Zweiter Abend.

Heda, Kurt! Hans! ruft Dr. Ehrhardt aus der Tür seines Studierzimmers den von oben herabpolternden Knaben entgegen, wo steckt ihr denn heute so lange? Es ist ja schon ganz dunkel.

Kurt: Ach, Vater, wir sind oben auf dem Boden gewesen und haben das große Puppentheater heruntergeholt, um damit zu spielen. Aber das sah aus!

Hans: Ja, lauter Spinnengewebe saßen in den Ecken, und eine große schwarze Spinne wäre mir beinah in den Ärmel gekrochen, wenn ich sie nicht noch rechtzeitig abgeschüttelt hätte.

Dr. E.: Na, das wäre doch auch nicht so ein großes Unglück gewesen!

Hans: Aber es war ja eine ganz große! Und sie lief so schnell!

Dr. E.: War sie denn größer als du selbst? Ich meine, ein ordentlicher Junge soll sich vor nichts fürchten, am wenigsten vor einem so winzigen Tierchen, das er mit einem Finger zerdrücken kann.

Der Widerwille gegen Spinnen

Hans: Ach, Papa, die Spinnen sind doch zu garstig, die mag ja kein Mensch leiden!

Dr. E.: Höre mal, Hans: Wie du noch ein ganz kleiner Junge warst, daß du kaum laufen konntest, da hast du immer die Kakerlaken in der Küche gegriffen, und wie ich dir eine solche Spinne wie heute in die Hand gab, da hast du laut aufgejauchzt vor Freude über das hübsche Tier.

Hans: Ja, damals! Aber Doris sagt, sie wären giftig und brächten Unglück.

Dr. E.: Nun, da haben wir’s! Dacht’ ich mir doch, daß wieder so ein Kinderstubenklatsch dahinter stecke! Giftig sind unsere einheimischen Spinnen für den Menschen nicht, und Unglück können sie natürlich auch nicht bringen.

Kurt: Aber häßlich sind sie doch, Vater. Ich kann sie auch nicht leiden.

Dr. E.: Ob hübsch oder häßlich, das ist eine sehr schwierige Frage. Hübsch ist doch das, was zweckentsprechend erscheint, und von diesem Gesichtspunkt aus ist die Spinne ebenso wohlgebaut, wie irgendein anderes Tier oder wie wir selbst.

Fritz: Das ist wohl wahr, aber die Spinnen müssen doch etwas in ihrem Wesen haben, was uns unheimlich ist. Sonst würde dieser Widerwille kaum so allgemein sein.

Dr. E.: Dieser allgemeine Abscheu beweist doch weiter nichts, als daß die armen Spinnen von altersher, wie die Kröten, vom unwissenden Volk als giftig und unheilbringend betrachtet wurden, und daß diese irrige Ansicht auch heute noch unser Gefühl beeinflußt. Wie ungerecht der Mensch in dieser Hinsicht sein kann, das lehrt z. B. die geradezu unglaubliche Furcht, welche die Italiener vor den so harmlosen Geckos hegen, einer in den Häusern lebenden Eidechsenform mit Haftscheiben an den Zehen. Ich selbst habe gesehen, wie sie ein solches Tier in grausamster Weise zu Tode marterten. Dabei glaubten sie dann noch ein gutes Werk zu tun.

Kurt: Ja, das mag alles sein; aber die Spinnen kann ich doch nicht anfassen.

Dr. E.: Von dir, lieber Kurt, hätte ich das am allerwenigsten erwartet, da du doch sonst ein vernünftiger Junge bist. Den sogenannten „natürlichen“ Widerwillen, der uns aber erst in der Kinderstube eingeimpft ist, muß man doch, wenn man größer wird, auch ein wenig bekämpfen können. Sieh, da war einmal ein berühmter Astronom, ich glaube Mädler war es, der als Knabe seinen Vater bat, Naturforscher werden zu dürfen. „Das ist nicht so leicht, mein Junge“, sagte der Vater; „ein Naturforscher darf vor nichts zurückschrecken und muß ein ganzer Kerl sein; ein Naturforscher muß Spinnen essen können.“ Mädler ging still hinaus. Als aber 14 Tage verflossen waren, trat er in des Vaters Stube mit einem großen Butterbrot, das dick mit Spinnen belegt war. „Sieh, Vater, nun kann ich’s,“ sagte er, und biß herzhaft hinein. Das war aber eben auch ein Junge, aus dem nachher etwas Großes geworden ist. Da solltet ihr doch wenigstens so viel Selbstüberwindung haben, daß ihr die Tiere gelegentlich einmal anfaßt und sie genauer betrachtet. Auch mir waren sie als Knaben recht widerwärtig. Da beschloß ich mir eine Sammlung von Spinnen anzulegen, und bald war der Widerwille wie weggeblasen.

Grausamkeit der Spinnen

Fritz: Aber es läßt sich doch nicht leugnen, Vater, daß die Spinnen sehr grausame Geschöpfe sind, die andern nachstellen und sie auffressen.

Dr. E.: Diese Eigenschaft hat die Spinne mit recht vielen andern Tieren gemein, denen man ganz und gar keinen Vorwurf daraus macht. Die Spinne frißt Fliegen und Mücken; genau dasselbe tun die Nachtigall und die Schwalbe, ohne daß sie uns deshalb garstig oder grausam erschienen. Ein jedes Geschöpf hat das Recht zu leben und die Nahrung zu suchen, die ihm zuträglich ist. Auch der Mensch tötet Millionen von harmlosen Tieren, um nicht selbst Hungers zu sterben.

Fritz: Aber die Hinterlist, mit der die Spinne ihre Netze spinnt und die armen Tiere darin zappeln läßt!

Dr. E.: Das scheint mir eher ein Grund der Bewunderung als des Abscheus zu sein. Gegen die Schwalbe kann sich eine Fliege nicht wehren; da ist es einfach die rohe Gewalt, welche ihr den Garaus macht. Wo diese aber nicht ausreicht, da muß die Klugheit helfen. Oder wirst du es so völlig verdammen, daß auch der Mensch List anwendet, um solcher Tiere habhaft zu werden, die er sonst nicht erjagen kann? Willst du unsere Fischer deswegen verabscheuen, daß sie ihre Fische mit Netzen fangen?

Fritz: Nein, das gerade nicht. Aber mit dem Menschen ist es doch ganz etwas anderes.

Dr. E.: Aha, ich verstehe. Du willst auf das schöne lateinische Sprichwort hinaus: „Quod licet Iovi, non licet bovi“. Was die Herren der Schöpfung sich erlauben können, das darf so ein jämmerliches Spinnentier noch lange nicht! Allein ich denke, wer im Glashause sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Was wir trotz aller unserer Macht und Klugheit zu tun genötigt sind, um uns zu ernähren, das dürfen wir auch dem so unendlich hilfloseren und schwächeren Tierchen nicht verargen. Hunger tut weh, und sauer genug läßt es sich die arme Spinne werden, um ihr Dasein zu fristen.

Hans: Aber die Spinnen brauchten doch gar nicht in der Welt zu sein! Warum gibt es denn solche Tiere, die nichts tun, als andere aufzufressen?

Dr. E.: Das ist eine Frage, die man leider noch von sehr vielen sonst gebildeten Menschen hören muß, sobald es sich um ein Geschöpf handelt, das dem Menschen nicht nützlich ist oder ihm sogar Schaden bringt. Die stillschweigende Voraussetzung dabei ist natürlich, daß alles auf der Welt nur des Menschen wegen da sei. Das aber ist eine grenzenlose Überhebung. Wir wollen und sollen uns damit begnügen, daß wir von der Natur so glücklich ausgestattet sind, um allmählich die Herrschaft über alles zu erringen, was die Erde hervorgebracht hat. Aber eine Berechtigung zu leben hat jedes Wesen ebensogut wie wir, ja es könnte von seinem Standpunkte aus vielleicht mit noch viel größerem Rechte fragen, wozu denn eigentlich der Mensch da sei, der ihm nichts nützt und es verfolgt, wo es sich nur blicken läßt.

Kurt: Ja, das ist auch wahr, Vater, und ich kann mich immer ärgern, wenn so ein Straßenjunge aus reiner Bosheit einen armen Schmetterling oder Käfer quält, der ihm gar nichts getan hat. Ich will nun versuchen, meinen Widerwillen gegen die Spinnen zu bekämpfen.

Dr. E.: Tu das, lieber Kurt. Du wirst sehen, daß es wenige Tiere gibt, die so sehr unser Interesse verdienen, wie gerade die Spinnen.

Fritz: Du meinst wohl wegen der Netze, die sie spinnen?

Dr. E.: Das ist wenigstens eine ihrer Fähigkeiten, die schon der Betrachtung wert ist. — Wie sahen denn die Spinngewebe aus, Hans, die in dem Puppentheater waren?

Hans: Sie saßen quer in den Ecken und waren ganz staubig.

Netz der Hausspinne. Spinndrüsen. Spinnwarzen

Dr. E.: Dacht’ ich’s doch, daß es sich um unsere Hausspinne[1] handelte. Habt ihr weiter gar nichts an den Geweben bemerkt?

Kurt: Ja, ich glaube gesehen zu haben, daß die eine Spinne, wie sie gestört wurde, durch das Netz durchkroch und unten heraus kam. Ich wunderte mich noch, wie sie durch das dicke Gewebe durchkonnte.

Dr. E.: Das kann sie auch nicht. Deine Beobachtung war ein wenig flüchtig, sonst würdest du bemerkt haben, daß das Netz nicht ganz wagerecht bis in die Ecke hinein verläuft, sondern dort sich trichterförmig in die Tiefe senkt und sich nach unten öffnet. Dieser Trichter ist der eigentliche Schlupfwinkel der Spinne. Droht ihr von oben Gefahr, so schlüpft sie nach unten durch; kommt aber die Störung von unten, so kann sie nach oben entfliehen. Ihr seht, so ein armes Tierchen sucht sich zu sichern, so gut es kann. Dabei ist unsere Hausspinne noch gar nicht einmal eine besonders hervorragende Baumeisterin, sondern viele ihrer Verwandten sind ihr in dieser Kunst weit überlegen.

Fritz: Ja, das Netz der Kreuzspinne[2] scheint mir z. B. viel kunstvoller und ist wohl auch zum Fang der Tiere besser geeignet.

Hans: Ach, das sind wohl diese großen radförmigen Gewebe, die manchmal zwischen zwei Bäumen hängen und fast aussehen, wie eine Scheibe mit ihren Ringen? In der Mitte sitzt dann meist eine große dicke Spinne mit weißem Kreuz auf dem Rücken.

Dr. E.: Ganz recht, das sind die Fangnetze der Kreuzspinne. Auch ich muß zugeben, daß sie mit zu den schönsten gehören, die ich kenne.

Kurt: Ich habe schon öfter darüber nachgedacht, wie sie wohl so etwas zustande bringen.

Dr. E.: Nun, woher der Stoff kommt, aus dem das Netz angefertigt ist, wißt ihr ja wohl.

Fritz: Natürlich! Die Spinnen haben in ihrem Hinterleib Drüsen, aus denen die Fäden gebildet werden.

Dr. E.: Das ist wohl etwas unklar ausgedrückt. Allerdings besitzen die Spinnen in ihrem dicken Hinterleib Drüsen. Was aber in diesen gebildet wird, ist nichts als eine klebrige Flüssigkeit, die sich dann allerdings, ähnlich wie unser Speichel, zu langen Fäden ausziehen läßt. Kannst du mir denn auch sagen, Fritz, wodurch dieses Fadenziehen des flüssigen Spinnstoffes herbeigeführt wird?

Fritz: Ich denke, ja. Am Ende des Hinterleibs sitzt eine Anzahl von Höckern, die sogenannten Spinnwarzen, und auf diesen befinden sich an den Enden zarter Röhrchen die Mündungen der Drüsen. Aus ihnen wird der flüssige Spinnstoff herausgepreßt und muß so Fäden bilden.

Dr. E.: Gut, Fritz. Ich will nur noch hinzufügen, daß die sechs Spinnwarzen der Kreuzspinne im ganzen über 1000 solcher Röhrchen tragen, während unsere Hausspinne deren immer noch gegen 400 besitzt. Aus jedem derselben kann nun der flüssige Spinnstoff in einem unendlich feinen Strahl herausgetrieben und zum Fädchen gepreßt werden, so daß demnach der dickste Faden, den die Spinne zu erzeugen vermag, aus 1000 durch ihre Klebrigkeit miteinander verschmolzenen Fädchen zusammengesetzt wäre. Doch ist es wohl sicher, daß nicht alle Spinnwarzen gleichzeitig in Tätigkeit treten. Will nun die Spinne ein Netz fertigen, so muß sie zunächst die Verbindung herstellen zwischen den Zweigen oder Bäumen, zwischen denen dasselbe ausgespannt sein soll. Man hat viel darüber gestritten, wie sie das anfängt. Die gewöhnliche Annahme war, daß sie damit beginnt, ihre Spinnwarzen gegen den Zweig zu drücken, auf dem sie sitzt, den austretenden Faden dadurch festklebt und sich nun fallen läßt. Durch das Gewicht ihres eigenen Körpers wird weiterer Spinnstoff aus den Drüsen herausgezogen, so daß sie bald an einem langen Faden hängt.

Fritz: O, dann kann ich mir schon denken, wie es weiter geht. Dann schwingt sie wahrscheinlich an dem Faden so lange hin und her, bis sie irgendwo den andern Baum mit ihren Füßen erreicht und nun den Faden hier befestigen kann.

Dr. E.: So ungefähr hat man sich tatsächlich den Hergang lange vorgestellt. Neuere Beobachtungen aber widersprechen dem sehr entschieden. Danach kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die Spinne die Fähigkeit besitzt, aus ihren Spinnwarzen lange Fäden frei herauszupressen oder herauszuschießen, die dann, mit dem Winde dahinflutend, an benachbarte Zweige oder Bäume derart sich anheften, daß sie ohne weiteres als Brücken benutzt werden können. Die Spinne braucht daher ihren Platz gar nicht zu verlassen und kann auf viel einfachere Weise, als man früher glaubte, die Verbindung mit benachbarten Gegenständen herstellen.

Hans: Wenn aber nun gar kein Wind ist, Papa? Dann können doch die Fäden nicht wegwehen.

Netz der Kreuzspinne

Dr. E.: Ein leichter Lufthauch, der feine Spinnwebfäden in Bewegung setzen kann, dürfte in der freien Natur wohl selten fehlen; außerdem scheint es, als wenn die Spinne bei ganz schwachem Winde noch eine andere Methode anwendet. Sie läßt sich dann so, wie ich es vorhin beschrieb, von ihrem Sitze an einem Faden herunter, der aber kein einfacher Strang ist, sondern außer dem sogenannten Begleitfaden, den das Tier immer nach sich zieht, noch ein ganzes Bündel feiner Fädchen enthält. Diese Fädchen werden, wenn die Spinne frei hängt, an der Mündung der Spinnwarzen abgekniffen oder abgerissen, so daß sie nun mit ihrem unteren Ende frei sind und durch die geringste Luftbewegung seitwärts zu benachbarten Gegenständen geführt werden, wo sie vermöge ihrer Klebrigkeit haften.

Fritz: Aber wenn die Spinne nun auch glücklich einen Faden etwa zwischen zwei Bäumen ausgespannt hat, so sehe ich noch immer nicht recht, wie daraus ein Netz werden kann.

Dr. E.: Das kommt daher, daß du ein solches Spinnennetz wohl noch niemals genauer angesehen hast. Sonst würdest du vielleicht darauf gekommen sein, daß das Wichtigste und Schwierigste der ganzen Anlage der sogenannte Rahmen ist, d. h. diejenigen besonders starken Fäden, welche schräg von einem Baum zum andern und wieder zurücklaufen und das eigentliche Rad zwischen sich zu tragen haben.

Fritz: Dann muß das Tier also jedenfalls, nachdem es auf dem ersten Faden zum andern Baum hinübergelangt ist, zunächst einen zweiten Faden herstellen, der wieder zum ersten Baum zurückführt.

Dr. E.: So wird es wohl in der Regel sein. Wenn wir nun beachten, daß der erste Faden von einem höhern Punkte schräg abwärts nach drüben verläuft und der zweite Faden in ähnlicher Weise etwa schräg abwärts zum ersten Baum zurück, so sehen wir, daß die beiden Fäden einen spitzen Winkel bilden, dessen Scheitelpunkt drüben am zweiten Baume liegt. Wenn die Spinne nun diese beiden Hauptfäden des Gewebes durch zwei senkrechte Fäden verbindet, von denen der eine nahe dem Scheitelpunkt des Winkels, der andere da angebracht ist, wo die Schenkel weiter auseinander stehen, so hat sie dadurch einen etwa trapezförmigen Rahmen geschaffen, in dem dann das eigentliche Netz seinen Platz findet. Ehe dies in Angriff genommen wird, müssen natürlich die Fäden des Rahmens erst gehörig straff gespannt werden, was durch Hilfsfäden, die nach verschiedenen Richtungen verlaufen, erreicht wird. Jetzt wird schräg durch den Rahmen ein Durchmesser gezogen und dann vom Mittelpunkt desselben aus eine Anzahl Strahlen nach allen Richtungen des Kreises, die an den Fäden des Rahmens befestigt werden. Ist auch dieses vollbracht, so sind endlich noch die Strahlen durch spiralförmig um den Mittelpunkt herumgeführte Fäden miteinander zu verbinden, und das Netz ist fertig. Die Spinne begibt sich nun meist in die Mitte des Netzes, wo sie mit ausgespreizten Beinen hängt, um jede Erschütterung an den Maschen des Netzes bemerken zu können.

Kurt: Wie lange braucht denn die Spinne, um so ein Netz zustande zu bringen?

Dr. E.: In der Regel ist sie in wenigen Stunden damit fertig. Ihr kennt ja doch die hübsche Sage vom Mohammed, der seinen Verfolgern nur dadurch entging, daß eine Spinne alsbald ihr Netz in dem Eingange der Höhle ausspannte, in welche er sich geflüchtet hatte.

Fritz: Unklar ist mir doch noch, wie nun die Spinne mit einem solchen radförmigen Netz Insekten fangen kann. Bleiben denn die Tiere an den Fäden kleben? Dann müßte doch auch die Spinne in der Mitte ebensogut einmal festkleben.

Dr. E.: Das Feld in der Mitte des Netzes, wo die Spinne sitzt, die sogenannte Warte, ist aus trockenem, nicht klebrigem Spinnstoff gefertigt, so daß die Spinne dort nicht vorsichtig zu sein braucht. Dasselbe gilt von den Radien und einem Teil der Ringfäden. Zum Fange dienen ganz allein diejenigen Ringfäden, welche durch winzige Knötchen oder Tröpfchen klebrig sind. An diesen Tröpfchen, von denen ein Kreuzspinnennetz über 100000 besitzt, leimen sich die Insekten beim Anfliegen fest, während die Spinne selbst, welche ja mit ihren wie kleine Taschenkämme geformten Klauen vortrefflich auf den Fäden zu laufen versteht, diese Klebfäden sorgfältig vermeidet. Ein starkes Insekt, etwa eine Wespe oder Hornisse, reißt sich übrigens meist wieder los, oder die Spinne selbst hilft dem ungebetenen Gast dadurch, daß sie einige Fäden abbeißt. Kleinere, die noch nicht recht festgeleimt sind, werden hingegen häufig von der hinzueilenden Spinne schnell mit einigen Fäden umsponnen oder durch einen Biß zur Ruhe gebracht. Die erlegte Beute wird dann meist abseits in einem Schlupfwinkel, der aber seine Verbindung mit dem Mittelpunkte des Netzes hat, in aller Ruhe ausgesogen.

Hans: Sag’ mal, Papa, fangen denn alle Spinnen ihre Beute mit solchem Netz?

Dr. E.: Nein, mein Junge. Es gibt auch recht viele, welche ihre Beute einfach erjagen, und manche ahmen sogar die Katzen nach, indem sie sich im Sprunge auf ihr Opfer stürzen.

Kurt: Die können dann wohl gar nicht spinnen?

Dr. E.: Doch! spinnen können sie auch, aber sie benutzen ihre Kunst zu anderen Zwecken.

Kurt: Und was machen sie damit?

Tapezierspinnen. Wasserspinne

Dr. E.: Nun, z. B., sie bauen sich eine Wohnung oder, wenn sie in unterirdischen Höhlen leben, so tapezieren sie sie aus.

Fritz: Was soll denn das nützen, Vater?

Dr. E.: Ich denke, euch würde eine tapezierte Erdhöhle auch besser gefallen, als eine, wo ihr immer direkt auf der kalten, feuchten Erde sitzen müßtet, und wo überdies fortwährend zu fürchten wäre, daß Erde nachstürzt und euch begräbt.

Fritz: Das ist richtig. Gibt es denn bei uns auch solche Höhlenspinnen?

Dr. E.: O gewiß, eine ganze Menge. Die größten Künstler unter ihnen gehören allerdings mehr dem Süden und besonders der heißen Zone an. Dort gibt es Spinnen,[3] die nicht nur eine selbst gegrabene Erdröhre hübsch austapezieren, sondern sie noch überdies mit einem Klappdeckel versehen, der oben wie die Erde der Umgebung aussieht, innen aber ebenfalls wie mit Seide belegt ist und durch ein Band aus Spinnstoff gleich der Tür in der Angel auf- und zugeklappt werden kann.

Kurt: Dann sieht man also diese Nester von oben gar nicht?

Dr. E.: Nein, und das Drolligste ist, daß diese Tierchen nach Kräften ihr Hausrecht zu wahren wissen. Versucht man einen solchen Deckel aufzuheben, so hält die Spinne ihn von innen mit aller Macht zu, indem sie sich an den Seiten anstemmt und mit einigen Krallen in das Gespinst des Deckels greift, das zu diesem Zweck mit kleinen Löchern zum Einhaken versehen ist.

Fritz: Das ist schade, daß man so etwas nicht einmal beobachten kann.

Dr. E.: Nun, in Südeuropa, z. B. auf den Balearen, wo ich selbst die Nester ausgraben konnte, ist schon eine dieser Tapezierspinnen zu finden, so daß du also doch vielleicht einmal Gelegenheit hast, deinen Wunsch erfüllt zu sehen. Andererseits kenne ich bei uns eine Spinnenart, deren Nest mir noch viel abenteuerlicher erscheint als das der Tapezierspinnen. Und das könntet ihr im Sommer jeden Tag sehen.

Fritz: Aber ich denke, die Kreuzspinne macht das kunstvollste Netz?

Dr. E.: Jetzt wollen wir nicht Netz und Nest miteinander verwechseln. Diesmal sprach ich nicht von einer Einrichtung zum Fang der Tiere, sondern von einer Wohnung, einem Schlupfwinkel, der sowohl in bezug auf seinen Bau, wie namentlich in bezug auf den Ort, wo er sich befindet, etwas ungemein Überraschendes hat.

Kurt: Da bin ich doch wirklich neugierig!

Dr. E.: Es handelt sich um eine Spinne, welche ihre Wohnung im Wasser baut.

Fritz: Im Wasser? Aber die Spinnen sind ja luftatmende Tiere! Wenn man eine Spinne ins Wasser wirft, wird sie doch bald untergehen und ertrinken.

Dr. E.: Für gewöhnlich, ja. Diese Art aber, die Wasserspinne[4], besitzt ein Mittel, ohne Schaden lange unter Wasser aushalten zu können. Sie trägt nämlich einen grauen, seidigen Haarpelz, der so dicht ist, daß die Luft in demselben hängen bleibt. Wirft man eine solche Spinne ins Wasser, so erscheint ihr Hinterleib von der anhängenden Luft wie eine silberglänzende Kugel, und diese Luft liefert ihr denn auch unter Wasser den nötigen Sauerstoff zum Atmen.

Kurt: Aber wie sieht denn das Nest aus? Das muß doch ungemütlich sein, wenn sie darin immer ganz im Wasser sitzt.

Dr. E.: O, das tut sie auch nicht; sie sitzt unter Wasser ganz im Trockenen.

Fritz: Jetzt machst du wohl Scherz, Vater!

Dr. E.: Nein, mein Sohn, keineswegs. Die Spinne baut unter Wasser ein Nest in Form einer Glocke oder eines unten offenen Fingerhutes, das sie an Wasserpflanzen durch Fäden befestigt. Dann kriecht sie hinein und streift mit den Beinen die Luft von ihrem Hinterleib, die nun als Luftblase zur Wölbung der Glocke emporsteigt, aber von dem dichten Gewebe hier aufgehalten wird. Alsbald wird neuer Luftvorrat von oben geholt, und mit dem Eintragen desselben in das Nest so lange fortgefahren, bis es voll ist. Die Spinne wohnt mit ihrer Brut so mitten im Wasser in einem trockenen Palast, ganz ähnlich, wie es in unseren Märchen von den Nixen und Wassermännern beschrieben wird.

Fritz: Das muß ja allerliebst aussehen! — Kümmern sich denn aber die Spinnen überhaupt um ihre Jungen? Ich habe doch immer gehört, daß die Spinnen sich auffressen, wenn sie sich zu nahe kommen.

Brutpflege. Fliegende Sommer. Spinnmilben

Dr. E.: Das letztere ist wohl richtig, obgleich es auch Spinnen gibt, die gesellig beieinander leben. Allein in bezug auf Mutterliebe kann die Spinne es mit jedem andern Tier und auch mit dem Menschen aufnehmen. Das Mindeste, was eine Spinne tut, ist, daß sie ihre Eierchen mit einem weichen seidenartigen Gespinst umgibt und diesen Eierballen, der oft die zierlichsten Formen besitzt, irgendwo an einem geschützten Orte unterbringt. Viele begnügen sich aber nicht damit; sie beschützen sie in eigenen Wohnungen, oder sie tragen sie sogar als rundliche Kugel zwischen den Hinterbeinen mit sich umher. Ja, selbst die ausgekrochenen kleinen Spinnchen werden nicht selten von der Mutter noch eine Zeitlang auf dem Rücken getragen, bis sie sich selbständig ernähren können.

Kurt: Kann man denn im Winter auch Spinnen finden? Ich hätte wohl Lust, mir eine kleine Sammlung anzulegen.

Dr. E.: Gewiß gibt es im Winter auch Spinnen, die unter Laub, Moos, in Erdhöhlen usw. ihren Winterschlaf halten. Aber ihre Zahl ist gering, denn die meisten überwintern als Eier. Die beste Zeit zum Spinnensammeln ist der Herbst, wenn die Heide blüht und am taufeuchten Morgen Wiese und Feld mit Tausenden der zarten Gewebe bedeckt sind. Um diese Zeit kann man auch die allerschönste Anwendung beobachten, welche die Spinnen von ihrer Webekunst zu machen wissen, nämlich die Herstellung von Luftballons.

Fritz: Ach, damit meinst du wohl die sogenannten fliegenden Sommer? Ich habe immer gedacht, das wären losgerissene Spinnengewebe und mich nur gewundert, daß dies bloß im Herbst geschieht.

Dr. E.: Um zufällig losgerissene Netze handelt es sich keineswegs, sondern diese Fadenmassen, die ja oft wie lange wallende Gewänder durch die Luft ziehen, sind eigens für die Luftschiffahrt gebaut worden.

Fritz: Aber wie machen die Spinnen denn das, und welchen Zweck hat diese ganze seltsame Gewohnheit?

Dr. E.: Die fliegenden Sommer werden ausschließlich von jungen und kleinen Spinnenarten verfertigt. Die kleinen Tierchen begeben sich auf irgendeinen erhöhten Punkt, sagen wir auf einen Kartoffelsack im Felde, drücken die Spinnwarzen gegen die Unterlage und ziehen den Faden dadurch aus, daß sie den Hinterleib nun schräg emporrichten, dabei mit ihren Vorderbeinen an einigen vorher gesponnenen Fädchen sich festhaltend. Der starke Herbstwind spielt mit dem Faden und zieht, ihn verlängernd, weiteren Spinnstoff aus den Drüsen heraus. In ähnlicher Weise werden immer neue Fäden gesponnen. Endlich ist das Floß stark genug; es wird vom Winde emporgehoben, und zwar mitsamt der kleinen Luftschifferin, die nun so lange damit umhersegelt, bis es irgendwo strandet. Dann springt das Tierchen geschwind ab und sucht sich in der neuen Umgebung einen Schlupfwinkel für den Winter. Die ganze Einrichtung ist also als ein Mittel zur weiteren Verbreitung der Art und zur Gewinnung besserer Winterquartiere anzusehen.

Kurt: Neulich habe ich aber noch etwas sehr Merkwürdiges gesehen, das ich mir auch heute noch nicht erklären kann: die Linden auf unserm Schulhof, der Stamm und die Äste waren über und über mit einem feinen Gespinst bedeckt, so daß sie wie mit Reif überzogen aussahen. Unter dem Gespinst bemerkte man namentlich in den Ritzen der Borke zahllose winzige gelbrötliche Tierchen, die ich für junge Spinnen hielt.

Spinnmilben. Verwertung des Spinnstoffs

Dr. E.: Eigentliche Spinnen waren das nun gerade nicht, aber sie gehören wenigstens zur großen Klasse der Spinnentiere. Es handelte sich augenscheinlich um ein starkes Auftreten der sogenannten Spinnmilbe,[5] die vor allen anderen Verwandten ihrer Gruppe, den Käsemilben, Holzböcken, Sammetmilben usw., die Fähigkeit des Spinnens voraus hat. Besondern Schaden werden sie wohl nicht angerichtet haben.

Fritz: Kann man denn solche Gespinste zu Gewebestoffen für den Menschen verarbeiten? Ich sollte meinen, so wie den Seidenspinner müßte man doch auch die Spinnen gewissermaßen als Haustiere züchten und ihr Gespinst weiter verwerten können.

Dr. E.: Diesen Gedanken haben natürlich schon andere Leute gehabt, und gerade in jüngster Zeit ist wieder viel die Rede von einer großen madagassischen Spinne,[6] die sehr starke und haltbare Fäden liefern soll. Auf der letzten Pariser Weltausstellung war sogar eine ganze Garnitur Bettvorhänge aus der Seide dieser Tiere zur Schau gestellt. Allein ich fürchte, sehr weit wird man mit derartigen Versuchen wohl niemals kommen. Darf man doch nicht vergessen, daß die Raupe des Seidenspinners ein Pflanzenfresser ist, für welchen wir das Futter, die Maulbeerblätter, in jeder beliebigen Menge herbeischaffen können, während die Spinnen zu den Raubtieren gehören und daher ungleich schwieriger zu ernähren sind, zumal sie die ihnen in der Gefangenschaft dargebotene Nahrung nur selten willig annehmen. Auch von den madagassischen Spinnen wird berichtet, daß sie nach Abgabe ihres Spinnstoffs alsbald eine Weile in Freiheit gesetzt werden müssen, um sich wieder regelrecht satt zu essen. Unter solchen Umständen werden wir unsere Hoffnungen auf Spinnenseide gewiß nicht allzu hoch spannen dürfen. — Die Fäden der heimischen Spinnen finden nur für die sogenannten Fadenkreuze der Fernrohre Verwendung.

Kurt: Soll ich mir denn eine Spinnensammlung anlegen, Vater?

Dr. E.: Das ist jedenfalls nicht so einfach, wie eine Käfer- oder Schmetterlingssammlung. Die Spinnen sind zu weich, um trocken aufbewahrt werden zu können. Man muß sie also in Spiritus sammeln und jede Art in ein besonderes kleines Röhrengläschen tun. Dabei verlieren dann viele ihre Farben. Außerdem gibt es für das Bestimmen nicht solche hübschen Bücher, wie bei den Käfern und Schmetterlingen, mit denen auch schon ein Knabe etwas anfangen kann. Die Spinnen sind eben auch nach dieser Richtung hin von jeher recht stiefmütterlich behandelt worden, und in ganz Deutschland gibt es augenblicklich wohl kaum ein Dutzend Personen, welche sich etwas eingehender mit diesen Tierchen beschäftigt haben. Willst du es aber versuchen und ernstlich an die Arbeit gehen, so will ich dir gern helfen, soweit ich selbst über die vielen verschiedenen Arten unterrichtet bin.

Spinnwarzen

Fuss einer Kreuzspinne.