SZENE VIER
KONSTABLE erscheint, die Uhr in der Hand: Der Zeiger ist auf Sieben eingetroffen. Sieben-Groß. Das Ehrenwort ist fällig. Die Verhaftung ist gültig seit einer halben Stunde. Eine halbe Stunde später setzt der Transport ein. Marsch.
DAISY: Er ist frei.
KONSTABLE: Ich habe keine Benachrichtigung. Hier ist mein Blatt nur gültig, wenn kein anderes auf vorgeschriebenem Weg in meine Hand kommt. Nichts ist widerrufen. Amtlich. Folgen Sie.
KEAN: Sehen Sie nicht. Ein Mensch ist verschwunden. Ist in die Themse geraten. Sie sind verrückt. Helfen Sie.
KONSTABLE: Ich habe einmal einen Beschluß zu fassen gehabt in meinem Leben. Den habe ich heute entschieden. Eine halbe Stunde Transportaufschub. Respekt vor der Töterei um Sie herum. Respekt vor Serien. Aber glauben Sie, das hält meinen Beschluß auf? Widersetzen Sie sich nicht. Mein eines Auge weint, wenn ich Sie rauh anfasse, denn ich sah nie einen boxen so schön. Splendid.
DAISY: Hier ... das Papier.
SALOMON hereinspringend: Dann schlag ich dich zusammen. Vielleicht hat mir ein Mord gefehlt, um dieses Leben zu kapieren.
KONSTABLE: Ich kenne nur amtliche Papiere. An mich adressiert. Andres existiert nicht. Was das Boxen betrifft, Herr, bin ich nur unparteiisch. Time-keeper. Ich verhafte dich mit.
PRINZ VON WALES erscheint, spricht dauernd, unbeweglich, sehr laut: Hinaus, Konstable. Du auch. Salomon und Konstable verschwinden. Mein Fräulein Daisy Miller. Herr Kean. Er verbeugt sich. Sie, Herr, erwarten Strafe und Zorn. Meine Einsicht hat keinen Grund, Sie aus dem Gesetz zu reißen. Meine Freundschaft übergibt die Dinge einer milderen Prüfung. Sie gehen an einen Ort des Gebirgs oder ein Tal der Landschaft, wo in der freieren Luft der Natur sich Ihr Sinn erholt, bis Sie mein Wort zurückruft. Gehen Sie.
KEAN: Monseigneur, es ist ein grauenhaftes Geschick ereignet.
PRINZ VON WALES: Was kann Ihnen bekannt, mir unbekannt sein?
KEAN: Mäßigen Sie Ihre Milde. Halten Sie Ihren Großmut zurück, damit Sie ihn nicht zurückzurufen brauchen.
PRINZ VON WALES: Maßen Sie sich keine Korrekturen an. So stehen Sie nicht da, selbst wenn ich Sie auf den Boden des Vergessens heraufgestellt habe, daß Sie nörgeln dürfen an dem, was ich rede und was das Recht in meinen Entschlüssen ist.
KEAN: So werden Sie hören, daß die Dame, deren Namen ich laut nicht zu sagen wage, durch dieses Fenster verschwunden ist. Es führt in die Themse. Ich stehe hier in der Bitte und Erwartung, daß keine Strafe zu klein sei, auf mich zu fallen.
PRINZ VON WALES: Schwärmer.
KEAN: Verfügen Sie über mich. Ich bin zu sehr zerborsten, daß nur Strafe mich befriedigen kann.
PRINZ VON WALES: Sie lebt.
KEAN: Unmöglich.
PRINZ VON WALES: Sie fährt im Wagen eben durch die Stadt.
KEAN: Wie kann sie das?
PRINZ VON WALES: Durch mich. Durch meine Leute. Meinen Befehl. Durch meine Leiter, mein Boot, meine Voraussicht. Meine Hand war um sie, von Anfang an.
KEAN: Sie haben mich erlöst. Ich beuge mich. Ich habe sehr verloren. Ich erkenne Ihren Sieg an, neidlos. Es ist Zeit, daß wir zur Ruhe kommen, um den Anfang gut weiter zu führen. Zu Daisy: Denn ich habe ein Herz entdeckt.
PRINZ VON WALES fast herrisch: Schauen Sie mir in das Gesicht. Lassen Sie die Pupille nicht von meiner. Dann wissen Sie, Herr, daß Sie den bedeutenderen Sieg errungen haben. Daß Sie am Beginn einer größeren Weisheit stehen. Ich neige mich. Verlassen Sie die Stadt. Man wird Sie als einen anders Gewordenen zurückrufen. Entfernen Sie sich mit Eile aus dem Umkreis. Gehen Sie. Ich wünsche nicht, das Sie etwas hinzufügen.
Schluß des fünften Akts.
PERSÖNLICHES ALS NACHWORT
Das Schauspiel mein Stück zu nennen, ist vielleicht kühn, aber nicht ohne Berechtigung, wenn es nicht noch toller wäre und nicht ohne Torheit, es eines von Dumas zu nennen. Dumas ist ein verteufelt armes Luder, weil er tot ist, und ich habe keinen Orgueil an der Frage. Man kann auf ihr wie eine schöne Frau auf einem Dagobert die gewagtesten Positionen einnehmen. Ich überlasse die Lösung meinen kleinen Feinden, die mir seine Fehler vorzuwerfen nicht ermatten werden und auch mit Sicherheit bereit sind, meine Vorzüge in sein Talent zu jonglieren.
Was mich an dem Schmarrn des Franzosen reizte, war das Genialische, das auch im Kitsch noch zuckt als Geste und Kerl und Blut. Ich hatte wahrlich nicht den Ehrgeiz, mich von dem Schmiß der Sache zu einer neuen Sache locken zu lassen, da ich ja die Freiheit und Möglichkeit wohl hätte, von mir selbst mich zu allen möglichen Stücken reizen zu lassen, und ich hatte keineswegs die Lust, den Franzosen zu schlucken, sondern die Absicht, ihn zu vervollkommnen und diesen verruchtesten und geliebten Reißer zu einem neuen Stück von Haltung zu machen. Es ging weniger um die Polierung, eher um das Fundament, und gewiß nicht um eine Bearbeitung, sondern bestimmt nur um Theater und um sicher besseres Theater, als in zehn dünnseeligen Geiststücken meiner immer abstrakter vom Blut wegwandernden Generation.
Der europäische Gascogner hatte sich die Sache leicht gemacht, wußte prêcher pour sa paroisse und sagte umgekehrt wie die Englischen gern Baumwolle, wenn er Jesus meinte, was Heine nicht in seiner Begeisterung störte, als in der Hauptrolle Frédérik Lemaître dem romanischen Sketsch am einunddreißigsten August Achtzehnhundertsechsunddreißig im Théâtre des Variétés vor den Untertanen einer demokratisierenden Bourgeoisie und vor verprügelten Aristokraten die Weltrichtung gab ... und Dumas damit aus dem Gekrisch literarischer Diebstähle herausriß, in das ihn Gardisten seines lächelnden Freundes Victor Hugo gewickelt hatten. Damals wars rassiger Bluff. Heut ist die Innerlichkeitssubstanz Geschwätz und Geplausch. Zwischen die (wundervollen) Trüks muß nun Seele hineinschmettern. Es müssen Menschen dahin, wo er Dramatisches suchte und Effekte fand, es darf Wahrheit dort sein, wo er gaunerte und Glissandos machte. Wo er gallisch krähte, muß Schicksal hinein.
Denn schließlich handelt es sich darum, daß dieses funny animal, dieser tolle Bursche, Kean, nicht aus Unordnung schlampig, sondern aus elementaren Leidenschaften ungesammelt ist. Daß es nicht auf das Kostüm ankommt, sondern auf dies Exemplar von Menschen, nicht auf die Verwirrungen, sondern auf die Dämonie. Daß es von Bedeutung ist, daß die Backfische und Mondänen und Kokotten des französischen Theaters nicht aus Bleichsucht gütig und aus Hurerei lasziv und aus Neugier abenteuerlich sind, sondern daß sie aus Güte konsequent und aus Lebenskenntnis tragisch und aus Enttäuschungen überlegen scheinen. Und daß schließlich nicht bei sentimentalen Saucen verblieben, sondern wahrhaftig zu festeren Ergebnissen fortgeschritten werden muß. Alles andere ist Unsinn. Das ist der Weg der Operation.
Der Weg, der keinen anderen Ehrgeiz der Exkursion kannte als den handwerklichen zum sachlichen Theater in einer theaterlosen Zeit, schob in alle Kurven eine amüsante Grenze. Man erblickte stets die Neigung, den alten Faiseur des Genialischen mit einer schonen Brüskheit aus dem Wagen zu schmeißen, aber man behielt ihn mit Respekt und lächelnd bei. Die Fahrt erhielt eine seltsame Mischung von Gefahr und Grazie, von Respekt und Tragödie, von Fatum und Causerie.
Man spiele daher in den Untergründen, ohne die Eleganz zu verletzen. Man spiele ganz modern, aber zeitlos. Man boxe und morde exakt, mit Kenntnis, aber nicht ohne Verständnis für die Not der Herzen. Man spiele schließlich mit voller Aktualität, aber durch Stilisiertes ins Breitere der Gefühlsvorgänge gedämpft. Momentan, aber nicht salonhaft. Tragisch, aber mit Verschweben. Scharf, rasch, nicht ohne viel Graziles und mit bedeutender Phantasie.
Kreuzeckhaus, Februar 1921.
KASIMIR EDSCHMID
Manuldruck der
Spamerschen Buchdruckerei
Leipzig
Von
KASIMIR EDSCHMID
erschienen:
BEI ERICH REISS
ÜBER DEN EXPRESSIONISMUS IN DER LITERATUR UND DIE NEUE DICHTUNG
BEI KURT WOLFF
DIE SECHS MÜNDUNGEN
NOVELLEN
DAS RASENDE LEBEN
NOVELLEN
TIMUR
NOVELLEN
BEI PAUL CASSIRER
DIE FÜRSTIN
NOVELLEN
DIE DOPPELKÖPFIGE NYMPHE
AUFSÄTZE ÜBER DIE LITERATUR UND DIE GEGENWART
DIE ACHATNEN KUGELN
ROMAN
Anmerkungen zur Transkription
Verlagsanzeigen wurden vom Beginn des Buches and das Ende verschoben.
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
- ... JÜNGLING: Hast du ihn nicht gefährlich eingeheizt? ...
... JÜNGLING: Hast du [ihm] nicht gefährlich eingeheizt? ... - ... ruschte Kean seine Stimme in den Magen. Er spie. ...
... [rutschte] Kean seine Stimme in den Magen. Er spie. ... - ... nicht in sechs Teile auseinander? Seltsame Späße reifen mein Dasein ...
... nicht in sechs Teile auseinander? Seltsame Späße [reißen] mein Dasein ... - ... Ende des zweiten Akts. ...
... [Schluß] des zweiten Akts. ...