SZENE DREI
KEAN: Ich hielt Sie für den Konstable.
GRAF KOEFELD: Es gibt drei Dinge, die auf meinem Inneren geschrieben stehn wie auf Bronze: Pflicht, Frauenehre, König.
KEAN: Ziehn Sie daraus ein Recht, bei mir einzubrechen?
GRAF KOEFELD: Kennen Sie diesen Fächer?
KEAN: Ich kenne fünf dieser Sorte, die Monseigneur verschenkte.
GRAF KOEFELD: Ich fand ihn in Ihrer Loge.
KEAN: Sie werden an die Adresse des Prinzen von Wales sich zu wenden haben, wenn Sie keine Entschuldigung hier anzubringen haben, daß Sie ihn bei mir raubten.
GRAF KOEFELD: Monseigeur. Welche Adresse. Danke. Verzeihung. Kontrollierbar. Jedoch ...
KEAN: Fassen Sie sich kurz.
GRAF KOEFELD: Meine Frau wird überwacht. In meinem Auftrag. Die Kontrolleure flitzen. Sie ist hier.
KEAN: Königliche Pflicht, Frauenehre mit Detektivs zu schützen.
GRAF KOEFELD: Schweigen Sie. Die Kontrolle ist hier am Ort möglich. Dieses Mal ist sie sicher. Ich werde Ihre Räume ansehn. Ist die Besichtigung frei?
KEAN: Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht.
GRAF KOEFELD: Sieben Schlachten. Eine Belagerung. Meine Auszeichnungen die höchsten. Herr, ist die Besichtigung frei?
GRAF KOEFELD: Dann akzeptieren Sie meine Forderung. Zehn Meter Abstand. Kugelwechsel bis zum Schluß. Ich schieße zuerst.
KEAN: Einen Narren weist man hinaus. Ich läute.
GRAF KOEFELD: Sie akzeptieren nicht?
KEAN: Bin ich verrückt?
GRAF KOEFELD: Ich erinnere Sie daran. Man wird Sie feig nennen.
KEAN: Kein Teufel glaubt das.
GRAF KOEFELD: Die Pflicht des Kavaliers, Ihres Verkehrs, Ihrer Männlichkeit. Waren Sie nie Soldat? Des Königs Rock, Herr. Ihre Ehre?
KEAN: Steht in meiner Brust.
GRAF KOEFELD: Wenn Sie die Beleidigung nicht sühnen und schießen, bin ich genötigt, mich zu erschießen. Ich hätte anderen Soldatentod gewünscht. Herr, ich bitte dringend, herzlich: nehmen Sie die Forderung an.
KEAN: Habe ich Sie denn gekränkt?
GRAF KOEFELD: Sie weigern die Besichtigung. Passage ist nicht frei. Dann bleibt nur ein Ausweg vorher. Ich schieße Sie zusammen. Zielt.
KEAN: Gut.
GRAF KOEFELD: Verlassen Sie die Tür. Ich warne. Eins, zwei ... Die Tür geht auf, Daisy heraus. Außer sich.
DAISY: Ich bin seine Geliebte. Gehen Sie, Herr.
KEAN: Was tun Sie?
GRAF KOEFELD mit dem Rücken nach der Tür ab: Verzeihung, Gnade, Gnädigste. Eine ungeahnte Bestürzung. Ich bin überrascht. Ich stehe, beschämt, in allem zur Verfügung.
KEAN: Ich zürne Ihnen nicht.
DAISY Hände vor das Gesicht werfend: Nun bleibt nur noch ein Weg. Stürzt, fassungslos, nach dem Fenster.
KEAN ihr nach: Gott, Gott, halten Sie. Daisy, Daisy. Faßt sie, trägt sie zurück.
DAISY: Warum haben Sie das getan?
KEAN: Du wolltest dich töten, Böse. Ich liebe dich doch. Ich liebe dich doch.
DAISY: Sie haben mich eben noch zurückgestoßen.
KEAN: Kann man so vielem widerstehen?
DAISY: Sie übereilen sich. Sie übereilen Ihr Herz.
KEAN: Nicht mehr. Was ist das Stückchen Stolz, das sich gegen dich wehrte, gegen dieses Maß an Stolz, das du ohne Bedenken verschwendest.
DAISY: Was habe ich denn getan?
KEAN: Daß ich dein Herz an meine Brust schlagen höre. Ich bin zu Haus. Das ist alles.
DAISY: Was hast du an mir?
KEAN: Ich muß offen sein, um mein Leben zu erzählen. Ich habe nach einer Jugend, von der ich nicht reden will, die Möglichkeit gehabt, alles zu besitzen, was gelobt wird. Ich lebte wie ein Herr und nahm gläubig alles, was Glück zu sein schien. Ich habe an Frauen kein geringes Teil meines Lebens gehängt und in guten Schlössern übernachtet und Fische in Parks gefangen und mit den besten Leuten meiner Rasse Verkehr gehabt. Ich habe dies nur für einen Teil des Lebens gehalten und nicht zu hoch geschätzt und habe in Kaschemmen geschlafen und keines niederen Menschen Los nicht auch geteilt. Es kam mir zu, daß ich glaubte, das Leben zu kennen, denn ich war wohl tapfer und auch feig, das wußte ich, sondern auch klug und töricht. Ich befahl und richtete sowohl, als ich unterwarf mich und wurde geschmäht. So konnte nicht fehlen, daß ich mir dachte, daß ich das Leben kenne und es auch umspanne, ja ich hätte vielleicht gedacht in manchen Minuten, daß ich weiser sei als viele, ohne dabei zu denken, daß ich Hochmut treibe. Aber ich habe sicher nie gewußt, was an Glück das Dasein zu geben vermöge, denn ich habe die Gelegenheit, daß es der Probe nicht gewachsen ist. Es mußte das Seltsame sich ereignen, daß mir das Ganze leblos aus der Hand fällt, und daß ich, von der Reinheit der Absichten eines Menschen erschüttert, von solchen Schlägen getroffen dastehe, daß alles um mich herum wie unter Gewittern fällt.
DAISY: Ich habe nichts Besonderes getan.
KEAN: Als du kamst und mir sagtest, an mir wärest du aufgerichtet und vertrauend auf die Wahrheit geworden, irrtest du. Das Umgekehrte hat das Recht. Nicht du an mir, sondern ich an dir, ich ward an soviel Hingabe erst sehend und gläubig.
DAISY: Willst du dieser Frau nicht die Tür öffnen, damit du nicht mehr die Unwahrheit zu sagen brauchst, wenn nach ihr gefragt wird?
KEAN: Glaubst du nicht, es sei edelmütiger, durch Lüge zu retten, statt mit der Wahrheit zu vernichten?
DAISY: Ich glaube, daß eine Lüge selbst in diesem Falle nicht zum Besten führen kann. Man lehrte uns im Kloster, daß wir nicht gezwungen seien, die Wahrheit zu sagen, daß wir aber nie lügen dürften.
KEAN: Ich werde dein Schüler sein. Man muß alles neu anfangen. Nimm die Führung. Ich habe zu viel geführt, um die Irrtümer nicht zu sehen. Der Rest war Einsamkeit. Ich folge dir, weil ich dich liebe. Öffnet die Tür, ruft: Leer ... das Zimmer ... das Fenster auf ...
DAISY läuft hin, hinein, zurück: Ahnte ich es? Tot? Meine Schuld. Meine Strafe, weil ich log, ich sei deine Geliebte. Bin ich verflucht? Ich bin doch verflucht.
KEAN: Durch das Fenster ... Faß dich. Sie ist entflohen.
DAISY: Und unten?
KEAN: Wer nicht geführt wird – die Themse.
DAISY: Meinen Weg. Sie hat dich mehr geliebt wie mich.
KEAN: Das weißt du nicht. Das ist unmöglich.