11.
Nach vier Tagen sandte Herr Alois Sendelhuber die Abschrift des Vertrages an Eva von Ostried. Sie war gerade im Begriff, zu einer Unterrichtsstunde nach dem Grunewalde hinaus zu fahren. Ihre neueste Lernbegierige war die Tochter eines mehrfachen Millionärs und hatte bei gutem musikalischen Gehör ein recht bildungsfähiges Zwitscherstimmchen.
Vor ihr lag, soeben abgeschlossen, ein Heft, in dem sie alle Ausgaben und Einnahmen zu buchen pflegte. Sie hatte festgestellt, daß sie die letzten fünf Wochen mit ihrem Verdienst allein ausgekommen war, ohne den Rest des andern Geldes anzugreifen.
Freilich, was war das für ein Leben gewesen.
Der Spiegel warf ihre Gestalt in dem reichlich abgetragenen Kleid getreulich zurück. Herrn Sendelhubers Kleidermacherin wäre mindestens vier Wochen zu beschäftigen gewesen.
Demnach fehlte ihr alles, was sie einst als begehrenswert erstrebte. Sie litt unter diesem gewaltsam durchgeführten Mangel wie an einer schleichenden Krankheit.
Und schön!
Das alte jäh aufwallende Verlangen nach äußerem Tand packte sie ungestüm. Nach der Stunde im Grunewald würde sie endlich alles notwendig Gewordene in einem der ersten Geschäfte bestellen.
War denn aber wirklich dazu das Geld vorhanden? Sie hatte sich gelobt, fortan – selbst wenn sich die Einnahmen vorläufig nicht steigern sollten – den kleinen Blechkasten mit des ehrbaren Tabaksbauern Zurückgezahlten nicht zu öffnen.
Aber jetzt riß sie ihn aus dem Dunkel des Schreibtisches hervor, ließ die Feder aufspringen und entnahm dem dünngewordenen Päckchen einen Schein! Er würde genügen.
Nach kaum einer Minute legte sie ihn wieder zu den andern zurück. Ihr Gesicht war sehr blaß geworden.
Was hatte sie vorgehabt? Einen Teil des Raubes dazu verwenden wollen, um der alten Eitelkeit zu dienen. Die mühselige Arbeit restloser Selbstbezwingung also einfach vernichtend, indem sie von neuem sündigte.
Das konnte allein kommen, weil ihr Ralf Kurtzigs Beistand fehlte. Sie nahm die Kreidezeichnung, auf der ihn ein junger, talentvoller Maler mit klarem Blick für seine innere Größe darstellte, zur Hand und vertiefte sich darin.
Ob sie ihn nicht doch geliebt hatte? Unbewußt?
Der Alltag entriß sie endlich allem Grübeln. Herrn Alois Sendelhubers Vertrag sah sie vorwurfsvoll ob der Vernachlässigung an und verwandte sich in dessen kleine, schlau zwinkernde Augen. Sie nahm ihn an sich, um ihn später auf der Fahrt zu lesen. Jetzt galt es keine weitere Zeit zu verlieren. In diesem Augenblick steckte aber die unzufriedene Bedienerin den Kopf zur Tür hinein.
„Sie brauchen nicht zu glauben, daß ich Ihr Frühstück vergessen hätte, Fräulein. Es war nur nichts mehr im Hause. Und wieder um Geld bitten und das Gefrage und Vorwürfemachen mit anhören, gerad’ als ob man ein kleiner Betrüger wär’, nee, lieber nich! Unterwegs wird ja auch wohl was zum präpeln zu kriegen sein, denke ich.“
Eva von Ostried war das Blut in die Wangen gestiegen.
„Ich habe mich genau erkundigt,“ sagte sie kurz, „die Summe, die ich hingebe, genügt für uns beide völlig.“
„Könnte ich mich denn nich auch mal bei derselben Quelle ein bißchen belehren,“ fragte das Mädchen höhnisch und stemmte lachend beide Hände in die Seite. „Oder hat’s vielleicht der Spatz gesagt, der hier alle Morgen rumpiept, weil ihm keine Krume mehr gegönnt wird?“
„Sie werden unverschämt,“ sagte Eva von Ostried und bezwang ihre Empörung.
„Nicht im geringsten, Fräulein. Bloß tückisch, weil ich immer an einem leeren Futternapf stehen muß. Und darum, sehen Sie, ich bin viel zu abgewachsen für Ihr Portemonnaie. Eine, die ’nen Kopf kleiner ist wie ich und noch ein bißchen was von der vorigen Stelle auf den Rippen hat, die müssen Sie sich nehmen. Ich geh’ nämlich in vierzehn Tagen.“
„Es ist gut,“ sagte Eva von Ostried und mußte doch schaudernd an die neuen Unbequemlichkeiten denken, die daraus entstehen würden.
„Ich hätt’ noch was zu sagen.“
„Dann beeilen Sie sich. Ich muß fort.“
„Es nimmt bloß ein paar Minuten weg. Bis vor kurzem, na, sagen wir mal, bis Sie nach München gondelten, habe ich doch im Ganzen recht ordentlich gewirtschaftet, nich?“
Eva von Ostried dachte nach und mußte zugeben, daß die Mahlzeiten zumeist reichlich und schmackhaft gewesen.
„Daraus erkennen Sie selbst, wie gut Sie mit dem Wochengeld auskommen können,“ stellte sie fest.
„Nee,“ triumphierte das Mädchen, „die Rechnung stimmt nich. Der Zuschuß hat aufgehört. So klappt’s.“
„Welcher Zuschuß? Was meinen Sie damit?“
„Meine Mutter hat uns Kindern gesagt, wenn einer tot ist, dem man was geschworen hat, könnt’ man getrost seinen Mund auftun. Darum will ich auch nicht länger schweigen. Herr Kurtzig hat mir doch regelmäßig Geld gegeben, damit das Fräulein seine kleine Freuden hätt’.“
„Geld! Und das erfahre ich erst heute?“
„Ich hab’s schon gesagt. Schwören mußte ich ihm, daß ich meinen Mund hielt.“
„Wieviel?“ fragte Eva von Ostried und fühlte eine schwere Mattigkeit in allen Gliedern.
„Wie kann ich das noch wissen. Viel hat er ja auch wohl nicht gerade gehabt. Das merkt unsereins schnell. Mal zwanzig Mark, mal auch ein bißchen weniger. Unter zehn Emmchen gab er aber nie. Dazu hat er das Fräulein viel zu sehr verehrt.“
Eva von Ostried hatte die Empfindung, als wolle ihr Herz verbrennen. Und in den Blicken des Mädchens stand die helle Schadenfreude über die Bestürzung der jungen Herrin.
„Es gibt noch viele, die mehr spendieren würden, wenn sie Sonntag abends hier ab und zu ein bißchen singen und spielen könnten, Fräulein.“
„Gehen Sie auf der Stelle,“ befahl Eva von Ostried und wies mit der Hand nach der Tür.
„Mach ich gern! Wollen Sie meine Sachen nachsehen, ob ich aus Versehen was Fremdes eingepackt hab’? Es ist nämlich schon alles parat.“
„Nein! Nur beeilen Sie sich möglichst, damit Sie aus meiner Wohnung kommen.“
– – In der Küche polterten dann die Schritte eines Mannes, der das bereit gehaltene Gepäck abholte. Kräftig wurde eine Tür zugeschlagen. Sie machte keine Miene nachzusehen, ob das Mädchen nun endlich fort sei. Sie fühlte sich wie zerschlagen.
Aus einem matten Pflichtbewußtsein, das sich widerwillig regte, ging sie zum Fernsprecher und teilte der Schülerin im Grunewald mit, daß sie sich zu elend fühle, um heute herauszukommen. Dann saß sie stumpf und regungslos auf ihrem Platze.
Ralf Kurtzig, du hast es gut gemeint! Auch darin! Und doch, wenn du das jetzt wüßtest, du warst ein so kluger, reifer Mensch, hast du nicht geahnt, daß du dem Klatsch mit dieser Herzensgüte reichlich Nahrung gabst?
Nein, das hatte er nicht erwogen. Dazu stand sie ihm zu hoch. Konnte es wohl einen untrüglicheren Beweis als diesen für seinen unerschütterlichen Glauben an ihre unantastbare Reinheit geben? Ein edler Mensch kann ja gar nicht mit der Niedrigkeit eines andern rechnen.
Seine Liebe erschien ihr in einem völlig neuen Lichte. Ein ungeheurer Stolz, daß er sie erwählen wollte, erfüllte sie. Eine dankbare Freude, daß sie ihn erlaben durfte, bis zu jener Stunde am Brunnen.
Aber solche Liebe, mag sie auch unerwidert bleiben, verpflichtet zu einem vollgültigen Beweis von Würdigkeit. Sie nahm Herrn Alois Sendelhubers Vertrag aus der Tasche und überlas den kurzen Inhalt zweimal. Er hatte sie für den neunten November verpflichtet. Der neunte November war aber, wie sie Herrn Sendelhuber wiederholt mitgeteilt hatte, längst vergeben.
Es paßte Herrn Alois Sendelhuber natürlich besser, wenn er ihren Einwand einfach vergaß. Sofort schrieb sie ihm und bat um Abänderung.
Als eine Woche später immer noch keine Antwort eingetroffen war, drahtete sie. Und wartete nun erregt und ungeduldig auf seine Erklärung.
Herrn Sendelhubers Geschäftstüchtigkeit hatte nicht unterlassen, im Falle sie sich ohne ärztliche Beglaubigung auch nur einer der drei eingegangenen Verpflichtungen entzöge, eine erhebliche Strafe festzusetzen. Die Summe würde voraussichtlich diejenige der gesamten Winterkonzerte übersteigen.
Kurz entschlossen ging sie zu einem Anwalt.
Er fragte nicht, wie sie erwartet, nach ihren Wünschen. Aber er hörte sie wenigstens an.
„Kontrakte werden gemacht, daß sie vor der Unterschrift durchgelesen werden,“ sagte er großartig.
Das gleiche hatte sich Eva von Ostried auch bereits gesagt. Trotzdem mußte dieser eine Punkt mit Leichtigkeit unwirksam zu erklären sein. Das lag ihr im Gefühl.
„Ich habe Herrn Sendelhuber ausdrücklich und wiederholt erklärt, daß ich an diesem neunten November nicht mehr frei wäre,“ warf sie ein.
Darauf schien er kein Gewicht zu legen.
„Sind Sie überhaupt geschäftsfähig?“
„Ich bin volljährig.“ Er zuckte die Achseln.
„Meiner Ansicht nach nichts zu machen. Aber Sie können meinetwegen wiederkommen. Bei einer Stunde ist der Bürovorsteher vom Essen zurück. Und dann findet sich auch der Herr Justizrat ein.“
Als Eva von Ostried endlich wieder in der frischen Luft stand, mußte sie herzlich lachen. Sie erschrak vor diesen fröhlichen Lauten. Wie lange hatte sie doch nicht mehr dies heimliche Behagen gespürt!
Die Erscheinung des würdigen Vertreters von Bürovorsteher und Justizrat hatte etwas zu köstlich Erheiterndes gehabt. Ob auch wohl der Herr Justizrat – –
Der Titel füllte sich plötzlich mit lebensvoller Erinnerung. Hatte ihr der treue Freund und Berater der Präsidentin nicht beim Abschied auf das Bereitwilligste seine Dienste angeboten? Ihre Gedanken waren seither nicht wieder zu ihm gelaufen. Sie hatte die Zeit, in welcher sie ihm beinahe täglich begegnen mußte, künstlich versenkt. Nun aber beschloß sie, nachdem sie die Wartefrist auf Herrn Sendelhubers Antwort noch einmal auf vierundzwanzig Stunden verlängert hatte, ihn aufzusuchen.