Wort,
Daß wohl auch ihr der Rückweg nicht mehr fromme,
Und sie mir folgen müßt’ von Ort zu Ort;
Was noch sie flüsterte, mocht’ kaum ich fassen,
Ich fühlte nur, sie wird mich nicht verlassen.”
„In langem Kusse wollte ich’s der Lieben lohnen,
Die aber hat ein ernst Gesicht gemacht
Und drängte wieder, endlich aufzubrechen,
Daß fern wir seien, wenn der Tag erwacht.
„„Der Vollmond,”” schloß sie, „„kommt zu guten Zeiten,
So daß wir sicher auf dem Waldpfad schreiten.””
„Und nun, nicht weiter von mir einer Antwort wartend,
Schlug um das Bündlein sie ein festes Band
Und schwangs, ein heimlich Thränlein trocknend,
Zum Gehen fertig, in der linken Hand;
Derweil sie mit der Rechten mich wollt’ stützen,
Auf holprigrauhem Pfad vorm Fall beschützen.” —
„Hätt’ nie gedacht, daß Liebe halb so viel vermöchte,
Wie ich, voll Staunen, damals es geschaut.
Begleitet von der Hoffnung goldnen Sternen,
Aus welche sie ihr künftig Schicksal baut,
Kehrt froh die Jungfrau Heim und Haus den Rücken,
Um, wen sie wählte, liebend zu beglücken!” —
„Das Abendroth vergoldete der Bäume Wipfel,
Als wir uns endlich auf den Weg gemacht.
Zwar ging es langsam nur mit meinen Schritten,
Doch dämpfte mir den Schmerz die kühle Nacht;
Auch kam der Mond mit seinem lieben Lichte,
Den Pfad uns weisend durch des Forstes Dichte.”
„Wie wir so fürbas zogen, lauschte ich der Treuen,
Die nun erzählte, wie sie fleht’ und bat
Den Oheim, jenes alte, strenge Männlein,
So für mich Zeugen forderte vorm Rath,
Für meine Unschuld doch ein Wort zu sprechen,
Daß nicht sie ungehört den Stab mir brechen.”
„Seit lange Waise, wohnte sie beim Ohm im Hause
Und hielt sie dieser wie sein eigen Kind;
Doch solcher Bitte wollt’ er nicht willfahren,
Denn fahrend Volk war ihm nur schlimm Gesind.
Er hieß die Maid ein Gänslein, so da schnattert,
Was Abends es am Brunnen hätt’ ergattert.”
„Da warf sie sich in Thränen vor dem Oheim nieder
Und beichtete, indem sie ihm gestand,
Daß ich es war, der sie nach Hause führte
Und dabei wohl den Rückweg nimmer fand;
Da leicht zu irren auf den dunklen Wegen,
Auch ziemlich fern der „güldne Kranz” gelegen.”
„Nun erst errieth der Alte ihres Kummers Quelle;
Er sah die Schande, die das Kind bedroht,
Wenn ruchbar es im Städtlein werden sollte,
Daß einem Fahrenden den Arm es bot.
Mit harten Worten schalt er da die Arme,
So schier verging in bitterschwerem Harme.”
„Doch hörte sie nicht auf, den Oheim anzuflehen,
Bis der, durch ihre Thränen wohl gerührt,
Ihr halb und halb versprach, für mich zu reden,
Wenn mein Prozeß im Rathe würd’ geführt.
Ob mir es nütze, konnt’ er nicht versprechen,
Weil gar zu schwer erschien ihm mein Verbrechen.”
„Den Leichtsinn aber sollt’ die Arme strenge büßen;
Schon nächsten Morgen mußte gleich sie fort,
Zu einer alten, menschenscheuen Muhme,
Die einsam hauste in dem nächsten Ort,
Half meinem Lieb kein Bitten und kein Flehen,
Bis nach dem Urtel wollt’ er nicht sie sehen.”
„So ging sie denn. Indessen fürchtete der Alte,
Daß doch die Folter mir ein Wort entlockt’,
Von dem, was frei das Mägdlein ihm gestanden;
Hätt’ wohl damit ein Süpplein eingebrockt,
Nach dem ihn wahrlich wenig lüsten konnte,
Da seine Sippe sich in Ehren sonnte.”
„Als jedoch er vernommen, daß ich steif geschwiegen,
That’s freilich nicht dem alten Herrn zu lieb,
Sann er auf Wege mich vom Strick zu retten;
Nur leider, daß ich doch unschädlich blieb,
Und sorgte, daß man so mein Urtel messe,
Daß hinfür ich das Burger-Kind vergesse.”
„Erzählte schon, wie es der Alte angefangen,
Und man im Rathe ihm zu Willen war;
Nun erst erfuhr ich, daß das Männlein früher
Im Städtlein Schultheiß war gar manches Jahr,
Und hörte, wie an ihn sich oft man wandte,
Weil Keiner besser Brauch und Rechte kannte.”
„Doch diesmal schnitt der Kluge selbst sich in die Finger,
Als er den Burgern rieth, wie’s anzufah’n,
Daß sie mich doch der That verdächtig sprachen,
Wenn auch das Leben sie mir mußten la’n;
Denn während er im Rathhaussaal gesessen,
Hat seine Maid den Buhlen nicht vergessen.”
„Die Gute lohnte wahrlich mir das Schweigen besser,
Als es der Ohm vor Rath und Burgern that.
Ich war vor ihren Augen rein geblieben —
Und unverdächtig, trotz dem Spruch vom Rath;
Sie dachte seufzend meiner all’ die Wochen,
Bis ihr vor Weh das Herzlein schier gebrochen.”
„Als dann ihr Kunde von dem strengen Urtel worden
Und auch der Tagzeit, da es ward vollstreckt, —
Verließ die Maid, nach schweren Seelenkämpfen,
Das Haus der Muhme, lang vor Tag erweckt,
Um mir, im Walde wartend, aufzupassen,
Daß ich im Elende nicht ganz verlassen.”
„Im Walde wurde sie zwar von der Angst gepeinigt,
Ob ich vielleicht geändert meinen Sinn
In all dem Unglück und ihr zürnen möchte,
So daß in Unmuth sich verkehrt die Minn’ —
Und leis’ bekannte sie mir so im Gehen,
Sie hätte auch sich dessen vorgesehen.”
„So plaudernd schritt sie neben mir auf rauhem Pfade,
Indessen still ich ihren Worten lauscht’;
Sie drängte vorwärts, wollte nimmer rasten,
Bis endlich nah die Donau uns gerauscht.
Es war noch früh, fing eben an zu dämmern;
Im Walde hörten wir die Spechte hämmern.”
„In meinem ganzen Leben sah ich keinen Morgen,
Der schöner war und freundlicher gelacht
Hatt’ mir der Sonnenstrahl noch niemals vorher;
Nur gab ich darauf jetzt zu wenig Acht,
Sah lieber in die Aeuglein meiner Trauten,
Aus denen tausend helle Sonnen schauten!”
„Am Donauufer gingen wir zur nahen Fähre
Stromabwärts nun im Morgensonnenschein.
Verschlafen lag der Ferge selbst im Nachen;
Wir mußten erst den Wackern munter schrei’n,
Doch endlich schob der grämliche Geselle
Sein Schifflein in des Stromes grüne Welle.”
„In schneller Fahrt glitt bald der Nachen dann stromüber
Und hinter uns lag jetzt des Städtleins Bann, —
Doch schritten weiter wir entlang dem Ufer,
Bis unser Weg den nächsten Forst gewann;
Hier suchten wir ein Plätzlein an der Halde,
Das dicht umfriedet war vom stillen Walde.”
„Aufathmend hielt die Holde endlich ein mit Gehen,
Wir sanken müde in das weiche Gras
Und mochten weder plaudern mehr noch essen,
Eh’ neuer Kraft der Körper erst genas.
An treuem Herzen fand die Maid den Schlummer,
Im Schlaf noch lächelnd, da nun fort ihr Kummer.”
„Bald lag auch ich vom festen Schlafe übernommen
Aus dem die Maid mich spät am Tag geweckt;
Die Augen reibend, sah ich, gar zufrieden,
Im Grase uns ein Tischlein fein gedeckt.
Sie frug mich, lächelnd, ob mir wohlbekommen
Das Schläflein, so schier gar kein End’ genommen?”
Mich nicht besinnend, sprang ich auf und gab die Antwort
In heißem Kuß ihr aus den rothen Mund;
Dann saßen selig wir bei unsrem Mahle
Im grünen Walde, bis zur Abendstund’
Mir war zu Muth, als sei das holde Wesen,
All meiner Lebetag um mich gewesen.”
„Als abermals der Mond gekommen, ward berathen,
Welch’ Ziel zu wählen für den flücht’gen Fuß.
Nach Spielmanns Brauch ließ ich ’ne Feder fliegen,
So fahrend Volk die Straßen weisen muß,
Und, da stromabwärts sie sich fortgewendet
War aller Zweifel drüber schnell beendet.”
„Frisch ging es also weiter, zwischen Busch und Bäumen
Den Wald dahin, im klaren Mondenschein;
Gar traulich wandelt es sich in der Stille,
Ist man alleine mit dem Mägdlein sein!
Die Bäume lauschten, wenn wir Küsse tauschten;
Indeß’ uns nah der Donau Fluthen rauschten.
„So wanderten wir stundenlang in trautem Plaudern,
Nur hie und da von einem Baum erschreckt,
Der aus dem Schatten, wie ein menschlich Wesen,
Uns seine Arme lang herangestreckt;
Als sich im Morgenluft die Tannen wiegten,
Wir, fröstelnd, näher uns zusammen schmiegten.”
„Allmälig wich die Frühlingsnacht dem jungen Tage,
Des Mondes Bild verschwamm im hellen Blau;
Mit warmen Strahlen küßte drauf die Sonne
Von Blatt und Halm den kühlen Morgenthau.
Nun galts zur Ruh’ ein Plätzlein auszusuchen,
Das bald sich fand, umkränzt von grünen Buchen.”
„Wir hielten ängstlich uns zum Walde, bis die Wunden
Mir fast geheilt, auch unser Bündelein
An Speis’ und Trank nichts mehr zu weisen hatte,
Als einst wir, kurz entschlossen, quer feldein,
Da eben sich des Abends Schatten senkten,
Die müden Schritte auf die Straße lenkten.”
„Ein Städtlein, das vor Thorschluß grad wir noch erreichten,
Mußt’ Herberg geben, bis die Nacht vorbei,
Und weil der Sänger überall willkommen,
Gab man uns Obdach und die Zeche frei.
Mit frischem Mund half auch das Mägdlein singen;
Hätt’ nie geglaubt, daß es so schön möcht’ klingen!”
„Doch schon am andern Morgen wanderten wir weiter
In’s Land hinein, bis schier der Tag zu End’
Und wir in einem Flecken Herberg fanden,
Der rings umsäumt von grünem Weingeländ’.
Dort mußten wir den wackern Leuten singen,
Und thät uns solches manchen Heller bringen.”
„Da konnten wir denn bald ein Saitenspiel erhandeln,
’s ist dieses hier und dies auch noch das Band
An dem die Traute mein es stets getragen.” —
Schier zärtlich nahm die Laute er zur Hand
Und ließ, wohl seine Wehmuth zu bezwingen,
Mit raschem Griff die Saiten voll erklingen.
„Ihr liebes Händlein lernte bald das Ding zu meistern,
Und liederkundig, wie die Holde war,
Erlernte ich von ihr gar manche Weisen,
Die mir im Sinn geblieben all’ die Jahr.
Kein Wunder, daß wir Alt und Jung berückten
Mit Sang und Spiel und alle Welt entzückten!”
„Gleich jungen Vöglein schwoll uns ja im minnefrischen Herzen
Ein ganzer Himmel voller Sangeslust;
Es klang auch herrlich, was wir sangen, hatten
Den Frühling selber in der jungen Brust
Und gaben kaum so viel, als wir empfangen,
Wenn wir von Lenz und süßer Minne sangen.”
„Die Tage schwanden uns in eitel Freud’ und Wonne
Gab manchmal auch es einen kleinen Span,
So glich das einem warmen Sommerregen,
Wenn Flur und Hain im Sonnengolde stahn.
Das Wölklein ging, so schnell wie es gekommen,
Indeß’ die Liebe nur noch zugenommen.” —
Ein eigen Wesen jedoch blieb der Guten immer.
Das Mägdlein hielt sich ferne meiner Zunft
Und weilte eher unterm freien Himmel,
Als daß ich einmal für uns Unterkunft
Bei einem meines Völkleins durfte suchen;
Sie haßte dessen wüstes Thun und Fluchen.”
„Oft saß sie sinnend, wie von tiefem Traum umwoben,
Und frug ich da, was sie geträumt so lang?
Blieb wohl mit Lächeln sie die Antwort schuldig,
Griff etwa nach dem Saitenspiel und sang
Mit süßem Munde, aber nur ganz leise,
Ein neues Lied zu einer alten Weise.”
„Auch kannte sie die Namen von fast allen Blumen,
Und wußt’ von jeder eine schöne Mär;
Das kleinste Käferlein selbst war willkommen,
So ihr des Weges kam von ungefähr.
Im stillen Hain umgaukelten uns Feeen,
Wie Sonntagskinder sie zuweilen sehen.”
„Und wie ihr Auge nur das Schöne sah in Allem,
So barg ihr Herz nur feinen, zarten Sinn;
Eh’ ich mich deß’ versehn, war ich verwandelt,
So daß ich ganz ein andrer worden bin,
Das rohe Wesen bald mir abgewöhnte,
Worüber meine Zunft mich weidlich höhnte.”
„’s ist ja der Frauen schönstes Theil, in sanfter Weise
Zu wirken, daß des Mannes stärkre Kraft
Nicht bloß nach äußeren Erfolgen ringe,
Mit denen er sich oft nur Sorgen schafft;
Sie suchen gern, in sinnig zartem Walten,
Des Mannes Sinn auch edler zu gestalten.” —
„Ein Jährlein war vorbei, daß wir zusammen hausten,
Der Minne nur und ihrem Sang geweiht,
Ein schöner Leben mochte keiner führen
So hoch der Himmel und die Erde breit;
Im Schlosse heut’ zu Gast, im Städtlein morgen,
Blieb meilenfern uns alle Noth und Sorgen.”
„Doch, nun der Lenz dahin, ging’s uns, wie noch gar vielen;
Wir bauten flink ein traulich Nestlein fein
Und sahen fröhlich jener Zeit entgegen,
Da zwitschern sollt ein junges Vögelein,
Das freilich noch im Schooß der Mutter weilte
Und an das Licht zu kommen nicht sich eilte.”
„Je kleiner’s Nestlein, um so wärmer sitzt der Vogel!
War unsres klein, viel Glück doch wohnte drin;
Denn wo die Liebe Einkehr hält und weilet,
Giebt’s frohe Herzen und zufriednen Sinn.
Weiß heut’ noch nicht, was uns hätt’ fehlen sollen,
Des Einen Wünschen war des Andern Wollen!”
„Doch unser Glück hienied’ ist eitel leichte Waare,
Ein leiser Stoß und tausend Scherben sind.
Wir hatten uns zu lieb, drum hieß es scheiden;
In Nacht und Nebel sank mein Glück geschwind.
Jung Vöglein forderte der Mutter Leben
Und lächelnd hat sie es auch hingegeben.”
„Will Euch mit meinem Schmerz verschonen, edle Herren!
Nur kurz vermelden, daß es lange ging,
Eh’ ich den harten Schlag verwinden mochte
Und die Betäubung schwand, die mich umfing,
Als auf der Süßen Leib die Schollen rollten,
Die mich am besten mit begraben sollten!”
„Allmälig aber fing es wieder an zu tagen.
Ein nie geahnt Gefühl ist mir erwacht,
Das ließ mich freundlich auf das Kindlein blicken,
Deß’ Kommen mir so herbes Leid gebracht.
Das Mägdlein hatte ganz der Mutter Augen,
Nur es zu pflegen wollt’ mir wenig taugen.”
„Gab mich drum gern zufrieden, als die braven Leute,
Bei denen just wir wohnten, auf mein Flehn
Erbötig waren, für den Wurm zu sorgen,
So ich für dessen Atzung würde stehn
Und jährlich ein Pfund Heller ihnen zahlte,
Daß Pfleg’ und was sonst nöthig er erhalte.”
„Nachdem ich dies versprochen, auch mich willig zeigte,
Zum wenigsten ein Mal im runden Jahr,
Selbst nach dem zarten Dinge schau’n zu wollen,
Küßt’ sachte ich des Kindleins feines Haar
Und zog, nach kurzgefaßtem Abschied von den Leuten,
Dann meines Wegs beim nächsten Morgenläuten.”
„Das Saitenspiel der Seligen und meine Trauer
Sie waren manchen Tag mein Weggeleit.
In Gram versunken zog ich meine Straßen,
Jed’ Sinnen der Vergangenheit geweiht;
Sollt’ mal ich wo ein heiter Liedlein singen,
Mußt’ schier gewaltsam ich mich dazu zwingen!”
„Hatt’ aber vordem nur mein Lied der Lieb’ gegolten,
Wie sie die Herzen schwellt in süßer Lust,
Daß wir in ihr des Himmels Freuden ahnen,
So klang mir jetzt die Wehmuth aus der Brust;
Ich mußte singen von der Minne Schmerzen,
Vom bittern Scheiden, tiefem Weh im Herzen.”
Der Mädel helle Aeuglein schimmerten in Thränen
Und mancher Knabe klagte mir sein Leid.
Ein guter Schmied ist Unglück, schweißt zusammen
Das Weh im Rock mit dem im Grafenkleid,
So wir’s verstehn die Saiten anzuschlagen;
Im eignen Schmerz nach fremdem auch noch fragen!”
„Als nach und nach der Herbst in’s Land gezogen,
In falbe Blätter blies der rauhe Wind,
Am Hag die langen Spinneweben wehten,
Gleich Silberfäden, die entflogen sind;
Da kam die Sehnsucht leise angeschlichen,
Mein Kind zu sehn, die nimmer ist gewichen.”
„In jedem Wiegenbett wähnt’ ich mein eigen Täublein
Und suchte seiner Aeuglein hellen Blick;
Sah sanft an warmer Brust ein Kind ich schlummern,
So schmerzte mich jung Vögeleins Geschick,
Das süßer Mutterliebe mußt’ entbehren —
Und ich entschloß mich endlich umzukehren.”
„Hatt’ manchen blanken Heller mir ja schon ersungen,
Mit dem ich hoffen durft’ die Winterzeit
Bei meinem Kindlein sonder Noth zu leben;
Auch lag im Bündel längst ein Kram bereit
Für’s Vögelein, von manchen schönen Sachen,
Ob dem es große Aeuglein sollte machen.”
„Und bald, des Wiedersehens mich im Voraus freuend,
Zog ich dem Dorf zu, drin das Mägdlein weilt;
Es war, als streckte Sehnsucht mir die Schritte,
So bin ich damals Tag und Nacht geeilt,
Bis endlich Dorf und Hütte vor mir lagen,
Dem kleinen Ding ich frohen Gruß konnt’ sagen.”
„Mit rothen Backen, wie die Englein in der Kirchen,
Schlief sanft es just, fuhr aber auf, erschreckt
Von fremder Stimme und erbärmlich schreiend,
Da wohl zu wenig lind mein Kuß geweckt.
Trotz allem Kosen wollt’ es nicht mich kennen,
Und erst die Pflegfrau stillte drauf sein Flennen.”
„Doch wurden wir im Lauf des Winters gute Freunde.
Es wohl zu warten, kürzte manche Stund’,
Die sonst vergällt gewesen um die Mutter;
War tief im Herzen ja noch weh und wund,
Und manch ein Kuß auf meines Kindleins Wangen
Galt ihr, die viel zu früh von mir gegangen.”
„Als dann der Lenz kam, zog ich wieder in die Ferne
Mit Sang und Laute, wie das meine Art,
Mir Atzung suchend nebst so manchem Heller,
Den jedoch stets ich für mein Kind gespart. —
Eh’ aber noch der erste Schnee gefallen,
Sah mich man wieder nach dem Dörflein wallen.”
„Dies trieb ich volle sechszehn Jahre, liebe Herren!
Nur kürzte ich die Fahrten Jahr für Jahr;
Galt mir doch jede Stunde für verloren,
In der ich fern von meinem Kinde war.
In seiner Nähe war mir Glück und Frieden,
Wie vor- und nachher nimmermehr, beschieden.”
„Gleich einer frischen Rosen, die sich früh entknospet
Im Morgenthau, vom Sonnenstrahl begrüßt,
Die keusche Blüte nur erst halb erschlossen,
Als ob im Traum der Lenz sie wach geküßt,
So war mein Mägdlein, schön und fein gediehen
In holder Anmuth, ihm von Gott verliehen.”
Es machte mich gar stolz, daß ich der Schönen Vater;
Doch stolzer noch, sah ich, wie lieb und gut
Des Kindes Wesen mit der Zeit geworden;
Fern jedem jugendlichen Uebermuth,
War doch dem Frohsinn ihr Gemüthe offen,
Von keinem Leide noch und Weh getroffen.” —
„Ich aber war im Dorfe in den vielen Jahren
Schier seßhaft worden, auch gar wohl bekannt
Im ganzen Gaue, als der Liederseppel,
Wie dorten mich ein jedes Kind genannt.
Auf keiner Kirmeß’ durfte je ich fehlen,
Wenn ich nicht wollte, daß sie all’ mich schmälen.”
„So schwand die Zeit uns hin, gleich wie im Mai die Wolken,
Wir lebten still in ungestörtem Glück;
Nur eines fehlte, ’s war des Mägdleins Mutter.
Aus ihrem Grabe sehnt’ ich sie zurück,
Um froh, wie ich, bei unserm Kind zu weilen,
Das höchste Erdenglück mit uns zu theilen.”
Hier hielt der Spielmann plötzlich inne mit Erzählen,
Als brächte er es nicht mehr weiter fort.
Kunz aber reichte ihm ein frisches Krüglein:
„Daß nicht die Kehl’ am Ende gar verdorrt!” —
Indeß Herr Heinzens freundlich-stilles Winken
Den Gästen rieth, ihr Gläslein auszutrinken.
Sie thaten’s auch. Doch mochte Keiner plaudern, hielten
Den Blick gespannt dem Sänger zugewandt;
Sein schlicht Erzählen aus dem eignen Leben
Gefiel wohl mehr, als Sagen, altbekannt.
Der Gläser Klingen, sonst war nichts zu hören,
Schien Wirth und Gäst’ im Lauschen gleich zu stören.
„Gesegn’ es Euch der Herrgott, edle Herrn und Damen!”
Hob bald der Sänger an mit neuem Muth,
Doch einem leisen Beben in der Stimme —
„Ihr haltet es dem fremden Mann zu gut,
Wenn er vom Leid auch spricht, so er erfahren;
Gott wolle Euch in Gnaden davor wahren!”
„’s war wieder Frühling worden und die Sonne lachte
Vom blauen Himmel über Wald und Ried;
Viel tausend Schnäblein sangen jeden Morgen
Von Ast und Zweig ihr süßes Minnelied.
Ein Jubeln war’s, ein Durcheinanderklingen,
Was nur ein Stimmlein hatte, mußte singen!”
„Da lockte mich die Märzenluft, durchs Land zu streifen.
Dem Sänger liegt das Wandern ja im Blut;
Waldvögelein und er ha’n gleiches Wesen,
Thun selbst in goldnem Käfig nicht lang gut:
In linder Lust muß es die Flüglein dehnen,
Des Sängers Herz sich in die Ferne sehnen.”
„Begleitet von dem Mägdlein bis zum nächsten Dorfe,
Gings früh am Morgen in den Lenz hinein.
Es sprühte, funkelte in jungen Saaten,
Gleich Adamanten im Juwelenschrein;
Im Busche grünten Faulbeerbaum und Erle,
Von jedem Zweiglein hing des Thaues Perle.”
„Den Weg zu kürzen, mieden wir die breite Straßen
Als kaum wir vor des Dörfleins letztem Haus,
Und, nun im Walde, pflückte sich mein Herzkind
Ein Büschlein Blumen, mir zum Abschiedsstrauß,
In welches es auch manches Kräutlein steckte,
Das, seiner Meinung nach, vor Unglück deckte!”
„Von ferne tönte laut des Gauchgucks frohes Rufen,
Das weithin hallte über Berg und Thal.
Mein Mägdlein gab mir Urlaub soviel Wochen,
Als es erlauschen mocht’ der Rufe Zahl;
Dann jedoch wollte mein es täglich warten,
Bis ich ihm wiederkehre von der Fahrten.”
„Flink schritten wir, bei munterem Geplauder, fürder
Durch junges Grün und hellen Vogelsang,
Als hoch ob uns der Thierburg alte Thürme
Herunter schimmerten vom Felsenhang
Und fernes Klingen eines Hifthorns sagte,
Daß ihr Besitzer just im Walde jagte.”
„Wir achteten nicht drauf. Das Mägdlein plaudert’ fröhlich,
Indeß vom Rain es blaue Veilchen brach.
Schon war nun auch das nächste Dorf durchschritten,
Von wo zurückzugehn die Maid versprach;
Da war es aus mit unsrem trauten Plaudern,
Wir mußten scheiden, half kein länger Zaudern.”
„Ein letztes Mal hatt’ ich dem Kinde noch versprochen,
Zu Haus zu sein in der bestimmten Zeit;
Dann küßt’ ich seine überthränten Wangen
Und schritt, vom Flennen selbst nicht all zu weit,
Mit felsenschwerem Herzen ob dem Scheiden,
Dem Thale zu, durch Haselbusch und Weiden.”
„Von dort, den hellen Blick zur Höhe rückgewendet,
Sah ich mein Mägdlein stehn im Sonnenschein,
Und wurde mir, als hörte ich es rufen:
„Behüet Euch Gott! Herzlieber Vater mein!”
Sein rothes Tüchlein flatterte im Winde —
Ade, Ade, du mein vielsüßes Kinde!”
„Es regnete im selben Sommer mir die Taschen
Voll blanker Heller, wie noch nie vorher.
War aber auch ein reiches Jahr gewesen.
In Tenn’ und Keller blieb kein Plätzlein leer;
Gern ließ das Volk drum seine Batzen springen
Für Lieder, Sang und fröhlich Saitenklingen.”
„Da hielt ich mich denn nicht lang an des Kuckuks Rufzahl,
Es zog mich heimwärts zu auf Schritt und Tritt;
Im Ränzlein, so mir schwer zur Seit’ gehangen,
Hatt’ manchen Kram ich für mein Herzkind mit.
Wie niemals aber, freut’ ich mich im Gehen,
In einem fort auf unser Wiedersehen!”
„’s war früh im Herbste, als ich durch des Dörfleins Gasse
Der Hütte zuschritt, wo mein Kind gewohnt;
Da fiel mir auf, daß meinem lauten Gruße
Die Dörfler nicht, wie früher, froh gelohnt,
Und Unheil schwanend, streckte ich die Schritte,
Bis bald im Stüblein knarrten meine Tritte.”
„Doch statt dem lieben Gruße meines trauten Kindes
Begegnete mir scheu die Pflegerin.
Ihr traurig Willkomm wollte kaum vom Munde,
Es fuhr wie Todesängsten durch mich hin
Und ging es lange, eh’ ich’s mochte wagen,
Verzagten Sinnes nach dem Kind zu fragen.”
„Mit wenig Worten, aber unter vielen Thränen,
Erzählte mir das Weiblein, daß der Weih’
Am selben Tag mein Vögelein sich raubte,
Als ich im Lenz von ihm geschieden sei;
Doch soll es munter auf der Thierburg weilen
Und Tisch und Lager mit dem Herrn dort theilen.”
„Da wich mein bang Gefühl des Zornes närr’schem Toben,
Und Fluch auf Fluch fiel auf des Kindes Haupt;
In blindem Wüthen schwor ich, mich zu rächen
An ihm, der mir mein einzig Kind geraubt.
Aufschreiend: „denen will ich’s Nachtmahl würzen!”
Wollt’, rasend, schon ich aus dem Stüblein stürzen.”
„Da wischte sich die Bäuerin ’s Wasser aus den Augen
Und zog mich neben sich auf eine Bank.
„„Stat Seppel!”” sprach sie, „„magst Dir’s erst beschlafen;
Der auf der Thierburg wüßt’ Dir schlechten Dank
Für Deinen Eifer! Morgen magst Du gehen
Und es versuchen, deine Maid zu sehen!””
„„Ich war schon selber dort, das Mädel aufzusuchen,
Hatt’ jedoch bei dem Gange wenig Glück.
Ist Einer wie der Andere dort oben!
Sie wiesen mich am Thore grob zurück,
Und auf mein Flehn entgegneten die Wächter
Mit Schimpfen nur und spöttischem Gelächter.””
„„Dein Goldkind lebt gar fein! hieß es; pack’ Dich zur Höllen,
Sonst bläuen wir Dir Deinen dürren Leib!
Das Mägdlein soll uns bar erst Kurzweil schaffen,
Eh’ es zum Teufel fährt als runzlig Weib!
Dein Fräulein ließ sich gerne von uns fangen,
Sonst wär’ es nicht allein im Wald gegangen!””
„„Also verhöhnten sie mein Fragen nach dem Kinde,
Daß bald ich, weinend, wieder thalwärts zog.
Glaub’ freilich nimmer, daß es gern gegangen
Wie einer von den Schergen oben log!
Und doch ward mir, seit jener Unglücksstunde,
Vom Mägdlein selber weiter keine Kunde.””
„So klagte mir das Weiblein unter heißen Thränen.
Ein jedes Wort zerriß mir schier das Herz;
Ich selber ward jetzt stumm bei seinem Jammern,
Fand keine Worte meinem Höllenschmerz.
Nur Rache! Rache! tobte es da drinnen,
Der Rache nur gehörte all mein Sinnen.” —
„Noch war es Nacht, als ich mich auf die Füße machte.
In stummer Wuth schritt ich der Thierburg zu,
Stand aber viel zu früh vor deren Mauern;
Denn Herr und Knechte pflogen noch der Ruh’.
Vom Thore trennte mich ein Felsgehänge,
Das steil abfiel wohl hundert Spießen Länge.”
Blieb darum am Geländer bei der Brücke stehen,
Indess mein Blick des Abgrunds Tiefe maß.
Da tönte nahe mir ein lautes Gähnen
Und, wie ich hinsah, regte sich’s im Gras.
Ein Bursche war’s, der schien, wie ich, zu lauern,
Daß sie erwachten hinter ihren Mauern.”
„Bin wäger nicht der Erste! sagte ich zum Burschen,
Als der sich fröstelnd aus dem Grase hob.
Mit schlauem Lächeln jedoch meinte dieser,
Ich möcht’ für mich behalten solches Lob;
Denn er gehöre zu des Burghofs Knechten,
Der halt beim Lichtgang sich verspätet nächten.”
„Dann lehnte er sich mir zur Seite an’s Geländer
Und sah, wie ich, hinunter in die Schlucht.
Mir brannt’ die Zunge, nach dem Kind zu fragen,
Doch hielt ich sie zum Glücke noch in Zucht
Und fragte nur, um auch etwas zu sagen,
Ob in die Kluft er einen Sprung würd’ wagen?”
„Bin doch nicht närrisch, wie die Waldfee, so wir fingen,
Als wir vor etlich Monden auf der Jagd
Im Thale durch des Burgbanns Forsten pirschten!
Noch heute seh’ ich, wie die holde Magd,
Ein Blumenkränzlein um das Haar gewunden,
Im Busche stand, umstellt von unsern Hunden.””
„„War Dir ein Fang,”” erzählte ungefragt der Bursche,
„„Wie selten ihn das Glück dem Waidmann bringt!
Das Mägdlein kratzt und biß gleich sieben Teufeln,
Eh’ unsrem Alten es zuletzt gelingt,
Die Widerstrebende auf’s Roß zu setzen
Und im Galopp mit ihr hierher zu hetzen.””
„„Das Vöglein ließ sich freilich nicht gar lange halten,
Flog in der zweiten Nacht ihm schon davon.
Sieh dort! Das Fensterlein in jenem Thurme,
Dran Eppich rankt,”” — ich sah es leider schon, —
„„Dort sprang’s hinunter, ohne viel zu denken,
Daß sich die Felsen dort am gähsten senken.”
„Dies sprechend, deutete der Bursche auf die Felsen.
Mich aber überlief es heiß und kalt;
Schier wie gelähmt ließ ich die Arme sinken
Und wär’ gestürzt, bot nicht die Brustwehr Halt. —
Will Euch nicht klagen, was ich da empfunden,
In meines Lebens allerschwerster Stunden!”
„Füll’ ihm das Krüglein wieder!” rief Herr Heinz dem Diener.
Doch schaudernd lehnte es der Spielmann ab,
Noch mehr des reich gegönnten Weins zu trinken.
Dann ward es stille, wie vor einem Grab;
Nur im Kamine prasselten die Flammen
Hell überm trocknen Eichenholz zusammen.
Bald jedoch klang’s erschütternd von des Sängers Lippen:
„Das Kind! Mein liebes, süßes Kind war hin! —
Ich hörte kaum drauf, was der Bursch noch sagte,
Dem wohl nur halbwegs ich bei Sinnen schien,
Und noch bis heute fällt’s mir schwer zu glauben,
Daß so der Herrgott ließ mein Liebstes rauben!”
„In’s Herz getroffen, lehnte ich am Rand der Tiefe
Und starrte schweigend in den grausen Schlund.
Mein Kind! Mein Kind! Es war mein einzig Denken.
Dort unten lag’s zerschmettert auf dem Grund.
Glaubt, edle Herren! es mocht’ wenig fehlen,
Daß ich den gleichen Tod nicht auch thät wählen!”
„Der Bursche sah es nicht, wie ich in Weh versunken,
Zur Seiten stand, das Antlitz abgekehrt;
Erzählte fort, bis ich den Kelch des Leidens
Mitsammt der Hefen tropfenweis geleert.
Er selber war es, so mein Kind begraben,
Als sie es später todt gefunden haben.”
„Zum Glücke kündete des Wärtels Horn vom Thurme,
Die Tagwacht drüben an mit lautem Klang;
Sonst hätte ich mich wahrlich noch verrathen,
Da ich nur mühsam meinen Schmerz bezwang
Und nicht viel fehlte, daß ich laut geschrieen,
Dem bittern Leide unnütz Wort verliehen.”
„Als nun der Bursche schwieg und sich zur Brücke wandte,
Die ächzend von der Windberg’ niedersank,
Zog es mich unwillkürlich, ihm zu folgen
In’s Thorstüblein, dort saß ich auf der Bank
Und schaute zu, wie sie den Brei verschlangen;
Selbst mitzuhalten, spürt’ ich kein Verlangen.”
„Doch kam mir nun der Sinn, die Ueberlegung mälig;
Wollt’ wissen, ob der Knecht die Wahrheit sprach.
Ich blieb drum, als sie mit dem Essen fertig,
Noch bei den Mägden, suchte nach und nach
Mit klugen Worten sie dahin zu bringen,
Daß sie von selber an’s Erzählen gingen.”
„Was mir der Bursch berichtete, war leider Wahrheit!
Mein süßes Mägdlein ruhte längst im Grab.
Statt dem von Thierburg sich zur Lust zu geben,
Es lieber sich dem grausen Tod ergab.
Ich aber hatte ihr geflucht, der Reinen,
Um nun, bis an mein End’, dafür zu weinen.”
„Als dann ich Kundschaft hatte, daß der Burgherr täglich
Zur Wildhatz ritt in seinem Tann und Bann,
Schlich unbemerkt ich mich aus Thor und Zingel —
Alleine in der Welt, ein armer Mann!
Lag nichts mir mehr am Leben, wollte sterben;
Doch erst mußt’ ich den Burgherrn noch verderben.”
„Der Zufall half mir, daß ich gleich an’s Werk mocht’ gehen;
Denn, als ich traurig wieder thalwärts ging,
Sah ich den Weg allmälig sich verengen,
Indessen oben eine Felswand hing.
Wie Schuppen fiel es da von meinen Augen,
Mein Kind zu rächen, sollt’ der Hohlweg taugen.”
„In Freuden drob erklomm ich bald die steile Höhe
Und fand dort, wohl vom Blitze hingestreckt,
Schier nah dem Rande einen Baumstamm liegen,
Deß’ knorrig Wurzelwerk den Boden deckt;
Hei! ging’s nun dran mit Wälzen und mit Wiegen,
Bis Stamm und Wurzeln in die Tiefe fliegen.”
„Nun war der Weg gesperrt, sie mußten unten halten,
So lang das Hinderniß nicht fort geräumt.
Schon sah ich Herr und Knecht zerschmettert liegen
Von schwerem Felsblock, den ich ungesäumt
Mit Riesenkräften bis zum Schluchtrand rollte,
Von wo er wuchtig niederdonnern sollte.”
„Dann warf ich mich in’s Moos; doch pflog ich keiner Ruhe,
Es zog mich immer wieder, Stein auf Stein
Zum nahen Hang des Abgrunds hinzuwälzen.
Ich fühlte nicht der schweren Arbeit Pein,
Sah nicht, daß Blut mir von den Händen rannte,
Da ich nur ein Gefühl, die Rache, kannte.”
„Wild pochte mir das Herz, ich jauchzte in Gedanken,
So oft ein Stein dem Rande näher kam.
Hei! will ich ihnen ein Memento singen,
Eh’ sie der Teufel sammt und sonders nahm!
Des Sängers Rache sollten dran sie kennen
Und müßt er selber in der Höllen brennen.”
„Verschnaufend spitzte ich die Ohren. Halt! Sie kommen!
Fern tönt im Wald der Hifte heller Ruf:
Der von der Thierburg reitet aus zum Jagen,
Schon hört ich trappeln seiner Rosse Huf.
Es ward mir schwer, den Ingrimm zu bezwingen,
Den Teufeln nicht die letzte Meß’ zu singen.”
„Da ich mich nicht verrathen durfte, schwieg ich aber
Und ließ sie nähern sich der Felsenwand.
Ein Sang war mir des Rüdenmeisters Fluchen,
Nun der den Hohlweg so verrammelt fand.
Bald folgten, fluchend, jenem auch die andern,
Sah Graf und Knecht in meine Falle wandern.”
„Der Burgherr schrie und tobte auf die Waidgesellen
So gaffend standen vor dem schweren Baum,
Anstatt dem Herrn den Weg rasch frei zu machen;
Dann sah er um sich in dem engen Raum.
Jetzt war es Zeit, mein armes Kind zu rächen,
Ein einz’ger Felsblock sollt’ sie nieder brechen!”
„Da, als der erste Block zur Tiefe donnern sollte,
Den Satan tödtend unter seiner Last,
Sah ich von ungefähr des Grafen Antlitz
Und — fuhr zurück, wie selbst vom Tod erfaßt!
Entsetzen packte mich, mußt’ inne halten,
Statt meiner grausen That zu End’ zu walten.”
„Mein fieberndes Geblüte wähnte klar zu schauen
Ein wohlbekannt Gesicht mit tiefem Blick:
Den alten Rathsherrn, der mich losgeredet,
Als meiner harrte einst des Henkers Strick.
Das Männlein, dem ich meinen Dank vermachte,
Daß ich es um sein liebes Mündel brachte.”
„Es rächt sich alles, rächt sich wohl schon hier auf Erden!
Was ich dem Alten that, das brannte jetzt,
Gleich Flammen, mir zum ersten Mal die Seele,
So daß ich wie ein Wild, vom Hund gehetzt,
Den Blick nicht wendend, lief, was ich nur konnte,
Und erst im sichern Heim mir Ruhe gonnte.” —
„Noch selben Abend gab ich Saitenspiel und Ränzlein
Der Bäuerin; das Singen hatt’ ein End’.
Gebrochnen Muthes zog ich aus dem Dorfe,
Nur sinnend, wie auch ich ein Ende fänd’.
Den Tod ersehnend, schlich ich mich von dannen;
Der Herbststurm fegte schaurig durch die Tannen.”
„So schleppte ich mich hin, das Nöthigste erbettelnd,
Vergeblich hoffend auf des Todes Nahn.
Er blieb mir fern. Ich hatt’ noch des Gefieders,
Das ich mir vorher erst sollt’ rupfen la’n.
Nackt war der Vogel ja, zur Welt gekommen.
Für’s Grab braucht ihm kein Federschmuck zu frommen.”
„Was sollt’ er noch, nun ihm der Weih die Brut gewürget?
Gelähmt die Fittige der bittre Harm?
Hob stolze Hoffnung einst ihn auf zum Himmel,
Am Boden liegt er nun, daß Gott erbarm!
Thät wohl am besten, sich im Hag zu ducken,
Daß Niemand schauen sollt’ sein letztes Zucken.”
„Weil mich der Tod nicht fand, zog aus ich, ihn zu suchen,
Mit einer Söldnerschaar in’s Polenreich. —
Die meisten fielen, wie das Gras im Heuet,
Nur mir blieb ferne der Geselle bleich;
Die Hand, in der das Saitenspiel erklungen,
Sie ward im Feld vom Tode nicht bezwungen.”
„Es fehlte freilich wenig, lag Euch schon im Sande,
Von scharfem Hiebe blutend, hingestreckt,
Den klaren Sinn von Dämmerung umnebelt;
Doch hat Freund Hain mich damit nur geneckt.
Statt als ein tapferer Gesell zu sterben,
Soll ich, wie scheues Wild, am Hag verderben.”
„Denn als die Anderen, die Kampfgefährten suchend,
Tags nach dem Treffen über’s Blachfeld gehn,
Da finden sie auch mich und jeder eilte,
Voll Mitleid dem Todwunden beizustehn.
Ein frischer Trunk gab mir das Leben wieder,
Verwundert hob ich bald die schweren Lider.”
„Da fügte sich’s, daß sie auch jenes Dreibein sahen,
So mir des Henkers Faust einst aufgebrannt,
Hei! war ihr Mitleid Euch nun schnell verflogen,
Als sie den Galgenvogel dran erkannt!
Ich hör’ noch heut’ ihr höhnisch Lachen klingen,
Mit dem sie, mir vorüber, weiter gingen.”
„Doch, dabei ging das letzte Federlein verloren,
Der nackte Vogel änderte den Sinn;
Sein stolzes Wollen bracht’ ihm schlecht Gedeihen,
Was er erstrebt’, deß’ ward ihm kein Gewinn.
Nun beugte er sich demuthvoll im Stillen,
Vor seines Schöpfers weiser Macht und Willen.”
„Es schwand die Kraft mir wieder und ich sank zusammen
In dumpfem Schmerz und bangem Herzeleid;
Auf leisen Sohlen kam die Nacht gewandelt
Und deckte mich mit ihrem dunkeln Kleid.
Dann schlug’s wie Wellen über mir zusammen,
Im Ohre Rauschen, in den Augen Flammen.”
„Wie lange ich bewußtlos lag, ich weiß es nimmer,
Als ich auf einmal hörte, daß man sprach.
Erwachend fand ich mich, zu meinem Staunen,
Auf Stroh gebettet unter Dach und Fach.
Der Tod war wiederum vorbeigezogen,
Ich schien ihm unwerth seines Pfeils und Bogen.”
„Ein niedrig Scheunendach, durch dessen enge Luken
Die Sonne glänzte und des Himmels Blau,
Ein Bündlein Heu, an dem ein Esel kaute,
Und in den Ecken Spinneweben grau,
Das war der Ort, an welchem ich erwachte,
Nicht grad das Paradies, wie ich mir’s dachte.”
„Zu meiner Linken sah ich bärtig Mannsvolk sitzen,
Beim Spiele, doch auch’s Krüglein in der Hand,
Derweilen Weib und Kind am Boden schliefen,
Bei einem Karren, der daneben stand.
Daß zwischen fahrend Volk ich sei gerathen,
Ließ unschwer mich der erste Blick errathen.”
„Barmherzig hatte dies sich meiner angenommen,
Als ich dem Tode nah im Felde lag,
Und nun ich endlich wieder Leben zeigte,
Hielt’s treulich bei mir aus manch lieben Tag,
Bis dann die Zeit kam, wo ich gehen konnte,
Mich nicht mehr matt am grünen Hage sonnte.”
„Zum Danke dafür fuhr ich lang mit den Gesellen,
Die Kreuz und Quer in Stadt und Land herum;
Ihr Treiben aber wollt’ mir nicht gefallen,
Fand viel der Haken, die gewaltig krumm;
Doch wenn ich warnte, bracht’s mir Spott und Schelte,
Daß ich die Freundschaft ihnen schlecht vergelte.”
„So schwieg ich denn, bis es sich also fügte, daß wir
Dem Dorfe nahe, wo ich glücklich war.
Nun hielt mich nichts mehr, ließ das Volk im Stiche
In einer Mondnacht, wie der Tag so klar;
Das stille Hüttlein noch einmal zu sehen,
Konnt’ meiner Sehnsucht ich nicht widerstehen.” —
„Es taugte nichts. Ich fand mich fremde, schier vergessen,
Und statt zu mindern, frischte ich den Schmerz
Nur wieder auf, der manchmal doch geschlummert.
Des Menschen Herz ist wie ein Fels von Erz,
In welchem, unauslöschlich tief, gegraben,
Was wir an Freud und Leid genossen haben.”
„Am zweiten Morgen schon verließ ich drum die Hütte,
Doch diesmal mit der Laute im Geleit.
Ich fand sie noch, ein trautes Angedenken
An freudige, wie kummerhafte Zeit,
Und halte sie seitdem in guten Ehren,
Gleich einem Freund, der hilft das Leid verwehren.”
„In langen Fahrten zog ich singend durch die Gauen,
Und, wenn es anging, mehrtheils ganz allein,
Da ich dem Wesen meines eignen Völkleins
Entfremdet war bis auf den bloßen Schein;
Kam so gen Kostniz, wo der Kaiser tagte,
Und eine Zeitlang es mir bas behagte.”
„Traun! gab’s des bunten Treibens da gar viel zu schauen,
Vom Morgenläuten bis zum Abend spat.
In stolzem Prunk die Fürsten und die Pfaffen,
Viel schöne Frau’n in ihrem besten Staat;
Die weite Stadt mocht kaum sie alle fassen,
So mit dem Kaiser dort zu tagen saßen.”
„Wo Fürsten weilen, weiß der Sänger sich willkommen!
Sie leihen frohen Weisen gern das Ohr;
Auch wissen ihre Damen hold zu lohnen,
Singt man zum Saitenspiel was Schönes vor,
Und Frauenherzen muß der Sänger rühren,
Soll reichen Sold sein Singen ihm erküren.”
„So sang ich fröhlich denn am blauen Schwabenmeere,
Wo blaues Aug’ und blauer Trauben Saft
Das Herz erwärmen, unter blauem Himmel
Man sich in’s Farbenspiel des See’s vergafft. —
Ich würde heut’ noch dort die Saiten spannen,
Trieb scharfer Brandgeruch mich nicht von dannen.” —
„Ein selten Vögelein ließ sich im Garne fangen,
Von arger List und bösem Trug gestellt.
Thut nimmer gut, die Wahrheit grad zu singen,
Daß lauten Ton’s sie in den Ohren gellt;
Ach, wenn die Leute nach der Wahrheit fragen,
Bedenket erst, ob die sie auch vertragen!”
„Das Vögelein, ein Gänserich fernher aus Böheim,
Kam durch sein Schnattern bald auch arg in Noth;
Statt frei Geleite, so man ihm versprochen,
Verdammten sie’s und zwar zum Feuertod. —
Mein’ aber doch, einst kommt ein Schwan gefahren,
Den sie zu braten sich gewißlich wahren!”
„„Ein Unrecht ist’s!”” entschlüpfte es dem Mund des Junkers
So laut, daß sich der Spielmann unterbrach
Und mit Erstaunen auf Herrn Kuonrad blickte,
Aus dessen Antlitz edles Zürnen sprach;
Herr Heinz doch that, als hätt’ er nichts vernommen,
Ließ nur von Kunzen frischen Wein sich kommen.
Der Junker schwieg drum auch, dann sprach der Alte weiter:
„Es ward mir schwül am blauen Bodensee;
Denn jedes Mal, wenn ich den Freimann sehe,
Thut mir das Dreibein auf dem Nacken weh.
Weiß es ja selbst, wie es zu Muth dem Herzen,
Das schuldlos leidet Henkerpein und Schmerzen!”
„Ich sagte drum Valet der Stadt und ihrem Treiben,
Den vollen Humpen und den schönen Frau’n,
Und zog den Rhein herab, die Pfaffengassen,
Mit Sang und Sagen fürbas durch die Gau’n,
Bis sich von ungefähr das Steuer drehte
Und mich der Wind in Euer Thal verwehte.” —
„Ein wunderlieblich Land muß ich den Kletgau preisen,
Mit seinen Fluren, seinen Rebenhöhn;
Umkränzt von goldnen Feldern, grünen Matten,
Liegt Dorf an Dorf, gleichwie ein Garten schön,
Um welchen rings sich wald’ge Berge bauen,
Von denen stolze Burgen niederschauen!”
„Es lernt der Wandrer da ein heiter Völklein kennen;
Nach wackrer Arbeit liebt es Sang und Tanz,
Ist biedern Sinns und wäger hochgemuthet,
Gleich seinen Eichen auf der Berge Kranz.
Hier fühle ich mich wohl, hier möcht’ ich weilen,
Wär’ mein Geschick nicht, durch die Welt zu eilen!” —
„Nun, Herre, kennet Ihr des Vögleins Flug bis jetzo
Und wisset, wo’s die Federlein gela’n.
Ich hoffe, ’s wird einst, nach der letzten Mauser,
Wie andre, neuen, schönern Schmuck empfahn;
Ist doch auch’s Vögelein in Gottes Händen,
Der Euch und ihm wöll fröhlich Urständ spenden!”