Elfter Abend.
Vati, ruft Hans, in das Zimmer stürmend, Vati, unser Karo ist wieder da; er hat einen großen Strick um den Hals und sieht ganz jämmerlich aus.
Dr. E.: So bring ihn herein; er ist vermutlich gestern von einem Hundefänger aufgegriffen worden und ihm wieder entlaufen.
Kurt und Hans holen Karo, den Pudel, der bellend an seinem Herrn emporspringt und von einem zum andern läuft, um seine Freude auszudrücken.
Ach, du armes Tier, sagt Hans, der ihm den Strick abnimmt, dir werden sie wohl übel mitgespielt haben. Komm mal her und laß dich ordentlich abküssen.
Liebkosungen des Hundes. Bandwurm
Nicht doch, Hans, ruft der Vater strenge, laß diese Kindereien mit dem Hunde. Freundlich sein und spielen könnt ihr mit ihm, soviel wie ihr wollt; aber küssen oder das Gesicht belecken lassen, muß ich unter allen Umständen verbieten.
Hans: Aber warum denn, Papa? Der Karo ist doch so ein gutes Tier!
Dr. E.: Darauf kommt es in diesem Falle gar nicht an, ob der Hund gut oder böse ist. Ich fürchte auch gar nicht, daß er dir einmal die Nase abbeißt. Aber es gibt andere sehr ernste Gründe, welche jeden verhindern sollten, sich von einem Hunde belecken zu lassen.
Fritz: Du meinst wohl, weil so ein Tier an allem herumschnuppert und vieles frißt, was nicht gerade appetitlich ist?
Dr. E.: Nein, die Sache ist viel schlimmer. Der Kuß von einem Hunde kann unter Umständen schwere Krankheit, ja, selbst den Tod herbeiführen.
Kurt: Glaubst du denn, daß er toll sein könnte?
Hundebandwurm. Übertragung desselben
Dr. E.: O gewiß nicht. Das würde man ihm schon ansehen. Außerdem hättet ihr in einem solchen Falle weit eher einen unvermuteten Biß als Liebkosungen zu erwarten. — Aber habt ihr denn noch nie etwas vom Bandwurm des Hundes gehört?
Kurt: Vom Hundebandwurm? Nein. Ich wußte nur, daß die Menschen manchmal Bandwürmer haben. Einer aus unserer Klasse hat diesen Sommer eine ordentliche Kur deshalb durchmachen müssen.
Dr. E.: Und hast du eine Ahnung, wie dein Freund zu diesem scheußlichen Tier gekommen ist?
Kurt: Ja, der Doktor hat gesagt, das käme von dem vielen rohen gehackten Fleisch, das er nach dem Nervenfieber immer essen mußte.
Dr. E.: Ohne Zweifel. Aber wie kann denn aus dem Fleisch ein Wurm werden?
Kurt: Nun, der wird wohl schon als Junges in dem Fleisch gesessen haben?
Dr. E.: Meinst du? Wie soll denn so ein junger Wurm in das Fleisch eines Ochsen geraten?
Fritz: O, das weiß ich, Vater! Im Fleisch der Ochsen und Kühe sitzen keine Bandwürmer, sondern sogenannte Finnen, und wenn man diese mit ißt, so bekommt man den Bandwurm.
Dr. E.: Nun, das führt uns wenigstens etwas weiter. Was du da sagst, hat seine volle Richtigkeit. Diese Finnen, welche man gar nicht so selten zwischen den Fleischmassen des Rindviehs zerstreut findet, erscheinen wie kleine, fast erbsengroße Bläschen, von deren Wand ein winziges, kaum stecknadelkopfgroßes Knöpfchen ins Innere hineinragt. Dieses kleine Knöpfchen, welches eben wegen seiner Kleinheit leicht dem Hackmesser entgeht, ist das Gefährliche bei der Sache, denn aus ihm entwickelt sich, wenn es in den Magen und Darm des Menschen gelangt, die viele Meter lange Kette des erwachsenen Bandwurms.[40]
Kurt: Wie kann man denn so was beobachten?
Dr. E.: Das ist natürlich nicht so leicht. Vermutet hat man es schon seit alten Zeiten, da dieses kleine Knöpfchen in der Finne ganz genau so aussah, wie der sogenannte Kopf eines erwachsenen Bandwurms mit seinen Saugnäpfen. Bewiesen aber wurde der Zusammenhang zwischen beiden erst dadurch, daß einige Naturforscher sich nicht scheuten, absichtlich rohe Finnen zu essen. Sie konnten so feststellen, daß in jedem Falle nach dem Genuß derselben das Bandwurmleiden auftrat, ja, daß in der Regel gerade so viel Bandwürmer im Menschen sich entwickelten, als derselbe Finnen verschluckt hatte.
Hans: Brr! Papa, da möchte ich doch kein Naturforscher sein!
Dr. E.: Das glaub’ ich dir, Hansel. Appetitlich ist ja so ein Finnenbutterbrot gerade nicht. Wenn es sich aber darum handelt, die Wissenschaft zu fördern, und wenn dadurch die Wege gefunden werden, wie die Menschheit vor schweren Plagen beschützt werden kann, dann kommen solche kleinen Bedenken für den echten Forscher nicht in Betracht. Hoffentlich wirst du einst ebenso denken, wenn du größer bist.
Kurt: Aber wie kommen denn nun die Finnen in das Rindfleisch hinein?
Dr. E.: Ein erwachsener Bandwurm bringt, wie die meisten Tiere, Eier hervor, und zwar eine ungeheure Menge in jedem einzelnen Gliede. Die Eier sind so klein, daß man sie mit bloßem Auge gar nicht sehen kann. Gelangen nun einzelne Glieder des Bandwurms mit dem Kot nach außen, so zerfallen sie allmählich; die Tausende von Eierchen aber, die in ihnen waren und die vielleicht mit dem Dung auf das Feld gefahren werden, zerstreuen sich in alle Winde, heften sich an Blatt und Kraut des Ackers oder der Wiese und geraten so mit den Pflanzen in den Magen des weidenden Viehes. Im Magen der Kuh kriecht alsbald aus dem Eichen ein winzig kleines Geschöpf, das die Darmwand durchbohrt, von dem Blutstrom der Adern bis in das Fleisch des Tieres geführt wird und hier zu einer erbsengroßen Blase, also zu der vorhin erwähnten Finne auswächst.
Fritz: Was hat denn aber dies alles mit unserm Karo zu tun?
Dr. E.: Nur Geduld, Fritz! Bisher haben wir allerdings nur von dem Bandwurm gesprochen, der im Darm des Menschen lebt und der in seiner Jugend als sogenannte Finne im Fleisch des Rindes steckt. Wir konnten jedenfalls daraus lernen, daß diese seltsamen Geschöpfe in zwei einander sehr unähnlichen Zuständen auftreten, als rundliche, erbsengroße Finnenblase, und als viele Meter lange Bandwurmkette. Sodann ergab sich, daß beide Formen in zwei ganz verschiedenen Tieren, nämlich im Rind und im Menschen, ihren Wohnsitz haben. Nun aber kennt man eine ganze Menge solcher Bandwurmarten. Alle zeigen dieselbe Erscheinung der beiden verschiedenen Formen von Finne und Bandwurmkette, und alle sind in diesen beiden Zuständen auf zwei verschiedene Wohntiere angewiesen.
Kurt: Dann hat also der Hund auch so eine Finne, die im Menschen zum Bandwurm auswächst?
Dr. E.: Nicht doch, Kurt; diesmal ist die Sache gerade umgekehrt. Im Hunde, und zwar in dessen Darm lebt der Bandwurm[41], im Menschen hingegen die dazu gehörige Finne.
Fritz: Ei, da bin ich aber doch neugierig, wie die zueinander passen sollen! Wenn die Finne, die im Fleisch des Menschen sitzt, zu einem Bandwurm im Hunde werden soll, so müßte doch der Hund das Menschenfleisch erst fressen, gerade so, wie wir das rohe Beefsteak essen!
Dr. E.: Da hast du vollkommen recht, und ebenso sicher ist es wohl, daß dieses Ereignis bei zivilisierten Völkern nicht eintreten wird. Wir können daher von vornherein zugeben, daß alle Finnen des Hundebandwurms, die in den Menschen gelangt sind, zugrunde gehen, ohne zu ordentlichen Bandwürmern im Hunde auswachsen zu können. Aber die Erscheinung verliert vieles von ihrer Seltsamkeit, wenn wir erfahren, daß jene Finne im Körper der Menschen nur ein verirrter Gast ist. Die eigentlichen oder regelmäßigen Träger der Hundebandwurmfinnen sind das Schwein und die Wiederkäuer, deren Fleisch ja doch häufig genug den Hunden zur Nahrung dient.
Fritz: Das ist freilich etwas anderes. Aber nun ist mir immer noch unklar, wie der Mensch solche Finnen des Hundebandwurms bekommen kann.
Übertragung. Wirtswechsel der Bandwürmer
Dr. E.: Das macht sich jedenfalls viel leichter, als du zu glauben scheinst. Zunächst ist hervorzuheben, daß der Bandwurm des Hundes im Gegensatz zu seinem riesigen Vetter, dem Rinderbandwurm im Menschen, ganz außerordentlich klein ist. Er mißt nur einige Millimeter. Seine wenigen Gliederchen sind jedoch jedenfalls dicht mit mikroskopischen Eiern gefüllt, und gelangen wie gewöhnlich mit dem Kot nach außen. Nun wißt ihr, daß ein Hund vor nichts Ekel empfindet, sondern alles beschnuppert und alles beleckt. So kann es denn leicht geschehen, daß eines von diesen eiergefüllten Gliederchen oder auch nur ein kaum sichtbares Stückchen desselben an seiner Zunge hängen bleibt. Wie dann dieses Stückchen in euren Mund gelangt, wenn ihr euch allzu zärtlich mit dem Hund abgebt, will ich nicht weiter ausmalen. Genug, in Hunderten und Tausenden von Fällen geschieht es tatsächlich so. Aus den mikroskopischen Eierchen kriecht dann im Darm des Menschen wieder ein ebenso mikroskopisches kleines rundes Tierchen, das nun in derselben Weise wie die Rinderfinne in die Organe unseres Körpers gelangt.
Kurt: Aber ist denn das gar so schlimm, wenn wir nun wirklich ein paar solche Finnen in unserem Fleisch sitzen haben?
Dr. E.: Allerdings, und zwar aus verschiedenen Gründen. Erstens ist die Finne, welche dem winzigen Hundebandwurm entstammt, durchaus nicht so klein wie die Finne des Rindes, sondern sie kann sich zu einer faust-, ja kopfgroßen Blase mit unzähligen Bandwurmköpfchen im Innern entwickeln. Sodann aber sucht sie sich keineswegs immer die Fleischmassen des Körpers zum Wohnsitz aus, sondern sie wählt vielfach edlere Teile. Namentlich die Leber wird von ihr bevorzugt. Natürlich wird durch eine solche Geschwulst, die häufig genug aus vielen nebeneinander sitzenden oder auch ineinandergeschachtelten Blasen besteht, ein großer Teil des betreffenden Organs völlig zerstört, und oft kann nur eine kühne Operation vor dem sichern Tode retten.
Kurt: Hast du denn schon mal so etwas erlebt, Vater?
Dr. E.: Leider, mein Sohn. Mir sind im Laufe der Jahre auch hier bei uns eine ganze Reihe von Fällen bekannt geworden, die recht schlimm waren. Häufiger noch ist allerdings dieses Leiden dort, wo die Menschen in viel engerer Gemeinschaft mit den Hunden leben als bei uns. So ist namentlich von Island bekannt, daß dort eine Menge Menschen an der Finne des Hundebandwurms zugrunde gehen.
Hans: Nun will ich auch unsern Karo nicht mehr küssen!
Dr. E.: Nein, mein Junge; es wäre doch zu traurig, wenn der Doktor deinen Bauch aufschneiden und die halbe Leber herausholen müßte!
Fritz: Ist es denn aber nicht sehr merkwürdig, Vater, daß ein und derselbe Bandwurm in der Jugend und im Alter in zwei ganz verschiedenen Geschöpfen lebt? Ich meine, wenn der reife Bandwurm glücklich einmal den für ihn günstigen Platz gefunden hat, also z. B. den Darm eines Hundes, so wäre es doch für die Jungen viel vorteilhafter, wenn sie gleich wieder an derselben Stelle zu ordentlichen Bandwürmern auswachsen könnten? Bei diesem Verstreuen der Eier durch den Wind auf Pflanzen, die dann erst wieder von andern Tieren gefressen werden müssen, wird doch gewiß ein großer Teil dieser Eier nie in den Magen irgendeines Tieres gelangen und daher einfach zugrunde gehen?
Dr. E.: Es scheint ja fast, als wenn du recht hast, und als wenn die Natur umständlicher zu Werke ginge, als es nötig wäre. Aber die Sache hat doch einen bedenklichen Haken. Denke dir, es wäre wirklich so, wie du es für zweckmäßig hältst. Dann würden also im Darm eines Hundes neben dem alten Bandwurm bald Hunderte und Tausende von jungen sich entwickeln. Auch diese brächten bald wieder Eier hervor, kein Keim ginge verloren, und das Wurmparadies in diesem Hundedarm wäre anscheinend fertig. Nun aber wird dem Hunde dabei natürlich immer ungemütlicher, und selbst, wenn ihn seine Würmer nicht zu Tode quälen, muß er doch eines schönen Tages ins Gras beißen. Er stirbt, wie eben alle Tiere sterben, und was wird nun aus deiner ganzen Wurmherrlichkeit?
Fritz: Ja, wenn dann die Würmer nicht auswandern können, so müssen sie wohl alle mit zugrunde gehen.
Dr. E.: Das Auswandern würde wohl kaum etwas nützen, da eben ein Bandwurm sich in der freien Natur nicht ernähren kann. Es ist also tatsächlich so, daß von all den Tausenden von Würmern, welche sich im Laufe der Zeit bei unserm Hunde entwickelt hätten, auch nicht ein einziger mit dem Leben davon käme. Da aber nun sämtliche Hunde, die z. B. heute auf der Erde leben, in etwa 20 Jahren gestorben sein werden, so ist es klar, daß, wenn von keinem derselben während seines Lebens ein Bandwurmkeim nach außen gelangte, wenn also auch kein jüngerer Hund einen solchen in sich aufnehmen könnte, nach dieser Zeit mit dem letzten von Würmern besetzten Hunde auch der letzte Bandwurm zugrunde gehen würde. Das Geschlecht der Hundebandwürmer hätte dann überhaupt zu bestehen aufgehört.
Kurt: Aber das wäre doch ganz famos, wenn diese scheußlichen Tiere nicht mehr auf der Welt wären!
Dr. E.: Von unserm Standpunkte aus gewiß. Aber die Natur richtet sich durchaus nicht nach dem, was wir wünschen. Ein jedes Geschöpf ist — ich habe das schon einmal, wie wir von den Spinnen sprachen, hervorgehoben — ebensogut zum Leben berechtigt, wie wir selbst. Wenn wir daher die Einrichtungen in der Natur verstehen wollen, so müssen wir fragen, nicht inwiefern sie für uns, sondern inwiefern sie für das betreffende Geschöpf zweckmäßig sind, für das sie bestehen.
Fritz: Daß die Eier des Bandwurms oder seine Jungen eine Gelegenheit haben müssen, den alten Hund zu verlassen, sehe ich jetzt wohl ein; aber warum können sie nicht gleich wieder in einen jungen Hund gelangen, warum müssen sie erst in einem ganz andern Tier zur Finne werden?
Dr. E.: Diese Frage kann ich dir nur zum Teil beantworten. Es gibt nämlich Eingeweidewürmer genug, deren Eier sofort nach der Auswanderung sich in dem Darm derselben Tierart wieder zu reifen Würmern entwickeln, wie beispielsweise unsere Spulwürmer[42] und die mit Recht so sehr gefürchteten kleinen Madenwürmer[43] oder Pfriemenschwänze. Wenn aber ein solcher Jugendzustand, wie ihn die Finne darstellt, einmal vorhanden ist, so leuchtet ein, daß derselbe am vorteilhaftesten in solchen Tieren sich entwickelt, welche dem Besitzer des reifen Bandwurms zur Nahrung dienen. Hunde pflegen sich gegenseitig nicht aufzufressen. Eine Finne im Hundefleisch hätte also nur wenig Aussicht, in den Darm eines Hundes zu gelangen, um dort zur Bandwurmkette auszuwachsen. Das Schaf aber, das Rind, überhaupt die Pflanzenfresser bilden die natürliche Nahrung der hundeartigen Raubtiere, und so sehen wir auch hier wieder, daß unter den obwaltenden schwierigen Umständen tatsächlich das Zweckmäßigste für die Erhaltung des Geschlechtes der Bandwürmer geschehen ist.
Kurt: Aber es kann doch immer nur ein großer Zufall sein, daß so ein Bandwurmei oder mehrere in eine Kuh geraten!
Dr. E.: Das ist es auch. Aber wie ich schon sagte, ist die Zahl der von einem einzigen Bandwurm hervorgebrachten Eier eine so ungeheure, daß es auf ein paar Hunderttausend nicht ankommt. Wenn von vielen, vielen Tausenden nur eines ans Ziel, d. h. in den Körper eines Wiederkäuers und von da wieder in den Magen eines Hundes gelangt, so ist die Erhaltung der Art gesichert. Zudem sind die Beziehungen zwischen den beiden Tierarten, welche Finne und Bandwurm in stetem Wechsel aufeinander übertragen, in vielen Fällen weit inniger, als zwischen Kühen und Hunden.
Fritz: Wie meinst du das „inniger?“
Dr. E.: Nun, ich denke, zwischen Fuchs und Hase z. B. besteht eine solche engere Beziehung. Der Fuchs frißt jedenfalls in seinem Leben eine ganze Menge Hasen, und diese wieder leben in denselben Waldrevieren, fressen die Kräuter, über welche die Bandwurmeier aus dem Kot des Fuchses durch den Wind zerstreut sind. Noch interessanter ist die Wechselbeziehung zwischen unserm Hunde und der winzigen Hundelaus, die auf seinem Körper lebt. Die Hundelaus beherbergt eine Finne, und der Hund, der sie von seinem Fell wegbeißt, bekommt davon einen ganz gehörigen Bandwurm.[44]
Kurt: Dann hat also der Hund verschiedene Bandwurmarten?
Dr. E.: O ja, eine ganze Anzahl. Einer ist sogar darunter, der dem Menschen jährlich Millionen kostet.
Kurt: Wieso denn? Sterben die Hunde davon?
Dr. E.: Die Hunde nicht, wohl aber die Träger der Finnen, die Schafe!
Drehkrankheit der Schafe
Fritz: Ach, da denkst du wohl an den Wurm, der die Drehkrankheit verursacht?
Dr. E.: Freilich, Fritz! Hast du schon mal davon gehört?
Fritz: Ja, das ist eine große Blase, die im Gehirn der Schafe sitzt und sie ganz blödsinnig macht, so daß sie sich immer auf einem Beine drehen.
Dr. E.: Gewiß. Und diese hühnereigroße Blase im Schafsgehirn ist nichts als die Finne eines Bandwurms[45], der später als lange Kette im Darm des Hundes lebt.
Hans: Aber wovon weiß man denn, daß ein Schaf blödsinnig ist? Können die denn noch dümmer werden, als sie schon sind?
Dr. E.: Es ist ja wohl wahr, daß alle unsere Haustiere, soweit sie nicht Gefährten des Menschen wurden, wie der Hund und das Pferd, im Laufe der Jahrtausende geistig recht beschränkt geworden sind. Der Mensch hat ihnen ja alle die Sorgen abgenommen, welche das Denkvermögen der wilden Tiere immer aufs neue anregen. Der Mensch ist es, welcher für ihre Nahrung sorgt, sie vor Feinden und Gefahr beschützt, ihnen Obdach und Lager bereitet. So mußten denn unsere Haustiere, der Esel, das Rind, das Schwein und Schaf im Laufe der Zeit völlig verdummen. Sie sind uns ein warnendes Beispiel dafür, daß ein bequemes, sorgenloses Leben den Geist lähmt, und daß dessen Kräfte nur im Kampfe um das tägliche Brot zur vollen Entfaltung gelangen können. Trotz alledem ist ein geistig gesundes Schaf noch sehr wohl von einem blödsinnigen zu unterscheiden. Der stiere Blick, die eigentümlichen Drehbewegungen um ein fest aufgestemmtes Vorder- und Hinterbein, das Hin- und Hertaumeln und andere Erscheinungen, welche die oft völlige Bewußtlosigkeit des Tieres verraten, lehren uns auf den ersten Blick, daß wir es mit einem kranken Schafe zu tun haben. Wundern kann uns das übrigens nicht, denn wenn ein großer Teil des Gehirns zerstört ist, muß es natürlich auch mit dem Verstande zu Ende gehen.
Kurt: Aber ich denke, die Tiere haben überhaupt keinen Verstand.
Dr. E.: Das ist eine Ansicht, die allerdings ziemlich verbreitet ist und noch aus der Zeit stammt, wo der Mensch in seiner Überhebung die Kluft zwischen sich und dem Tier für viel größer hielt, als sie in Wirklichkeit ist. Von denen aber, welche die Handlungen der Tiere vorurteilsfrei beobachten, zweifelt wohl schwerlich jemand daran, daß das Empfinden sowohl wie das Denken bei den höheren Tieren recht wohl entwickelt ist.
Fritz: Daß unser Karo Freude empfinden kann, haben wir ja erst vorhin deutlich genug gesehen. Das kann man nicht bezweifeln. Ebenso merkt man es ganz genau, wenn er bös und zornig ist, oder wenn er Furcht hat. Ich denke aber, sein Handeln ist doch wohl weniger überlegt und bewußt, als vielmehr durch den Instinkt geleitet.
Instinkt. Verstand der Tiere
Dr. E.: Mit diesem unglücklichen Wort „Instinkt“ wird sehr viel Unfug getrieben. Man versteht ja darunter zweckmäßige Handlungen, die nicht durch Überlegung oder Erfahrung veranlaßt sein können, bei denen also gewissermaßen unbewußt von dem Tiere das Richtige getroffen wird. Ganz gewiß gibt es solche Handlungen bei den Tieren, wir brauchen nur etwa an den Nestbau der Vögel oder an die Kunstfertigkeiten der Insekten zu denken. Ebenso sicher aber ist, daß bei den höheren Tieren diese instinktiven Handlungen mehr und mehr zurücktreten und durch bewußte, auf eigenem Nachdenken beruhende ersetzt werden. Ganz verschwunden ist übrigens der Instinkt auch beim Menschen nicht. Namentlich bei Naturvölkern hat man in dieser Hinsicht sehr interessante Beobachtungen gemacht.
Kurt: Daß ein Hund denken kann, das glaube ich auch ganz gewiß. Als ich gestern zur Schule ging, stand vor einem Hause ein Hundewagen mit einem großen Ziehhund davor. Der Herr kam aus dem Hause zurück, ohne daß der Hund es bemerkte, und wollte den Wagen rückwärtsziehen. Der Hund aber stemmte sich mit aller Macht dagegen, weil er es für nicht in der Ordnung hielt, daß der Wagen zurückrollte. Als aber der Herr nach vorn gegangen war und sich dem Hunde gezeigt hatte, half er sofort selbst eifrig mit, den Wagen zurückzuziehen.
Dr. E.: Siehst du, Fritz, da hat Kurt ein sehr niedliches Stück wirklicher Überlegung eines Hundes beobachtet, wobei von Instinkt gar keine Rede sein kann. Zunächst haben wir das Pflichtbewußtsein, welches dem Tiere sagte, daß der Wagen da bleiben müsse, wo sein Herr ihn hingestellt. Daher der Widerstand, als der Wagen aus einem ihm unerklärlichen Grunde nach hinten rollt. Dann sofort beim Erscheinen des Herrn ein Begreifen der ganzen Sachlage, ein Verstehen der Absicht seines Herrn, die nun alsbald nach besten Kräften unterstützt wird. Ich glaube nicht, daß ein Mensch in diesem Falle anders hätte handeln können. Doch, es gibt ja Hunderte von Beispielen, wo Hunde durchaus darüber klar waren, daß ihr Herr in dringender Gefahr, wo sie Kinder aus dem Wasser gezogen, Hilfe herbeigerufen, Übeltäter zur Entdeckung gebracht und was sonst noch für kluge, überlegte Handlungen begangen haben. Jeder Hundefreund weiß, wie das Verständnis des Hundes für die menschlichen Verhältnisse ein ganz überraschendes ist. Auch das so oft zu beobachtende Träumen der Hunde beweist, daß sie selbst im Schlafe lebhafte Vorstellungen haben.
Fritz: Das will ich auch alles gern zugeben. Aber ich glaube doch, daß das Denken der Tiere sich sehr weit von dem der Menschen unterscheidet. Ich meine, daß ein Hund z. B. keinen verallgemeinerten oder abstrakten Begriff fassen kann.
Dr. E.: Mit dem Philosophieren wird es freilich wohl gute Wege haben. Daß die Tiere aber auch allgemeine Begriffe bilden, scheint mir kaum zweifelhaft. Die Vorstellung „Bettler“ hat so ziemlich jeder Hund und richtet danach sein Verhalten, auch wenn er den betreffenden Menschen zum erstenmal sieht. Ebenso wird er wohl Begriffe wie „Wald“, „schönes Wetter“, „Zufriedenheit“ aus seiner Erfahrung sich aufbauen. Wie weit indes diese Fähigkeit der Verallgemeinerung geht, ist schwer zu entscheiden. Um so weniger aber sind wir berechtigt, eine grundsätzliche Verschiedenheit des Denkvermögens bei Tieren und Menschen anzunehmen. In bezug auf Ausbildungsfähigkeit, das unterliegt gewiß keinem Zweifel, stehen die geistigen Kräfte des Hundes tief unter den unsrigen; dennoch dürfen wir nicht vergessen, daß es auch Menschenrassen gibt, die nicht bis drei zählen können, und denen die Fähigkeit, allgemeine Begriffe zu bilden, fast völlig mangelt.
Sprache
Fritz: Aber diese wilden Völkerschaften haben doch eine aus Worten zusammengesetzte Sprache!
Dr. E.: Ja, da hast du recht. Und die artikulierte Sprache ist auch wohl in geistiger Hinsicht der bedeutsamste Unterschied zwischen uns und den Tieren. Seine Gefühle und seine Wünsche durch Laute auszudrücken, ist ja auch der Hund imstande, so daß selbst der Mensch aus dem verschiedenartigen Bellen, Knurren, Heulen, Jaulen erkennt, was er empfindet; aber es fehlt doch die Wortbildung, und was jener amerikanische Professor unlängst von der Sprache der Affen berichtet hat, bedarf doch wohl noch weiterer Bestätigung. Derselbe behauptet nämlich, von den verschiedenen Affen, die er in zoologischen Gärten und in der freien Natur beobachtete, nach und nach über fünfzig Laute vernommen zu haben, die fast wortartig klingen und ganz bestimmte Dinge, wie „Nasses“, „Futter“, „Gefahr“ und so fort ausdrücken sollen. Unmöglich wäre eine solche Spezialisierung der Laute ja nicht, aber vorläufig haben wir wohl kaum Grund, die Affen in bezug auf das Vermögen, sich verständlich zu machen, auf eine viel höhere Stufe zu stellen, als unsere Hunde.
Fritz: Wäre es denn denkbar, daß die Sprache beim Menschen sich auch erst ganz allmählich aus einzelnen Lauten entwickelt hat, so etwa, wie es der Professor von den heutigen Affen behauptet?
Dr. E.: Das ist nicht nur möglich, sondern nach den Ergebnissen der Sprachforschung so gut wie gewiß. Noch heute erkennen wir selbst in den vollkommensten Sprachen an zahlreichen Worten, daß sie ursprünglich Naturlaute waren. Wie sehr aber die Sprache sich im Laufe der Kultur entwickelt hat, das zeigt sich klar, wenn man die außerordentliche Wortarmut der wilden Völker in Betracht zieht. Viele derselben kommen nicht über ein paar Hundert Vokabeln hinaus.
Kurt: Ich will doch mal sehen, ob ich unsern Karo in Zukunft nicht noch besser verstehen lerne. Ich glaube, wenn man ordentlich aufpaßt, wird man noch viel häufiger merken, was er eigentlich will.
Dr. E.: Ganz gewiß; und es soll mich freuen, wenn du mir später über deine Entdeckungen Bericht erstattest. Ein guter Tierbeobachter wird auch dereinst ein guter Menschenbeobachter. Das aber ist eine der notwendigsten Fähigkeiten, wenn man im Leben und in der Welt vorwärts kommen will.