Dritter Abend.
Nun, Kinder, fragt Dr. Ehrhardt am folgenden Sonntage, als die Knaben zur gewohnten Plauderstunde um ihn versammelt sind, habt ihr euch inzwischen nach weiteren Mineralien im Hause umgesehen?
Kochsalz, Löslichkeit
Fritz: O ja, Vater. Ich habe zunächst gefunden, daß zwar sehr vieles aus dem Mineralreiche stammt, wie der Ofen, die Fensterscheiben, das Porzellan, das Geld, die eisernen, kupfernen und messingnen Gerätschaften, daß aber die wirklichen Mineralien doch nur sehr sparsam vorhanden sind. Zu diesen rechne ich z. B. das Quecksilber im Thermometer, das ja wohl ebenso in der Natur vorkommt; dann aber vor allem das Kochsalz, von dem wir kürzlich gelernt haben, daß es große Lager unter der Erde bildet.
Dr. E.: Gegen das, was du sagst, ist wenig einzuwenden. Quecksilber findet sich in der Tat in Form metallischer Tröpfchen oder, wie man sagt, „gediegen“ hie und da in Gebirgen, wie in Idria und Krain. Auch mit dem Kochsalz hast du recht, denn es wird als sogenanntes Steinsalz in großen Mengen bergmännisch gewonnen. — Kommt denn aber das Salz nur in solchen unterirdischen Lagern vor?
Kurt: O nein, auch im Meer ist viel Kochsalz enthalten.
Dr. E.: Schön, Kurt. Außerdem findet es sich dann noch in sogenannten Solquellen sowie als Steppen- oder Wüstensalz.
Hans: Wovon ist denn das Meer so salzig, Papa?
Dr. E.: Aber Hänschen, weißt du denn nicht, daß im Meere so viele Heringe sind? Da muß es doch wohl salzig davon werden.
Hans: Ach, Papa, jetzt willst du bloß Spaß mit mir machen. Ich weiß ganz gut: die frischen Heringe, die aus dem Meere kommen, sind gar nicht salzig; die werden erst nachher eingesalzen.
Dr. E.: Nun, wenn du es sagst, so muß ich es wohl glauben. Dann heißt es also, einen andern Grund zu finden. Zunächst aber: Woher weißt du denn, daß das Meer salzig ist?
Hans: Ei, es schmeckt ja doch salzig!
Dr. E.: Aber warum schmeckt es denn?
Hans: Ja, das kann ich nicht weiter sagen. Wenn Salz drin ist, muß es doch danach schmecken.
Dr. E.: Das sehe ich noch nicht ein. Warum schmeckt denn das Meer nicht nach Kieselsteinen? Die sind doch auch drin.
Kurt: Das ist doch nicht schwer zu erklären! Kieselsteine schmecken ja überhaupt nicht; Salz schmeckt aber, wenn wir es in den Mund nehmen.
Vorkommen des Salzes. Salzgehalt des Meerwassers
Dr. E.: Und ihr könnt mir nicht in klaren Worten ausdrücken, woher das kommt?
Fritz: O, ich kann es. Salz löst sich im Wasser und also auch im Speichel des Mundes, und so kann es auf die Geschmacksnerven unserer Zunge einwirken. Kieselsteine sind unlöslich, und folglich wirken sie auch nicht auf unser Geschmacksorgan.
Dr. E.: So war’s gut. Was ich wissen wollte, war, daß das Kochsalz im Wasser löslich ist, wie ihr ja übrigens an jeder Fleischsuppe beobachten könnt.
Kurt: Das hab’ ich schon lange gewußt! Ich weiß auch, daß Tante Lotte gegen ihren Rheumatismus immer künstliche Seebäder braucht. Da wird ein ganzer Eimer Salz in die Badewanne geschüttet, und das löst sich dann in gewöhnlichem Wasser auf.
Dr. E.: Nun, dann hat vielleicht irgend jemand auch ins Meer eine recht große Portion Salz hineingeschüttet, daß es dadurch salzig geworden ist.
Fritz: Aber Vater! Ich kann es mir ja sehr gut denken, daß das Meer alle Salzlager, auf die es traf, aufgelöst hat, und daß es so zu einer Salzlösung wurde. Ich weiß nur nicht, warum alle Meere salzig sind, während dies doch bei den Seen und Flüssen selten oder gar nicht vorkommt.
Dr. E.: Wenn irgendwo Salz im Meere aufgelöst wird, so versteht es sich eigentlich von selbst, daß dieser Salzgehalt auch dem Wasser aller anderen Meere sich mitteilen muß, da, wie ihr wißt, alle Meere zusammenhängen und ihr Wasser durch mannigfache Strömungen miteinander austauschen. Was aber deine zweite Bemerkung anlangt, daß die Seen und Flüsse nie oder doch nur selten Salz enthalten, so beruht dieselbe auf einem vollständigen Irrtum. Im Gegenteil, wir können wohl mit einigem Rechte sagen, daß alles Quell-, Fluß- und Seewasser auf der Erde Salz enthält, wenn auch meist in so geringen Mengen, daß wir es nicht schmecken können. Einen deutlichen Geschmack davon haben wir erst, wenn in 1000 Teilen Wasser mehr als ein Teil Salz enthalten ist.
Fritz: Das habe ich freilich nicht gewußt. Aber klar ist mir die Sache darum doch noch nicht. Denn ich sehe noch immer nicht ein, warum dann das Meer so viel Salz enthält, daß es abscheulich danach schmeckt, während in den Seen und Flüssen so wenig ist, daß man reines Wasser zu trinken glaubt.
Dr. E.: Das ist endlich eine Fragestellung, die ich mir gefallen lasse. Wir wollen doch sehen, wieweit ihr selbst mit deren Beantwortung zustande kommt. — Weißt du noch, Hansel, was wir neulich vom Regen besprochen haben?
Hans: O ja, Papa! Der Regen kommt zuerst als Wasserdampf aus dem Meer. Der Wasserdampf kühlt sich oben in der Luft zu Dunstbläschen ab, und diese bilden dann die Regenwolken.
Dr. E.: Ganz gut. Und hast du behalten, Kurt, wie das Wasser des Regens beschaffen war?
Kurt: Ja, das war fast ganz reines Wasser, weil es gewissermaßen durch Destillation entstanden war.
Dr. E.: Gewiß. Bleibt dieses Wasser so rein, wenn es in den Erdboden sickert und als Quelle wieder irgendwo zum Vorschein kommt?
Fritz: Nein, dann hat es viele lösliche Stoffe aus dem Boden in sich aufgenommen.
Dr. E.: Richtig, und unter diesen natürlich auch das überall verbreitete Kochsalz, das auf diese Weise in die Bäche und Flüsse gerät.
Fritz: Da aber alle Flüsse zuletzt ins Meer münden, so werden demselben fortwährend die gelösten Kochsalzmengen zugeführt. Das ist ja nicht schwer zu begreifen. Aber dabei handelt es sich doch immer nur um eine ganz schwache Lösung!
Dr. E.: Das wird niemand in Abrede stellen. Wenn du jetzt nur ein klein wenig nachdenken wolltest, würdest du die Lösung des Rätsels schon finden können! Überlege doch noch einmal alles, was wir eben festgestellt haben. Denke auch daran, daß die Menge des Wassers im Meere trotz aller Zuflüsse immer die gleiche bleibt, da annähernd ebensoviel verdampft wie zufließt.
Fritz: Also aus dem Meere steigt fortwährend Wasserdampf auf, der zu reinem Wasser wird; dieses fällt auf die Erde, nimmt Salz auf und fließt dann wieder ins Meer — —
Kurt: O, ich hab’s. Die Salzmenge im Meer wird immer größer, weil die Flüsse immer neues hinzubringen, die Wassermenge aber wird nicht größer, weil soviel in die Wolken geht. Folglich muß das Meer immer salziger werden.
Dr. E.: Nun, es scheint, als wenn du die Sache ahnst; klar ausgedrückt aber hast du sie nicht. Am einfachsten wäre es wohl, wenn wir uns das Meer als ein Glas Wasser vorstellen, das fast bis zum Rande gefüllt ist. Wenn wir nun in dieses Glas unausgesetzt Salz hineintun, wenn auch in noch so winzigen Mengen, ohne die Menge des Wassers selbst zu vermehren, so ist selbstverständlich, daß die Masse des Salzes im Verhältnis zum Wasser mehr und mehr zunimmt. Gerade so ist es im Meer. Der Zufluß des Wassers der Flüsse ist nur eine scheinbare Vermehrung des Meerwassers, da ebensoviel in die Luft verdampft; der Zufluß an Kochsalz ins Meer ist aber eine wirkliche Vermehrung, da dasselbe nicht wieder mit dem Wasserdampf in die Wolken geht. Wir können daher den Kreislauf des Wassers ganz außer acht lassen und uns die Sache einfach so vorstellen, als wenn eben nur kleine Mengen Kochsalz ohne Unterlaß in das Meer eingeführt würden. Auf diese Weise hat das Meer im Laufe der Jahrtausende fortgesetzt eine „Anreicherung“ an Kochsalz erfahren und mußte dadurch soviel salziger werden als die Flüsse, welche es ihm zuführen.
Kurt: Aber wenn das so weitergeht, so wird ja schließlich das Meer aus lauter Kochsalz bestehen!
Dr. E.: O nein, mein Junge. Es ist schon dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen! Zunächst kann das Wasser nicht beliebig viel Salz auflösen, wie du wohl glaubst. Es geht ihm ähnlich wie dem Menschen, der auch nur essen kann, bis er gründlich gesättigt ist. Wenn ich in einem Liter Wasser, das bekanntlich ein Gewicht von 1000 Gramm oder einem Kilogramm hat, etwa 350 Gramm Kochsalz aufgelöst habe, also ziemlich ein Drittel seines Gewichts, so ist das Wasser gewissermaßen satt. Ich kann tun, was ich will, alles Salz, was ich nun noch hineinschütte, fällt einfach zu Boden, als wenn das Salz der unlöslichste Körper von der Welt wäre. Man sagt dann: das Wasser ist gesättigt, oder wir haben eine gesättigte Kochsalzlösung. Weiter könnte es also auch mit dem Meere niemals kommen; es könnte eine gesättigte Kochsalzlösung werden mit 350 Gramm Salz auf 1000 Gramm Wasser; alles weitere Salz aber müßte zu Boden fallen.
Gesättigte Lösung
Fritz: Und ist denn das Meer bald so weit, daß es eine gesättigte Lösung darstellt?
Dr. E.: Keineswegs. Die heutigen Meere enthalten durchschnittlich auf 1000 Gramm Wasser nicht 350, sondern nur 35 Gramm Kochsalz, so daß sie also noch zehnmal mehr aufnehmen könnten, ehe sie gesättigt wären. Und sehr viel weiter als jetzt werden sie mit ihrem Salzgehalt auch wohl schwerlich kommen.
Kurt: Warum denn nicht?
Dr. E.: Ich meine, wenn die Quellen schon viele Millionen Jahre das Kochsalz, das sich in der Erde findet, aufgelöst und dem Meere zugeführt haben, so kann das, was noch übrig ist, nicht so schrecklich viel sein, daß dadurch die ungeheure Wassermenge des Ozeans um ein Beträchtliches salziger würde.
Fritz: Aber ich denke, da sind doch noch die großen Steinsalzlager in der Erde, die aufgelöst werden können?
Dr. E.: Diese sind im allgemeinen durch Ton und andere Schichten, welche das Wasser nicht durchsickern lassen, vor dem Aufgelöstwerden geschützt, sonst wären sie eben schon längst verschwunden. Auch liegen die meisten so tief unter der Erde, daß das in den Erdboden dringende Regenwasser sie nicht mehr erreichen kann.
Kurt: Weiß man denn, wie diese Steinsalzlager entstanden sind?
Dr. E.: Freilich, Kurt; das ist kein großes Geheimnis. Wir haben bisher nur immer von dem allgemeinen Weltmeer gesprochen, dessen Wasser noch lange nicht mit Kochsalz gesättigt ist und auch nie gesättigt werden wird. Ganz anders aber können sich die Verhältnisse gestalten, wenn es sich um kleinere, vollkommen abgeschlossene Meere handelt, wie etwa das Kaspische Meer, das Tote Meer u. a. Diese liegen, wie ihr wißt, in heißen und ziemlich regenlosen Gegenden. Die Verdampfung ihres Wassers ist also groß, der Zufluß an Wasser durch die Bäche und Flüsse aber so gering, daß er die Menge des verdampfenden Wassers nicht ersetzen kann. Was wird hiervon die Folge sein?
Fritz: Ein solches Binnenmeer muß natürlich immer kleiner werden.
Dr. E.: Das ist sicher die erste Folge. Nehmen wir nun an, dieses Meer habe anfangs auch einen Salzgehalt gehabt, wie das Weltmeer, also 35 Gramm Kochsalz auf 1000 Gramm Wasser, so ist klar, daß nach einiger Zeit, wenn ein Teil des Wassers verdampft und nicht durch genügenden Zufluß ersetzt ist, auf 35 Gramm Kochsalz nicht mehr 1000 Gramm Wasser, sondern nur noch etwa 800, wieder nach einiger Zeit nur 500 Gramm Wasser kommen werden, und dies wird so fortgehen, bis für je 35 Gramm Kochsalz nur noch je 100 Gramm Wasser vorhanden sind, d. h. bis der Sättigungspunkt des Wassers erreicht ist. Ein solches Binnenmeer, in welchem der Sättigungspunkt des Wassers nicht nur erreicht, sondern sogar schon überschritten wurde, ist beispielsweise das Tote Meer. Es führt bekanntlich seinen Namen daher, daß kein Fisch, ja überhaupt kein lebendes Wesen in dieser gesättigten Kochsalzlösung existieren kann.
Entstehung der Steinsalzlager. Salzgärten
Kurt: Was geschieht denn aber nun, wenn das Wasser noch mehr abnimmt?
Dr. E.: Wenn du dir das nicht denken kannst, so könnten wir es ja einmal ausprobieren. Wir stellen uns zunächst eine gesättigte Kochsalzlösung her, indem wir 350 Gramm Salz in einem Liter Wasser auflösen. Diese Lösung gießen wir dann in eine flache Schale, welche das Tote Meer darstellt, und warten nun ab, was geschehen wird, wenn ein Teil des Wassers verdampft ist. Ich denke, am nächsten Sonntag werden wir schon etwas daran sehen können.
Fritz: Das kann man sich doch auch so vorstellen, was dann geschehen wird: Wenn nicht mehr genug Wasser da ist, um alles Kochsalz aufzulösen, so muß voraussichtlich ein Teil zu Boden fallen, ganz so, als wenn wir gleich anfangs zu viel Salz ins Wasser geworfen hätten.
Dr. E.: Nun, wir werden das ja am nächsten Sonntag feststellen. Im allgemeinen aber hast du recht. Ein Teil des Salzes fällt zu Boden und bildet hier eine Kruste, die natürlich immer dicker wird, je mehr das Wasser abnimmt. Schließlich kann, beim Versiegen aller Zuflüsse in der heißen Jahreszeit, auch der letzte Rest des Wassers verdampfen, und wir haben es dann mit ausgedehnten Salzkrusten auf dem trockenen Erdboden zu tun, wie solche als Wüsten- oder Steppensalz in den heißen Ländern vielfach bekannt sind. Auch das Tote Meer hat auf seinem Grunde sicher schon eine beträchtliche Kruste von Salz abgelagert, wie aus gewissen Beobachtungen zu schließen ist. Da aber hier die Zuflüsse, die Sand und Schlamm mit sich führen, nicht völlig fehlen, so leuchtet ein, daß neben dem Salz auch Sand, Ton und Schlick auf dem Grunde sich absetzen werden. Wenn ihr nun bedenkt, daß diese Zuflüsse zur Regenzeit viel Wasser und Schlamm bringen, im Sommer aber fast oder ganz austrocknen und das unter der Sonnenglut verdunstende Meerwasser nicht ergänzen können, so folgt daraus, daß immer abwechselnd Tonschlamm während der Regenzeit und Salz während der trockenen Jahreszeit am Boden sich niederschlagen werden. Dies wird durch Jahrtausende sich so lange wiederholen, bis schließlich, wenn aus irgendeinem Grunde die Zuflüsse mehr und mehr versiegen, das Tote Meer eines Tages völlig ausgetrocknet ist. Ihr seht ein, daß dann die ältesten Salzschichten vielleicht schon viele Hundert Meter unter Schlamm, Erde und Ton begraben liegen, d. h. also so tief, daß das gewöhnliche Regenwasser, das nun aus den oberen Schichten das Salz allmählich wieder auflöst und fortführt, sie lange nicht mehr erreichen kann. Bohrt dann nach vielleicht abermals vielen Jahrtausenden an der Stelle des ehemaligen Meeres der Mensch ein Loch in die Tiefe, so stößt er nach Durchdringung dicker Ton-, Gips- und Sandlagen schließlich auf Schichten, die aus reinem Salz bestehen, und man sagt: Es ist ein Steinsalzlager erbohrt worden.
Fritz: Dacht’ ich mir’s doch, daß du uns schildern wolltest, wie ein Steinsalzlager entsteht. — Solche Lager kommen dann wohl nur in heißen Gegenden vor?
Dr. E.: Nicht doch, Fritz. Wir haben davon auch in Deutschland eine ganze Menge, die zum Teil sehr umfangreich und mächtig sind. Am berühmtesten sind die von Sperenberg bei Berlin und von Staßfurt bei Magdeburg, wo eine reine Salzschicht von mehreren Hundert Meter Dicke gefunden wurde.
Fritz: Wird denn aus dem Meer auch Salz gewonnen?
Dr. E.: O ja, in ziemlich großer Menge, wenn auch nicht gerade in Deutschland.
Kurt: Warum denn nicht bei uns?
Dr. E.: Erstens haben wir schon Steinsalz genug, und zweitens ist bei uns zu viel Regen und zu wenig Sonnenschein.
Kurt: Du meinst, daß durch zu viel Regen das Meerwasser zu sehr verdünnt wird?
Dr. E.: Aber Kurt! Du solltest dir doch nun eigentlich allein ausdenken können, in welcher Weise das Salz aus dem Meere gewonnen werden muß, nachdem ich euch erzählt habe, wie es die Natur macht?
Kurt: Man kann doch nicht ein ganzes Meer austrocknen?
Dr. E.: Nein, gewiß nicht. Und nun weißt du weiter keinen Rat?
Fritz: Man wird wohl einzelne Buchten vom Meere absperren?
Dr. E.: Oder, was dasselbe ist, man wird große flache Bassins in der Nähe des Meeres anlegen, sogenannte „Salzgärten“, und diese durch Schleusen mit dem Meere verbinden. Sind diese Bassins voll Wasser gelaufen, so schließt man die Schleusen und läßt nun das Wasser verdunsten, bis das Salz sich niederschlägt. Es ist klar, daß dies nur dort geschehen kann, wo es wenig regnet, und wo die Sonne so warm scheint, daß das Wasser in den Bassins sich bald in Dampf verwandelt, denn sonst würde sich die ganze Anlage wohl schwerlich lohnen. In Südfrankreich und den Mittelmeerländern ist dieses Verfahren ziemlich häufig in Anwendung.
Kurt: Dann kann man bei uns also nur Steinsalz gewinnen?
Dr. E.: Das will ich denn doch nicht gesagt haben. Vielmehr kommt bei uns sehr viel Salz in den Handel, das wieder auf ganz andere Art gewonnen wurde.
Fritz: Noch auf eine andere Art? Ich dachte, es gebe bloß Steinsalz und Seesalz.
Salinen. Gradierwerke
Dr. E.: Nein, es gibt auch Salinensalz. Ich habe euch vorhin erzählt, daß die Steinsalzlager in der Regel so tief liegen und so gut durch Tonschichten geschützt sind, daß das Regenwasser sie nicht erreichen kann. Denkt euch aber mal, eine Quelle im Innern der Erde geriete doch in eine salzführende Schicht oder in ein ganzes Salzlager hinein; was wird die Folge sein?
Kurt: Natürlich wird das Salz sich auflösen.
Dr. E.: Und die Quelle, wenn sie nun irgendwo aus dem Boden hervorsprudelt?
Kurt: Die wird salzig schmecken.
Dr. E.: Das heißt mit andern Worten: Wir werden das haben, was man eine Salz- oder Solquelle nennt.
Fritz: Richtig! Die werden gegen Rheumatismus und viele andere Krankheiten gebraucht. Die gibt’s ja in Thüringen und bei Halle und an vielen andern Orten.
Dr. E.: Auch in Norddeutschland, z. B. bei Lüneburg, Stade und Segeberg, sind sie zu finden. Außer zu Heilzwecken werden diese Solquellen nun auch zur Salzgewinnung benutzt.
Kurt: Das sind dann wohl immer ganz gesättigte Lösungen, wenn sie direkt durch so ein Steinsalzlager geflossen sind?
Dr. E.: Leider nicht. In der Regel ist ihnen, ehe sie an die Oberfläche kommen, aus andern oberflächlichen Schichten schon wieder so viel süßes Wasser zugeflossen, daß sie vom Sättigungspunkte weit entfernt sind und häufig kaum mehr Salz enthalten als das Meerwasser.
Fritz: Aber dann muß man das überflüssige Wasser doch auch erst verdampfen lassen, wie beim Meerwasser.
Dr. E.: Selbstverständlich; es geschieht dies jedoch auf eine andere Art, als in den südeuropäischen Ländern bei der Meersalzgewinnung. — Wer sagt mir, wie’s gemacht wird?
Kurt: Man könnte das Wasser in einer großen Pfanne durch Feuer zum Verdampfen bringen.
Dr. E.: Das dürfte ein kostspieliges Vergnügen sein, denn Holz kostet Geld, und Salz ist billig. Freilich, wenn die Sole sehr stark und fast gesättigt ist, macht man es wirklich so, wie du sagst. Enthält sie aber nur wenige Prozent, so muß man erst auf billigere Weise das viele überflüssige Wasser wegzuschaffen suchen. Gibt es denn kein Mittel, die Verdunstung des Wassers zu beschleunigen?
Fritz: Außer der Wärme wüßte ich keins.
Dr. E.: Nun, wir wollen sehen. Wenn ich dieses Glas mit Wasser fülle und es ruhig stehen lasse, wie lange wird es wohl dauern, bis es völlig verdunstet ist?
Kurt: Das ist schwer zu sagen; ich meine aber, 14 Tage würden wohl darüber hingehen.
Dr. E.: Das glaube ich auch. Wenn ich nun dasselbe Wasser mit der Hand über das ganze Zimmer und den Vorplatz aussprenge, wird es dann ebenfalls 14 Tage dauern, bis es in Dampf verwandelt ist?
Fritz: Nein, das währt höchstens ein paar Stunden, dann ist alles aufgetrocknet.
Dr. E.: Seht, und damit habt ihr das unbekannte Mittel, die Verdampfung des Wassers zu beschleunigen. Worin besteht es?
Fritz: Es liegt, wie mir scheint, darin, daß das Wasser fein verteilt werden muß, wenn es schneller verdampfen soll. Dann kann die Luft viel besser ankommen.
Dr. E.: Gut so, Fritz. Jetzt ist das ganze Verfahren leicht erklärt. In der Nähe der Salzquelle werden große Wände von Reisig aufgeschichtet, und über diese läßt man die Sole langsam von Zweig zu Zweig herabrieseln. Mit großer Geschwindigkeit verdampft ein Teil des Wassers, und wenn man das Herabrieseln ein paarmal wiederholt hat, so ist der Salzgehalt verhältnismäßig so viel größer geworden, daß die Sole „sudwürdig“ ist, d. h., daß man sie nun in Pfannen über Feuer weiter verdampfen kann.
Fritz: Ach, solche Reisigwände haben wir schon mal von der Eisenbahn aus gesehen, als wir im vorigen Jahre in Thüringen waren. Du sagtest damals noch, das wären Gradierwerke; aber ich konnte nicht weiter danach fragen, weil du gerade mit einem fremden Herrn im Gespräch warst.
Dr. E.: In der Tat führen die Reisigwände mit den zugehörigen Pumpen den Namen Gradierwerke, weil dadurch ein höherer Grad von Salz in der Sole erreicht wird. Man sagt auch wohl, die Sole wird durch dieses Überrieseln des Reisigs „gradiert“. Immerhin ist die Menge Salz, die in den Gradierwerken gewonnen wird, gering gegen diejenige aus den Steinsalzbergwerken.
Verwendung des Salzes
Hans: Brauchen denn die Menschen so furchtbar viel Salz zum Essen?
Dr. E.: Nicht bloß zum Essen, Hans. Salz ist auch sonst einer der wichtigsten und unentbehrlichsten Stoffe für alle möglichen Gewerbsbetriebe. Daß es zum Konservieren des Fleisches und der Fische dient, weißt du ja schon, denn du hast mir vorhin selbst von den gesalzenen Heringen erzählt. Sodann wird es gebraucht zur Herstellung der Salzsäure, der Soda, des Chlors, des Salmiaks, bei der Seifenfabrikation, in der Gerberei, beim Glasieren der Tongeschirre, zum Düngen und zu vielen andern Zwecken.
Kurt: Ist es denn wirklich zum Essen notwendig? Ich dachte, der Mensch brauche nur Nahrung aus dem Tier- und Pflanzenreich und keine Mineralien.
Dr. E.: Das ist ein Irrtum. Das Kochsalz spielt im Körper eine sehr große Rolle; es bildet einen wichtigen Bestandteil unseres Blutes und liefert z. B. im Magen die für die Verdauung so wichtige Salzsäure. Auch der Schweiß und die Tränen schmecken bekanntlich deutlich salzig. Personen, denen man das Salz entzieht, werden bleichsüchtig und gehen schließlich zugrunde. Übrigens wißt ihr ja selbst, wie nüchtern und fade uns sehr bald die Speisen vorkommen, die nicht genügend von dieser Würze enthalten.
Fritz: Dann wundert’s mich, daß die Tiere so ganz ohne Salz auskommen können. Die finden doch keins in der Natur, wenn sie nicht gerade an eine Salzquelle kommen.
Dr. E.: Freilich, Bergwerke und Salzgärten können sie sich nicht machen. Da aber die Pflanzen aus dem Erdboden Salz aufnehmen, das dann wieder mit der Pflanzennahrung in die Tiere übergeht, so ist klar, daß kein Tier ganz ohne Kochsalz zu leben braucht. Bei den Raubtieren scheint die Menge völlig zu genügen, welche sie mit dem Fleisch und namentlich mit dem gierig getrunkenen Blut ihrer Opfer in sich aufnehmen; bei den Pflanzenfressern jedoch zeigt sich in der Tat häufig ein sogenannter Salzhunger, und der Landmann macht daher seinen Kühen und Schafen durch Verabreichung von Salz eine ganz besondere Freude.
Fritz: Ja, vom Viehsalz habe ich schon mal gehört. Ist denn das noch etwas anderes als das gewöhnliche Kochsalz?
Dr. E.: Nur insofern, als es absichtlich durch Kohle, Eisenrost usw. verunreinigt wurde.
Kurt: Aber warum macht man denn das? Die armen Tiere könnten doch auch wohl reines Salz bekommen!
Dr. E.: Da das Salz für alle Menschen unentbehrlich ist, so betrachtet der Staat es als eine vorzügliche Einnahmequelle, indem er von jedem Zentner Salz, der gewonnen wird, seine Steuer erhebt. Das gilt indes nur für das zum Genuß für den Menschen bestimmte Salz. Das Viehsalz und das in den Gewerben benutzte hingegen ist steuerfrei. Damit nun dieses billigere Salz nicht doch noch unrechtmäßigerweise seinen Weg in die Küche finde, wird es in der angegebenen Weise verunreinigt oder, wie man sagt, es wird „denaturiert“.
Doch nun habe ich euch genug vom Salz erzählt. Nächsten Sonntag werden mir Kurt und Hans ihre mineralogischen Entdeckungen im Hause vortragen. Dann wollen wir auch sehen, was aus unserm Toten Meer geworden ist, das wir jetzt gleich hier in dieser Glasschale zurechtmachen wollen.