Vierzehnter Abend.

Heute, Kinder, sagt Dr. Ehrhardt zu seinen Knaben, wird es wohl zum letztenmal sein, daß wir in diesem Winter unser Plauderstündchen abhalten. Am nächsten Sonntag bin ich verhindert, und in vierzehn Tagen ist der Frühling hoffentlich schon so weit ins Land gezogen, daß wir unsere Spaziergänge im Freien wieder aufnehmen können. Es ist doch ein ander Ding, das Wirken und Walten der Natur dort draußen in Feld und Flur, als hier im engen Studierzimmer zu beobachten.

Fritz: Ja, Vater, wir sehnen uns auch schon sehr danach. Weißt du denn heute nicht noch etwas recht Interessantes zu erzählen?

Dr. E.: Mir fällt gerade nichts ein. Aber vielleicht könntet ihr einmal allerlei Fragen stellen über Dinge, die ihr beobachtet habt, und die ihr nicht erklären könnt. Das würde einen ganz hübschen Abschluß unserer naturwissenschaftlichen Durchforschung des Hauses geben.

Kurt: Ach ja, Vater! Ich weiß eine ganze Masse Fragen. Zuerst —

Dr. E.: Halt, Kurt, das geht nicht so hastig. Vor einigen Wochen, bei den Mineralien, habt ihr zuerst eure Weisheit vortragen dürfen. Heute, meine ich, sollte deshalb mal Hans den Anfang machen. Drei Fragen kann jeder sich ausdenken. Hoffentlich werde ich sie der Hauptsache nach beantworten können.

Pfefferminzplätzchen. Knistern des Tannenbaums

Hans: Dann will ich gleich mit einer Frage anfangen, über die ich mich neulich mit meinem Freunde Wilhelm gestritten habe. Woher kommt es eigentlich, daß man immer solch luftiges Gefühl im Munde hat, wenn man Pfefferminzplätzchen gegessen hat?

Dr. E.: Ei, du Leckermäulchen, das ist nun eigentlich keine Frage, die zum Hause gehört! Weißt du denn, was in den Pfefferminzplätzchen enthalten ist?

Hans: Ja, Pfefferminze. Und das ist eine Pflanze.

Dr. E.: Gewiß; aber die steckt natürlich nicht drin, sondern nur ein Stoff, der aus dieser Pflanze gewonnen wurde.

Fritz: Das ist das Pfefferminzöl. Ich kann mir auch denken, woher das erfrischende Gefühl beim Essen der Pfefferminzplätzchen kommt.

Dr. E.: Nun?

Fritz: Das Pfefferminzöl gehört doch wahrscheinlich zu den sogenannten ätherischen Ölen, die alle leicht verdunsten, wenn sie der Luft ausgesetzt sind. Durch schnelle Verdunstung aber entsteht Kälte, wie man leicht beobachten kann, wenn man sich etwa ein paar Tropfen Äther auf die Hand gießt. Ich glaube darum, daß es sich bei den Pfefferminzplätzchen einfach um eine Kälteempfindung handelt.

Kurt: Wie kann denn aber durch bloßes Verdunsten Kälte entstehen?

Dr. E.: Das dürfte wohl nicht allzu schwer zu erklären sein. Wir wissen, daß beim Übergang der flüssigen Körper in den gasförmigen Zustand unter allen Umständen Wärme nötig ist. Unter einem offenen Kessel mit Wasser kann ich so viel heizen, wie ich will, das Thermometer steigt nicht über 100 Grad, weil die ganze Wärme, welche durch die Feuerung entsteht, zur Verwandlung des flüssigen Wassers in Dampf verbraucht wird. Hat nun eine Flüssigkeit das Bestreben, in die Gasform überzugehen, ohne daß wir ihr Wärme von außen zuführen, so nimmt sie dieselbe aus der Umgebung, vor allem also aus den Gegenständen, mit denen sie in Berührung ist. Diese werden dadurch kühler, und man spricht dann von einer durch das Verdampfen der Flüssigkeit hervorgerufenen Kälte oder kurz von einer Verdunstungskälte.

Kurt: Also deshalb ist es auch so erfrischend, wenn man durch einen Zerstäuber mit Kölnisch Wasser angeblasen wird? Das macht da auch die Verdunstungskälte?

Dr. E.: Gewiß. Du hättest auch daran denken können, wie kühl und erfrischend die Luft nach einem Gewitterregen ist, und wie wir im Hochsommer die Dielen besprengen, um größere Kühle zu erzeugen. — Ob aber gerade bei den Pfefferminzplätzchen die von Fritz gegebene Erklärung richtig ist, scheint mir doch sehr zweifelhaft.

Fritz: Und warum das?

Dr. E.: Vor allem, weil das Pfefferminzöl durchaus nicht so flüchtig ist, wie du annimmst. Ein Tropfen davon, der Luft ausgesetzt, bleibt lange Zeit unverändert und verdunstet keineswegs so im Handumdrehen, wie der Äther.

Fritz: Aber wie willst du die Wirkung des Öls dann erklären?

Dr. E.: Wirklich erklären kann ich sie nicht. So viel aber ist wohl sicher, daß es sich hierbei ganz allein um eine besondere, dem Pfefferminzöl und dem in ihm enthaltenen Kampfer zukommende Wirkung auf unsere Geschmacksnerven handelt. Wir haben durch diese Stoffe die Empfindung der Kälte etwa in derselben Weise, wie wir beim Genuß des Pfeffers diejenige des Brennens haben.

Hans: Ach, wenn es weiter nichts ist —! Das hätte ich mir viel wunderbarer vorgestellt. — Dann habe ich eine andere Frage, über unsern Tannenbaum. Als wir den nach Weihnachten verbrannten, da gab es ein fortwährendes Geknatter und Gepuffe, als wenn lauter Patronen drin gesteckt hätten. Woher mag das wohl gekommen sein? Es wurde einem ordentlich angst dabei.

Dr. E.: Wenn er noch sehr frisch war, hättet ihr ihn auch lieber nicht in den Herd stecken sollen; es sind schon öfter Unfälle dadurch hervorgerufen, indem der ganze Herd oder Ofen zersprengt wurde. — Hast du denn schon einmal beobachtet, was geschieht, wenn man ein Stück nasses Holz ins Feuer legt?

Hans: Ja, dann knistert und knackt es auch immer.

Dr. E.: Und kann mir einer von euch sagen, worin das wohl seinen Grund haben mag?

Fritz: Ich denke mir, das Wasser, das im Innern des nassen Holzes steckt, wird sich durch die Hitze in Dampf verwandeln, und wenn der keinen Ausweg findet, so platzt er eben das Holz auseinander.

Dr. E.: Siehst du, Hans, das ist in der Tat die Ursache für das Knistern des nassen Holzes. Man muß nur wissen, daß jede Flüssigkeit, welche sich in Dampf verwandelt, einen ungeheuer viel größern Raum einzunehmen strebt als vorher, und daß diese Spannung oder dieser Druck, den das eingeengte Gas nun nach allen Richtungen ausübt, ganz gewaltig werden kann. Unsere Dampfmaschinen beruhen ja auf dieser Erscheinung; die Kraft, die sie äußern, ist nichts als das Ausdehnungsbestreben des eingesperrten Wasserdampfes.

Hans: Ach so, das ist die Geschichte von dem zugeschraubten Kochtopf; die hat uns Herr Dr. Müller schon mal klargemacht. Aber ist denn in den Tannenzweigen so viel Wasser?

Dr. E.: Nein. In den Tannenzweigen ist es auch nicht Wasser, das sich in Dampf verwandelt, sondern Terpentinöl, von dem wir ja schon neulich einmal sprachen, als von den Harzen die Rede war. Es verwandelt sich erst bei viel höherer Temperatur in Dampf, als Wasser; dieser Dampf aber ist brennbar und gibt, mit Luft gemischt, wie alle brennbaren Gase ein explosives Gemenge. So können denn unter gewissen Umständen kleine Explosionen durch das Verbrennen eines harzreichen Tannenbaumes zustande kommen.

Kurt: Dann rührt es wohl auch von diesem Terpentinöl her, daß die Nadeln so puffen, wenn sie einem Tannenbaumlichte zu nahe kommen?

Dr. E.: Ja. Das Licht verwandelt zunächst durch seine Hitze das Öl in den Nadeln in Gas. Ist dann die Nadel an einer Stelle durchgebrannt, so strömt das Gas heraus, und zwar mit einer solchen Gewalt, daß die Flamme des Lichtes auf Augenblicke in spitzen Stichflammen nach den Seiten hinausschießt, wie wir das ja noch am letzten Weihnachtsabend beobachtet haben. — Doch nun bin ich neugierig, Hans, was du dir als Frage Nr. 3 ausgedacht hast.

Wetterhäuschen. Wetterbilder

Hans: Als drittes möchte ich wohl wissen, wie eigentlich unser kleines Wetterhäuschen am Fenster eingerichtet ist. Ich dachte immer, das wäre nur ein Scherz, daß bei schlechtem Wetter der Mann mit dem Schirm, bei gutem die Frau herauskäme. Aber ich habe öfter gesehen, daß es wahrhaftig so stimmt. Heute früh z. B., wo es so regnete, war die Frau ganz hineingekrochen und der Mann weit draußen. Solche Holzpuppen können doch aber unmöglich ein Gefühl dafür haben, was für Wetter ist.

Dr. E.: Diese letzte große Wahrheit wird dir wohl niemand bestreiten wollen. Aber auch deine Beobachtung, daß die Wetterfiguren sich so selten irren, ist vollkommen zutreffend, wenn sie auch nicht sowohl das Wetter selbst anzeigen, als vielmehr den Gehalt der Feuchtigkeit, der in der Luft ist, und der allerdings in vielen Fällen einen Schluß darüber erlaubt, ob Regen zu erwarten ist oder nicht. Die innere Einrichtung eines Wetterhäuschens ist nun so einfach wie möglich. Sie besteht der Hauptsache nach aus einer senkrecht hängenden, gewöhnlichen Darmsaite, an deren unterem Ende das Querholz mit den beiden Figuren befestigt ist. Diese Saite hat mit vielen andern Stoffen, z. B. mit den menschlichen Haaren, die Eigenschaft gemein, gegen die Feuchtigkeit der Luft sehr empfindlich zu sein, sie aufzunehmen und sich dabei um sich selbst zu drehen. Bei großer Feuchtigkeit dreht sie sich mehr zusammen, bei trockenem Wetter dreht sie sich etwas auf, ganz ähnlich, wie ich etwa die Strähnen eines Bindfadens durch Drehen lockern oder fester aneinanderlegen kann. Da nun, wie gesagt, das Querhölzchen unten mit der Saite fest verbunden ist, so muß es mit seinen Figuren ihren Drehungen folgen, und es wird daher je nachdem die Frau oder der Mann aus dem Häuschen hervortreten.

Hans: Ach, das hätte ich mir auch wieder viel wunderbarer gedacht!

Dr. E.: Du siehst, es kommt oft nur darauf an, daß eine einfache Sache ein bißchen niedlich zurecht gemacht wird, um uns völlig überraschend zu erscheinen. Daß die Wäscheleinen bei feuchter Witterung ganz straff sind, bei trockener hingegen schlaff werden, hast du gewiß hundertmal beobachtet, ohne es weiter auffallend zu finden. Im Grunde genommen aber ist das dieselbe Erscheinung, die dir an den Wetterhäuschen so geheimnisvoll und unerklärlich war. — Doch nun wollen wir hören, was Kurt zu fragen hat.

Kurt: Da wir gerade von dem Wetterhäuschen gesprochen haben, so möchte ich mal nach den merkwürdigen Wetterbildern fragen, die ich neulich im Schaufenster gesehen habe. Es war eine Landschaft, die ursprünglich blau aussieht, bei feuchter Witterung aber immer mehr rot wird, so daß man einfach aus der Farbe des Bildes auf gutes oder schlechtes Wetter schließen kann.

Kobaltsalze. Zündhölzchen

Dr. E.: Auch hier handelt es sich ganz allein um den größern oder geringern Feuchtigkeitsgehalt der Luft, der durch die Bilder angezeigt wird. Die ganze Erscheinung beruht darauf, daß gewisse Stoffe, vor allem die Salze mancher Schwermetalle, an der Luft Feuchtigkeit anziehen und dann eine andere Farbe annehmen, als sie im wasserfreien Zustande haben. Ihr wißt z. B., daß ein Stück Kupfervitriol blau aussieht. Erhitze ich es in einer Schale, so daß das Wasser entweicht, so verwandelt es sich in ein weißes Pulver, das aber sofort wieder blau wird, sowie ich etwas Wasser darauf gieße. Ähnlich verhält es sich mit den Salzen des Eisens, welche den feuchten Lehm gelb färben; wird er gebrannt, so erhalten wir die roten Ziegelsteine. Viel schöner und leichter zeigen solche Farbenveränderungen die Kobaltsalze, welche im trockenen Zustande blau, im feuchten schön rosa aussehen. Sie sind es auch, welche den von dir beobachteten Farbenwechsel der Wetterbilder hervorrufen und auch sonst zu allerlei niedlichen Spielereien benutzt werden.

Kurt: Was läßt sich denn noch weiter damit machen?

Dr. E.: Eine Anwendung kann ich euch gleich einmal vorführen, da ich wohl noch etwas aufgelöstes Kobaltsalz in meinem Schranke habe. — Seht hier die Lösung, die ich einfach dadurch herstellte, daß ich ein Stückchen Kobaltsalz in Wasser tat. Sie sieht schwach rosa aus. Wenn ich nun auf dieses weiße Papier damit etwa den Namen „Kurt“ schreibe, und lasse es ein wenig trocknen, so sind die blassen, fast wie mit reinem Wasser geschriebenen Schriftzüge gar nicht wahrzunehmen. Halte ich nun aber das Papier einen Augenblick über die warme Lampe, so entweicht alle Feuchtigkeit aus dem Kobaltsalz, es wird dadurch tiefblau und die Schrift tritt jetzt, wie ihr seht, deutlich hervor.

Kurt: Ei, das kann man ja als Geheimschrift gebrauchen!

Dr. E.: Freilich, Kurt! Und die schönsten Bilder kann man damit malen, die nach unserm Belieben verschwinden und auch wieder erscheinen. — Nun aber zur zweiten Frage.

Kurt: Kannst du mir denn sagen, Vater, warum man die schwedischen Streichhölzer bloß an der Schachtel anzünden kann und nicht überall, wie die gewöhnlichen?

Dr. E.: Das ist für jeden, der ein wenig von Chemie versteht, leicht zu erklären. Man muß nur wissen, daß es zwei ganz verschiedene Formen des Phosphors gibt, den gewöhnlichen, der an der Luft raucht, sehr giftig ist und sich leicht von selbst entzündet, und den sogenannten roten oder amorphen, der ein unschädliches rotbraunes Pulver darstellt, das erst bei einer Temperatur von über 300 Grad verbrennt, mit chlorsaurem Kali jedoch, dem bekannten Gurgel-Salz, ein leicht entzündliches Gemenge gibt. Die gewöhnlichen Schwefelhölzer enthalten nun vorn in ihrem Köpfchen neben andern Stoffen auch eine Quantität gewöhnlichen Phosphors, dessen Eigenschaften durch Beimengungen, wie Gummi, Bleiverbindungen usw. zwar abgeschwächt, aber nicht aufgehoben sind. Bei jeder durch Reibung hervorgerufenen Temperaturerhöhung fängt daher ein solches Streichhölzchen an zu brennen. Die schwedischen Sicherheitszündhölzer hingegen enthalten in ihrem Köpfchen nicht Phosphor, sondern als wichtigsten Bestandteil chlorsaures Kali, das sich für gewöhnlich nicht durch Reiben entzünden läßt. Werden sie aber an der Reibfläche der Schachtel angestrichen, die zum Teil aus rotem Phosphor besteht, so entflammen sie, weil eben beide Stoffe hierbei zu jenem leicht entzündlichen Gemenge vereinigt werden. — Übrigens gelingt es bei einigen Versuchen auch, die Sicherheitszündhölzchen etwa an einer Glasscheibe oder an andern glatten Flächen zu entzünden, da viele Gemische, die chlorsaures Kali enthalten, schon allein durch ihre starke Reibung entflammt werden. So enthielten beispielsweise die ältesten Reibhölzer, die in den Handel gebracht wurden, gar keinen Phosphor, sondern nur chlorsaures Kali und Schwefelantimon. Sie wurden durch kräftiges Hindurchziehen durch Sandpapier zur Entzündung gebracht.

Fritz: Na, das muß schön umständlich gewesen sein. Das war wohl zu der Zeit, wo man das Pulver auf der Gewehrpfanne noch mit der Lunte oder mit dem Feuerstein anbrennen mußte?

Dr. E.: Ei behüte, Fritz! Wo denkst du hin! Du scheinst ja gar nicht zu wissen, daß die Zündhölzer erst in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts erfunden wurden. Vorher mußte man sich der Hauptsache nach mit Stahl, Stein und Feuerschwamm behelfen, und das Feueranmachen war damals gar keine so leichte Sache wie heutzutage.

Kurt: Dann werden sich aber die Menschen gefreut haben, wie das mit einem Male durch die Phosphorzündhölzchen so schön leicht ging.

Dr. E.: Vielleicht wäre es so gewesen, wenn die ersten Fabrikate gleich eine ähnliche Vollkommenheit besessen hätten, wie die jetzigen. Zunächst aber erschienen sie wegen ihrer leichten Entzündbarkeit als ziemlich feuergefährlich, und die Folge war, daß sie jahrelang in vielen Staaten polizeilich verboten wurden. — Doch das führt uns zu weit. Es wird Zeit, Kurt, daß du deine dritte Frage zum besten gibst.

Sonnenstäubchen. Brausepulver

Kurt: O, ich weiß noch eine ganze Menge! Wenn ich aber nur noch eine tun darf, so möchte ich wohl fragen, warum die Sonnenstäubchen immer gerade da sind, wo die Sonne hinscheint?

Dr. E.: Wie meinst du das?

Kurt: Wenn die Sonnenstrahlen durch das Fenster ins Zimmer fallen, dann sieht man doch in diesen Strahlen Millionen feiner Stäubchen und flimmernder Pünktchen, die hin und her wogen. Außerhalb dieser Strahlen aber ist die Luft des Zimmers ganz klar und durchsichtig und keine Spur von ihnen zu sehen.

Dr. E.: Und nun glaubst du, jene Stäubchen sind von den Strahlen gewissermaßen angezogen worden und tanzen darin herum, wie die Elfen im Mondschein? Das ist wahrhaftig ein toller Gedanke. Kannst du wirklich keine einfachere Lösung dieser Erscheinung finden? Denke doch daran, daß die Sonne sich fortbewegt und daß ihre Strahlen nach kurzer Zeit in ganz anderer Richtung durchs Zimmer ziehen, ohne daß das Spiel der Sonnenstäubchen in ihnen eine Änderung erfährt.

Fritz: Kurt und ich haben uns schon neulich über diese Frage gestritten. Ich habe darauf einen Versuch gemacht, durch den sich beweisen läßt, daß die ganze Stube mit solchen Stäubchen angefüllt ist, die man aber selbst mit den schärfsten Augen für gewöhnlich nicht sehen kann. Erst wenn der grelle Sonnenstrahl sie beleuchtet, erkennt man die zahllosen Flimmerchen, die in nichts zu verschwinden scheinen, wenn sie aus der Richtung des Strahls herausschweben.

Dr. E.: Sehr gut, Fritz. Was ist denn das für ein schönes Experiment, das dich auf diese Erklärung geführt hat?

Fritz: Zuerst habe ich ein Buch in den Sonnenstrahl gehalten, wo das Licht nicht durchkonnte. Da waren die Stäubchen hinter dem Buch gleich unsichtbar geworden. Dann habe ich einen Spiegel genommen, damit den Sonnenstrahl aufgefangen und in eine andere Richtung gelenkt. Dann wurden auch in diesem, ganz anders gerichteten Strahl Sonnenstäubchen sichtbar, und daraus mußte ich doch schließen, daß eben diese Staubteilchen gleichmäßig im ganzen Zimmer verteilt sind.

Kurt: Aber das ist doch schrecklich, zu denken, daß wir das einatmen müssen!

Dr. E.: Dagegen wird sich wohl schwerlich etwas machen lassen, obschon wir ganz genau wissen, daß Tausende von Keimen aus diesen Stäubchen mit jedem Atemzuge in unsere Lunge geraten. Jedenfalls aber lernen wir einsehen, daß es kein müßiges Gerede ist, wenn die Ärzte immer und immer wieder darauf hinweisen, wie wichtig für jeden Menschen der Aufenthalt in der freien Natur ist, wo im allgemeinen die Luft weit reiner und freier von Keimen ist. — Jetzt aber mag Fritz hören lassen, was er für Wünsche hat.

Fritz: Ich möchte zunächst wohl wissen, was Brausepulver ist, und warum es im Wasser so aufbraust. Ich denke mir, es handelt sich dabei um Kohlensäure. Nun aber haben wir kürzlich in der Schule gelernt, daß Kohlensäure nur durch eine andere Säure, etwa durch Schwefelsäure, aus kohlensauren Salzen ausgetrieben wird. Ich verstehe demnach nicht, wie dies durch bloßes Wasser, in das man das Brausepulver schüttet, geschehen kann.

Dr. E.: Wie du richtig bemerkt hast, wird die Kohlensäure aus ihren Verbindungen nur durch eine andere Säure ausgetrieben. Es braust also z. B., wenn ich ein Stück Kreide oder, was dasselbe, ein Stück kohlensauren Kalk in verdünnte Schwefelsäure werfe. Letztere verbindet sich mit dem Kalk zu schwefelsaurem Kalk, und die Kohlensäure wird frei, wobei sie in Gasform entweicht. Das Brausepulver besteht nun aus zwei Substanzen, deren eine ebenfalls ein kohlensaures Salz, das sogenannte doppeltkohlensaure Natron ist. Der andere Bestandteil aber ist eine der verschiedenen festen Säuren, meist Weinsteinsäure oder Zitronensäure, wie ihr sie wohl bei Mutter in der Küche gesehen habt. Diese festen Säuren haben ebenfalls die Macht, die Kohlensäure aus ihren Verbindungen auszutreiben, aber sie können dies nur, wenn sie in flüssiger Form sind, wie denn schon die alten Alchimisten wußten, daß die Körper meist nur dann chemisch aufeinander wirken, wenn sie in Lösung sind. Kohlensaures Natron und feste Weinsteinsäure vertragen sich also gewissermaßen ganz gut, solange sie beide in Pulverform miteinander gemischt sind. Sowie ich sie aber ins Wasser schütte und sie dadurch in Lösung bringe, übt die Weinsteinsäure ihre natürliche Macht aus, verbindet sich mit dem Natron und zwingt die Kohlensäure, als Gas zu entweichen.

Kurt: Ich habe aber doch auch schon gesehen, daß Brausepulver gar nicht mehr brausen wollte.

Dr. E.: Das will ich wohl glauben. Dann ist es eben schlecht verwahrt gewesen, so daß das Pulver Feuchtigkeit aus der Luft anziehen konnte. In diesem Falle ist dann, ohne daß wir es merkten, schon vor dem Gebrauch alle Kohlensäure durch die feucht gewordene Weinsteinsäure ausgetrieben. —

Fritz: Fast jeden Abend, wenn wir zu Bett gehen, ärgere ich mich über eine Erscheinung, die ich gern erklärt haben möchte. Wenn ich unser Licht anzünde, so brennt es erst ganz hell; dann tut es plötzlich so, als wenn es ausgehen wollte, bis es sich nach und nach wieder erholt und nun dauernd hell brennt.

Lichtflamme. Seife

Dr. E.: Wie du weißt, stellt jedes Licht gewissermaßen eine kleine Gasfabrik dar. Das feste Stearin wird zuerst flüssig, steigt dann in dem Docht empor und zersetzt sich hier in ein Gemisch verschiedener Gase, welche nun durch Verbrennen die Flamme liefern. Hast du nun den Docht oben durch Berührung mit dem brennenden Zündhölzchen erhitzt, so schmilzt zunächst und sehr schnell das wenige Stearin, welches in dem freistehenden Dochtende steckt, und liefert sogleich das nötige Gas für das erste Aufflammen. Diese geringe Menge ist aber natürlich schnell verbraucht, die Flamme würde verlöschen, wenn nicht von dem oberen Ende des Lichtes selbst neue Nahrung zugeführt würde. Da das Stearin des Lichtes aber bei der niedrigen Temperatur in eurem ungeheizten Schlafzimmer nur langsam schmilzt, so dauert es eine Weile, bis sich durch die andauernde Wärme eine genügende Menge davon unterhalb des brennenden Dochtes verflüssigt hat. Erst wenn dies geschehen und aus dem so gebildeten kleinen Reservoir die Flüssigkeit in reichem Maße mittels der Dochtfäden emporsteigt, kann die Flamme ihre ganze Leuchtkraft entfalten.

Kurt: Dann wird man diese Erscheinung also namentlich im Winter beobachten?

Dr. E.: Bei guten Lichtern jedenfalls, da der Fabrikant bei Herstellung seiner Ware gewiß das richtige Verhältnis von Docht und Schmelzbarkeit der Lichtmasse beachten wird. — Nun aber zur letzten Frage, die Fritz noch zu stellen hat.

Fritz: Man hat doch gesagt, der Verbrauch an Seife sei ein Maßstab für die Kultur des Menschen. Nun sehe ich eigentlich nicht ein, warum denn gerade die Seife so gut für die Reinigung ist. Man sollte doch meinen, Wasser allein müßte schließlich dieselben Dienste tun. Ich weiß ja wohl, daß Seife den Schmutz leichter fortnimmt; aber warum das so ist, darüber möchte ich gern etwas wissen.

Dr. E.: Wenn du schon etwas organische Chemie in der Schule gehabt hättest, würdest du dir die Frage leicht selber beantworten können. So aber, fürchte ich, wird dir meine Antwort nicht ganz verständlich sein. Jedenfalls weißt du aber, daß die menschliche Haut überall mit kleinen Drüsen besetzt ist, den Schweiß- und den Talgdrüsen. Letztere liefern ein flüssiges Fett, welches die Haut geschmeidig erhält und in feiner Schicht den ganzen Körper überzieht. Staub und sonstige Unreinigkeiten haften vornehmlich wegen dieser Fettschicht so fest auf dem Körper. Reines Wasser, das sich mit Fett bekanntlich nicht mischt, und es noch viel weniger auflöst, ist daher ein höchst mangelhaftes Reinigungsmittel für unsere Haut. Anders die Seife, die in konzentrierter Form Fett aufzulösen vermag und daher auch die mit Schmutz gemischte zarte Fettschicht unseres Körpers auflöst, so daß dieselbe nun leicht vom Wasser fortgespült werden kann.

Fritz: Das ist ja gar nicht so schwer zu verstehen. — Was ist denn aber nun eigentlich Seife?

Dr. E.: Ei, du denkst wohl, noch eine vierte Frage einschmuggeln zu können? Das darf ich doch nicht zugeben. Ich will euch aber sagen, wie man Seife machen kann; das wird ebensogut sein, weil du die chemischen Bezeichnungen doch schwerlich verstehen würdest.

Fritz: Ach, Vater, das dürfte uns nur wenig nützen; wir haben ja doch keine Chemikalien.

Dr. E.: Die braucht ihr ja gar nicht. Alles, was dazu nötig, findet sich sicher schon im Hause. War es doch früher allgemein Sitte, daß die Hausfrauen sich ihren Bedarf an Seife zum Zeugwaschen selber herstellten.

Kurt: Bitte, dann erzähle, wie’s gemacht wird.

Bereitung der Seife

Dr. E.: In den früheren Haushaltungen gab es immer einen alten Topf, den Unschlitt-Topf, in dem alle fetthaltigen Abfälle, wie Talglichtstümpfe, ranziger Speck usw. gesammelt wurden. Ebenso sammelte man die Asche, welche durch Verbrennen des Holzes, namentlich des Buchenholzes, bei Benutzung des Herdes zurückblieb. Die Asche wurde mit kochendem Wasser übergossen und durch ein Tuch gesiebt. Das durchlaufende Wasser oder die Lauge enthält dann die aus der Asche gelösten Stoffe, von denen uns namentlich einer, die sogenannte Pottasche, interessiert. In dieser Lauge mußte nun der Inhalt des Unschlitt-Topfes längere Zeit kochen, wobei eine Zersetzung des Fettes eintritt und sich aus ihm und dem Kali der Pottasche ein neuer Körper bildet, der euch wohl als grüne oder Schmierseife bekannt ist. Da aber die Hausfrauen eine harte Seife haben wollten, so fügten sie dem in der Lauge kochenden Fett noch einige Hände voll Kochsalz hinzu, wodurch dann die Kaliverbindung der Fettsäuren in die Natronverbindung übergeführt wurde. War dann später der Kessel vom Feuer genommen und erkaltet, so hatte sich oben über der Flüssigkeit eine dicke Schicht schöner, harter Seife gebildet. Sie wurde in Stücken herausgeschnitten, getrocknet und dann nach Bedarf zum Waschen verbraucht.

Fritz: Aber warum machen denn das die Frauen heute nicht mehr, wenn das so leicht geht und eigentlich so gut wie gar nichts kostet?

Dr. E.: Nun, Zeit kostet es immerhin. Sodann ist es heutzutage ein kostspieliges Vergnügen, Buchenholz statt Kohle oder Torf in der Küche zu brennen, während anderseits das Aufsammeln der Fettreste mancherlei Unzuträglichkeiten mit sich führt. Endlich ist durch Fabrikation im großen, bei welcher vorwiegend ganz billige Fette, wie Baumwollsamenöl, Palmöl usw. Verwendung finden, der Preis der Seife ein so geringer geworden, daß es den Hausfrauen wirklich nicht zu verdenken ist, wenn sie ihren Bedarf heute lieber kaufen. — Es geht mit dem Seifenkochen im Hause daher ganz ähnlich, wie mit dem Spinnen, Brotbacken, Stärkemachen, Bierbrauen und vielen andern Tätigkeiten, die früher in jedem Hausstande ausgeführt wurden, jetzt aber mehr und mehr an besondere Berufsklassen und Gewerbebetriebe übergegangen sind.

Kurt: Das kommt wohl, weil es heutzutage für alles Fabriken und Maschinen gibt?

Dr. E.: Zum Teil ja. Man kann diese Erscheinung aber noch von einem allgemeineren Gesichtspunkte betrachten. Je höher unsere Kultur, desto einseitiger und spezieller wird die Berufstätigkeit des einzelnen, weil nur auf diese Weise immer vollkommenere Leistungen erreicht werden können. Der einsam schweifende Wilde ist sein eigner Jäger, Koch, Baumeister und Waffenschmied; der zivilisierte Europäer muß zur Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse Hunderte verschiedener Gewerbetreibender in Anspruch nehmen. „Teilung der Arbeit“, das ist das große Losungswort, das die Menschheit zu immer höherer Kulturstufe emporgebracht hat. Aber indem sie es tat, hat sie den einzelnen von der stolzen Höhe seiner Selbständigkeit herabgedrängt und zum abhängigen, dienenden Gliede jenes höheren Ganzen gemacht, welches wir menschliche Gesellschaft oder Staat nennen. Mit ihm sind wir durch tausend Fäden verbunden: ihm, dem wir alles verdanken, muß die Arbeit, die Kraft unseres Lebens gewidmet sein.