Die Bildung der Regierung des Herrn Michaelis
Bei der ersten Besprechung mit führenden Reichstagsabgeordneten im Garten des Reichsamts des Innern hatte der neue Kanzler die Bemerkung gemacht, daß er „bisher als mehr oder weniger unbeteiligter Zeitgenosse neben dem Wagen der Reichspolitik hergelaufen sei“. Das war ehrlich, aber es wurde dem Kanzler, wie häufig im politischen Leben die Ehrlichkeit, von manchen Seiten als Zeichen von Ungewandtheit verdacht. Es mag erstaunlich erscheinen, daß ein Mann, der über seine mangelnde Erfahrung in politischen Dingen sich selbst durchaus im klaren war, den Mut aufbringen konnte, das Reichskanzleramt in jener schwierigen Zeit zu übernehmen. Ich selbst habe in jener nächtlichen Besprechung im Reichskanzlerhause, die unmittelbar auf seine Ernennung folgte, eine Andeutung meines Erstaunens nicht unterdrücken können. Herr Michaelis antwortete mir darauf, der Abgang des Herrn von Bethmann werde zweifellos eine starke Entspannung herbeiführen und ihm die Arbeit erleichtern; im übrigen vertraue er auf Gott, mit dessen Hilfe er die Aufgabe, zu der er berufen sei, auch bewältigen werde.
Dieses starke Gottvertrauen mag es erklären, daß Herr Michaelis trotz seiner unzureichenden Vertrautheit mit dem großen Felde, auf das er nun gestellt war, von Anfang an eine große Selbständigkeit bei seinen Entschlüssen und eine auffallende Neigung zu Improvisationen entwickelte.
Seine Mitarbeiter mußte er sich zu einem erheblichen Teil neu wählen. Dazu zwang ihn schon das innerpolitische Programm, das er am 19. Juli im Reichstag entwickelte. Er sagte damals nach einem kurzen Bekenntnis zu der Königlichen Botschaft über das gleiche Wahlrecht:
„Ich halte es für nützlich und für notwendig, daß zwischen den großen Parteien und der Regierung eine engere Fühlung herbeigeführt wird, und bin bereit, soweit es möglich ist, ohne den bundesstaatlichen Charakter und die konstitutionellen Grundlagen des Reiches zu schädigen, alles zu tun, was dieses Zusammenarbeiten lebens- und wirkungsvoller machen kann. Ich halte es auch für wünschenswert, daß das Vertrauensverhältnis zwischen dem Parlament und der Regierung dadurch enger wird, daß Männer in leitende Stellen berufen werden, die neben ihrer persönlichen Eignung für den betreffenden Posten auch das volle Vertrauen der großen Parteien in der Volksvertretung genießen. Selbstverständlich ist alles das nur unter der Voraussetzung möglich, daß von der anderen Seite anerkannt wird, daß das verfassungsmäßige Recht der Reichsleitung zur Führung der Politik nicht geschmälert werden darf. Ich bin nicht willens, mir die Führung aus der Hand nehmen zu lassen.“
Trotz des starken Wortes am Schluß war mit dieser Erklärung die „Parlamentarisierung“ der Regierung zugesagt. Der Rücktritt fast der Hälfte der preußischen Staatsminister und die Bereitwilligkeit der übrigen, wie der sämtlichen Staatssekretäre des Reiches, auf ihre Ämter zu verzichten, gab Gelegenheit, mit der Parlamentarisierung einen Anfang zu machen. Der Gedanke des „Reichsrats“ wurde zunächst nicht weiterverfolgt.
Ich selbst hatte am 14. Juli mein Entlassungsgesuch eingereicht. Ich hatte es damit begründet, daß der neue Reichskanzler freie Hand brauche; daß ferner das Reichsamt des Innern in seiner bisherigen Gestalt nicht werde erhalten bleiben können und der Rücktritt des Staatssekretärs des Innern für die Umgestaltung und Aufteilung des Amtes freie Bahn schaffe; daß schließlich die Gegnerschaften in Parlament und Presse, die ich mir im Kampf des letzten Jahres zugezogen hatte, den neuen Kanzler auch nicht mittelbar belasten dürften.
Der Kaiser lehnte die Entgegennahme meines Entlassungsgesuches ab. Von den verschiedensten Seiten, auch von den Vertretern der mit uns verbündeten Regierungen, wurden bei mir Schritte unternommen, um mich zum Bleiben zu bewegen; es wurde mir geradezu als Fahnenflucht ausgelegt, wenn ich mich jetzt zurückziehen wollte. Auch Herr Michaelis insistierte von neuem darauf, daß ich ihm meine Mitarbeit nicht vorenthalten dürfe.
Dem Kaiser wie dem Kanzler kam es in erster Linie darauf an, daß ich für die Vorbereitungen der Friedensverhandlungen und später für die Mitwirkung bei den Verhandlungen selbst verfügbar bliebe. Als ich auf meinem Entschluß, unter keinen Umständen das Reichsamt des Innern oder einen Teil davon zu behalten, gegenüber allen Einwirkungen bestehen blieb, und als sich für die Besetzung des durch Zimmermanns Rücktritt frei werdenden Auswärtigen Amtes Schwierigkeiten ergaben, ließ mich der Kaiser fragen, ob ich bereit sei, das Auswärtige Amt zu übernehmen. Ich bat mir Bedenkzeit aus, kam aber zu dem Schluß, daß mir die Annahme der Friedensresolution durch den neuen Kanzler die Übernahme des Auswärtigen Amtes so gut wie unmöglich mache; daß überdies der Staatssekretär des Auswärtigen seiner schweren Aufgabe nur gerecht werden könne, wenn er in Parlament und Presse über einen stärkeren und einheitlicheren Rückhalt verfüge, als ich ihn erwarten durfte. Der Kanzler meinte zwar zu diesen letzteren Bedenken in scherzhaftem Tone, vielleicht könne ich einiges verbessern, wenn ich den Abgeordneten Erzberger darüber vergewissere, daß das Auswärtige Amt auch unter meiner Leitung in derselben Weise wie bisher von seinen Diensten Gebrauch machen werde; ich antwortete, und zwar nicht im Scherz, meine erste Handlung als Staatssekretär des Auswärtigen würde die Beseitigung des Herrn Erzberger aus allen auswärtigen Geschäften sein.
Dies war am Montag, den 16. Juli.
Wie recht ich hatte, zeigte schon der folgende Tag. Es war bereits etwas über die Absicht, mir das Auswärtige Amt zu übertragen, durchgesickert. In der interfraktionellen Kommission, die in Permanenz tagte, entstand große Erregung, als Herr Erzberger bestätigte, daß diese Absicht bestehe. Noch am gleichen Tage begann gegen mich in der Presse ein wahres Trommelfeuer.
Mein Entschluß, auf das Auswärtige Amt zu verzichten, war ohnedies gefaßt. Die Kandidatur des Botschafters in Konstantinopel, Herrn von Kühlmann, trat in den Vordergrund. Ich bat, mich an seiner Stelle als Botschafter nach der mir wohlbekannten und vertrauten Türkei zu schicken. Aber Kaiser und Kanzler wünschten mich in Berlin zu halten. Die schließlich gefundene Lösung war, daß ich meinem Wunsche entsprechend von der Leitung des Reichsamts des Innern, sobald dessen ins Auge gefaßte Teilung durchgeführt sei, befreit werden, jedoch allgemeiner Stellvertreter des Reichskanzlers und Mitglied des preußischen Staatsministeriums bleiben sollte; als besondere Aufgabe war mir dabei die einheitliche Leitung der Vorbereitungen für die Friedensverhandlungen zugedacht.
Mit dieser Lösung habe ich mich abgefunden; Freude habe ich nicht an ihr erlebt.
Während meine eigene Angelegenheit noch schwebte, wurde die Neubesetzung der freigewordenen und freiwerdenden Reichsämter und preußischen Ministerien verhandelt. Dabei erhielt der Zentrumsführer Dr. Spahn das preußische Justizministerium, der nationalliberale Landtagsabgeordnete Dr. v. Krause das Reichsjustizamt; der nationalliberale Reichstagsabgeordnete Dr. Schiffer wurde Unterstaatssekretär im Reichsschatzamt; der der Fortschrittlichen Volkspartei nahestehende und ihr genehme Straßburger Bürgermeister Dr. Schwander wurde als Staatssekretär des aus dem Reichsamt des Innern auszuscheidenden Reichswirtschaftsamts ins Auge gefaßt, ebenso der dem Zentrum nahestehende Kölner Oberbürgermeister Wallraf als Staatssekretär für das verbleibende Reichsamt des Innern; der Sozialdemokrat August Müller wurde zum Unterstaatssekretär im Kriegsernährungsamt ernannt. Auch abgesehen von diesen mit der „Parlamentarisierung“ zusammenhängenden Ernennungen gab es einen starken Wechsel: Herr von Kühlmann wurde Staatssekretär des Auswärtigen Amts; der Präsident des Kriegsernährungsamts von Batocki wurde durch den bisherigen Oberpräsidenten von Pommern, Herrn von Waldow, ersetzt; an die Stelle des Herrn Krätke wurde der Eisenbahndirektionspräsident Rüdlin an die Spitze des Reichspostamts berufen; das Finanzministerium übernahm an Stelle des Herrn Lentze der Regierungspräsident Hergt.
Auch in seine allernächste Umgebung zog der Kanzler neue Leute. Vor allem ernannte er zum Unterstaatssekretär in der Reichskanzlei an Stelle des Herrn Wahnschaffe seinen früheren Mitarbeiter in der Reichsgetreidestelle, Herrn von Grävenitz. Der Chef der Reichskanzlei hat unter anderem die schwierige Aufgabe, den dauernden Kontakt zwischen dem Reichskanzler und den Parteien des Reichstags aufrechtzuerhalten, den Reichskanzler über Stimmungen und Verstimmungen; über Beschwerden und Wünsche des Parlaments zu unterrichten und den Absichten des Reichskanzlers bei den Parteien vorzuarbeiten. Für die Erfüllung dieser Aufgabe ist eine genaue Kenntnis des parlamentarischen Parketts und der parlamentarischen Persönlichkeiten erforderlich, zudem eine gute diplomatische Veranlagung. Herr von Grävenitz war, wie sein Herr und Meister selbst, ein guter preußischer Verwaltungsbeamter, brachte aber nicht die Eigenschaften mit, die ihn zum Chef der Reichskanzlei qualifiziert hätten. Dieser Mangel ist in der kurzen Zeit der Kanzlerschaft des Herrn Michaelis sehr fühlbar gewesen.
Herr Michaelis stand mit dem Herzen zweifellos auf der Seite der rechtsgerichteten Minderheit des Reichstags. Trotzdem war er von dem ehrlichen Willen beseelt, loyal mit den aus Zentrum, Freisinnigen und Sozialdemokraten bestehenden, gelegentlich durch den Hinzutritt der Nationalliberalen verstärkten Mehrheitsparteien zusammenzuarbeiten. Später, bei seiner Abschiedsrede an die stimmführenden Bundesratsbevollmächtigten, hat er selbst bekannt, daß er während seiner ganzen Kanzlerschaft schwer unter diesem Zwiespalt gelitten habe.
Zunächst hatte er mit seiner Unterwerfung unter die Friedensresolution und mit der Ankündigung der Parlamentarisierung einen gewissen Erfolg. Am Tag nach seiner Antrittsrede, am 20. Juli, wurde der Kriegskredit, an dessen Bewilligung sich alle die schweren Diskussionen angeknüpft hatten, mit allen Stimmen gegen diejenigen der Unabhängigen Sozialdemokraten bewilligt.
An demselben Tag sah der Kaiser bei mir im Reichsamt des Innern in Gegenwart der Minister, Staatssekretäre und stimmführenden Bundesratsbevollmächtigten die Führer der einzelnen Reichstagsfraktionen einschließlich der Mehrheitssozialdemokraten. Es war das erstemal, daß der Kaiser in dieser Weise mit dem Reichstag in Berührung trat. Er unterhielt sich nahezu drei Stunden lang auf das angeregteste und unbefangenste mit den einzelnen Abgeordneten, ohne jedoch die akuten Fragen des Kanzlerwechsels, der Friedensresolution und der inneren Politik zu berühren.
Es war das einzige Mal, daß der Kaiser mit dem heutigen Reichspräsidenten Ebert zusammentraf. Ich hatte ihm erzählt, daß Herr Ebert vor kurzem seinen zweiten Sohn auf dem Schlachtfelde verloren habe. Nach der allgemeinen Begrüßung und Vorstellung sprach der Kaiser als einen der ersten Abgeordneten Herrn Ebert an und drückte ihm in schlichten und herzlichen Worten seine Teilnahme aus.
Nachträglich habe ich fast bedauert, dem Kaiser zu dieser Zusammenkunft geraten zu haben, die eine persönliche Fühlung zwischen Kaiser und Reichstag anbahnen und dadurch zum Ausgleich mancher Gegensätzlichkeiten beitragen sollte; denn es kam mir zu Ohren, daß Teilnehmer an der Zusammenkunft einige Äußerungen, die der Kaiser in seiner zwanglosen und burschikosen Art getan hatte, in vergröberter und entstellter Form verbreiteten, um Stimmung gegen den Kaiser zu machen.