5.

Dies ist die Gegend starkgeschichteter Berge und des Herbstes.

Viele Marienfäden verspinnen sich in die Matten, und diese laufen die Abhänge hinunter und wechseln hinüber in die steile Schönheit steinerner Wege. Dies sind ganz die Vogesen: braunrote Flächen ausgespannt in die Sonne und Abhänge voll von Geröll und dem wunderbaren Spielwerk der Linien, beherrschter Kraft, Sehne, Muskel und schwerer Herbigkeit. Überall stehen Heidelbeeren, blau und solche, die noch rot sind wie Johannistrauben. Anemonen und graue Skabiosen stehen in der Waldung. Hasenlattig und Tausendguldenkraut, schwedischer Klee, Moschusmalve und Bitterich betupfen das Gebirg. Brombeeren strecken sich an sonnigen Plätzen, und ihre Früchte erreichen ungeahnte Süße, und Tollkirschen mischen sich in sie mit ihren tiefschwarzen Fruchtknospen, glänzender als japanischer Lack. Zerzaust mit Ziegenbärten von Moos wagt sich Buchenwerk noch ein Stück höher. Dann aber ist alles Matte und Gestein, das sich breit in die Sonne legt und herrlich stark ist und einsamer als je, weil die Fermen schon seit Michael geschlossen sind und der Gesang der Kuhglocken in die Täler glitt.

Nur wenige erlauchte Gipfel geben in einer überschwenglichen Ausgestreutheit das Bunte, Viele und die Augen Verführende in geballten und durch die Distanz heroischen Zusammenhängen. Ein Konzert von Schlünden und Aufstiegen umkreist den Horizont. Die Last der Gipfel spreitet sich ausgebuchtet oder in konvexer Wölbung in die Kessel. Abhänge sausen zur Ebene. Steinige, zerhackte Klippen hemmen den Fall der Kämme und reißen sie plötzlich hinab. Und aus der strengen Herrlichkeit des Steingerölls und der Echo, den waldlos nackten, muskulösen Bergrücken, den Kesseln und dem unendlichen Gekreuz gestraffter, sich schneidender und überschlagender Linien baut sich der Wahnsinn und die Wucht eines Panoramas von niederschlagender Gewalt.

Dann aber ist alles voll Herbst.

Braunroten Schaum schlagen die Wellen der Wälder nach den Gipfeln, denen die dunklen Fichten sich entgegenstemmen und wie zerstäubter Ocker ist der Abend über ihnen. Hügel und Berge, Täler und Furchen hinan ist alles aufgeflammt und fällt glühend zurück in die Rinnen und Weiher, in denen Forellen auffunkeln und färben sie voll mit reifem Karmoisin und Inkarnat. Wie Bäche rinnen die kleinen Dörfer in die großen Täler, an denen die Rebenterrassen aufsteigen, und wie eine entrollte Fahne breitet sich der Herbst, gesammelt aus tausend kleinen Wimpeln, aus durch das Sankt Gregoriental, das trieft von dem blendenden Weiß des Käses, der Butter und des Brotes, und prescht mit Brausen über die hohen Kathedralen hinein wie ein Meer in das silbrige Gefäß des Ried.

Kasimir Edschmid.

Anmerkung zur Transkription

Quelle: Die weißen Blätter, Verlag der weißen Bücher, Leipzig, 1914, pp. 468-475.