12.
Als Eva von Ostried in die Mohrenstraße einbog, um Justizrat Weißgerber an seiner Arbeitsstätte aufzusuchen, klopfte ihr Herz zum Zerspringen. Alles Vergangene wurde wieder lebendig!
Der Vorraum wirkte immer noch wie ein mächtiges Abteil erster Klasse auf sie. Ueberall waren gradlinige, mit rotem Plüsch überzogene Sitzbänke aufgestellt. Nur der alte, würdige Bürovorsteher, der ihr einst die neuesten Tageszeitungen als Zeitvertreib freundlich gebracht, war einem jungen Kavalier mit aufstrebendem Haarwuchs gewichen, der zuweilen einem ältlichen, demütigen Fräulein eine Weisung zurief und jeder Kommende erhielt neuerdings eine Blechmarke zugeteilt, welche das Recht auf Gehör ausdrücklich verlieh.
Geduldig wartend saß sie, bis ihre Nummer aufgerufen ward.
Mit einer sorgsam zurechtgelegten Entschuldigung, daß ihre Zeit bisher keinen Besuch in seiner Privatwohnung gestattet habe, trat sie über die Schwelle, aber die Entschuldigung blieb ungesprochen. Der, welcher an alter Stelle vor dem wuchtigen Schreibtische saß, war nicht Justizrat Weißgerber.
Die Tatsache wirkte eigentlich erleichternd auf sie.
Das fremde kluge, ernsthaft männliche Gesicht flößte ihr sofort Vertrauen ein. Während sie auf eine einladende Handbewegung ihm gegenüber Platz nahm, fiel ihr die Farbe seiner Augen auf. Sie war tiefblau und so klar, wie der Himmel, wenn er vom Glanz der Sonne durchleuchtet ist. Seine Stimme freilich klang, im Gegensatz zu der des alten erfahrenen Juristen, unsicher.
Als sie mit der Darlegung ihres Falles zu Ende gekommen war, suchte er wiederholt nach passenden Worten und machte kleine Pausen, als er sie endlich gefunden, in denen er sie fast erstaunt ansah. Sie fühlte, daß er – wider Willen – ihrer Schönheit huldigen mußte.
Das geschah ihr oft. Aber noch nie zuvor empfand sie eine ähnliche warme Freude darüber.
Nun hatte er sich wieder voll in der Gewalt. Sein Blick ruhte nicht mehr auf ihrem Gesicht. Er schien alles von der Spitze des Stiftes, den er unruhig zwischen Daumen und Zeigefinger wirbelte, herunterzulesen.
„Sie können beweisen, gnädiges Fräulein, daß Sie tatsächlich über den strittigen neunten November verfügt hatten, während Sie in München mit diesem – so danke sehr, Herrn Alois Sendelhuber verhandelten?“
„Einen vollgültigen Beweis nennen Sie dies wohl nicht,“ fragte sie und hielt ihm das Notizbuch mit ihren Aufzeichnungen entgegen. Er ließ die Blicke länger auf den aufgeschlagenen Seiten ruhen, als es die eine ihm bezeichnete Zeile erforderte.
„Doch – doch,“ meinte er zerstreut und gab es ihr noch nicht zurück. „Wollen Sie mir aber besser noch eine Bestätigung der Schwestern Moldenhauer mit der Namhaftmachung des Datums, an welchem die Abmachung geschah, besorgen.“
„Das würde sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. So viel ich weiß, befinden sie sich auf einer großen Konzertreise und sind erst eine Woche vor dem neunten in Berlin zu erwarten.“
„Sie könnten es aber eidlich erhärten, nicht wahr?“
„Ja, das kann ich. Außerdem habe ich Herrn Sendelhuber mehrmals darauf aufmerksam gemacht, daß ich ihm diesen Tag nicht geben kann.“
In das ernste Gesicht kam ein Lächeln, das es sehr jung machte.
„Mit Herrn Sendelhubers weitem Gewissen müssen wir uns als leidige Tatsache abfinden. Ein Zeuge war bei Ihrer Unterredung nicht zugegen?“
„Nein, wir waren allein. Ich kannte ihn bis dahin gar nicht. Er erwartete mich, als ich spät Abends heimkam.“
Sie hatte die Farbe gewechselt. Das entging ihm nicht.
„Es liegt kein Grund zur Beunruhigung vor,“ tröstete er. „Wir würden im gerichtlichen Verfahren zweifellos obsiegen. Aber, nicht wahr, es wäre friedlicher und erledigte sich vor allen Dingen ungleich schneller, wenn man den genannten Herrn durch einen einfachen Briefwechsel zur Einsicht brächte.“
„Mir hat er auf solche Bestrebungen nicht geantwortet.“
„Das glaube ich gern. Der Briefbogen mit der Firma zweier Anwälte ist bekanntlich wirksamer wie das schönste Schriftstück mit Röslein und Jasmin.“
Sie sahen sich beide an und mußten lachen. Das kleine Buch lag noch immer in seiner Hand.
„So ein Kunstwerk soll heute noch an ihn abgehen, gnädiges Fräulein.“
„Und dann,“ fragte sie schnell.
„Dann schreibe ich Ihnen, sobald ich etwas von ihm höre.“
Sie nickte und schielte nach dem Notizbüchlein. Er wurde rot wie ein Schuljunge.
„Bitte, hier ist es wieder.“ Und dann nach einer kleinen Pause: „All diese Stunden, die darin verzeichnet sind, müssen Sie die etwa erteilen?“
Da erzählte sie ihm ein wenig von ihrem Tag.
„Wie halten Sie das aus, gnädiges Fräulein?“
„Sie sehen ja, mir geht es recht gut dabei.“
„Das wird das Verdienst Ihrer Angehörigen sein. Man wird Sie sehr verwöhnen?“ Das Gegenteil erschien ihm unmöglich.
Sie blickte auf das spiegelblanke Holz der Tischplatte.
„Ich stehe ganz allein.“
Sie glaubte eine heimliche Angst aus seinen Blicken herauszulesen. Eine feine Spannung hing in der Luft. In seinem Gesicht zuckte es nervös. Warum saß sie noch hier?
Aber sie blieb und fragte plötzlich nach Justizrat Weißgerber.
„Seit ein paar Monaten geht es ihm gesundheitlich durchaus nicht nach Wunsch. Darum suchte er sich einen Helfer. Und der bin nun eben ich.“
„Bleiben Sie dauernd hier?“ mußte sie fragen, denn die Vorstellung, daß sie ihn, wenn sie in derselben Sache etwa noch einmal kommen müßte, nicht mehr treffen könnte, begann ihr ein unbehagliches Gefühl auszulösen.
Daß er mit seiner Antwort zögerte, fiel ihr nicht auf.
„Ja, ich werde bleiben,“ sagte er endlich.
Klang das nicht, als sei er erst jetzt zu einem festen Entschluß gelangt?
„Sie haben mir noch nicht Ihre volle Adresse gegeben, gnädiges Fräulein. Herrn Sendelhubers schwer zu entziffernde Handschrift ließ mich Ihren Namen zuverlässig nicht erkennen.“
„Richtig, das hätte ich beinahe vergessen.“
Er sah von der dargereichten Karte schnell wieder zu ihr.
„Ihren Namen habe ich schon oft gehört. – Bestimmt! Es ist kein Irrtum möglich.“
„Wer könnte ihn genannt haben?“
„Sie müssen es erraten,“ forderte er fröhlich.
„Wer weiß, ob ich ihn nach diesem jemals wiedersehe,“ sagte sie sich heimlich. „Warum soll ich mich also mit dem Gehen übereilen?“
„Justizrat Weißgerber hat von mir gesprochen, nicht wahr? Oder mein Namen ist Ihnen in alten Schriftstücken, in denen ich als Bevollmächtigte der Frau Präsidentin Melchers, in deren Haus ich bis zu ihrem Tod gewesen, verzeichnet stehe, zu Gesicht gekommen.“
„Fehlgeschossen. Bitte – weiter raten!“
„Dann gebe ich den Kampf auf.“
„Erinnern Sie sich noch der alten Pauline?“
Alles Blut drängte ihr zum Herzen.
Wie war das möglich? Wußte er?
Nein, sie allein kannte das Geheimnis ihrer Schuld. – Er merkte auch nichts von ihrer Erregung. Er freute sich nur dieser Minuten.
„Ja, die alte Pauline! Ist sie nicht etwas ganz besonderes? Justizrat Weißgerber empfahl sie mir, als ich ihm hilflos und, wie ich ehrlich gestehen muß, eines Tages halb verhungert den üblichen kurzen Wochenbericht über den Stand unserer Arbeit gab. Sie fühlte sich in ihrem Feriendasein totunglücklich und hatte den Justizrat als alten Gönner gebeten, ihr wieder angemessene Beschäftigung zu besorgen. Als er meine Not sah, schickte er sie zu mir und siehe, wir schieden nicht mehr von einander. Seitdem verwöhnt sie mich auf eigentlich unerlaubte Art.“
Eva von Ostried wollte etwas erwidern – ebenfalls eine Freundlichkeit über sie anfügen – eine Frage nach ihrem Ergehen tun – Ihre Kehle blieb wie zugeschnürt. Vor ihr stand das Gespenst des Abschiedtages aus der Villa der Präsidentin und lähmte ihre Zunge. Sie hatte es schlafend gewähnt. Nun erhob es sich und zerstörte ihr Leben.
„So mußte es wohl kommen, daß sie mir auch von Ihnen berichtete.“
„Was hat sie gesagt,“ stieß Eva von Ostried hervor.
„Ja, was wohl, gnädiges Fräulein? Wollen Sie das wirklich hören?“
Nun wußte sie, daß die Treue, gleich den andern, ahnungslos geblieben war.
„Sie sah immer nur das Allerbeste,“ lenkte sie ab und stand auf.
„Soll ich sie nicht wenigstens grüßen?“ fragte er.
„Natürlich!“ nickte sie, „sie hat mir ja nur Liebes und Gutes erwiesen.“ Und dann nach einer Pause: „Sie geben mir wohl Nachricht, wenn Herr Sendelhuber geantwortet hat?“
Irrte er, oder war sie plötzlich verändert?
Klang ihre Stimme kühl und fremd? Hatten ihre schönen sprechenden Augen den Ausdruck der Abwehr angenommen? Erregte es vielleicht ihr Mißfallen, daß er ihr seinen Namen noch nicht genannt hatte?
„Sie müssen doch wissen, wem unsere alte, gemeinsame Freundin jetzt dient, gnädiges Fräulein. Es ist ein gewisser Walter Wullenweber, bis vor zwei Jahren Königlich Preußischer Gerichtsassessor beim Landgericht 3.“
Sein Name erweckte ihr sofort die Erinnerung an den einstigen Vormund. Aber sie unterließ es nach einem Zusammenhang zu forschen. Daraus hätten sich Fragen ergeben können, deren Beantwortung einen scharfsichtigen Juristen zu allerhand für sie gefährlichen Schlüssen zwangen. Er würde es durch die alte Pauline ohnehin früh genug erfahren, wenn sie es ihm nicht bereits erzählt haben sollte.
Wenn er sich dann an den ehemaligen Vormund wandte, Fragen stellte, erfuhr, daß ihr gesamtes mütterliches Vermögen ein Nichts gewesen und die alte Pauline zu ihr schickte, damit die herausbringe, wie ihr das jetzige Dasein möglich geworden war?
Ihr schwindelte. Da war die Schuld wieder, die sich quälend an ihr rächte! Sie konnte es nicht länger unter seinem klaren, warmen Blick ertragen.
Hatte sie ihm die Hand hingereicht oder nahm er sie einfach? – Sie wußte es hinterher nicht. Sie spürte nur den kraftvollen Druck, der ihre Finger umschlossen gehalten, als wären sie ein frierendes Vöglein!
An einem Spätnachmittag, als sie aus dem theoretischen Unterricht, den ihr der bekannteste Musikpädagoge Berlins erteilte, zurückkehrte, lag ein Schreiben mit der Firma des Justizrats Weißgerbers und Rechtsanwalt Wullenwebers auf ihrem Arbeitstisch.
Eva von Ostried riß ihn auf. Mit einem Schlage zog wieder die köstliche Ruhe, die sie zuletzt in dem Sprechzimmer empfunden, in ihr Herz.
„Wir teilen hierdurch umgehend mit, daß wir soeben in den Besitz der Antwort auf unser Schreiben vom 6. d. M. gelangt sind. Herr Sendelhuber erklärt sich darin bereit, ohne sich unserer Ansicht von der Rechtsunwirksamkeit des mit Ihnen bezüglich des neunten Novembers geschlossenen Vertrages anzuschließen, gegen eine von Ihnen zu zahlende Entschädigung von 300 (dreihundert) Mark, seine Ansprüche bezüglich des genannten Tages, fallen zu lassen.
Wir halten, wie wir Ihnen seiner Zeit bereits mündlich ausführten, die eventuelle richterliche Entscheidung für Sie günstig. Setzen daneben aber unser Bestreben fort, diese Angelegenheit auf gütlichem Wege zu regeln. Zur Vereinbarung dieses Zweckes wäre uns Ihr Besuch in unserm Büro sehr erwünscht. Die Sprechstunden ersehen Sie oben...“
Sie ließ das Schreiben sinken und sah starr zu der herbstlich bunten Pracht des Parkes hinüber. Eine schwere Enttäuschung lähmte ihre Denkkraft für Augenblicke.
Es war nur gut, daß diese Zuschrift nicht den Schlußvermerk trug: „Privatgespräche werden in Zukunft höflichst verbeten oder entsprechend berechnet!“
Sie riß einen Bogen aus ihrer Mappe und schrieb hastig, daß sie keine Zeit zu diesem Besuch finden könne und es daher den Unterzeichneten überlasse, einen für sie möglichst günstigen Abschluß mit Herrn Alois Sendelhuber zu erzielen. Schlimmstenfalls sei sie zu der von ihm geforderten Buße bereit, denn zu einem Prozesse fehle ihr die Zeit, sowie das nötige Vertrauen zu ihrer Geduld.
Als sie ihren Namen darunter gesetzt und das Geschriebene überlesen hatte, schämte sie sich ihrer damit offenbarten Bitterkeit.
Und plötzlich wußte sie den wahren Grund ihres unruhevollen Wartens. Wie ein Schlag war dies, der sie betäubte. Wenn er mit lächelnder Duldsamkeit schon, als sie das erste Mal bei ihm gewesen, die richtige Deutung für ihr langes Verweilen gefunden und ihr nun keine Hoffnungen erwecken wollte?
Ja, das würde es sein! Hätte er ihr sonst diesen Brief senden können? Darum mußte sie nun doch zu der vorgeschlagenen mündlichen Besprechung gehen.
Sie zerpflückte ihre Antwort. Ihr Gesicht wurde hochmütig. Ihre schlanke Gestalt reckte sich auf. Er sollte seinen Irrtum sehr schnell einsehen!
Als sie ihm gegenüberstand, fühlte sie ganz klar, daß alle Unruhe durch ihn gekommen war. Sie hätte vor Scham aufschreien können und lächelte doch wie eine leblose Puppe, die Hand, die er ihr zum Gruß entgegenstreckte, übersehend.
„Darf ich bitten, daß wir uns möglichst kurz fassen. Ich bin heute sehr eilig, Herr Rechtsanwalt!“
Er sah sie erschrocken an.
„Gnädiges Fräulein, habe ich Sie neulich irgendwie verletzt?“
Jetzt lachte sie hell auf.
„Im Gegenteil, Herr Rechtsanwalt, Sie haben einer Klientin durch Ihre private Freundlichkeit mehr Zeit geopfert, als es klug war.“
„Soll das ein nachträglicher Vorwurf sein, weil ich Sie zu lange in Anspruch genommen habe.“
„Deuten Sie es ganz nach Belieben. Nur, bitte, jetzt zur Sache, wie Herr Justizrat Weißgerber früher zu sagen pflegte.“
Er saß ihr mit zornig zusammengezogenen Brauen gegenüber. Was fiel ihr ein? Neckte sie ihn einfach oder waren das Künstlerlaunen.
„Ich habe kurz entworfen, was am besten Herrn Sendelhuber zu antworten wäre. Darf ich es vorlesen oder belieben Sie selbst.“
Sie nahm ihm das Blatt mit leichtem Neigen des Kopfes aus der Hand und vertiefte sich scheinbar in seinen Inhalt. Er beobachtete sie dabei scharf.
Es währte sehr lange.
Ein kleines Lächeln durchsonnte die Finsternis seiner Mienen.
„Wenn ich es Ihnen näher erklären darf,“ erbot er sich.
„Ich habe es begriffen,“ antwortete sie kurz.
„Also?“ fragte er leise und sah sie mit dem Blicke an, der ihr das erste Mal die köstliche Ruhe in das Herz getragen.
„Es ist gut, wie Sie es vorgeschlagen haben.“
„Ja, aber Verzeihung, daß ich darauf aufmerksam machen muß, wir verzeichneten zwei Vorschläge. Und einer darf es doch entschieden nur sein.“
Sie wurde flammend rot, weil sie sich auf einer Unwahrheit ertappt sah. Sie hatte kein Wort begriffen.
„Ich möchte keinen Prozeß,“ sagte sie wie ein törichtes Kind. „Das andere soll mir gleich sein.“
Sie stand hastig auf.
„Gnädiges Fräulein,“ sagte er weich und bittend, „was haben Sie? Gehen Sie nicht so fort. Ich bitte Sie herzlich.“
Sie lächelte krampfhaft.
„Was ich habe? – Nichts. Wie kommen Sie darauf, Herr Rechtsanwalt?“
Mit einer Verneigung gab er ihr den Weg frei.
„Wünschen Sie vielleicht, daß ich zuvor diese Angelegenheit noch einmal mit Herrn Justizrat, als Ihrem früheren Bekannten, durchspreche?“
„Nein, ich danke. Ich möchte alles so schnell wie nur irgend möglich vergessen und bin darum auch zu der von ihm geforderten Buße bereit.“
Er sah sie fest und lange an.
„Sie haben es ja schon vergessen, wenn Sie es überhaupt gefühlt haben.“
„Ich verstehe Sie nicht.“
„Als Sie mich neulich verließen, hatte ich die dankbare Empfindung, daß wir beide uns voll verstanden hätten.“
„Dann haben Sie sich eben geirrt. Das soll den besten Juristen bisweilen geschehen können.“
Wieder war er an ihrer Seite.
„Fräulein von Ostried, ich kann es nicht glauben. Es würde mich sehr unglücklich machen.“
Sie zerrte an den feinen Handschuhen und zerriß sie, weil sie etwas Entsetzliches fühlte. Tränen, die aufsteigen wollten und die er doch um keinen Preis sehen durfte.
Er sah sie aber doch. Und nahm ihre beiden Hände in die seinen.
„Ich flehe um ein ehrliches Wort.“
„Der Brief,“ sagte sie wider Willen, „ich dachte, Sie bereuten das Private.“
Er begriff nicht sogleich.
„Warum denn um Gottes willen.“ Und dann mit plötzlichem Verstehen:
„Den Zeilen, auf denen ein Dutzend fremder Augen ruhten, durfte ich nicht anvertrauen, wie es in mir aussah, während ich sie aufgab.“
Seine Stimme war plötzlich voller Jubel!
„Ein Dutzend fremder Augen,“ machte sie ungläubig, noch rosenrot vor Scham.
„Ja,“ nickte er eifrig. „Hören Sie einen Augenblick aufmerksam zu. – Durchschnittlich an jedem Tage gehen zwanzig bis fünfundzwanzig ähnlicher Mitteilungen heraus. Ich bediene mich dazu eines Apparats, nehme den Schalltrichter zur Hand und spreche hinein, was ich nach gründlichem Ueberlegen für richtig halte. Ein Referendar, der mir zur Ausbildung überwiesen ist, steht in vielen Fällen daneben und hört zu, nachdem ich die Sache zuvor mündlich mit ihm durchgesprochen habe. Oder, wie es bei dem Brief an Sie der Fall sein mußte, er selbst gab ihn auf, während ich als Obergutachter zuhörte. Danach kommt der Laufjunge und holt die Walzen ab. Das Fräulein in der Nische schreibt sie getreulich herunter. Mit Durchschlag natürlich, wie das in einem richtiggehenden Betrieb selbstverständlich ist. Die Kopie wird wiederum dem Laufjungen anvertraut, der in aller Heimlichkeit danach trachtet, sie zu lesen, weil er ebenso neu- wie lernbegierig ist. Der Schreiber, der sie in das betreffende Aktenstück einheftet – denn auch Sie haben bereits ein solches erhalten –“
„Hören Sie auf,“ bat sie kläglich.
„O nein, immer gründliches Verfahren. Ich erspare Ihnen nichts. Den Schreiber interessiert schon erstmal Ihr Name. Nicht wahr, er ist ungewöhnlich und klingt wie Musik. Und dann, daß Sie Künstlerin sind. Wir haben hier natürlich die verschiedensten Größen als getreue Klienten. Dies aber ist ein seltener Fall. Wie wird er ihn nicht lesen. Der Invalide, der das Amt hat, die abgehenden Schriftstücke in den Umschlag zu befördern – nun – warum soll er nicht das gleiche durchaus menschliche Verlangen haben? Durfte ich da auch nur ein Wort hineintragen, das mein Herz verraten hätte?“
Sie stand, übergossen von neuer tiefer Röte vor ihm. Noch einmal wehrte sie sich verzweifelt.
„Was hat Ihr Herz damit zu schaffen?“
„Mein Herz?“ sagte er. „Das hat keine Ruhe finden können – seitdem!“