3.

Hier hat sich ein Komplex Historie hingelagert. Dies kleine Tal war die Kulturstätte des Oberelsaß. Unglaublich den Höhenzug dominierend, reckt Murbach seinen Torso auf. Chor und Querschiff nur sind erhalten. Und doch ist dieser Rest zusammengeballte romanische Stärke von ungeheuerer Kraft. Seitlich der Vierung laufen die hohen Türme, von einem Sattel verbunden, in die Höhe und geben der breiten Brust ein unsagbar Beschwingtes. Die Türme sind schon gesäult und diese französischen Einflüsse, die durchbrochenen Fenster, motivisch wiederkehrende Schachbrettfriese und die viele Ornamentik, die die Breite mildert und doch der Fläche das Ausgespannte nicht raubt, bewirken Eleganz in dem Athletischen der Struktur und geben der Wucht und Würde Aufstieg, Grazie und etwas Fliegendes. Im Ganzen: Gewalt — wie ein maßloses, edles Tier, ein wenig verächtlich herabschauend, steht die Kirche in dem viel zu kleinen, verlassenen Tal. Niederdrückend und hoch spannen sich innen in Chor und Querschiff die Bogen zu einem Gewölbe, das voll ist von Sonne, Erschauern und dem Sang einer Biene.

Hier wurde Pirmin, von Reichenau her verschlagen, angesiedelt — im achten Jahrhundert — das Kloster wuchs, ward Fürstabtei, reichsunmittelbar, gefürchtet, berühmt. Sie dehnten ihre Herrschaft weit aus, kolonisierten, expansierten sich, gründeten Kirchen, Filialen, besaßen über hundert Dörfer und Städte, wurden die Zentrale der Geistigkeit. Zeitweis hatten sie sogar Luzern. An den Gründungen der Umgebung läßt sich im Maß der Baustile ihre Geschichte verfolgen. Zuerst Lautenbach, dem sie eine romanische Kirche bauten, auch stiernackig, vollflankig und auch wieder gemildert und versöhnt durch anmutige Säulenbogen. Drinnen im Chor sind noch hellblitzende alte Fenster, das Gestühl ist mit expressionistischen, lüstern verrenkten Tierbildagraffen geziert, eine wundervoll geschnitzte Barockkanzel hängt im Schiff. Die alten Säulen sind barock verstuckt und das Ganze ist noch nicht jener verhängnisvollen „stilechten“ Renovierung verfallen, die mancherorts im Elsaß so sehr beliebt ist. Denn auch der Sandstein hat eine von den Jahrhunderten gezeitigte Seele und diese liegt als Stimmungsgehalt mehr und vielmals tiefer gesenkt in den Umarbeitungen der Barockzeit als in der hellgestrichenen, korrekt ursprünglich hergerichteten Formalität, die dem Auge nicht wohl tut, dem Gefühl aber lästig ist.

Dann gründeten die Murbacher St. Leodegar in Gebweiler, zu zwei Fassadentürmen einen starken Vierungsturm, mit allen Zeichen des Übergangs ins Gotische.

Und als viel später die Abtei aufgehoben und in ein weltliches Ritterstift gewandelt ward, zogen die Murbacher nach Gebweiler und bauten die klassizistische jüngere St. Leodegar, ganz im Typ der schweren Zentrale, aber im Signum einer ganz anderen Zeit. Der Altar trägt die Bundeslade, ein Sarkophag öffnet sich, aus dem (volles Rokoko) Wolken steigen, die Engel höher tragen bis ganz oben zu dem weiten, von gelbem Licht durchstrahlten Auge Gottes.

Und da neben diesen beiden das kleine Gebweiler noch eine große Kirche der Dominikaner hat, erschrak es ob dieses allzureichen Segens und verwandelte ihr Schiff zur Markthalle und den Chor zum Konzertsaal. Den Knaben der Stadt aber hing es viele Schilde auf, die ihnen unter großen Pönitenzen verboten, mit Steinen nach diesem Gebäude zu werfen.

Am alten Rathaus hängt neben dem Zeichen der Stadt, einer rot- und blauen Zipfelmütze, das Wappen: Der springende Hund von Murbach wie ein Protest gegen dies fabrikenstampfende Tal.