Drittes Kapitel.

Viel schneller, als der Junker dies erwartet hatte,
That Kräutlein Spitzenwegrich seine Pflicht;
Denn kaum war eine Woche hingegangen,
Trat er geheilt vor Elsbeths Angesicht
Und dankte ihr für alle Müh’ und Sorgen,
Die sie um ihn gehabt an jenem Morgen.

Wenn damals er im Scherz sie sich zur Herrin wählte,
Der ritterlich zu dienen ihm ein Spiel,
So nahm er’s nun mit jedem Tage ernster
Und ist kein Wunsch der Holden ihm zu viel.
Doch, wie es gleich von Anfang ihm geschienen,
War unter ihrem Scepter leicht zu dienen. —

Mit flinken Händen half Herr Kuonrad jeden Morgen
Der Fleißigen ihr Linnen spannen, reicht’,
So oft es nöthig, drauf den Wassereimer,
Um jenes feucht zu spritzen, daß es bleicht
Im Sonnenschein und Elsbeth sich das Linnen,
Als schlohweiß Zeug, bald wieder mocht’ gewinnen.

Mit diesem fertig, ging es in den weiten Zwingolf,
An dessen sonnenreichem Mauerrand
Die Liebliche ein kunstlos Gärtlein hatte,
Drin’, neben Ilgen, manche Rose stand
Und Krautwerk für die Küche und die Kranken,
Frisch duftenden Salbei bei Bohnenranken.

Hier gab es stets zu thun. Der Junker werkte fleißig;
Er zeigte ihr, wie leicht am wilden Strauch
Die Rosen künstlich sich veredeln lassen.
Gern lernte Elsbeth den ihr fremden Brauch
Und harrte voller Sehnsucht schon der Blüthen,
Die zu erzielen beide sich bemühten.

Vom Garten mußte Elsbeth in des Schlosses Küche,
Wo Frida herrschte, bis die Herrin da;
Sie war gewohnt, am Herde mit zu helfen,
Da gerne selbst sie nach dem Rechten sah.
Das Essen mußte pünktlich fertig stehen,
Sonst war’s um Vaters gute Laun’ geschehen.

Dann, nach dem Mittagessen, pflog, nach guter Sitte,
Des Hauses Ingesind ein Stündlein Ruh’
Die tiefe Stille nutzend, brachte Elsbeth
Gewöhnlich diese Zeit mit Lernen zu;
Der Kaplan, Benno, nahm die Pflichten strenge
Und trieb mit Fragen oftmals sie in’s Enge.

Sonst war die Zeit der Schule ihr gar lieb gewesen
Und fand der Kaplan nie zu Klagen Grund;
Doch seit des Junkers Ankunft kam dies anders,
Sie lauschte minder ernst des Lehrers Mund
Und unterbrach wohl selbst sein Wort durch Fragen,
Die fern dem Texte des Erklärers lagen. —

Einst, eines Abends, plagte sie sich auch mit Lernen,
Indess’ die Augen nach der Sonne sahn,
Ob deren Strahl sich nicht den Butzenscheiben
Im Bogenfenster endlich möchte nahn;
Es schien ihr fast, daß jene, pflichtvergessen,
Nicht so wie sonst die Tagesbahn durchmessen.

Doch, da einmal die Zeit für Alle vorwärts schreitet,
Gleichviel ob einer hoffet oder bangt;
Zu schnell dem Alter, das nichts mehr zu wollen,
Der Jugend langsam, die noch viel verlangt,
So ließ sie heute auch die Sonne sinken,
Die goldnen Strahlen durch die Scheiben blinken.

Nun ließ die Ungeduldige sich nicht mehr halten.
Ein frommes Sprüchlein noch, und darauf eilt’
Sie, gleich dem Wind, den Bergfried zu ersteigen,
Wo, wie sie wußte, gern der Junker weilt’,
Der sich den Thurm zum „Lueg ins Land” erkoren,
Und öfter droben saß, in’s Schau’n verloren.

Schon lange wollte Elsbeth ihrem Gast die Namen
Der Berge nennen, so von hier man sah;
Nun aber war sie doch etwas verlegen
Und trat mit leisem Schritt Herrn Kuonrad nah.
Vor ihnen lag im Abendsonnenglanze
Der Alpenkreis, gleich einem Silberkranze.

Die prächtig klare Fernsicht schauend, wandte sie sich
Dem Junker zu und sagte, mit der Hand
Hinüber auf die weißen Riesen deutend,
In deren Anblick er versunken stand:
„Erlaubet, Herr, Euch meinen Hof zu zeigen;
Dort, jene Recken all’ sind mir zu eigen!”

„Ich bitte jedoch, lasset gnädig Nachsicht walten,
So nur die Fürnehmsten davon ich nenn’;
Frau Sonne will sich schon zu Bette rüsten, —
Und das ist bald geschehn, wie ich sie kenn’!
Der Mond, ihr Ritter, aber wird erst leuchten,
Wenn Morgennebel diese Höhen feuchten.”

Ein freundlich Nicken war Herrn Kuourads stumme Antwort,
Dann trat er mit ihr an des Söllers Rand,
Der Abendsonne goldne Schimmer flossen
In Purpurfluthen über alles Land,
Nur fern gen Norden lagen Wolkenschatten,
Die überm „Randen” sich gelagert hatten.

„Schaut dort,” hob Elsbeth lächelnd an ihm zu erklären,
„Die Spitzen, wie in Apfelbluest getaucht,”
Es ist der „Säntis” mit dem „Hohen Kasten”
Und nebenan, rothgülden angehaucht,
Stellt kühn der „Altmann” sich in ganzer Breite
Den ersten beiden Recken an die Seite.”

„Dann, etwas herwärts, zählt Ihr sieben graue Zinken,
Sie sind im Sommer meist wohl ohne Schnee,
Die nennen „Churfürsten” sich stolz mit Namen
Und spiegeln sich in einem grünen See,
Aus dessen Fluthen hoch und frei sie streben,
Daß fast in Wolken ihre Häupter schweben.”

„Nun, weiter rechts hin, kommt des „Glärnisch” weiße Krone;
Die steilen Wände stehn getaucht in Blau,
Und rosig überhaucht vom Sonnengolde
Scheint, wie verklärt, der Felsen schimmernd Grau.
Auf seinen Schultern aber sieht man’s blitzen
Gleich zarten Schleiern, die im Goldschein glitzen.”

„Die weiße Fläche dort, dicht unterm breiten Gipfel,
Mit starren Felsen ringsum eingefaßt,
Ist „Vrenli’s Gärtli,” eine Alp vor Zeiten;
Doch, seit die Menschen von den Fee’n gehaßt,
Ruhn tief im Eis versenkt der Matten Spuren,
Auf ewig sind dahin die grünen Fluren.”

„Der nächste, mit dem Firnschnee-Scheitel, heißt der „Tödi.”
Keck ragt der auf zum blauen Firmament,
Als stützte er allein des Himmels Bogen.
Wie heiß im Sommer auch die Sonne brennt,
Im Lenz der Föhnsturm zwingt den Schnee zu thauen —
Sein Haupt ist silbern immerdar zu schauen.”

„Auf ihrem Throne dort schwingt Einsamkeit das Scepter,
Nur Geierschrei hallt durch das Felsgewirr;
Doch, mein’ ich, schafft auch dort die Zeit im Stillen
Und ruhet nicht ihr ehern Werkgeschirr.
Sie wird dereinst den letzten Fels zerschmettern,
Ob er auch trotzte tausend wilden Wettern!”

„Gleich weiter folgt des „Urirothstocks” Riesenkuppe;
Auch der reckt kühn sein eisgrau Haupt empor;
Ein freies Volk soll ihm zu Füßen wohnen,
Das nur den Kaiser sich zum Herrn erkor.
Mir schwanet oft, fühl’ ich’s herüber wehen,
Auch unser Volk wird bessre Zeiten sehen.”

„Doch, thront der Winter auch auf jenen Höhen ewig,
In milden Thälern schmilzt im Lenz der Schnee,
Dann, hört’ ich sagen, blühen grüne Fluren
Und blinkt dazwischen mancher klare See,
So, wenn der Frühling die Gestade kränzet,
Gleich schönem Auge in die Ferne glänzet.”

„Die weiße Kuppe besser drüben ist der „Titlis,”
Das „Sustenhorn” soll dessen Nachbar sein.
Seht hin! wie prächtig die zerrissnen Schründe
Vergüldet sind vom Abendsonnenschein;
Aus unermeßlich tiefen, grausen Klüften
Steigt er empor sein schneeig Haupt zu lüften.”

„Die Sonne sinkt. Schaut, Regensbergs uralte Firsten
Empfangen eben ihren letzten Gruß!
Rubinen schimmer aus des Städtleins Fenstern
Den Wiederschein vom goldnen Abschiedskuß;
Bald wird der „Lägernberg” im Dunkel stehen,
Schon jetzt ist Badens „Stein” nicht mehr zu sehen.”

„Nur jene Riesen dort im Duft der blauen Ferne,
Die geben sich so schnell gefangen nicht;
Denn, während überall schon Nacht sich breitet,
Erglänzen sie noch hell im Sonnenlicht.
Wie wohl und frei mag es der Brust dort werden,
Von jenen Höh’n zu schau’n auf Gottes Erden!”

„O, hätte meine Sehnsucht dorthin Windesflügel,
Daß ich mich schwänge hoch von Firn zu Firn,
Um, weltentrückt, im Aetherblau zu schweben,
In Himmelslüften badend mir die Stirn’
Und, derweil noch die lieben Sternlein flimmern,
Im erst- und letzten Sonnenkuß zu schimmern!” —

Verwundert sah Herr Kuonrad hier in Elsbeths Augen,
Die, hold verklärt in wundersamem Glanz,
Hinüber blickten, wo aus dunklen Schatten
Sich leuchtend hob des Hochgebirges Kranz,
Indessen abendwärts, von Gold umflossen,
Die Sonne wich mit ihren müden Rossen.

Selbst überwältigt von dem Anblick dieses Schauspiels
Schwieg Elsbeth eine Weile, wie gebannt,
Eh’ sie den Hausgenossen traulich fragte,
Ob ihm ein schöner Plätzlein wär’ bekannt?
Er wollte sprechen, doch sie winkte Schweigen
Und mußte sich der Junker folgsam zeigen.

„Ich muß mich eilen,” sprach sie, „denn des Abends Schatten
Verhüllen schon, was nicht zum Himmel ragt;
Von Nacht wird bald, selbst auf den höchsten Gipfeln,
Der letzte Schein des Tageslichts verjagt
Und, irr’ ich nicht, mag’s morgen stürmisch wehen,
Da heut’ die Alpen wir so nahe sehen!”

„Dort jener,” eilte sie sich weiter mit Erklären,
„Die breiten Spitzen, sie verglühen grad,
Sich scharf abhebend von des Himmels Bläue,
Soll der „Sankt Gotthard” sein, von wo ein Pfad,
Auf dem man leicht sein letztes Stündlein finde,
In wälsches Land sich steil und schaurig winde.”

„Dann, näher herwärts, jener Rücken wild zerklüftet,
Den Ihr schon tief im Schatten vor uns seht,
Heißt der „Pilatus;” er hat seinen Namen
Von einer Sage die im Lande geht:
Es soll der Böse dort den Richter plagen,
Der unsern Heiland einst an’s Kreuz geschlagen.”

„Gen Mittag aber, jene fernsten, hellen Spitzen,
Sind „Finsteraarhorn,” „Schreck-” und „Wetterhorn,”
Dann „Mönch” und „Eiger,” wo im längsten Sommer
Das Eis nie schmilzt und thalwärts Wein und Korn
Ein fremd Gewächs ist; nebenan, im Schimmer
Des Abendroths, da folgt ein Frauenzimmer!”

„Es ist die „Jungfrau.” Herrschend über all’ die Riesen,
Ist sie nur selten mal des Schleiers bar;
Doch, wenn sie sich enthüllt im Abendscheine,
Erglänzet oft ihr Antlitz sonnenklar,
Um vor dem Schlafengehn den alten Recken
Im kalten Herzen neue Gluth zu wecken.”

„Sie selbst bleibt unnahbar, wie dort die goldnen Sterne,
Die leise ausziehn über unser Haupt,
Und keinem Freier mocht’ es noch gelingen,
Daß ihr den Schleier einer kühn geraubt.
Doch schaut! Verglüht sind nun die letzten Gipfel,
In tiefem Dunkel ruhen alle Wipfel!” —

Sie hatte kaum gesprochen, da klang hinter ihnen
Des Wächters Horn in langgezognem Schall,
Für Schloß und Landschaft Feierabend bietend;
Vom „Hungerberge” scholl der Wiederhall
Und mischte sich mit fernem Glockensummen,
Das bald erstarb in mäligem Verstummen.

Nun breitete sich Schweigen über Berg’ und Thäler,
Es herrschte Nacht und Ruh! Ein leiser Hauch,
Der Abendwind, zog lind durch das Gebüsche,
Als wiegte er in Schlummer Blatt und Strauch,
Und droben, hoch in ungemeßner Ferne,
Erglänzten schimmernd Millionen Sterne.

Da, horch! Vom Zwingolf unten klang es durch das Dunkel,
Wie flüsternd Plaudern, zu den Beiden auf;
Dann war es wieder, als ob leichte Füße
Zum Brunnen huschten in behendem Lauf,
Und jetzt ließ, unweit von der innern Pforte,
Ein Liedlein sich vernehmen. Hier die Worte:

„Eine Tanne, schlank und duftig,
Meiner Minne Maienzier
Stelle ich zum Angedenken
Nächtens vor braun Maidlins Thür.”

„Rosmarin und rothe Ilgen
Schmücken viel den Maienbaum,
Meine Seele aber zieret,
Süßer Minne holder Traum.”

„Gäb ein Schlüsselein die Feine
Mir von Gold, ich schlöß sie ein,
Tief in meines Herzens Schreine
Und verlör das Schlüsselein.”

Des Liedleins Töne zitterten noch durch den Zwingolf,
Da scholl vom Brunnen her, wie Wiederhall,
Erst leise, bis der rechte Ton getroffen,
Die Antwort drauf in glockenreinem Schall.
In tiefem Alt, als käm’ er aus der Seele,
Sang klar und deutlich eine Mädchenkehle:

„Drauß’ im Walde laß’ die Tanne.
Und die feinen Blümlein stehn;
Denke, was die Mutter sagte,
Würd’ den Maienbaum sie sehn?”

„Hast den Schlüssel Du verloren,
Ist mir recht; denn wahre Minn’
Braucht kein Schlößlein und kein Schlüssel,
Und bleibt doch im Herzen drin’.”

„Tief im Walde grünt die Tanne,
Rothe Ilgen duften fein.
B’hüet Dich Gott in stiller Kammer,
Und gedenk’ der Treuen Dein!”

„’s ist Mechtild und ihr Chnab, der Hansli!” sagte Elsbeth
Zum Junker, als der Sang verklungen war.
„Sie sind sich zugethan in allen Ehren
Und, wie ich meine, ist’s ein stattlich Paar;
Hab’ drum der Maid versprochen, anzufragen
Beim Vater, da die beiden es nicht wagen.”

„Doch,nun ist’s Zeit für mich, zu gehen,” schloß sie freundlich,
„Gehabt Euch wohl und träumet sanft die Nacht!”
Mit diesen Worten war sie ihm entschwunden
Und huschte nun die Wendeltreppe sacht
Hinunter, daß die trocknen Treppensparren
Nicht allzu hörbar ächzen oder knarren. —

Herrn Kuonrads „Gute Nacht!” kam ihr nicht mehr zu Ohren,
Weil, als er’s sprach, sie schon davon geeilt.
Nun fiel ihm schwer, sich von dem Ort zu trennen,
Wo eben noch die Liebliche geweilt;
Er blickte sinnend nach dem Abendsterne,
Der prächtig flimmerte aus dunkler Ferne.

Mit sich allein, stieg vor des Junkers wacher Seele
Ein Bild empor durch Nacht und Dunkelheit.
Er sah sein Bäslein, eine reiche Schöne,
Um die im Stillen unlängst er gefreit,
Und der sein Werben auch wohl nicht mißfallen,
Da sie nur ihn begünstigte vor Allen.

Schon, weil es galt des Bäsleins Eltern zu gewinnen,
Hatt’ sich der Junker an den Ohm gewandt,
Deß’ Wort als Bischof mehr als seins mocht’ gelten,
Daß bald ihm werde der Erkornen Hand.
Da kam der Span mit Sigismund dazwischen,
Vor dessen Zorn Herr Kuonrad mußt’ entwischen.

Nun stand der Schönen Bild ihm plötzlich vor der Seele:
Die Stirn’ umwallt von dunkler Locken Pracht,
Die herrliche Gestalt von üppigstolzen Formen,
Mit Augen, schwärzer als die tiefste Nacht;
Die jedesmal den Sinn ihm neu bestrickten,
Wenn voller Gluthen sie verlangend blickten.

Doch bald verschwanden auch des schönen Bildes Farben,
Es trat an dessen Platz ein ander Bild:
Nicht stolz und üppig, wie das erste zeigte,
Nein, lieblich, hold und fein und mild;
Gleich Sonnenstrahlen, die am Frühlingsmorgen
Im Thau hin küssen bangen Winters Sorgen.

In mildem Strahle glänzten Elsbeths fromme Augen,
Er konnte tief in ihre Seele schau’n,
Die klar und rein sich darin wiederspiegelt’
Und hin sich gab in kindlichem Vertrau’n.
Die Huldgestalt in Minne zu umfangen,
War seines Herzens stürmisches Verlangen.

So stand er, sich versenkend in die lieben Züge,
Im Wesen ihm und in Gedanken nah;
Denn jeden Tag mußt’ er auf’s Neu’ bewundern,
Was hier zum ersten Mal sein Auge sah:
In Züchten stiller Minne treu ergeben
Und milde waltend, deutsches Frauenleben.

Mit andern Augen schaute er das reiche Bäslein,
So stolz, weil es entstammte wälschem Blut;
Deß’ Blicke so vernichtend blitzen konnten,
Und doch verriethen tief verborgne Gluth!
Das tausendmal am gleichen Sommertage
Die Laune wechselte zu seiner Plage.

Nicht mühte er sich mehr, die beiden zu vergleichen,
Er mehrte damit sich nur Schmerz und Qual.
Der Oheim mußte längst geworben haben,
Und blieb denn überhaupt noch eine Wahl?
Herr Kuonrad sagte sich, zwar mit Erröthen,
Des Bäsleins Reichthum sei ihm sehr von Nöthen.

Nun mit sich selber zürnend, stand er lange sinnend,
Bis scharfe Nachtluft ihm die Stirn’ gekühlt.
Von heute wollt’ er Elsbeth ferne bleiben,
Daß nicht sie ahne, was er für sie fühlt;
Denn nimmermehr wär’ Ruhe ihm beschieden,
Wenn er zerstörte ihres Herzens Frieden.

Mit solchem Vorsatz ging der Junker zu der Treppe,
Die er, im Dunkel tastend, niederstieg,
Um unten noch beim Vogte vorzusprechen,
Mit ihm zu plaudern von dem letzten Krieg.
Er traf den Kaplan da, nebst Wein und Karten;
Die Herren mochten seiner lang schon warten. —

Im Zwingolf unten, nun das Abendbrot gegessen,
Verkürzten sich die Knechte auf der Bank
Die Zeit vorm Schlafengehn mit Scherz und Plaudern;
Sie sagten Kunz und Hansli vielen Dank,
Als diese noch, auf allgemein Verlangen,
Ein paar „Gesätzlein,” die hier folgen, sangen.

Wir lieben’s den viel rothen Wein,
Denn er geht frisch in’s Blut uns ein.
Gedeihen muß das Leben,
Wenn wir das Kännlein heben!
Gedeihen muß das Leben,
Wenn wir das Kännlein heben!

Kommt es auch vor, daß wir einmal
Festsitzen bis zum Morgenstrahl;
Beim Weine uns zu wärmen,
Die ganze Nacht durchschwärmen!
Beim Weine uns zu wärmen,
Die ganze Nacht durchschwärmen!

So sind dem Zecher doch nicht hön
Drob unsre lieben Frauen schön,
Dieweil sie selbst gern nippen
Am Wein, mit Rosenlippen!
Dieweil sie selbst gern nippen
Am Wein, mit Rosenlippen!

Hallowerwein, Du Edelblut,
Du schmeckst zu allen Zeiten gut;
Nach Dir geht unser Streben,
So lange wir am Leben!
Nach Dir geht unser Streben,
So lange wir am Leben!

Und geht es einst auf’s Todtenbett,
So reichet uns, als Seelgerett’,
Von Hallau Saft der Reben,
In’s Jenseits uns zu heben!
Von Hallau Saft der Reben,
In’s Jenseits uns zu heben!

———

Der schönste Tod, den ich mir weiß,
Das ist: im Wald zu sterben;
Viel schöner, als im Bette heiß,
Aus Lumpen zu verderben!

Der beste Wein, so jeder kennt,
Er muß wohl sein gegohren;
Recht, wie ein Mann, den nichts mehr brennt,
Der d’Hörnlin hat verloren!

———

Gott grüß’ Dich, feurig Rebenblut,
Du Edeltrost der Mannen!
Wie schmeckst Du allerorten gut,
Aus Humpen und aus Kannen.
Hat einer von Dir etzlich Stück
Im kühlen Keller vergraben,
So preis’ er’s als sein größtes Glück,
Am Weine sich zu laben!

Gott grüß’ Dich, feiner Augentrost,
Vielschöne Maid im Walde!
Nach Deiner minniglichen Kost
Sehn’ ich mich nur zu balde.
Wer immer Dich sein eigen nennt,
Dem brennt ein Feu’r im Herzen;
Macht, daß er keine Jahrzeit kennt
Und thaut, wie Schnee im Märzen!

———

Was ist es, dessen sich freuen soll
Am ersten ein guter Zecher,
Wenn ihm die Maid einen Humpen voll
Mit Wein reicht, dem Sorgenbrecher!
Ist es das Naß in der Kanne klar,
Hellperlendes Blut der Reben?
Ist es der Maid frisch Lippenpaar,
Nach denen geht sein Streben?
Ich acht’ wohl fein, vieledle Herrn,
Das braucht’s nicht lang zu rathen;
Ein Jeder tröst’ sich Beider gern,
Vom Spielmann bis Prälaten!

———

Mein Mägdlein trägt ein Camisol
Mit einem Purpursaume;
Nun gute Nacht und schlafet wohl,
Und denket mein im Traume!