4.
Langsam gleitet die Sonne aus dem Tal in einem Streif, der die Höhen hinaufeilt, die Luft bekommt etwas Stehengebliebenes voll von tiefer Farbe und plastischer Ruhe. Keine Vögel singen mehr und wie der Abend die Dörfer zudeckt, geht selbst kein Wind. Wenige Leute, die die Straße queren, machen schlurfendes Geräusch. Nur die schweren Kirchen widerstehen mit ihrem wuchtigen Kontur der Dämmerung. Dann brechen die Lichter aus den Fenstern, hart hämmern die Glocken über die Dächer und die kleinen Städte, fern Industrie, Eisenbahn und Kultur, sind tot. Mit stillen, aus Jahrzehnten heraufgewachsenen Gesten, beginnt dann das Leben in den Häusern, die voll Heimlichkeit sind und Gebälk.
Madame tritt in die Tür, hebt den geschwungenen Hafen anmutig und lächelnd bis schräg vor das Gesicht und meldet das Essen. Sie trägt die dampfende Suppe über die Diele hinüber in das andere Zimmer mit den großblumigen, seltsam abgedämpften und verbrauchten Tapeten und den dreieckten verblaßten Rideaux. Vom Ofen geht Wärme langsam durch das Zimmer, das Ofenrohr mit den spiralischen Windungen knistert, in der Ecke unter dem großen ovalen Spiegel steht ein Klavier, auf dem alte Notenbücher liegen, die merkwürdige Stiche haben und in denen Stücke stehen von Rameau. Das Weiß der Decke, Silber, die großen blutroten Räder Schinken, glitzgelber Wein in schlanken Karaffen atmen Schönheit und Feierlichkeit. Die Gläserkanten funkeln, der trübe Spiegel beschlägt sich mit Wärme, auf dem Ofen beginnt ein Spielzeug zu gehen und im Gestühl und dem Parterre hebt ein Knacken an. Die Scheiben der Fenster sind angelaufen, Madame bringt neuen Wein.
Über dem Tal liegt der Sternhimmel und wenige Laternen verbreiten ein seltsames Spiel von Schatten und geheimnisvollem Licht. Von den Kreuzungen fallen rotgelbe Streifen in das schräge und auf- oder absteigende Gekrümm einer Straße, und wie sie im Weiterscheinen nur noch hellere Vertiefungen des Dunkels sind, lösen sich alle Dinge zu neuen abenteuerlichen Formen in ihnen auf. Diese gespenstischen Toreinfahrten wirken mit riesigen Dimensionen, Treppen, die im Schatten liegen, reißen sich maßlos plötzlich in die Höhe. Große Fronten von Ökonomien mit mittelalterlichem Gedunkel und kopfgroßen Fenstern voll gelben Lichts ganz oben, türmen sich seitlings auf, wo die andere Breite der Straße tief und düster in Gärten und Höfe fällt. Hinter dem vorspringenden Dach eines Stalles verschwindet die schnelle Silhouette eines Liebespaares, kreuzweis die Arme verschnürt.
Später, nach dem elften Stundenschlag läuft der Mond über die Stadt. All diese kleinen Vogesenstädte haben eine place du tilleul oder wie sie immer heißt, von alten starken, selbstbewußten Häusern quer umringt, mit einem alten Baum, einem Brunnen, der immer rauschend in lange Tröge fällt, an denen das Eisenwerk schön ist und die Form alt. Drüber kriecht der Mond, in großen Linien ziehen über die Dächer die straffen Gurten der Höhenzüge, die blau und silbern sind. Scheu weichen die Laternen zurück. Aus der Schmiede klopft noch als einziger Laut in der Nacht ein Hammer und blinkt Rotlicht. Dann spielt der Mond die ganze Nacht mit Geschnitz, Gebälk, Giebeln und Gestühl.
Ein paar Rufe, kurzes Geklirr, das ist die Sensation, die der Morgen aufjagt. Es dauert lang bis die Sonne ins Tal kommt, aber sie macht früh hell und die Schornsteine verströmen weiß und tonlos hellen Rauch in die Rosastriche am Himmel. Die Glocken hämmern die Viertelstunden herunter und die Stille wächst. Kaffee qualmt in dem Zimmer, voll von schwerem Holzwerk und kleinen Fenstern. Zwei Männer treten ein, langsam grüßen sie, Worte fallen von ihrem Mund, als wäre es Mühe, sie trinken einen Likör, stehn schwerfällig, indem ihre Blusen sich blähen, auf, grüßen und gehen. Dann schlägt es acht.
Und nun beginnt die einzige Seltsamkeit. Denn das ist die Zeit der Schule, und da diese schweren und schönen Kinder nur in der letzten zusammengerafften Minute diesen Gang tun und am Ende, oben, des Städtchens eines laufend beginnt und unterwegs alles aus aufgerissenen Toren sich anschließt, unbewegt, springend und stumm, so braust das harte Melos der Holzschuhe durch die eingeschlafene Stille als wie ein vielstimmiger Choral.