Siebenter Abend.
Kurt: Sag mal, Vater, müssen denn eigentlich alle Tiere schlafen?
Dr. E.: Wie kommst du auf diese seltsame Frage, Kurt?
Kurt: Ja, neulich, als du uns von dem schlafenden Kanarienvogel erzähltest, mußte ich immer an unsern Goldfisch denken. Den habe ich noch nie schlafen sehen.
Schlaf der Fische. Flossen
Dr. E.: Es ist nicht so leicht, deine Frage zu beantworten. Über den Schlaf der Fische z. B. wissen wir nur herzlich wenig. Soviel steht aber wohl fest, daß auch sie der Ruhe bedürfen und dabei in einen Zustand verfallen, der unserm Schlafe ähnlich ist.
Hans: Machen sie denn dabei auch die Augen zu?
Dr. E.: Das nun gerade nicht, und zwar aus einem sehr einfachen Grunde. Hast du dir schon einmal einen toten Fisch angesehen?
Hans: Ach richtig! Die haben noch ganz große offene Augen, auch wenn sie schon geräuchert sind!
Dr. E.: Nun also! Wenn einer überhaupt keine Augenlider hat, dann soll er das Augenzumachen wohl bleiben lassen.
Hans: Aber ist denn das nicht schrecklich für so einen Fisch, daß er immer alles sehen muß, auch wenn er noch so müde ist?
Dr. E.: Es wäre doch noch die Frage, ob die offenen Augen wirklich immer sehen müssen. Unsere Ohren können wir ja auch nicht zuklappen und doch hören wir im Schlafe vieles nicht, was sonst unsere Aufmerksamkeit erregen würde. Es handelt sich eben nur darum, ob die äußern Eindrücke auch wirklich in unserm Gehirn zum Bewußtsein gelangen. Selbst wachende Menschen können, wenn sie mit andern Gedanken beschäftigt sind, einen Gegenstand anstarren, ohne ihn wirklich zu bemerken. — Übrigens sind ja auch viele andere Tiere, z. B. die Schlangen, nicht imstande, ihre Augen zu schließen; es muß sich also auch mit offenen Augen ganz gut schlafen lassen.
Fritz: Aber die Fische legen sich ja nicht einmal hin, wenn sie ausruhen wollen. Von einer ordentlichen Erholung kann doch da gar nicht die Rede sein.
Dr. E.: Zunächst darfst du von unserm Goldfisch in seinem Glase nicht so ohne weiteres auf die übrigen Fische schließen, die in der freien Natur leben. Bei manchen von diesen hat man tatsächlich beobachtet, daß sie in ihren Verstecken beim Schlafen mit dem Bauche den Boden berühren, oder, wie die Rochen und Schollen, sich geradezu in den Sand einwühlen. Andererseits scheinst du gar nicht daran zu denken, daß der Fisch, wenn er ruhig im Wasser steht, in bezug auf die aufzuwendende Kraft ganz und gar nicht mit einem auf seinen vier Beinen stehenden Landtier zu vergleichen ist.
Kurt: Und warum denn nicht? Wir haben doch in der Schule gelernt, daß die Brust- und Bauchflossen der Fische dasselbe sind, wie die Beine der vierfüßigen Tiere. Folglich steht er doch gewissermaßen auch auf seinen vier Beinen.
Dr. E.: O nein, das tut er keineswegs. Diese Flossen dienen höchstens dazu, ihn am Umfallen zu verhindern, etwa wie die sogenannten „Schwerter“ an den Seiten kleinerer Küstenfahrzeuge. Von einem Tragen der Körperlast aber, wie es unsern Beinen zugemutet wird, ist doch wahrlich nicht die Rede, denn das wird eben durch das Wasser selbst besorgt.
Kurt: Aber der Fisch hat doch sein Gewicht!
Dr. E.: Selbstverständlich hat er das. Fritz wird dir indes erzählen können, daß jeder Körper im Wasser so viel an Gewicht verliert, als das Wasser wiegt, welches er verdrängt. Da nun ein Fisch im allgemeinen gerade so schwer ist, wie eine gleichgroße Wassermasse, so wird sein Gewicht gewissermaßen aufgehoben. Er schwebt im Wasser, ohne seine Muskeln auch nur im geringsten anzustrengen.
Fritz: Das wundert mich, daß Kurt nicht darauf gekommen ist. Wir haben ja erst vor wenigen Wochen über den sogenannten Auftrieb bei der Entstehung der Eisberge gesprochen. — Aber ist es denn so ganz gleichgültig, in welcher Tiefe des Wassers der Fisch schwebt? Es scheint doch sicher, daß er am Grunde einem viel größeren Drucke durch die darüberliegende Wasserschicht ausgesetzt ist, als nahe der Oberfläche.
Wasser- und Luftdruck. Tiefenfische
Dr. E.: Das Wasser kann durch Druck nur ganz unmerklich zusammengepreßt oder dichter gemacht werden; ein Kubikmeter Wasser vom Grunde ist daher kaum schwerer, als ein solcher nahe der Oberfläche. Wo also auch der Fisch sich befinden mag, er wird überall annähernd dasselbe Gewicht haben, wie das verdrängte Wasser und somit schweben; in dieser Hinsicht verhält er sich eben ganz wie irgendein „Stück Wasser“ selbst, das ich mir etwa an Stelle des Fisches denke. Anders freilich ist es mit dem Druck, der auf ihm lastet, und der um so größer wird, je tiefer er hinabsteigt.
Kurt: Aber ist denn das so schlimm mit dem Druck des Wassers, wenn man in die Tiefe taucht?
Dr. E.: Man sieht, daß du im Taucherhandwerk noch nicht allzu erfahren bist, Kurt. Du würdest sonst wissen, daß selbst der stärkste Mann nicht tiefer als höchstens etwa 50 Meter zu tauchen vermag. Bei 10 Meter Tiefe erleidet unser Körper auf jeden Quadratzentimeter seiner Oberfläche schon einen Druck von mehr als einem Kilogramm. Das ergibt auf die Gesamtoberfläche eines erwachsenen Mannes ein recht anständiges Gewicht, sagen wir etwa 15000-20000 Kilogramm. Bei weiteren 10 Metern hat sich dieses Gewicht verdoppelt, und bei 50 Metern wird es eben für den menschlichen Körper unerträglich.
Fritz: Dann muß das aber doch mit den Fischen ganz ebenso sein!
Dr. E.: In gewissem Sinne ja. Es ist auch ganz sicher, daß ein bestimmter Fisch nicht in jeder beliebigen Tiefe leben kann. In unsern seichten Flüssen und Seen sind ja die Druckunterschiede im Wasser nicht so groß, daß nicht ein und derselbe Fisch bald oben, bald unten sich aufhalten könnte. Im Meere aber und schon in tiefen Binnengewässern, wie in den Schweizer Seen, sind die einen Arten mehr auf die Oberfläche, die andern mehr auf den Grund des Wassers angewiesen.
Fritz: Ich denke, in der Tiefe ist ein so großer Wasserdruck, daß sie zerquetscht werden müssen?
Dr. E.: Es ist nicht der Druck an sich, welcher für uns das Leben in größerer Tiefe unmöglich macht, sondern der einseitige Druck auf unsern Körper, dem die inneren Gewebe nicht den nötigen Gegendruck entgegensetzen können. Die Sache wird euch klar werden, wenn ich daran erinnere, daß wir ja streng genommen auch am Boden eines Meeres leben, nämlich des über 10 Meilen tiefen oder, wenn ihr wollt, hohen Luftmeeres. Dieses Luftmeer übt auf unsern Körper einen ganz ansehnlichen Druck aus, nämlich denselben, wie eine 10 Meter hohe Wasserschicht. Allein wir merken nichts davon, weil alle Gase und Flüssigkeiten unseres Innern auf diesen Druck gewissermaßen abgestimmt sind und ihm das Gegengewicht halten. Erst wenn wir einen hohen Berg besteigen oder mit dem Luftballon in höhere Luftschichten fahren, wo der Luftdruck geringer ist als unten auf der Erde, wird das Gleichgewicht gestört, und unser Blut, das nicht mehr den gewohnten Gegendruck findet, sucht gewaltsam die Adern zu sprengen.
Fritz: Ach, nun verstehe ich. Es ist also ein solcher Tiefenfisch mit seinem Blute für den stärkeren Druck des Wassers auch gewissermaßen abgestimmt, und es ergeht ihm ähnlich wie uns im Luftballon, wenn er sich einmal in höhere Wasserschichten verirrt.
Dr. E.: Ganz, wie du sagst. Verirren freilich wird sich der Tiefenfisch wohl schwerlich; er kann aber z. B. durch Netz oder Angel emporgerissen werden, und so hat man denn namentlich am Bodensee beobachtet, daß die armen Tiere mit dick aufgetriebenem oder gar zerplatztem Bauche an die Oberfläche kamen.
Hans: Wie macht es denn der Fisch, wenn er im Wasser auf- und niedersteigen will?
Dr. E.: Wie machst du es denn, wenn du tauchen oder wieder an die Oberfläche willst?
Hans: Dann muß ich mit dem Kopf die Richtung nehmen, nach welcher ich will, und mit den Armen und Beinen rudern.
Dr. E.: Nun siehst du, und geradeso macht es in der Hauptsache der Fisch auch, nur daß er noch ein paar weitere Einrichtungen hat, welche ihm die Bewegung im Wasser überhaupt erleichtern.
Schwanzflosse. Schwimmblase. Seitenlinie
Kurt: Ja, der Fisch ist wie ein Kahn gebaut und hat keinen Hals, so daß er den Kopf ohne Anstrengung immer geradeaus halten kann. Dann hat er auch noch eine Schwanzflosse.
Dr. E.: Und was kann ihm die nützen?
Fritz: O, die ist ja gerade die Hauptsache. Brust- und Bauchflossen dienen vornehmlich nur als Steuerflossen. Das eigentliche Fortbewegungsorgan aber ist der Schwanz, mit dem der Fisch ganz ähnliche Bewegungen ausführt, wie die Fischer, wenn sie ihr Boot durch das sogenannte „Wricken“ mit dem Ruder vorwärts treiben.
Dr. E.: Der Vergleich ist gut gewählt; auch in der Sache selbst hast du vollkommen recht. Schon die große Menge Fleisch, die sich bis zur Schwanzflosse hin erstreckt, läßt ja erkennen, daß die Hauptkraft des Fisches hier konzentriert ist, und die Geschwindigkeit, die er mit diesem gewaltigen Ruder erreichen kann, ist wirklich eine ganz erstaunliche.
Kurt: Hilft denn beim Auf- und Niedersteigen nicht auch die Schwimmblase mit? Unser Lehrer hat uns doch erzählt, diese Blase könne der Fisch zusammendrücken. Dann würde er schwerer und sänke in die Tiefe.
Dr. E.: Gewiß kann der Fisch mit den Muskeln seiner Körperwand die mit Luft gefüllte Schwimmblase zusammendrücken, ganz ähnlich, wie wir unsern Bauch einziehen können. Auch ist es keine Frage, daß dadurch der Raum, den der Fisch einnimmt, verkleinert, er selbst also „spezifisch“ schwerer wird und im Wasser zu sinken beginnt. Seltsamerweise besitzen aber manche Fische, wie die Haie und Schollen, einen solchen Apparat gar nicht, ohne deshalb weniger zum Auf- und Niedersteigen im Wasser befähigt zu sein. Die Schwimmblase mag daher ein Hilfsorgan für diese Tätigkeit sein; schwerlich aber ist sie die alleinige Ursache.
Fritz: Warum meintest du denn vorhin, daß ein Sichverirren der Fische bei diesem Auf- und Niedersteigen nicht anzunehmen sei? Kann der Fisch, wenn er einmal im Emporsteigen ist, es so genau abmessen, bis zu welcher Grenze ihm dies nichts schadet?
Dr. E.: Ich glaube, daß wir dies von vornherein ganz gut annehmen können. Ein Luftschiffer merkt ja auch an den immer stärker werdenden Beschwerden, daß er sich in eine zu große Höhe gewagt hat. Beim Fisch wird das noch viel mehr der Fall sein, denn er besitzt, wie es scheint, sogar einen eigenen Sinn für die Empfindung des auf ihm lastenden Wasserdrucks.
Kurt: Einen besonderen Sinn außer den bekannten fünf? Da bin ich doch neugierig, wo der wohl sitzen mag.
Dr. E.: O, das kann ich dir gleich zeigen, wenn du nur den Goldfisch hierher zur Lampe holst. Siehst du wohl die eigentümliche, wie aus kurzen Längsstrichen zusammengesetzte Linie, welche an jeder Seite des Körpers ziemlich in der Mitte vom Kopfe bis fast zur Schwanzflosse verläuft?
Hans: Ja, wahrhaftig. Man sieht es ganz deutlich, wenn er an der Wand des Glases entlang schwimmt.
Kurt: Und das soll ein Sinnesorgan sein?
Dr. E.: Ein Sinnesorgan jedenfalls. Sieh, die kleinen Striche, die man da bemerkt, sind in Wirklichkeit kleine Kanälchen, welche schräg je eine Schuppe durchbohren und dann in einen größeren Längskanal münden, der unter der Haut verläuft. Die Wandung desselben ist ganz von feinen Nerven umsponnen, die hier endigen. Durch die kleinen Strich-Kanälchen kann nun das Wasser, in dem der Fisch schwimmt, in das Innere des großen Längskanals eindringen. Jeder stärkere Druck des äußern Wassers muß sich daher bis auf die Flüssigkeit in diesem Längskanal und somit auch auf die feinen Nerven, die ihn umspinnen, fortpflanzen.
Kurt: Das ist aber eine gediegene Einrichtung! Davon habe ich noch gar nichts gewußt. Wundern tut es mich nur, daß bei den Fischen alles so ganz anders ist, wie bei den übrigen Wirbeltieren. Erst die Schwimmblase, und jetzt dieses Druckprüfungsorgan oder wie es sonst heißt.
Schwimmblase und Lunge
Dr. E.: Der Name für diesen Apparat ist „Seitenlinie“. Du irrst indessen, wenn du glaubst, daß sie und die Schwimmblase so ganz ausschließlich den Fischen zukomme. Ein ähnliches Organ wie die Seitenlinie, wenn auch anders gebaut, hat man bei den meisten Amphibien beobachtet. Die Schwimmblase aber ist ein Gebilde, das durch die ganze Wirbeltierreihe hindurch geht, und das man also vermutlich auch bei dir finden würde, wenn man dich auf den Seziertisch legte.
Kurt: O weh, Vater! Das wollen wir doch lieber nicht ausprobieren. Wo soll denn die Schwimmblase bei uns sitzen?
Dr. E.: Sie sitzt in der Brust, wird aber beim Menschen nicht mehr Schwimmblase genannt, sondern —? Nun, Fritz, zeige, was du kannst.
Fritz: Ich glaube einmal gehört zu haben, daß die Schwimmblase unserer Lunge entspräche. Wie man das aber beweisen will, ist mir unklar.
Dr. E.: Einen unanfechtbaren Beweis kann auch ich euch jetzt nicht gut liefern, da er sich vornehmlich auf die Entwicklungsgeschichte beider Organe stützen müßte, die für euch noch zu schwierig ist. Aber daß die Sache in hohem Maße wahrscheinlich ist, werdet ihr schon einsehen lernen. Habt ihr denn schon einmal eine Schwimmblase gesehen?
Kurt: Natürlich! Du meinst doch diese straffen, mit Luft gefüllten Blasen, die unsere Doris aus dem Karpfen herausholt, wenn sie ihn ausweidet, und die so knallen, wenn man drauf tritt.
Dr. E.: Ja, die meine ich. Und habt ihr sonst nichts an diesen Blasen bemerkt?
Fritz: Sie sind in der Mitte eingeschnürt und auf der Oberfläche verlaufen kleine rote Äderchen.
Dr. E.: Nun, das ist schon etwas. Die Hauptsache fehlt aber noch.
Hans: Und an der einen Seite sitzt ein dünner Faden!
Dr. E.: Bravo, mein Hansel. Da hast du einmal mehr gesehen, als deine älteren Brüder. Ein Faden ist das allerdings nicht, sondern ein dünnes Rohr, das von der Schwimmblase in den Schlund führt.
Fritz: Und warum ist dieses Rohr so wichtig?
Dr. E.: Weil es uns den Vergleich nahelegt mit einem Rohr, das auch bei uns in den Schlund führt, und zwar aus den Lungen, deren Luft es in die Mundhöhle zu leiten hat.
Fritz: Das wäre ja unsere Luftröhre!
Dr. E.: Allerdings. Mit dieser muß dies feine Fadenrohr der Schwimmblase verglichen werden, zumal es wohl sicher ist, daß dasselbe ebenfalls zum Austreten von Luft aus der Schwimmblase dienen kann.
Kurt: Aber die Lunge selbst sieht doch ganz anders aus als die Schwimmblase. Sie dient ja auch zum Atmen, die Schwimmblase hingegen zum Auf- und Niedersteigen!
Dr. E.: Mit dem verschiedenen Aussehen ist es nicht so weit her, wenn du nicht die Lungen eines Säugetieres, sondern etwa die eines Frosches mit der Schwimmblase vergleichst. Vorhin hat Fritz schon gesagt, daß die Oberfläche der Schwimmblase mit feinen Äderchen übersponnen ist. Wenn ihr euch nun vorstellt, daß die äußere Wand der Blase Falten in dem Innenraum bildete, die sich etwa bis zu einem System dünner Scheidewände im Innern entwickelten, und daß die Blutäderchen der Oberfläche sich auch auf diese Scheidewände im Innern fortsetzten, so hättet ihr ein ziemlich getreues Bild einer Froschlunge. Durch das dünne Luftrohr könnte dann die äußere Luft in dieses System von Kammern eindringen und würde nun an die in deren Wänden verlaufenden Blutgefäße ihren Sauerstoff abgeben. Mit andern Worten: Aus dem einfachen Luftbehälter der Fische wäre durch eine verhältnismäßig geringe Weiterentwicklung der Wände und ihrer Blutgefäße ein Atmungsorgan geworden.
Fritz: Das klingt ja alles sehr schön, Vater; aber daß sich eine solche Umwandlung nun wirklich vollzogen hat, scheint mir doch wenig wahrscheinlich.
Dr. E.: Nun, du ungläubiger Thomas, dann will ich dir noch etwas Weiteres erzählen, was deine Zweifel am Ende zerstreuen wird. Es gibt tatsächlich noch heute Fische[13], und zwar in Afrika sowohl wie in Südamerika und Australien, welche für gewöhnlich, d. h. solange sie frei im Wasser schwimmen, durch Kiemen atmen, wie die andern Fische. Zur regenlosen Jahreszeit aber, wenn die Sümpfe, in denen sie hausen, ausgetrocknet sind, leben diese sogenannten „Lungenfische“ monatelang in einer trockenen Schlammkugel und atmen nun mit ihrer Schwimmblase ganz so, wie ich es vorhin als möglich geschildert habe.
Kurt: Dann werden Fritz und ich nun wohl stillschweigen müssen. — Aber du hast eben die Kiemen erwähnt, und von diesen ist es doch wohl sicher, daß sie ganz allein bei den Fischen auftreten. Oder willst du mir am Ende auch Kiemen zuschreiben?
Dr. E.: Das nun gerade nicht. Aber denke doch nur an die Kaulquappen, die anfangs mit ganz prächtigen Kiemenbüscheln ausgerüstet sind. Später verwandeln sich dieselben zunächst in sogenannte innere Kiemen, um endlich völlig zu verschwinden, wenn der junge Frosch sich entwickelt hat. Solche Zustände mit Kiemenanlagen an den Seiten des Halses finden wir nun bei allen Wirbeltieren, selbst bei den Säugetieren, in ihren frühesten Entwicklungsstufen. Allein, da die Reptilien, Vögel und Säugetiere kein fischartiges Jugendleben im Wasser führen, so gehen diese Ansätze schnell zugrunde und sind völlig verschwunden, wenn das Tier aus dem Ei schlüpft oder geboren wird. Kiemen sind eben nur für das Leben im Wasser verwendbar. Es ist daher durchaus begreiflich, daß die höheren Tiere ein Organ frühzeitig verlieren, das ihnen nichts nützen kann.
Kurt: Und warum sind die Kiemen nur im Wasser zu gebrauchen?
Das Atmen im Wasser und in der Luft
Dr. E.: Die Atmung besteht bekanntlich darin, daß der Sauerstoff der Luft in das Blut eindringt, welches in den Adern der Kiemenblättchen kreist. Die Luft muß also die äußere Haut der Kiemenblättchen durchdringen, ehe sie in das Blut gelangt. Nun ist es eine bekannte Tatsache, daß die tierische Haut oder die tierische Membran — denkt etwa an eine Schweinsblase — die Luft in reicherem Maße nur dann durchläßt, wenn sie genügend angefeuchtet ist. Im Wasser ist dies natürlich stets der Fall, und so genügt denn die wenige Luft, die in demselben aufgelöst ist, um das Blut mit dem nötigen Sauerstoff zu versorgen. Sobald ich aber den Fisch aus dem Wasser nehme, trocknet die zarte Haut der Kiemenblättchen derartig ab, daß nun keine oder nur sehr wenig Luft durch sie hindurchdringen kann. Der Fisch muß also trotz des Meeres von Luft und Sauerstoff, das ihn umgibt, den Erstickungstod sterben.
Fritz: Aber der Aal kann doch ziemlich lange außerhalb des Wassers leben!
Dr. E.: Das stimmt. Und zwar verdankt er diese Fähigkeit der äußerst winzigen Öffnung seines Kiemendeckels, welche den Zutritt der abtrocknenden Luft verhindert und die Feuchtigkeit der Kiemen wie in einer fast völlig geschlossenen Höhle zurückhält. Es gibt übrigens noch viel interessantere Beispiele von auf dem Lande lebenden Fischen. Berühmt sind ja z. B. die Kletterfische[14] Ostindiens, welche geradezu auf die Bäume klettern sollen, jedenfalls aber weite Wanderungen über Land unternehmen. Befähigt sind sie zu diesem Leben außerhalb des Wassers durch eine merkwürdige Einrichtung ihrer Kiemenbogen, welche ein ganzes Labyrinth schwammartiger Poren enthalten, aus denen das vorher aufgenommene Wasser tropfenweise auf die Kiemenblättchen fällt und sie so für lange Zeit feucht erhält.
Fritz: Ich verstehe immer noch nicht, inwiefern denn nun die Lungen besser zum Atmen auf dem Lande taugen sollen. In ihnen wird doch die Luft auch erst irgendeine Membran durchdringen müssen, ehe sie in das Blut gelangt, und diese Membran müßte doch eigentlich noch trockner werden als die Kiemenhaut, da sie nie mit Wasser in Berührung kommt.
Dr. E.: Du würdest vollständig recht haben, wenn nicht glücklicherweise mit der Kohlensäure, die wir ausatmen, auch große Mengen Wasserdampf in unsern Lungen entständen. Ihr braucht ja nur daran zu denken, daß unser Atem in der Kälte sichtbar wird, oder wie man sagt, daß man „den Hauch sehen“ kann. Diese Erscheinung rührt bekanntlich daher, daß der Wasserdampf bei niedriger Temperatur in Wasserdunst sich verwandelt, und ihr könnt also aus dem dichten Nebel, den wir dann ausatmen, ersehen, eine wie große Menge Wasserdampf fortwährend in den Lungen gebildet wird. Ein großer Teil desselben bleibt nun selbst beim tiefsten Ausatmen in den Lungenhöhlen zurück; er ist somit die Ursache, daß die zarten Wände der Lungenbläschen unter allen Umständen und auch bei trockenstem Wetter die nötige Feuchtigkeit zum Durchtritt des Sauerstoffes behalten. — Ihr seht, der alte Satz: „Äußere Atmungsorgane für die Wassertiere, innere für die Landtiere“ findet in verhältnismäßig einfachen physikalischen Verhältnissen seine Erklärung.
Hans: Wo hat denn unser Goldfisch eigentlich seine Ohren, Papa?
Dr. E.: O, das wird dir schon einer deiner gelehrten Brüder auseinandersetzen können.
Kurt: Ich weiß nicht recht; aber ich glaube, die Fische haben gar keine Ohren, denn sie sind ja auch alle stumm und brauchen folglich gar nicht zu hören.
Dr. E.: Das sind fast ebensoviel Unrichtigkeiten wie Worte, lieber Kurt. Selbst wenn es wahr wäre, daß alle Fische stumm sind, so würde daraus doch noch keineswegs folgen, daß sie nun überhaupt nicht zu hören brauchten. Der Gehörsinn ist denn doch ein zu wichtiges Mittel, sich in der Welt zurechtzufinden und Gefahren zu vermeiden, als daß wir bei so hoch entwickelten Tieren ein völliges Fehlen desselben annehmen dürften.
Kurt: Aber kann man denn im Wasser überhaupt hören?
Dr. E.: Gewiß kann man das. Ganz ähnlich wie in der Luft, pflanzen sich die Schallwellen im Wasser und in festen Körpern fort. Ja, der Schall wird in diesen Stoffen noch ungleich leichter und vollkommener fortgeleitet, als in der Luft. Ein Taucher am Grunde des Wassers hört jedes Wort, das am Ufer gesprochen wird, und das leiseste Kratzen am Ende eines langen Balkens kann man deutlich am andern Ende wahrnehmen.
Kurt: Dann wundert es mich aber, daß die Fische alle stumm sind.
Dr. E.: Das ist auch gar nicht der Fall. Freilich, Nachtigallen gibt es unter den Fischen gerade nicht; denn ihnen fehlt ja der Kehlkopf, durch den die Stimme der Landtiere erzeugt wird. Aber Töne können doch manche von ihnen hervorbringen. Schon unsere einheimischen Fischer wissen in dieser Hinsicht allerlei vom Schlammpeitzger[15], vom Seeskorpion[16], vom Knurrhahn[17] und anderen Fischen zu erzählen; am berühmtesten aber von allen ist wohl der sogenannte Trommelfisch[18] der amerikanischen Ostküste, dessen Musik den ankernden Schiffern in stillen Nächten oft wie ein fernes Trommelkonzert aus der Tiefe des Meeres zu Gehör kommt.
Fritz: Und weiß man, wie sie das machen?
Dr. E.: Es ist sehr viel darüber gesagt und geschrieben worden. Schon Aristoteles, der nicht weniger als sechs tonbegabte Fische namhaft macht, hat sich darüber geäußert. Bald scheint es sich um ein Reiben verschiedener Körperteile gegeneinander, bald um schnelle Schwingungen gespannter Muskelfasern oder endlich um das Ausstoßen von Luft zu handeln. Jedenfalls sind die Einrichtungen recht verschieden und im einzelnen noch wenig erforscht.
Kurt: Hat man denn schon sicher beobachtet, daß die Fische hören können?
Ohren der Fische. Töne. Sinnesorgane
Dr. E.: Ich denke, ja. Wenigstens wird erzählt, daß man sie daran gewöhnen kann, etwa auf ein Glockenzeichen zur Fütterung zu kommen. Außerdem wäre es doch töricht, die Fähigkeit des Hörens bei Tieren leugnen zu wollen, deren Ohren ganz gut entwickelt sind.
Kurt: Aber man sieht doch nichts davon.
Dr. E.: Nein; ein sogenanntes äußeres Ohr, wie unsere Ohrmuschel, ist auch nie vorhanden, ja selbst ein Trommelfell, wie es die Eidechsen und Frösche haben, fehlt vollständig. Aber da die Schallwellen nicht durch die Luft, sondern durch das Wasser an den Fisch gelangen, so sind derlei Einrichtungen auch gar nicht nötig. Das Gehörorgan liegt bei den Fischen ganz im Innern der Kopfknochen verborgen, und diese pflanzen die Schallwellen des Wassers ebenso auf die Gehörhärchen fort, wie der lange Balken dies tut, von dem ich vorhin sprach. Die physikalischen Verhältnisse im Wasser sind eben andere, als in der Luft, und folglich müssen auch die Sinnesorgane entsprechend anders gebaut sein.
Fritz: Ja, mit den Augen ist es doch ebenso. Die Linse, die bei den Lufttieren verhältnismäßig flach ist, sieht bei den Fischen wie eine Kugel aus, weil die Brechungsverhältnisse des Lichtes für Luft und Wasser so ganz verschieden sind.
Kurt: Das verstehe ich nicht.
Dr. E.: Ist auch noch nicht nötig. Fritz wollte bloß ein wenig mit seiner neuen Gelehrsamkeit aus der Physikstunde glänzen. Recht hat er aber damit, daß die kugelige Form der Augenlinse — ihr habt sie doch wohl schon beim Karpfenessen wie ein rundes weißes Pfefferkorn gesehen — mit dem Leben im Wasser zusammenhängt.
Kurt: Sind denn die andern Sinne, ich meine z. B. der Geruch und der Geschmack, auch für das Leben im Wasser eingerichtet?
Dr. E.: Darüber weiß man leider herzlich wenig, zumal es oft schwer zu sagen ist, ob etwas durch den Geruch oder durch den Geschmack wahrgenommen wird.
Fritz: Wieso denn? Ich weiß doch ganz genau, was an einem Apfel riecht und was an ihm schmeckt.
Dr. E.: Du glaubst es wenigstens zu wissen. Zahlreiche Versuche aber haben ergeben, daß man sich gründlich dabei irren kann. Ist es doch z. B. eine bekannte Tatsache, daß man bei zugehaltener Nase nicht unterscheiden kann, ob man einen Apfel oder eine Zwiebel verspeist.
Kurt: Ih, das will ich doch einmal versuchen. Aber wozu haben wir dann zwei besondere Organe für Geruch und Geschmack?
Dr. E.: Ein Unterschied zwischen beiden ist ja leicht aufzustellen. Die Zunge scheint vor allem befähigt, diejenigen Stoffe zu prüfen, welche in flüssiger Form mit den Nervenendigungen in Berührung kommen, während die Nase für die Erkennung gasförmiger Substanzen zu sorgen hat.
Fritz: Und das sollte bei den Fischen nicht ebenso sein?
Dr. E.: Das ist ja eben die heikle Geschichte! Wenn Gase sich im Wasser auflösen, so sind sie gar keine Gase mehr, sondern Flüssigkeiten. Es ist also nicht recht einzusehen, inwiefern die Nase der Fische etwas anderes leistet als die Zunge. Höchstens darf man vielleicht annehmen, daß die allgemeine Beschaffenheit des Wassers durch das Riechorgan, der eigenartige Geschmack der Nahrung hingegen durch die Zunge empfunden werde. Möglich ist es ja indes immerhin, wie neuerdings behauptet wird, daß unsere ganze bisherige Auffassung des Riechvorganges eine irrige ist, und daß es sich bei demselben nicht um die Ausbreitung gasförmiger Stoffe handelt, sondern um Wellenbewegungen, wie wir sie für die Verbreitung des Lichtes und des Schalles annehmen.
Hans: Viel Vergnügen wird der Fisch aber beim Essen wohl nicht haben, wenn er bei jedem Bissen immer so viel Wasser runterschlucken muß.
Dr. E.: Das sind alles Dinge, mein Hänschen, die sich schwer beurteilen lassen, weil wir uns nicht in die Lage eines Fisches versetzen können. Die Dichter sprechen ja viel von dem muntern, fröhlichen Fischlein, dem es so wohlig sei auf dem Grunde. Wir dürfen wohl annehmen, daß jedem Geschöpf gleich uns von der Mutter Natur sein reichlich Maß an Leid und Freude beschieden ist.