II.
Zu der Analyse dieses Falles scheint es unumgänglich notwendig, die soziologische Struktur der heutigen Großstadt zu untersuchen, bevor die Tatsache, daß einmal oder besser mehrere Male zwei Menschen ihr Leben in tollkühner Manier aufs Spiel setzten, um, sagen wir zu Geld, zu Kleidern, Essen und Trinken und zu Frauen zu kommen, als Tatbestand gewertet werden darf. Um eine Zeitlang wenigstens das Leben führen zu können, dem sie Tausende ihrer Mitmenschen, ihnen an Kraft, Intelligenz und Überlegung keineswegs ebenbürtige, sorglos Stunden, Tage und Jahre in Mengen, in ganzen Schichten dienen sehn.
Ganze Stadtviertel, Vororte, Stätten des Vergnügens, der Erholung, Bildung sind diesem freundlichen und erstrebenswerten Ziel geweiht. Dahinein gehören nur jene, die das Mittel und Aussehn haben, die würdig befunden wurden, sich in diesen geheiligten Orten aufzuhalten. Der Typus dieser Menschen ist ein anderer – obwohl jedes Kind weiß, daß Geld und Schneider die erstaunlichsten Wandlungen der Personen nicht nur, sondern auch der Zeit herbeiführen.
Hier beginnt bereits die Psychologie der Grenze. Jenes Gebiet, wo unmerklich Natur oder Gesellschaft, ein künstliches Gebilde, Formen und Fähigkeiten schafft, die nicht mit Begriffen zu belegen oder zu deuten sind. Für den reichen, in Hinblick auf seine zukünftige Stellung erzogenen Menschen ist der Kreis der wohlgekleideten, gebildeten, vermögenden ein Ruhepunkt, eine Sicherheit, das Milieu, das ihm einen Stempel, aber auch einen Rückhalt verleiht. Er bewegt sich mit der Selbstverständlichkeit des Instinktes und der geformten Klugheit seiner Anpassung zwischen Gleichgearteten, Gleichdenkenden und kennt ihre Meinungen, die Themata der Gespräche und Neigungen, beherrscht den Kodex der Ehre und Formalitäten in Rang- und Kleidungsfragen.
Hier findet der Geborgene Freundschaft und Liebe, Kredit und Hilfe, Ideen und gute Laune. Da spielt es keine Rolle, welcherart die Stellung des einzelnen ist. Seine Gesellschaft genügt ihm und es steht ihm frei, sie zugunsten einer höher gearteten, einflußreicheren zu wechseln ... wenn es ihm gelingt! Denn je höher der Name einer Stufe der Gesellschaft, desto exklusiver, unzugänglicher, mißtrauischer wird sie. Desto beschränkter die Zahl der Zugelassenen.
Die Kaste stellt den Fonds an Werten des Menschen.
Sein Wert entspricht hier weniger seinem Werk, als vielmehr einer angeborenen oder erworbenen Stammeszugehörigkeit. Den Stamm eines Menschen erkennt man an manchen Dingen. An seinen Händen, seiner Wäsche, dem Bankkonto, den guten Manieren, seinem Witz, seiner Begabung als Liebhaber. All diese Möglichkeiten aber fallen in nichts zusammen, wenn der kleinste Flecken auf seiner Vergangenheit, seiner Ehre ruht.
Was bedeutet in einem Kreis gleichgerichteter oder ungerichteter, rein vegetativ genießerischer Menschen Gegenwart, was Zukunft, wenn einer mal mit der Polizei in Konflikt geriet!
Ehre, das ist die weiße Seite in den Papieren.
Die Papiere liegen auf der Polizei. Dort sind sie zwar gut aufgehoben, aber sie existieren.
Der Drohwert einer verschwiegenen Verfehlung wälzt mehr Angst auf den tausendmal reuigen Sünder als die Tat.
Hier wird der Begriff des schlechten Gewissens in keiner Weise berührt. Denn es handelt sich nicht um den Menschen, der etwas begehn will, ein Attentat gegen die Gesellschaft plant, einen Schwindel, einen Mord, eine Erpressung verüben will. Diese Abenteurer, Hochstapler der Beziehungen, des Geldes und der Intelligenz wären beim ersten Anzeichen einer Unsicherheit verloren. Sie glauben, und ganz mit Recht, an die magische Kraft der falschen Namen und Papiere, die ihnen die goldenen Pforten öffneten. Nein, hier soll die Hemmung fixiert werden, der ein sonst wohlbeschaffener und geeigneter Mensch erliegen muß, hinter dem die Vergangenheit die Kontinuität der guten Führung, der moralischen Haltung einen Sprung zeigt.
Die Robusten werden diesen Alpdruck überwinden. Es gibt da das Mittel der Splendidität, der Hilfsbereitschaft, der Unentbehrlichkeit, das alle Bedenken zerstreut.
Aber der empfindsame Typus, dessen Nerven gespannter, dessen Verantwortlichkeitsgefühl tiefer, der seine Haltung kontrolliert und in den Mienen der ihn Empfangenden sein Schicksal zu lesen versteht und angewiesen ist, aus geschäftlichen oder menschlichen, erotischen oder künstlerischen Gründen einem Kreise von Menschen anzugehören, der ihm Bewußtsein der Existenz, Geltung, Ehre, Verdienst verschafft ... ein solcher Mensch wird eines Tages entdeckt und eliminiert, oder er begeht aus dem Übereifer seiner Schwäche heraus einen Fehltritt, der ihn unmöglich macht.
Weiß er aber aus Kenntnis seiner Fähigkeiten, seiner Schwächen des Lebens überhaupt diesen Ausgang voraus, meidet er die ihm genehme, entsprechende Gruppe der Gesellschaft, so bleibt ihm nur die Einsamkeit. Der Typus des Entwurzelten, des Seltsamen, des Abenteurers oder des sich an allen Mitmenschen gehässig Rächenden ist geboren.
Über allen Bindungen schwebt ein Verhängnis.
Die Ahnenden erfüllt es mit Scheu und Fremdheit, mit Neid und Haß die Ausgeschlossenen.
Die Macht der Gruppe ist Tabu.
Das Streben der Unteren drängt nach oben. Es gibt nur diese eine kontinuierliche soziale Kraft.
Was aber stellt sich als Unten, als Sockel, als Fundament unter dieses gewaltige Gebäude der herrschenden, der schönen und reichen Gesellschaft?
Das sind die dunklen, nicht vergoldeten Massen. Die Masse, das ist wiederum der Schrecken der Oberen.
Die Masse ist der Fundus, das Reservoir an Kraft, Intelligenz, Blut und Kapital eines Staates, einer Gesellschaft besser gesagt, die nicht aus eigener Fähigkeit heraus produzieren kann, sondern, lediglich im Besitz der Finanzen und Werkzeuge, sich die einzelnen Individuen verdingt, und sie für sich und ihre Fabriken arbeiten läßt.
Die Masse besteht zweifellos aus Einzelwesen, aber der Mangel an Unterschiedlichkeit, Beweglichkeit, Bildung, Bedürfnissen schweißt sie zusammen zu eben der Masse, die in unseren Tagen die Millionenstädte übervölkert, die großen Heere der Schlachten und der Arbeit, des Verkehrs und der Revolutionen auf die Beine bringt, und bewaffnet oder unbewaffnet als ein Schrecken wirkt auf die Feineren, die Wenigen, Glücklicheren. Zwischen beiden Heerlagern herrscht dumpfer Haß, Abneigung, Unterwürfigkeit, Aggressivität und Abwehrzustand.
Das Emporkommen aus der Masse war eine kurze Zeit nach dem Völkerbeben leichter als je. Der große Proletschub brachte zwar frisches Blut in dürre Adern. Die Natur half sich gegen den Aderlaß. Aber dieses Experiment bekam den Oberen schlecht, und die Echten lehnten es kategorisch ab. Der Rest blieb als eine Serie schlechter Witze in den Gazetten und Gerichtssälen auf der Strecke.
Ganz zu den Ausnahmen und in allen Chroniken verzeichnet erscheint der Aufstieg des begabten Mannes aus der unbekannten, wesenlosen Masse zu Macht, Reichtum, zur Ebenbürtigkeit.
Die unteren Intelligenzen sind keineswegs in der Minderheit. Ihre Begabung keineswegs geringer. Trotz der verschlossenen Bildungsstätten möchte es vielen durch eisernen Fleiß gelingen, Examina zu bestehn. Das prinzipielle Manko liegt in der Befangenheit, im Tabu, das den Blick verzaubert, den Schritt hemmt und die Stimmen der Gewaltigen zu unheimlichen Geräuschen und Nebentönen anschwellen läßt: im Ohr und in der Seele des Nachdrängenden.
III.
Im vorliegenden Falle, dem der Brüder Strauß, besser gesagt, dem des älteren Bruders Emil, haben wir es mit einem typischen Kampf um die Existenz in einem höheren, besseren Milieu zu tun. Es handelt sich hier nicht so sehr um einzelne mehr oder weniger verwegene Akte einer verbrecherischen Intelligenz, als vielmehr um den verzweifelten, aus Belastung und Erkenntnis, aus Wissen und Minderwertigkeitsgefühlen gespeisten Kampf einer originalen Intelligenz, eines schöpferischen, in seinen Trieben klaren, ungebrochenen Willens: Der Gesellschaft heimzuzahlen für die Unterdrückung, für das Leid einer befleckten, liebeleeren Jugend, für die endlosen Jahre in Kerker und Verbannung fern von allem, was man als schön und gut erkannte. Denn das ist das Wesentliche an diesem Typus: daß er aus einer geheimnisvollen Konstellation heraus genau Weg und Volumen des besseren, herrschenden und nicht dienenden, intellektuellen, vielleicht sogar luxuriösen Lebens kannte. Details können hier keine Rolle spielen. Gewiß kondensierte sich sein Weltbild erst in der Einsamkeit der Bücher, der geschriebenen Worte, deren Sinn ihm gewiß tausendfach widerspenstig und verbohrt erschien.
Aber Gärung, Gefühl für das Wesentliche, angeborene Schärfe der Distinktion für die Reichtümer des Lebens, den wahren Sinn lag in seinen Möglichkeiten als Existenz schlechthin. Und mußten sich entwickeln, als er Schlag auf Schlag mit eben der Gesellschaft, die er erstrebte, deren Mitglied zu werden kraft ererbter Fähigkeit sein Los geworden wäre, wenn er eben geliebt und gepflegt in jugendlichem Alter Schule und Theater, Wärme und Nahrung, keine Prügel und gemeine Worte hätte zu sich nehmen müssen.
Wir wissen, daß die Sinne der Kinder unendlich empfindsamer, wacher, gereizter, deutungbegabter als unsere, der Erwachsenen. Daß Kinder in Hypertrophien leiden, zumal die begabten. Daß jede Krümmung jugendlichen Selbstbewußtseins fürchterliche Rache und Beschwerden am eigenen wie am fremden Leben bedeuten.
Nur das begabte, das geniale Kind vermag zu leiden. Man sagt, daß wir in der Jugend alle genial seien. Dann muß man wieder fragen: wo bleiben die Resultate? Unter den Prügeln der Eltern und Lehrer? Ersterben tausend Keime unter dem Wust des Überflüssigen, das Buch und Ermahnungen, Ideologien der Erwachsenen ausrotten, zuschütten, bevor es zum Keimen gelangte?
Der Geprügelte, Getretene, Ausgeschlossene, der Knabe, der sich des tausendfachen Unrechtes blutend bewußt wird, schließt seine Augen innen gegen dieses gemeine und verfehlte Leben. Erträgt mit verbissener, stoischer Hartnäckigkeit alle Misèren und gewinnt in seiner Vorstellungswelt, bevölkert von Tagträumen einen Raum, den er mit klarer Energie beherrscht, mit dem einen Wunsche befruchtet ... einmal groß zu sein und sich rächen zu können. Oder zumindest den Großen beweisen zu können, wer man in Wahrheit ist!
Zu dem besonderen Problem dieses Mannes, von dem wir hier reden, tritt noch das proletarische Bewußtsein in deutliche Antithese. Sein Rachegefühl richtet der Erwachsene, Erwachte aus dem schlimmen Traum verwüsteter Jugend nicht gegen Vater und Mutter, wie es wohl die Söhne der Bürger belieben, leiden und prophetisch zugleich als eine Aufgabe verkünden. Nicht gegen die Erniedriger im fremden Heim, in der Heimatlosigkeit des verbrecherischen, sexuell und moralisch irritierten Milieus der Familie, die ihn verführte und eigentlich die Handfertigkeit züchtete, die ihn dann reizte zu neuen Taten, die neue Strafen gebaren.
Seine Wut, sein Haß gilt der bürgerlichen Gesellschaft.
Seine Idee ist die des Kohlhaas. Er will sich ein Recht verschaffen, das nirgendwo existiert. Weil die Zeit dieser Möglichkeit, es zu erleben, nicht unter dem bittersten Unrecht zu leiden, die Zeit der frühen Jugend, unwiderruflich vorüber war.
Damit ist zwar sein falscher Weg aufgedeckt, soweit er aus der persönlichen Gebundenheit hinübergreift in die Sphäre allgemeiner, menschlicher, sozialer Gruppierung; aber die immanente Logik eines Lebens, das nun einmal mit und zwischen uns existiert, blüht, voran will zu seiner schönsten Entfaltung, zu seinem Sinn drängt, läßt sich nicht umbringen durch Widersprüche, und jede Erfahrung muß bitter am eigenen Leibe verspürt werden.
Wie stark muß aber das Leid dieses begabten Kindes gewesen sein, wenn zehn Jahre Kerker es nicht verstummen machten. Nicht nur keinen Strich das Fieber herunterdrückten, sondern es immer höher und widerspruchsloser in sich zu einer dumpfen Flamme auftrieben, vor der nichts mehr unversengt blieb. Daß schließlich Blut fließen mußte, Menschen ihr Leben lassen. Und das von der Hand eines Mannes, der eigentlich ein Dichter, ein Schwächling in höherem Sinn, keineswegs ein robuster, ungehemmter Typus der verbrecherischen Intelligenz, der Halbbildung, die sich an der höheren reiben muß, voller Gehässigkeit verneint.
Emil Strauß ist kein Verneiner. Er bejaht die Gesellschaft und will sie heilen. Heilung bedeutet ihm Aufnahme, Heilung für sich und für alle anderen. Nehmt ihr mich nicht auf, so werde ich euch so lange strafen, verfolgen, bis ihr mich beiseite schafft oder ich sonstwie draufgehe. An einen Sieg war da nicht zu denken. Die Gerichte, die Polizei, der gewaltige Apparat der Gesellschaft lag offen vor seinen klaren Augen. Seine Beziehungen waren seit frühester Jugend zu diesen Trägern der Gewalt im Staate recht intim, und das Milieu, dem er entstammte, mochte ihm wohl Weisheiten und Erkenntnisse recht unbürgerlicher Natur in reichstem Maße mit auf den vergitterten Pfad gegeben haben. Mehr, als Platz in seinem phantastischen Schädel war. Jedenfalls wäre ihm Schiller, Kleist und Goethe besser bekommen, und das Leben des Julien Sorel hätte den jungen Mann vor mehr Torheiten bewahrt als nochmals und wiederum drei Jahre Kerker.
Denn gerade die Isolierung von der Luft, von dem Erleben der Triebe der Freiheit, der Liebe, von dem wenigen, das ein Mensch doch und trotz allem braucht ... gerade das Schutzbedürfnis der Gesellschaft und die Verbannung des Attentäters in die Nacht des Gefängnisses gaben dem überreizten, empfindsamen Geiste den Raum und die Muße, sich in seinen Haß zu knien.
Gefängniswärter sein ist ein schwerer Beruf. Und wenn ein Wärter auch einmal sagte: Ja, wenn wir nur lauter Strauße hätten, dann hätten wir ein feines Leben ... mit anderen Worten, wenn auch das melancholische und grüblerische Temperament dieses Mannes die Wärter nicht exzessiv reizte, so kann diesem Leben doch soviel Galle und Bosheit entströmen, ungewollt, rein mechanisch, unkontrollierbar, unwägbar, dem Gefangenen aber in das System der Unterdrückung mundgerecht passend, daß unendliches Leid sich jeden Tag erneuert. Jede Wunde von frischem blutet.
Die Gedanken sind frei. Und Strauß machte reichlichen, allzu reichlichen Gebrauch von dieser Schrankenlosigkeit. Wollust des Denkens, das war immer schon das Narkotikum der Unterdrückten, und wenn dieser seltene Mensch in den jüngsten Tagen sich einer philosophischen, uralten skeptischen Bewegung anschloß, die die reale Existenz zugunsten einer imaginären, aber schmerzlosen, unbeschränkten eliminiert, so setzt er nur in gerader Linie die Wollust des Phantasierens fort, die ihn einerseits vor dem Irrewerden an sich, am Leben und der Menschheit, andererseits aber auch vor dem Aussterben seines Hasses bewahrte.
Ein jedes Leben entwickelt sich ambivalent.
Aufbau hier und Abbruch drüben. Beziehungen werden geknüpft und alte Fäden zerrissen. Lernen und Vergessen geschehen im gleichen Geiste, in einem Atem. Liebe und Haß gebären einander gemeinsam aus dem gleichen Schoße, und der Gefangene, dem eine deutliche, brutale und rücksichtslose Macht Halt gebot, mußte in der Nacht der Kerker weiter und weiter grübeln und in der Freiheit sich beweisen, daß sein Leben der Rache doch einen Sinn hatte.
Und vielleicht gehört er noch unbewußt zu den trotzigen, dämonischen Typen, die provokativ wirken. Denen die enge, pessimistisch versalzene Freiheit nicht behagt. Die zurückstreben in die Zelle, um ihren Maßlosigkeiten des Denkens, ihren Exzessen der Spekulation und ihrem Haß nachhängen zu können. Vielleicht hat die Gewöhnung an Prügel und Mißhandlung seine Nerven schon so degeneriert, daß er ohne sie nicht leben kann.
Daß sein anarchistischer Geist, disziplin- und maßlos, der Marter bedarf oder besser gesagt, des Gefühles der Ohnmacht, der körperlichen Minderwertigkeit, um geistig ganz aufzuschnellen zu unheimlicher Rasanz. Phantastik des primitiv pervertierten, gehemmten und überempfindlichen Menschen, dem der Zuspruch des Beichtigers, der höheren Kraft, der Glaube an die Norm und das Wissen um die ewige, unveränderliche Tragik des begabten, aber verkannten Kindes fehlt. Trotz aller männlichen und staunenswert mutigen Gesten blieb dieser Charakter im Kindlichen, Hilflosen stecken.
Er kennt keine Menschen.
Sein Leben in Freiheit, soweit es Leben war, das da in wenigen Urlaubswochen den armen Körper hin- und herschleuderte in Wahnvorstellungen von Gerechtigkeit und Rache, soweit es Freiheit war, unter den kritischen Blicken der Polizei in schmierigen Spelunken sitzen zu müssen, verborgen, gehetzt, beschimpft ... diese wenigen Wochen bringt er stumm in der ihm nicht zweifelhaften Gesellschaft schwerer Jungen zu.
Unzugänglich.
Von Wolken tiefster hoheitsvoller Bewunderung umschwefelt.
Angebetet von dem jüngeren Bruder.
Finster. Verschlossen.
Immer noch in der Zelle, wenn auch in einer nur ihm spürbaren. Alle gehn für ihn durchs Feuer.
Diese verwahrlosten, maniakalischen, gebrandmarkten Männer spüren seine überlegene Intelligenz und lassen ihn vollkommen in Ruhe. Er ist eine Art Dab, ohne dessen robuste Lust am Geld, ohne dessen artistische Hemmungslosigkeit. Denn dieser König der Einbrecher, der Mut bewies wie ein Löwe, der zweimal seinen Bruder befreite und zur Organisation seines Einbruches sein Leben zehnmal aufs Spiel setzte, ist ein gehemmter Mensch, mit einer unverwüstlichen Hochachtung vor dem Buch, vor dem Wissen, vor der Technik, vor der Religion, vor allem kurz, was den besseren, diplomierten Menschen in den Augen des nackten, proletarisch geborenen und unerzogenen auszeichnet.
IV.
In seinem Milieu, dem der Verbrecher und Deklassierten, nimmt er eine Sonderstellung ein, nicht nur wegen seiner Taten, die die ganze Stadt in atemlose Aufregung versetzten, sondern auch wegen seiner moralischen Qualitäten. Nirgends weiß man Treue und Verschwiegenheit so zu schätzen wie bei denen, die immer mit einem Fuß im Grabe oder im Gefängnis stehn.
Niemals hat Emil Strauß, bei aller Offenheit und Ehrlichkeit, die er bewies, sobald es sich um seine eigenen Taten handelte, auch nur mit einer Andeutung, einer Miene seine Gefährten verraten, der Polizei irgendwie geschmeichelt. Manches in seinen Aussagen, in den Berichten über sein Leben, klingt wie Pose oder Selbstgefälligkeit. Aber man darf nie vergessen, daß es die Worte, Bilder und Phrasen eines weltfremden Einsiedlers, in der Einsamkeit und Irrealität der Bücher, in der Zelle ausgedachte, ausgefeilte Bilder und Sätze sind, logische Extrakte eines Wissens um die eigene Seele und deren Verhängnis. Daß dieser Mensch gezwungen war, in sich etwas Besonderes zu sehn, weil er es spürte. Eitelkeit oder Ehrgeiz sind durchaus menschliche Arten, die Welt oder sich selbst zu betrachten. In ein Verhältnis zu vereinen, was die Gewalt der nackten Tatsachen trennte und verheerte.
Gewiß nennen wir das mit anderen, kritischen Worten Romantik. Aber es handelt sich hier nicht um Kritik, sondern um Darstellung, nicht um Wertung, denn das ist Aufgabe der Richter, und vollendet und erledigt, sondern um Analyse eines Menschen, der nicht in diese Zeit der Kompromisse zu gehören scheint, sondern einen Renaissancetypus darstellt, eine Mischung von Religiosität und Gewalt, von Kultur und Triebhaftigkeit.
Noch eins beunruhigte und hemmte die Gefährten nicht minder wie die Gegner ... die Vollendung seiner Manieren, das Leise, unverändert Höfliche seiner Art in der Begegnung mit Fremden. Die Sicherheit seines Auftretens, die Beherrschtheit und Kühle seiner Höflichkeit, aus der ein eiserner Wille, Beobachtung der eigenen Schwächen ebenso sprechen wie Sanftmut und Kindlichkeit. Diese seine Vornehmheit wird allerdings unterstützt von der Noblesse seiner Gestalt.
Er ist hochgewachsen, schlank, von gleichmäßig eleganten Bewegungen. Der Ton seiner Stimme leise, bestimmt und durchaus vertrauenerweckend. Das Gesicht groß und mager, sehr bleich die hohe, schön gewölbte Stirn. Er legt Gewicht auf gute, elegante Kleidung. Ein Zug höherer Lebensart scheint ihm eingeboren. Denn Kinderstube kann man nicht nachholen. All das scheint ein Beweis ständigen kritischen Nachdenkens und Vergleichens, ein dauerndes Kontrollieren seiner eigenen Person im Vergleich zu seinen Erlebnissen mit Fremden, bewußt oder unbewußt die Triebfeder seiner ganzen verzweifelten Existenz, ein fast dämonischer Wille emporzusteigen und ein schreckliches Gefühl der eigenen Begabung. Zugleich die ewig brennende Frage nach dem Weg, nach dem Warum der Ungerechtigkeit, der eigenen Willensschwäche, die sich nicht anders denn im Bösen Ausgleich mit der Gesellschaft verschaffen kann.
Es gibt für seine Taten, wenn man nicht auf das Gebiet der Pathologie geraten will, natürlich keine menschliche Entschuldigung. Denn wie die Richter gerade in seinem Fall mit Recht, wenn auch nicht gerade freundlich, immer wieder betonen, hätte es Strauß bei seinen ungewöhnlichen Fähigkeiten möglich sein müssen, das Maß des Erlaubten zu entdecken, und gelang es ihm nicht, seinen Trieb nach Vergeltung zu zähmen, so mußte er wissen, daß das Gesetz den Wissenden doppelt und dreifach härter treffen würde.
Zur Erläuterung des bis jetzt Gesagten möchte ich im folgenden seine eigene Lebensgeschichte, die er als einzige Verteidigung in seinem großen Prozeß anführte, folgen lassen. Wobei zu beachten ist, wie stark Strauß die Unzulänglichkeit der Tatsachen und deren Erklärung aus der momentanen Konstellation selbst empfand. Wie stark dieser gehetzte und einsame Mensch die Gebundenheit an die tiefen, tragischen Gesetze empfand, die das Maß seiner Jugend und die Richtung seines ganzen Lebens werden sollten.
„Meine Herren Richter und Geschworenen! Es soll hier nach Recht und Gerechtigkeit über Tod und Leben eines Menschen entschieden werden.
Da ist es wohl ganz selbstverständlich, daß man sich nicht nur ganz eingehend mit der Sache des Angeklagten, sondern zumindest ebenso eingehend auch mit seiner Person, d. h. mit den ausschlaggebenden Momenten seines Vorlebens beschäftigt: dies um so mehr, als es sich hier bei der Person des Hauptangeklagten ... also bei mir ... um einen Menschen handelt, der seit Jahren bei der öffentlichen Meinung in dem Gerücht steht, schlechtweg der gefährlichste Schwerverbrecher Groß-Berlins zu sein.
Diese, im wahrsten Sinne des Wortes traurige Berühmtheit verdanke ich aber keineswegs mir selbst oder meinen Taten, sondern einzig und allein der Geschäftstüchtigkeit gewisser Sensationsartikelfabrikanten, Leuten, die nun einmal nicht anders können, als aus der Haut selbst der Unglücklichsten ihrer Mitmenschen noch Riemen für sich zu schneiden.
Ich habe diesen falschen Nimbus eines „Ein- und Ausbrecherkönigs“, mit dem geistesarme Zeilenschinder mich umgeben haben, aber bereits zu teuer bezahlen müssen, um diese Art von kostspieliger Glorifizierung meiner Person noch länger ruhig hinzunehmen und so schließlich Gefahr zu laufen, nicht etwa der objektiven Würdigung bewiesener Tatsachen, sondern der suggestiven Macht der Druckerschwärze zu erliegen.
Die Leute, die mich nur aus den tendenziös geschminkten sensationell aufgedonnerten Hohlspiegelbildern der „chronique scandaleuse“ kennen, müssen mich geradezu für den Abschaum des Abschaums der Menschheit halten und alle meine Handlungen für solche Unika an Gemeingefährlichkeit, wie sie eben nur die „Firma“ Gebr. Strauß zu liefern vermag. Alle diejenigen Personen dagegen, welche mich persönlich etwas genauer kennen, haben wohlbegründeterweise eine ganz andere, eine entschieden bessere Meinung von mir.
Und um auch Ihnen, meine Herren, die Sie heute über mich zu Gericht sitzen sollen, die erforderlichen Unterlagen zu bieten zur Bildung eines gerechteren Urteils über meine Person, als es sich auf Grund jener im Nick-Carter-Stile fabrizierter Elaborate bilden läßt, will ich versuchen, Ihnen so eine Art curriculum vitae von mir zu geben.
Zu diesem Zwecke bitte ich Sie, mich nur noch einige Minuten lang ruhig anzuhören. Denn das, worauf es hier hauptsächlich ankommt, was meinem bisherigen ganzen Leben die Richtung gegeben hat, das läßt sich wirklich nicht, wie man so zu sagen pflegt, in einer Nußschale darbieten. Mit einigen bloß andeutenden Kohlestrichen läßt sich solch einem Lebensbilde weder Form noch Farbe, noch Inhalt verleihen. Wollte ich aber andererseits das ganze krasse Elend meiner Kindheit und Jugendzeit in ausführlicherer Weise wahrheitsgetreu schildern, so würde ich höchstwahrscheinlich bei Ihnen in den Verdacht geraten, anstatt Porträtmalerei ... Stimmungsmalerei zu treiben. Deshalb scheint mir die goldene Mittelstraße des rechten Maßhaltens nach beiden Seiten hin hier der einzig richtige Weg, das mir vorschwebende Ziel zu erreichen.
Was hätte es denn schließlich auch für einen Sinn, wenn ich beispielsweise in bezug auf meinen Bildungsgang Ihnen einfach die nackte Tatsache mitteilte, daß ich acht Jahre lang die Volksschule besucht habe. Damit wäre so gut wie nichts gesagt. Der Begriff Volksschulbildung ist trotz seiner scheinbaren Begrenztheit doch ein recht dehnbarer und seine richtige Werteinschätzung durchaus abhängig von der genaueren Kenntnis der besonderen Lebensumstände und Lebensbedingungen innerer und äußerer Art, unter denen der gebotene Bildungsstoff geistig aufgenommen und verarbeitet worden ist.
Es ist doch unbestreitbar ein gewaltiger Unterschied, ob von zwei sonst gleichbegabten, gleichlernbegierigen Schülern der eine das wohlgepflegte, sorgsam gehütete Kind gesunder, geistig wie sittlich hochstehender, in geordneten Verhältnissen lebender Eltern ist; ein Kind, das daheim und in der Schule alle seine ihm von der Natur verliehenen Gaben und Fähigkeiten nach allen Richtungen hin unbehindert entfalten und zur schönsten, höchsten Blüte entwickeln kann; ... der andere Schüler dagegen, der an Leib und Seele unterernährte, erblich vielleicht schwerbelastete Sprößling eines Säufers ist; so ein erbarmungswürdiges Geschöpf, das, am frühen Morgen schon vom Zeitungstragen abgehetzt, nun ungewaschen, hungrig und zerlumpt zur Schule eilt, doch vor Erschöpfung dem Unterricht selten mit der nötigen Aufmerksamkeit zu folgen vermag und infolgedessen in der Entwicklung sein Geistes- und Gemütsleben auf das schwerste beeinträchtigt, in der Ausbildung seiner natürlichen Gaben und Fähigkeiten auf das stärkste gehemmt und behindert wird. Daß das Niveau des Bildungsstandes dieser beiden Typen von Schülern am Ende ihrer Schulzeit ein voneinander sehr verschiedenes sein muß, wird wohl niemand bezweifeln.
Ich habe von meinem siebenten Lebensjahre ab tagtäglich in aller Herrgottsfrühe hinaus gemußt, um meiner vielgeplagten Mutter beim Zeitungstragen zu helfen. Vom zehnten Jahre an hatte ich dann außerdem noch des Nachmittags eine Stelle als Laufjunge, von der ich des Abends meist todmüde nach Hause kam, um dann noch das Tagespensum meiner Schulaufgaben zu erledigen.
Die Schuld an diesen unsagbar traurigen, total zerrütteten Familienverhältnissen, die mich zu so unnatürlich frühem Broterwerb zwangen, trifft in erster Linie meinen Vater. Dieser von Beruf Stubenmaler und heute ein nüchterner, solider Greis von siebzig Jahren, ist in seinem mittleren Lebensalter ein notorischer Trinker gewesen, der seine zahlreiche Familie zeitweise in Not und Elend fast verkommen ließ. Meine Mutter dagegen war eine kreuzbrave, fleißige, unendlich liebevolle, gute Frau, die sich vom frühesten Morgen bis spät in die Nacht hinein nicht Rast noch Ruhe gönnte, um Brot zu schaffen für die ewig hungrigen Schnäbel ihrer zahlreichen Straußenbrut, und deren ganzes, zwanzigjähriges Eheleben ein einziges, fast ununterbrochenes Martyrium von so tiefer Seelenqual darstellt, wie man es selbst seinem ärgsten Widersacher nicht wünscht ...
Als ich etwa zehn Jahre zählte, trieb es mein Vater wieder gerade besonders arg. Wir Kinder samt unserer Mutter hatten schon mehrere Tage lang fast so gut wie nichts gegessen und waren infolgedessen buchstäblich dem Verhungern nahe. In dieser höchsten Not nahm meine Mutter einige Mark von dem kassierten Zeitungsgelde, um dafür Speise und Trank zu beschaffen und unseren wütenden Hunger zu stillen. Als sie den aufgewendeten Betrag dann nicht rechtzeitig wieder herbeizuschaffen vermochte, griff sie, dieses hoffnungslosen, jammervollen Daseins müde, in ihrer tiefsten Verzweiflung zum Strick ... und erhängte sich ...
Wir wohnten damals ... 1897 ... in Weißensee. Auf Kosten der Gemeinde wurden wir Kinder nun einzeln zu fremden Leuten in Pflege gegeben, wobei ich das Unglück hatte, sozusagen aus einem Wolkenbruch in die noch ärger strömende Traufe zu geraten. Meine Pflegemutter nämlich war eine mit zwar recht engem Herzen, dafür aber mit desto weiterem Gewissen begabte Frau, die sich recht und schlecht dadurch ernährte, daß sie einzelnen Zöglingen des Magdalenenstiftes in Weißensee gelegentlich zur Flucht verhalf und ihnen bei ihr bekannten Kupplerinnen Unterschlupf und somit Gelegenheit zu einem „gewissen“ Gelderwerb verschaffte, von dem sie dann ihre Tantieme bezog. Der Mann dieser Frau war ein in einer Molkerei beschäftigter, mit Respekt zu sagen: versoffener Kuhknecht, der, da er bei seinem Brotherrn volle Kost erhielt, nur zum Schlafen und ... Krakehlen nach Hause kam, sonst aber um nichts und niemand sich kümmerte. Die erwachsene einzige Tochter dieses edlen Elternpaares war eine „heimliche“, d. h. nicht unter sittenpolizeilicher Kontrolle stehende Straßendirne.
In dieser überaus ehrenwerten Familie nun fand ich Aufnahme und wurde von den beiden Frauen systematisch zum Stehlen angeleitet. Eine Spezialität der beiden Damen war es, die Weißenseer Friedhöfe heimzusuchen und dort die auf den Gräbern niedergelegten Wachsrosen zu rauben, die dann in einer Kranzbinderei, wo ich seinerzeit als Laufjunge angestellt war, weiterverkauft wurden. Bei einem dieser Kirchhofsbesuche zwangen mich die beiden Megären, ein auf einem Kindergrab stehendes Weihnachtsbäumchen, das mit niedlichen Glassachen allerliebst ausgeschmückt war, bis auf das letzte Stück zu plündern ...
Welche verheerende Wirkung diese fast täglichen Vorkommnisse auf mein empfängliches Kindergemüt, auf mein moralisches Empfinden, überhaupt auf mein ganzes Innenleben ausüben mußten, kann ein jeder sich wohl denken. Andeutungsweise will ich nur noch nebenbei bemerken, daß meine zwanzig Jahre alte Pflegeschwester mich elfjährigen Jungen auch auf sexuellem Gebiet theoretisch und praktisch auf das gründlichste aufgeklärt hat ...
Ungefähr zwei Jahre nach dem für uns Kinder so verhängnisvollen Tode unserer guten Mutter heiratete mein Vater zum zweiten Male und wir jüngeren Geschwister erhielten nun eine Stiefmutter, die zwar weder lesen noch schreiben konnte, dafür aber im Lügen und Stehlen und Schuldenmachen ganz Erkleckliches leistete. Dieser Frau nun, einer wahren Perle von Stiefmutter, blieb es vorbehalten, meiner bereits so weit gediehenen Jugend-„Erziehung“ den finish touch ... wie der Engländer sagt ... den letzten Schliff zu geben.
Sie unterzog sich dieser Aufgabe mit edler Selbstverleugnung!
Durch einen unglaublich niederträchtigen Streich brachte sie es fertig, daß ich unschuldigerweise in den Verdacht geriet, von einer mir anvertrauten Geldsumme zwanzig Mark unterschlagen zu haben. Die Folge davon war, daß ich nicht nur schimpflich aus meiner Stellung fortgejagt, sondern auch noch obendrein von meinem eigenen Vater verstoßen wurde.
Arbeits-, mittel- und obdachlos lag ich nun auf der Straße; ein Junge von fünfzehn Jahren, mir selbst und meinem Schicksal überlassen! Daß die Gedanken und Gefühle, die mich damals durchtobten, denen eines Karl Moor verzweifelt ähnlich waren, wird ein jeder Menschenkenner wohl begreifen. Tatsächlich habe ich dann auch in der Folge monatelang ein wahres Räuber- und Zigeunerleben geführt. Bis endlich die Sehnsucht, wieder einmal unter Dach und Fach und in geordnete Verhältnisse zu kommen, mich veranlaßte, als Knecht vorläufig auf ein Jahr lang zu einem Bauer in Dienst zu gehn.
Ich erhielt dort fünfundzwanzig Taler Jahreslohn. Die horrende Summe reichte nicht einmal zur Ergänzung meiner völlig abgerissenen Garderobe, und aus diesem Grunde kehrte ich nach Ablauf meines Dienstjahres nach der Großstadt zurück.
In den folgenden zwei Jahren war ich dann in Berlin hier und da einige Monate lang als Gelegenheitsarbeiter in Fabriken beschäftigt; bis ich 1905 ... sei es durch Zufall, sei es durch Schicksalsfügung ... einen Schlosser kennen lernte, der auf dem Gebiete des Einbruchdiebstahls bereits praktische Erfahrungen gesammelt hatte. Diesem verband ich mich nun zu löblichem Tun und erreichte dadurch, daß ich in ungeahnt kurzer Zeit hinter Schloß und Riegel saß.
Das war sozusagen der Anfang vom Ende. Denn nun folgte eine langjährige Freiheitsstrafe der andern fast unmittelbar auf dem Fuße, so daß ich von den letztverflossenen fünfzehn Jahren beinahe vierzehn Jahre (!) im Gefängnis und Zuchthaus zugebracht, und zwar, was ich doppelt und dreifach unterstreichen will, ausschließlich in strengster Einzelhaft zugebracht habe. Freilich, was das letztere besagen will, wird nur derjenige voll und ganz verstehn, der einmal an sich selbst verspürt hat, welche lähmende Wirkung die jahrelange Freiheitsentziehung auf einen Menschen auszuüben vermag. In dieser Beziehung möchte ich die Freiheitsstrafe vergleichen mit einem starken Narkotikum, wie etwa Opium, Kokain oder Morphium. Von einem sachverständigen Arzte nach gewissenhafter Diagnose nur im äußersten Fall und auch dann nur in vorsichtig bemessener Dosis verabreicht, ist es eine heilsame Medizin, ein wirksam vorbeugendes Schutzmittel, ein Segen für die Menschheit; zum schwersten Fluch aber wird es, wenn allzu freigebige und unterschiedslose Verordnung der Gifte zur Gewöhnung an dasselbe führt, wenn die Gewohnheit zum Laster wird und das Laster schließlich in eine Volksseuche ausartet. Der so entstehende Schaden ist unübersehbar. Die körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte und Fähigkeiten der Verseuchten werden durch das Gift gelähmt, ihre Kampfkraft ums Dasein wird in erheblichem Maße geschwächt, und die weitere natürliche Folge? Von Stufe zu Stufe! Das traurige Los fast aller derer, die mit dem Kerker einmal nähere Bekanntschaft gemacht. Tausend- und abertausendfache Erfahrung bestätigt die vernichtende Wahrheit meiner Worte ...
Ich weiß und ich fühle es, daß es ein völlig fruchtloses Bemühen wäre, Ihnen schildern zu wollen, wie oft und wie ernstlich ich versucht habe, zu einem geordneten, ehrbaren Leben zurückzukehren ... schildern zu wollen, woran und warum alle diese Versuche so kläglich gescheitert sind. ‚Wenn Ihr’s nicht fühlt, Ihr werdet’s nie erjagen.‘ Dergleichen komplizierte psychopathische Vorgänge und Erscheinungen einem Dritten erklären zu sollen, das hieße fürwahr, einem Blindgeborenen das Farbenspiel des Regenbogens beschreiben. Wer einmal so tief in den Sumpf hineingestoßen worden ist, der vermag es eben nicht wie Münchhausen, an seinem Schopf aus eigener Kraft sich wieder hinauszuziehen. Eine rettende, helfende, stützende Bruderhand ist mir bisher noch von keiner Seite gereicht worden. Am allerwenigsten aber von jener Seite, auf der stets am lautesten über die Verderbtheit der Menschen geklagt wird.
Und doch ... wer weiß? Vielleicht daß mir noch einmal in meinem Leben ein Mensch begegnet von dem Geistesgepräge und der Gesinnungsart jenes Sankt Johannes, den Herder in seinem tiefempfundenen, ergreifend schönen Gedicht: ‚Der gerettete Jüngling‘ ... verewigt hat. Hoffnung läßt ja bekanntlich nicht zuschanden werden. Es hofft der Mensch, so lange er lebt. Ich aber hoffe, nein ich weiß, daß in diesen Tagen unter das hier aufgeschlagene Blatt meines Lebensbuches durchaus noch kein finis, sondern ganz bestimmt ein vice versa!!!
Hiermit lege ich Pinsel und Palette bis auf weiteres aus der Hand; denn die Studie meines Lebensbildes ist vollendet. Sie ist mit ungeübter Hand entworfen. Aber bis ins Kleinste hinein erfüllt von dem Heiligen Geiste strengster Wahrhaftigkeit. Und einzig und allein aus diesem Grunde hoffe ich, daß kein fühlender Mensch ... er sei mir persönlich wohl oder übel gesinnt ... das Bild aufmerksam betrachten kann, ohne in der tiefsten Tiefe seiner Seele erschüttert zu werden, daß er die Hand mit dem Steine, die er vielleicht schon zum Wurfe bereit erhoben hat, beschämt wieder sinken läßt und er in der Stille seines Herzenskämmerleins sich einmal fragt, von welcher Seite hier wohl am schwersten gesündigt worden ist, von dem Angeklagten wider die Gesellschaft oder ... umgekehrt!?!“