SZENE ZWEI

HELENE: Was wollen Sie noch? Welche Probe? Welches Kunststück haben Sie mir noch vorzuschreiben?

KEAN: Sie demütigen mich.

HELENE: Welche Steigerung haben Sie bereit? Welche Kühnheit? Welche Tollheit soll Sie jetzt noch reizen, wo Sie das erreicht.

KEAN: Es gibt kein Höher mehr. Denn bald werden Sie wieder gehen.

HELENE: Ihr einziges Gefühl Entgeisterung? Trauer? Deshalb kam ich nicht. Gestehen Sie: Sie zwangen mich.

KEAN: Ihre Neugier.

HELENE: Zweifeln Sie an meiner Liebe? Nach dem, daß ich hierher kam?

KEAN: Eine sehr große Probe. An Kühnheit größer als mein Wunsch.

HELENE: Was wünschen Sie noch? Entkleiden Sie mich. Schlagen Sie mich.

KEAN: Ich bin kein Verführer. Ich liebe Sie nur.

HELENE: Welche Bemühung wollen Sie also noch? Sagen Sie es. Ich erfülle es. Mein Teil ist dann gegeben, mein Teil ist dann klar.

KEAN: Fordern Sie jede Handlung von mir, das Unmögliche.

HELENE: Später frage ich Sie. Jetzt antworten Sie mir. Was soll ich tun? Sie können alles sagen.

KEAN: Was ich besitze, ist schon nicht mehr mein. Die Erde ist neidisch. Was ich nicht ganz besitze aber, will ich allein haben.

HELENE: Mein Gatte?

KEAN Handbewegung: Mehr.

HELENE: Furcht? Ein Gefühl, das ich nicht vermutet. Reden Sie.

KEAN: Wenn ich weiß, daß ich auf meiner Seite groß bin, so weiß ich, es gibt nur eines, groß genug, was ich zu fürchten brauche: Macht.

HELENE: Wales ...

KEAN: Ich sah Sie nie ohne ihn. Erklomm meine Sehnsucht die Fahnenstange, riß mich die Eifersucht dunkel herunter, ich kann nichts dafür, daß mein Herz toll ist.

HELENE: Ich werde ihn nicht mehr sehen. Genügt es?

KEAN: Zuviel. Sie können das nicht halten. Heute abend ...

HELENE: Ich verlasse das Theater. Sie sehen ihn allein in der Loge.

KEAN: Fehlt er aus Zufall, sterbe ich, Sie könnten mit ihm zusammen sein.

HELENE: Seltsame Frauen, die Sie früher getroffen haben müssen. Glauben Sie nicht, daß ein Entschluß so groß, ein Plan so kühn sein kann, daß man den Einsatz glauben muß.

KEAN: Ich glaube.

HELENE: Nun frage ich.

KEAN: Fragen Sie groß, viel.

HELENE: Sie irren. Was an ungeheurem Einsatz gegeben werden kann in dieser Partie, trage ich allein als Risiko. Sie nichts. Was geben Sie?

KEAN: Mich. Liebe. Meinen Beruf. Fliehen Sie mit mir.

HELENE: Schwärmerei. Was soll ich mit Dingen, die uns schaden?

KEAN: Meine irrsinnige Verehrung.

HELENE: Voraussetzung. Wäre ich sonst da?

KEAN: Was wollen Sie? Garantien, Geld, Stellung, von mir?

HELENE: Würde ich das bei Ihnen suchen?

KEAN: Kein Opfer?

HELENE: Die gebe ich.

KEAN: Keine Handlung? Keine Tollheit? Also Tod.

HELENE: Spielerei. Romantik für Kinder. Worte. Worte. Ich brauche Beweis. Keine Phantastik. Gibt es Phantastischeres, als was ich gewagt?

KEAN: Was kann an so Deutlichem und Kleinem die Gegenwagschale füllen, daß unsere Partien auf gleich stehn?

HELENE: Ein großes und ruhiges Herz. Unbedingte Sicherheit. Das Zuverlässige. Der Ruhepunkt.

KEAN: Sie werden es haben.

HELENE: Ich wage die Probe. Auch gegen das Unzuverlässige Ihrer unbiegsamen Männlichkeit. Ein Vertrag. Vergessen Sie nicht, man kann ihn verlieren. Ich wage den Pakt.

KEAN umarmt sie: Welches Glück. Ihre Stimme. Ihre Brust. Ihre Hüften.

HELENE: Nehmen Sie dies Bild. Lassen Sie sich dadurch warnen. Denken Sie immer an mich. Jede Sekunde. Nehmen Sie diese Dose. Jede Sekunde.

KEAN: Welches Wunder. Dieser Körper, dieser stolze Geist. Es klopft. Abgeschlossen. Keine Erregung.

PRINZ VON WALES draußen: Kean.

HELENE mit Haltung: Wales.

PRINZ VON WALES: Ich, Kean.

GRAF KOEFELD: Ich, Koefeld.

KEAN: Verschleiern Sie sich. Welcher Irrsinn. Welcher Schmerz. Haltung. Ich liebe Sie. Ruhe ... Nach außen: Welche Betrügerei. Sind Sie Prinz von Wales, beweisen Sie es ... Ihre Tasche, Helène. Lassen Sie Ihr Gefühl zu mir die Widerwärtigkeit nicht vergelten. Sie sind sicher ... Nach außen: Man will meine Garderobe pfänden, man verfolgt mich wegen vierhundert Pfund ... Es klopft dauernd. Helène, dicht an der Grenze des Glücks, ich zittre ... Nach außen: Sind Sie Prinz von Wales, schreiben Sie Ihren Namen auf und reichen Sie ihn herein. Sind Sie ein Betrüger, werden Sie es nicht wagen. Zieht den Schlüssel heraus, hängt ein Tuch vor, zurück.

PRINZ VON WALES: Amüsant. Was tun Sie?

KEAN: Ich öffne die Tür weit genug für Ihren Namen.

HELENE an der Tapetentür. Helfen Sie mir.

PRINZ VON WALES: Halo, nehmen Sie doch.

KEAN an der Tapetentür arbeitend: Sofort. Der Knopf springt ein, die Tapetentür auf, Kean zurück, zieht aus der Garderobentür ein Papier. Einen Augenblick. Ich kontrolliere. Mein Licht ist schlecht. Zu Helène: Sie nehmen mein Herz mit und meinen Stolz. Welches Glück, Ihr Hals, Ihre Kühnheit. In der Todesstunde werde ich es nicht vergessen. Sehn Sie, wie ich zittre. Ich habe noch nie gezittert.

PRINZ VON WALES: Außen ist alles hell. Lehnen Sie mich ab?

KEAN: Der Schlüssel, Monseigneur, das Aas von Schlüssel.

HELENE: Denken Sie an den Pakt. Jede Sekunde. Diesen Ring noch. Jede Sekunde, Kean. Ich darf mich nicht irren dieses Mal.

KEAN: Bleiben Sie im Theater.

HELENE schon innen im Gang: Dann sehen Sie mich das letzte mal mit dem Prinzen. Ertragen Sie es?

KEAN: Gerade. Mein Herz ist groß genug. Ich will es ertragen. Taumelnd, auf die Knie geworfen, als die Tapetentür zufällt, schwindelnd, dann auf, es klopft, gefaßt zur Tür, schließt auf. Eine Note von vierhundert Pfund. Diese Größe haben nur die Buchstaben im ABC von Monseigneurs Güte. Der Schlüssel. Öffnet. Wales und Koefeld treten ein.

SZENE DREI

PRINZ VON WALES: Der Graf will die Kulissen sehen. Im Diplomatischen kennt er das, erfahrungsweise. Was ist das?

KEAN Salomon und Friseur hinter ihnen hereinkommend: Souffleur und Friseur. Salomon übergibt dem Prinzen von Wales die Banknote mit meinem Dank. Prinz macht eine Bewegung. Trag sie an die Kasse. Monseigneur zahlt damit die Loge für das Benefiz der Kranken. Besichtigen Sie die Loge, Graf. Friseur führt Koefeld in den Nebenraum.

PRINZ VON WALES: Keine Portiere? Keine Falltreppe im Betrieb?

KEAN: Monseigneur, nehmen Sie Platz. Kennen Sie das Fell?

GRAF KOEFELD im sichtbaren Nebenraum zum Friseur: Heben Sie den Fächer auf, der mir fiel. Betrachtet ihn sorgfältig, steckt ihn ein, zurück. Meine Komplimente. Das ist ja gar nicht ungewöhnlich. Könnte Ankleideraum höherer Militärs sein. Charge ab Generalmajor. Komplimente. Auch Säbel. Heilo! Waffen auch. Bardala. Famos.

KEAN: Ich habe das Außergewöhnliche nie bei Menschen getroffen. Bei einem Bären einmal, eine zu lange Geschichte. Entschuldigen Sie mich zwei Minuten zum Frisieren. Es schellt irrsinnig. In den Nebenraum, wo er voll umgezogen wird, die Romeojacke erhält.

PRINZ VON WALES zu Koefeld: Enttäuscht? Daß keine Weiber da waren? Sehen Sie. Armer. Zu Kean hinter der Portiere. Haben Sie Ärger? Nervös? Ein Kummer? Ich sah Sie nie so eilig.

KEAN: Enttäuschungen, Monseigneur.

PRINZ VON WALES: Falsche Einstellungen, Kean. Erwarten Sie nichts, ist alles ein Geschenk. Erwarten Sie vieles, schlägt alles Ihnen auf das Dach. Undank die Regel. Dank die Ausnahme. Merken Sie sich Napoleons: le genre humain m’embête. Il me faut de la solitude. Damit erklimmen Sie jede Entzückung.

KEAN: Unschwer, bei Gott, von einem König gesagt.

PRINZ VON WALES: Erfahrungen, die hunderte von Jahren im Blut liegen, Freund. Wer stößt öfter auf die Erbärmlichkeit wie wir?

KEAN: Wem schadet sie weniger?

PRINZ VON WALES: Die Köpfe, manchmal, Guter, in meiner Familie. Weil wir das Renommeestück, den Menschen, kennen, ob wir ihn verachten oder uns für ihn interessieren, wissen wir um seine Dummheit und Feindlichkeit. Revolutionäre aus Neigung, sind wir, von der Nutzlosigkeit der Revolten überzeugt, Reaktionäre aus Weisheit. Wir erwarten gar nichts und haben vor den Barrikadejünglingen, die stets enttäuscht ihre verbrannten Finger in den Hades trugen, ungewöhnlich voraus, daß wir, als zurückhaltende Skeptiker, ihn zu lieben uns erlauben können auch in seiner tiefsten Erbärmlichkeit. Keine Voraussetzungen – und Sie umarmen die Weisheit ... Ah Biribi ... Romeo.

KEAN erscheint aus dem abgeteilten Raum, fast fertig: Lernen Sie mich diese Distanz der Gefühle. Ich lerne Sie die Leidenschaft, Monseigneur.

PRINZ VON WALES: Ich bedarf sie nicht. Ich habe mehr.

KEAN: Ein Geheimnis.

PRINZ VON WALES: Wie jede Macht, mein Freund, solang man sie nicht selbst erobert hat, atmet, ruhig besitzt.

REGISSEUR hereinstürzend: Ay ... a ... i ... Strafe, Strafe zahlen. Sieht Wales. Verzeihung. Untertänig. Respekt. Gehorsam. Ab.

GRAF KOEFELD: Darf ich die Loge meiner Frau suchen? Pünktlichkeit im Dienst und zu Frauen stets Prinzip.

PRINZ VON WALES: Ich folge. Ich weiß noch nicht, wo ich sitze. Welche Nummer? Drei. Ich danke. Vielleicht. Koefeld ab.

KEAN: Darf ich wagen zu sagen, es sei ein Geschenk, Sie in Koefelds Loge zu sehen.

PRINZ VON WALES: Nirgends anders?

KEAN: Nirgends anders.

PRINZ VON WALES: Aus Interesse? Soll ich Sie decken? Ein toller Wunsch. Sie lieben?

KEAN: Bin ich weise genug, dann Ihre Anwesenheit zu ertragen?

PRINZ VON WALES: Ihre Gründe.

KEAN: Mein Gefühl ...

PRINZ VON WALES: Genügt nicht. Deutlicher.

KEAN: Sie mißtrauen.

PRINZ VON WALES: Ich sehe nicht klar.

KEAN: Lassen Sie, ich bitte, beiseite, was Liebe heißt. Ein Irrsinniger könnte nur den größten womöglichen Gegner ersuchen, an seine Stelle zu treten. Kurz: ich adressiere.

PRINZ VON WALES: Ich bin kein Schauspieler.

KEAN: Es wäre ein Geschenk. Mein Sinn, daß Hohes sich ausgleicht, ist sehr bestimmt. Träte zur schönsten Frau der bedeutendste Mann, würden meine Spannungen und Verehrungen unmenschlich wachsen an solcher Harmonie, zu der ich mich wende. Ich spiele für Personen, nie für die Masse, Monseigneur.

PRINZ VON WALES: Ich habe Ihnen noch keinen Wunsch abgeschlagen.

KEAN: Ich werde noch nie so entflammt gespielt haben vor Monseigneur.

PRINZ VON WALES: Immerhin ... es ist schwer, mich in Erstaunen zu setzen. Im Hinausgehn.

KEAN: Da Sie nichts erwarten ...

PRINZ VON WALES: ... oder alles. Das ist gleich. Ab.

KEAN: Er wird es Helène sagen, daß ich ihn zu ihr gehetzt. Sie wird die Unerschütterlichkeit des Herzens nicht verkennen, das diese Qualen arrangiert, um sie als Zeichen für sie zu erdulden. Herz, sei stark genug, dies Training zu ertragen.

REGISSEUR kommt: Sind Sie in fünf Minuten nicht fertig, haben wir eine Oper. Aber im Publikum.

KEAN: Warfen Sie Monseigneur schon einmal hinaus? Sie Taschenmesser.

REGISSEUR zu Salomon: Bewach ihn. Treib ihn an. Schleif ihn hinüber. Deine Anstellung als Pfand. Ab.

KEAN: Lassen Sie die Ouverture anfangen. Ich spiele sechs Akte aus vier Stücken zum Benefiz. Ich habe zehn Wölfe im Herzen. Ich habe nie so gespielt. Friseur. Wird geschminkt. Klopfen an der Tapetentür. Salomon öffnet. Giza.

GIZA: Die Gräfin ... der Fächer?

KEAN: Vergessen? Welcher? Such ihn. Neben.

GIZA: Mit Türkisen und weißen Pfaufedern.

KEAN: Von Wales. Verdammt. Ist er da?

FRISEUR: Der Herr bei Monseigneur steckte ihn ein.

KEAN: Du sahst es. Ließest es. Sagtest nichts. Läßt mich bestehlen. Schaf, Hornisse, du Roß ... Salomon, nicht da? Salomon aus dem Nebenraum, kopfschüttelnd. Kean, nicht mehr schreiend, zu Giza, ruhig: Mein Kind, Sie flüstern in der Loge ins Ohr der Gräfin, ihr Gatte habe den Fächer. Sofort. Ohne Aufsehn. Und ruhig. Ich rechne, sagen Sie, mit der ganzen Klugheit der Gräfin. Giza durch die Wand ab.

KEAN fassungslos: Gewitter über meinem Haupt. Prasselt alles wie ein Taubenschlag herunter? Habe ich das gewollt? Verknallter Frühlingstag, mein Gott. Ganz verloren. Alles entzwei. Keine Rettung. Kein Ausweg, eins, zwei, drei, vier. Ich habe verloren. Ich kann schlafen gehn. Abtreten. Aus. Schnallt den Dolch ab. Ich spiele nicht.

FRISEUR: Die Augenbrauen noch schwarz.

KEAN: Trottel, Intrigant. Ich spiele nicht.

SALOMON: Das Benefiz.

KEAN: Weg.

SALOMON: Bob?

KEAN: Schlag Plakate an. Ich laufe Seil über Hydepark. Fünf Pfund der Platz. Ich werde Seiltänzer, charmanter Abgang. Fünf Pfund, ich garantiere den Absturz. Schelle.

FRISEUR: Die Ouverture hat begonnen.

REGISSEUR kommt: Kean. In die Kulisse. Avanti.

KEAN: Ich spiele nicht, Herr.

REGISSEUR: Ihr Vertrag.

KEAN: Gebrochen.

REGISSEUR: Angestelltenrat?

KEAN: Ich werde Seiltänzer.

REGISSEUR: Die Kasse abgeschlossen. Unmöglich mehr, zurückzuzahlen. Sie zünden das Theater an.

KEAN: Rösten Sie.

REGISSEUR: Ich befehle Ihnen, aufzutreten.

KEAN: Befehlen Sie Ihrem Bauch. Ich will nicht. Ich kann nicht. Herr, sehen Sie nicht: ich bin verrückt. Mein Herz ist explodiert. Ich bin schwer verwundet. Innerlich. Hundert Geschoßfetzen. Kann ich singen, wenn ich verrecke? Schlägt vor Erregung einen Tisch dem Regisseur vor die Beine. Bob erscheint.

BOB: Spiel, Junge, sonst schlag ich dir die Knochen entzwei. Regisseur feuert ihn mit Gesten an. Ich blas dich in die Luft. Stümper. Nicht einmal spielen kannst du. Solar plexus blow. Stößt ins Horn. Splendid. Narrenhaus.

KEAN: Halt das Maul, Bob. Hinaus, Zigeuner. Stramm gestanden. Ich kommandiere nun. Ich spiel nicht.

BOB: Respekt vergißt du. Heuschrecke. Quatsch. Boxen kannst du nicht. Seiltanz kannst du nicht. Niagarasprung ... schmonzes. Spielen willst du nicht. Knockout. Stümper. Auf die Knie. O ... u ... adet. Rabenaas, unfaires. Sollte dich erledigen mit savate, ins Parterre mit upper cut. Vatermörder. Spiel oder krepier. Splendid, sträubt sich. Krieg dich an den Ohren.

KEAN: Mein Lehrer ... guter Lehrer, Gott verzeih mir, hinaus, du Hund. Schmeißt ihn raus.

REGISSEUR: Ich gehe zur Bühne und zurück und zähle auf zwanzig. Vor der Tür. Kommen Sie nicht bei einundzwanzig, laß ich Sie auf die Bühne schleifen, Herr, und aufs Podium werfen in einem Sack.

KEAN: Gut. Schmeißt mich in die neue Karriere. Zirkus. Ketten bereit. Fesselsprenger über dem Seil – – – a me me gusta un harenque ... porque es muy dulce – – – Regisseur hinaus. Salomon mit ausgebreiteten Armen gegen die Tür. Du ... sperrst mich ein? Du auch ... spritzt gegen mich Gift? Wegen deiner Stellung? Bist du schon so zertreten? Schiebt mit dem Fuß nach ihm, Salomon heulend ihm zu Füßen.

SALOMON: Treten Sie mir den Bauch ein. Hab ich diese elende Position nicht nur wegen Ihnen behalten? Ich schütze Sie vor dem Schleifen.

KEAN: Steh auf! Fieberhaft. Alles verloren. Ich habe auf eine Karte alles gesetzt und rasch verloren. Der Fächer ist die falsche Karte, die man mir ins Spiel gemogelt. Wales muß den Fächer decken gegen Graf Koefeld. Wales renkt das Spiel wieder ein, das ich schon fast verlor. Vor fünf Minuten bestürmte ich ihn, weil ich mich oben dachte, im Übermut in die Loge der Gräfin zu gehen, nun sitzt er dort und muß mich decken. Die Leute haben andere Waffen wie wir. Man vermeidet dort den Angriff, man ist klüger wie wir, Salomon. Er wird sich zurückziehn, verschwinden, von Helène zurückeilen. Das Feld ist frei. Ich habe keinen sichtbaren, aber einen unsichtbaren Konkurrenten.

SALOMON: Was kann ein Gegner schaden, der kein Stichwort hat, aufzutreten?

KEAN: Daß ich ein Werkzeug des Wales bin, ein Perpendikel seiner Laune. Wenn er gut ist, überdacht von seiner Güte. Wenn er gemein ist, ein Tänzer auf dem Zufall. Immer geschenkt, dargeboten, geduldet. Gibt es eine Frau, die das erträgt? Gibt es einen Mann, der in dieser Rolle wirkt? Unerträglich. Unmöglich.

SALOMON: So werde ich den Prinzen aus der Welt schaffen, um einen guten Abgang aus ihr zu haben.

KEAN: Zu grob. Das schafft seinen Schatten nicht fort. Treue Trottelei, Salomon. Das verstehst du nicht.

SALOMON: Das scheint meine Schwäche.

KEAN: Ich kann ihn nur wieder mit Großmut überwinden. Solche Partien können nur auf dem höchsten Terrain gesiegt werden. Helène kennt die Niveauunterschiede genau, und man hat sie nur, wenn man deutlich sie erobert. Ich muß auf sie verzichten. Das ist die einzige Waffe, sie doch zu bekommen. Ich überlasse sie Wales als dem Größeren. Ich trete zurück, um ihn zu erhöhen. Ich muß mich auswetzen wie ein Geschwür und ihm freie Bahn lassen. So wird sie mich wieder holen. Du bist zu wenig Mann, um das zu begreifen. Hier wird mit großen Einsätzen der Kühnheit pointiert. Ich kann nicht kleinmütiger sein wie seine Großmut. Aber ich spiele um alles. Denn ich liebe sie mehr als ein Toller. Ich muß ruhig bleiben und lächeln. Nur so kriege ich sie.

SALOMON: Das scheint mir der ungefährlichste Ausweg.

KEAN auf und ab gehend, man hört den Regisseur draußen zählen. Aber wird mein Herz größer sein wie mein Blut? Kann ich Wales nun in Helènes Loge sehen? Vor einer Viertelstunde ein Kitzel für den Sieger. Als Unterlegener ein Gelächter. Kann ich stolzer sein als Besiegter wie der Sieger, der sich nichts merken läßt? Werde ich es aushalten, mein Gott? Ich bin ohne Kraft, Salomon, und brauche ein kühnes Herz. Man lernt soviel in seiner Leidenschaft. Ich muß größer sein wie mein Schmerz. Kühner als mein Glaube. Ich muß es haben, Salomon ... woher? ... ich muß es haben, oder ich bin kaput. – – – Den Dolch, Salomon ... den Dolch ... Ich muß spielen.

SALOMON: Er spielt. Singt: Ach Gottsche, schenk mern Hambelmann, un e Kordel dezu, daß er zawwele kann.

REGISSEUR herein: Spielt. Fällt gleichzeitig erschöpft in die Knie.

SZENE VIER

Verdunkelung. Kean hinaus. Vorhang. Sofort Musik in die Verdunkelung. Kean sofort durch den Vorhang auf die Vorderbühne. Blitzschnell. Sofort auf der Vorderbühne Beginn der Romeoszene. Musik verklingt hinein.

JULIA:

Willst du schon gehn? Der Tag ist noch so fern.

Es war die Nachtigall und nicht die Lerche,

Die wilden Rufs dein banges Ohr durchsüßt.

Geliebter, glaub: es war die Nachtigall.

ROMEO:

Die Lerche wars, die Tagansagerin.

Nicht Nachtigall. Schon neidet uns ein Streif

des Osts der Wolken liebevollen Samt.

Die Nacht hat ihre Kerzen abgebrannt.

Der Tag hat sich schon auf den Berg getanzt.

Nur Gehen ist uns gut, Verzug ist Tod.

JULIA:

Glaub mir, dies Heil ist nicht das Tageslicht.

Fanal ist es, das dir die Sonne schenkt,

wenn du ins Helle jetzt die Nacht durchdringst.

Signal nach Mantua, wenn du zum Gang dich schickst.

Verweile du. Noch ist zu gehn nicht not.

ROMEO:

Laß sie mich packen. Tod ist mir bestimmt.

Ich bleibe gern, wenn du mich fassen willst.

Ich will, dies Dämmern ist noch nicht das Morgenaug.

Der Mond hat nur den großen Kreis bereist.

Die Lerche ist das nicht, aus deren Sang

der unsichtbare Himmel um uns reißt.

Ich bleibe nun. Das Gehn ist mir verhaßt.

Herbei, du Tod, wenn Julia dich liebt.

Ruhig, Herz. Das ist nicht Tag, noch flüstern wir uns zu.

JULIA:

Der Tag. Der Tag. Auf. Renne rasch von hier.

Es ist die Lerche, die so heiser droht.

Sie ists, die uns in falsche Wirbel flammt.

Man hat gesagt, die Lerche sei so süß.

O wie zerreißt uns diese unser Herz.

Sie hat der Kröte Blick in ihrem Aug.

Hätt sie den Sang mit diesem Tier getauscht,

da sie dein Herz von meinen Brüsten reißt!

Wie hat der Jagdruf dich zur Flucht erbleicht.

Geh jetzt, Geliebter, es wird rot und hell.

ROMEO:

Ich seh nur schwarz. Und dunkler Leid und Gram.

AMME kommt:

Die Mutter regt sich. Bald tritt sie herein.

Der Tag hebt an. Das Haus wird voll Geräusch.

JULIA:

Tag schwingt herein. Du Leben, breche aus ...

ROMEO:

Wenn deine Lippe noch auf meiner einmal knospt.

Umarmt Julia, läuft die Treppe der Vorderbühne herunter, stürzt mit einem Aufschrei zurück, an Julia vorbei, dicht an der Rampe.

Ist mir von Irrsinn so mein Herz zerschleißt,

das zuckt und brüllt, daß ich in Fremdem wühl?

Ich Komödiant, ich Kean, Hanswurst, Idiot, Kamel

geht ehr durch Nadelöhrn als ich durch dieses Spiel.

Halunken, Publikum. Clowns, weh, ein Heringsbauch,

schlägt höhnend eure Fratzen jetzt mein Schmerz.

Wo nehm den Mut ich her, jetzt groß zu sein,

wo ich wie eine Kröte hier mich wind

und dort die Größe lächelnd auf mir bäumt?

Für dieses Spiel bin ich zu sehr zerspellt,

Hanswurst ich, Kean, nicht Romeo. Hanswurst.

Wär ich jetzt groß, wie Feuer trieb dies Spiel.

O Gott, mach jetzt mein Herz voll Einsamkeit,

daß ich es trag und alles Gute sag.

Hilf mir. Umsonst flamm ich nicht wie ein Wurm.

Schon quillt mir Gift auf meines Herzens Schlag.

Schon würgt mein Haß der Zunge guten Laut.

Es frißt die Leidenschaft das Gute aus dem Herz.

Erbärmlich ich. Hanswurst. Mein Kean, du Frosch.

Is a long way to Tipperary – – flattert mirs so auf?

Is a long way to go. Ich hin von Haß entstellt.

Halb verkrampft, tanzend, torkelnd, jetzt voll an die Rampe. Zu der nun mitten im Rang erleuchteten Loge Helènes, Koefelds, des Prinzen von Wales gerichtet.

Ich klag den Prinzen Wales des Irrsinns an,

weil er Geheimnis hat, das in den Staub mich schmeißt.

Erträgt ein Mensch so ruhigen Übermut?

Schlägt Schicksal mir stets Größe ins Gesicht,

die mich erniedert ... Aus der Lüge dieses Spiels

pflück ich Sekunden. Hier ist mein Triumph.

Hier rede ich. In die Manege, Monseigneur,

hier auf die Knie. Tanzt vor den Affen nackt

den Foxtrott Ihrer Laster. Guillotine Marsch.

Zu meinem Fuß. Mein Herz lacht wie ein Wolf.

Die Haselrutensehnsucht Ihrer Schenkel ist nicht schwach.

Gekuscht im Winkel. Ab Monokel. Glasaug hol die Pest.

Entschleiert das Geheimnis. Sansculotte. Größe keine Spur.

Sagespäne, Glas statt Hoheit, werft die Puppe in

die Eimer der Verachtung ohne Schmerz.

LORD MEVIL in einer Loge, mitten im Publikum, der anderen Seite, erleuchtet: Die Hundepeitsche ins Gesicht dem Schuft.

KEAN: Ach, Mevil – Bursche, Wechselfälscher, Mäuschenjäger, Gladiator deiner Frechheit. Her den Stock.

LORD MEVIL: Verhaftet diesen Hund. Konstable. Ketten. Stellt vor den Prinz euch. Vor die Krone. Schießt. Knallt nach der Bühne.

KEAN:

Schieß weiter, Fälscher. Abgeprallt die Tücke,

kreid ich dich an die Ewigkeit, du Hure

der Rechtsprechung im Parlament. Ich schlag

den Leib mit Prügeln feist dir wie ein Frosch.

Nur Monseigneur kann mehr geschwollen sein

als du. Kean. Ich Hanswurst. Sacré. Mein Puls. Mein Herz.

Hinter ihm Menschen. Toller Foxtrott. Man beschwört ihn. Salomon kommt aus dem Souffleurkasten. Aus der Intendantenloge klettern Entsetzte auf die Bühne. Der Regisseur stürzt herbei. Kean faßt ihn, tanzt den Foxtrott des Orchesters mit ihm, irrsinnig.

Wales am Hund, das Herz in Quasten,

Kean kaputt, Wales liquidiert ... Fällt zusammen.

Der Regisseur geht langsam bis an die Rampe, schneidet mit dem erhobenen Arm haarscharf den Foxtrott ab.

REGISSEUR: Der Wahnsinn ist über Kean ausgebrochen. Die Billette zurück. Ich schließe. Verzeihung.

Ein Schrei aus der Loge der Wales und Koefeld.

REGISSEUR: Arbeiter. Chor. Die Bahre. Arzt. Den Arzt. Bob hinkt herbei, stößt zweimal ins Horn.

BOB:

Ich hab dich mehr geliebt. Dreiviertelsmann.

Du Stümper. Vielgeschrei. Du warfst mich auf,

da schlug dich Undank lahm. Angriff blieb schlecht.

In Großmut Dilettant. Stop. Hier der Rest: knockout.

Schluß des vierten Akts.

AKT FÜNF

Zimmer bei Kean. Zwei Ausgänge links. Ausgänge rechts. Aufmarschiert die vier Artisten: Viktor, Well, Gonsch, Kauka. Die Mitsäufer Tom, David, Bardolph. Salomon aus dem Nebenraum.