13.
Eva von Ostried hatte seit kurzem ein jüngeres Mädchen in ihrer Behausung, das sie in einem Zustande der Erschöpfung und Krankheit aufgefunden und zu sich genommen hatte, ein Mädchen, über dessen Vergangenheit ein undurchsichtiger Schleier gebreitet schien.
Gretchen Müller nannte es sich und niemand hier wußte um seine Vergangenheit. Die Einzige, die das Recht gehabt, sie zu befragen, rührte nicht daran. So blieb die Spur verwehrt.
Gretchen hatte Stunden, in denen ihr Herz ganz leicht war. Dann pflegte sie die Blumen, besorgte wie die guterzogene Haustochter einer sparsamen Bürgerfamilie, Zimmer und Küche und setzte sich darnach mit einer Handarbeit zu der wuchernden Kresse und den rotblühenden Feuerbohnen auf den kleinen Balkon.
Eva von Ostried war zu solchen Stunden nicht daheim. Ueber den Flügel lag eine Decke gebreitet. Es war alles verschwiegen und leise!
Und doch brauchte nur ein Klingelton zu rufen, dann war es anders! Zumeist öffnete Gretchen Müller nicht. Eva von Ostried schloß sich die Tür nach ihrer Heimkunft selbst auf.
Und jetzt klingelte es dennoch, stark und fordernd. Da entschloß sie sich nachzusehen. Eva von Ostried hatte von einer wichtigen Nachricht gesprochen, die ihr möglicherweise zugehen würde.
Als die Tür aufsprang, fuhr das Mädchen mit einem Schrei zurück. Ihre Arme streckten sich weit vor. Ihre Augen wurden starr vor Entsetzen. Ihr Peiniger, der Zerstörer ihres jungen Lebens stand vor ihr und trat fast lautlos herein.
„Diesmal hast du mir das Finden nicht eben leicht gemacht,“ sagte er in einem freundlichen Unterhaltungston.
„Geh’!“ stieß sie hervor, „oder –“
„Du stockst sehr richtig, mein Herz. Jedes weiteres Wort wäre zum mindesten eine Unvorsichtigkeit von dir.“
„Im nächsten Zimmer befindet sich meine Herrin. Sie muß sogleich herauskommen.“
„Warum nennst du sie nicht mit ihrem Namen? Eva von Ostried klingt doch sehr schön. Auch ist es eine Ehre für dich bei dieser hochbegabten Zukunftsleuchte Unterschlupf gefunden zu haben.“
„Woher weißt du auch dies?“
„Ich erfahre alles, was ich wissen will. Das sollte dir eigentlich zur Genüge bekannt sein. Ich weiß selbstverständlich auch, daß du zur Zeit allein in der Wohnung bist. Fräulein von Ostried erteilt außerhalb Stunden und kommt bestimmt nicht vor Mittag zurück.“
„Trotzdem wirst du dich sofort entfernen, oder ich rufe die Polizei.“
„Du hast gute Gründe, sie nicht zu rufen, mein Kind.“
„Du bringst mich dahin, daß ich auch diese Enthüllung nicht mehr fürchte.“
„Denke darüber, wie es dir beliebt. Ich meine doch, du solltest Rücksicht nehmen. Es ist außerordentlich gefällig, daß dich diese Dame aufgenommen hat. Der Lohn, den du zahlst, wenn sich die Polizei mit dir und also auch mit ihr beschäftigen müßte, wäre, meiner Ansicht nach, ein schlechter.“
„Du bist ein Teufel!“
„Ich besitze Briefe von dir, die mir andere Kosenamen geben. Freilich, hießest du damals noch nicht Gretchen Müller.“
Sie hob die Hand, wie um sie auf seinen leichtsinnigen Mund zu pressen. Er wich geschickt aus und zischte leise:
„Und darum solltest du die hohe Polizei mir gegenüber aus dem Spiel lassen. Ich habe in meinem bisherigen Leben noch nichts getan, was ihr Anlaß gäbe, mich scharf zu beobachten. Du aber –“
„Was ich geworden bin, hast du aus mir gemacht.“
„Das ist eine sehr bequeme Darstellung, mein Kind. Vergiß nicht, daß jedes einzig die Folgen seiner Veranlagung trägt. Gut! Zufällig bin ich derjenige, der die deine zum Ausbruch brachte. Das ist mein Pech. Denn, ob du es auch als das deine fühlst – je nun? Sei doch ehrlich. Denke daran, wie du mir freudig, um mit dem Jäger zu reden, „auf den ersten Pfiff“ gefolgt bist.“
„Du hast deine Rolle zu gut gespielt, weil sie dir allzu geläufig war. Wie konnte ich das ahnen?“
„Mag sein! Du wirst dir damals nicht eingebildet haben, daß ein Mann wie ich vor dir noch kein Mädel geküßt hätte.“
„Ja, das habe ich mir eingebildet! Bei Gott! Aber was willst du jetzt von mir?“
„Nicht viel. Dir klarmachen, daß du in meiner Gewalt bist und bleibst! Es ist nur klug und weise, wenn du nicht weiter in diesem hochfahrenden Ton mit mir verhandelst.“
„Es muß doch ein Zweck dabei sein,“ wimmerte sie, „ich kann ihn nur nicht erkennen.“
„Nimm an, daß ich dich wirklich geliebt hätte.“
„Du lügst jetzt wie stets,“ sagte sie.
„Dann weißt du mehr wie ich. Wozu hätte ich nötig, mich überhaupt noch um dich zu kümmern, nachdem du mir diese unglaublichen Ungelegenheiten bereitet hast.“
„Was hast du mit mir vor?“
Er ließ sich auf die Truhe nieder. Nun war er ihr so nahe, daß er ihr mit der weißen, gepflegten Hand über das lose silberne Haar hätte streichen können. Ein Sonnenstrahl schwebte auf sie herab und verfing sich darin. Die fieberhafte Röte wachsender Angst gab dem schmalen Gesicht den trügerischen Schein der Gesundheit.
„Du siehst immer noch sehr reizend aus,“ flüsterte er ihr ins Ohr. „Indessen, du hast das richtige Gefühl. Ja, ich habe etwas mit dir vor. Eine Kleinigkeit nur. Einen Gegendienst.“
„Ich bin zu schwach geworden, um dich gleichfalls zu verderben. Das wäre der einzige Dienst, auf den du Anspruch hättest.“
„Laß das jetzt. Erinnere dich gefälligst an die Zeiten, in denen du mir täglich deine Not geklagt hast. Angeblich littest du doch unerträglich unter der Tyrannei der lieben Deinen. Dein Vater wollte Kapital aus dir schlagen. Dein tugendsamer Bruder hätte dich am liebsten an die Kette gelegt. Und das Schätzchen, das sie dir ausgesucht hatten. Sei doch endlich mal ein bißchen fidel, mein Kind und lache mit – war er nicht fürchterlich mit seinem vogelähnlichem Kopf und den drohenden Wulsten unter den kleinen Augen? Na, ich will dir das schöne Bild nicht weiter ausmalen. Du besorgst das in deinen jetzigen sicher recht stillen Stunden besser allein. Also – Vorwürfe muß ich energisch zurückweisen. Du hast es mir nicht schwer gemacht damals.“
„Ich habe dir vertraut.“
„Habe ich dies Vertrauen vielleicht nicht gerechtfertigt? Hättest du nicht den Himmel auf Erden behalten können, wärest du nicht so wahnsinnig kleinlich und eigensinnig gewesen? Hatte ich nicht ein behagliches Nest für dich bereit? Fehlte auch nur das Geringste für deine Bequemlichkeit darin?“
„In dem Augenblick, der mich lehrte, daß du längst anderweitig gebunden warst, habe ich nichts mehr von dir angenommen. Das wenigstens sollst du mir jetzt bestätigen.“
„Wenn du so großes Gewicht darauf legst. Schön, mein Kind. Ich bestätige es hiermit feierlich. Warum aber? Ein Künstler braucht viel Geld, wenn er selbst keins besitzt. Mit dem Pumpen ist das stets eine mißliche Geschichte. Das Sicherste und Bequemste bleibt eine reiche Partie. Ja, mag er selbst Unsummen einnehmen, er wird als freier Mann stets doch eine Kleinigkeit über seinen Etat hinaus verbrauchen. Das verstehst du nicht. – Ich verdiente dazumal noch wenig. Die Kommerzienrätin, auf deren einer Abendgesellschaft ich dich nach der bestellten Singerei, kennen lernte, bezahlte anständig. Aber sonst – Lieber Gott. Da mußte ich mich eben auf diese Weise sichern.“
„Daß du dich vor deiner Frau nicht schämst?“
„Frage sie, ob sie nicht überaus glücklich mit mir geworden ist.“
„Ich möchte ihr die Hände küssen, damit sie mir vergibt, was ich ihr unwissend geraubt habe.“
„Wünsche dir das meinetwegen. Daß es sich dir niemals erfüllt, laß meine Sorge sein. Im übrigen – ich muß endlich deine Frage beantworten: Du wolltest wissen, was ich mit dir vorhabe? Ich will vor allen Dingen deine Lage aufbessern. Dich auf eigene Füße stellen. Du magst dir hinfort ein Leben nach deinem Geschmack einrichten. Nimmst du Vernunft an, werden wir uns sehr schnell verstehen. Höre zu. Ich verlange von dir, daß du niemals zu Eva von Ostried meinen Namen nennst. Spitzte sich auch selbst, im für mich ungünstigsten Falle, ihr Interesse für dich derartig zu, daß sie völlige Offenheit von dir verlangte. Denn sie ist schrecklich moralisch und würde dich nicht bei sich behalten, wüßte sie – – Sage ihr in diesem Fall, was du willst. Nur nicht die Wahrheit. Du hast ja damals, als du das Doppelspiel triebst, sehr nett lügen können. Also schweigen, ja?“
Sie stieß seine Hand fort. „Eines solchen Versprechens bedarf es nicht! Ich würde mich eher unter hundert Qualen zu Tode martern lassen, ehe ich mein ganzes Geheimnis preisgäbe.“
„Schön. Dann sind wir in der Hauptsache einig. Ich danke dir, Lieselotte.“
„Nicht diesen Namen nennen, nicht den Namen!“
„Du hast ganz Recht. Je gründlicher wir sind, desto wirksamer wird alles. Also, Gretchen Müller, höre mich noch ein paar Minuten an. Ich will mich nicht entschuldigen. Das lag mir niemals. Selbst, wenn ich in deinem Fall ausnahmsweise Gewissensbisse gehabt haben sollte.“
„Du hast sie nie gekannt. Diese Rolle liegt dir schlecht.“
„Dann nenne es meinetwegen anders. Immerhin – besteht der Wunsch bei deiner Empfindlichkeit, etwas übrigens zu tun. Als ich dich kennen lernte, war ich noch nicht mal ganz fest verlobt. In aller Heimlichkeit nur. Und ich wußte noch nicht mit Bestimmtheit, ob überhaupt eine Ehe daraus würde.“
„Gibt es denn wirklich so viel reiche Mädchen, daß dir damals schon die zweite noch reichere in Aussicht stand? Lüge wenigstens jetzt nicht. Du warbst in aller Form um mich und gabst mir dein Wort. Oder habe ich mir dies alles nur eingebildet? Waren zuvor deine heißen Blicke und Huldigungen, dein Ehrenwort nur Lüge? Empfandest du nichts von jenen leidenschaftlichen Gefühlen, die du mir so oft geschildert hast?“
„Das sind viel Fragen auf einmal. Deine Frische hatte mich bezaubert. Diese entzückende Lebendigkeit – nicht nur in der Auffassung, sondern auch und besonders in der Wiedergabe alles Erlebten, Gehörten und Erschauten, war mir neu. Dazu kam, daß du aus sogenanntem guten Hause kamst. Ein Reiz mehr. Auch hattest du, obschon du keine Note kanntest, das feinste musikalische Gehör, was mir bisher begegnet ist. Meine Macht über Dich wurde unbegrenzt. Ich hätte dich zur Verbrecherin machen können, wenn ich gewollt.“
„Das hast du gefühlt?“
„Vom ersten Augenblick unseres Kennenlernens an. Weißt du noch? Wir standen eng zusammengekeilt vor der Kasse des Opernhauses. Da sprach ich dich an, weil du mir ausnehmend gefielst. Merkst du jetzt, wie diskret ich bin? Das Märchen von der ersten Begegnung im Hause der Kommerzienrätin hatte ich mir um deinetwegen so fest eingeprägt, das ich dies reizende Stündlein dir gegenüber vorhin zu erwähnen unterließ.“
„Mache meine Scham nicht noch größer,“ sagte sie mit zuckenden Lippen.
„Es ist ja auch belanglos. Das weitere will ich trotzdem kurz zusammenfassen. Auch um meinetwillen. – Sieh mal, als ich dich dann einen Monat später bei der musikalischen Rätin wiedersah und dir bei der Vorstellung zuflüsterte, daß wir niemand von unserer süßen Bekanntschaft erzählen wollten, warst du dazu bereit. Deiner lieben Familie war ich sogleich angenehm. Dein Bruder mochte mich absolut nicht. Dein Vater war ein ganz scharmanter Herr. Wir hätten uns sogar ausgezeichnet verstanden, wäre er nicht zufällig dein Vater gewesen. So witterte er in mir den Feind. Daß wir beide uns fortan in dem Hause der alten Musiknärrin auch gesellschaftlich begegneten, erleichterte die Sache natürlich. Glaube mir, ich hatte nicht daran gedacht, dich ins Unglück zu bringen. Erst, wie du mich um Hilfe gegen den fürchterlichen Geldsack anflehtest, da erwachte, ich könnte kurz sagen: die Ritterlichkeit! Es klänge großartig, stimmte aber nicht. Ich wollte den schweren Kerl ausstechen. Daneben dich natürlich auch von einem Los, das dir Grauen einflößte, bewahren.“
„Daneben – wirklich.“
„Ja, so war’s! Dann kam alles ein bißchen anders. Du machtest Dummheiten. Liefst kopflos von Hause weg, kamst zu mir als zu deinem einzigen Freund und so weiter. Und zurück – verzeihe mir, daß ich dies ausdrücklich feststelle – wolltest du unter keinen Umständen.“
„Ich dachte an eine Beschleunigung unserer Heirat. Denn für deine Braut hielt ich mich. Hatte ich etwa kein Recht dazu?“
„Nach gut bürgerlichen Begriffen zweifellos! Künstleransichten sind aber gemeinhin andere. Sage selbst, was sollte ich tun, wo du nun mal da warst und mir erklärtest, lieber gingest du in den Tod, als zu deiner lieben Familie zurück.“
„Höre auf, wenn du noch einen Funken Barmherzigkeit in der Seele hast.“
„Ich bin sogleich zu Ende. Ich war also nicht brutal genug, um dich fortzuweisen. Schön, das war vielleicht mein Unrecht. Mehr Schlechtes kann ich im Augenblick nicht zusammen finden.“
„Daß du weiter die verächtliche Komödie spieltest – mir den festen Glauben, ich sei deine verlobte Braut und sehr bald dein Weib, auch vor dem Gesetz, nicht nahmst, indem du mir endlich von deinen älteren Verpflichtungen sagtest.“
„Wäre das nicht mehr als grausam gewesen? Was hättest du darauf getan? Bedenke, damals hießest du noch nicht Gretchen Müller. Du wärst ins Wasser gegangen oder hättest sonst einen Gewaltstreich mit denselben Folgen verübt.“
„Das wäre Barmherzigkeit für mich gewesen.“
„Ich empfinde es anders. Vielleicht wir Männer überhaupt.“
„Du hast tausend neuer Ausflüchte erfunden, um mir zu beweisen, daß sich unserer ehelichen Verbindung immer neue Hindernisse in den Weg stellten.“
„Die Gründe habe ich dir soeben klargelegt, mein Kind.“
„Höre damit auf. Warum hast du nicht wenigstens später die Wahrheit gesagt?“
„Wann? Jedes weitere Zusammensein wäre damit zerschlagen gewesen. Du wärst auch später wohl noch fortgelaufen und damals warst du körperlich fast noch mehr erschüttert wie jetzt. Du mußtest erst wieder in die Höhe kommen.“
„Nein, das ist nicht der Grund. Rücksichtnahme kennst du nicht. Du hättest unumwunden ausgesprochen, wenn ich dich allmählich beschwert hätte.“
„Man hat auch seine – Anständigkeit.“
„Lasse sie mich endlich kennen lernen, damit meine Scham nicht so heiß brennt.“
„Woher kennst du Eva von Ostried?“
„Vielleicht aus der Oeffentlichkeit – vielleicht auch nicht. Laß dir genügen, daß ich sie kenne.“
„Das Recht, sie beim Vornamen zu nennen, steht dir nicht zu. Sie ist zu rein, als daß du –“
„Du bist ein Närrchen! Aber, rein ist sie wirklich. Darin hast du dich diesmal nicht getäuscht.“
„Ich habe nur den Wunsch noch, daß du gehst.“
„Gleich – gleich! Du hast mir also versprochen, daß du Eva von Ostried niemals verrätst, was zwischen uns gewesen ist. Ich habe die bestimmte Ahnung, als hätte andernfalls dein scheinbar recht angenehmer Aufenthalt hier sein Ende erreicht. Und dann wieder bei Fretzburg u. Sohn in die Putzabteilung zurück? Nee, weißt du – übrigens würden sie dich da gar nicht wieder einstellen.“
„Bleibst du jetzt noch eine Minute, so rufe ich um Hilfe!“
„Wer würde dich hören? Du siehst nach dem Fenster? Es ist unmöglich. Aber ehe jemand erscheinen würde, wäre ich bestimmt verschwunden. Und dann? Man würde dich einfach für geisteskrank halten. Zudem habe ich nicht mehr vor, sehr lange zu bleiben. Nur eine Kleinigkeit will ich noch schnell ordnen. In deinem Interesse, wie du mir hinterher zugestehen wirst. Ich bitte dich, daß du jetzt zur Vernunft kommst. Nimm an, ich käme erst in diesem Augenblick zur Tür herein und wäre dir dankbar, weil du Eva von Ostried gegenüber den Mund zu halten versprochen hast. Dir geht es schlecht. In diesem Gewand machst du den Eindruck einer Nonne, die ihre Haube noch nicht aufgesetzt hat. Auch sonst siehst du – verzeih’ diesen Ausdruck – etwas abgewirtschaftet aus. Gefallen gegen Gefallen. Nimm diese Kleinigkeit. Mir macht es nichts aus.“
Und er drückte ihr ein bißchen unter dem feinen Taschentuch geschickt verborgen gehaltenes Päckchen mit Scheinen in die Rechte.
Als sie das Knistern hörte, wurde sie leichenblaß.
Lässig setzte er den Hut auf und nickte ihr zu.
„Denk noch mal über alles nach und sei verständig, Lieselotte.“
Der Name brachte sie zur Besinnung. Matt hob sie die Hand mit dem Geld. Er legte die seine darüber und zwang ihren Arm in den Schoß. Unter seiner Berührung flammte eine purpurne Glut über ihr Gesicht bis zu dem altsilbernen Haare hinauf. Dann hob sich die Hand noch einmal.
Mit einer Kraft, die sie sich selbst nicht zugetraut hatte, schlug sie in das leichtsinnige, schöne Männergesicht. Die Scheine umflatterten ihn, lagen auf seinen Schultern, zu seinen Füßen. Mechanisch bückte er sich und sammelte sie auf. Neben dem Spiegel, der zu beiden Seiten auf rotgetönter Esche blanke, starke Kleiderhaken trug, hing die vergessene Reitpeitsche eines Schülers, der einen eigenen Gaul besaß. Die riß die bebende Mädchenhand herunter. –
– – Dann war sie allein.
Sie setzte sich wieder auf den Hocker neben die Truhe und rieb an ihrer Hand herum, als müsse sie einen Schmutzfleck entfernen. Sie weinte nicht. Sie nickte nur vor sich hin. Dann überkam sie jäh das Heimweh! Nach der engen dunklen väterlichen Wohnung, die sie oft genug hatte erdrücken wollen – nach dem Vater selbst – vor allem aber nach dem Bruder.
Daneben fühlte sie, daß dies unmöglich geworden war und von allen Schmerzen, die auf ihr lasteten, erschien ihr diese Gewißheit als die unerträglichste. Sie vergegenwärtigte sich das letzte, zukünftige Leiden mit seiner verstärkten dem Wahnsinn nahebringenden Sehnsucht. Und wußte doch, daß über ihre Lippen kein Ruf zu denen, die ihr einst zugehört hatten, dringen würde. Sie mußte für immer einschlafen, ohne an dieser Scham zu ersticken. Eva von Ostried, die Gütige, würde liebreich ihre Hände halten – wohl gar ihren Kopf auf das im letzten Kampf wildschlagende Herz betten – sie vielleicht sogar in die Arme nehmen. Dann war alles aus und überwunden.
Wenn sie Eva von Ostried alles vergelten könne, vorher!
Ihr kam ein Lächeln, als sie diesen Wunsch empfand. Wie wäre das jemals möglich? – –
„Heute nachmittag werden wir beide ein richtiggehendes Fest feiern,“ sagte Eva von Ostried, als sie, die sich sonst einer großen Pünktlichkeit befleißigte, viel später wie gewöhnlich heimkam.
„Darauf freue ich mich,“ erwiderte Gretchen Müller und ließ nichts von den stechenden Schmerzen merken, mit denen sie zu kämpfen hatte. „Wir lassen die Vorhänge herunter und dann singen Sie, ja?“
„Nein, meine Liebe, das werden wir nicht tun. Diesmal geht’s ins Grüne hinaus. Jawohl! Wehren Sie nur ab, zucken Sie zusammen, als erwarteten uns draußen eine Schar hungriger Wölfe. Ich bleibe steinhart. Wissen Sie, was der Arzt sagte, als ich ihn Ihretwegen befragte: „In erster Linie frische, gute Luft.““
„Ich habe heute lange Zeit auf dem Balkon zugebracht.“
„Ich will seine Vorzüge nicht verkleinern. Es ist angenehm, daß wir ihn haben. Einen vollwertigen Ersatz bietet er nicht. Das habe ich Ihnen übrigens schon mehrmals erklären wollen. Sie fanden aber stets neue Schönheiten und Annehmlichkeiten heraus und ich war nach der Tage Last zu müde, um Sie zu widerlegen. Aber heute! Wissen Sie, was wir anstellen werden? Die elektrischen Bahnen sind überfüllt. Zum Wandern ist es zu weit. Also nehmen wir stolz einen Wagen.“
Um keinen Preis wollte sie die feinfühlige Kranke merken lassen, daß sie vor jeder Anstrengung ängstlich behütet werden mußte. Gretchen Müller empfand es aber doch.
Es war diesmal nicht Bescheidenheit, die sich ängstlich weigerte, mitzutun, sondern die durch das heutige Erlebnis noch verstärkte Furcht von früheren Bekannten oder gar von ihren nächsten Angehörigen gesehen und erkannt zu werden.
„Wenden Sie nicht ein, daß es eine arge Verschwendung wäre,“ begann Eva von Ostried von neuem, „ich für meinen Teil bedarf dieser Abwechslung wahrhaftig ebenso dringend. Natürlich wird die Fahrt zum Grunewald hinausgehen. Irgend ein Tischlein am Wasser muß sich finden lassen. Wir werden uns einbilden, daß wir im eigenen Park säßen und die Dienerschaft ein wenig beurlaubt hätten, um recht ungestört zu sein.“
„Ich kann nicht mitkommen,“ sagte Gretchen Müller mit eintöniger, müder Stimme.
Da begriff Eva von Ostried, daß sie die Angst, die sich aus dem Zucken der feinen Lippen offenbarte, beschwichtigen müsse. Jedes Wort hätte geschmerzt. Jede Aufmunterung zur Beherrschung nur noch eine vergrößerte Scheuheit hervorgerufen. Und sie wollte doch heilen. So begann sie leise ein uraltes Reiselied zu summen:
Wir ziehen vermummt durch Stadt und Land
Von Freund und Feinden unerkannt..
Juvivallera – Juvivallera – –
„Ich kann nicht,“ wiederholte der blasse Mund.
Das waren die Worte, die bisher Eva von Ostried als genügende Erklärung angesehen hatte. Heute kämpfte sie dagegen an.
„Ich meinte auch oft genug, daß sich etwas nicht zwingen ließe und es geht dann doch.“
„Weil Sie nicht wissen, wie schwer eine Schuld lasten kann.“
Einen Augenblick sah Eva von Ostried zögernd zu Boden. Dann sagte sie leise und schwermütig:
„Doch, das weiß ich wohl.“
„Aber die brennende Scham kennen Sie nicht.“
„Für so wertlos halten Sie mich, Kind?“
„Nein,“ wehrte die andere erschrocken ab, „nur für nicht so tief gesunken, als ich es bin.“
Einen Augenblick fühlte Eva von Ostried das Verlangen, sich dieser Leidensgefährtin gegenüber auszusprechen. Es mußte unsäglich schön sein, mit einander zu weinen. Dann empfand sie es als Schwäche, überwand sie und sagte frisch und froh:
„Die aufgezwungenen Liebesgaben, mit denen man, in bester Absicht zwar, seinen lieben Nächsten quält, sind die gefährlichsten, glaube ich. Also begrabe ich hiermit meinen Wunsch feierlich.“
„Ich bringe Ihnen nichts wie Enttäuschungen, Fräulein von Ostried.“
„Dies heute war wirklich eine. Aber jetzt ist sie überwunden. Sprechen wir schnell von etwas anderem. Sehen Sie nur, Sie haben da Ihr Taschentuch verloren, Kindchen.“ Und sie hob das feine Batistgewebe auf und betrachtete es aufmerksam. „Es gehört Ihnen doch oder sollte es einer aus der Schülerschar vergessen haben. Lassen Sie mich nach dem Namen sehen.“
Gretchen Müller machte eine Bewegung, als wolle sie sich darauf stürzen, um es Eva von Ostried zu entreißen, aber als trügen sie die müden Füße nicht länger, ließ sie sich wieder auf den kleinen Hocker sinken.
„„P. K.“ ist es gezeichnet, Fräulein Gretchen? Ich kenne jemand, der es verloren haben könnte, Fräulein Gretchen,“ sagte Eva von Ostried ahnungsvoll. „Soll ich seinen Namen nennen oder – wollen Sie es tun?“
Scham und Angst schüttelten den elenden Körper.
„Ich will sterben,“ flehte das Mädchen.
„Wird es Ihnen so schwer,“ fragte Eva jetzt. „Dann muß ich es wohl tun. Nicht wahr, Paul Karlsen war hier – bei Ihnen?“
Mit einem Aufschrei warf sich Gretchen Müller ihr zu Füßen und umklammerte ihre Knie.
„Muß ich jetzt fort?“
Hinter Evas Stirn fieberten die Gedanken, wie einst –
„Wer hat das Recht zu verdammen? Niemand auf der ganzen Welt! Auch die, welche sich schuldlos wähnen, nicht.“ Sie neigte sich und zog die Kniende sanft zu sich empor. „Du armes, armes Kind.“
In ihren Augen glühte keine Verachtung. Ihr Gesicht verzog sich nicht zu unnahbarem Stolz.
Es war eine alles begreifende und verzeihende Liebe darin!
Das müde, gepeinigte Mädchen erkannte, daß Eva von Ostried jenen Mann niemals geliebt hatte und dennoch voll die Macht begriff, die er besaß!