Fünftes Kapitel.

Novembermonat hat die Herrschaft übernommen;
In weiße Decken hüllt er Berg und Thal,
Vom Sturm gerüttelt stehen Busch und Bäume,
Des Blätterschmuckes ledig, nackt und kahl.
Was nun nicht Nadeln trägt im Waldreviere
Muß schlafen gehn, damit es nicht erfriere.

Grün Tanngezweig hängt, von des Schneees Last gebogen,
Herunter dort aus den Wachholderstrauch,
Der, übersäet mit blauen Beerlein, pranget,
Regiert der Winter auch mit strengem Brauch;
Indessen rothe Mehl- und Vogelbeeren
Sich ganz umsonst des frühen Todes wehren.

Auf kahlem Zweig sich duckend, zirpt ein Vöglein leise
Und wundert sich, vom Schneemann überrascht,
Daß sein gedecktes Tischchen ausgeblieben,
An dem es gestern noch so frei genascht.
Nun muß es hurtig sich beim Mahle eilen
Und die paar Beerlein mit gar vielen theilen.

Vom bösen Hunger aus dem warmen Nest getrieben,
Das Häslein sich gescharrt am Fichtenbaum,
Hüpft es in Sprüngen, ohne viel zu äugen,
Den Schnee hindurch zum nahen Waldessaum;
Dort grünt ein Saatfeld, nicht zu tief vergraben,
Deß’ zarte Keime es gar köstlich laben.

Auf seinem Pfad stößt Langohr auf die frischen Spuren
Von Seinesgleichen, in den Schnee gedrückt;
Das läßt ihn hoffen, daß nach leckrem Mahle,
Am Ende auch ein muntres Tänzchen glückt,
Denn Lampe hat ein warmes Herz zu Zeiten —
Und läßt sich dann zum Uebermuth verleiten.

In weitem Zickzack schleicht Freund Reinecke nach Hause.
Sein Bäuchlein hat im Thale er gefüllt,
Nun zieht’s ihn bergwärts zum versteckten Baue,
Um dort, in seinen Winterpelz gehüllt,
Den kurzen Tag in Ruhe zu verträumen,
Falls nichts ihn zwingt, sein sicher Heim zu räumen.

Im Matzenthale drüben ziehen Hirsch’ und Rehe,
Für ein paar Stunden satt, sich scheu zurück;
Sie kreuzen auf dem Hornspitz ihre Fährte
Mit manchem waidgerechten Schwarzwildstück.
An schlanken Stämmen hört man Spechte hämmern
Und fern im Osten fängt es an zu dämmern.

Im klaren Aether scheint der Alpenkranz so nahe,
Als trennte nur die Breite einer Hand;
Die weißen Häupter werfen scharfe Schatten,
In tiefer Bläue stehen Schrund und Wand.
Schon wogt in Gluthen und in goldnen Blitzen
Das Morgenroth um eisverhüllte Spitzen.

Aus Purpurschleiern hebt sich säumig nun die Sonne,
Als goldner Ball beginnend ihren Lauf;
Die wen’gen Strahlen, so sie heut’ begleiten,
Sie schossen vor ihr schon am Himmel auf,
Beleuchten rosenfarb des Schlosses Fronte,
Indeß’ sie selbst noch tief am Horizonte.

Doch weh! Die goldnen Gluthen, sie verblassen wieder;
Gleich Schleiern sinkt es um der Berge Haupt,
Der Wolken zart Geweb’ wird mälig dichter,
So daß sein Grau dem Blick die Fernsicht raubt.
Schon ist auch von der Sonn’ nichts mehr zu sehen,
Vom Randen her zieht scharf des Nordwinds Wehen.

Da, horch! Es tönt vom niedern Hungerberg herüber
Ein hell Halali! durch die Morgenluft,
Dem bald, als ob es drauf gewartet hätte,
Vom Thurm des Wärtels Horn die Antwort ruft;
Dann poltert Hufschlag auf der Brücke Bohlen
Und „Waidmanns Heil!” hört man vom Bergfried johlen. —

Es war Herr Kuonrad und der Vogt, die hoch zu Rosse,
Begleitet von des Schlosses Jägertroß,
In’s nahe Matzenthal hinüber ritten,
Wo Küssaberg das Wildbannrecht genoß.
Statt Hansli, der noch lahmte, führte heute
Der dicke Kunz der Rüden laute Meute.

Wie oft schon, so auch kürzlich wieder, lud die Nachbarn
Von Wasserstelz der Vogt zur hohen Jagd,
Vereinigt wollten sie am Tage pirschen
Und dann probiren, wie der „Neu” behagt,
Mit dem Herr Heinz, nach stattgehabtem Hetzen,
Die Freunde dachte gastlich zu ergötzen.

Der Freiherr und sein Sprößling Udo, sie versprachens.
Nun mußte Jochen dran, nach Waidmannsbrauch,
Im Walde einen „Hirzen” zu bestät’gen;
Da gestern dies gelang dem schlauen Gauch,
So ließ noch spät der Vogt den Herrn berichten,
Sie möchten sich für heut’ auf’s Jagen richten.

Im jungen Schlage drüben, bei den sieben Wegen,
Soll man sich treffen, war es abgemacht.
Nun sind die Gäste angelangt und harren
Bei einem Feuer, das sie flink entfacht,
Des Freundes, während Udo’s Jägersegen
Ihm schon von weitem hallte froh entgegen.

Und nun — ei sieh! Herr Kuonrad wollte sich’s kaum glauben,
Als auch er Adelgunden da erblickt’,
Die hoch zu Roß, doch ohne Jagdgewaffen,
Erröthend ihm und fast vertraulich nickt’
Und vorgab, daß kein lustiger Ergetzen
Sie kenne, als des Waldes Wild zu hetzen.

Ein kurzer Gruß und fort gings, nach des Leithunds Führung,
Waldeinwärts bald auf tiefverschneitem Weg,
Der, nicht gar lang, zum Matzenthal sie brachte,
Da Jochens „Hirz” im dichtesten Geheg
Ein stilles Ruheplätzchen auserlesen,
Wo er sich niederthat nach jedem Aesen.

Von Jochen gestern schon geknickte Zweige weisen
Den Pfad dem Schlauen zu des Thieres Stand,
Nun auch der Wind ihm glücklich abgewonnen,
Giebt er dem Kunz ein Zeichen mit der Hand;
Der löst die Koppel frei, die Rüden rasen
Dem Dickicht zu mit tief gesenkten Nasen.

Nun, zierlich Rehlein, auf! und Du, Freund Lampe, ducke
Dich tief in’s Nestlein unterm lockern Schnee!
Mit Windeseile nahen sich die Feinde,
Und Spieß und Armbrust bringen Tod und Weh;
Gilt’s auch dem „Achtzehnender” heut’, dem Stolzen,
Gar leicht verirren sich des Waidmanns Bolzen!

Durch Wald und Buschwerk stürmt es hin in wildem Jagen,
Der Hirsch voran in unentwegtem Muth;
Laut schallt es Hussa! Hallo! Holla! Heda!
Wo eben noch die Stille selbst geruht.
Die Meute bellt, es hallt der Jäger Rufen,
Der Boden bebt fast unter Rosses Hufen.

In weiten Sprüngen geht es über Wurzeln, Gräben,
Dem Flüchtling nach, wie eilig der mocht’ fliehn,
Und mit den Jägern hetzt auch Adelgunde,
Dem Junker stets zur Seite bleibend, hin.
Was treibt die Maid solch’ kühnen Ritt zu wagen,
Im Fluge durch des Waldes Dickicht jagen?

Ja, wer der Frauen Herze ganz durchschauen könnte
Mit klarem Blicke bis zum tiefsten Grund,
Den Pfaden folgen, die zur Seele führen,
Dem würde darauf jetzt die Antwort kund
Und damit auch die große Kunst gelungen,
Von der bis heute manches Lied erklungen. —

Die Beiden sausen fort auf schaumbedeckten Rossen,
Daß Adelgundens Kleid im Winde weht;
Dem Junker mangelt Will’ und Weil’ zum Sprechen,
Doch dafür denkt er an Elisabeth,
Und wie auch jene immer mag beginnen,
Er muß sich jedes Mal auf’s Wort besinnen.

So reiten sie dahin in scharfem, heißem Hetzen,
Hoch wirbelt hinter ihnen auf der Schnee;
Ihr Fragen hat das Fräulein aufgegeben
Und fühlt’ im Herzen nun ein seltsam Weh.
Doch kann sie sich nicht von Herr Kuonrad trennen,
Bleibt treu zur Seite ihm beim wilden Rennen.

Ein Halten giebt es nicht, der Jäger kennt kein Rasten,
So lang das Wild noch flink den Tann durchfliegt;
Wie oft es auch im raschen Lauf mag schränken,
Die Rüden ruhen nicht, bis es besiegt.
Die Rosse wissen’s, die den Boden stampfen
Und, vorwärts stürmend, aus den Nüstern dampfen.

Erschüttert zittern die vom Schnee gebognen Zweige
Und schütteln von sich ab die weiße Last;
Die Jäger achten nicht in ihrer Hitze,
Daß wund sie ritzt bald da und dort ein Ast.
„Faß’ Greif! Faß’ Pfeil! Voraus! Hallo, ihr Thiere!”
Gellt’s hallend durch des Waldes weit Reviere.

Jetzt ras’t das wilde Treiben schon dem Rhein entgegen,
Doch immer noch stellt sich der Flüchtling nicht:
Das mächtige Geweihe tief im Nacken,
Saust er durch’s Holz, daß Zweig und Astwerk bricht.
Kein Ruhen giebt’s; bergauf, bergab geht’s weiter,
Die Meute hinter ihm und Roß und Reiter.

* * *

Der Hifte heller Schall war mälig leis verklungen,
Da immer ferner hin sich zog die Jagd,
Als Elsbeth, die dem letzten Klang gelauschet,
Zur Küche eilte, um dort mit der Magd,
Nach Hausfraunbrauch nun weislich zu ermessen,
Was jene rüsten sollt’ zum Abendessen.

Mit Frida fertig, wandte Elsbeth sich an Mechtild,
— Die, seit ihr Hansli ward so gut geheilt
Von seinem Fluge durch die Tannenwipfel,
Beständig fast in ihrer Nähe weilt’ —
Und forderte die auf, sie zu begleiten
Im Palas ein paar Betten zu bereiten.

Seit langher stand die Kemenate unbewohnet,
Die dort für werthe Gäste war bereit;
Drum wurden jetzt die Fenster weit geöffnet,
Daß frische Luft vertrieb die Dumpfigkeit,
Dann ward von Elsbeth Mechtild angewiesen
Vom Staub zu reinigen Gesims und Fliesen.

Sie selber machte sich zu schaffen an den Betten,
So in zwei Nischen des Gemachs erbaut,
Fast einem Dutzend Schläfer Herberg boten,
Ob deren jedem schön ein Himmel blaut.
— An’s offne Fenster, um sie durchzulüften,
Muß Kulter, Pflumit aus den Riesengrüften.

Dann nahm sie aus bemalter Truhe schneeweiß Linnen,
Geübtens Blickes prüfend Stück für Stück;
Ein duftend Kräuterbündlein, so dazwischen,
Schob sie behutsam wiederum zurück.
Bald war gewählt, was passend ihr erschienen
Und zum Beziehn der Betten mußte dienen.

Auf reichen Linnenschatz, von eigner Hand geäufnet,
Hielt damals, wie noch jetzt, die deutsche Frau,
Und was ihr Fleiß in langen Jahren mehrte,
Sie stellt es gerne fremdem Blick zur Schau;
Es zeugen ja die schweren, vollen Truhen,
Wie wenig nur der Hausfrau Hände ruhen. —

Zufriednen Blickes legte sie das Ausgewählte
Zu gleichen Theilen auf die Betten hin;
Mechtildis sollte alles fertig finden,
Wenn Abends sie die mußte überziehn.
Denn vorher brauchte das nicht zu geschehen,
Da sicher spät die Herrn zur Ruhe gehen.

Zu Ende damit, rieb sie die erstarrten Finger,
Vom Froste rosig überhaucht zu schaun;
Denn eisig zog es durch die offnen Fenster,
Und den Kamin — vergaßen sie beim Bau’n,
Lag man nur erst mal zwischen all’ den Kissen,
Ließ ja der letztere sich leichtlich missen.

Der Kälte trotzend schaute Elsbeth aus dem Fenster
Und lauschte, ob sich nicht der Hifte Klang
Vernehmen lasse; es blieb jedoch stille.
Der Nebel wogte um des Schloßbergs Hang;
Wie gerne nähme sie, den Freund zur Seite,
Am Jagen theil, auf flinkem Pferde heute!

Zwar hatte sie die Lust am Waidwerke verloren,
Als eines Hirschen traurig-sanfter Blick
Im Tode sie noch ansah, gleichsam klagend,
Ob dem erlittnen, schmerzlichen Geschick;
Nun fand mit einem Mal sie dran Gefallen,
Im Tann zu reiten, bei des Hifthorns Schallen.

Sie kam sich überhaupt so anders vor, es füllte
Die Seele ihr, wie Paradieses Lust,
Seit jenem Heimritt vom Sankt Vrenenfeste;
Im Sang entstieg der jugendlichen Brust,
Was süß sie ahnte, Lieb und Herzensfrieden,
Die ihrem Innern herrlich nun beschieden.

Von früh bis spät ertönte oft ihr herzig Lachen,
Es schimmerte des Frohsinns holder Schein
Um alle, die in ihrer Nähe weilten;
Doch ihr Geheimniß hielt sie fein allein.
Sie fühlte heißer es im Herzen glühen,
Je mehr sich Aug’ und Mund zu schweigen mühen. —

Wo jene Himmelsblume, die wir Liebe nennen,
Zum ersten Mal erblüht im Menschenherz,
Da weilt das Glück, wohnt Lenzlust, ob der Winter
Sich auch mit Macht ausbreite allerwärts;
Ein wahres Heiligthum ist dann die Seele
Und wandelt vor dem Höchsten ohne Fehle.

Doch, wo der Sinne Lust ein thöricht Herz beherrschet,
Da stirbt gar bald der Blume feiner Duft;
Von Leidenschaft wird unser Sein verbittert,
Zu kaltem Winter Lenzes linde Luft.
Die Seligkeit der Liebe geht verloren,
Entschwindet wieder, da sie kaum geboren. —

In Elsbeths Herzen war der Frühling eingezogen,
Sie fühlte ihrer Liebe süßen Bann
Und war zufrieden in dem stillen Wahne,
Es liebe wieder sie der liebe Mann;
Ein Lächeln von ihm und ihn nah’ zu wissen,
Genügte ihr und ließ sie Alles missen.

Getheilet in ihr Wirken zu des Hauses Bestem
Und tief empfundener Glückseligkeit,
Entflohen ihr des Herbstes kurze Tage,
Daß kaum sie merkte, wie verging die Zeit;
Sie waltete, froh im Gefühl der Minne,
Des Tagewerks mit immer heitrem Sinne.

Herr Kuonrad selber hatte, seit dem Ritt im Mondschein,
Mit jener Frage nie sie mehr bedrängt;
Auch gab er zu, bei Gängen nach dem Thale,
Daß Kunz ihr Körblein an den Arm sich hängt.
Er mußte, Elsbeth’s wegen, sich bezwingen,
Ihr kalt erscheinen, nur wollt’s nicht gelingen.

Oft zehn Mal täglich schritt er durch des Schlosses Räume,
Und hoffte daß sie ihm begegnen muß;
Wenn alsdann Elsbeth, neben ihren Pflichten,
Für ihn noch Zeit gewann zu Blick und Gruß,
Dann ward ihm jedes Mal gar froh zu Muthe
Und wußt’ ein trautes Wort er für die Gute.

Bald war’s ein stetes Meiden und sich wieder suchen,
Es wußten Beide nicht, wie es geschehn,
Daß sie, die eben in der Halle schieden,
Im Letzegang sich plötzlich wieder sehn;
Doch hörte Keines man mit Worten sagen,
Was ihre Blicke zu bekennen wagen.

Herr Kuonrad kämpfte freilich mit dem eignen Herzen
Dazwischen öfters um den Siegespreis,
Von Tag zu Tage aber ward er müder
Und gönnte jenem, daß es siegte, leis’.
Wohl selten ist Vernunft nicht unterlegen,
Trat ihr im Kampf ein warmes Herz entgegen.

Mit jeder Stunde, welche er im Schlosse weilte,
Verblaßte ihm des Bäsleins Bildniß mehr;
Bewundernd sah er Elsbeths sinnig Walten
Und wie nur Segen blühte um sie her.
Ein süßer Zauber hielt ihn fest befangen,
Dem zu entfliehn ihm mangelt’ das Verlangen.

Es klang so süß dem Ohre, wenn vom Söller nieder,
Er jeden Morgen ihr „Grüß Gott!” vernahm,
Und sang sie Abends mit den Spinnerinnen,
War’s sicher, daß den Weg er dorthin nahm,
Und oft den Freund allein beim Kännlein Weine
Mit Benno ziehen ließ die Brettspielsteine.

In ungeahnter Wonne hob es ihm die Seele
Bei dem Gedanken, daß ihn Elsbeth liebt’;
Die holde Blume mit dem keuschen Herzen,
In ihrer Unschuld sich ihm eigen giebt.
Nichts soll ihm fürder mehr das Herz bethören,
Er will nur ihr auf immer angehören!

Sein einzig Sehnen war, nur bald sie sein zu nennen,
Ihr auszuschütten sein gequältes Herz
Und ihr bekennen, daß sie ihn besiegte;
Vor seiner Liebe schmolz des Panzers Erz,
In dem er seine Ruh’ geborgen glaubte,
Eh sie durch ihren Liebreiz die ihm raubte.

Längst wünschte er für sich zu offnem Minnewerben
Die schicklichste Gelegenheit herbei,
Und schien ihm endlich, daß auch die sich biete,
Denn er fand in des Vogtes Bücherei
Ein Bündlein Schriften, „Parzifal” geheißen,
Das nur der Zufall schützte vorm zerreißen.

Gern hatte sie erlaubt, ihr daraus vorzulesen,
Wenn es im Lauf des Tages mal gelang’,
Daß sie ein kurzes Stündlein der Erholung
Von ihren vielen Pflichten sich errang.
Dann, ganz allein mit ihr, wird es wohl gehen,
Der Lieblichen die Minne zu gestehen.

Nach ihrem Willen sollte heute nun Herr Kuonrad
Ans Lesen jener alten Sage gehn,
Daß auch sich Elsbeth darauf hin schon freute,
Vermochte er an ihrem Blick zu sehn,
Da — lud der Vogt ihn gestern ein zum Jagen,
Und mußte seinen Plan er drum vertagen. —

Noch lauschte Elsbeth am weit offnen Bogenfenster
Vergeblich auf des Jagdhorns hellen Klang.
Sie konnte heut’ nicht singen, war nicht fröhlich,
Auf ihrer Seele lastete es bang,
Als ob ein trübes Ahnen sie durchschauert;
Nur ist ihr nicht bewußt, warum sie trauert.

Mechtildis, der das stille Wesen Elsbeths auffiel,
Zermarterte indessen ihr Gehirn
Zu rathen, was der lieben Herrin fehle;
Verlegen rieb sie aber bald die Stirn’
Und war schon dran sich heimlich auszuschelten,
Weil die Gedanken dort nur Hansli gelten.

Jetzt jedoch wandte Elsbeth sich zu ihr und fragte:
„Sag’ Kind! ist Dir Dein Schatz auch wirklich gut?”
Es kam dies unvermittelt, klang wie Zweifel,
So daß Mechtildis schier entfiel der Muth,
Die längst gewohnte Antwort zu erneuern
Und Hansli’s Liebe zu ihr zu betheuern.

„Das will ich bas vermeinen!” sprach sie, glutroth werdend,
„Sein bester Freund bin ich, sein Trost, sein Glück,
Und sollt’ ich zweifeln, muß der Zweifel schwinden,
Wenn ich mir sage, wie manch’ schönes Stück
Vom kargen Jahrlohn mir der Gute spendet,
Ja, oft ihn nur für mich allein verwendet!

„Bald ist’s ein Tüchlein, so er eingehandelt, oder
Ein Band ins Haar, wie dieses, das Ihr heut’
In meinen Zöpfen eingeflochten sehet;
Kurz immer etwas, das ein Mägdlein freut.
Auch fühlt es jede ja im Herzen drinne
Ob einer gut ist ihr in wahrer Minne!”

„Die schönste Scheibe, so am Fastnachtabend glühend
Vom Hungerberg sie schleuderten zu Thal,
Schier wie ein feurig Rad flog sie durch’s Dunkel,
Gehörte Hansli, und er rief drei mal, —
Daß ja die Chnaben nicht im Zweifel blieben,
Mit lauter Stimme — sie sei mir getrieben!”

„Ich thät ihn lange nicht an unsern Junker tauschen,”
— Nun übergoß die Herrin es mit Glut —
„Ist der auch fürnehm und von feinen Sitten,
So schaut mein Hansli aus, wie Milch und Blut
Und kann, wie keiner, schöne Weisen singen,
Gilt’s Mechtild seinen Abendgruß zu bringen!”

„Das weiß ich!” fiel ihr lächelnd Elsbeth in die Rede,
„Das weiß ich, Traute! Du sprachst immer so.
Auch würde wohl sich Jede glücklich preisen,
Wär sie, wie Du, so ihrer Liebe froh; —
Denn lieben müssen wir, das ist uns eigen,
Mag man’s nun hehlen, oder offen zeigen!”

„Dochs will mir scheinen, ist nur jene Liebe wahrhaft,
Die jeder Zeit der Treue sich befliß
Und drum, was Dich so froh von Lieb läßt reden,
Ist sicher Hansli’s Treue Dir gewiß!
Ei, wurde Dir noch niemals heimlich bange,
Daß er nach einer anderen verlange?”

„Nein, Herrin!” rief da Mechtild, „wär’ dies Liebe,
Die erst der Treue sich versehen muß?
Ist Einer einer zugethan von Herzen,
So sieht sie’s schon am ersten Blick, am Gruß,
Oh er’s auch ehrlich mit der Treue meine,
Sonst würde sie ja nimmermehr die Seine!”

„Wo Zweie sich, wie ich und Hansli, gut von Herzen,
Da hat der liebe Gott es so gefügt,
Und darum wohl zu bangen unvonnöthen,
Daß etwan eines sich im andern trügt.
Doch käm’ es so, wie Ihr halb prophezeiet,
So wüßt’ ich Eine — die selbst dies verzeihet!”

Mechtildens Antwort mußte Elsbeth hoch erfreuen,
Denn sie hob mit der Hand des Mägdlein’s Kinn,
Und küßte ihr die Wange mit den Worten:
„Mir fuhr die Frage nur so durch den Sinn,
Du Trautkind! Ja, wie Du liebst, das heißt lieben;
Auf ewig Einem eigen sich verschrieben!” —

So man vom Wolf spricht, ist er nahe! sagt ein Sprüchlein.
Noch hinkend kam jetzt Hansli durch den Gang
Und meldete, mit einem Blick auf Mechtild,
Daß auf dem Hof ein Bauernweib schon lang
Mit ihrem Büblein in der Kälte stehe
Und jammernd um der Herrin Hülfe flehe.

Als Elsbeth dies vernommen, säumte sie nicht lange,
Zum Hofe ging’s auf flinken Füßen fort;
Dort trat ihr zaghaft, bleich ein Weib entgegen,
Das früh’ schon herkam aus dem nächsten Ort,
Mit einem Büblein, so, vor Schmerz im Finger,
Laut aufschrie, daß es wiederscholl im Zwinger.

Die Herrin schauend, hielt es jedoch ein mit Schreien
Und sah durch Thränen scheu zu ihr empor,
Wie sie sich mild an seine Mutter wandte,
Die vor ihr stand wie ein gebrochen Rohr
Und erst, nach freundlich wiederholten Fragen,
Den Mund aufthat, sein Leiden ihr zu klagen.

Nun die zu Ende, zog Elsbeth das Büblein näher
Und löste langsam und mit leichter Hand
Dem Zagen, unter kosendem Geplauder,
Vom hochgeschwollnen Finger den Verband;
Der Kleine zuckte zwar, von Schmerz gepeinigt,
Als sie nun auch das kranke Glied ihm reinigt’.

„Da sitzt der Wurm im Finger,” sprach sie drauf bedächtig,
„Und darum sind die Schmerzen auch so groß.
Die Heilung zu erreichen, ist’s am besten
Wir beizen mälig die Geschwulst ihm los.
Verweil’ Dich also etwas mit dem Kinde,
Bis ich das rechte Kräutlein dazu finde.”

Doch eh’ sie ging, schritt sie noch in die Thurmthorhalle
Und schnitt vom Brod, das für’s Gesind dort war,
In aller Eile ein paar große Stücke;
Die reichte drauf sie Beiden freundlich dar
Um, während Kind und Mutter daran kauen,
Im Stüblein oben nach dem Kraut zu schauen.

Es lag zur Hand, wie noch ein Sälblein und alt Linnen,
Das letztre zum Gebrauche fein gezupft.
Schnell war jetzt Elsbeth wieder bei dem Büblein,
Deß’ Finger mit dem Sälblein sie betupft’;
Dann blies sie drei Mal mit dem Rosenmunde
Ein leises „Heilo, Segen!” auf die Wunde.

Zum Schlusse ward der kranke Finger gut verbunden
Und noch dem Weib die Anweisung ertheilt,
Wie Kraut und Sälblein zu gebrauchen seien,
Daß bald das kranke Glied des Bübleins heilt.
Doch nun die Beiden vor ihr knieen wollen,
Hieß sie sie freundlich ihres Weges trollen. —

Sie selber aber ging zu Frida in die Küche
Um nachzuschauen, daß zur rechten Zeit,
Das Essen für die Gäste fertig werde,
Denn bis zum Abend ist es nicht mehr weit.
Es war auch noch der Würzwein zu bereiten,
Ein warm Getränk, die Mahlzeit einzuleiten.

Dann eilte wieder sie in’s Palas. Hier, im Saale,
Wo jeder Tritt ein lautes Echo weckt,
Gab es noch viel zu thun, denn Mechtild hatte
Nur erst den großen Eichentisch gedeckt.
Nun gingen hurtig sie daran zu Zweien,
Vom Buffert Glas und Teller sich zu leihen.

Sie waren noch nicht fertig, als die Thüre aufging
Und Hansli mit der neuen Meldung naht’,
Daß sich ein Spielmann eingefunden habe,
Der für die Nacht um warmes Obdach bat;
So man es wünsche, wolle gern er singen,
Auch sei ihm Kundschaft von gar vielen Dingen.

„Gewähr’ ihm Herberg, Hansli,” — war der Herrin Antwort,
„Und von dem Heurigen ’nen vollen Krug;
Doch ja nicht mehr!” ergänzte sie mit Lachen,
„Denn Spielleut’ haben immer guten Zug.
Läßt ihn der Vater dann zur Nacht verbleiben,
Mag er mit Singen uns die Zeit vertreiben!”

Zufrieden mit der Antwort hinkte Hansli wieder
Zum Schloßthor hin, wo, frierend, auf der Bank
Der Spielmann saß und des Bescheides harrte,
Und nun er den erfuhr, mit vielem Dank
Dem Knechte folgte in die warme Halle,
Wo bald sein Lied erklang in munterm Schalle.

„Das fahrende Gesindlein riecht’s wohl schon von Weitem
Wenn etwas Gutes auf den Tisch geräth;
Gleich läßt es links die breite Straßen liegen,
Um nachzusehen, wo der Spieß sich dreht.
Am liebsten, glaub’ ich, haben sie die Gassen,
Da ihre Kessel in die Herdstatt passen!”

„„Es sind die Vögelein, von denen ja geschrieben,
Sie säen nicht und ernten nicht, Mechtild!
Und doch ernährt auch sie des Schöpfers Güte!””
Entgegnete dem Mädchen Elsbeth mild.
„„Nicht Allen hat der Herrgott es gegeben,
Mit Sing und Sang zu wandeln durch das Leben.””

„Die, so da singen, Herrin! sind mir gern willkommen,
Sie wissen stets so viel Gesätzlein fein,
Mit denen unsre Herzen sie gewinnen
Und haben immer neue Melodei’n;
Des Letzten Sang summt mir noch heut’ in Ohren,
Doch hab’ die Worte dazu ich verloren!”

Inzwischen war der Tisch gedeckt und nun erfreuten
Sich Beide ob des Anblicks, den er bot;
Mechtildens Lob erhielt die Bratenschüssel
Mit Blumenmalerei in Blau und Roth,
Indessen Elsbeth sich der Gläser freute,
Die für die Gäste sie erwählte heute. —

Wie gerne rührt doch Frauenfleiß die zarten Hände
Und achtet weder Mühe noch Beschwer,
Des Mannes Heim behaglich zu gestalten
Und still zu wirken für des Hauses Ehr’;
Was wir im Einzelnen als unnütz hassen,
Die Frau wird sinnig es zum Ganzen passen. —

Noch rückte Elsbeth hier und dort an einem Teller;
Auch glättete gar sorglich ihre Hand
Das Tischtuch, daß sich ja kein Fältchen zeige
Und ebenmäßig hing der rothe Rand;
Derweilen Mechtildis die Stühle stellte,
Auf deren jedem weich ein Kulter schwellte.

Nun nahte, für die Herrin, sich die Zeit zur Schule,
Denn Benno gab nur selten einmal frei,
Und — während Mechtildis noch heizen sollte,
Daß warm der Saal und recht gemüthlich sei —
Es mußte Elsbeth fort zum Unterrichte,
Sonst zog der Kaplan ein gar schief Gesichte.

* * *

Des kurzen Tages langer Abend sank hernieder,
Schon deckten dunkle Schatten Berg und Thal;
Im Schlosse war das Tagewerk vollendet,
Man wartete der Gäste nun zum Mahl;
Leis’ nur, im Frau’ngemach beim Lichtspahnglimmen,
Erklangen noch der Spinnerinnen Stimmen.

Doch um so lauter klang es dafür aus der Halle
Im Hofe, wo der Spielmann dem Gesind’
Auf einer Laute Lied für Lied vorspielte
Und seines Sangs sich freuten Weib und Kind;
Denn Hansli that, wie es die Herrin wollte,
Nur, daß den größten Krug er jenem holte.

Schanzunen, Leiche, Schwänk’ und neue Trutzgesätzlein
Sang froh zum Saitenspiel des Sängers Mund;
Es würd’ die Kehle doch zu schnelle trocken,
Säh man in einem fort des Kruges Grund.
Wohl blieb gar manch ein Liedlein ungesungen,
Wär’ nicht der Wein, der es hervorgezwungen.

Der Spielmann wiederholte Hansli eben nochmals
Die Weise „von der Minne süßem Born,”
Als er im Singen unterbrochen wurde
Vom lauten Halali aus Jochens Horn;
Zur gleichen Zeit erdröhnte auf der Brücke
Der Rosse Huf; der Jagdzug kam zurücke. —

Ein paar Minuten später war der weite Zwinger
Von Kienholzfackeln flammenroth erhellt,
Es hallte durch das Schloß der Hifte Grüßen,
Zu dem die Meute die Begleitung bellt’;
Derweil die Hörigen die Beute brachten,
So heut’ der Vogt und seine Gäste machten.

Mit seinem Blut den Schnee noch röthend, lag zur Strecke,
Für Alt und Jung beliebte Augenweid’,
Die Beute; jedes Stücklein ward besprochen
Und bas gerühmt des Tages gut Gejaid.
Der Achtzehnender freilich war entkommen,
Da er bei Reckingen den Rhein durchschwommen.

Ein waidgerechter Rehbock mußte dafür büßen.
Nun lag das schöne Thier dahingestreckt
Im Schnee, bei einer Anzahl feister Hasen
Und einem Fuchs, der, aus dem Bau geschreckt
Vom nahgekommenen Geläut der Meute,
Sein warmes Pelzlein lieferte als Beute.

Vom Zwinger wandten sich Herr Heinz und seine Gäste,
Von Hansli angeführt, der leuchten muß,
Dem Palas zu, vor dessen Saale Elsbeth
Schon ihrer harrte mit dem Willkommgruß.
Ein hellblau Kleid mit zugeschnürtem Mieder,
Verhüllte keusch der Schönen zarte Glieder.

Als einz’gen Schmuck trug sie im wundervollen Haare
Ein schmales Schleifchen blaues Seidenband,
Das zu den goldnen Locken auf der Stirne
Ihr, wie sie meinte, stets am schönsten stand.
Doch halt! am kleinen Finger ihrer Linken
Verrieth sich noch ein Ringlein durch sein Blinken.

Des Vaters Gäste nach Verdienst zu ehren, hatte
Die Tochter heute festlich sich geschmückt;
Auf ihren Zügen aber lag’s wie Trauer
Und ihre Seele fühlte sich bedrückt,
Als so sie dastand, vor des Saales Schwelle,
Der Gäste harrend, an der Hausfrau Stelle.

Da näherten sich Schritte; man hört’ lachen, sprechen
Im Gange draußen, so zum Saale führt.
„Mein Gott! ist das nicht Fräulein Adelgunde?”
Frug Elsbeth sich, schier gar vom Schlag gerührt;
Denn solchen Gastes dacht’ sie nicht beim Decken,
Mocht’ auch den Argwohn ihr noch nichts erwecken.

Sie faßte jedoch Muth und trat ihr rasch entgegen,
Gelassen grüßend, während jene lacht’,
Daß, obwohl unerwartet hergekommen,
Sie doch um Herberg bitte für die Nacht;
Was Elsbeth, der dies zwar nicht ganz behagte,
Dem Fräulein nimmer abzuschlagen wagte.

Als letzter kam Herr Kuonrad; Elsbeths freundlich Grüßen
Vergalt er traut mit seinem Druck der Hand,
Indeß ein Blick aus ihren blauen Sternen
Blitzschnell den Weg in seine Augen fand.
Ihm war die frohe Laune wieder kommen,
Sobald den Rückweg man zum Schloß genommen.

Geschäftig half er jetzt der Herrin aus der Schale
Die Gläser füllen mit gewärmtem Wein;
Der schimmerte im Glase wie Karfunkeln
und duftete gar fein nach Nägelein,
Die sie zum Trunk als gute Würze mischte,
So daß die Müden er von Grund erfrischte.

Und nicht nur dies. Er scheuchte auch davon den Aerger,
So ihnen der entkomm’ne Hirsch gemacht.
Es füllte Elsbeth fleißig drum die Gläser
Und, als dem Fräulein sie eins dargebracht,
Ließ die sich schnell von ihrem Wort bewegen,
Das pelzverbrämte Schäublein abzulegen.

Indessen noch die Herrn am Weine sich erlabten,
Belegte sie dann für den schönen Gast
Am Tisch den Ehrenplatz zu ihrer Rechten,
Mit Glas und Teller, wie’s dem Fräulein paßt;
Gleich drauf kam Mechtild, um ihr anzusagen,
Daß für die Gäste schon sie aufgetragen.

Fromm kreuzte Elsbeth einen Augenblick die Hände,
Eh’ sie die Gäste hin zum Tische bat,
Auf dem ein Schweinebraten duftend dampfte,
Den rings umkränzte köstlicher Salat.
Nun ließen diese sich nicht lange bitten,
Bis sie vergnüglich zu der Tafel schritten.

Nur Benno fehlte; er war noch zu Thal gegangen,
Wo spät ein kranker Bauer ihn begehrt’.
Den letzten Wegtrost sollt’ er diesem spenden
Zu jener Reise, von der Niemand kehrt.
Es hatte zwar, das Jägermahl zu theilen,
Der Kaplan gern versprochen, sich zu eilen.

Der liebste Gast am Tisch ist der, so sich’s läßt schmecken,
Und hungrig denkt kein Waidmann auszuruhn;
Mit Krug und Schüssel alle zu bedienen,
Gab Kunz und Mechtild heute viel zu thun;
Doch dafür rühmten auch die Herrn das Essen
Und blieb der Heurige nicht unvergessen.

Er gährte noch; sein süßlich-herbes Prickeln übte
Als Sauser über Alt und Jung Gewalt;
Sie nippten, schlürften, schnalzten mit der Zunge,
Froh prüfend seinen geistigen Gehalt.
Ein köstlich Ding ist doch der Saft der Reben,
Wenn Gott dem Weinstock recht Gedeihn gegeben.

Vergnüglich hob der alte Wasserstelz sein Gläslein
Und trank auf seines Nachbars Gastfreiheit.
Herr Heinz bedankte sich und bat bescheiden,
Vorlieb zu nehmen mit der Kleinigkeit,
Die sie den werthen Gästen heute wagen,
In Krug und Schüssel freundlich aufzutragen.

Drauf hob der Junker seins und zwar zum Wohl der Frauen,
Auf ihre Zucht und nimmermüden Fleiß,
Mit welchen sie der Männer Dasein schmücken
Und rastlos wirken zu des Hauses Preis.
Ein „Heilo ihnen!” scholl aus aller Munde,
Derweil die Gläser klangen in der Runde;

Jetzt, während Adelgunde noch darüber nachsann,
Wem zunächst wohl Herr Kuonrads Sprüchlein galt,
Hob Elsbeth auch das Gläslein, bat den Junker,
Indeß ihr lieblich Antlitz sich bemalt
Mit tiefen Gluthen auf den Sammetwangen,
Den Dank für’s schöne Sprüchlein zu empfangen.

Ihr war es klar gewesen, wem sein Spruch gegolten,
Und nun verschwand schnell die Befangenheit,
So sie, als Adelgunde kam, beschlichen,
Wie einst in Zurzach bei der Festmahlzeit;
Doch dafür zeigten jetzt des Fräuleins Mienen,
Daß wohl auch dieser etwas klar erschienen.

Noch brachte Freiherr Udo ein gelungen Sprüchlein
Dem grünen Wald und wackerem Gejaid,
Daß froh die Herren nach dem Glase griffen,
Es leerend ihm zu ehrlichem Bescheid;
Dann aber ward das Waidwerk selbst besprochen,
Von manchem Scherz des Schloßvogts unterbrochen.

Er und der alte Wasserstelz, sie überboten
Einander oft in spaßigem Latein,
Drin’ wohl bewandert Sankt Huberti Jünger;
Wir andern fabeln lange nicht so — fein.
Bald wurde manches Stücklein aufgetischet
Das, wenn nicht wahr, doch den Humor erfrischet. —

Herr Kuonrad und Herr Udo plauderten indessen,
Wie dies bei jungen Herren immer geht,
Viel lieber mit den Fräulein, die wie Blumen
Drein schauten, um die lind ein Zephyr weht;
Nur ab und zu sah man sie einmal nippen,
Zu netzen sich die blühend rothen Lippen.

In üppig-voller Reife prangte Adelgunde
Und ihrer Schönheit sich gar wohl bewußt;
Die feinen Lippen zeigten Perlenreihen,
In schöner Rundung wölbte sich die Brust,
Die Sammetwangen sah man rosig blühen,
Und aus den Augen dunkle Gluten sprühen.

Des Schlosses Herrin dafür, schlank und fein gestaltet,
Glich einer Blume, der im Kelch der Thau
Noch schimmert; unter langen, seidnen Wimpern
Erglänzte herrlich ihrer Augen Blau.
Zum edeln Antlitz mit den Engelszügen
Sah man der Jugend Liebreiz hold sich fügen. —

Mit leisen Zeichen, wie sie nur der Liebe eigen, —
Ein Blick, ein Händedruck, ein halbes Wort, —
Wußt bald Herr Kuonrad Elsbeth viel zu sagen
Und hielt im Athem sie in Einem fort.
Ging auch die Rede oft an Adelgunden,
Geschah dies bloß, um Anstand zu bekunden.

Zwar rühmte lebhaft er des Fräuleins tapfer Reiten;
Wie sie beim Hetzen ihm zur Seite blieb,
Wenn gleich die Pferde wie im Sturm hinflogen,
Und das Gezweig scharf auf die Reiter hieb;
Doch Adelgunde lauschte kaum den Worten,
Ihr war’s, als ob die Blicke sich umflorten.

Sie hatte mehr und schöneres gehofft zu hören,
Als solches Lob; das hätt’ sie ihm geschenkt,
Der ihr heut’ selten mal ein Wörtlein gönnte,
Auf was sie immer auch die Rede lenkt’.
Es sollte ihr nicht weh thun tief im Herzen,
Nun sie ihn sah, mit diesem Kinde scherzen?

Als ob auf einmal sie nichts andres interessirte,
Als was Herr Heinz und auch ihr Vater sprach,
So rückte Adelgunde zu den Herren;
Doch hielt sie dabei Aug’ und Ohren wach,
Um Elsbeth und den Junker zu belauschen,
Wenn sie zur Kurzweil Wort und Blicke tauschen. —

Herr Heinz sprach aber von der Thalgemeinden Offnung,
Nach deren Formel zweimal jedes Jahr
Geurtelt ward von Rheinheims „Kellerrichter;”
„Es lauten diese freilich ganz und gar
Nach uraltheimisch gängen Rechtssprüchwörtern
Und Rechtsgebräuchen, wie an wenig Oertern.”

„Doch trennen sich die Alten ungern von den Schöffen
Vermeinend, daß sonst nirgend Recht gedeiht,
Als nur, wo auch dem Bauer Sitz und Stimme
Ein längstveraltetes Gesetz verleiht;
Sie wollen nicht von ihrem Rechte lassen,
Zu dessen Praktik Reim und Sprüchwort passen.”

„Die Jungen freilich halten wenig mehr vom Brauche,
Sie holen sich ihr Recht bei mir im Schloß
Und wissen, unterm Krummstab ist gut wohnen,
Wenn es auch ihrer manchen schon verdroß,
Daß ich mich nie nach ihrer Offnung richte
Und nicht nach halb vergessnen Sprüchen schlichte.”

„Nur ist’s nicht immer leicht, beim Amt den Ernst zu wahren,”
Erzählte fort der Vogt und strich den Bart,
„Gar oft will sich ein Schalk hinzugesellen,
Der Scherz und Ernst eng miteinander paart:
So sollt ich jüngsthin wieder Rechtens walten —
Und konnt mich doch des Lachens kaum enthalten.”

„Ein Jude aus dem nächsten Städtlein, so Ihr kennet
Begegnet jüngst auf seinem Weg durch’s Thal
Am Wege etlich meisterlosen Buben,
’s war grade Sonntags, nach dem Mittagsmahl.
„„Giebt’s nichts zu handeln?”” ist des Juden Frage,
Derweil er zu den Chnaben trat am Hage.”

„„’s ist heute Sonntag, Jude! da wird nicht gehandelt,
Doch haben dafür wir zur Kurzweil Zeit!...””
„„Sprich, glaubst Du, daß der Herr ist auferstanden,
Vom Tod befreit für alle Ewigkeit?””
„So sprach, ihn neckend, einer von den Chnaben,
Die schon den Juden in der Mitte haben.”

„„Hätt’ er ’nen Stuhl gehabt, wär’ er gesessen!””„lautet
Die schlaue Antwort aus des Juden Mund.
Die Buben aber, keinen Spaß verstehend,
Sie streichen dafür ihm den Rücken wund;
Es rührt sie nicht des armen Schnaufers Klagen,
Sie fahren fort mit fragen und mit schlagen.”

„Er jedoch hält voll Eigensinn an seinen Worten
Und läßt vom Stuhle nicht ein Beinchen ab;
Die Buben werden dringlicher im Fragen,
Es regnet Schläge hageldicht herab.
Der Jude aber läßt sich nicht erweichen,
Er bleibt bei seinem Stuhle trotz den Streichen.”

„Da, wie sie just im besten Zuge waren, fügt’ sich’s,
Daß grad der Dorfvogt kam des Wegs daher.
Wie den die Buben sehen, geht’s an’s Laufen
Und ist natürlich nun die Straße leer,
Bis auf den Juden, der mit lautem Heulen
Dem Vogte zeigte die erhalt’nen Beulen.”

„Voll Mitleid für den Juden, und auf dessen Bitten,
Begleitet er ihn endlich hier herauf.
Daß ich die Argen strenge büßen möge,
Erzählte selbst der Jud’ mir den Verlauf
Der Sache; schwörend, daß sein wunder Rücken
Ihn hindere, geziemend sich zu bücken.” —

„Doch, Edler! Ihr versäumet ja des Trunks zu pflegen,
Stoßt an! Wir zwingen noch ein Gläslein Wein!
Im Faß, wo der gelegen seit dem Herbste,
Wird hoffentlich auch mehr zu finden sein!...”
Hier unterbrach Herr Heinz sich, denn gar willig
Thät ihm der Gast Bescheid, wie recht und billig.

Drauf aber, während Kunz die Gläser wieder füllte,
Fuhr desto frischer er zu reden fort:
„Als ich den Juden frage, ob er Zeugen habe,
Da vor Gericht nicht gilt Hebräer Wort,
Schwört er, daß es der Dorfvogt wohl gesehen,
Von wem und wie die Unbill ihm geschehen.”

„Wie jener dieses hört, zieht er die Stirn in Falten
Und spricht: „„Gesehen hab ich nichts; ich fand,
Durch sein erbärmlich Flennen hingezogen,
Den Juden ganz allein am Wegesrand.
Doch, wer den Rücken ihm so blau geschlagen,
Gestrenger Herr! vermag ich nicht zu sagen!””

„Jetzt heult der Jud’ erst recht und lamentirt so gräulich,
Daß es noch heut’ in meinen Ohren gellt;
In seinem Aerger schalt er derb den Bauern,
Der, ihm zu leide, sich so blind gestellt,
Und dieser, dem das Schimpfen arg mißfallen,
Zwingt kaum noch nieder seines Zornes Wallen.”

„Ergötzend mich an ihrem Für und Wider, hörte
Ich ihnen ab, bis die dort zu uns kam.”
— Er wies aus Elsbeth hin, die eben Mechtild
’ne Schüssel Kräpflein aus den Händen nahm
Und artig sie dem Fräulein präsentirte,
Das mit dem süßen Backwerk sich servirte. —

„Natürlich ist’s nun aus; ich heiße Beide schweigen
Und sag’ dem Juden, daß er Jemand nennt,
Der ihm bezeugte, wer ihn so gebläuet,
Weil sich der Dorfvogt ja zu nichts bekennt;
Da er’s nicht konnte, wies ich ihm die Thüre
Und hieß ihn gehn, wohin sein Weg ihn führe.”

„Zufrieden seh’ ich, wie sie miteinander gehen;
Da, — sie sind kaum noch recht vor dem Gemach,
War’s uns, als ob wir kräftig klatschen hörten,
Begleitet von des Juden Weh und Ach!
Und wie ich Else folge, nachzusehen,
Thät der, von neuem heulend, draußen stehen.”

„Die Backen haltend, schrie und klagte er in Thränen,
Daß ihm der Dorfvogt harte Streiche gab.
Der Jude dauert’ uns, ich trat zum Fenster
Und ruf’ dem Bauer nach, der, schon im Trab,
Nicht allzu ferne mehr des Schlosses Brücke,
Nach kurzem Zögern wieder kam zurücke.”

„Ich fuhr ihn an, wie er den Juden schlagen durfte,
Statt daß in Frieden er ging mit ihm fort?
Da schnitt der Schalk mir ein Gesicht und meinte,
Mich schlagend nun mit meinem eignen Wort:
„„Der Jud’ soll Zeugen schaffen, die es sahen,
Daß er von mir die Streiche hab’ empfahen!””

„Schier überrascht, will eben ich’s dem Schelm verweisen,
Als sich des Juden Maul schon grob erfrecht
Und schreit, wenn ich nicht richte, wüßt’ er einen
In Kostnitz oben, der spräch’ sicher Recht.
Nun war’s genug! — Ich konnt’ mich kaum noch halten,
Nicht selber meiner Knechte Amt zu walten!”

„Brauchst Dich nicht lang zu mühen! sage ich zum Juden,
„Wir haben ja hier oben auch ein Loch,
Drin’ Du Dich mit dem Bauer magst vergleichen;
Thut’s dieses nicht, bleibt Dir der Bischof noch!
Ich hoffe jedoch, werdet Euch vertragen,
Eh’ dort die Ratten Euch am Felle nagen!”

„Trotz beider Flehen mußte Else Jochen holen.
Ich übergab die Streitenden dem Knecht
Mit dem Befehlicht, sie im Loch zu halten,
Bis sie entschieden hätten, wer im Recht. —
Am nächsten Morgen saßen Beid’ in Frieden
Und waren gute Freunde, als sie schieden...”

Ein dröhnend Lachen hallte, als der Vogt geendet,
Aus aller Munde durch den weiten Saal,
Indeß Herr Heinz dem Knechte schmunzelnd winkte
Und, als der nahgekommen, ihm befahl,
Nun wieder munter seines Amts zu pflegen,
Da er noch Durst verspür’ nach Rebensegen.

In heitrer Tafelrunde saßen sie zusammen
Und Frohsinn waltete im kleinen Kreis,
Denn viel der Stücklein gab Herr Heinz zum besten,
Die er gar launig zu erzählen weiß;
Inzwischen kam, der Herren Durst zu wehren,
Der „Neue” immer mehr und mehr zu Ehren.

Bald aber hielt es Elsbeth an der rechten Stunde,
Daß sie dem Vater von dem Spielmann sagt,
Der in der Thurmthorhalle längst schon harrte,
Ob der Gesellschaft nicht ein Lied behagt.
Da ging es nicht lang, ward dem Knecht befohlen
Den fremden Sänger in den Saal zu holen. —

Halb hingestreckt lag längst der Fahrende am Feuer
Und sprach mit Hansli, der ihm eifrig lauscht’.
Es war ein Mann von reichlich fünfzig Jahren,
Um dessen Haupt schon mancher Sturm gerauscht;
Nun Kunz erschien, hob er sich von der Streue
Und that, als ob die Einladung ihn freue.