Vierter Abend.

Kurt, ein Zigarrenkistchen mit allerlei Tüten drin aufklappend und auf den Tisch stellend: Vater, heute komme ich dran! Ich habe mir gleich meine ganze Mineraliensammlung mitgebracht, damit ich nichts vergesse.

Dr. E.: Na, da bin ich neugierig. Dann packe nur mal aus mit deinen Funden.

Alaun, Salpeter, Kreide

Kurt: Mutter hat mir geholfen. Wir haben die ganze Küche und die Speisekammer abgesucht. Hier ist zuerst ein großes Stück Alaun.

Dr. E.: Ja, ein sehr schönes Stück — nur schade, daß es kein Mineral ist.

Kurt: Aber warum denn nicht? Es ist doch kein Tier und keine Pflanze.

Dr. E.: Nein, aber ein Kunstprodukt! Freilich findet sich Alaun hie und da, wenn auch selten, als Mineral in der Natur; was aber in den Handel kommt, ist ausnahmslos künstlich aus gewöhnlichem Ton hergestellt.

Kurt: O weh, dann wird meine Sammlung wohl sehr zusammenschmelzen. Hier ist ein Stück Soda

Dr. E.: Ebenfalls Kunstprodukt. Wird jetzt meist aus Kochsalz gemacht, zuweilen auch wohl aus der Asche von Seepflanzen. Als natürliches Mineral ist es ungemein selten.

Kurt: Ach, dann wird es mit dem Salpeter wohl ebenso sein!

Dr. E.: Das ist noch nicht gesagt. Wenn es sogenannter Kalisalpeter ist, wie ich vermute, könnten wir allerdings sicher sein, daß wir es abermals mit einem künstlichen Stoff zu tun haben. Der Natronsalpeter hingegen ist so verbreitet, daß man ihn nicht erst künstlich darzustellen braucht.

Fritz: Ist das dasselbe wie der sogenannte Chilisalpeter, der aus Südamerika kommt?

Dr. E.: Allerdings. Nur in diesen fast ganz regenlosen Gegenden konnte sich ein so leicht löslicher Stoff, wie es der Salpeter ist, in größeren Lagern halten. Bei uns und in unserm Klima sind alle solche leicht vom Regen aufgelösten und fortgespülten Mineralien, wie Alaun, Soda und Salpeter, eine reine Unmöglichkeit.

Kurt: Aber hier habe ich etwas, was sich nicht auflöst und was ja auch wohl bei uns vorkommen könnte, eine Tüte mit Schlämmkreide, die Doris zum Putzen gebraucht.

Dr. E.: Beinah wäre die Schlämmkreide wahrhaftig ein Mineral! Hast du denn keine gewöhnliche Kreide zum Schreiben?

Kurt: Ich habe wohl ein Stückchen in der Tasche, aber das habe ich nicht im Hause gefunden, sondern aus der Schule mitgenommen.

Dr. E.: Ei, ei! Also ein Vergreifen an fremdem Eigentum!

Kurt: Ach, es war nur ein ganz kleines Stückchen, das an der Erde lag und doch zertreten worden wäre.

Dr. E.: Nun, diesmal will ich es noch deinem Sammeleifer zugute halten. — Weißt du denn, woher die Kreide kommt?

Kurt: Ja, auf Rügen gibt es ganze Kreidefelsen, wie wir in der Geographie gelernt haben.

Dr. E.: Ganz recht. Das ist eine der vielen Gegenden, in denen die Kreidefelsen zu Schreibkreide zerschnitten werden. Mächtige Kreidegebirge finden sich außerdem z. B. an der englischen und französischen Küste zu beiden Seiten des Kanals. Als besonders rein wird ferner die Kreide von der Insel Möen geschätzt.

Fritz: Warum ist denn die Schlämmkreide nur „beinah“ ein Mineral?

Dr. E.: Weil sie in dieser Form, als feines weißes Pulver, doch nicht in der Natur vorkommt. Da muß die gewöhnliche Kreide erst zerstampft und mit Wasser angerührt werden. Das dadurch milchig gewordene Wasser läßt man dann im Klärbecken so lange ruhig stehen, bis sich die feinen Kreideteilchen zu Boden gesetzt haben. Getrocknet stellt das dann die Schlämmkreide dar.

Kurt: Wozu macht man denn das? Man kann doch die Kreide auch ohne Wasser zu Pulver zerreiben.

Dr. E.: Dann hat man aber noch alle die Verunreinigungen der Kreide, wie kleine Kieselsteine usw. darin, und es wäre doch schade, wenn unser Messing beim Putzen durch diese harten Steinchen verschrammt würde.

Bernstein. Meerschaum. Bimsstein. Lava. Vulkanische Asche

Kurt: Ja, das sehe ich ein. — Hier habe ich dann noch mancherlei; ich hätte gar nicht gedacht, daß ich so vieles zusammenbringen würde. Sieh, hier ist ein Stück Bernstein von Mamas Halskette, ein Stück Meerschaum von einem Pfeifenkopf und ein Stück Bimsstein, das Doris zum Waschen gebraucht.

Dr. E.: Da könnten wir ja den ganzen Abend drüber reden, und Hänschen will doch auch noch gehört werden! — Der Bernstein ist das Harz vorweltlicher Tannen, das hauptsächlich in Ostpreußen in der Nähe des Seestrandes und im Sande des Meeres selbst sich findet. Der Meerschaum ist ziemlich selten und wird namentlich in Kleinasien bergmännisch gewonnen. Der Bimsstein indes ist weit verbreitet, da er zu den sogenannten Auswurfstoffen fast aller Vulkane gehört.

Kurt: Wovon ist er denn so löcherig und so leicht, daß er einem gar nicht wie ein Stein vorkommt?

Dr. E.: Das hängt mit seiner Entstehung zusammen. — Hast du mal darüber nachgedacht, woher wohl das Brot und der Kuchen die vielen Höhlungen und Löcher hat?

Kurt: Die entstehen, wenn der Kuchen aufgeht, beim Backen.

Dr. E.: Und wovon geht er auf?

Fritz: Das kommt durch die Hefe, die man hineintut, oder beim Brot durch den Sauerteig. Wie aber dadurch sich so viele Löcher bilden, ist mir nicht klar.

Dr. E.: Der Kuchenteig bildet doch eine ziemlich zähe Masse. Wenn wir nun Hefe hinzutun, so entwickelt sich in großen Mengen ein Gas, und zwar die euch vom Selterwasser her bekannte Kohlensäure. Diese kann nicht durch den zähen Teig hindurch und nach oben entweichen, wie sie es aus einer entkorkten Selterwasserflasche tun würde. Sie bildet daher eine Masse kleiner Blasen in dem Teig, welche denselben aufblähen und lockerer machen. Ist der Kuchen gar und der Teig fest, so erscheinen diese Blasen als ebenso viele kleine Hohlräume.

Kurt: Aber was hat denn das mit dem Bimsstein zu tun?

Dr. E.: Der Bimsstein war, ehe er abgekühlt wurde, im Innern des Vulkans eine ebenso zähe, halbflüssige Masse, wie unser Kuchenteig. Man nennt das glutflüssige Lava, wie ihr schon wißt. Dringt nun in das Innere des Kraters z. B. Wasser ein, das sich natürlich bei der gewaltigen Hitze bald in Dampf verwandelt, so verfangen sich die aufsteigenden Dampfbläschen gerade so in der zähe flüssigen Lava, wie die Kohlensäure im Teig. Wird dann die Lava aus dem Vulkan ausgestoßen und erstarrt, so zeigt sie uns eben dieses eigentümlich löcherige oder „poröse“ Aussehen. Sie wird dadurch so leicht, daß sie auf Wasser schwimmen kann.

Fritz: Sieht denn alle Lava nachher so aus, wenn sie aus dem feuerspeienden Berg herauskommt?

Dr. E.: Ei behüte. Ist kein Wasser oder Gas vorhanden, so quillt die Lava ganz ruhig über den Rand des Kraters und ist nachher beim Erkalten so dicht und schwer, wie grünes Flaschenglas. Sie wird dann, falls sie aus demselben Material besteht wie der Bimsstein, als Obsidian bezeichnet. Ist dagegen sehr viel Wasserdampf da, so kann dessen Kraft so groß werden, daß er den zähen Lavabrei völlig zerreißt und zerstäubt. Es entsteht dann die sogenannte vulkanische Asche, welche bis hoch in die Wolken geschleudert wird und beim Niederfallen weite blühende Gefilde mit Aschenregen bedeckt.

Kurt: War das nicht bei der Zerstörung von Herkulanum und Pompeji durch den Ausbruch des Vesuvs der Fall?

Dr. E.: Freilich; es war im Jahre 79 nach Christi. Auch der berühmte Naturforscher Plinius der Ältere, der zu Schiff herbeigeeilt war, um das gewaltige Schauspiel zu beobachten, wurde damals ein Opfer seines Wissensdurstes. Die Aschenschicht, welche noch heute, trotz umfangreicher Ausgrabungen, einen großen Teil jener Städte bedeckt, hat eine Dicke von mehr als 6 Metern. In neuerer Zeit haben wir ja dann noch eine Reihe anderer Vulkanausbrüche mit starkem Aschenregen gehabt, so vor einigen Jahrzehnten den des Krakatau zwischen Java und Sumatra, dessen Asche selbst in unsern Breiten noch die Abendwolken tief rosa färbte, und dann der Mont Pelé auf Martinique, durch dessen furchtbare Gasexplosion Tausende von Menschen in einem Augenblick getötet wurden.

Hans: Es muß doch schrecklich sein, in der Nähe eines solchen Vulkans zu wohnen! — Gibt es denn bei uns in Deutschland auch Vulkane?

Dr. E.: Jetzt glücklicherweise nicht mehr. Früher hat es deren eine ganze Reihe gegeben.

Kurt: Wo war denn das?

Dr. E.: Vor allem ist die Rheingegend zu nennen, besonders das Eifelgebirge. Dort findet man die verschiedensten Sorten von Lava und erkennt oft noch ganz deutlich die kegelförmigen Krater, aus denen sie ehemals herausgeflossen ist. Heute freilich sind diese Krater erloschen, und in ihren Trichtern haben sich meist kleine Seen gebildet, die sogenannten Mare. Auch der bekannte Laacher See, den ihr wohl in der Geographiestunde besprochen, gehört zu diesen Kraterseen.

Doch, Hänschen, nun wird es hohe Zeit, daß wir auch von dir etwas hören. Kurt kann seine zerbrochene Schiefertafel und was er sonst noch an Mineralien hat, ein andermal vorführen.

Hans: Ach, Papa, die andern haben mir ja alles vorweggenommen. Ich habe dann überall gesucht, aber ich habe immer nur Sand gefunden, in der Küche, auf der Diele und auch in deinem Schreibzeug.

Dr. E.: Nun, mein Hansel, das ist wahrhaftig kein schlechter Fund. Sand gehört zu den verbreitetsten Mineralien und verdient wohl, daß wir uns etwas näher damit beschäftigen. Vorher wollen wir uns erst schnell unsere gesättigte Salzlösung vom vorigen Sonntag aus dem Schranke holen und sehen, was aus ihr geworden ist.

Fritz, die auf den Tisch gestellte Schale betrachtend: Ei, da sind ja lauter allerliebste kleine Würfel drin.

Hans: Ach ja, aber bloß kleine Puppenwürfel.

Wachsen der Mineralien. Kristalle

Dr. E.: Nun, wenn ihr sie größer haben wollt, müßten wir sie noch ein wenig wachsen lassen.

Kurt: Aber die Steine können doch gar nicht wachsen, denk’ ich.

Dr. E.: So? Weißt du das so genau? — Im allgemeinen hast du wohl recht. Ein beliebiger Feldstein draußen auf dem Acker kann nicht, wie die Pflanzen und Tiere, Nahrung aufnehmen und dadurch größer werden. Er bleibt eben, wie er ist. Unter gewissen Bedingungen aber wachsen die Mineralien in der Tat. Es geschieht dies jedoch nur, wenn sie sich in einer Flüssigkeit befinden, in welcher derselbe Stoff aufgelöst ist, aus dem sie selbst bestehen. In unserem Falle haben wir Kochsalzwürfel in einer gesättigten Kochsalzlösung. Verdampft das Wasser weiter, so müssen auch neue Mengen des Salzes in den festen Zustand übergehen, und dies geschieht, indem sie sich an die bereits vorhandenen Würfelchen ansetzen, die dadurch also größer werden. Etwas Ähnliches würde auch eintreten, wenn wir nicht die wässerige Lösung eines Minerals vor uns hätten, sondern etwa ein durch Hitze geschmolzenes Mineralgemisch. Auch dann würden sich beim langsamen Erkalten die kleinsten Teilchen der einzelnen Mineralien zusammenfinden und allmählich wachsende Körperchen von bestimmter Gestalt darstellen, die man Kristalle nennt. Seht diesen Feldstein, den ich gestern vom Spaziergange mitgebracht und zerschlagen habe; er sieht im Innern ziemlich wie der Durchschnitt einer Blutwurst aus mit ihren weißen Speckwürfeln. Diese länglichen weißgrauen Kristalle haben sich im Innern des Steines gebildet, als derselbe noch eine glutflüssige Masse war. Je langsamer so ein geschmolzenes Gestein erkaltet, umso schöner gelangen die Kristalle im Innern zur Ausbildung. Hier bei diesem Stück, das den wissenschaftlichen Namen „Porphyr“ trägt, sind sie über einen Zentimeter lang; bei dem Obsidian, von dem wir vorhin sprachen, sind sie hingegen so winzig, daß man sie nur unter dem Mikroskop zu erkennen vermag. — Ihr seht nun wohl ein, wie wir unsere Kochsalzwürfel größer und schöner bekommen können. Wir müssen einfach das Wasser recht langsam und ohne Erschütterung weiter verdunsten lassen. Am besten tut man, wenn man eins dieser Kriställchen an einem feinen Faden frei aufhängt, damit sich von allen Seiten her neues Salz ansetzen kann.

Fritz: Woher kommt es denn, daß das Kochsalz in solchen Würfeln kristallisiert? In der Regel sehen doch Kristalle ganz anders aus?

Dr. E.: Das ist eine recht schwierige Frage, Fritz. Es ist ungefähr dasselbe, als wenn du fragst, warum ein Eichbaum anders aussieht wie eine Kastanie. Ein ganz klein wenig kann ich dir dies Rätsel aber doch wohl verständlicher machen. Zunächst müssen wir die ganz merkwürdige Erscheinung ins Auge fassen, daß ein Kristall, den man zerschlägt, in Stücke zu zerspringen pflegt, welche genau wieder die Form und die Flächen des ursprünglichen Kristalls haben. Ein Kochsalzwürfel also zerspringt beim Daraufschlagen stets wieder in lauter Würfel, und man kann diesen Versuch so weit fortsetzen, als wir mit dem Mikroskop überhaupt noch die einzelnen Stückchen zu erkennen vermögen. Daraus scheint zu folgen, daß auch die allerkleinsten Teilchen Kochsalz, die überhaupt denkbar sind, und die wir selbst mit unsern stärksten Vergrößerungen nicht mehr wahrnehmen können, eine würfelförmige Gestalt besitzen. Ist dies der Fall, so wäre ein Kristall, wie wir ihn in unserer Salzlösung finden, eben nichts, als eine regelmäßige Aneinanderlegung unendlich vieler solcher kleinster Teilchen, ähnlich so, wie sich aus den Holzwürfeln eines Baukastens schließlich ein großer Würfel aufbauen läßt. Sind nun jene kleinsten Teilchen eines Minerals nicht würfelförmig, sondern anders gestaltet, so wird natürlich in der Regel auch das von ihnen aufgeführte Gebäude, der sichtbare Kristall, eine dementsprechende Form haben.

Kurt: Haben denn alle Mineralien eine bestimmte Gestalt?

Dr. E.: Nein, nicht alle, aber doch die meisten. Freilich sieht man es manchem formlosen Stein nicht an, daß er im Grunde genommen aus zahllosen mikroskopischen Kriställchen zusammengesetzt ist.

Fritz: Das hätte ich wahrhaftig nicht gedacht, daß die meisten Steine kristallisiert sind. Vorhin hast du gesagt, es gäbe nur zwei Möglichkeiten, wie sich Kristalle bilden könnten, entweder in einer geschmolzenen Steinmasse, oder in einer gesättigten Lösung. Der erste Fall mag ja bei Vulkanen recht häufig sein, aber die Vulkane selbst sind doch nur sehr zerstreut; und wo solche gesättigten Lösungen in der Natur herkommen sollen, begreife ich auch nicht. Ich würde also meinen, Kristalle müßten recht selten sein.

Häufigkeit der Kristalle

Dr. E.: Nein, mein Junge! Diesmal hast du mit deinen beiden Annahmen gründlich vorbeigeschossen. Was zunächst die Häufigkeit des geschmolzenen Gesteins anlangt, so hast du ja wohl schon einmal gehört, daß unsere Erde früher wahrscheinlich ein feurig-flüssiger Ball war. Wie nun eine glühende Eisenkugel, die wir der Luft aussetzen, nach und nach ihre Wärme ausströmt und sich abkühlt, so mußte auch der im kalten Weltenraume kreisende geschmolzene Erdball im Laufe der Zeit von seiner Wärme verlieren. Dadurch bildete sich auf der ganzen Oberfläche eine anfangs dünne, dann mehr und mehr an Dicke zunehmende Kruste aus festem, erstarrtem Gestein. Während des Erstarrens schossen die einzelnen Mineralien dieses Gesteins in Kristallen an, und du siehst nun wohl ein, daß es damals keinen Punkt der Erde gab, wo nicht Kristallbildung in dieser Weise stattgefunden hätte. Doch damit nicht genug. Lange Zeit blieb die Kruste der Erde dünn, und es geschah daher auch noch später an allen Ecken und Enden, daß weitere geschmolzene Gesteinsmassen aus dem Erdinnern durch Spalten und Risse der Kruste hervorquollen und über derselben erstarrten. So kommt es denn, daß es in der Tat nur wenige Gegenden der Erde gibt, wo man nicht auch heute noch Felsarten beobachten könnte, die aus dem glutflüssigen Zustande hervorgegangen sind.

Nicht weniger irrig ist deine zweite Annahme, daß in der Natur gesättigte Lösungen nicht vorkämen, aus denen Kristalle sich ansetzen könnten. Sehr viele Mineralien sind, wie du weißt, im Wasser löslich, wenn auch oft nur in winzigen Mengen. Stecken solche Mineralien in einem Berge oder Felsen, so werden sie naturgemäß durch das einsickernde Regenwasser aufgelöst, und da, wo sie waren, entstehen Hohlräume. Diese füllen sich dann, gleich den durch Frost oder Erschütterung entstandenen Spalten des Gesteins, bald mit dem nachdringenden Sickerwasser an. Das Sickerwasser ist anfangs noch keine gesättigte Lösung der im Berge steckenden Mineralien; allein es wiederholt sich nun hier im kleinen derselbe Vorgang, den wir neulich beim Meer im großen besprochen haben. Etwas von dem Wasser verdunstet durch die Poren des Gesteins, und neues Sickerwasser bringt immer neue Mengen des aufgelösten Minerals. So wird die Lösung in der Höhlung oder in der Spalte allmählich gesättigt, und die Kristalle fangen an sich auszuscheiden. Wenn ihr euch nun vorstellt, daß ein solcher Vorgang Jahrtausende und Jahrhunderttausende im Innern der Berge ungestört weitergehen konnte, und daß die Bedingungen für schöne Kristallbildung — vollkommene Ruhe, gleichmäßige Temperatur und möglichst langsame Verdunstung des Wassers — die denkbar günstigsten sind, so werdet ihr es begreifen, wie man oft in solchen Hohlräumen, den sogenannten Drusen, sowie in den Spalten oder „Gängen“ der Gebirge Kristalle von einer Größe und Schönheit findet, wie wir sie künstlich auch nicht entfernt herstellen können. Hat man doch z. B. beim Bohren des Gotthardtunnels vom Quarz, einem Mineral, das nur spurenweise im Wasser löslich ist, Kristalle gefunden, die fast meterlange, mehrere Zentner schwere Säulen darstellen.

Kurt: Aber wie ist denn nun der gewöhnliche Sand entstanden? Der bildet doch keine Kristalle!

Entstehung des Sandes

Dr. E.: Wenigstens sollte es uns schwer werden, an diesen kleinen runden Körnchen noch irgend etwas von Kristallform zu entdecken. Aber man kann das dem Sande eigentlich nicht übelnehmen. Sieh mal, eine Kartoffel hat doch eine sehr schöne bestimmte Gestalt, wie sie eben jede Kartoffel hat. Wenn du sie aber zerreibst oder zerstampfst, so daß sie schließlich als Kartoffelmus auf den Tisch kommt, dann soll man ihr schwerlich mehr viel von der ursprünglichen Form ansehen. Ganz ähnlich aber ist es mit dem Sande. Ich habe euch vorhin erzählt, daß die ursprüngliche Erstarrungskruste der Erde jedenfalls eine feste, felsige Gesteinsmasse war. Sie bedeckte die ganze Erdoberfläche, und es gab also damals noch keinen Sand. Allein dieser Zustand wird nicht allzulange gedauert haben. Die starre Rinde hat augenscheinlich bald gewaltige Risse bekommen, so daß sie in einzelne Bruchstücke oder Schollen zerfiel, von denen einige in die Tiefe sanken und durch den Druck, den sie hierbei auf die glutflüssigen Massen des Innern ausübten, die andern Bruchstücke noch höher emporsteigen ließen. Diese emporgehobenen Schollen der Erdrinde bildeten die großen Erdteile. Über den in die Tiefe gesunkenen Schollen aber sammelte sich das Wasser an und bildete die Meere. Von jetzt ab waren die aus dem Wasser hervorragenden Teile der Erdoberfläche allen Einflüssen der Luft und des Regens ausgesetzt. Letzterer muß zu jenen Zeiten in gewaltigen Strömen geflossen sein, da bei der hohen Temperatur der Erde viel mehr Wasser verdampfte und in die Wolken überging als heutzutage. Wasser und Luft, ersteres namentlich durch sein unwiderstehliches Ausdehnungsbestreben beim Gefrieren, wirken nun im Laufe der Zeit in hohem Maße zerstörend auf das Gestein. Im Gebirge kann man ja tagtäglich und besonders nach jedem Regen beobachten, wie größere und kleinere Felsblöcke sich ablösen und aus der Höhe zu Tal stürzen. So vollzog sich ganz allmählich im Laufe sehr langer Zeiträume eine Zertrümmerung der festen Felsmassen in den Gebirgen. Die losgelösten Felsstücke wurden durch die reißenden Gebirgsbäche weitergeführt und bei ihrem Transport mehr und mehr zerkleinert; es entstanden die sogenannten Gerölle, der Kies und der Sand. Dabei erhielten die einzelnen Trümmerstücke durch das Reiben und Scheuern gegeneinander eine rundliche Form, wie wir sie jetzt an den Sandkörnchen und Bachkieseln beobachten. Außerdem mußten die vom Gebirge ins Meer fließenden Wasserläufe eine Art von Sortierung dieser Trümmer bewirken, indem die größeren und schwereren lange nicht soweit vom Wasser mitgeführt wurden, als die leichteren und kleineren. Es bildeten sich also hintereinander Ablagerungen von großen Geröllsteinen, Kies, grobem und feinem Sand, sowie endlich, aus den feinsten und leichtesten Zerreibungsteilchen des Gesteins, von Ton, der von den Flüssen bis weit in das offene Meer getragen wird und hier langsam als Schlamm oder Schlick zu Boden sinkt.

Fritz: Aus dem, was du uns erzählt hast, verstehe ich nun wohl, weshalb auf dem Boden der Flüsse und auch an seinen Ufern sich Sand findet. Aber es ist mir noch nicht recht klar, woher wir denn jetzt bei uns überall Sand oder Erde haben, im Walde, auf den Äckern, und selbst in der Stadt. Außerdem hast du gesagt, der Ton bilde sich nur auf dem Grunde des Meeres, und wir haben doch hier ganz in der Nähe auch Tongruben.

Dr. E.: Woher die oberen Lagen von Sand und Ton in unserer norddeutschen Tiefebene stammen, erzähle ich euch vielleicht ein andermal. Im allgemeinen mögt ihr bedenken, daß im Laufe von außerordentlich langen Zeiträumen die ersten Zertrümmerungsprodukte so mannigfache Schicksale erfahren haben, daß wir sie nicht im einzelnen verfolgen können. Sicher ist jedenfalls, daß die Verteilung von Land und Meer im Laufe der Zeiten ganz außerordentlich gewechselt hat, so daß dadurch jene Zertrümmerungsprodukte der starren Erdkruste schließlich über die ganze Erde in buntem Durcheinander verbreitet wurden. Heute ragt vielleicht das als Gebirge empor, was ehemals tief unter dem Meer begraben lag. Den besten Beweis hierfür liefern die Versteinerungen von Meerestieren, welche in fast allen Gebirgen, im Harz so gut wie in den Alpen, aber auch bei uns in manchen Tongruben gefunden werden. Die Kruste der Erde ist eben durchaus nicht so unabänderlich ruhig, wie man es gewöhnlich glaubt. Sorgsame Beobachtungen lehren vielmehr, daß auch jetzt noch gewisse Teile der Erdoberfläche in langsamer Hebung, andere in Senkung begriffen sind.

Kurt: Wie kommen denn aber die Meerestiere in den festen Felsen hinein?

Versteinerungen. Findlingsblöcke

Dr. E.: Ich habe euch vorhin erzählt, wie das zerkleinerte Gesteinsmaterial als Kies, Sand, Lehm und Ton schließlich durch die Flüsse ins Meer gespült wird und dort in die Tiefe sinkt. Hier nun ist es dem Drucke der darüberliegenden Wasserschichten ausgesetzt, der bei großer Meerestiefe ein ganz ungeheurer wird. Das anfangs lockere Material, in welches die absterbenden Meerestiere hineinsinken, wird dadurch im Laufe der Zeit wieder zu festen, felsartigen Massen zusammengebacken. Wenn diese dann nach Jahrtausenden durch Hebung über den Spiegel des Meeres gelangen, so machen sie fast ganz den Eindruck ursprünglicher Gebirgsarten. Zwei Kennzeichen gibt es jedoch, nebenbei bemerkt, an denen man sie ziemlich sicher von den ursprünglichen, anfangs glutflüssigen Gesteinen unterscheiden kann: die Schichtung infolge der schichtenweisen Ablagerung im Meere und die in ihnen steckenden Versteinerungen.

Fritz: Eine Frage möchte ich aber doch noch tun. Wenn unsere Gegend wirklich früher Meeresboden gewesen ist und auf diesem nur Sand und Ton sich ablagern konnten, höchstens vielleicht noch Kies am Strande, woher kommen dann die großen Steinblöcke oder Feldsteine, die man soviel auf den Äckern findet? Gewachsen sind sie doch dort nicht, und ein Gebirge, von dem sie herunterfallen konnten, ist ja auch nicht da.

Dr. E.: Die Frage, die du da eben berührst, hat die Naturforscher viele Jahrzehnte lang beschäftigt. Anfangs glaubte man, diese sogenannten erratischen oder Findlingsblöcke seien zur Zeit, als unser Land noch vom Meer bedeckt war, auf gewaltigen Eisbergen vom Norden und Nordosten hergeschwommen und beim allmählichen Schmelzen der Eisberge in die Tiefe gefallen. Diese Ansicht aber hat man aus verschiedenen Gründen aufgeben müssen und man ist jetzt zu der Überzeugung gelangt, daß jene Blöcke mit Hilfe von Gletschern nach hier getragen wurden. Daß Gletscher wandern, d. h. daß ihre Eismassen von hinten her vorrücken, wenn das Vorderende abschmilzt, haben wir ja schon neulich besprochen. Wir brauchen daher nur noch anzunehmen, daß von Schweden und Finnland bis zu uns eine einzige ungeheure Eismasse das Land bedeckte, ganz ähnlich, wie es heute in Grönland der Fall ist. Die Felsblöcke, welche dort in den nordischen Gebirgen auf das Gletschereis fielen oder unten bzw. in ihm festfroren, wurden mit dem vorrückenden Eise weiter und weiter getragen, bis sie schließlich beim Abschmelzen des Eises am Vorderrande als sogenannte Stirn-Moräne und auf dem ganzen Wege des Gletschers als Grund-Moräne zu Boden fielen. Von manchen unserer erratischen Blöcke kann man sogar ganz genau angeben, von welchem Gebirgsstock im fernen Schweden oder Finnland sie herstammen.

Kurt: Dann kann man hier wohl alle möglichen verschiedenen Steine finden?

Dr. E.: Ganz gewiß. Für den Sammler von Mineralien und Gebirgsarten gibt es kaum eine bessere Gelegenheit, alle möglichen Formen zusammenzubringen als in Norddeutschland; die Natur selbst hat sich in der norddeutschen Tiefebene mit Hilfe der Gletscher gewissermaßen ein mineralogisches Museum angelegt. Es sollte mich freuen, wenn ihr euch im nächsten Frühjahr ein wenig um die Mannigfaltigkeit dieser Gesteinsarten kümmern wolltet.