Sechster Abend.
Dr. E.: Nun, Kurt, wie steht’s? Habt ihr eure Schlittschuhe schon bereit gemacht? — Ich glaube, wenn es so weiter friert wie heute abend, haben wir in zwei Tagen Schlittschuhbahn.
Kurt: Ja, Vater; es waren vorhin schon über zwei Grad Kälte. Sollten wir da nicht lieber unsere Blumen in die Wohnstube nehmen? Sie stehen noch alle im Balkonzimmer.
Dr. E.: Nein, Kurt, laß sie nur ruhig, wo sie sind. Bis zum Gefrierpunkt sinkt die Luft im Balkonzimmer nicht, und da ist es den Pflanzen besser, sie stehen kalt, als im geheizten Wohnzimmer.
Fritz: Du meinst wohl wegen des Leuchtgases und der schädlichen Ofenausdünstungen?
Dr. E.: Die kommen selbstverständlich mit in Betracht. Doch auch schon die Wärme an sich ist ihnen wenig zuträglich.
Fritz: Aber die Pflanzen brauchen doch Wärme zu ihrer Entwicklung!
Dr. E.: Das wohl; indes was im Sommer günstig und unentbehrlich ist, kann deshalb im Winter doch großen Schaden anrichten.
Fritz: Wie ist das zu verstehen, Vater?
Dr. E.: Das soll heißen, daß die Pflanze zum Wachsen nicht bloß Wärme, sondern auch Licht nötig hat. Letzteres ist aber im Winter nicht genügend vorhanden.
Fritz: Wenn das ist, so begreife ich wohl, daß die Wärme allein nichts nützt; aber warum sie nun noch obendrein schädlich sein soll —?
Bedeutung von Licht und Wärme für die Pflanze
Dr. E.: Nun denn, du Quälgeist, wenn du durchaus hinter das Geheimnis kommen willst, so muß ich es dir wohl sagen. Also: die Einwirkung des Lichts befähigt die Pflanze, ihre Nahrung aus der Luft aufzunehmen und dieselbe in Baustoffe für ihren Körper umzuwandeln, etwa so ähnlich, wie eine Ziegelei die Backsteine für ein aufzuführendes Gebäude liefert. Mit Hilfe der Wärme wird dann aus diesen Baustoffen der Pflanzenkörper selbst aufgebaut, oder, um den Vergleich beizubehalten, die Backsteine werden hergerichtet und zum Hausbau aneinandergefügt. Wollten wir uns die Sache durch Vorgänge in unserm eigenen Körper klarmachen, so könnten wir vielleicht sagen: Das Licht befähigt die Pflanze zu essen und das Gegessene in Stoffe umzuwandeln, die etwa unserm Blute entsprechen; die Wärme hingegen bewirkt, daß aus dem Blute sich neue Körperteile bilden, daß also der Körper wächst. Solange nun Licht und Wärme in ausreichendem Maße vorhanden sind, kann der Pflanzenkörper getrost darauf loswachsen, da ja das Licht dafür sorgt, daß immer wieder neue Baustoffe fertiggemacht werden. Anders dagegen, wenn wir nur Wärme auf die Pflanzen einwirken lassen. Dann wird natürlich die Pflanze zum Bauen angeregt, sie bildet neue Triebe und Blätter. Allein bald ist der Vorrat an Baustoffen erschöpft; es werden nicht genügend neue gebildet, und das, was die Pflanze dann noch bauen kann, ist saft- und kraftlos und trägt den Stempel des Krankhaften deutlich zur Schau. Die Triebe sehen aus wie ein Junge, der bei ungenügender Ernährung lang und dünn emporgeschossen ist. Man nennt dies das „Vergeilen“ der Pflanze. Sie wird krank oder, wenn wir es geradezu sagen wollen, sie verhungert, da sie so wenig essen konnte, obwohl sie so viel arbeiten mußte. Da ist es denn selbstverständlich besser, man läßt die Pflanzen im Winter kalt stehen, damit sie vollkommen ruhen und erst dann wieder anfangen zu wachsen, wenn die Sonne im Frühling genügend Licht spendet, um neue Baustoffe zu bilden.
Kurt: Wie sieht denn das aus, wenn die Triebe „vergeilen“?
Dr. E.: Ich glaube, gerade eins der schönsten Beispiele hierfür hast du schon oft genug gesehen. Weißt du nicht, was mit den Kartoffeln im Keller wird, wenn es gegen den Frühling geht?
Kurt: Ja, dann bilden sich lange weiße Keime daran.
Dr. E.: Nun also! Und diese sogenannten Keime, die fast wie weißgelbe Wurzeln aussehen, sollten eigentlich grünende, kräftige, beblätterte Zweige sein. Aber der Mangel an Licht hat so jämmerliche Gebilde aus ihnen gemacht. — Ähnliches sieht man ja auch oft genug, wenn man ein Brett oder einen Stein im Garten aufhebt, unter dem Pflanzen gewachsen sind. Wenn es dir Vergnügen macht, können wir ja überdies einen unserer Blumentöpfe ins warme Zimmer nehmen und etwas entfernt vom Fenster aufstellen, damit er recht hungern muß.
Fritz: Ja, das würde mich sehr interessieren. Wir haben ja verschiedene Geranien, die wir vielleicht zu dem Versuch benutzen könnten.
Geranien und Pelargonien
Dr. E.: Nun gut! Sind es denn auch wirkliche Geranien?
Fritz: O, die kenne ich doch; sie haben rosa Blüten und eine lange Frucht, wie ein Storchschnabel.
Dr. E.: Deshalb braucht es noch immer kein Geranium zu sein. Ich dächte, wir hätten nur Pelargonien. Kennst du denn den Unterschied?
Fritz: Nein; aber Pelargonien sind doch auch Storchschnabelgewächse.
Dr. E.: Das ist schon wahr. Aber wenn Geranien und Pelargonien sich nicht unterschieden, so würden sie doch keine verschiedenen Namen haben. — Ist die Blumenkrone regelmäßig oder unregelmäßig?
Fritz: Das weiß ich wirklich nicht genau; ich glaube aber unregelmäßig.
Dr. E.: Nun, Hans, so hole mal einen solchen Geranientopf her. Ich denke, es werden noch einige Blüten daran sein. —
Hans (zurückkehrend): Hier ist der einzige, der noch ein paar Blüten hatte; meist sind es aber schon Früchte.
Dr. E.: Das wird völlig genügen. Also, Fritz, sind alle Blumenblätter gleich groß?
Fritz: Nein, die beiden oberen sind etwas größer. Diese Blumenblätter sind auch nicht rein rosa, sondern violett geadert und mit dunklem Fleck am Grunde.
Dr. E.: Daraus kannst du eben sehen, daß es ein Pelargonium ist. Das gleiche lehrt uns hier diese merkwürdige Anschwellung, welche von dem Kelche herunterzieht und ein Stück am Blütenstiel entlang läuft. Wißt ihr, was das zu bedeuten hat?
Kurt: Ih, das sieht ja ganz merkwürdig aus! Darf ich es mal durchschneiden?
Dr. E.: Nur zu, wenn du glaubst, daß du damit weiter kommst.
Kurt: Sieh, das ist innen eine hohle Röhre, die am Blütenstiel entlang läuft, und Saft ist darin.
Dr. E.: Gewiß, und diesen Saft nennt man Blütenhonig oder Nektar. Ich meine, den habt ihr schon oft genug in anderen Blüten, namentlich in solchen mit Sporn, beobachten können. Jenes mit dem Blütenstiel verwachsene Röhrchen ist also nichts als ein Honigbehälter, und das Eigenartige liegt eben nur in dieser Verschmelzung mit dem Blütenstiel. Im gesamten Pflanzenreiche kommt etwas Ähnliches nicht wieder vor. — Übrigens ließe sich zwischen Geranium und Pelargonium auch noch ein Unterschied in der Frucht anführen. Ihr wißt doch, wie die Früchte der Storchschnabelgewächse gebaut sind?
Kurt: O ja. Wir haben den Storchschnabel diesen Sommer durchgenommen. Es sind am Grunde fünf einsamige, länglich eiförmige Fächer, die sich zur Reifezeit von unten her ablösen, und deren jedes noch eine Zeitlang mit einem langen Schnabel an dem dünnen Säulchen in der Mitte hängen bleibt. Das Ganze sieht dann fast aus wie ein Kronleuchter.
Dr. E.: Ganz recht. Weißt du auch, warum sich die Frucht in fünf solche Teilfrüchte auflöst?
Kurt: Ich denke, dann können sie leichter zu Boden fallen.
Dr. E.: Das würde doch wohl genau so gut erreicht werden, wenn die Frucht als Ganzes abfiele, etwa wie ein Apfel oder eine Eichel. — Was sollen denn die Früchte am Boden?
Kurt: Aber da sind ja doch die Samen drin und in den Samen die jungen Pflänzchen, die in der Erde keimen müssen.
Dr. E.: Woher weißt du denn, daß in den Samen junge Pflänzchen sind? Ich meine, wenn ihr einen Mandelkern oder eine Eichel oder eine Walnuß aufschneidet, so findet ihr darin eine weiße, oft sehr wohlschmeckende Masse; eine junge Pflanze habt ihr aber doch wohl noch nicht darin gesehen?
Keimpflanzen. Notwendigkeit des Wanderns der Pflanze
Fritz: Ja, aber wenn ich den Samen, also eine Eichel oder Bohne in die Erde stecke, so keimt sie doch, und es kommt ein junges Pflänzchen heraus. Diesen Keimversuch haben wir mit Bohnen immer in der Schule gemacht. Es zeigt sich dann auch, daß das, was wir essen, der sogenannte Kern der Mandel oder der Nuß, eigentlich weiter nichts ist als zwei dicke, fleischige, weiße Keimblätter, die beim Keimen bald mit aus der Erde kommen und dann grün werden.
Dr. E.: Das ist ja sehr schön, daß ihr mich so gut belehren könnt. Nun möchte ich aber doch auch wissen, warum denn das junge Pflänzchen im Samen so ganz anders aussieht, wie später, wenn es „gekeimt“ ist. Überhaupt scheint es mir, als wenn die jungen Pflanzen viel besser an der Wurzel oder unten am Stamm entständen, wo sie ja gleich Wurzel schlagen könnten, als oben an den Zweigen, von wo sie erst auf die Erde herunterfallen müssen, um zu ihrem natürlichen Standort am Boden zu gelangen.
Hans: Ja, Vati, ich glaube auch, daß das besser wäre, und bei den Kartoffeln ist es ja auch so.
Dr. E.: O weh, Hänschen! Da hast du einen bösen Bock geschossen. Freilich vermehrt sich die Kartoffelpflanze durch die bekannten Knollen unter der Erde; aber das sind ja keine Früchte, sondern verdickte Stücke der Stengel, die die Fähigkeit haben, zu selbständigen Pflanzen auszuwachsen!
Fritz: Wenn die jungen Pflänzchen sich an der Wurzel bildeten, so würden sie immer in unmittelbarer Nähe der Mutterpflanze wachsen, und die Art würde sich nicht ausbreiten können, wie es jetzt geschieht, wenn die Früchte herunterfallen und fortkugeln oder sonstwie an eine andere Stelle gelangen.
Dr. E.: Gut, Fritz. Ich merke, daß dir diese Dinge bekannt sind. Es ist in der Tat eine der notwendigsten Einrichtungen für die Pflanze, daß ihre Kinder nicht unmittelbar wieder neben ihr Wurzel fassen.
Kurt: Aber sie könnte sie doch beschützen! Und der Platz, wo die alte Pflanze gut gedeihen konnte, wird doch auch wohl für die jungen der passendste sein?!
Dr. E.: Höre, Kurt, ich will dir ein Gleichnis sagen. Denke dir einen Handwerker, etwa einen Goldschmied, in einem kleinen Städtchen. Er hat genügend zu tun, um sich und seine zahlreiche Familie zu ernähren. Aber seine fünf Söhne wachsen heran, sie werden alle ebenfalls Goldschmiede und lassen sich neben ihrem Vater im Städtchen nieder. Der Verdienst, der sonst dem Vater allein zufloß, verteilt sich nun auf sechs Familien, die sich jetzt auf das äußerste einschränken müssen, um durchzukommen. Vielleicht geht es aber noch gerade so, daß sie nicht zu hungern brauchen. Nun denke dir, die fünf Söhne hätten dann jeder wieder eine Anzahl Söhne, sagen wir durchschnittlich ebenfalls fünf, die auch nichts anderes werden möchten als Goldschmiede und sich im Orte niederließen, so wären weitere 25 Goldschmiedewerkstätten vorhanden, für die nun Arbeit und Verdienst völlig unzureichend sein müßte. Genau so würde es der Pflanze ergehen, wenn ihre Kinder immer wieder mit und neben ihr auf denselben Boden und dieselbe Nahrung angewiesen wären. Der Mensch hat ja, wie ihr wißt, viele Mittel, sich zu helfen. Die Söhne können etwas anderes werden als der Vater. Wollen sie aber durchaus Goldschmiede sein, so schnüren sie ihr Bündel, gehen auf die Wanderschaft und lassen sich nieder, wo es ihnen für ihr Fortkommen gutdünkt. Die Pflanze kann sich nicht anders ernähren, als wie es nun einmal ihre Natur verlangt; sie müßte ihrer Mutter das Brot vom Munde fortnehmen, auch wenn es ihr noch so schmerzlich wäre. So bleibt denn kein anderes Mittel als das Wandern, um neue Orte ausfindig zu machen, wo ein bescheidenes Pflänzchen noch etwas zu essen findet.
Hans: Ach, Vater, da muß ich an die schöne Geschichte denken von dem Blauveilchen, das sich auch aufs Wandern begibt und seine Würzelchen als Beine gebraucht.
Dr. E.: Ja, die Geschichte ist sehr niedlich, wenn es in der Wirklichkeit mit dem Wandern auch etwas anders aussieht. Der Mensch geht in die Fremde, wenn er erwachsen ist und sich selbständig durch die Welt schlagen kann. In solchem Alter aber sind die armen Pflanzen an den Boden gebannt, aus dem sie einen Teil ihrer Nahrung saugen. Die Pflanze muß daher wandern, wenn sie gewissermaßen noch in der Samenwiege liegt, die die Mutter ihr bereitet hat.
Kurt: Nun, sie braucht ja auch nicht so weit zu wandern, wenn sie einfach vom Baume herunterfällt.
Verbreitungsmittel der Samen und Früchte
Fritz: Das tut sie ja gar nicht immer! Manche Früchte und Samen haben doch ganz ordentliche Flugapparate, mit denen sie weit wegfliegen können.
Dr. E.: Mich wundert, Kurt, daß du nicht weißt, wie viele Pflanzen für ihre Wanderzeit den Wind benutzen, und wie ihre Früchte hierzu mit breiten Flugrändern oder mit Haaren ausgestattet sind.
Kurt: O, wenn du das meinst — da gibt’s ja den Ahorn und die Ulmen, deren Früchte so breite Ränder haben. Dann gehört auch wohl der gewöhnliche Löwenzahn[7] hierher, der zuletzt wie ein großer Puderkopf aussieht. Wir haben früher die Früchte immer abgepustet und gezählt, wie oft wir blasen mußten, um alle fortzukriegen.
Dr. E.: Siehst du? Man muß dir nur auf die Sprünge helfen. Du hättest neben vielen andern auch die Disteln nennen können, die ja durch ihre Fliegerei zur wahren Plage für den Landmann werden. Hat er mit vieler Mühe sein Feld von dem Distelunkraut gereinigt, so kommen die bösen Früchte aus allen Himmelsrichtungen aufs neue angeflogen, setzen sich fest und keimen munter empor, so daß er die Ausrottungsarbeit bald von neuem beginnen muß. — Aber haben denn die Früchte kein anderes Transportmittel als den Wind?
Kurt: O ja! Da sind noch die Insekten, die sie forttragen.
Dr. E.: Ei, ei, Kurt. Wir wollen nicht zwei ganz verschiedene Dinge durcheinanderwerfen! Die Insekten haben mit den Früchten kaum etwas zu tun. Du hast aber wohl mal gehört, daß sie den Blütenstaub von Blüte zu Blüte tragen.
Kurt: Ach ja, das meine ich; das habe ich verwechselt.
Fritz: Einige Pflanzen schleudern ihre Samen selbst fort, wie unsere Waldbalsamine; bei andern werden die Früchte durch die Vögel zerstreut.
Dr. E.: Und warum tun die Vögel das?
Fritz: Es handelt sich meistens um Beerenfrüchte, die ja eine saftige Schale haben, welche die Vögel fressen. Den bittern Kern, in dem das junge Pflänzchen liegt, lassen sie entweder fallen, oder derselbe ist, selbst wenn sie ihn mit verschlucken, doch so hart, daß sie ihn nicht verdauen können.
Dr. E.: Ganz recht. Wir können also sagen, die Vögel erhalten gewissermaßen ein Trinkgeld dafür, daß sie die Samen austragen, indem ihnen die überflüssig gewordene Fruchtschale überlassen wird. — Gibt es denn nun auch Pflanzen, die für die Beförderung ihrer Kinder keinen Lohn bezahlen, die sie, ich möchte sagen, als blinde Passagiere durch die Welt reisen lassen?
Fritz: Da meinst du wohl die Früchte, die sich an die Kleider und an das Fell der Tiere hängen und so mitgeschleppt werden?
Dr. E.: Gut, Fritz. Ich denke, auf unsern Streifereien im Herbst habt ihr gerade genug davon zu leiden gehabt.
Kurt: Ja, da waren die Kletten[8], das Labkraut[9] und vor allem der abscheuliche Zweizahn[10] mit seinen beiden Spitzen, den man gar nicht wieder los werden kann.
Dr. E.: Kannst du mir denn jetzt vielleicht sagen, Kurt, warum so viele Früchte sich öffnen, um ihre Samen herausfallen zu lassen, und warum unsere Geranienfrucht sich in fünf einsamige Teilstücke spaltet?
Kurt: Ja, nun kann ich’s mir denken. Sonst wäre es ja gerade, als wenn fünf Brüder in einem Hause Goldschmiede würden. Die Samen müssen nicht bloß von der Mutterpflanze fort, sondern auch voneinander getrennt werden.
Dr. E.: Sehr schön, mein Junge. Weißt du denn nun weiter, warum das junge Pflänzchen im Samen so ganz anders aussieht als später, wenn es gekeimt hat? Warum es also keine Würzelchen und Blätter hervorstreckt?
Kurt: Vielleicht ist es darum, weil diese beim Wandern zu leicht abbrechen würden.
Dr. E.: So dürfen wir wohl annehmen. Das junge Pflänzchen erscheint gewissermaßen in eine Kiste eingepackt und zum Verschicken zurecht gemacht. Jetzt bleiben nur noch die dicken, fleischigen Keimblätter zu erklären.
Fritz: O, das weiß ich auch. In diesen Blättern stecken die Baustoffe für die ersten Wurzeln, das Stämmchen und die ersten Blätter.
Pelargonienfrüchte. Bewegungserscheinungen der Pflanze
Dr. E.: So ist es recht. Und wenn wir unsern Vergleich mit der Wanderschaft weiterführen wollten, so würden wir sagen: Die Mutterpflanze hat dem Kindlein ein paar große Reisetaschen mit auf den Weg gegeben, in denen sich so viel Vorrat befindet, als das Kleine braucht, bis es auf eigenen Füßen steht, d. h. bis es hinreichend Würzelchen und Blätter getrieben hat, um sich selbst ernähren zu können. — Doch nun wollen wir uns unsere Storchschnabelfrüchte einmal näher betrachten. Seht ihr, da sind gerade welche, die sich von unten her ablösen lassen und nun bloß noch mit der Spitze an dem dünnen Stiel in der Mitte hängen.
Kurt: Ei, da sind ja an der Innenseite der Schnäbel lange Haare! Die können also auch fliegen?
Dr. E.: Das können sie. Und diese Härchen an den Schnäbeln lehren uns aufs neue, daß wir es mit einem Pelargonium zu tun haben. Die Geraniumarten haben keine solchen Haare als Flugapparat.
Fritz: Ach sieh nur, Vater, die Teilfrüchte haben sich ganz nach oben umgebogen und ihre Schnäbel fangen an, sich wie eine Spiralfeder einzurollen.
Dr. E.: Das ist ein Zeichen, daß die Luft im Zimmer verhältnismäßig trocken ist.
Fritz: Wieso denn?
Dr. E.: Die Schnäbel der Geranienfrüchte sind, wie man sagt, hygroskopisch, d. h. sie werden durch die Feuchtigkeit der Luft sichtbar beeinflußt. Ist die Luft sehr trocken, so rollt sich der Schnabel in dichten Spiralen auf, ist sie feucht, so streckt er sich wieder.
Fritz: Was hat denn das wohl für einen Zweck?
Dr. E.: O, das ist eine der drolligsten Einrichtungen, die man sich denken kann, und die in dieser Vollkommenheit nur bei gewissen Storchschnabelarten entwickelt ist. Es handelt sich nämlich um einen Apparat, die Samen unter die Erde zu bringen.
Fritz: Und wie geschieht das?
Dr. E.: Das obere Ende des anfangs geraden Schnabels biegt sich rechtwinklig gegen das untere und stemmt sich mit der Spitze gegen den Boden, wodurch auch die Teilfrucht selbst schräg gegen die Erde gestellt wird. Nun beginnt der untere Teil des Schnabels sich in Spiralen aufzurollen, wodurch die Teilfrucht in die Erde gebohrt wird, und ebenso die Spirale selbst, etwa so wie es mit einem sich drehenden Korkzieher geschehen würde. Wird der Schnabel dann wieder feucht, so daß er sich gerade strecken muß, so dreht sich das Ganze im entgegengesetzten Sinne. Da aber die gegen den Boden gestemmte Spitze des Schnabels das Geradestrecken nach oben verhindert, so wird auch durch diese Drehbewegung die Teilfrucht nur noch tiefer in die Erde hineingedreht. — Doch, ihr habt ja hier Früchte genug, und so könnt ihr einmal selbst versuchen, ob unsere Pelargoniumfrüchte es ebenso machen, wie es von gewissen Erodium-Arten beschrieben ist.
Kurt: Aber Vater, das ist doch beinah’, als wenn man es mit einem lebenden Wesen zu tun hätte, das sich verkriechen will.
Dr. E.: Nun, ein lebendes Wesen ist ja die Pflanze auch. Aber es erscheint dir wunderbar, daß sie Bewegungen ausführt, und daß diese Bewegungen zu ganz bestimmten Zwecken dienen. Wenn wir indes die Pflanzenwelt auf derartige Erscheinungen genauer durchmustern, so stellt es sich heraus, daß solche Bewegungen weit häufiger sind, als man früher dachte. Schon die Waldbalsamine[11] stellt ein ähnliches Beispiel dar. Hier werden durch spiraliges Einrollen der Fruchtschalen die Samen von der Mutterpflanze fortgeschleudert; bei der Spritzgurke[12] schießt sogar der ganze Inhalt der Frucht mit großer Gewalt heraus. Aber auch das Öffnen und Schließen der Blüten zu gewissen Tageszeiten — man hat ja eine ganz brauchbare „Blumenuhr“ danach zusammengestellt —, die mannigfachen Bewegungen der Staubgefäße, das Zusammenneigen der Drüsenhaare bei den „fleischfressenden“ Pflanzen und vieles andere gehört in dasselbe Kapitel. Der alte Satz, daß die Pflanze bewegungslos sei, kann heute nicht mehr aufrechterhalten werden. Wollten wir aber gar die niederen, mikroskopischen Pflanzen mit in Rücksicht ziehen, so würden wir sogar völlig freie Ortsbewegung finden, die sich in nichts von derjenigen der niederen Tiere unterscheidet.
Kurt: Aber die Tiere wissen doch, wo sie hin wollen, und wenn ein mikroskopisches Pflänzchen noch so frei im Wasser schwimmt, so wird es doch gewiß nie durch seinen Willen geleitet.
Dr. E.: Das ist eine Annahme, die wir zu machen gewohnt sind, weil wir dabei an die höheren Tiere und Pflanzen denken. Es ist aber doch noch sehr die Frage, ob schon bei den niedersten Tieren etwas vorhanden ist, was wir mit unserm Willen vergleichen können. Die einfache Beobachtung läßt durchaus keinen Unterschied zwischen den Bewegungsformen und Bewegungserscheinungen der mikroskopischen Tiere und denen der Pflanzen erkennen. Da überdies auch alle weiteren Unterschiede, die man früher zwischen beiden Reichen zu finden glaubte, sich als unzutreffend erwiesen haben, so werden wir uns wohl der Ansicht anschließen müssen, daß Tier und Pflanze auf ihren niedersten Stufen ohne scharfe Grenze ineinander übergehen. Vielleicht komme ich ein andermal darauf zurück; für heute wollen wir es genug sein lassen.
Löwenzahn
Ulme.Zweizahn.
Ahorn.