Viertes Kapitel.

Ein Meer von Nebelwolken füllte rings die Thäler,
Nur leis bewegt vom lauen Hauch des Föhn.
Aus Silberwogen ragten, Inseln ähnlich,
Der nahen Berge dunkelgrüne Höhn;
Sie ruhten grüßend schon im Sonnenstrahle,
Indeß’ noch dichter Nebel lag im Thale.

Das Auf- und Niederschwanken all’ der Nebelmassen
Glich scharfem Stechen, wildempörtem Streit,
Denn kämpfend rang die Sonne mit dem Nebel,
Doch der wich kaum um eine Spanne breit;
Schien an der Halde er auf’s Haupt geschlagen,
Sah dafür jenseits man ihn berghoch ragen.

Fast jeden Morgen wiederholt sich dieses Ringen,
Es weisen sich die Kämpen kühn die Brust.
Bald schießt die Sonne Strahlen in die Thäler,
Bald wieder stockt’s von weißem Nebeldust;
Meist bleibt, wer Sieger, lange unentschieden,
Denn Sonn’ und Nebel schließen ungern Frieden. —

Es war Sanct Vrenen Tag, als Frühe schon im Zwingolf
Zum Aufbruch fertig standen Roß und Troß.
Sie feierten die Heilige in Zurzach,
Da durfte fehlen nicht der Vogt vom Schloß,
Und da ihn Elsbeth und Benno begleiten,
War auch Herr Kuonrad einig mitzureiten.

Nun standen plaudernd längst die Knechte bei den Pferden,
Die, ungeduldig scharrend mit dem Huf,
Schier neidisch auf des Fräuleins Zelter blickten.
Es war ein Schimmel. Stolz auf den Beruf,
Des Schlosses Herrin hie und da zu tragen,
Mocht’ ihn die Ungeduld am meisten plagen.

Jetzt regte sich’s auch in der Windberg’ überm Thore.
Dort ließen Haus und Xaver alsgemach
Die Brücke auf den Grabenpfeiler nieder,
Indeß’ der Erstere zum Letztern sprach:
’s ist gar nit koumli, heut in’s Thal zu fahren,
Der Nebel läßt ja kaum den Weg gewahren!”

„Laß’ nur den Nebel, Bueb! Der ist am Berg von Nöthen;
Er ist der Traubenkocher, der schafft Saft!”
Gab Xaver rauh zurück, sich kurz verschnaufend,
Denn an der Winde galt es Manneskraft,
„Bei Euch im Schwarzwald mag er minder taugen,
Doch dafür könnt Ihr auch an Schlehen saugen!”

„Drum ist mir hier der Wein um desto lieber, Vehrli!”
Sprach, neckisch lachend, Hans zum ältern Knecht.
Der aber brummte: „So ’ne Wäldergurgel
Find’t stets das Beste grade für sich recht;
Wär’ ich der Vogt hier, müßten solche Laffen
Mir jeden Gottestag im Rebberg schaffen.”

Als Hans den derben Worten jetzt entgegnen wollte,
Da polterte es von der Brücke her,
Schnell traten beide drum zur nächsten Luke,
Von der man übersah des Schlosses Wehr.
’s war Kunz, der, mit dem Pferd schon überm Graben,
Wie immer, mußte vor dem Vogte traben.

Bald folgte dieser selbst. Zur Seite ritt die Tochter,
Des Zelters Zügel in der zarten Hand.
Es schmiegte sich um Elsbeths schlanke Formen
Ein enganschließend, schwarzes Sammtgewand;
Den Hals umkräuselten schlohweiße Spitzen,
Die, steifgedollt, im Strahl der Sonne glitzen.

Des Haares krause Wellen hielt ein Netz gefangen,
Daß nicht entrolle sich die goldne Flut;
Zwei weiße Straußenfedern wogten prangend
Am, ebenfalls schwarzsammtnen, kleinen Hut,
Der leicht beschattete die feinen Züge,
Doch auch sie sehen ließ noch zur Genüge.

Auf schmucken Rappen folgten Benno und der Junker.
Die beiden ritten friedlich Seit’ an Seit’,
Denn da der fromme Herr ein schwacher Reiter,
Bat er den Hausgenossen zum Geleit;
Der wär’ zwar lieber mit dem Vogt geritten,
Fügt aber artig sich des Kaplans Bitten.

Zum Schluß kam Jochen, der, ein Packpferd noch am Zügel,
Dicht hinter Benno und dem Junker ritt.
Sein eigensinnig Rößlein wollte traben,
Da doch nur Schritt der steile Bergweg litt;
Ein Ruck am Zügel und der Peitsche Schwingen
Verhalfen es in rechten Gang zu bringen.

Bald wurde links geschwenkt und es verschwand die Truppe
Im Nebelmeere an des Schloßbergs Wand.
Von kalten, feuchten Wolken rings umschlossen,
War’s kaum so hell, daß sie den Weg noch fand,
Der jäh nach Bechtersbohl hinunter führte,
Wo schon der Dorfvogt stand, wie sich’s gebührte.

Mit kurzem Gruße ritten sie an ihm vorüber
Dangstetten zu; auf breitem Karrenweg
Ging’s rasch in schlankem Trab thalnieder,
Bald waren sie am Kreuze bei dem Steg.
Der Nebel aber wollte noch nicht weichen,
Sie sehen nichts vom Dorf, bis sie’s erreichen.

Hier harrte ebenfalls der Dorfvogt des Gestrengen
Und brachte ihm, nach Brauch und alter Sitt’,
Das Ortsgeschenk, das man zu bieten hatte,
So oft der Schloßvogt durch die Gasse ritt:
„Dem Pferd ein Metzlin Hafer, und zwo Kannen
Voll guoten Weines für des Schlosses Mannen.”

So bringt’s die Urkund’, ist auf Pergament zu lesen. —
Weil noch es früh war, hieß des Vogtes Huld
Den Wein und Hafer auf den Abend sparen,
Wo er empfangen will des Dorfes Schuld;
Gar froh, daß heut’ der Herr nichts fand zu rügen,
Mocht’ gern der Bauer dem Bescheid sich fügen.

Nun ging es weiter zwischen strohgedeckten Hütten,
Die links und rechts an breiter Gasse stehn;
Sie lagen wie verödet in dem Nebel
Und war kein lebend Wesen nah’ zu sehn,
Da all die Bauern, fromm wie ihre Ahnen,
Nach Zurzach unterwegs mit Kreuz und Fahnen.

Bei einem Hause nur verlockt’ der Rosse Trappeln
An’s schmale Fensterlein ein bleich Gesicht,
Deß’ Eigenthümer scheu gemieden wurde;
Denn er vollzog des Blutbanns streng Gericht.
’s war Meister Jakob, der das Fest mußt’ meiden,
Wollt er nicht andern den Genuß verleiden.

Den Herrn erschauend wandte er sich weg vom Fenster
Und dabei traf sein kalter Henkerblick
Das breite Richtschwert in des Stübleins Ecke;
Sonst führte er das Schwert mit viel Geschick,
Doch, seit des Vogtherrn Urtel milde enden,
Schwang selten er es mehr in seinen Händen.

In scharfem Ritte ging’s am letzten Haus vorüber.
Der Nebel mehrte sich noch bis zum Rhein
Und hüllte Roß und Reiter immer dichter
In seinen frostig-feuchten Mantel ein.
Am Kreuzweg nahten sie geweihter Stelle,
Der alten Vierzehn-Nothhelfer-Kapelle.

Hier jedoch hemmte Elsbeth ihres Rößleins Schritte
Und wandte sich Herr Kuonrad zu, beschämt,
Daß sie der Kälte nachgab, mit der Bitte
Um’s Schäublein, das, mit Fuchspelz warm verbrämt,
In Jochens Packkorb herzlich wenig nütze,
Statt, daß es bas sie nun vor Frost beschütze.

Hei! flog auf flinkem Roß Herr Kuonrad da zu Jochen,
Von dem er bald mit Elsbeths Schäublein kehrt;
Den Ritterdienst, es fein ihr umzulegen,
Die Herrin ihm mit keinem Worte wehrt’,
Und, nun er sah den Vogt beim Kaplan reiten,
Blieb hübsch er fortan an des Fräuleins Seiten.

Bewundernd hing sein Blick an ihren feinen Formen,
Die mehr noch hob das knappe Sammetkleid;
Es däuchte ihm, als sei vor seinen Augen
Zur Jungfrau auferblüht die holde Maid,
Das traute „Elsbeth” müsse er vergessen,
Sie „Fräulein” nennen, höfisch und gemessen.

Sonst nicht gewohnt nach Worten lang zu suchen, ritt er
Jetzt schweigend neben ihrem Zelter her;
Denn was er auch der Schönen sagen wollte,
Es däuchte ihm gar schal und inhaltleer.
Mit vollem Herzen, blöde und verlegen
Ritt er zur Seite ihr dem Rhein entgegen.

Noch hatten Beide nicht ein einzig Wort gesprochen,
Als sie in Rheinheim sich beim Posthaus sahn,
Wo Benno just sich abzusteigen mühte;
Sein Roß hielt jedes mal hier selber an,
Da nie sein Herr zu Pferd das Schiff betreten,
So oft der Vogt, ihn neckend, schon gebeten.

Bald nahte Kunz, dem Vogt zu melden, daß den Fährmann
Vom andern Ufer er herüber pfiff.
Sie ritten vollends denn zum Rhein hinunter
Und hielten dort im großen Wagenschiff,
Das, als gelöst der Ferg’ die nassen Seile,
Stromaufwärts mußte eine gute Weile.

Dann rauschte es vorbei am Pfahlwerk einer Brücke,
So hier zur Zeit der Römerherrschaft stand,
Vorn an dem Schnabel sprühten grüne Wellen
Ihr perlend Naß bis hoch hinaus zum Rand;
Durch Nebeldunst sah man Gemäuer thronen,
Die „Burg,” erbaut von Roma’s Legionen.

Nun war des Fergen schwerste Arbeit überstanden,
Das Schiff flog hin gleich einem Federspiel;
Ein Ruderschlag bracht’ es dem Ufer nahe,
Ein zweiter noch, es war am sichern Ziel.
Nur Benno stand noch auf der andern Seite
Und maß im Warten sich des Stromes Breite.

Zu Rosse hoch, wie drüben sie das Schiff betreten,
Verließen es der Vogt und seine Schaar.
Die Pferde hasteten auf holperigem Pflaster,
Daß jeder Hufschlag funkensprühend war,
Bergan, und als der steile Weg erstiegen,
Sah hell im Sonnenschein man Zurzach liegen. —

Die Sonne hat gesiegt; der Nebel mußte weichen,
Im nahen Rheine ging er still zu Grab.
Von grüner Höhe drüben grüßten schimmernd
Die weißen Zinnen Küssabergs herab;
In klarer Herbstluft mocht’ das Auge schwelgen
Auf längst bebauten, schön gelegnen Zelgen.

Der Vorsicht halber ritt die Truppe jetzt im Schritte,
Denn nah dem Flecken war die Straße voll
Von Pilgern, die zum Vrenenstifte wallten,
Der Heil’gen bringend frommer Andacht Zoll;
Dann auch von Leuten, die, aus fernen Landen,
Geschäften wegen sich zur „Messe” fanden.

Auch, meist in langem Zug die Pferde voreinander,
Fuhr schwerbeladen mancher Wagen ein.
Es gab sich hier am Sankt Verenenfeste
Die halbe Kaufmannswelt ein Stelldichein,
Und selten hat es einen mal verdrossen,
Wenn einen Handel er hier abgeschlossen.

In langen Reihen standen graue Leinwandzelte
Den Weg entlang, für allerlei Gethier
Und fahrend Volk vorsorglich hier errichtet,
Indeß’ das eigentliche Marktrevier
Im Flecken selber war, wo Lauben, Bogen,
Zu Dutzenden sich längs den Häusern zogen. —

In heisern, fremden Lauten bot dem Volk hier draußen,
Ein fahrend Kuchenweib süß Naschwerk an,
Laut brüllten dicht daneben Bänkelsänger
Ein Lied zum Morde auf dem Leinwandplan;
Dazwischen lärmten Kinder, bellten Hunde.
Man hörte kaum das Wort vom eignen Munde.

Ein Wunderdoktor rühmte: Alles zu curiren,
Was je der Menschheit Pein und Plag gemacht;
Sein Diener schlug die große Kesselpauke,
So oft er unterbrach der Rede Pracht.
Daneben übten Gaukler ihre Lungen
Und überschrieen sich in allen Zungen. —

Verwundert blickte Elsbeth auf dies Treiben nieder,
Nicht achtend, daß, vom Volke eingezwängt,
Ihr Zelterlein kaum vorwärts kommen konnte;
Als jetzt Herr Kuonrad, ebenfalls umdrängt,
Dem Knechte winkte, welcher unter Fluchen
Sich mühte einen Ausweg hier zu suchen.

Es ging nicht; denn je näher sie dem Flecken kamen,
Um desto dichter ward die Menschenschaar
Und Jochen durfte sich vergeblich plagen;
Der Junker wurde dieses auch gewahr
Und rieth er drum, geduldig sich zu fassen,
Bis mehr sich lichten würden ihre Massen.

Ein wenig besser war’s dem Vogt ergangen. Er ritt
Mit Kunzen, von den Seinigen getrennt,
Schon nah dem Flecken; nicht groß achtend,
Wie um ihn her die Menge lärmt und rennt.
Gab die nicht Raum auf Kunzens „Platz da!” rufen,
So sorgten dafür seines Hengsten Hufen. —

Noch trieben Elsbeth und Herr Kuonrad hin im Strome
Der Massen, Roß und Reiter eingezwängt,
Als hinter ihnen Angstgeschrei erschallte
Und kreischend sich das Volk noch näher drängt’.
Ein Tanzbär, einen Affen auf dem Rücken,
Versuchte flüchtend sich hindurch zu drücken.

Der ungewohnte Anblick des entlaufnen Thieres,
Er wirkte lähmend auf der Meisten Muth;
Die Schreckensrufe gellten immer lauter
Und brachten Petz gar bald in solche Wuth,
Daß sein Gebrumm das Schreien übertönte,
Der Affe aber rings die Menge höhnte.

In blinder Hetze jagte, mit der Kette klirrend,
Das Thier durchs Volk, das auseinander stob,
Und fand den Weg gerade zu der Stelle,
Wo Elsbeths Zelter, ungeduldig ob
Dem Höllenlärmen, am Gebisse kaute;
Gespitzten Ohres das Gedränge schaute.

Schon schnob und brummte es und schnaufte hinter ihnen.
Das Zelterlein hob hoch den Kopf empor;
Jetzt stürmte Petz in toller Hatz vorüber,
So daß der Schimmel drob den Kopf verlor
Und voller Angst in jähem Sprunge scheute,
Gleich seiner Herrin, des Entsetzens Beute.

Doch, eh’ des Rößleins Hufe wieder Boden fanden,
War dieses schon von seiner Last befreit
Und ruhte Elsbeth in Herr Kuonrads Armen,
Vom Sturz gerettet noch zur rechten Zeit.
Ein Dutzend Hände fuhren nach dem Pferde
Und hielten fest es ohne viel Beschwerde.

„Um Gottes Willen!” rief der Junker, selbst erschrocken,
Als Elsbeth todtblaß hing im Arme sein.
„Habt keine Angst!... Ihr nahmet doch nicht Schaden?
Das Köpfchen hebend, sprach sie leise: „Nein!...”
Indessen rannte fahrend Volk mit Stangen
Und Peitschen nach dem Flüchtling, ihn zu fangen.

Da kam auch Jochen näher; grimm die Peitsche brauchend,
Hieb er mit Wucht auf das Gesindel ein,
So lärmend Petzen auf dem Fuße folgte,
Das Thier nur ärger hetzend mit dem Schrei’n;
Bald gab es Raum, des Bären Häscher wichen
Nach rechts und links, soweit die Hiebe strichen.

Doch dem bedrängten Paare ward noch andre Hülfe:
Vom Münster her ertönte Glockenklang,
In tiefem Basse scholl die Vrenenglocke,
So daß es klang wie ferner Chorgesang.
Im Nu zerstob das Volk nach allen Seiten,
Um in der Mess’ zu sein bei rechten Zeiten. —

Noch zitternd, stand das Zelterlein vom Knecht gehalten,
Der es mit strengen Blicken untersucht.
Das Thier war heil, auch fand an Zaum und Gurten
Sich nichts beschädigt von des Sprunges Wucht,
Als nur ein Riemlein, das, weil schwach, zerrissen,
Nun Jochen flink zu binden war beflissen.

Als dies geschehen, griff er nach dem Zaum und führte
Das Rößlein sorgsam seiner Herrin vor,
Die lehnte noch im Arme ihres Retters,
Fuhr aber tief erröthend nun empor;
Ihr wellig Goldhaar streifte seine Wange,
Auch riß, vom raschen Ruck, des Schäubleins Spange.

Herr Kuonrad schwang sich jetzo selbst von seinem Rappen
Und hob mit starkem Arm die süße Last
Dem Zelter in den Sattel; Elsbeth jedoch,
Als erst sie wieder sicher Platz gefaßt,
Belohnte mit dem wärmsten ihrer Blicke
Den Junker für den Schutz im Mißgeschicke. —

Inzwischen hatte auch die Jagd ein End’ genommen,
Weil Meister Petz sich schließlich fangen ließ;
Manch derber Hieb traf seinen breiten Rücken,
So daß er eilig sich zu gehn befliß.
Der Affe aber war und blieb verschwunden
Und Niemand wußte, welchen Weg er funden.

Ohn’ weitern Unfall war das Paar bald in dem Flecken,
Deß’ Häuser, meist mit buntem Schild geschmückt,
Den Fremden gastlich sich zum Obdach boten
Und oft den Wählenden die Wahl bedrückt’;
Doch, ob im Flecken unten oder oben,
Sie waren überall gut aufgehoben. —

Wie heute noch, bewohnte damals schon ein bieder,
Gemüthlich Völklein Zurzachs Häuserreihn.
Die Bürger, freundlich und von schlichtem Wesen,
Vermieden gerne jeden Trug und Schein,
Und waren, um der Reinheit ihrer Sitten,
Rheinauf und ab bei allen wohlgelitten.

Bedrängte Nachbarn fanden hier noch Rath und Hülfe
Wenn anderwärts die Thür verschlossen stand.
Im Stift die Chorherrn und des Fleckens Aerzte,
Sie waren stets für Seel’ und Leib zur Hand;
Auch, nahte sich Sanct Martinus mit Grinsen,
Fand hier der Landmann Geld zu ringen Zinsen. —

Jetzt war es stille in den Gassen, da die Hallen,
Oft übervoll von fremder Kaufherrn Gut,
Verschlossen standen bis zum Schluß des Hochamts,
Den jedesmal ein Glöcklein künden thut.
Nur selten sah man, längs der Häuser Zeilen,
Noch da und dort Jemand zur Kirche eilen.

In sachtem Schritte ritten Elsbeth und Herr Kuonrad,
Daß nicht der Hufschlag allzu störend hallt’,
Der Kirche zu, aus deren offnen Pforten
Schon Meßgesang und Orgelton erschallt’;
Dem Eingang unfern lauschte Kunz dem Singen,
Bis er die Pferde konnt’ zur Herberg bringen.

Nun half der Junker ihr vom Zelter und es traten
Die Beiden, sich bekreuz’gend, in den Dom,
Wo, nicht gar fern, der Vogt in Andacht knieete,
Zur Seite seines Bruders, Elsbeths Ohm;
In Klingnau Pfarrherr und auch wohl gelitten,
Kam er heut frühe schon zum Fest geritten.

Herr Kuonrad, frommen Brauches kundig, trat zum Becken,
In welchem sich geweihtes Wasser fand;
Die Finger netzend, reichte draus er höfisch
Auch etlich’ Tröpflein der Begleitrin Hand,
Und Elsbeth nahm’s mit stummem Dank entgegen.
Dann knieeten beide bis zum letzten Segen. —

Das Ite, missa est des Hochamts war gesungen,
Verklungen auch der Orgel letzter Hauch;
In Wolken wogte zur bemalten Decke
Der Duft vom dichtentfachten Opferrauch
Und, Fluten gleichend, strömte laut die Menge
Hinaus zum Tempel durch der Pforten Enge.

Nur wem ein stiller Wunsch die Seele noch erfüllte,
Wer sich gelobt, in Freude oder Schmerz,
Zu knieen an dem Grabe Sankt Verenens
Und auszuschütten da sein volles Herz,
Der schritt jetzt leise zu des Chores Pforte,
Die ihm den Weg erschloß zum Gnadenorte.

In breitgewölbter Krypta schlummert dort die Jungfrau
Im Sarg, den frommer Glaube überbaut’;
Das Gitter, so die stille Gruft umfriedet,
Wohl manch bedrängtes Herz hat es geschaut.
Ein steinern Bildniß zeigt die Wundersame,
Das Krüglein in den Händen sammt dem Kamme.

Auch Elsbeth zog es hin; inmitten frommer Waller
Stieg bald ihr Flehn zur Heiligen empor.
Um was? Nur diese mochte es erlauschen,
Denn kaum ein Flüstern nur vernahm das Ohr;
Doch tief sah man die Betende sich neigen
In heißem Flehen, ganz der Andacht eigen.

Ein milder Glanz verklärte hold das schöne Antlitz,
Als sie sich endlich vom Gebet erhob;
Die Sonnenaugen schienen Glück zu strahlen,
In das sich Seligkeit und Wonne wob,
Und unschwer war der Frommen anzusehen,
Daß sie erhöret wähnt des Herzens Flehen.

Still kehrte sie zurück durch’s Grabkapellenpförtchen,
Wo ihr Begleiter traumverloren stand.
Bis dorthin folgte vorhin er der Herrin
Und lehnte, ihrer harrend, an der Wand;
Doch, nun den Arm der Holden er wollt’ reichen,
Wußt’ Elsbeth sittig diesem auszuweichen.

„’s ziemt nicht, im Hause Gottes eitlen Brauch zu pflegen!”
Verwies sie flüsternd zu ihm hingewandt,
„Doch wollt Ihr später Euch gefällig zeigen,
So mögt ihr mich begleiten nach der Hand;
Hab’ manchen Auftrag für den Markt bekommen,
Und Euer Schutz wird im Gewühl mir frommen!”

Schon standen Beide da auch vor der Kirche draußen,
Wo nun Herr Kuonrad doch die Frage wagt’,
Ob Elsbeth im Gebet auch sein gedachte?
Sie gab zur Antwort darauf unverzagt:
„Gott will ja, daß wir für einander beten,
So oft wir stehend vor sein Antlitz treten!”

Dann bat sie lächelnd: „Laßt uns nach der Herberg gehen
Und sehen, ob ein Imbiß fertig steht.
Wie schon ich sagte, bleibt mir viel zu schaffen,
Eh’ es am Nachmittag zur Vesper geht;
Muß ja, soll mir die Meßfahrt bas gelingen,
Für Jedes einen Kram nach Hause bringen.”

Bei diesen Worten legte Elsbeth leicht die Linke
In den vom Junker ihr gebot’nen Arm,
Die Rechte aber hob des Kleides Schleppe,
Daß nicht sie hindere im Menschenschwarm;
Denn Kreuz und Quer galt es sich durchzuwinden,
Bis in der „Rosen” sie den Vater finden. —

Kurz vor den Beiden war der Vogt dort eingetroffen;
Nun saß am Tisch er, ihrer harrend, da.
Die hellen Augen blinzelten gar freundlich,
Als er die Zwei in’s Stüblein treten sah
Und, ihren Gruß erwiedernd, rief er heiter:
„Da kommen ja die längst vermißten Reiter!”

Als drauf sie ihm zur Seite Platz genommen hatten,
Erzählte ihnen sein gespräch’ger Mund,
Daß zu dem Mahle, so das Stift alljährlich
Am Vrenentage, nach der Vesperstund’
Bewährten Freunden biete, Seine Gnaden,
Der Propst, auch sie gar freundlich eingeladen.

„Da hab’ ich,” sprach er lächelnd, „nun versprechen müssen,
Der Einladung zu folgen, die uns ehrt.
Wir werden zwischen Sankt Verenens Gästen
Auch etlich’ Freunde treffen, lieb und werth,
So sich mit uns in Ehren bas erfreuen;
Die alte Freundschaft wiederum erneuen!”

Als er geendet, dankte ihm Herr Kuonrad fröhlich,
Denn der war ob der Botschaft hoch erfreut;
Sie brachte Wechsel in das stille Leben,
Das auf dem Berge er geführt bis heut’,
Und sah er drum dem Mahle gern entgegen.
Nicht ganz so leicht ließ Elsbeth sich bewegen.

Das Köpflein senkend, sah sie sinnend vor sich nieder,
Mit tiefem Ernst im lieblichen Gesicht.
Ihr war, als sollt’ dem Mahl sie ferne bleiben,
Das Warum? wußte selbst sie jedoch nicht;
Doch, stets gewohnt des Vaters Wort zu ehren,
Versuchte nicht sie seinem Wunsch zu wehren.

Sie sann noch immer, als die schmucke Rosenwirthin,
Den Imbiß bringend, in das Stüblein trat
Und, weil es lang gedauert bis der fertig,
Die Gäste höflich um Verzeihung bat:
Es sei viel Arbeit heut’ in allen Ecken,
Und sie gewohnt, den Gästen selbst zu decken.

Da fiel ihr Blick auf Elsbeth und, die Maid bewundernd,
Pries sie dem Vogt der Tochter Schönheit hoch,
So daß die, schämig drob, die Lider senkte
Und froh war, als die Wirthin schließlich doch
Sich eifrig an dem Tisch zu schaffen machte;
Dort alles rein und nett in Ordnung brachte.

Ein groß Stück Rheinlachs neben leckeren Forellen,
Im Maul der letztern prangte frisches Grün,
Und dazu Wein, von Badens „Goldwand” stammend,
Verlockten bald zu einem Angriff kühn;
Es mochte auch der weite Ritt am Morgen
Für guten Appetit der Dreie sorgen.

Als Würze kam zum Mahl der Wirthin harmlos Plaudern,
Das stets vom Vogt auf’s neue ward geweckt;
Sie bat dazwischen, tapfer zuzugreifen,
Da es sie freue, wenn’s den Gästen schmeckt.
Die Herren thaten denn auch so; indessen
Das Fräulein lieber lauschte, statt zu essen.

Die Redesel’ge wurde endlich müde, oder
Der Stoff versiegte ihrem rothen Mund;
Denn sie empfahl sich mit dem schlauen Vorwand:
Am Buffert stecke noch das Schlüsselbund,
So abzuziehen vorhin sie versehen —
Und nun konnt’ Elsbeth auch an’s Essen gehen.

Als sie zu Ende, gönnten sich die Drei am Tische
Noch etwas Ruhe, unter Plaudern zwar,
Eh’ es hinaus ging in des Marktes Treiben,
Wo heute manches einzukaufen war.
Die Wirthschaft braucht gar viel im Lauf des Jahres,
Nun lacht der Krämer, bringst Du Geld ihm, baares.

Auch Jochen und sein Packpferd mußten mit zum Markte;
Denn was die Herrschaft kauft, er lädt es auf.
Bald standen sie im dichtesten Gedränge,
Doch dabei ward geschlossen mancher Kauf;
Es ruhten Zindal, Palmat, feines Saben,
Schon tief in Jochens Packkörben vergraben.

Zum Kulterüberzuge für des Vaters Lehnstuhl
Gab Elsbeth heimlich noch ihr Spargeld her;
Indeß Herr Heinz still bei sich überlegte,
Was wohl dem Töchterlein zu kaufen wär’;
Herr Kuonrad aber schlich sich unterdessen
Von ihnen weg, den Marktplatz zu durchmessen.

Bei einem Goldschmiedladen blieb er jedoch stehen,
Es lockte dorten ihn ein Ringlein fein.
Ohn’ viel zu feilschen, kaufte er das Reifchen
Und barg es in sein dürftig Beutelein;
Dann zog’s ihn wieder, Elsbeth aufzusuchen,
Die er auch fand bei einem Zelt mit Kuchen.

Ein Ritterfräulein, aus gebräuntem Teig gebacken,
Mit Kleid und Hut und buntem Frauentand,
Geruhte, huldvoll, sie für ihn zu kaufen
Und drückte ihm dies flink nun in die Hand.
Nicht lange zögernd kaufte, unter Scherzen,
Der Junker dafür eins der braunen Herzen.

„Allüberall ist Minne, nur in der Höll’ nicht drinne!”
Hieß dessen Aufschrift; als das Wiederspiel
Zu seinem Fräulein, schenkte er es Elsbeth,
Verhoffend, daß das Sprüchlein ihr gefiel’;
Sie nahm es lachend an, worauf inmitten
Der Zeltenzeilen Beide weiter schritten.

Jetzt kam des Schlosses Ingesinde an die Reihe,
Denn einen Kram erwarten Knecht und Magd.
Es durfte Elsbeth derer nicht vergessen,
Die sich Jahr aus Jahr ein im Dienst geplagt;
Zum ersten mußte da sie Frida’s denken,
Der sie ein „hornin Noster” wollte schenken.

Als dies in Ordnung, wurden auch die andern alle
Der Reihe nach bedacht mit Tüchern, Band
Und derlei Herrlichkeiten; auch mit Hel’gen,
Wie es die Herrin für sie passend fand;
Noch kam auch manches, deß’ sie erst nicht dachte,
Das, schön zur Schau gestellt, um’s Geld sie brachte.

Des Rößleins Körbe waren ziemlich voll geworden
Und Jochen konnte damit heimwärts ziehn,
Als auch die Glocken schon sich hören ließen,
Zum Zeichen, daß die Vesperzeit erschien;
Es legte sich der Lärm, das Feilschen, Schwören,
Der Chorherrn Vespersang ja nicht zu stören. —

Wie Viele, zog’s auch unser Dreiblatt in die Kirche,
So freundlich lag im Abendsonnenschein.
Dort lauschten voller Andacht sie dem Sange
Des Chores, Elsbeth stimmte auch mit ein;
Hell stieg aus ihrer Brust ein süß Erklingen
Von Tönen, die beschwingt zum Himmel dringen.

Bald jedoch war der feierliche Sang zu Ende
Und ging’s hinüber in der Propstei Saal,
Wo lange, weißgedeckte Tafeln harrten
Der Gäste, die geladen sind zum Mahl.
Auch Elsbeth trat, geblendet fast vom Schimmer
Der Kerzen, an des Vaters Arm in’s Zimmer.

Wohl pochte anfänglich es bange ihr im Herzen,
Und machte gar verlegen sie der Wahn,
Als ob hier Alle, wie mit einem Blicke,
Nur ihr und wieder ihr entgegen sahn;
Fast stolz jedoch, schritt mit ihr durch die Reihen
Der Vater, und Herr Kuonrad folgt’ den Zweien.

Herr Heinz stieß bald auf ihm bekannte Edelleute,
So daß er grüßend anhielt hier und dort;
Er wechselte auch im Vorübergehen
Mit dem und jenem wohl ein länger Wort.
Zum Beispiel mit dem Herrn von Alt-Kränkingen,
Dem Gutenburger und dem Wielandingen.

Es kamen auch die Nachbarn, Heiner, vom Schloß Rötteln,
Den Elsbeth öfter schon beim Vater sah;
Der Freiherr von Schwarz-Wasserstelz im Rheine,
War mit Gemahlin und der Tochter da,
Und endlich noch trat mitten aus dem Schwarme,
Des Schlosses Kaplan mit dem Ohm am Arme.

Beim Wiedersehen ihrer beiden alten Freunde,
Ward es in Elsbeths Herzen mälig leicht;
Ihr frischer Liebreiz und anmuthig Wesen
Hätt’ einer Königin zur Ehr’ gereicht,
Bald ruhten aller Augen mit Gefallen.
Auf ihr, so hier die Schönste war von Allen.

Wie zu der Rose hin die Falter ziehen, zog es
Die Herren zu der wunderschönen Maid;
Es sprachen von der „Küssaberger Blume”
Die Damen, wohl nicht ohne leisen Neid.
Sie aber, nun den Oheim sie gesehen,
Bat ihren Vater, mit zu ihm zu gehen.

Der Ohm erkannte sie nicht gleich, es war schon lange
Seit er zum letzten Mal sein Niftel sah.
Das Kindlein, so er auf dem Kniee geschaukelt,
Wär’ vor ihm die vielschöne Jungfrau da?
Doch jeder Zweifel mußte ihm vergehen,
Er sah ja seinen Bruder bei ihr stehen.

Auch rief ihr herzig Plaudern jetzt dem alten Herren,
Die längst verwichnen Zeiten schnell zurück.
Hei! wie erstrahlten, als er ihrer dachte,
Die schönen Augen Elsbeths voller Glück.
Er mußte wieder sie „traut Else” nennen,
Eh’ will sie heut’ sich nicht mehr von ihm trennen.

Der Ohm that’s lächelnd. Dann begleitete er Beide
Zum Stiftspropst hin, der schon im Saale war,
Nicht wenig stolz sein Niftel präsentirend;
Der reichte gnädig eine Hand ihr dar
Und schmunzelte, als Elsbeth, sich verneigend,
Dieselbe küßte, ihre Ehrfurcht zeigend.

Gern überließ der Vogt die Tochter nun dem Bruder
Und sah sich um, wo denn Herr Kuonrad blieb;
Der war hier fremd und harrte längst des Freundes,
Daß er ihn vorstell’, wie der Brauch es schrieb.
Dies that der Vogt und, weil er Viele kannte,
Wußt’ bald ein jeder, wie der Herr sich nannte.

Es hatte dabei wohl des Junkers höfisch Wesen,
Zu manchem Gönner ihm verholfen schon.
Wie immer, waren es zuerst die Damen,
Die er gewonnen durch vornehmen Ton,
Und war dies auch natürlich, da die Frauen
Vor Allem stets auf feinen Anstand schauen.

Die Freiin von Schwarz-Wasserstelz hielt bald den Junker
Gefangen sich; auch ihr hold Töchterlein,
Die braune Adelgunde ließ, nicht schüchtern,
Mit ihm sich tief in ein Geplauder ein,
In welchem sie ihn fest zu halten wußte,
Bis er mit Elsbeth jetzt zur Tafel mußte.

That es der Zufall — oder Fräulein Adelgunde?
Die gern den Junker länger hielt in Haft,
Daß sich die Freiin grade gegenüber
Des Vogtes Sippschaft einen Platz verschafft!
Es war geschehn. Doch, jetzt begann das Essen,
Für’s Erste stille und gar steif, gemessen.

Als jedoch nach dem Braten laut der Vogt von Baden,
Das erste Hoch dem Vrenenstift gebracht,
In süßem Vino d’Asti, so die Damen,
Schon damals gerne tranken, kam es sacht,
Wie Frühlingswehen, in der Gäste Reihen;
Froh mochte jeder sich dem Nachbar weihen.

Nach jedem Hoch und Heilo, das im Saal erbrauste
Auf Stift und Propst und dessen Gastfreiheit,
Erhöhte sich der Gäste munter Wesen
Und waltete gar bald Gemüthlichkeit,
Die machte, daß die Alten wie die Jungen,
Beim Mahl sich unterhielten ungezwungen.

Nur Elsbeth blieb in sich gekehrt und schweigend, bedrückt
Von Qualen, die sie nie gefühlt zuvor.
Ein heimlich Wehe nagte ihr am Herzen,
Im zarten Busen quoll es heiß empor;
Doch mochte schwerlich einer dies beachten
Von allen, die ihr einen Trunk zu brachten.

Vertieft in ihr Gespräche, schlürften Ohm und Vater
Behaglich dann und wann ein Gläslein Wein,
Bis drauf der Vogt, dem auch der Pfarrer folgte,
Sich plaudernd wandte an die Nachbarn sein;
Nicht merkend, daß, im Auge feuchtes Blinken,
Jung-Elsbeth saß, als sei ihr Muth am Sinken. —

Für Elsbeth viel zu lange, hielt der Freifrau Plaudern
Den Junker fest und, schwieg die letztre mal,
Dann wußte wieder Fräulein Adelgunde
Zu fesseln ihn mit Fragen ohne Zahl,
So daß im Stillen der sich schier beklagte,
Wenn offen er’s auch nicht zu zeigen wagte:

Er hielt denn artig aus, wie es sich ziemt bei Damen,
Für einen Mann, der gute Sitte kennt,
Und sagte ihnen, mit gewählten Worten,
Manch feines, aber höfisch Compliment,
Das, er war sicher, drang’s zu Elsbeths Ohren,
Für sie so gut wie jeden Sinn verloren.

Sie aber zwang es, wie sie sich auch drob erwehrte,
Doch immer wieder, nach dem Freund zu sehn,
Was links und rechts die Nachbarn fröhlich plaudern,
Es schuf ihr Mühe, dieses zu verstehn;
Sie sah nur ihn und hörte ihn nur sprechen,
Wollt’ auch, vor Weh, das Herz ihr drüber brechen.

Zwar winkte oft Herr Kuonrad mit dem Glas hinüber
Und trank ihr Wohlsein mit beherztem Zug;
Doch jedes Mal, wenn dann sie sprechen wollte,
Kam ihr die Freiin zuvor oder frug
Just Adelgunde etwas und — befangen,
Schwieg drauf sie wieder mit erglühten Wangen. —

O Maid, weißt Du denn nicht, daß Du im Netz verstricket,
Das, viel zu frühe, Dir Dein Herz gestellt?
Ahnst Du denn nicht, daß Dich die Macht bezwungen,
Der widerstand noch Niemand in der Welt?
Mag immerhin Dein Mund das Wort auch hehlen,
Du fühlst es dennoch auf dem Grund der Seelen.

Du fühlst im Herzen Dein der ersten Liebe Werben,
Aus Deinen Sonnenaugen schaut sie klar;
Ein süß Gefühl durchschauert Dir die Seele,
Was es bedeutet, wird Dir offenbar,
Nun, unwillkürlich, nimmst Du Dich zusammen,
Soll Keiner ahnen, daß Dein Herz in Flammen. —

Ihr Weh bezwingend, suchte Elsbeth im Gespräche,
Das zwischen Ohm und Vater neu im Gang,
Auch ab und zu ein Wörtlein mit zu reden,
Als laut ihr Glas in hellem Ton erklang
Und sie den Kaplan sah, dem nicht entgangen,
Wie immer bleicher worden ihre Wangen.

Der brave Herr, vom Weine etwas warm geworden,
Blieb eine Weile still, als sänn’ er nach;
Doch that er dies, um besser sehn zu können,
Was aus den Augen seines Lieblings sprach,
Und nun er tief in ihrem Blick gelesen,
War, schien es, klar ihm, was der Grund gewesen.

Sich an Herrn Kuonrad wendend, sprach er launig: „Junker!
Gönnt Unsereinem auch einmal das Wort!
Wie wär’s, so Ihr mit uns ein Gläslein lüpftet,
Eh’ Euch im Sprechen noch die Zunge dorrt?
Ein edel Tröpflein darf nicht lange stehen,
Soll dessen Blume nicht in Dunst verwehen!”

Mit sichtlichem Vergnügen folgte auch Herr Kuonrad
Und wandte sich zu Benno mit dem Glas,
Der leise schmunzelnd auf die Seite schaute,
Weil, etwas groß, der Freiin Blick ihn maß,
Daß er den Muth besessen, sie im Sprechen
Mit solchem Herren frech zu unterbrechen.

Doch bald sprach Benno lächelnd: „Daß Ihr uns vergessen,
Erfordert wahrlich Buße nach Gebühr;
Drum trinket Eins mit Euern Hausgenossen,
Sonst seht Euch nur bas auf den Heimweg für!”
Der Junker fügte sich dem Urtheil willig
Und that die Buße, wie es recht und billig.

Sein eigner Zutrank darauf aber galt jetzt Elsbeth.
Sie hielt ihr Kelchglas zitternd in der Hand
Und blickte schüchtern in des Freundes Antlitz,
Der, ihr zum Wohl, ein feines Sprüchlein fand.
Im Nu war all’ das Herzweh da vergangen. —
Und prangten, wie mit Rosen, ihre Wangen.

Dem Kaplan war es mittlerweile doch gelungen,
Daß er die Freifrau unterhielt beim Mahl;
Nun hielt er schlau die Plaudernde gefangen
Mit Frag’ und Antwort ohne Wahl und Qual;
Selbst, als den Freund bedrängte Adelgunde,
Hascht’ klug auch dieser er das Wort vom Munde!

Der Junker mühte sich indessen, braune Mandeln
Für Elsbeth auszuknacken als Dessert;
Derweilen sie dem Vater nun erzählte,
Daß heute schon sie fast verunglückt wär’,
So nicht Herr Kuonrad noch vorm Ungeschicke
Beschützte sie im letzten Augenblicke.

Als Elsbeth schwieg, bedankte sich der Vogt beim Freunde
Und meinte, der sei jetzt der Schuld auch bar,
Die schwer das weiche Herze ihm bedrückte,
Seit jenem Tag, als das Gewitter war;
Das Töchterlein sei nun bei ihm in Schulden
Und müsse, die zu zahlen, sich gedulden.

Dies jedoch wollte Jener nun nicht gelten lassen
Und blieb dabei, daß er in ihrer Schuld
Sein ganzes Leben lang sich fühlen werde,
Ob der an jenem Tag erwies’nen Huld;
Was er gethan, sei nimmer zu vergleichen
Und aus dem Schuldbuch als bezahlt zu streichen.

Nun war es Elsbeth wieder, die von solcher Rede
Nichts hören wollte und Herrn Kuonrad droht’,
Wenn er sich seiner Schuld nicht ledig achte,
So thue er sich selber dies zu Noth;
Er dürfe nicht mehr jenes Diensts gedenken,
Sonst würde sie es ihrer Lebtag kränken.

Bei solcherlei Geplauder war es spät geworden,
Doch achteten die Frohen nicht der Zeit,
Bis Benno, mahnend, sich zu ihnen wandte,
Zum Aufbruch rathend, denn der Weg sei weit.
Er hatte noch sein Roß in Rheinheim stehen,
Und mußte nun zu Fuß bis dorthin gehen.

So brachen sie denn auf. Doch schritten erst die Viere
Noch Abschied nehmend durch der Gäste Reihn;
Als dies geschehen, ging es hin zur „Rosen,”
Wo Kunz längst wartete der Herrschaft sein.
Daß ja der Rosse Tritte Niemand wecken,
Verließen sie in sachtem Schritt den Flecken. —

Die Nacht war hell. Des Mondes volle Scheibe glänzte
Gleich Silber an des Himmels bleichem Blau.
Wie Zauber lag es über Wald und Fluren;
Im Wiesengrüne schimmerte der Thau,
Tief unten floß der Rhein im klaren Bette
Und blinkte mit dem Mondlicht um die Wette.

Vor Rheinheims altberühmtem Posthaus hielt die Truppe,
Wo schon der Kaplan hoch zu Rosse war.
Noch ließ der Vogt geschwind zwei Kannen füllen
Und brachte Joachim, der Wirth, sie dar;
Der Schloßvogt ritt, dem „Markgräfler” zu Ehren,
Hier nie vorüber, ohne einzukehren.

Doch, nun der Wirth die Kannen nochmals füllen wollte
Da wehrte Benno, und ging’s wieder fort
In schlankem Trabe durch des Mondlichts Wellen.
Es fiel nur selten mal ein lautes Wort;
Herr Kuonrad gab jetzt Elsbeth das Geleite,
Und ritt der Kaplan an des Vogtes Seite.

Vom Weine warm und sich nach Ruhe sehnend, ritten
Die Herrn allmälig immer schneller hin,
Indessen Elsbeths und des Junkers Rößlein
Bald jede Eile unvonnöthen schien;
Sie wollten nicht von ihrer Meinung weichen,
Daß auch im Schritt die Heimath zu erreichen. —

Kein Lüftlein regte sich, kein Laut war zu vernehmen;
Es ruhten Berg und Thal in süßem Traum.
Der Weg lag weiß im Silberlicht des Mondes,
Goldschimmernd Herbstlaub schlief an Strauch und Baum;
Aus blauer Höhe nieder, blinkten ferne
Des Schlosses Lichter, gleichwie matte Sterne.

In Seligkeit verloren, weil den Freund zur Seite,
Ritt Elsbeth sinnend durch die linde Nacht.
Darf sie denn ihm von ihrer Minne flüstern,
Darf sie ihm sagen, was sie glücklich macht?
Soll sie verrathen, was ihr Herz empfindet,
Welch’ wonnig Träumen ihr die Lippen bindet?

Herrn Kuonrad war es selber auch nicht viel um’s reden.
Er ritt, die Zügel lässig in der Hand,
Zur Seite Elsbeths, seine braunen Augen
In einemfort der Holden zugewandt;
Denn, sah er in ihr Antlitz, schien ihm immer,
Als strahlte daraus her der Mondenschimmer.

Versunken in ihr Schweigen ritten still die Beiden,
Bis, wo der Weg sich abbog aus dem Thal
Und links nach Bechtersbohl zur Höhe führte;
Wo er dann rauher ward und dabei schmal
Am Abhang lief, meist zwischen dunklen Fichten,
Die, nah’ dem Schlosse erst, sich wieder lichten.

„Erzählet etwas, Fräulein!” meinte nun der Junker,
Als hier die Pferde wechselten den Gang,
Um, voller Vorsicht, auf dem Pfad zu klimmen,
Der tief im Schatten auswärts stieg am Hang.
„Wenn wir mit Sprechen Kurzweil uns bereiten,
Scheint nicht der Weg so lang, nach Haus zu reiten!”

„Ja, Ihr habt recht! Nur wird mein schlicht Erzählen
Euch kaum genügen,” gab Elsbeth zurück,
„Und müsset Ihr halt Nachsicht mit mir haben;
Mein Wissen bildet just kein großes Stück.
Doch sollt zum mindsten Ihr den Willen sehen,
Wollt später Ihr auch meiner Frage stehen!”

Herr Kuonrad sagte zu, ihr ehrlich Red’ zu geben,
Was sie auch immer von ihm fragen sollt’;
Nur müsse sie etwas aus ihrem Leben
Ihm erst erzählen, eh’ er reden wollt’.
Da ging denn Elsbeth munter an’s Erzählen;
Der lange Weg schien Keines mehr zu quälen.

Es wich ihr traulich Plaudern aber bitterm Ernste,
Als auch die Rede auf den Vater kam.
„Sein eigen,” meinte Elsbeth, „wär’ hier Alles,
So nicht der Bischof einst das Erbe nahm
Jetzt freilich würd’ selbst dieses nicht mehr nützen,
Es fehlt ein Sohn, der’s weiter möcht’ beschützen.”

„So ist der Vater denn der letzte Küssaberger
Und gehet,” fügte traurig sie hinzu,
„Mit ihm und seinen ältern beiden Brüdern,
Mein uralt Ahngeschlecht zur letzten Ruh’;
Doch ist mir oft, als hört’ mein Herz ich sagen,
Man wird uns nennen noch in späten Tagen!”

Nach diesen Worten hielt sie unwillkürlich inne
Und nahm Herr Kuonrad darum nun das Wort.
Er frug: „Ja, wo bleibt Ihr denn, wenn im Vater
Verlieret Ihr, einst Euern Schutz und Hort? —
Ihr wisst, der Weise denket auch an Morgen;
Mich würd’ es schmerzen, wüßt’ ich Euch in Sorgen!”

„Habt vielen Dank, Herr!” lautete die Antwort Elsbeths,
„Es wäre unnütz, wenn Ihr Sorgen hegt.
Bekanntlich wird ja in den deutschen Gauen
Der Frauen Recht vom Manne stets gepflegt;
Wir kennen nicht des Willens frei Genießen,
Auch ziemt uns schlecht das eigene Entschließen.”

„So darf auch mir mit nichten für die Zukunft bangen.
Ich soll, wie dieses armen Töchtern geht,
Im Sankt Agnesenstifte zu Schaffhausen
Mein Leben Gott darbringen im Gebet;
Der Vater glaubt, er wird dann ruhig sterben
Und sich und mir das Himmelreich erwerben.”

„In’s Kloster! Ihr?” rief voll Entrüstnug da Herr Kuonrad
Und riß den Rappen einen Schritt zurück.
„Der Jugend schöne Tage wolltet Ihr vertrauern?
Von selbst entsagen allem Erdenglück? —
Könnt Ihr dies thun, so sag’ ich ohne Scheuen,
Zeit meines Lebens soll mich nichts mehr freuen!”

„Doch, Euch beliebt zu scherzen!” sprach er dringlich weiter,
„In enger Zelle ist gar dumpf die Luft.
Der Weihrauch riecht zwar gut, doch angenehmer
Beut sich im Frühling frischer Blümlein Duft;
Auch dächte ich, im Wald der Tannen Rauschen
Behagte mehr Euch, als der Orgel lauschen!”

„Und dann — was werden Eure Hör’gen dazu sagen,
So Noth und Elend Ihr nicht mehr, wie heut’,
Von ihnen wendet? Was des Dörfleins Kinder,
Wenn ihnen Niemand mehr ein Naschwerk beut?
Könnt Ihr noch Gutes thun und nützlich walten,
So feuchte Mauern Euch gefangen halten?”

„Nein, Elsbeth! Ihr müßt eines Mannes Gattin werden,
Sein bester Freund ihm sein in Sorg und Noth;
Sein harsches Wort durch Eure Güte mildern,
Ein Schutz und Trost, so Elend ihn bedroht;
Im Glück den Uebermuth ihm ferne halten,
Als guter Geist zu seinen Häupten walten!”

„Glaubt einem Freunde — jener Mann ist zu beneiden,
Dem Euer Herze nur ein wenig hold;
Er findet seinen Himmel schon auf Erden,
Gewähret Ihr ihm süßer Minne Sold.
Nun, Elsbeth, sprechet! Sagt es mir ganz offen,
Habt wirklich Ihr die Wahl schon gültig troffen?”

Sein heißes Herz nicht mehr bemeisternd, bog Herr Kuonrad
Sich nun zu Elsbeth und nahm ihre Hand
In seine Rechte, die sie jedoch zitternd
Im nächsten Augenblicke ihm entwand.
’s war gut, daß hinter dichten Fichtenzweigen,
Der Mond sich barg; er half der Maid jetzt schweigen.

In ihrem Herzen freilich rief’s in hellem Jubel:
„Er liebt mich!” und der frische, rothe Mund
Möcht’ freudig es in alle Lüfte jauchzen,
Es künden laut dem ganzen Erdenrund,
Daß es erklänge, als ein Lied der Lieder:
„Er liebt Dich und Du Sel’ge liebst ihn wieder!”

Doch leider schwieg gar bald des Herzens Jubiliren;
Es faßte sie ein schneidig, bitter Weh,
Das einem Lenzfrost gleich sie kalt durchschauert’,
Mit jähem Tod bedroht den Blüthenschnee,
Als Elsbeth dachte, was der Vater sage,
Wenn irdisch Glück sie zu erhoffen wage. —

Vor Kurzem noch war es ihr schönster Traum gewesen,
Vereinigt mit den Schwestern im Gebet
In stiller Klause, von der Welt geschieden,
Um Glück zu flehen, das kein Sturm verweht;
Es hatte oft ihr Herz in solchen Stunden
Schon hier des Himmels Seligkeit empfunden.

Und nun? Wie vor der Sonne Kuß der Rauhreif schwindet,
Schwand vor Herr Kuonrads Worten hin der Traum;
In wenig Wochen war das Kräutlein Minne
Ihr aufgeblüht zum schönsten Maienbaum.
Ja, wo die Liebe naht, muß alles weichen,
Wie vor des Tages Licht die Sternlein bleichen.

Seltsame Maid? Als Antwort auf des Freundes Frage,
Stahl aus den Augen sich ein Thränlein heiß.
War dessen Quelle die Entsagung, oder
Erblinkte es, weil sie sich glücklich weiß?
Wie kommt es, daß der Seele Freuden, Leiden,
Wenn sie am höchsten sind, das Wort vermeiden? —

In tiefem Schweigen ritten Beide bis zur Höhe.
Des Mondes Licht, es flutete um sie;
In blauer Dämmerferne lag, wie Silber,
Der weiße Alpenkranz in hehrer Harmonie,
Und leise nur, fast kaum noch zu erlauschen,
Scholl fernher durch die Nacht des Rheinfalls Rauschen.

Noch wenig Schritte und es hob sich schon der Bergfried,
Vom Mond beleuchtet aus der Nacht empor.
Durch Buschwerk schimmerten des Schlosses Mauern
Aus dunkler Blätterwirrniß hell hervor.
Doch, eh’ sich Thor und Brücke mochten zeigen,
Blieb noch ein letztes Stück bergan zu steigen.

Da, seine Frage ihr erneuernd, faßte leise
Herr Kuonrad Elsbeth wieder bei der Hand
Und blickte spähend in der Holden Antlitz,
Ob da die Antwort nicht zu lesen stand.
Statt solcher sah er nur ein schnell Erröthen,
Das ihm verrieth, wie sehr ihr Herz in Nöthen.

„Ihr zaudert, Elsbeth?” klang es weich von seinen Lippen,
„Ja, wer die Wahl hat, der hat auch die Qual!
Nun denn, es sei die Antwort Euch erlassen,
Bis Ihr die selbst mir sagt aus freier Wahl.
Doch, daß wir Beide dieses Tages denken,
Erlaubet mir, Euch diesen Ring zu schenken!”

Vor Elsbeths Blicken glänzte hell ein gülden Reiflein
Im Mondschein, das der Junker kühnlich nun
Auf einen ihrer schlanken Finger streifte,
Die warm und weich in seiner Linken ruhn;
Dann ließ der Glückliche die Hand entgleiten
Und trieb den Rappen schneller auszuschreiten.

Aus ihrem Sinnen aufgeschreckt und gluthbegossen,
Da solcher Ueberraschung sie nicht dacht’,
Griff Elsbeth aber jetzt nach ihrem Kettlein,
Und hatte dran das Schaustück losgemacht.
Es war ein Münzlein, gülden und gar selten,
Mit ihm will sie Herrn Kuonrad nun vergelten.

„Soll ich das Ringlein werth behalten,” sprach sie flüsternd,
„So dürft Ihr es nicht weigern, auch ein Stück
Von meinem kleinen Reichthum zu empfangen;
Es ist geweiht und bringt dem Träger Glück.
Des Tages aber will ich bas gedenken
Und billig meine Frage Euch nun schenken!”

So sprechend, bot sie fröhlich ihr Geschenk dem Junker,
Der, ohne sich zu sperren, es auch nahm
Und lächelnd nun versprach, es stets zu tragen,
Gedenkend der, von welcher es ihm kam.
Er wollte noch mehr sprechen, doch da sahen
Sie ihnen eilig sich Mechtildis nahen. — —

Das Mädchen hatte sich den Beiden kaum genähert,
Als schon sie, aufschluchzend, der Herrin klagt’,
Daß Hansli halb todt in der Halle liege,
Von seinem Flugversuch, den er gewagt.
Im Busch der Halde habe sie ihn funden,
Und sei der Aermste jämmerlich zerschunden.

Da schien’s, als ob auch Elsbeths Zelter stiegen sollte,
So rasch ging es des Schlosses Brücke zu;
Schon dröhnten unter ihm die schweren Bohlen
Und war die Herrin dann bei Hans im Nu.
Mechtildis hatte ihr ja nie verschwiegen,
Daß Hansli damit umging mal zu fliegen.

Nun waltete das Fräulein an des Kranken Lager
Und ordnete, was für das Knechtlein gut;
Doch war, zu seinem Glück, ihm nichts gebrochen.
Die Herrin spendete ihm also Muth
Und stillte, milde tröstend, seinen Jammer,
Eh’, selber müd, sie suchte ihre Kammer. —

Herr Kuonrad ritt im Schritt vollends zum Schlosse fürder
Und lauschte dabei auf der Magd Bericht:
Daß Hansli, unter beiden Armen Wannen,
Wie man in Schleitheim sie seit langem flicht
Und er als Flügel nutzen wollt’ beim Fliegen,
Um Vesperzeit den Bergfried hätt’ erstiegen.

„Das Fliegen wär’ gelungen,” sprach Mechtildis weinend,
Wenn er gewartet bis der Vogel Specht
Ihm eine Springwurz schaffte; ohne solche
Gedeiht so wäges Thun dem Menschen schlecht.
Er stürzte darum, trotz den beiden Wannen,
Kopfüber, grad hinunter in die Tannen.

Dann fing das arme Mägdlein wieder an zu schluchzen,
Daß es erbarmen konnte einen Stein;
Hielt aber Schritt doch mit des Junkers Rappen,
Um ihrem Schatz nicht lange fern zu sein. —
Nun liegen Thor und Zingeln hinter beiden,
Im Mondschein ruhen Felder, Wald und Waiden.