Dreizehnter Abend.

Dr. E.: Na, Kurt, was hast du denn da Schönes in deiner Schachtel? Das sieht ja ganz geheimnisvoll aus.

Kurt: Ja, denke nur, Vater, heute, wo wir doch noch im Februar sind, habe ich den ersten Schmetterling gefangen. Nun muß es doch bald Frühling werden.

Dr. E.: Da bin ich doch wirklich neugierig. — Ei, ein hübsches lebendes Tagpfauenauge! Wo ist dir denn das in die Hände gefallen?

Kurt: Heute mittag war es, als ich auf dem Boden das eine Dachfenster ein wenig öffnen wollte, weil die Sonne so schön schien. Da saß das Tier an einem Dachbalken und klappte mit den Flügeln.

Falter als Frühlingsbote. Winterschlaf

Dr. E.: Und wurde dann als Frühlingsbote von dir eingesperrt. — Sollen wir denn nun nicht den Zeitungen Nachricht geben? Sonst kommen dir am Ende andere zuvor und bringen dich um den Ruhm, das Nahen des Lenzes zuerst entdeckt zu haben.

Kurt: Ich weiß nicht, Vater, warum du so ironisch bist. Ist es denn nicht wahr, daß die Schmetterlinge durch ihr Auskriechen aus der Puppe den Frühling anzeigen? In Schnee und Eis, und wenn alles kahl ist, können sie doch nicht leben. Außerdem steht es ja auch in jedem Frühjahr in der Zeitung, wenn die ersten Schmetterlinge beobachtet werden.

Dr. E.: Das letztere ist allerdings richtig, beweist aber in diesem Falle weiter nichts, als daß weder die Einsender solcher Notizen, noch die Redaktionen der Zeitungen sich in dem Besitz auch nur des bescheidensten Schmetterlingsbüchleins befinden. Sonst würden sie wissen, daß gerade diese Falter, die in den ersten sonnigen Tagen des scheidenden Winters so häufig gefunden werden, wie der Fuchs, der Zitronenfalter, das Tagpfauenauge und andere, durchaus nicht der Puppe entschlüpft sind, sondern vom Herbst her an irgendeinem versteckten Plätzchen überwintert haben. Es sind Weibchen, die erst im kommenden Frühling ihre Eier ablegen wollen, ehe sie sterben. Oft werden die Tiere natürlich durch die wärmeren Strahlen der Sonne hervorgelockt; häufig aber, und namentlich, wenn sie in unsern Häusern Unterschlupf gefunden haben, sind sie einfach in ihrer Ruhe vorzeitig aufgestört worden und werden nun für das Kommen des Frühlings verantwortlich gemacht.

Fritz: Das ist mir auch neu, daß Schmetterlinge überwintern. Da können sie doch keine Nahrung finden.

Dr. E.: Die brauchen sie auch nicht. Sie verfallen eben in eine Art Winterstarre oder Winterschlaf, wie viele andere Tiere. In der Schule werdet ihr das wohl nur von dem Hamster, dem Murmeltier, dem Igel und andern Säugetieren besprochen haben; bei den Insekten aber ist diese Erscheinung jedenfalls noch viel allgemeiner verbreitet.

Kurt: Und wo findet man diese schlafenden Insekten?

Dr. E.: Schade, daß augenblicklich wieder Schnee liegt. Sonst könnten wir mal eine Winter-Exkursion auf Insekten unternehmen. Als Knabe habe ich das fleißig betrieben und viel dabei gelernt. Es war ein hochstämmiger Tannenwald mit dichtem Moospolster, zu dem ich am liebsten meine Schritte lenkte. Da hättet ihr einmal sehen sollen, was ich alles unter dem Moose, unter Laub und aus dem Innern vermorschter Baumstämme hervorzaubern konnte. Nicht bloß Käfer aller Art und Larven und Puppen waren da, sondern auch Wespen, Hummeln, Schlupfwespen, Fliegen, Wanzen, Spinnen, Asseln und Tausendfüße, kurzum die ganze bunte Gesellschaft des Sommers, und viele von ihnen hatten sich niedliche Höhlen gegraben, in denen sie mit ihren erstarrten Gliederchen ausruhten.

Hausbewohner. Ratten. Dorfschwalbe

Kurt: Ach bitte, Vater, das wollen wir doch einmal machen! — Aber ist es nicht interessant, daß dieses Pfauenauge sich gerade unsern Hausboden als Zufluchtsort gewählt hat?

Dr. E.: Ich finde das nicht so außergewöhnlich. Gibt es doch zahllose andere Tiere, die auch gemerkt haben, einen wie prächtigen Unterschlupf die Wohnungen der Menschen gewähren. Viele derselben fühlen sich ja so wohl darin, daß sie kaum noch wo anders zu finden sind und wir sie gar nicht wieder los werden können.

Hans: Ja, Papa, jeden Tag schlägt Doris in der Küche welche von den großen, braunen Kakerlaken tot.

Dr. E.: Das glaub’ ich. Die gehören auch zu dieser Sippschaft. Aber sie sind eben nur ein Beispiel von vielen. Ich glaube kaum, daß es unter den Landtieren — Wassertiere verlangen ja andere Bedingungen — irgendeine größere Gruppe gibt, aus der nicht einige Arten sich die Wohnungen der Menschen zum Aufenthalt gewählt hätten.

Kurt: Also Wirbeltiere auch?

Dr. E.: Na, Kurt, ich denke doch. Oder sollte Mama die Mausefalle nur zum Vergnügen in ihrem Kleiderschranke aufgestellt haben?

Kurt: O weh! Da habe ich mich aber schön blamiert. An die Ratten und Mäuse habe ich gar nicht gedacht.

Dr. E.: Weißt du denn, wie viele Arten davon in unsern Häusern leben?

Kurt: Ich dachte, das wäre immer nur die Hausmaus und die Hausratte.

Dr. E.: Nicht doch. Neben der Hausmaus[69] finden sich wenigstens im Winter häufig noch die Waldmaus[70] und die Brandmaus[71], denen es dann draußen zu ungemütlich wird. Von Ratten aber müssen wir gegenwärtig drei unterscheiden, die sich vollständig dem Menschen angeschlossen haben: Die Hausratte[72], die Wanderratte[73] und die ägyptische Ratte[74].

Fritz: Die ägyptische? Wie kommt denn die hierher?

Dr. E.: Durch Wanderung, wie auch die beiden andern Arten. Es ist nämlich eine höchst merkwürdige Geschichte mit den Ratten. Zuerst hatten wir wahrscheinlich allein die Hausratte. Sie scheint aus Persien zu stammen, muß aber schon im frühen Mittelalter nach Europa gekommen sein. 1727, nach einem starken Erdbeben, soll dann die Wanderratte aus den kaspischen Ländern ihren großen Zug nach Westen angetreten haben. Es wird berichtet, daß sie zunächst in gewaltigen Scharen über die Wolga setzte, Rußland bevölkerte und dann in wenigen Jahrzehnten nicht bloß ganz Europa, sondern fast die ganze Erde eroberte. Doch erscheint es nach neueren Forschungen nicht ausgeschlossen, daß sie auch schon vor jenem Wanderzuge in Europa heimisch war. Da sie stärker und größer ist als die Hausratte, so muß letztere in dem erbitterten Kampfe, den beide Arten um die Herrschaft führen, überall zurückweichen. Nur in entlegenen Weilern und hie und da in den oberen Stockwerken der Häuser, welche die Wanderratte nicht liebt, fristet sie noch ein kümmerliches Dasein. In neuerer Zeit ist nun namentlich in den südlicheren Ländern Europas auch der Wanderratte ein Konkurrent erwachsen, nämlich die vorhin erwähnte ägyptische Ratte oder Dachratte, deren Ausbreitung nach Westen ebenfalls ziemlich schnell vor sich zu gehen scheint. Auch bei uns hat sie sich schon hie und da heimisch gemacht.

Kurt: Kann man denn die Arten leicht unterscheiden?

Dr. E.: Wenn man die Merkmale kennt, gewiß. Das kannst du ja aber in jedem Zoologiebuche nachlesen, und wenn du wirklich einmal eine Ratte gefangen haben solltest, so will ich dir bei der Bestimmung schon helfen.

Fritz: Zu den Vögeln, die sich die Wohnungen der Menschen zunutze gemacht, würdest du wohl den Sperling[75] und die Hausschwalbe[76] rechnen?

Dr. E.: Die jedenfalls. Es gibt aber noch manche andere, die mit Vorliebe im Gemäuer nisten, wie das Hausrotschwänzchen[77], der Mauersegler[78], die Dohlen[79] und Schleiereulen[80].

Hans: Aber die bauen ihre Nester doch nur außen dran und leben nicht in den Wohnungen!

Dr. E.: Das ist doch nicht immer der Fall. Es gibt sogar einen Vogel, der bei uns niemals außen, sondern stets nur im Innern der Häuser, namentlich der Ställe und Scheunen, baut; es ist die Rauch- oder Dorfschwalbe[81], die eben wegen dieser Gewohnheit in manchen Gegenden auch wohl Stallschwalbe genannt wird.

Fritz: Hat die nicht so einen langen Gabelschwanz?

Dr. E.: Ja. Doch darfst du sie nicht mit dem Mauersegler verwechseln, dessen Schwanz ebenfalls so lang gegabelt ist. Der Mauersegler, der auch wohl Turmschwalbe genannt wird, obgleich er gar nicht zur Familie der Schwalben gehört, ist weit größer und fast einfarbig schwarz, die Rauchschwalbe hingegen hat eine kastanienbraune Kehle und eine hellroströtliche Unterseite. Ihr könnt sie schon aus der Ferne von unsern weißbäuchigen Stadtschwalben unterscheiden.

Kurt: Unter den Reptilien und Amphibien findet sich aber doch sicher keine Art, die sich bei uns eingenistet hat.

Dr. E.: Ich glaube, wenn unser Keller feucht wäre, wie dies ja häufig auf dem Lande der Fall, würdest du bald ein paar Prachtexemplare dickbäuchiger Kröten eingesammelt haben, die sich mit Vorliebe dort einfinden. Reptilien freilich gibt es glücklicherweise in unsern Häusern nicht, doch brauchtest du am Ende gar nicht so weit zu reisen, um auch dieses Vergnügen haben zu können.

Fritz: Ja, ich weiß, daß in den Tropen die Reisenden oft dadurch erschreckt werden, daß sich Schlangen in die Zimmer und selbst in die Betten eingeschlichen haben. Das muß eine grauliche Überraschung sein.

Dr. E.: O, so weit brauchten wir gar nicht zu reisen, um Reptilien in den Wohnungen zu finden, und zwar nicht nur als zufällige Gäste, sondern als ganz regelrechte Mitbewohner, die sich vollständig für das Leben in den Häusern eingerichtet haben.

Kurt: Aber doch jedenfalls nicht in Europa?

Geckos. Kakerlaken

Dr. E.: Doch, Kurt. Schon in Italien, Spanien oder Griechenland kannst du die Bekanntschaft der sog. Geckos[82] machen. Überall klettern sie des Abends mit ihren platten Scheibenfingern an den Wänden umher oder sitzen in den Gardinen und glotzen einen mit ihren großen Augen an.

Kurt: Sind denn die Tiere giftig?

Dr. E.: Nein, es sind die harmlosesten Geschöpfe von der Welt. Aber das abergläubische Volk hat eine heillose Angst vor ihnen, und ich erinnere mich, daß die wohlbeleibte Gattin unseres Türhüters in Neapel beinah in Ohnmacht sank, als ihr bei einer von mir veranstalteten Jagd so ein Tierchen unversehens auf die nackten Schultern fiel. — Doch nun wollen wir, wenn es euch Spaß macht, mal überlegen, was wir denn an wirbellosen Tieren in unserm Hause erwarten dürfen. Von den Weichtieren, die ja der Mehrzahl nach dem Wasser angehören und höchstens in einigen quabbeligen Kellerschnecken vertreten sein könnten, wollen wir absehen und uns gleich zu den Gliedertieren, insbesondere zu den Insekten wenden. — Nun, Hans, was meinst du, wie viele Ordnungen derselben werden wohl vertreten sein?

Hans: Ich weiß ja gar nicht recht, was eine Ordnung ist und wieviel es davon bei den Insekten gibt.

Dr. E.: Dann entschuldige, lieber Hans. Ich dachte nicht dran, daß ihr die Insekten in der Schule noch nicht durchgenommen habt. Aber Kurt wird schon aushelfen.

Kurt: Was eine Ordnung ist, muß er aber doch wissen! Die Klasse der Säugetiere wird ja auch zuerst in Ordnungen, dann in Familien usw. eingeteilt. Von den Insekten haben wir, glaube ich, sieben Ordnungen gehabt: Die Hautflügler, Käfer, Netzflügler, Geradflügler, Schmetterlinge, Fliegen und Schnabelkerfe.

Dr. E.: Damit wollen wir uns vorläufig begnügen. Kannst du mir denn jetzt angeben, Hans, von welcher dieser Gruppe sich Arten in unserer Wohnung finden könnten?

Hans: Ja, von den Käfern und von den Fliegen.

Dr. E.: Welche Käfer meinst du denn?

Hans: Die Feuerkäfer oder Kakerlaken, die so viel in der Küche sind.

Kurt: Ach, das ist gediegen! Die Kakerlaken oder Schaben sind ja gar keine Käfer, sondern Geradflügler, die mit den Heuschrecken zusammengehören.

Dr. E.: Und warum sind es keine Käfer?

Kurt: Weil ihre Flügel nicht hornig, sondern häutig sind und vor allem, weil sie keine ruhende Puppe haben wie die Käfer.

Dr. E.: Gut, Kurt. Hast du denn schon einmal die Eier unserer Kakerlaken gesehen?

Fritz: Sind das die großen braunen Dinger, die fast wie ein Damentäschchen aussehen und manchmal in der Küche liegen? Ich meine, ich hätte schon Tiere damit herumlaufen sehen.

Dr. E.: Was du da gesehen hast, sind nicht die Eier selbst, sondern höchst merkwürdige Eikapseln, wie sie sich nur bei wenigen Insekten finden. Wenn man sie öffnet, sieht man eine ganze Menge Eier in ihnen, zierlich in Reihen geordnet. Die Kapseln sind übrigens verschieden geformt. Die, welche du beschrieben, gehören der großen dunkelbraunen Kakerlake oder orientalischen Schabe[83] an, während die viel kleinere, hellbraune deutsche Schabe[84] mehr flach rechteckige und in der Quere geriefte Kapseln absetzt. Nach einiger Zeit springen diese Kapseln auf und die winzig kleinen, ungeflügelten Tierchen kriechen aus ihrem Gefängnis heraus.

Kurt: Neulich ist mir was sehr Schnurriges passiert. Da sah ich eine ganz schneeweiße Schabe auf unserm Feuerherd. Ich sperrte sie in eine Schachtel und wollte sie dir zeigen; als ich aber nach einigen Stunden wieder nachsah, da war es eine gewöhnliche braune.

Dr. E.: Da wirst du natürlich ein recht geistreiches Gesicht gemacht haben! An sich aber ist die Sache höchst einfach, wenn wir wissen, daß alle Insekten unmittelbar nach der Häutung zunächst ganz weiß sind, und daß die Häutung und Färbung ihres Chitinpanzers erst im Verlauf der nächsten Stunden erfolgt. Ein schwarzer Wasserkäfer, der aus seiner Puppe kriecht, sieht anfangs gerade so weiß aus, wie deine Kakerlake. — Aber gibt es denn nun überhaupt keine Käfer im Hause?

Fritz: O ja, die sogenannten Holzkäfer[85] in den alten Kommoden und Schränken, die so runde Löcher bohren.

Totenkäfer. Geradflügler. Fliegen

Kurt: Sind das dieselben, die ein so sonderbares Ticken verursachen, daß man sie als Totenuhren bezeichnet?

Dr. E.: Ja. Abergläubische Menschen haben in dem Klopfen, das diese Tierchen mit der Stirn gegen das Holz ausführen, und das man namentlich in stiller Nacht deutlich vernehmen kann, ein Zeichen des herannahenden Todes erblicken wollen. In Wirklichkeit ist es, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein Lockruf, mit Hilfe dessen die Liebespärchen sich zueinander finden.

Fritz: Gibt es nicht auch noch eine andere Art Totenkäfer?

Dr. E.: Ja, das sind große, ganz schwarze Tiere[86], die aber in unsern Wohnungen ziemlich selten sind. Ihr Hervorkriechen aus irgendeinem Winkel soll ebenfalls den Tod anzeigen. Weit häufiger sind die verschiedenen Arten der Speckkäfer[87], die Pelz-[88], Brot-[89] und Mehlkäfer[90], die ihr hauptsächlich in Küche und Speisekammer zu suchen habt. Aus alten Vorräten von Graupen, Erbsen, Linsen usw. würde Mutter euch wahrscheinlich ebenfalls allerlei Käfer[91] zur Verfügung stellen können, die aber meist erst zum Vorschein kommen, wenn man jene Früchte in Wasser einweicht.

Kurt: Dann wären also die Käfer sehr reichlich in den Wohnungen vertreten?

Dr. E.: Gewiß, sie bilden ja auch ohnehin die artenreichste Gruppe der Insekten. Neben ihnen machen sich jedoch auch die Geradflügler in mancherlei Formen bemerkbar.

Fritz: Das waren aber doch bloß die zwei Arten Kakerlaken.

Dr. E.: Diesen zweien könnten wir zunächst wohl noch eine dritte Art anreihen, die freilich aus Amerika stammt, jetzt aber namentlich in unsern Hafenstädten schon ziemlich verbreitet ist, nämlich die große amerikanische Schabe, Periplanéta americána. Sodann wollen wir die Heimchen[92] nicht vergessen, die bei jedem Bäcker zu finden sind und sich durch ihr lautes eintöniges „Cri-cri“ bemerkbar machen. In alten Büchern leben die winzigen Staub- oder Bücherläuse[93], die sich als nahe Verwandte der berüchtigten Termiten darstellen, auf unseren Blumentöpfen verschiedene Arten von Springschwänzen[94], die man wenigstens früher auch zu den Geradflüglern rechnete, während in der Speisekammer und zwischen altem Gerümpel das flinke Silberfischchen[95] sich tummelt, dessen flügelloser Körper über und über mit silberglänzenden Schuppen gepanzert ist.

Kurt: Das ist ja eine bunte Gesellschaft. — Dann wird es auch wohl verschiedene Sorten von Fliegen bei uns geben.

Dr. E.: Im Winter wohl schwerlich; da müssen wir uns eben mit den paar übriggebliebenen Stubenfliegen[96] behelfen. Im Sommer freilich ist das anders. Die großen blauen Brummer[97], die ich als Junge immer für die Männchen der Stubenfliege hielt, kennt ihr ja; ebenso die rotäugige Schmeißfliege[98] mit dem schachbrettartig gemusterten Hinterleib. Eine Art, die fast ebenso aussieht wie unsere Stubenfliege, nur ein wenig kleiner ist und einen hellern Bauch hat, ärgert uns durch ihre furchtbare Unverschämtheit, mit der sie sich immer wieder gerade auf unsere Stirn setzt, auch wenn wir sie zehnmal weggejagt haben. Es ist die Hundsfliege, Déxia canína. Wieder eine andere, die Stech- oder Blindfliege[99], ebenfalls einer kleinen Stubenfliege gleichend, quält Mensch und Vieh nicht wenig, denn sie vermag ganz empfindlich zu stechen. Daneben gibt es noch eine größere Zahl, die mehr gelegentlich in unsern Zimmern und an den Fensterscheiben sich herumtreiben.

Fritz: Kommen nicht aus den Käsemaden auch Fliegen?

Dr. E.: Ja, die hätte ich bald vergessen. Ihr könnt sogar zwei ganz verschiedene Arten aus dem Käse züchten. Die Maden der einen sind glatt und zeichnen sich durch ihre famosen Sprünge aus. Das ist die echte Käsefliege, Pióphila cásei. Etwas seltener findet man eine zweite Sorte bestachelter bräunlicher Maden, welche einer sogenannten Blumenfliege, der Anthomýia caniculáris angehören.

Mücken. Flöhe. Wanzen. Läuse

Hans: Im Hochsommer kommen ja auch die Mücken in unsere Schlafstuben.

Dr. E.: Sehr richtig, Hansel! Die haben es allerdings wohl weniger auf unsere Wohnungen, als auf uns selbst abgesehen, indem sie einfach den Menschen gerade für gut genug halten, um mit seinem kostbaren Blut ihren Appetit zu stillen. Wir in unserm kühlern Deutschland sind ja am Ende noch nicht so übel dran, wenn es auch gerade keine angenehme Musik ist, die uns von so einem halben Dutzend dieser Quälgeister beim Einschlafen vorgemacht wird. Wie geradezu unleidlich diese Plage indes in den Tropen wird, wenn die Moskito-Schwärme in solchen Scharen anrücken, daß man, wie Alexander v. Humboldt sagt, seinen Namen mit dem Stock hineinschreiben kann, davon werdet ihr ja wohl schon gehört haben.

Fritz: O, natürlich; das steht ja öfter in den Reisebeschreibungen. Ich habe aber neulich gelesen, daß diese Tiere durch ihren Stich auch das böse Sumpffieber verursachen, das ja wohl an vielen Orten in den Tropen herrscht.

Dr. E.: Ganz recht; es handelt sich hierbei um verschiedene Arten der Mückengattung Anópheles, die beim Stechen zugleich mit ihrem Speichel einen höchst gefährlichen, nur bei starker Vergrößerung sichtbaren Schmarotzer, das sogenannte Plasmódium, in unser Blut einführen, wodurch dann die gefürchtete Malaria-Krankheit entsteht. Tausende von Menschen gehen alljährlich an diesem Fieber zugrunde, und schon in Italien sind weite Landstrecken — denkt etwa an die Campagna und die Pontinischen Sümpfe — durch diese Plage fast unbewohnbar gemacht.

Fritz: Dagegen sind ja dann die andern Blutsauger in unsern Wohnungen noch harmlos zu nennen!

Dr. E.: Die andern Blutsauger? Welche Tiere meinst du denn damit?

Fritz: Ich denke an die Flöhe, die Bettwanzen und die Läuse, von denen es ja wohl auch noch wieder verschiedene Sorten gibt.

Dr. E.: Nun, hoffentlich kennst du diese Tiere nicht alle aus eigener Erfahrung! — Die Bettwanze[100] ist, sozusagen, einzig in ihrer Art; sie hat im Hause keine näheren Verwandten. Von Flöhen leben zwei Arten auf dem Menschen, der echte Menschenfloh[101] und der ihm nahestehende, etwas größere Hundefloh.[102] Von Läusen endlich gibt es drei Sorten, die den Herrn der Schöpfung heimsuchen. Von diesen sind die Kopf-[103] und die Kleiderlaus[104] am bekanntesten.

Kurt: Aber die kommen doch wohl nur bei ganz unreinlichen Menschen vor?

Dr. E.: Für gewöhnlich ja. Es gibt aber Verhältnisse, unter denen auch der Reinlichste sich ihrer kaum erwehren kann, wie im Kriege, wo die Kleider eben nicht nach Belieben zu wechseln sind. In tropischen Ländern, wie z. B. in Brasilien, sind übrigens die Kopfläuse selbst in feineren Familien durchaus an der Tagesordnung.

Hans: Da möcht’ ich dann nicht zu Besuch sein. — Zu welchen Insekten gehören denn die Flöhe und die Läuse?

Dr. E.: Für die Flöhe ist das nicht so leicht zu sagen. Früher hat man sie oft zu den Fliegen gestellt, weil ihre Maden und Puppen ganz denen der Zweiflügler gleichen; neuerdings betrachtet man die Flöhe lieber als eine besondere Ordnung für sich. Die Läuse hingegen gehören, wie die Bettwanze, in die Ordnung der Schnabelkerfe, die durch ihren Stechrüssel und den Mangel eines Puppenzustandes ausgezeichnet ist. Wir hätten somit im ganzen schon fünf Ordnungen von Insekten aufgezählt, die in unsern Wohnungen vertreten sind.

Kurt: O bitte, Vater, für unser Haus könntest du doch höchstens von vier sprechen, denn Wanzen haben wir nicht, und die andern lieblichen Vertreter der Schnabelkerfe, die Läuse, werden uns hoffentlich für immer fern bleiben.

Dr. E.: Dennoch findet sich selbst in diesem Zimmer noch eine ganze Anzahl von Schnabelkerfen, mit denen ich schon lange einen vergeblichen Kampf kämpfe, und für deren Vernichtung ich euch sehr dankbar wäre.

Fritz: Hier im Zimmer? Da würden wir wohl vergeblich suchen.

Blattläuse. Schildläuse. Ameisen

Dr. E.: Du brauchst dir morgen bei Tageslicht nur einmal die verschiedenen Pflanzen am Fenster anzusehen. Ich will gar nicht sprechen von den verschiedenen Blattläusen[105] an der Monatsrose, den Fuchsien und Nelken[106], die namentlich im Sommer ihr Unwesen treiben. Aber auch jetzt, mitten im Winter, sitzen überall am Oleander, an den Palmen, am Feigenbaum, am Efeu die verschiedenen Sorten von Schildläusen[107], welche mit ihrem langen Rüssel die Blätter angestochen und sich so gewissermaßen vor Anker gelegt haben.

Kurt: Ach, sind das diese braunen flachen oder halbkugeligen Dinger, die ganz fest auf den Blättern sitzen und gar nicht aussehen wie Tiere?

Dr. E.: Ja, die meine ich. Wenn die Tiere noch jung und klein sind, können sie noch ziemlich hurtig auf ihren Beinchen umherlaufen. Bald aber werden sie plump und unbeholfen, setzen sich dauernd fest und bekommen ihr schildförmiges Aussehen. Ihre Beinchen sind dann im Verhältnis zum Körper so winzig, daß man sie nur mit einem Vergrößerungsglase sehen kann.

Fritz: Was ist denn das für ein weißes Pulver, das man meist unter dem Schilde findet?

Dr. E.: Das sind ihre Eier. Die Weibchen sterben schließlich, nachdem sie ihre Eier abgelegt, an der Stelle, wo sie sich festgesogen, und bilden so noch im Tode ein Schirmdach für ihre Jungen. Das ist ein sehr hübsches Beispiel für die mannigfache Art, in welcher die junge Brut von den Eltern geschützt wird.

Kurt: Es bleiben nun noch die Ordnungen der Hautflügler, Netzflügler und Schmetterlinge. Von diesen gibt’s doch keine in den Häusern?

Dr. E.: In bezug auf die Netzflügler kann man das wohl zugeben, obgleich gerade die goldaugigen Florfliegen[108] im Hochsommer mit Vorliebe an unsern Fensterscheiben sich tummeln. Hautflügler gibt es völlig genug, wenn auch nicht gerade in unserer Wohnung. Wißt ihr noch, wie wir im vergangenen Sommer die unbewohnte Villa in Thüringen besuchten, was für ein seltsamer Anblick sich da in dem einen Parterrezimmer bot?

Fritz: O, da wimmelte ja alles von geflügelten Ameisen. Ein ganzer Schwarm war hereingebrochen und bedeckte nun Fußboden und Fensterbänke. Das sah ganz merkwürdig aus.

Kurt: An die Ameisen hatte ich wirklich nicht gedacht; die sind ja massenhaft in Tante Lottes Speisekammer. Es ist eine ganz kleine hellgelbe Sorte, die schrecklich beißen kann.

Dr. E.: Dieses Beißen wird wohl mehr ein Stechen sein, da ich nach deiner Beschreibung vermute, daß es sich um eine Art der Gattung Myrmíca handelt. Es nisten sich aber noch manche andere Arten in den Häusern ein, die kaum wieder los zu werden sind. Am tollsten treiben sie es ja freilich in den tropischen Ländern, wo man sich vor diesen gefürchteten Feinden kaum zu schützen vermag.

Hans: Von den Schmetterlingen hast du aber noch gar nichts gesagt.

Kurt: Na, denkst du vielleicht, daß dir die Zitronenfalter oder Ligusterschwärmer in der Stube nur so um den Kopf rumfliegen sollen?

Dr. E.: O, nicht so voreilig, mein Junge! Auch Schmetterlinge haben wir in unserm Hause mehr als uns lieb ist. Du scheinst ganz vergessen zu haben, warum wir neulich unser hübsches Rehfell dem Feuer überliefert haben.

Motten. Spinnen. Milben. Asseln. Würmer. Infusorien

Kurt: Natürlich! Da habe ich wieder die verehrlichen Motten[109] vergessen! Wer denkt aber auch daran, daß diese ekelhaften Würmer in ihren Gehäusen Schmetterlinge werden!

Dr. E.: Und doch sind diese sogenannten Würmer ganz richtige Raupen, wie du dich leicht überzeugen kannst, wenn du einmal ihre Beine genauer betrachtest.

Kurt: Aber das Gehäuse, das sie machen, —

Dr. E.: Ist eine Gewohnheit, die sie mit vielen andern Schmetterlingen, z. B. den sogenannten Sackträgern, teilen.

Fritz: Durch so ein Gehäuse müssen die Tiere doch im Wachsen riesig beengt werden.

Dr. E.: Das ist nicht so schlimm, da sie es beliebig erweitern können. Das ist ein recht hübscher Versuch, den ihr vielleicht einmal nachmacht. Man setzt die Tierchen zunächst auf blaues Tuch; dann fertigen sie natürlich ein blaues Gehäuse. Bringt man sie dann auf rotes Tuch, so hat nach einiger Zeit jede sich einen hübschen roten Streifen eingeflickt und so ihre Wohnung erweitert.

Kurt: Die müssen ja dann aussehen wie Soldatenhosen! Aber wie ist es denn nur möglich, daß die Mottenraupen von Tuch oder Federn leben können?

Dr. E.: Für unsereinen wäre das allerdings eine recht mangelhafte Kost. Es müssen eben die Tiere eine ganz andere Fähigkeit der Verdauung haben als wir. Ähnliches sahen wir ja schon bei den Totenkäfern, die sich mit dem Holze hundertjähriger Kommoden begnügen, und schließlich ist diese Erscheinung doch kaum wunderbarer, als wenn ein Pferd monatelang mit Stroh und Häcksel allein seinen Hunger zu stillen vermag.

Fritz: Wenn man so alles zusammennimmt, so kommt doch eine ganz stattliche Zahl von Tieren heraus, die mit uns zusammenwohnen.

Dr. E.: Und doch haben wir bisher nur von den Insekten unter den Gliedertieren gesprochen. Jetzt wären noch die Spinnen, die Tausendfüße und Krebse zu betrachten, sowie ferner die Würmer und die übrigen niederen Tiere.

Hans: Ja, die Hausspinne[110] habe ich neulich auf dem Boden gründlich kennengelernt.

Dr. E.: Das ist nur eine Spinne von vielen. Daneben gibt es den drolligen kleinen Bücherskorpion[111] in alten Folianten, der immer so komisch mit seinen großen Scheren droht und rückwärts laufen kann, vor allem aber die zahlreiche Gesellschaft der Milben[112], die am Käse, im Mehl, an alten Backpflaumen zu finden sind. Selbst von unserm armen Kanarienvogel, unserm Hänschen, würden wir wahrscheinlich verschiedene Arten[113] absuchen können.

Fritz: Aber Krebse, Vater, und Würmer oder noch niedrigere Tiere?

Dr. E.: Selbst die wasserbewohnenden Krebse haben es fertiggebracht, sich in den menschlichen Wohnungen anzusiedeln. Freilich zum Essen würden sie euch wohl nicht recht passen; denn ich spreche von den Kellerasseln.[114] Würmer gibt es zunächst in den Blumentöpfen, und zwar nicht bloß Regenwürmer, sondern weit häufiger die kleinen weißlichen Formen, die man wohl geradezu als Blumentopfwürmer[115] bezeichnet. Wenn Mutter uns ferner etwas alten Essig, etwa von eingemachten Gurken, zur Verfügung stellen wollte, so würden wir sicher darin einen mikroskopischen Wurm, das sogenannte Essigälchen[116], in großen Mengen entdecken, und schließlich sind wir nicht einmal sicher, ob nicht in unserm eignen Körper sich allerlei Eingeweidewürmer auffinden ließen. — In bezug auf die allerniedersten Tiere, die sogenannten Infusorien, sind irgendwelche genaueren Angaben darüber, was in unserm Hause zugegen ist, wohl schwerlich zu machen, da sie nur in der Form von Keimen im Staube der Luft vorhanden sein dürften. Wollen wir sie studieren, so müßten wir erst die günstigen Bedingungen für deren Entwicklung herstellen.

Kurt: Also ungefähr so wie mit den Pilzkulturen?

Dr. E.: Na, ein bißchen anders ist es schon, da die Infusorien im Wasser leben. Man legt einfach Blätter, Heu oder ähnliche Stoffe in eine Schale mit Wasser und läßt es eine Zeitlang stehen. Es entwickelt sich dann bald ein reiches Leben der verschiedensten mikroskopischen Tierchen, die eben nach dieser Methode, sie durch Übergießen von Pflanzenstoffen mit Wasser hervorzuzaubern, den Namen „Aufguß“tierchen oder Infusorien erhalten haben. Wenn die Tage wieder länger werden, wollen wir mal so einen Aufguß herstellen, und ihr sollt dann selbst durch das Mikroskop beobachten, welch buntes Gewimmel zierlichster Formen sich aus dem Staube unserer Zimmerluft entwickelt hat.