SZENE ZWEI

KEAN: Helène.

DAISY sich entschleiernd: Ich.

KEAN: Was wollen Sie?

DAISY: Sie in eine Heilanstalt bringen, wenn Sie krank sind.

KEAN: Ich bin nicht krank.

DAISY: Dann will ich es bedauern, daß Sie es waren.

KEAN: Sie sind ärmer als ich.

DAISY: Irrtum. Seit gestern besitze ich mein Vermögen. Mein Vormund war ein Betrüger. Er ist entlarvt.

KEAN: Man darf Ihnen gute Verwendung wünschen.

DAISY: Ich habe alle Vorbereitungen getroffen.

KEAN: Sie reisen?

DAISY: Gezwungenermaßen.

KEAN: Glückwünsche zu dem Zustand, der mir verweigert ist.

DAISY: Ich verstehe Sie nicht.

KEAN: Ich bin verhaftet.

DAISY: Irrtum. Sie sind frei.

KEAN: Sie haben den Konstable draußen gesehen.

DAISY: Ist widerrufen. Der neue Entscheid.

KEAN: In Ihren Händen? Ausgefertigt?

DAISY zögernd: Von dem Staatsanwalt. Durch den Prinzen von Wales.

KEAN: Ich hasse ihn nicht mehr.

DAISY: Als Mittelmann gegen Mevil.

KEAN: Sie erröten.

DAISY: Der wollte nicht nachgeben. Der Appell des Prinzen war einflußlos.

KEAN: Was taten Sie?

DAISY: Ich komme, mich von Ihnen verabschieden.

KEAN: Was taten Sie?

DAISY: Ich trat ihm die Mitgift ab.

KEAN: Sie haben ihn geheiratet.

DAISY: Unnötig. Das Geld genügte.

KEAN: Die Hälfte Ihres Vermögens.

DAISY: Eine kleine Schuld der großen gegenüber, die mein Leben Ihnen schuldet.

KEAN: Und Sie reisen ...

DAISY: Um den Skandal zu verwischen. Lord Mevil zwang mich dazu. Ein Pakt mit Mevil.

KEAN: Ich erkenne für mich Ihre Handlungen nicht an.

DAISY: Damit werden Sie mich kompromittieren. Ich bin bereit.

KEAN: Sonderbar. Ich sagte Ihnen beim ersten Mal: Beweisen Sie mir, daß Sie etwas im Leben meistern, ich rede Ihnen dann zu, in meinen Beruf zu springen. Heute kann ich es, aber ich stehe beschämt vor Ihnen.

DAISY: Da ich England verlasse ...

KEAN: Sie haben ein anderes Aussehen bekommen. Ich habe Sie nicht so gekannt.

DAISY: Sie schulden mir nichts. Ich habe meine Ansicht in diesem Punkt des Berufs geändert. Ich gab meinen Plan auf.

KEAN: Sind Sie mutlos geworden?

DAISY: Ich war nie entschlossener.

KEAN: Opfer zu bringen, die nicht anzunehmen ich entschlossen bin. Weinen Sie nicht.

DAISY: Die Sie nicht von mir empfangen, sondern von der Vorsehung, die Ihre Absichten damit klärt und die darum keine Opfer sind.

KEAN: Gestern hätte ich das nicht verstanden. Heute ist es schon zu weit. Es schmerzt mich, das zu sehen, was Sie tun und äußern. Denn ich habe es versäumt.

DAISY: Ich habe nie daran gedacht, daß eine Handlung anders als zu der ihr bestimmten und richtigen Zeit kommen könne.

KEAN: Sie täuschen sich. Ich sah zum erstenmal, wie ungeheuer viel ein Herz vermag, indem es sich schrankenlos preisgibt. Aber ich sehe es zu spät.

DAISY: Ich verstehe Sie nicht.

KEAN: Weil Sie nicht wissen, welche Spanne mein Leben von gestern zu heute durchmessen hat. Weil ich aus Enttäuschungen und Eitelkeiten so tief abgestürzt heute hinaufblicke, kann ich nicht wagen, erkennen zu wollen, von wie hoch her Ihre Güte zu mir herunterkommt.

DAISY: Warum beschämen Sie in mir so sehr das, was ohne Absicht geschah?

KEAN: Hätte ich früher erkannt, als ich zwar falsch, aber immerhin auf der Höhe meines Lebens schweifte, welch unvergleichlicher Besitz mir nah war, wäre das eine große und erhabene Entdeckung gewesen. Ich wäre glücklich gewesen. Daß ich es jetzt erst sehe, wo ich verlassen, schutzbedürftig und niedrig bin, nimmt mir vor mir jedes Recht, es zu ergreifen. Ich weiß, was ich verliere, denn ich verliere alles. Aber ich kann mich dem nicht entziehen.

DAISY: Wenn ich nicht glaubte, trotzdem glücklich zu sein, müßte ich denken, daß ich verflucht bin.

KEAN: Gehen Sie. Reisen Sie. Und denken Sie, daß Sie einem Mann das größte Glück geschenkt haben, indem Sie ihn zum ersten Male die ganze Größe eines reinen Gefühls sehen ließen. Und vergessen Sie nicht, daß er, obwohl er zufriedener und klarer ist wie früher, aufs tiefste leidet und nur die eine Bemühung kennt, sich Ihrer würdig zu erweisen.

DAISY: Leben Sie wohl.

SALOMON: Die Gräfin. Zieht die Tür hinter sich zu.

KEAN: Ich will sie jetzt nicht mehr sehen.

DAISY: Ich stehe, auch hierin, nicht im Wege. Lassen Sie sie eintreten. Ich bitte darum.

KEAN zögernd, dann: Warten Sie hier. Öffnet Daisy das eine Seitenkabinet.

HELENE eintretend, mit großer Bewegung sich entschleiernd, sie ist verkleidet: Sie haben verloren. Die Einsätze zurück.

KEAN: Ich habe eine Torheit begangen, die ich aber in einem gewissen Sinne loben muß, so sehr es Sie kränken mußte.

HELENE: Nur Besessenes, was man verliert, kränkt. Der mißlungene Versuch platzt in die Luft.

KEAN: Was kann ich tun, Ihre Verzeihung zu erlangen?

HELENE: Unnötig von mir. Ich bin ohne Zorn. Ich ordne die Dinge exakt. Das Medaillon.

KEAN: Hier.

HELENE: Die Dose.

KEAN: Hier.

HELENE: Der Ring.

KEAN: Hier.

HELENE: Ohne Widerspruch. Gut. Die Partie ist ausgeglichen. Die Pfänder eingesammelt. Leben Sie wohl.

KEAN: Sie ziehen die Summen. Ich aber möchte Ihre Verzeihung erlangen ... dafür ...

HELENE: Die Trüks sind ausgespielt.

KEAN: Verzeihung ... dafür, ... daß ich Sie nie geliebt habe.

HELENE: Deshalb verloren Sie. Aus keinem anderen Grund. Glauben Sie zu anderem Zweck als der Erforschung dieser Sache willen hatte ich den Pakt abgeschlossen?

KEAN: Ich will Sie nicht kränken ...

HELENE: O, es war Größe schon um Sie, als ich Sie sah.

KEAN: Es war Eitelkeit.

HELENE: Gemischt. Mich reizte, zu was Ihr Wesen sich entschlösse. Sie kamen und plaidierten für die armselige Verfolgte und warfen mir in der gleichen Sekunde Ihre Leidenschaft ins Gesicht. Beides war echt. Ich setzte mich ein, es zu lösen. Meine Liebe. Ich habe alles an diese Frage gesetzt. Nicht ich verlor. Sie verloren. Ich riskierte nur alles.

KEAN: Ich habe gewonnen ...

HELENE: Vielleicht. Sicher nicht hier.

KEAN: Hier ward nur gesetzt. Nur gespielt. Pointiert. Nicht geopfert.

HELENE: Verstanden Sie das damals so gut? Habe ich das nicht? Habe ich nicht vielleicht Sie geopfert? Wissen Sie denn, ob ich Sie nicht dennoch mehr liebte, als Sie ahnen, und daß ich dieses Gefühl hingab dem, größere Klarheit zu erreichen. Mein Herz ist kein Mädchen und durch Enttäuschungen zu großer Art gegangen, einem Gatten an die Seite gegeben, der es weder an Höhe versteht noch an Tiefe und es durch Teilnahmlosigkeit täglich kränkt und beleidigt. Ich habe nach dieser Seite keinen Sinn für das Wort Pflicht, wo sie mir täglich gebrochen wird, aber ich habe nach der anderen Seite noch weniger Gefühl für das Uferlose. Was ist Leidenschaft am Ende? Ein Nichts. Muß man nicht kühl sein, je wilder man erlebt, distanzierter, je zerhackter man ist aus Leidenschaft? Sie haben das nie gewußt. Ich suchte Weisheit über dem Blut. Sie gaben, was ich verachte, Skandal. Ich suchte Opferung, bereit dann selbst zu jedem Opfer. Ich fand ein zerrissenes, unbeherrschtes Dasein. Ich habe keine Lust an bürgerlichen Sensationen. Ich ziehe es vor, meine Wege zu beherrschen. Ich kalkuliere mir das Schicksal.

KEAN: Ich habe verloren.

HELENE: Daß Sie es einsehen, beweist eine Erschütterung. Zeigt eine Erkenntnis. Also haben Sie dennoch gewonnen. Hier aber zu spät.

KEAN: Ich habe vor Ihnen vorhin etwas Kurioses erblickt, das Grenzenloseste, Gräfin: ein schlichtes, einfaches Herz.

HELENE: Erkenntnis marschiert auf vielen Wegen. Ich stellte das Wagespiel ein zwischen Ihrer überlegenen Güte, die ich ahnte, und Ihrer Zerrissenheit, die ich sah. Es schlug nicht zu mir aus. Aber es schlug aus. Traf es nach anderen hin, bedeutet es Bindung Ihrer Kräfte. Ich wünsche Glück. Ich bin neidlos. Zersplittern ist Unfug. Konzentration alles. Liebe nur ein Augenblick. Ein gebändigtes Herz hat keine Pause.

KEAN: Welche Schuld habe ich gegen Sie!

HELENE: Keine. Sie lieben Ihre Eitelkeit nicht mehr, die sich allein vielleicht verging.

KEAN: Habe ich so blind gelebt, nichts geschaut, alles versäumt?

HELENE: Kein sentimentales Schauspiel. Sie werden nun wohl, wenn Sie besser zu sehen verstehen, der Größe, die Sie auf der Rampe spielten, die des Menschen hinzufügen. Mein Spiel ist aus. Sie spielen mit andern.

KEAN: Und Sie?

HELENE: Meine Vorbereitungen sind gelegt.

KEAN: Sie entschieden sich ...

HELENE: Die Dinge entscheiden sich. Ich entscheide mich mit ihnen. Irrtum, daß irgendeine Entscheidung bei uns liegt. Man geht mit den Möglichkeiten und beherrscht sie, indem man in ihre Kurven nicht eingreift. Was heute ich liebe, ist in einem halben Jahr vielleicht taub. Verlangen Sie Garantien der Seele vom Leben? Ich nicht. Liebten Sie mich mit Holzbein, ich Sie ohne Magen? Unausdenkbar. Die Partie hatte zwei Seiten.

KEAN: Ich schied aus. Wales blieb.

HELENE: Der Fächer ist gedeckt. Die Endposten sind erreicht. Ich war nur Zuschauer. Was blieb, hatte recht. Das eine versagte. Das andere lächelte, als ich es ansah. Ich habe mich für die Macht entschieden.

KEAN: Welche Kühnheit. Soviel kann Erfolg bedeuten!

HELENE: So kommt von selbst zu mir, was ich brauche. Ohne Bemühung. Sie werden es schmerzlos sehen.

SALOMON draußen: Unmöglich. Ich verbiete. Ich hindere Sie.

KEAN rasch die Tür des zweiten Kabinets öffnend: Einen Augenblick. Hier. Eilen Sie.

HELENE überlegen, betont: Keine Angst um mich. Ich bin in guten Händen.

SALOMON draußen: Zurück. Achtung. Das haut. Schreit. Tür auf. Graf Koefeld tritt ruhig ein.