Zwölfter Abend.

Höre, Fritz, sagt Dr. Ehrhardt, als die Knaben versammelt sind, du könntest morgen früh auf dem Schulwege mal bei unserm Gärtner vorgehen und ihn bitten, zu Mutters Geburtstag am Mittwoch noch einige Blattpflanzen zu besorgen. Ich glaube, Mutter würde sich sehr darüber freuen.

Fritz: Gern, Vater. Ist es ganz gleich, was für welche er aussucht?

Dr. E.: Ich denke, wir können uns auf seinen Geschmack verlassen.

Er soll nur einige recht hübsche wählen, etwa ein Philodendron, eine Acalea und ein paar Palmen.

Blattpflanzen. Palmen

Kurt: Was versteht man denn eigentlich unter „Blattpflanzen“; für gewöhnlich haben doch alle Pflanzen Blätter.

Dr. E.: Das ist wohl etwas zu viel behauptet; an einem Champignon, einer Flechte oder einem Algenfaden sollte es dir am Ende schwer werden, Blätter nachzuweisen.

Kurt: Ja, die meine ich auch nicht. Ich denke an die Pflanzen, die man in Blumentöpfen zieht.

Dr. E.: Dann hast du freilich recht, und ich muß zugeben, daß der Ausdruck „Blattpflanzen“ nicht sehr passend gewählt ist. Man bezeichnet damit aber solche Gewächse, die ganz ausschließlich ihrer hübschen Blätter wegen gezogen werden.

Kurt: Das heißt wohl so viel, daß ihre Blüten nicht hübsch sind?

Dr. E.: Bei den meisten sind sie wenigstens unscheinbar, wie bei unserm Efeu. Andre haben zwar ganz ansehnliche Blüten, aber sie kommen nur selten oder gar nicht zur Entwicklung.

Kurt: Warum denn nicht?

Palmen. Kokosnüsse

Dr. E. Weil sie ein wärmeres Klima verlangen und bei uns ein kümmerliches Dasein führen. Denke an die Palmen in unsern Blumentöpfen. Nach zehn, ja zwanzig Jahren sind es noch die reinen Zwerge, die gar nicht ans Blühen denken; denn auch in ihrer Heimat müssen sie erst zu mächtigen Bäumen werden, ehe sie zum erstenmal ihre gewaltigen Blütenrispen entfalten.

Fritz: Hast du denn solche Palmen schon mal blühen sehen?

Dr. E.: Oft genug, Fritz. Am schönsten natürlich auf meinen Reisen nach Nordafrika und Ostindien, wo ja die Palmen als die eigentlichen Charakterpflanzen des Landes erscheinen. Aber auch schon auf Madeira und den Kanarischen Inseln ist das Klima günstig genug, um eine große Anzahl Arten derselben im Freien zur vollen Entwicklung und zum Blühen zu bringen. Selbst in Süditalien und Spanien gedeiht z. B. die Dattelpalme[46] im Freien, und in dem berühmten, an 60000 Stämme zählenden Palmenwalde von Elche in Südspanien bin ich einen ganzen Tag mit Entzücken umhergewandert und habe mich an den hier zur völligen Reife gelangenden Datteln gelabt. Eine andere Art, die sogenannte Zwergpalme[47], findet sich in diesen Ländern an felsigen Hängen sogar überall wild. — In gut gehaltenen hohen Gewächshäusern wachsen übrigens auch bei uns manche Palmen zu stattlichen Bäumen heran. So erinnere ich mich, in dem wundervollen Palmenhause der berühmten Kew gardens in London verschiedene Prachtexemplare in voller Blüte gesehen zu haben.

Fritz: Dann sind die Blüten wohl sehr hübsch?

Dr. E.: Das kann man nicht gerade sagen; die einzelnen Blüten sind sogar recht unscheinbar. Aber sie sind zu Hunderten und oft zu Tausenden zu gewaltigen Rispen vereinigt, welche in riesigen Büscheln oder Wedeln zwischen dem Schirmdach der Blätter sich herabsenken.

Hans: Und nachher werden das lauter Datteln oder Kokosnüsse?

Dr. E.: O, beileibe nicht. Die große Mehrzahl der Blüten kann gar keine Frucht ansetzen, denn sie enthalten nur Staubgefäße. Aus den Blüten mit Stempeln entwickeln sich aber selbst bei einer reich tragenden Kokospalme selten mehr als 100-150 Nüsse im Jahre. Bei andern Palmenarten, wie der Dattel, bleibt die eine Hälfte aller Bäume beständig ohne Früchte, da sie nur Staubgefäßblüten und keine Stempelblüten besitzen. Beide Arten von Blüten sind hier also auf verschiedene Stämme verteilt. Ein weiblicher Dattelbaum trägt dann allerdings später meist mehrere tausend Früchte.

Fritz: Ich habe mich schon oft gewundert, daß die Pflanzen, die doch zu derselben Familie der Palmen gehören, so verschiedene Früchte haben, wie Kokosnuß[48] und Dattel. Die eine ist eine kopfgroße, harte Nuß mit merkwürdiger Faserschicht um die holzige Schale, und die andere ist außen so fleischig, daß man sie wie eine Pflaume essen kann.

Dr. E.: Die Verschiedenheit ist doch nicht so groß, wie du denkst. Der Bau des Fruchtknotens ist bei allen Palmen der gleiche, und nur in der spätern Ausbildung oder Entwicklung der einzelnen Teile treten dann allerlei Besonderheiten auf. Daß die äußere Fruchtschale das eine Mal holzig, das andere Mal fleischig wird, findet sich ja beispielsweise auch bei unsern Nachtschattengewächsen: Der Stechapfel hat eine trockene, aufspringende Kapselfrucht, die Kartoffel eine Beere. Im innern Bau aber sind beide gleich.

Fritz: Was hat denn die dicke Faserschicht um die Kokosnuß für einen Zweck?

Dr. E.: Wenn ich dir nach der Anschauung recht vieler Menschen antworten wollte, welche glauben, daß alles in der Natur nur für sie da sei, so würde ich sagen: Damit der Mensch sich allerlei Flechtwerk, Besen, Bürsten und Matten daraus machen könne. Der Botaniker aber weiß, daß diese Faserschicht weiter nichts ist als ein rechter und echter Schwimmgürtel, durch den die Nüsse befähigt sind, weite Reisen zwischen den Inseln des Stillen Ozeans zu unternehmen. Die holzige Schicht darunter verhindert dabei das Eindringen des schädlichen Seewassers in den Kern, der sonst seine Keimkraft verlieren würde.

Kurt: Und die Milch, die im Kern ist?

Dr. E.: Nun, wir haben ja neulich erst besprochen, daß im Innern jedes Samens ein kleines Pflanzenkind schlummert —

Kurt: Ach, das ist großartig, daß die jungen Kokosnußpflänzchen auch Milch bekommen, wie die Kinder!

Dr. E.: Schön wär’s, Kurt. Nur schade, daß diese „Milch“ der Hauptsache nach nichts weiter ist als reines Wasser, — und von Wasser pflegen Kinder doch nicht fett zu werden.

Kurt: Das ist wahr. Dann wird diese Milch den Pflänzchen wohl wenig nützen.

Dr. E.: Wenigstens nicht so, wie du dachtest. Dafür ist ja auch die dicke Außenschicht des Kerns vorhanden, die ihr so gern eßt, und in der eine Menge Nahrungsstoffe aufgespeichert sind, die von dem Keimpflänzchen durch Anlagerung seiner Keimblätter an diese Schicht nach und nach aufgezehrt werden. Trotzdem ist das Wasser im Innern durchaus nicht überflüssig.

Kurt: Oh, daß die Pflanzen beim Keimen Wasser brauchen, weiß ich schon. Deshalb muß man ja die Samen auch immer begießen, die man gepflanzt hat. Aber warum die Kokosnüsse dies Wasser nun gleich bei sich haben müssen, verstehe ich nicht recht.

Dr. E.: Es scheint, als wenn das mit dem Standort zusammenhängt, an dem die Kokosnüsse keimen. Das ist der salzige Meeresstrand, und da dürfte es für die junge Keimpflanze wichtig sein, daß sie zunächst das von der Mutter mitgegebene süße Wasser beim Aufbau ihrer ersten Blätter und Wurzeln verwenden kann, ehe sie zu dem für viele Pflanzen so schädlichen Salzwasser ihre Zuflucht nehmen muß.

Fritz: Zu wunderbar, wie die Natur sich immer zu helfen weiß! — Sag’ mal, wird nicht aus der dicken Außenschicht des Kerns, die man essen kann, auch das Palmöl gewonnen?

Dr. E.: Nein, Fritz. Da wirfst du zwei Dinge zusammen, die allerdings in ihren Eigenschaften und ihrem Gebrauch ziemlich viel Ähnlichkeit haben. Die Kerne der Kokospalme liefern zerschnitten die sogenannte Kopra, einen wichtigen Handelsartikel Ostindiens und der Südsee. Aus dieser wird Kokosöl gewonnen. Das Palmöl hingegen stammt hauptsächlich von einer afrikanischen Palme, der Ölpalme[49]. Ihre Früchte sind nicht größer als kleine Pflaumen und haben auch wie diese ein saftiges Fruchtfleisch und einen festen Kern. Aus dem Fruchtfleisch gewinnen bereits die Neger durch Kochen und Auspressen eine Menge Öl, das fast wie Butter aussieht; die Kerne aber kommen als Palmkerne meist nach Europa und werden hier ebenfalls auf Öl verarbeitet. — Neben der Ölpalme benutzt man auch noch eine Reihe anderer Arten zur Ölgewinnung.

Kurt: Gibt es denn so viele Palmenarten?

Dr. E.: Jedenfalls mehr als du denkst. Es sind bereits über achthundert verschiedene beschrieben worden.

Kurt: Das hätte ich nicht gedacht. Kennst du denn die alle?

Dr. E.: O nein, mein Junge. Dazu gehört selbstverständlich ein jahrelanges eingehendes Studium. Und an unsern paar Zimmer- und Gewächshauspalmen kann man das überhaupt nicht lernen. Viele Arten sind wohl noch nie in Kultur genommen, und die Mehrzahl der andern bringt bei uns gerade die wichtigsten Merkmale, wie Stamm, Blüten und Früchte, kaum je zur vollen Ausbildung.

Fritz: Sind denn die Stämme auch verschieden?

Dr. E.: Gewiß. Für gewöhnlich gleicht der Palmstamm bekanntlich einer einfachen, geraden Säule, an deren Ende die mächtigen Blätter sich schirmförmig nach allen Seiten ausbreiten. Dieser Stamm kann nun fast glatt oder geringelt sein, oder er ist dicht mit den Überresten abgestorbener Blätter, ja auch wohl mit Dornenreihen besetzt. Bei manchen Arten teilt sich der Stamm in eine Reihe von Ästen, deren jeder eine Blattkrone trägt, wie bei der in Oberägypten so häufigen Dumpalme[50], und noch wieder bei andern ist er ganz kurz und fast unterirdisch.

Kurt: So sieht es ja immer bei unsern Zimmerpalmen aus. Einen ordentlichen Palmenstamm habe ich noch nie gesehen.

Dr. E.: Da wirst du wohl ein wenig im Irrtum sein. Oder solltest du nie in deinem Leben die Bekanntschaft mit einem sehr nützlichen Instrument gemacht haben, das man für gewöhnlich zum Rockausklopfen braucht, manchmal sogar, wenn noch ein Junge in dem Rock drinsteckt?

Kurt: Du meinst den Rohrstock? Aber den habe ich nicht für einen Palmenstamm gehalten. Er heißt ja auch „spanisches Rohr“, und Rohr oder Schilf gehört doch zu den Gräsern.

Dr. E.: Aus allem dem folgt weiter nichts, als daß die Leute, welche zuerst die Pflanzen überseeischer Länder kennenlernten, eben nicht immer Botaniker waren. Es gibt in der Tat zwei ganz verschiedene Dinge, die beide mit dem Namen „spanisches Rohr“ belegt werden. Das eine ist wirklich ein Gras[51], und zwar das größte, das wir in Europa haben, denn es erreicht über doppelte Mannshöhe und hat einen bis armdicken, sehr festen, fast holzigen Halm. Die bekannten, ineinander schiebbaren Angelstöcke sind häufig aus diesem Gras gemacht, das in Südeuropa weit verbreitet ist und zu allen möglichen Dingen verwendet wird. Das andere spanische Rohr, auch Stuhlrohr oder Rotang[52] genannt, ist eine ostindische Palmengattung mit vielen Arten. Sie zeigen allerdings in ihrem ganzen Aussehen etwas Grasartiges, haben sonst aber mit den Gräsern nicht die geringste Verwandtschaft. Aus diesem Rotang werden neben zahllosen andern Sachen namentlich auch unsere Rohrstühle geflochten. Du sitzt also in diesem Augenblicke auf zerfaserten Palmenstämmen, die du noch nie gesehen zu haben glaubtest.

Fritz: Aber wie unterscheidet sich denn das Schilfrohr von dem Rotang?

Dr. E.: Natürlich so, wie sich überhaupt Palmen von Gräsern unterscheiden. Sieh dir doch einmal den Querschnitt eines Rohrstocks an und vergleiche ihn mit dem unseres Schilfrohrs. Ist denn das nicht grundverschieden?

Fritz: Ja, das muß ich zugeben: Der Rohrstock ist ganz solide im Innern; er zeigt lauter kleine Poren, wie mit Nadeln gestochen. Ein Rohrhalm aber ist im Innern hohl und hat nur hie und da feste Zwischenwände, die sogenannten Halmknoten.

Dr. E.: Ich könnte dir außerdem erzählen, daß die Blätter des Rotang ebenso wie die der meisten Palmen gefiedert sind, während die Gräser stets einfache, lineale Blätter haben. Nicht minder verschieden sind dann Blütenbau und Früchte.

Bambus

Hans: Ist denn nun der Rohrstock dasselbe wie Bambus?

Dr. E.: Nein, mein Hansel, da kommst du noch wieder mit einer dritten Sorte von Pflanzen, die zu Stöcken verarbeitet werden. Die Bambusgewächse[53] sind keine Palmen, sondern ebenfalls Gräser, wenn auch von einer Höhe und Gewaltigkeit, von der wir uns kaum eine Vorstellung machen können. Sie sind völlig baumartig, und einzelne Arten erreichen eine Höhe bis zu vierzig Metern. Die undurchdringlichen Dickichte Ostindiens, die sogenannten Dschungeln, bestehen vorwiegend aus diesen Gräsern, welche bekanntlich so schnell emporschießen, daß man dort im wahrsten Sinne des Wortes das Gras wachsen sehen kann. Namentlich die knotigen Wurzelschößlinge, das sogenannte Pfefferrohr, werden bei uns viel zu Schirmstöcken, Pfeifenrohren usw. verarbeitet.

Fritz: Kann man denn die Palmen nicht an den Blättern unterscheiden?

Dr. E.: Bis zu einem gewissen Grade wohl. Im wesentlichen aber gibt es nur zwei Hauptformen des Blattes: Das fächerförmige oder gefingerte, und das gefiederte, wonach man dann gewöhnlich Fächerpalmen und Fiederpalmen unterscheidet. Zu den Fächerpalmen gehören von bekannteren Arten vornehmlich die echte Fächerpalme[54] Indiens und die Zwergpalme[55] Südeuropas; zu den Fiederpalmen die Kokospalme[56], Dattelpalme[57], Ölpalme[58], die echte Sagopalme[59] und die Rotangpalme[60].

Kurt: Und die Dracaenen in unserer Balkonstube, die doch auch so einen schlanken geringelten Stamm haben mit einem Blattschirm am Ende, gehören nicht zu den Palmen?

Dr. E.: Nein, die gehören in die Nähe des Spargels und der Maiblume. Schon die einfachen, lanzettlich linealischen Blätter lassen auf den ersten Blick erkennen, daß wir es nicht mit einer Palme zu tun haben.

Fritz: Warum heißen denn diese Pflanzen eigentlich „Drachenbäume“? Dracaena ist ja nur die lateinische Übersetzung.

Drachenbäume. Harz

Dr. E.: Mit dem Namen „Drachenbäume“ belegt man eine ganze Reihe von Pflanzen, von welchen ein dunkelblutrotes Harz, das sogenannte „Drachenblut“, gewonnen wird. Dasselbe war früher in der Medizin hoch geschätzt und wurde mit Gold aufgewogen, während es heute nur noch zu Polituren, Firnissen usw. Verwendung findet. Das meiste Harz kommt von einer ostindischen Palmenart, der Drachenpalme[61], in den Handel; auch ein westindischer Baum mit Schmetterlingsblüten[62] liefert ziemlich viel davon. Am berühmtesten aber war das Drachenblut einer Dracaena auf den Kanarischen Inseln, des seltsamen, fast vorsintflutlich gestalteten Drachenbaumes[63], deren einer, von gewaltigem Umfange und nach Alexander von Humboldts Schätzung viele tausend Jahre alt, von den Ureinwohnern der Inseln, den tapfern Guanchen, als heilig verehrt wurde. Er stand in dem Städtchen Orotava und ist erst in den 60er Jahren durch einen Sturm vernichtet worden. Von diesem kanarischen Drachenbaum, der übrigens gewiß herzlich wenig Drachenblut lieferte, hat die ganze Gruppe der Dracaenen, die ja zu den beliebtesten Zimmerpflanzen gehört, ihren Namen erhalten.

Kurt: Inwiefern sind sie denn mit unserm Spargel verwandt?

Dr. E.: Nun, du könntest sie auch als baumförmige Lilien bezeichnen. Im Bau ihrer Blüten, die ja gar nicht so selten auch bei uns als reichblütige violette Rispen zur Entwicklung kommen, gleichen sie ihnen vollständig, und die Frucht ist wie beim Spargel und Maiglöckchen eine dreisamige rote Beere.

Fritz: Was für einen Zweck hat denn eigentlich dieses Drachenblut in der Pflanze?

Dr. E.: Wie ich schon sagte, gehört das Drachenblut zu den Harzen, die gleich den flüssigen Balsamen im Pflanzenreiche weit verbreitet sind. Ich erinnere nur an das Harz unserer gewöhnlichen Kiefern und Fichten. Was für eine Bedeutung diese Harze für die Pflanze haben, ist wohl noch nicht ganz sicher festgestellt. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich um Stoffe, die bei den chemischen Vorgängen im Innern der Pflanze als unbrauchbar ausgeschieden wurden und nun in röhrenartigen Hohlräumen zwischen dem Gewebe, in den sogenannten Harzgängen, sich ansammeln. In vielen Fällen indes erscheint die reichliche Harzbildung geradezu als eine Krankheit. So kann man bekanntlich das Holz unserer Tannen „kienig“, d. h. reich an Harzen machen, wenn man sie verwundet.

Fritz: Wird denn nicht auf ähnliche Weise, ich meine durch Reißen von Wunden in den Stamm, das Harz aus unsern Fichten gewonnen?

Terpentin. Gummi. Kautschuk

Dr. E.: Allerdings. Was in den sogenannten Harzgängen unserer Nadelhölzer zunächst vorhanden ist, heißt Terpentinöl und ist dünnflüssig. Nachdem es aber aus der Wunde herausgeflossen ist, verändert es sich teilweise unter dem Einfluß der Luft, es „verharzt“ und wird zäher. Man erhält so den gewöhnlichen Terpentin, der demnach als eine Mischung von Terpentinöl und Harz zu bezeichnen ist.

Kurt: Ist denn der Kirschgummi an unsern Pflaumen- und Kirschbäumen auch durch eine Verwundung hervorgerufen?

Dr. E.: Ja. So wie es eine Harzkrankheit gibt, so gibt es bei manchen Pflanzen auch eine Gummikrankheit. Aus beiden aber weiß der Mensch Vorteil zu ziehen. Denn wie er das Harz einsammelt, um allerlei nützliche Stoffe daraus zu machen, wie Terpentin und Kolophonium, so benutzt er auch das Gummi verschiedener Pflanzenarten zu mannigfachen Zwecken.

Kurt: Oh, Radiergummi und Gummibälle haben wir ja sogar hier im Hause.

Dr. E.: Nein, Kurt, an die habe ich zunächst nicht gedacht; die gehören in ein ganz anderes Kapitel. Ich hatte in erster Linie das Gummiarabikum im Auge, das ihr ja aber auch kennt. Es fließt in ganz ähnlicher Weise wie unser Kirschgummi aus der Rinde afrikanischer Akazien oder Mimosen heraus, um bald an der Luft zu spröden, glasglänzenden Stücken zu erhärten. In Wasser gelöst liefert es dann ein vorzügliches Klebmittel.

Kurt: Aber unser Radiergummi stammt doch auch von einer Pflanze?

Dr. E.: Allerdings, und sogar von einer, die wir hier im Zimmer haben.

Fritz: Du meinst doch nicht unsern Gummibaum?

Dr. E.: Und warum sollte ich den nicht meinen?

Fritz: Ich habe doch nie auch nur die geringste Spur Gummi an ihm bemerkt.

Dr. E.: Das will ich wohl glauben. Denn hier handelt es sich auch nicht um eine Krankheit, wie bei den Kirschbäumen und Mimosen, bei denen das Gummi aus einer Wunde nach außen tritt. Beim Gummibaum gehört die Bildung des Gummis ebenso zu den regelmäßigen Lebensvorgängen, wie bei den Tannen die Bildung des Harzes in den Harzröhrchen. Wir müssen also das Gummi im Innern der Pflanze suchen.

Kurt: Da wäre ich aber doch riesig neugierig!

Dr. E.: Nun, ich denke, ein Blatt können wir schon opfern. Bringt mal den Baum her. — So, jetzt habe ich den Blattstiel durchgeschnitten. Seht ihr etwas?

Fritz: Ich sehe weiter nichts, als einen Tropfen weißen Milchsaft, wie ihn auch die Wolfsmilch hat.

Dr. E.: Und gerade dieser weiße Milchsaft ist der Saft, aus dem eure Gummibälle gemacht werden.

Kurt: Ach, das ist gediegen! Ein Gummiball aus Milch klingt ja wie die reinste Zauberei!

Dr. E.: Und doch ist die Sache ziemlich einfach. Vorhin habe ich euch erzählt, daß das flüssige Terpentinöl der Tanne an der Luft sich verändert und zu festem Harz wird. Ähnlich ergeht es diesem weißen Milchsaft; er gerinnt an der Luft und bildet dann eine ungemein zähe, elastische Masse.

Fritz: Aber das Gummi sieht doch dunkel aus, und dieser Milchsaft ist weiß!

Dr. E.: Das ist wohl nicht allzuschwer zu erklären, wenn wir an die Zubereitungsarten denken. Die einfachste, im Innern Afrikas gebräuchliche ist die, daß die Eingeborenen ihren Körper mit dem Milchsaft beschmieren, ihn hier eintrocknen lassen und dann die zähe dünne Schicht auf Stäbchen wickeln. Sollte er dabei wohl so ganz sauber bleiben? In andern Gegenden wird der eingesammelte Milchsaft auf sog. Formhölzer gestrichen oder in Pfannen geräuchert und erscheint dadurch später ebenfalls dunkel gefärbt, doch kommen auch weiße oder gelbe Sorten in den Handel.

Kurt: Ich dachte gar nicht, daß es verschiedene Sorten gäbe.

Dr. E.: Das Gummielastikum oder Kautschuk ist ein sehr verbreiteter Körper. Man kennt nicht weniger als 30 verschiedene Baumarten, aus denen es gewonnen wird. Freilich ist ja die Verwendung des Kautschuks auch so mannigfach und namentlich in jüngster Zeit so massenhaft, daß kaum genug davon beschafft werden kann.

Hans: Ach ja, die Gummischuhe werden auch daraus gemacht und die Gummireifen der Automobile und Fahrräder!

Dr. E.: Ja, mein Junge, und noch viele andere Dinge, von denen du dir wohl nichts träumen läßt. Hätte der Chemiker keine Gummischläuche und Gummikorke, es wäre schlimm mit seinen Experimenten bestellt. In der Medizin werden zahlreiche Geräte aus Gummi angefertigt, in der Physik leistet es als Nichtleiter der Elektrizität ganz hervorragende Dienste. Ja, auch Trinkgefäße, Kämme, Knöpfe, Hörrohre und Musikinstrumente werden aus diesem Stoffe angefertigt.

Fritz: Aber Kämme und Knöpfe müssen doch hart sein!

Dr. E.: Das sind sie auch. Der Kautschuk hat eben unter vielen andern Vorzügen die wunderbare Eigenschaft, zusammen mit Schwefel eine feste, hornartige Masse zu bilden, die ganz so wie Horn oder Holz mit Säge, Hobel und auf der Drehbank verarbeitet werden kann.

Kurt: Das hätte ich doch nicht gedacht, daß unser langweiliger Gummibaum so nützlich wäre. Nun möchte ich auch wissen, was er denn eigentlich für Blüten hat.

Dr. E.: Bei uns wird er dir den Gefallen wohl nicht tun und blühen. Aber dicht neben ihm steht zufällig ein ganz naher Verwandter, an dem kannst du am Ende die Blüten studieren.

Kurt: Da steht bloß ein Feigenbaum; ist der etwa mit ihm verwandt?

Feigenbaum

Dr. E.: Freilich. Beide gehören sogar zu derselben Gattung. Der Feigenbaum führt den lateinischen Namen Fícus cárica, während der Gummibaum als Fícus elástica bezeichnet wird.

Kurt: Schade! Unser Feigenbaum hat gar keine Blüten mehr; er hat nur noch Früchte.

Dr. E.: Sollte das wirklich wahr sein?

Fritz: Ja, Vater, das ist eine wunderbare Geschichte mit dem Feigenbaum. Ich habe schon so oft aufgepaßt und wollte einmal die Blüten sehen. Aber ich hab’s nie beobachten können; es waren immer schon ganz kleine Feigen.

Dr. E.: Das scheint mir allerdings sehr merkwürdig! Hast du denn schon mal eine Feige aufgeschnitten?

Fritz: Nein, das nicht; ich durfte ja keine abpflücken.

Dr. E.: Nun, so will ich’s dir jetzt erlauben. Da, nimm diese hier, die schon fast ausgewachsen, aber noch grün ist.

Fritz, nachdem er die Feige der Länge nach durchgeschnitten: Ih, die ist ja inwendig ganz hohl?

Dr. E.: Und weiter bemerkst du nichts?

Fritz: Ja, es sieht fast aus, als wenn ein Loch an der Spitze nach außen führt, das nur durch ein paar kleine Blättchen verschlossen wird. Der Hohlraum selbst aber ist mit merkwürdigen kleinen gestielten Keulen ausgekleidet. Das können doch nur die Samen sein.

Dr. E.: Wenn die Feige eine Frucht wäre, wie du glaubst, so hättest du recht. In Wirklichkeit aber sind alle diese kleinen Keulen im Innern weiter nichts, als ebensoviele Blüten, in denen sich später je eine kleine harte Frucht, ein sogenanntes Nüßchen, ausbildet.

Fritz: Aber das ist ja kaum zu begreifen, Vater!

Dr. E.: Ja, seltsam genug ist die Sache. Die Feige ist eben keine Frucht, sondern ein hohler Blütenstiel. Während nun bei andern Pflanzen die Blüten, etwa zu einer Ähre vereinigt, außen an diesem Blütenstiel sitzen, sind sie bei der Feige in das Innere desselben versenkt und bilden so die Auskleidung seiner weiten, bauchigen Höhlung.

Kurt: Das hätte ich doch kaum für möglich gehalten, daß ein ganzer Zweig mit vielen Blüten so völlig wie eine einzige Frucht aussehen kann.

Dr. E.: Aber daß ein ganzer Blütenstand aus vielen Blüten wie eine einzige Blüte aussehen kann, hast du doch schon oft gehört.

Kurt: O gewiß! Das ist ja bei allen Korbblütlern so. Die Sonnenblumen, Kamillen und Gänseblümchen zeigen das sehr schön.

Dr. E.: Nun also! Außerdem haben wir ein sehr hübsches Beispiel hierfür an einer unserer häufigsten Blattpflanzen. Seht nur hin, da blüht sie ja!

Fritz: Ach, die Kalla![64] Ja, das haben wir mal in der Schule gehabt. Das weiße Blatt der sogenannten Kallablüte ist nur ein gefärbtes Hochblatt, und der gelbe Kolben, der da herausguckt, ist ein ganzer Blütenstand von vielen kleinen unscheinbaren Blüten.

Dr. E.: Sehr schön, Fritz. Weißt du denn, wie man die Pflanzenfamilie nennt, zu der unsere Kalla gehört?

Fritz: Ja, das ist die Familie der Arongewächse. Wir haben ja auch in unsern Sümpfen eine Kalla-Art[65], die fast gerade so aussieht wie die Topf-Kalla, und außerdem gibt es noch den Aronstab[66], der in den Wäldern wächst und ein grünes Hochblatt hat.

Dr. E.: Dann könntest du als dritten im Bunde noch den schilfartigen Kalmus[67] nennen, der überall bei uns am Wasser sich findet. — In den Tropen haben übrigens die Arongewächse eine große Bedeutung, und viele werden ihrer schönen Blätter wegen in Treibhäusern gezogen. Auch unser Philodendron mit den seltsamen runden oder ovalen Löchern in den Blättern ist ein Arongewächs.

Kurt: Gehören denn die Begonien auch dazu?

Begonien. Farne

Dr. E.: O, ganz und gar nicht. Die Begonien oder Schiefblätter bilden eine ganz eigenartige Familie, die gar keine näheren Verwandten hat. Ihr braucht euch die ganz ungewöhnlichen Blüten ja nur einmal genauer anzusehen. Verraten will ich noch, daß sie wie bei den Palmen von zweierlei Art sind, indem auch hier Staubgefäße und Stempel sich nicht in derselben Blüte finden.

Fritz: Ist es denn wahr, Vater, daß man diese Pflanzen durch ein einzelnes Blatt vermehren kann?

Dr. E.: Allerdings. Man hat nur nötig, ein abgeschnittenes Blatt an verschiedenen Stellen der saftigen Blattrippen einzuritzen und dann auf feuchte Erde zu legen. An jeder Wundstelle wächst nach kurzer Zeit aus dem Blatt ein junges Pflänzchen hervor.

Fritz: Ist denn das nicht was sehr Merkwürdiges?

Dr. E.: Nun, so ganz vereinzelt ist diese Erscheinung nicht. Bei manchen Farnkräutern[68], die häufig gezogen werden, könnt ihr sogar sehen, wie scheinbar ganz ohne irgendwelche Veranlassung überall auf dem Laube des Wedels junge Pflänzchen hervorknospen, die dann abfallen und am Boden wurzeln.

Kurt: Kann man denn die Farnkräuter auch als Blattpflanzen bezeichnen?

Dr. E.: Ich denke, diese doch wohl in erster Linie. Denn der Blüten wegen wird doch die schwerlich jemand ziehen.

Kurt: Ja, das will ich glauben! Die haben doch nur so kleine schwarze Tupfen auf den Blättern, in denen ja wohl die Samen stecken.

Dr. E.: Wenigstens kann man dieses staubfeine Pulver, was da herauskommt, insofern mit dem Samen vergleichen, als daraus junge Pflänzchen sich entwickeln. In Wirklichkeit ist die Entwicklung eines Farnkrautes freilich nicht so einfach, und ihr würdet euch schön wundern, wenn ich euch seine ganze Lebensgeschichte erzählen wollte. Dazu aber müßt ihr wohl noch ein wenig älter werden.