2.

Nicht daß es ein Bad ist, Gérardmer, auch nicht daß es schön ist und köstlich und an einem See voll Zartheit liegt, will all dies bedeuten: Daß es Französisch ist, gibt ihm die Lässigkeit und die Linie und läßt alles begreifen und bleibt die Mitte und das Verstehenkönnen auch der Wege, die zu ihm führen und derer, die weiterziehn. So die lange Reihe der Seee, die von Retournemer herüber bis an es heran reichen, deren Ufer weiß sind von Reif und in deren zarten Oberflächen die Röte schwimmt vom Dach eines geziegelten Hauses und die pastellhafte Kurve des gesänftigten Höhenzugs mit dem aufflammenden Gelb der Birken. Und den bleichen Mond und die Kaskaden und den Saut des Cuves und den dunklen Farrn bei den Fichten, wie den milden Aufstieg zu den Höhen mit Kühen und den Matten nach den Gipfeln, auf denen überall mit breitausgeholten Formen helle Landhäuser liegen wie große Aeroplane, die in das Köstliche dieser Ebene jede Minute abzustoßen scheinen. Und gleicherweise versteht sich, noch weit von der Stadt, diese Szene am Brunnen, wo ein Schulhaus liegt im Gewirr zersplitterter Häuser: Jene Parade des Lehrers über die Sauberkeit kindlicher Nägel und die Lust der Bestätigten, der Eifer am Wasser jener, die zu leicht befunden wurden und dann jener Einzug von hundert Holzpantoffeln über die Treppe im Sang und Takt der Marseillaise.

Selbst auch da liegt noch deutlich dieser Duft und führt dieses nahe: Wo das dünne Gesträhn der Fontaine Paxion schon in ein königliches Meer von Matten weist, wo das Tal der Moselotte durch ein glänzendes lichtes Land mit hellen Wegen, vorbei am Gesang der Webereien, wie befreit und erhoben zieht und die zerstreuten Chalets mit zinkbeschlagenen Fronten wie große starke Vögel mit blitzenden und weißen Brüsten an den Bergrücken hocken und auch das Düstere des Lac des Corbeaux ein versöhnlicher Himmel, leicht gemischt aus Messing, Silbergrün und grauglänzendem Lila, lächelnd übersteigt.

Weil es noch früh ist am Tage und spät im Jahr, sieht man nicht viele Menschen in diesem Bade Gérardmer. Nur das noch dampfende Weiß straßenlanger Leinen, die gerade gewebt wurden, bleicht auf allen Wiesen um die Stadt. Aber die Promenaden laufen vornehm um den See, zärtlich wehmütig fallen Blätter über die Wege, die bereift sind. Eine klare Oktobersonne mit festlichem Orange rinnt über die verschlossenen Läden der grollen und ländlichen Hotels und über den Park mit den Villen und Chalets. Die weißen Brote und Trauben leuchten aus den Läden, das Land ist voll Licht, in dem schwanke Nebel erzittern. Zwischen den Bäumen erkennt man nur leicht verschwommen einen Zug Infanteristen, deren Hosen rot brennen und die im Stechschritt den Platz umqueren. Vor der Mole liegen viele Ruderboote und ein farbig aufgetakeltes Segelschiff wiegt sich gelassen auf den blitzenden Wellen. Und indem aus dem Rauch des Sees plötzlich und sich lösend eine Motorjacht stampfend herausbricht, tun die Uhren der Stadt, eine vornehm und mit feiner Ruhe hinter der anderen zurücktretend, einen Stundenschlag.