Zweites Kapitel.
Vom Morgenroth sind überfluthet Thal und Höhen.
Aus jedem Hüttlein wirbelt blauer Rauch
Zum Himmel auf, gleich wie von Opferflammen;
Demantenhell blitzt es in Busch und Strauch,
Und durch ein Meer von goldnem Lichte schwimmen
Der Morgenglocken laute Weckerstimmen.
Vom ersten Sonnenstrahl getroffen, flieht der Nebel
In den sich keusch gehüllt der Berge Haupt.
Erröthend treten frisch dem Tag entgegen
In Purpurgluth die Wälder, grün belaubt;
Im feuchten Grase, welch’ ein Glitzern, Schimmern!
Ist’s nicht, als ob viel Tausend Sternlein flimmern?
Ein lauer Westwind trägt die lieben, alten Klänge
Von Zurzachs Betzeitglocken durch die Luft.
Die Schatten, auf des Schwarzwalds Höhen lagernd,
Verfärben mälig sich zu blauem Duft;
Im Thale steigt die Lerche aus den Halmen
Und jubelt ihrem Schöpfer Lobespsalmen. — —
Vom Bergfried hatte Gottfrieds Horn mit lautem Schalle
Verkündet, daß ein neuer Morgen wach,
Und waren Knecht’ und Mägde bald im Kirchlein,
Wo still der Kaplan seine Messe sprach,
Zu der auch stets der Vogt und Elsbeth kamen,
Geduldig harrend auf das letzte Amen.
Als dies gesprochen, blieben, wie an jedem Tage,
Die Knechte vor des Kirchleins Pforte stehn
Und lauschten schweigend auf des Herrn Befehle,
Was jeder heute sollte schaffen gehn;
Denn vorher schickte keiner sich zum Essen,
Eh’ nicht das Tagewerk ihm zugemessen. —
Frisch, wie der junge Tag, trat dann auch Elsbeth nahe
Und brachte ihren Gruß dem Vater dar,
Den dieser fröhlich zu erwiedern pflegte
Mit einem Kusse auf ihr blondes Haar;
So war’s sein lieber Brauch noch jeden Morgen,
Wenn abgethan des Hauses erste Sorgen. —
„Erlaubet Vater,” hörte heut’ man Elsbeth sprechen,
„Daß ich hinunter gehen darf zu Thal,
Nothburga’s Joseph lag schwer siech darnieder,
Als ich in Küßnach war das letzte Mal;
Sein armes Weib gab keine Ruh’ mit Flehen,
Bis ich versprochen, wieder nach zu sehen.”
„Von meinem Tränklein wird er wohl nicht ganz genesen,
Ich kochte zwar der Kräuter siebnerlei,
Denn es gebricht an Nahrung für den Armen;
Ist diese da, ist bald der Brest vorbei.
Drum bitte noch ich, es nicht zu versagen,
Daß Kunz mein Körblein hilft zu Thale tragen.”
„Der Kunz,” entgegnete der Vater, milde lächelnd,
„Steht, wie Du weißt, in Junker Kuonrads Pflicht;
Willst Du den Diener, mußt den Herren fragen,
Von mir aus geb’ ich ihm den Urlaub nicht!”
Da, wie gerufen, nahte von der Seite
Herr Kuonrad sich, den Kaplan im Geleite. —
Wie damals es der Vogt sich vorgenommen hatte,
Erzählte er der Tochter von dem Gast
Und gab ihr Winke, sich darnach zu halten,
Die Elsbeth freilich rasch genug erfaßt’;
Denn gern sah sie den Herrn im Hause weilen,
Wußt’ er doch viel des Neuen mitzutheilen. —
„Man möchte Euch den Kunz entführen!” sagte heiter
Der Vogt zum Freund nach ausgetauschtem Gruß,
Und fuhr dann fort: „Die Els’ will einem Kranken,
Der lange schon sein Siechbett hüten muß,
Ein Körblein Essen bringen, das zu tragen
Sie Euch um Euer Knechtlein möchte fragen!”
Der Junker hatte diese Worte kaum vernommen,
Als schon er freundlich sich an Elsbeth wandt’
Und bat: „Vergönnet mir Euch zu begleiten;
Viel schneller rinnet ja im Glas der Sand,
Kann ich mit Pflichten meine Zeit mir würzen,
Von langer Weil’ verschont, die Stunden kürzen!”
Da zog ein lieblich Lächeln um der Holden Lippen,
Und fragend schaute sie zum Vater aus.
Doch weil der schwieg, so galt es selbst zu reden,
Und so erwiederte sie sittsam draus:
„Wollt Ihr so gut sein und mein Körblein tragen,
Darf mit zu gehen Euch ich nicht versagen.”
„Es ist ein gutes Werk,” sprach noch sie, leis erröthend,
Und gönne Euch ich gern des Dankes Theil,
Den uns die Armen ja von Gott erstehen,
An zeitlichem Gedeihn und ew’gem Heil,
Selbst da, wo kaum an ein Verdienst wir glauben —
Ich möcht’ Euch solchen Segens nicht berauben.”
„Wollt Ihr denn mit, so harret meiner dort beim Brunnen,
Nehmt aber vorher guten Imbiß ein;
Wir werden schwerlich vor dem Mittagläuten
Im Schloß zurück von unsrer Thalfahrt sein!”
Dann neigte sie sich leicht und schritt zur Halle,
Wo schon das Mahl bereitet stand für Alle.
Gemächlich folgten auch die andern dorthin — aßen
An einem Tische doch noch Herr und Knecht. —
Das Essen, so in grauen Schüsseln dampfte,
War Haferbrei, der, steif gekocht und recht
Mit süßer Milch begossen, trefflich schmeckte,
Wenn auch kein Linnen fein die Tische deckte.
Kurz Haar ist bald gebürstet! Als das Mahl zu Ende,
Rief Elsbeth Frida, ihre alte Magd.
Die mußte ihr den Tragkorb füllen helfen
Mit einem Häslein von der letzten Jagd;
Dann kam noch Brod und auch ein Krug mit Weine,
Und hob sie selbst den Korb, wie schwer er scheine.
Er schien ihr leicht genug, auch etwas Mehl zu fassen,
Drauf aber lief sie flink in ihr Gemach,
Ein gutes Tüchlein um den Kopf zu binden.
Sie kannte noch kein besser Sonnendach;
Denn einen Hut durft’ sie nur Festtags tragen,
Sonst fand der Kaplan wieder Grund zu klagen.
Ohn’ viele Worte schritten bald darauf die Beiden,
Der Korb hing unschwer in des Junkers Hand,
Der Halde zu; jung Elsbeth weithin kenntlich
Durch ihr, im Winde wehend, blau Gewand,
Das sie, weil dies bergab den Schritt ihr kürzte,
Am Waldrand züchtig etwas höher schürzte.
Von hier an ging es flink die grüne Halde nieder.
Noch blühten Glockenblumen, Thymian,
Das Kräutlein Augentrost mit weißen Blümchen,
Goldgelber Ginster, duft’ger Enzian,
Und froh im Reigen um die Blüthen schwebten
Beschwingte Wesen, die nach Honig strebten.
Ein paar Mal wandte Elsbeth sich an den Gefährten
Und frug ihn lächelnd, ob der Korb noch nicht
Zu schwer geworden; aber stets verneinte
Der Junker dies mit freundlichem Gesicht.
Ja, er verschwor im Scherz sich, es zu wagen,
Ihr Körblein bis an’s End’ der Welt zu tragen.
Auf einmal jedoch war die Rasche ihm entschwunden,
Und zwar just da, wo’s steil zur Tiefe ging;
Herr Kuonrad mußte wohl des Körbleins achten
Und dessen Inhalt; doch das war nicht ’ring.
Schon perlten auf der Stirne ihm die Tropfen,
Er hörte deutlich seines Herzens Klopfen.
Vom Wald umfangen schritt er dennoch eilig abwärts;
Kein Laut ertönte, nicht ein Vöglein sang;
Der Pfad fiel immer steiler ab, ward schlüpfrig
Und schien dem Junker bald unendlich lang.
Doch stieg er, sich verschnaufend hin und wieder,
So gut er konnte durch die Halde nieder.
Das Körblein aber ward indessen immer schwerer.
Er sprach im Stillen manches derbe Wort,
Wenn Brombeerranken mit den scharfen Dornen,
Am Gehn ihn hinderten in einem fort.
Wie war’s dem Herrn sonst doch so leicht erschienen,
In höfisch feiner Art den Frau’n zu dienen?
Doch endlich schimmerte es licht durch das Gezweige,
Zur Rechten sah er einen Rebenhang
Und links, im Schatten alter Wallnußbäume,
Lief breit sein Weg den grünen Rain entlang.
Verdrossen fast, weil Elsbeth nicht zu sehen,
Hob jetzt der Junker schneller an zu gehen.
Da klang es silberhell aus eines Nußbaums Schatten:
„Herr Kuonrad, wartet — ruht ein wenig aus!
Das Körblein ist Euch wahrlich schwer geworden;
Gebt mir es, wir sind bald beim ersten Haus!”
Und nun er seitwärts ins Gebüsche blickte,
Saß Elsbeth dort, die froh ihm winkend nickte.
Im weichen Grase ruhend, wies sie mit dem Finger
Thalauswärts, wo im Morgensonnenschein
Das Dörflein lag; etlich’ zerstreute Häuser
An eines Baches grünem Uferrain,
In deren Mitte sich ein Hüttlein zeigte,
Deß’ Strohdach fast bis an die Erde neigte.
„Wenn Ihr Euch setzen wollt, hier ist ein lauschig Plätzchen!”
Fing Elsbeth wieder an, und dabei wand
Sie spielend um ein Büschel blauer Blumen,
Die an dem Wege durch den Wald sie fand,
Ein Endchen Zwirn, sich einen Strauß zu binden,
Der Platz an ihrem Busen sollte finden.
Müd’, wie der Junker war, befolgte er die Worte
Und lagerte sich hin in’s hohe Gras;
Das Körblein stand als Grenzmark zwischen Beiden,
So daß sein Träger nicht zu nahe saß.
Mocht’ er’s auch heimlich um den Platz beneiden,
Es half ihm nichts, er mußt’ es eben leiden.
Gar süß klang dafür es jetzt in Herrn Kuonrads Ohren:
„Verzeiht, daß ich so eilte durch den Tann
Und voraus ging; das macht, weil abwärts steigend
Ich manchmal nicht die Schritte hemmen kann.
Um jedoch volle Wahrheit Euch zu sagen,
Mag Schuld daran auch die Gewohnheit tragen.
So oft sonst Kunz mit mir zu Thale ging, erzählte
Er jedes Mal auch irgend eine Mähr
Vom Bergmännlein, das hier im Walde hauset,
So daß am liebsten dann ich draußen wär.
Ja, neulich noch, schwur er mir hoch und theuer,
Er hätt’ es selbst gesehn im Wald am Feuer!”
„Zwar bin ich wohl gefestet wider Spuck und Zauber;
Doch fürchte ich des Auges bösen Blick,
Vor diesem kann kein Heilthum uns bewahren
Und wen er trifft, den fasset schlimm Geschick.
Zu dessen Rettung soll kein Mittel taugen,
Wer sich bezaubern ließ durch ein paar Augen!”
„Des Vaters Muhme hat mir davon oft gesprochen.
Die wußte es und ihr hab’ ich geglaubt,
Als sie mir einst erzählte, daß zwei Augen
Den Frieden ihr für Lebenslang geraubt. —
Nun werdet Ihr mir hoffentlich verzeihen,
Daß Eurer ich erst wartete im Freien.”
Die letzten Worte hatte Elsbeth leis gesprochen
Und dabei sich bemüht den Blumenstrauß
Am Busen festzunesteln. Damit fertig
Sah sie, wie träumend, nun ins Feld hinaus;
Vom Thale klang des Baches munter Rauschen,
Ihm mochte, unbewußt, die Holde lauschen.
„Da war ich übel dran,” versetzte jetzt der Junker,
Ihr Träumen unterbrechend, „als allein
Den wilden Weg Ihr so mich wandern ließet!
Mir schwante selber, daß es dort nicht rein;
Denn ganz gewißlich haust in diesen Bergen
Noch eine Schaar von Unholden und Zwergen!”
„Wenn die mich nun im Wald gefangen halten würden
Mitsammt dem Korbe? Hättet Ihr nicht Schuld,
Da Euch bewußt ist, daß es nicht geheuer?
Ihr zeigtet, fürwahr! mir nur wenig Huld,
Und wär’ am Ende es Euch recht gewesen,
Wenn so ein Unhold mich zum Ziel erlesen?”
Herr Kuonrad wollte schon den Scherz noch weiter treiben,
Da fiel sein Blick auf Elsbeths Angesicht.
Wie Purpurgluthen lag’s auf ihren Wangen:
Ob er dies Alles wohl im Ernste spricht?
Und plötzlich wollte es ihm nun erscheinen,
Sie sei dem Lachen ferner, denn dem Weinen.
Ein großer Blick aus ihren blauen Sonnenaugen,
Der Seele tief entsteigend, traf sein Herz;
Der Junker kürzte also schnell die Rede
Und schloß gar schelmisch seinen kleinen Scherz:
„Will Euch für dies Mal keines Unrechts zeihen,
Wollt meiner Bitte Ihr Gehör verleihen!”
„Verschenket mir das blaue Sträußlein dort vom Busen;
Ich acht’ es gegen Zauberei als Schild
Und will es halten, als der Herrin Farbe,
Zum Angedenken holder Dame Bild.
Gewähret daher gerne mir die Bitte;
Die Gabe halt’ ich werth nach Rittersitte!”
Holdselig Lächeln aus den Wangen, reichte Elsbeth
Ihm ohne Zaudern das Verlangte dar.
Stolz steckte er es an’s Barett, das schlichte,
So keck, ihm saß auf dunklem Lockenhaar,
Und dankte, glücklich über die paar Blüthen,
Gelobend, sie gleich theurem Schatz zu hüten.
Ein sanft Erröthen lohnte schön ihm für die Worte,
Dann jedoch sprang sie auf; es griff die Hand
Flink nach dem Körblein, um dies selbst zu tragen.
Herr Kuonrad aber hielt als Träger Stand;
Er bat nur darum, ihm den Arm zu reichen,
Ein zweites Mal sollt’ Elsbeth nicht entweichen.
„Bin dieses nicht gewohnt,” klang heiter ihre Antwort,
„Auch ist mir fremd, wie man’s am Hofe hält.
Ihr werdet aber, hoff’ ich, mir verzeihen,
Denn wenig nur sah ich noch von der Welt;
Doch Ihr, Herr, habt gewiß schon Viel gesehen?
Erzählet, bitte, währenddem wir gehen!”
Dann schritt sie leicht an seinem Arm dem Dorf entgegen,
So friedlich lag in Laubgrün eingewiegt.
Es glich die Maid der zarten Eppichranke,
Die sich an einen festen Eichbaum schmiegt
Und schüchtern strebt, sich dran empor zu winden;
Ein besser Gleichniß weiß ich nicht zu finden.
Im Gehen wiederholte Elsbeth bald die Bitte,
Herr Kuonrad sollt’ erzählen, was er sah
Auf seinen Fahrten durch die fremden Länder
Und was ihm selber da und dort geschah.
Nun, wollte er sich ihr als Ritter zeigen,
Durft’ länger wohl der Junker nicht mehr schweigen. —
Vor Jahren hatte er den Ohm nach Rom begleitet
Und mancherlei erlebt auf jener Fahrt
Von wälscher Tücke und vielschönen Frauen,
Von fremden Sitten und gar feiner Art.
Nun ließ er’s nicht am rechten Ausdruck fehlen
Und mischte Scherz dem Ernste im Erzählen.
Verhaltnen Athems fast, ging Elsbeth still daneben
Und lauschte staunend jeder neuen Kund’.
Herr Kuonrad wußte prächtig zu erzählen,
Ihr Blick hing unverwandt an seinem Mund;
Sie folgte ihm zur „Stadt der sieben Hügel,”
Als ob sie selber in des Zelters Bügel.
Doch, als er gar erzählte, daß, um eines Scherzes willen
Ein wälscher Bube fast ihn niederstach,
Da lief ein Schauern durch den Körper Elsbeths,
Ihr sonnig Angesicht erblaßte jach;
Am Arme aber fühlte er ein Drücken,
Als müßte noch ihr seine Rettung glücken.
Sie hatte nicht drauf Acht, daß, während des Erzählens,
Sich beider Schritte schon dem Dörflein nahn;
Nicht, wie die Hörigen einander winkten,
Als ihre Herrin still sie wandeln sahn.
Kaum, daß sie flüchtig grüßte auf dem Wege
Zur Hütte, ihrem Ziele überm Stege.
Hier endlich mußte Elsbeth doch ihr Körblein haben,
Mit dem sie nun im Hüttchen flugs verschwand.
Herr Kuonrad wußte nicht, sollt’ er ihr folgen;
Doch, wie er eben überlegend stand,
Sahn seine Augen jetzt ein Büblein stehen,
Das sich nicht traute ihm vorbei zu gehen.
Ein Fingerlein im Mäulchen, schlich es zagen Schrittes
Zu einem Holzblock hin, der unweit stund.
Das fragte, Kurzweil hoffend, jetzt der Junker
Nach seinem Vater; doch des Bübleins Mund
Blieb stumm, es wurde immer mehr verlegen
Und ließ sich nicht zum kleinsten Wort bewegen. —
Im Stüblein drinnen hatte unterdessen Elsbeth
Den Inhalt ihres Körbleins ausgepackt;
Sie stand nun kosend mit zwei kleinen Mädchen,
Die, bis auf ein geflicktes Hemdlein, nackt,
Weil beide schon ihr Stücklein Brod empfangen,
Zum Kuß der Guten boten Mund und Wangen.
Da ging die Thüre auf und aus der dunklen Kammer
Trat Seppel, noch ganz bleich und abgezehrt;
Die Herrin schauend, sank er ihr zu Füßen,
Die sie, weil Brauch, zu küssen ihm nicht wehrt.
Mit wahrer Freude hört’ ihn Elsbeth sagen,
Daß es viel besser seit den letzten Tagen.
„Das Weib ist noch im Felde draußen,” sprach er heiser,
Nach etwas Futter für die Geis zu sehn;
Derweilen muß ich ihr die Mägdlein hüten,
So gut es mag mit schwachen Kräften gehn.
Doch, Gott und Euch sei Dank! sie kommen wieder,
Sind manchmal bleischwer mir auch noch die Glieder!”
Zufrieden, Seppel auf der Besserung zu finden,
Wies Elsbeth auf das Häslein und den Wein
Und sagte: „in dem Krug das Tränklein,
Möcht’ jetzt das rechte Mittel für Dich sein;
Auch magst Du Dich an solchen schönen Tagen,
Wie heute, kecklich an die Sonne wagen!”
Nach diesen Worten bückte sie sich zu den Mägdlein
Und wechselte mit jedem einen Kuß;
Dann, aus dem Angesicht ein glücklich Lächeln,
Enteilte Elsbeth flink mit mildem Gruß,
Gleich holdem Engel, der da Hülfe brachte,
Wo ein arm Herz in schweren Sorgen wachte.
„Die Herrin blieb sonst länger!” meinte Seppel brummend,
Als er so eilig sie verschwinden sah;
Sie selber mochte ähnlich denken, aber —
Vorm Hüttlein wartete der Junker ja.
Ihr Nahen machte jetzt das Büblein munter;
Es sprang vergnügt von seinem Block herunter.
Mit nackten Füßchen lief es Elsbeth schnell entgegen
Und ruhte nicht, bis es aus ihrem Schooß
Den längst gewohnten Kuß empfangen hatte.
Dann strampelte das Büblein rasch sich los,
Um in des Hüttleins Thüre zu verschwinden;
Es wußte ja, nun würde Brod sich finden.
Herr Kuonrad aber meinte heiter: „Ihr könnt zaubern!
Mir weigerte der Junge Gruß und Wort;
Doch, nun er Euch erblickt, bekommt er Leben
Und küßt und liebkost Euch in Einem fort!
Ein solch’ Geheimniß acht’ ich werth zu kennen;
Wollt Ihr mir diesen Zauber nicht auch nennen?”
„Ist kein Geheimniß! Kinder fühlen, wer sie lieb hat!”
Gab freundlich sie Herrn Kuonrad jetzt zurück:
„Sie geben Lieb’ um Liebe, wiederspiegelnd
Ein uns oft lange schon entschwunden Glück.
In jede Kinderseele bringt man Leben,
Versuchet’s nur, Euch mit ihr abzugeben!”
„Nun aber sagt, ward Euch das Warten überdrüssig,
Und blieb ich lange weg? Es däucht mich fast!
Gelt, dafür gehn wir auf dem Heimweg schneller;
Das heißt, so Euch dies so beliebt und paßt.
Noch ist es frühe, brauchen nicht zu eilen,
Auch schießt uns Keiner nach mit Bolz und Pfeilen!”
Als hätte sie zu viel gesprochen, schwieg hier Elsbeth
Und band mit Fleiß das Tüchlein wieder fest,
So ihr das Büblein vorhin arg verschoben,
Als sie es küssend an die Brust gepreßt,
Herr Kuonrad aber kaum den Augen traute,
Da selten wohl ein schöner Bild er schaute.
Die Strahlenaugen voll zu ihm emporgerichtet
War sie bemüht ein widerspenstig Paar
Goldfarbner Löcklein unters Band zu schieben,
Das blau umzog das herrlich blonde Haar,
Und als sich ihr die Losen endlich fügen,
Lag froh ein Lächeln auf den holden Zügen.
Herr Kuonrad schaute ihr beglückt in’s schöne Antlitz,
So voller Unschuld ihm entgegensah,
Bis sie, als ahnte ihr, wie seinem Herzen
Von solchem Schauen wunderbar geschah,
Sich tief erröthend wandte um zu gehen,
und er nun auch nicht durfte bleiben stehen.
Doch da den Arm er bot, schien sie dies nicht zu achten,
So, wie beim Kommen, ging’s im Rückweg nicht;
Denn fast aus jedem Fenster nickte freundlich
Ein fröhlich lachend Kinderangesicht.
Am Wege aber harrten auch die Alten,
Ein grüßend Wort der Herrin zu erhalten.
Ein kleiner Blondkopf, frisch gewaschen und gestrählet,
Kam schon von Weitem auf sie zugerannt
Und hielt sein braunes Händchen ihr entgegen;
Der Herrin Täschlein war dem Schelm bekannt,
Nun will der Kuß allein ihm nicht recht munden,
Mit dem sie ihn für dies Mal abgefunden.
Die Schäflein, von Elsbeth aus süßem Teig gebacken,
Sie fehlten heute für die Kinderschaar;
Zum ersten Male hatt’ sie die vergessen,
Möcht’ wissen, welches wohl die Ursach’ war!
Je nun, es waren leer des Fräuleins Taschen,
Und gab für heute es drum nichts zu naschen. —
Beim letzten Hüttlein erst ward sie der Kleinen ledig,
Die Kinder zogen heim in muntrem Trab;
Nun bot von neuem seinen Arm der Junker;
Doch Elsbeth lehnte mit den Worten ab:
„Bergaufwärts möchte es beschwerlich fallen,
Wir wandeln nicht in eines Palas Hallen!”
„Auch bin ich es gewohnt die Halde zu erklettern,
Gleich flinkem Rehe, über Stock und Stein,
Manch heilsam Kräutlein suchend oder Blumen,
Wie sie im Sommer blühen hier am Rain;
Doch, weil sich dabei schwerlich läßt erzählen,
Will gerne ich mit Euch zu gehen wählen!”
Geduldig ging der Junker wieder an’s Erzählen
Und schilderte, was draußen er geschaut;
Was ihm gefallen in den fremden Ländern
Und wie er da und dort dem Glück vertraut.
Wohl sei es schön, frei durch die Welt zu reisen;
Doch würd’ ein trautes Heim er mehr noch preisen.
Gefangen von Herrn Kuonrads weltgewandter Sprache,
Schritt sie indessen ihm zur Seite hin,
Zuweilen mal im Gang sich unterbrechend,
Wenn nah’ dem Hang ein duftig Blümlein schien,
Das ihre Hand erreichen konnt’ und pflücken,
Im Gehen sich den Busen mit zu schmücken.
Nur, als sie weiter oben an der Halde waren,
An jener Stelle, wo sie erst geruht,
Da bat ihn Elsbeth leise links zu wenden:
„Der Pfad ist schattig und auch sonsten gut.”
War ja kein Unrecht weitern Weg zu wählen,
Der Junker konnte dafür mehr erzählen.
So schritten sie denn auf dem längern Pfade langsam
Zusammen aufwärts durch den grünen Wald,
Der hier den Schloßberg breit und dicht umgürtet,
Und wandelten im tiefsten Schatten bald,
Als, während Elsbeth ernst dem Junker lauschte,
Ein Windstoß heulend durch die Wipfel rauschte. —
Es hatte keins von Beiden sonderlich beachtet,
Daß längst verschwunden war des Himmels Blau
Und schwere Wolken über ihnen dräuten,
Die alles hüllten in ein düster Grau.
Jetzt erst bemerkten sie, wie Nebelschwaden
Am Hungerberge zogen, sturmbeladen.
Bald schlossen, eh’ sie es geahnt, die Wetterwolken
Rings Berg und Thal in ihren dunkeln Schooß.
Schon jagten Blitze sich; vom Strahl getroffen
Sank mancher Waldbaum jäh in’s grüne Moos;
Ein Felsblock schoß in ihrer Nähe nieder,
Deß’ Donnern hallte laut im Thale wieder.
Dann goß der Regen Fluthen; wild, wie Meereswogen,
Es rann und schwoll das nasse Element;
Ein jedes Rinnsal ward zum grimmen Strome,
Deß’ Spuren noch der späte Enkel kennt.
Fast schien’s, als ob der Himmel sich empörte
Und, was er schuf, mit Grausen nun zerstörte.
Am Stamme einer dicht belaubten Eiche lehnend,
Fand Elsbeth Schutz vor des Gewitters Macht.
Sie schlug ein Kreuz, so oft der Blitz urplötzlich
Mit greller Flamme hellte rings die Nacht;
Auch betete sie leis den Wettersegen,
Der soll sie schützen und der Sturm sich legen.
Herr Kuonrad hatte minder Glück sich schnell zu bergen,
Und blieb drum, unweit Elsbeth, wartend stehn;
Des Wetters wenig bange, schien ihm sicher,
Daß dieses bald vorüber dürfte gehn.
Er ließ sich nicht so leicht von Furcht beschleichen,
Auch wollt’ er nicht von seiner Herrin weichen.
Mit Plaudern suchte er die Aengstliche zu trösten,
Doch diese fand zum Sprechen keinen Muth.
Sie unterbrach sein scherzhaft Reden leise:
„Hört uns das Bergweiblein, so thut’s nicht gut;
Denn diese Unholdin, aus Dunst geboren,
Hat sicher das Gewitter her beschworen.”
„Zuweilen stößt sich das Gewölk am Schloßberggipfel
Und nimmt dann, minder schadend, seinen Weg
Das Kletgau aufwärts, wo es, ausgeschüttet,
Gefährdet höchstens eines Bächleins Steg.
Doch weh! wenn es zum Thal den Strich gefunden,
So ist ein Ausweg nimmer zu erkunden!”
„Es kann nicht vor- nicht rückwärts, muß sich hier entleeren
In seiner ganzen unheilvollen Macht;
Verderben bringt es oft auf viele Jahre,
Als hätte uns die Sonne nie gelacht,
Und, wo wir heute noch im Grünen gehen,
Könnt Ihr schon morgen eine Wüste sehen!” —
Sie hatte kaum geendet, zuckt ein Strahl hernieder
Aus schwarzer Wolke auf den nächsten Baum,
Sekundenlang loht auf ein Meer von Flammen,
In fahlem Scheine glimmt der ganze Raum;
Es knattert schrill ein kurzer Knall dazwischen,
Der sich im Moos verliert in leisem Zischen.
Der Sturm peitscht wüthend hin und her die Wipfel,
Und krachend fällt so manches grüne Haupt;
Wildschaurig gellt ein Pfeifen durch’s Gezweige,
Daß man der Hölle Macht entfesselt glaubt.
Des Waldes Thiere packt es voll Entsetzen,
Sie müssen blindlings in’s Verderben hetzen.
Vor Schrecken bleich, die Hände im Gebet gefaltet,
Wagt Elsbeth keinen lauten Athemzug;
Ihr Muth ist hin, sie bebt an allen Gliedern,
Seit, ihr so nah, der Blitz zu Boden schlug.
So steht sie mitten in dem grausen Rauschen
Und hofft ein Wort des Junkers zu erlauschen.
Doch der bleibt stumm. Von einem Tannenast getroffen
Liegt wund Herr Kuonrad tief im Haidekraut;
Im Bann der Ohnmacht weigern Mund und Lippen
Der fast Verzweifelnden den kleinsten Laut.
Mit ihrem Blick, bis wo er liegt zu dringen,
Kann in der Dunkelheit ihr nicht gelingen.
Noch wird ihr banger Ruf vom Sturmwind übertoset,
Sie starrt voll Aengsten in die Waldesnacht,
Den Junker und sich selbst der Mutter Gottes
Empfehlend, deren Fürsprache und Macht
Ein Leichtes, des Gewitters Wuth zu enden
Und gnädig alles Unheil abzuwenden.
Da sieh! Es legt sich doch des Sturmes brausend Toben,
Nicht mehr so nahe rollt des Donners Hall;
In Elsbeths Ohren klingt, gleich Himmelsbotschaft,
Vom Schlosse her des Wetterglöckleins Schall.
Das Dunkel weicht, das tief den Wald umwoben,
Und heller wird es in den Wipfeln oben. —
Wie schnell das Wetter kam, so ging es auch vorüber,
Geendet wähnte Elsbeth alle Noth.
Da traf ihr Blick am Boden den Gefährten,
Von seiner Stirne floß es blutigroth,
In lautem Aufschrei sank sie zu ihm nieder;
Doch nur das Echo scholl als Antwort wieder.
Gebrochnen Ast zur Seite, lag betäubt Herr Kuonrad
Im Haidekraut, das roth gefärbt sein Blut;
Nur leise hob die Brust sich auf und nieder,
Wie einem der die letzten Züge thut.
Nicht hoffend, daß sich hier noch Rettung fände,
Rang Elsbeth, Schmerz erfüllt, die zarten Hände.
Doch halt! es regten stöhnend sich des Wunden Lippen,
Mit stummer Freude hat sie es gehört,
Und nun war auch des Schmerzes Bann gebrochen,
Der Elsbeth bislang schwer den Sinn bethört;
Sie nahm ihr Tüchlein, naß und schwer vom Regen,
Es sachte auf des Junkers Stirn’ zu legen.
Nach diesem raffte sie ein Häuflein Moos zusammen,
Bestimmt zu einem Kissen für sein Haupt;
Schon ruht es schwer auf ihren weichen Händen,
Noch immer der Besinnung ganz beraubt;
Doch, nun sie’s sorglich wollte niederlegen,
Sah wieder sie die Lippen zitternd regen
Gewißheit, daß das Leben ihm noch nicht entflohen,
Gab jetzt zum Rettungswerk ihr weiter Kraft.
Mit nassem Moos rieb sie des Wunden Schläfen,
Bis fast die Hand vor Müdigkeit erschlafft,
Da lohnte denn der Himmel ihr Bemühen
Und ließ Herrn Kuonrads Lämplein neu erglühen.
Er wachte mälig auf und seine braunen Augen
Begrüßten fragend Elsbeths feuchten Blick;
Bald suchte auch ein Lächeln auf den Lippen
Ihr Trost zu spenden über sein Geschick,
Und schnell, wie dies der Jugend ja gegeben,
Mocht’ sich der Junker nun vom Fall erheben.
Noch vorher aber faßte er der Jungfrau Rechte,
Die, wie sein guter Engel, vor ihm stand,
Und preßte wortlos ein paar heiße Küsse,
Als seinen Dank, ihr auf die kleine Hand.
Verklärten Blicks sah Elsbeth zu ihm nieder
Eh’, mühsam nur, sie fand die Sprache wieder.
„Versuchet aufzustehen — vielleicht könnt Ihr gehen!
Wir sind vom Schlosse nicht mehr allzufern
Und das Gewitter ist, Gottlob! vorüber.
Die Heiligen und Euer guter Stern,
Sie haben Euch gar treu in Schutz genommen,
Sonst wäret wohl Ihr bös davon gekommen!”
Der Guten Worte waren kaum verklungen, als auch
Herr Kuonrad aufrecht stand und ihr versprach,
Zum Heimweg noch genügend Kraft zu haben;
Dann, fühlend daß ihm weiter nichts gebrach,
Wollt’ er sein Dankgefühl in Worte kleiden,
Die anzuhören Elsbeth will vermeiden.
Sie mahnte also „Kommt, es muß bald Mittag läuten!
Bis dahin müssen wir zu Hause sein;
Doch erst laßt mich die Stirne Euch verbinden,
Mein Tüchlein taugt uns, denk’ ich, dazu fein.
Frisch Wasser wird die böse Wunde kühlen
Und auch die Schmerzen minder lassen fühlen!”
Gehorsam bot der Junker gern die wunde Stirne,
Aus der das Blut noch tropfte, Elsbeth dar.
Sie hob mit leichter Hand des Tüchleins Enden
Und spülte es im nächsten Rinnsal klar,
Dann ward die Wunde gut und fest verbunden;
Ihm aber schien, er müsse gleich gesunden.
Jetzt, endlich, ging es wieder fürbas. Zwischen Fichten
Und dunkeln Tannen führte schmal der Weg.
Wie frisch geschmolzen Silber glänzten Tropfen
Vom Regen noch im buschigen Geheg.
Balsamisch dufteten des Waldes Blüthen,
Ein linder Lusthauch zog, statt Sturmes Wüthen.
Gedanken eigner Art beschäftigten die Beiden
Auf ihrem Pfad zum Schloßberghof empor;
Versuchte es Herr Kuonrad mal zu scherzen,
So schwieg nun Elsbeth, stiller als zuvor.
Ein Kräutlein keimte in dem jungen Herzen,
Ein Kräutlein, das viel Glück bringt — oder Schmerzen.
* * *
Die Höhe ward erreicht und bald darauf die Brücke,
Wo schon der Herrin harrend Frida stund;
Denn längst war ja die Mittagszeit vorüber,
Des Glückleins Schall verschlang des Sturmes Mund.
Es zuckte schalkhaft im Gesicht der Alten,
Nun mäusleinnaß sie sah die zwei Gestalten.
„Dacht ich’s doch gleich, das Wetter werde Euch erwischen!”
Hob zungenfertig jetzt die Alte an,
„Sonst wäret Ihr zu Mittag hier gewesen;
Doch da hat es am wüstesten gethan!
Wird heute nun die Herrin auch noch lachen,
Wie früher, wenn ich sprach vom Wettermachen?
„Der Pfarr’, der Neiding! hat das Wetter hergezaubert.
Er sieht’s, wenn Ihr zu Thale geht, nicht gern.
Sollt immer in der Kemenate sitzen
Und Litaneien lernen bei dem Herrn!
Wohl bin ich alt und mag nicht viel mehr taugen;
Doch blieben mir, Gottlob, noch klare Augen!”
Hier jedoch fiel ihr Elsbeth schnell in’s Wort und sagte:
„Sei lieber still und schaff’ uns Kunzen her,
Daß er den Herrn in sein Gemach begleitet;
Denn siehst Du nicht? er leidet schwer!
Vom Strahl getroffen, schlug ein Ast ihn nieder,
Ein Wunder nur, daß noch ihm heil die Glieder!”
„Du selber aber magst mir Spitzenwegrich suchen,
Des Kräutleins Saft, bekanntlich weit und breit
Im Rufe, daß er köstlich gegen Wunden,
Soll zeigen, ob zur Heilung er gedeiht!
Nun eile Dich, den Kunz herbei zu finden,
Er muß dem Herrn die Stirne frisch verbinden!”
Herr Kuonrad lehnte derweil müde am Geländer.
Vom Blutverluste wohl ein wenig matt,
War nicht ihm unlieb, daß auf Fridas Rufen
Sich Kunze gar eilig eingefunden hatt’.
Der staunte bas, den Herrn allso zu sehen,
Doch dieser hieß ihn kurz mit ihm zu gehen. —
Mit warmem Händedruck und einem langen Blicke
In Elsbeths licht erglänzend Augenpaar
Schied, im Geleit des Knappen, nun der Junker.
Sie sah ihm nach, bis er verschwunden war;
Ein glücklich Lächeln schwebt auf ihrem Munde —
Dein Dichter, Elsbeth, weiß aus welchem Grunde!