SZENE EINS
SALOMON: Man muß schon irrsinnig zu sein im Geruch stehn, damit die Menschen anständig werden. Hilfe für Gesunde erdenkt niemand. Überall steht der Verstand auf dem Kopf. Wär ich sonst Souffleur?
VIKTOR: Bob ist entschuldigt. Das Geld des Benefiz war zuviel. Er hing sich auf.
SALOMON: Splendid. Ein Narr nahm den gewöhnlichen Abgang.
GONSCH: Wir haben draußen abgelegt.
VIKTOR: Zehn Flaschen Pommard.
WELL: Zehn Flaschen Chambertain.
KAUKA: Fünf Flaschen Portwein.
GONSCH: Zwanzig Flaschen Sekt.
VIKTOR: Sieben Flaschen Haut Sauternes.
WELL: Zwanzig Flaschen Château Latour.
KAUKA: Zehn Flaschen Jules Bernin.
GONSCH: Eine kleine Tonne Whisky.
SALOMON: Das habt ihr gut hereingeschifft. Was soll der Herr damit?
TOM: Sechs Renntierschinken.
DAVID: Vierzig Kilo Honig.
BARDOLPH: Zehn große Hummer.
SALOMON: Das habt ihr gut hereingesetzt. Ihr Trockenen. Ob ihr vom Festen nicht aufs Nasse spekuliert?! Ihr Trinkerchen.
TOM: Wenn wir auch Hunde sind, saufen wir nicht aus Krankenkübeln. Was sagt der Arzt?
DAVID: Wenn mich Gott in schweinige Versuchungen auch führt, bewahrt er mich, aus dem Elend Vorteil zu ziehen. Wie gehts dem Herrn?
BARDOLPH: Wenn wir auch verdammt dickfellige Därme sind, kann nur ein Dünndarm wie du meinen, daß unsere nach Arznei lüstern sind. Wie stehts um die Gesundheit?
SALOMON: Den Arzt hat es bei der Diagnose durchs Bein gezuckt. Handfester Wahnsinn. Man hält Kean schwer ab, seine Hitzigkeit aus dem Hirn in die Fäuste laufen zu lassen. Schlimm. Ich rieche Attentate. Mein Hals fühlt sich schon wie ein Korkzieher stranguliert. Da ich sein Pfleger bin, muß ich bleiben.
DAVID: Er soll bei Gott das Bett nicht fiebrig verlassen. Gute Gesundheit.
TOM: Ruhe und Eisbeutel aufs Hirn. Beste Besserung.
BARDOLPH: Die Hände gefesselt. Meine Empfehlungen. Alle drei exakt ab.
SALOMON: Der Herr ist in eine Krise gefahren, aus der er mit Donner und Blitz wohl nicht herauskommt, sondern wohl etwas sanfter. Es ist Zeit, aus den frühen Launen in den Sommer einzulaufen. Ich kann das Hinundherreißen nicht mit. Wenn ihr noch bleiben wollt, werdet ihr die Konstables als Hundemeute anrücken sehen. Ich melde euch.
KAUKA hält ihn zurück: Unnötig. Unsere Grüße genügen. Und das andere. Wir sind schon oft für andere gefangen worden. Bekam man die Hirsche nicht, nahm man die Hasen. Ein Feigling, wer sich unnötig in Gefahr begibt. Alle vier exakt ab.
SALOMON: Hier sitze ich. Mönch sollte von der Mutter her ich werden. Man schlägt mich. Ich besorge die Geschäfte. Habe ich nicht mehr Hirn wie diese alle? Man tritt mich. Und ich fühle mich wohl. Sonderbarer Mensch ich. Singt: „Ach Gottsche, schenk mern Hambelmann, un e Kordel dezu, daß er zawwele kann.“ Und doch reicht meine ganze Hirnhaut nicht aus, zu ahnen, wie dieser Tag ausgeht. Etwas Wichtiges muß fehlen bei mir. Au Backe! Aber was?
KEAN kommt aus dem Nebenraum, geht durchs Zimmer, ohne Salomon zu beachten.
SALOMON: Die Siegel sind entfernt. Die Schuld ausgelöst. Unbekannterweise.
KEAN: Das Gerücht von meinem Wahnsinn läuft weiter.
SALOMON: Ich fürchte nur, daß diejenigen, die es nachträglich glauben sollen, nicht von seiner Dauer zu überzeugen sind.
KEAN: Ich habe nicht das Gefühl, gestern ein vernunftbegabter Mensch gewesen zu sein, da ich es bis gestern wahrscheinlich überhaupt nicht war.
SALOMON: Dann muß Ihre Normalität ihren Geburtstag mit Prozessen, Kerkern, Verfahren beginnen.
KEAN: Kümmre dich um deinen Kopf. Man fällt nicht so heftig auf die Rampe, ohne daß man aus seinem Kostüm herausrutscht. Die Listen?
SALOMON: Sind aufgelegt. Die Einzeichnung der Krankenbesuche gemischt. Adel keiner. Bürger wenig. Viel kleine Leute.
KEAN: Keine Frau? ... Nein ... Ich bin doch wahnsinnig.
SALOMON: Der Wagen steht immer noch an der Ecke. Sie können noch jetzt fliehen. So gut wie vor zwei Stunden.
KEAN: Ich kann fliehen. Ich kann nicht fliehen. Ich bleibe da.
SALOMON: Seit Jahren der größte Skandal.
KEAN: Wüßtest du, wies in mir ausschaut, tätest du mir so keinen Pimpam erzählen.
SALOMON: Mit Monseigneur ist nicht mehr zu rechnen. Die letzte Barriere fällt. Laufen Sie zu dem Wagen.
KEAN: Wenn du eine Ahnung hättest, wie wenig ich mich etwas entziehen will und wie sehr ich auf etwas warte.
SALOMON: Wenn Sie auf die Gräfin warten, können Sie auch auf den Mond warten.
KEAN: Aber du weißt nicht, daß ich warte, um etwas gutzumachen.
KONSTABLE kommt, überreicht ein Blatt: Mein Papier. Salutiert.
KEAN: Es ist keine Zeit darauf.
KONSTABLE: Es gibt keine Zeit für Verbrecher, sondern nur das Gesetz.
KEAN: So gibt es Zeit für das Gesetz. Kannst du ihm nicht eine halbe Stunde zuschieben?
KONSTABLE: Mein Papier verhaftet Sie auf der Stelle.
SALOMON: Aber das Abführen hat Zeit bis nach Besichtigung der Räume, Teller, Flaschen.
KONSTABLE: Bestechungsversuch. In deine Fresse zurück.
KEAN: Ich warte auf jemand. Steht der Zeiger auf Sieben-Groß, komme ich mit. Mein Ehrenwort. Vielleicht kommt gar niemand.
KONSTABLE: Die Verhaftung ist geschehen. Über den Transport gibt es keine Vorschrift. Also kommandiere ich diesen Fehler. Es hängt an mir. Ich habe selten swinging blow so in mein Herz gehen sehen wie Ihren. Knockout zum Kasperllachen. Sie sind mein Freund, Herr. Ich warte eine halbe Stunde, auf Ihr Ehrenwort. Das habe ich nunmehr beschlossen. Ich habe noch nie etwas zu beschließen gehabt. Ab. Salomon mit ihm.
KEAN: Eine halbe Stunde. Geht durchs Zimmer. Dann ist es aus.
SALOMON zurück: Die ... Gräfin.
KEAN: Helène ...
SALOMON: Auf der Treppe.
KEAN: Rasch.
SALOMON: Da. Verbeugt sich, hinaus.