10.

Ein ganzes langes, reiches Leben umsonst gelebt! Den angestrebten Daseinszweck verfehlend – nichts anderes in ihren Augen als eine Beute wahnwitziger Lächerlichkeit!

Er konnte ihr nach diesem nie wieder begegnen. Das stand in ihm fest.

Eva von Ostried war in ihr Hotel zurückgekehrt. Hastig wollte sie die Treppe emporeilen, da winkte das Fräulein aus der Buchhalterei ihr durch das herabgelassene Schalterfenster zu.

„Ein Herr hat schon zweimal nach Ihnen gefragt. Jetzt wollte er sich nicht wieder fortschicken lassen. Er wartet auf dem Gang vor Ihrem Zimmer. Es war nichts dagegen zu machen.“

Eva von Ostried war sehr müde. Jeder Schritt wurde ihr schwer. „Wer kann das sein,“ dachte sie ohne sonderliches Interesse.

Es war ein ihr gänzlich Fremder, klein und beleibt, im Aeußeren elegant, der Anzug von modernstem Schnitt, Wäsche und Schlipsnadel leuchteten um die Wette. Nur seine Hände paßten nicht dazu, die sich, dicht behaart und mit kurzen, dicken Fingern und ungepflegten Nägeln ihr wie freundschaftlich entgegen streckten.

„Sakra, das hat lang gedauert, meine Gnädigste.“

Sie wich einen Schritt zurück. Ihr fiel es nicht ein, ihre Hand zu heben. „Ich wüßte nicht, daß ich eine Verabredung mit Ihnen getroffen hätte,“ entgegnete sie kühl.

Der Wohlbeleibte schien indes ihre Zurechtweisung nicht zu empfinden. Er sah sie in strahlender Zufriedenheit an.

„So unschlau würden’s doch auch net sein,“ sagte er mit gutgespielter Treuherzigkeit. „Wer zuerst kommt, tut halt auch zuerst mahlen, net wahr?“

„Der heutige Tag war sehr anstrengend für mich. Bitte fassen Sie sich kurz.“

„Sie werden schnellstens wieder aufg’lebt sein, Gnädigste. Ich hab nämlich grad kei Kartl zur Hand. Mei Name ist Alois Sendelhuber. Gnädigste wird schon meinen Namen g’hört haben.“

„Nein,“ sagte Eva von Ostried und betrachtete die klauenartig gebogene Hornkrücke seines kräftigen Stockes, die wenig zu dem eleganten andern passen wollte.

„Sollt’ man’s glauben? Mei kloans G’schäfterl hat sonst a guten Ruf.“

Eva von Ostried meinte endlich zu begreifen. Vielleicht war er gestern oder vorgestern in ihren Konzerten gewesen und sprach nun das, was der Kollege von der Geige ihr zart anzudeuten wagte, in schöner Offenheit aus.

„Ich brauche gar nichts, Herr Sendelhuber. Danke vielmals für Ihre Bemühung. Berlin, wohin ich mich morgen zurückbegebe, versorgt mich schon ausreichend.“

Sein Gesicht wurde plötzlich unendlich schlau und vergnügt.

„Auch kein neues Konzört-Angaschemang, meine Gnädigste?“

„Wie sagten Sie,“ fragte Eva von Ostried auflauschend und blitzschnell überlegend, daß sie jetzt Geld verdienen müsse und dies am ehesten durch Konzerte vermöchte. Ja, das wäre schön. Da kämen neue Einnahmen zusammen und der Zeitpunkt der ersten ruhevollen Nacht würde näher gerückt. Die weiche Wölbung seines mächtigen Bauches begann sich mit zu freuen.

„Gelt’s, da spitzens? Also, wollen wir nun ’n eingehen. Wenn’s g’fällig ist.“

Sie saßen sich in dem geräumigen Zimmer mit der geschmacklosen Ausstattung der Dutzendräume gegenüber.

„I hätt für den November Neigung,“ meinte er und blätterte in seinem nicht ganz saubern Notizbuch. „Den Ersten, Fünften und Neunten –“

„Den Neunten bin ich bereits versagt, Herr Sendelhuber.“

„Schad’t nix. Sagen Sie wo und bei wem, das andere mach i halt scho. Kleinigkeit.“ Sie sah kühl und sehr hochmütig aus.

„Das gibt es bei mir nicht. Was ich versprochen habe, wird auch erfüllt.“

„S’ sind halt noch a Anfangerin. Ach i über dö damische Konkurrenz weg, mach i scho das G’schäft für uns zwei beid’. Also den Ersten, Fünften und Neunten hab i g’sagt. Am Erst und Fünften hier, wo man Sie bereits kennen tut. Am Neunten in Nürnberg. Und die Einnahm’? Wir teilen’s halt!“

„Nein, das genügt mir nicht.“

„Schauens – schauens!“ sagte er nachdenklich und begann zu rechnen.

Sie saß ganz still und mußte denken, was ihr Ralf Kurtzig jetzt wohl raten würde.

„Unter zwei Drittel für mich tu ich’s auf keinen Fall, Herr Sendelhuber.“ Dann zogen sich ihre Brauen zornig zusammen. Warum griff sie nicht sofort zu? – Ralf Kurtzig hätte seinen Vorschlag für den Anfang durchaus annehmbar gefunden? Ihm beugte sie sich schließlich und sagte unsicher, noch ehe Herr Sendelhuber mit dem Rechnen zu Ende gekommen war.

„Schön, meinetwegen, für diesmal die Hälfte.“

Sofort stellte sein Stift die emsige Arbeit des Zahlenmalens ein.

„’s is auch klüger. Sie stehen sich, im Vertrauen, bei der Hälft’ besser!“

„Also ein kleiner Gauner,“ dachte sie und äußerte doch nichts dergleichen. Sie wollte plötzlich vor allen Dingen möglichst schnell einen guten Ruf als Konzertsängerin haben und dazu brauchte sie solche Leute. Denn unter den verschiedenen Abschriften alter Verträge, die er ihr als Beweis seiner Tüchtigkeit und Beliebtheit vorlegte, befanden sich lauter gute, bekannte Künstlernamen.

Er schrieb bereits auf einem umfangreichen Bogen.

„Also am Ersten, Fünften und Neunten. So war’s doch? Die damische Feder tut’s scho wieder net, is halt a Kreiz.“ Er stieß sie kräftig auf die Decke des Tisches, wischte mit dem breiten Zeigefinger den entstandenen Tintenfleck fort und schrieb weiter.

„Den Neunten werde ich unter keinen Umständen singen, Herr Sendelhuber. Sie haben das wohl schon wieder vergessen.“

„Wo werd i? Da is nix weiter drüber zu reden. Also den N–eu–n–ten –“

Sie setzte ihren Namen darunter, ohne den Entwurf durchzulesen. Er faltete ihn umständlich zusammen und barg ihn bei den andern.

„An Umsatz werden wir schon hab’n! Mähnetscht Sie wer?“

„Wie meinen Sie das, Herr Sendelhuber?“

Er machte eine kleine, vertrauliche Bewegung, führte sie aber nicht voll aus, sondern lachte tonlos.

„I sah Sie halt mit dem Herrn Baron Alvensleben z’sammen. Und der Kurtzig war auch dabei. Schaun’s – München ist net Berlin. Koane G’schäftsstadt. Sei Ruh und sei Maß. Das wär den meisten Leut g’nug. Bequem sind s’ halt. Wollen gern wissen, ob eins scho G’schmack g’fund hat.“

Sie begriff endlich.

„Bei so einem Wuchs und G’schau und denn die Stimm.“

„Nett, daß er auch die Stimme erwähnt,“ mußte sie denken und wollte auffahren. Damit hätte sie sich indes nur lächerlich gemacht. Und, was die Hauptsache blieb und wohl ewig bleiben würde, solange es Kunst und Künstlerinnen auf der Welt gab, sie mußte jetzt Geld verdienen.

„I lass’ Ihnen den Vertrag fein ausfertigen und schick’n nach Berlin.“ Das letzte Wort sprach er mit einer leichten Senkung in der fetten Stimme, die seine Verachtung für die von ihm gemiedene Stadt beweisen sollte.

„Ich danke Ihnen, Herr Sendelhuber.“

Sie wollte allein sein. Eine schwere Müdigkeit drückte ihr die Lider zu. Weil er nicht Miene machte, aufzustehen, überwand sie sich und reichte ihm, über den Tisch, die Hand hin. Er war zu sehr mit dem Einschrauben seines Füllfederhalters beschäftigt, als daß er sie etwa aus Nichtachtung übersehen haben könnte. Lächelnd ließ sie sie sinken.

„Nun er mich sicher hat, ist das ja auch überflüssig.“

Endlich war er fertig.

„S–o, jetzt will i noch meine geröhste Kartoffeln eß’n und dann für heut genug. A Wort noch, Freilein! Pfi–it! I muß ja noch a Depesch’n geb’n! An die Gret Melchenhuber oder Margarete Kolwinirgers, wie sie sich zu nenne beliebt. A schlaues Luderchen. I bin aber scho allemal a Minut vor ihr aufg’wacht. – Also, Freilein, nix übelnehmen. Aber Sie sollten a bessere Zeugmach’rin nehmen. A Adress’n kann i gern geben.“ Und er suchte wieder in seinem Notizbuch. „Bestell’n Sie a schönen Gruß von mir. Dann pumpt’s halt gern.“

Sie lachte nun auch. Es machte sie noch reizvoller. Blitzschnell fuhr er mit der roten Zunge über die wulstigen Lippen.

„Na also! Wir verstehe uns scheint’s doch ganz gut mitsamm’n. I hab’ die Aehre, Freilein und mit dem Zuschicken bin i pünktlichst.“

– – Eva von Ostried hatte sich noch ein kleines Abendessen nach oben bestellt. Es war inzwischen zehn Uhr geworden; viel Gutes stand also kaum mehr zu erwarten. Früher hätte sie nach einer ähnlichen Erschütterung gar nicht daran denken können. Jetzt wies sie das Pflichtgefühl, sich leistungsfähig zu erhalten, darauf hin und verlangte gebieterisch Gehorsam. Was sollte werden, wenn sie zusammenbrach, ohne zuvor ihre Schuld getilgt zu haben? –

Das Essen widerte sie an. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Aber die Mattigkeit, die ihre Hände beim Zufassen erzittern ließ, zwang sie zur Vernunft. Außer der ersten Frühmahlzeit hatte sie heute noch nichts weiter genossen, als das hastig gelöffelte Fruchteis im Speiseraume des Prinzregenttheaters. Und morgen mußte sie doch frisch sein für die Reise und die anstrengende Tätigkeit in Berlin.

Mechanisch stocherte sie in dem „Karfiol“ herum und bemühte sich von den goldbraunen „Pflanzerln“ etwas in den Mund zu schieben. Es deuchte sie eine schwere Arbeit. Sie zwang alle Gedanken zu dem geschäftskundigen Herrn Alois Sendelhuber und konnte doch damit das Bild nicht verscheuchen, das überall auftauchte und ihr Empfinden peinigte. Die Erinnerung an den alternden Meister, der ihr einziger Freund gewesen war.

Warum schob sie ihn in die Vergangenheit? Er stand trotzig und stark im Leben und würde es überwinden! War sie mit ihrer entsetzten Verneinung, von welcher der Verstand nichts wußte, voreilig gewesen? Mußte es nicht ein wundervolles Ausruhen neben seiner reifen Persönlichkeit sein? Ein einziges dankerfülltes Streben, um ihm zu vergelten, daß er so eine wie sie...

Da war es wieder, was nun Stunden fest geschlafen hatte. Die heiße Gewissensnot, weil sie einmal gestrauchelt war.

Davon ahnte er nichts. Sie hatte auch niemals in Betracht gezogen, es ihm zu beichten.

Und doch mit dieser Lüge einen, der ihr seinen Namen geben wollte, zu belasten, war das nicht die zweite Sünde? Darüber hätte sie in diesem Fall hinwegkommen können, weil sie ihn nicht als den Erwählten ihres Herzens empfand. Nur, wo strömende, tiefe, gewaltige Liebe sich hingab, durfte kein Geheimnis walten.

Wie friedlich es wohl dauernd mit ihm sein mußte. Geborgen von seiner Stärke, getragen von der Abgeklärtheit seiner Lebensauffassung, gestützt von den Erfahrungen seiner ruhmreichen Vergangenheit. Konnte es eine bessere Erfüllung aller Jugendträume geben? Sie empfand plötzlich heftige Sehnsucht nach der Festigkeit seiner Stimme. Daneben stieß die Furcht vor dem ersten Wiedersehen nach dieser Stunde ihr Herz.

Drei Türen weiter wohnte er. Ob er endlich daheim sein mochte? Was würde sie tun, wenn er jetzt zu ihr treten und sagen würde, daß sie ihn nach diesem Scheiden nicht mehr wiedersehen werde, es sei denn, daß sie die drei Worte am Hildebrand-Brunnen zurücknähme.

Ohne ihn würde es kalt und leer sein. Der Tag keine Freuden mehr. Sie selbst müßten ratlos und unsicher in allen Dingen stehen. Sie malte sich aus, wie er bei ihr gesessen hatte in Zeiten strengster Arbeit. Ein unerbittlicher Lehrer, der quälen konnte, bis die Tränen der Erschöpfung und des Zornes flossen.

Ein Finger pochte an die Tür. Eine Bedienerin trat über die Schwelle.

„Verzeihung, gnädiges Fräulein, ich soll nachschauen, ob der Herr von Nummer 41, Herr Kurtzig ist sein Name, bei Ihnen wäre?“

„Wer fragt das?“ forschte Eva von Ostried erstaunt.

„Die Herrn Künstler, die von der Klause herübergekommen sind und ihn schon überall gesucht haben.“

„Ich bin allein, wie Sie sehen. Er wird in seinem Zimmer sein.“

„Nein, der Schlüssel hängt unten in der Buchhalterei. Er hat befohlen, daß ihm zu elf Uhr eine Flasche Sekt aufs Eis gelegt werden möchte. Und zwei Gläser dazu bestellt. Und einen kleinen Tisch mit lauter roten Rosen. Die Blumen sind gerade vorhin gebracht worden vom Michelsberger Franzel, der beim englischen Garten die schönste Binderei hält.“

„Wann hat er den Sekt bestellt? Erinnern Sie sich der Stunde?“

„Gleich nach acht Uhr kann’s gewesen sein, per Telephon aus dem Parkhotel.“

„Bei wem machte er die Bestellung?“

„Bei mir, gnädiges Fräulein. Ich bediene ihn seit Jahren, wenn er herkommt. Er weiß, daß Verlaß auf mich ist.“

„War er fröhlich, ich meine, klang seine Stimme so, als er mit Ihnen sprach.“

Die frische kräftige Kellnerin nickte zutraulich.

„So froh hat er’s geschmettert, wie nur einer sein kann, der nachher Sekt trinken will mit zwei Gläsern, gnädiges Fräulein! Und dazu die roten Rosen. Wir sind halt alle sündige Menschen. Und der Herr Ralf Kurtzig ist einer von denen, die mit achtzig Jahren noch nicht alt sind.“

„Die roten Rosen werden welken,“ sagte Eva von Ostried träumerisch.

„Schon möglich. Die Hitze war heute groß. Man konnte ja kaum atmen.“

„Und der Sekt und die beiden Gläser? Das Eis wird schließlich auch schmelzen –“

„Wär alles recht schade, gnädiges Fräulein. Der Tropfen, der ungetrunken bleibt, kann nicht einheizen und die meisten Leut’ können doch nicht leben beim toten Ofen.“

„Der tote Ofen – was meinen Sie damit?“

„Was man meinen muß, wenn man ein Herz im Leibe hat. Wein und Lieb sind halt Zwillinge. Wenn einem das erste bitter schmeckt oder vor der Nase weggetrunken wird, ist gewöhnlich das andere versalzen.“

„Und was, glauben Sie, wird dann aus ihm?“ Eva von Ostried hatte vergessen, mit wem sie sprach. Der Klang einer menschlichen Stimme tat ihr wohl.

„Danach? Es kommt drauf an. Einer wirft sich in die Brust und versuchts mit einem feinen Pelz aus andern Sachen, Gott weiß, da gibt’s ja genug. Die einen spielen oder arbeiten gar wie wild und manch’ einer soll dabei auch schon den Verstand verloren haben. Die andern mögen nicht weiter. Die machen Schluß.“

Schluß – Schluß schrie es in plötzlich erwachender Angst in Eva von Ostried. Die Kellnerin lauschte aufmerksam auf und deutete dann mit schalkhafter Miene und weit von sich gestreckten Armen geradeaus.

„Hören Sie das Poltern, gnädiges Fräulein? Ich wette, daß das die ungeduldigen Herren Künstler aus der Klause sind. Sie werden sich einfach vor seine Tür hinhocken. Ja, das machen die! Passen Sie mal auf.“

Und mit einem Lachen in den Augen lief sie aus dem Zimmer, nachdem sie noch vielmals um Vergebung wegen der dummen Rederei gebeten hatte.

– Eva von Ostried wollte sich endlich zur Ruhe begeben. Denn morgen. Da war sie schon wieder bei Ralf Kurtzig. Vor der Abreise nach Berlin hatten sie mit einander noch in die Pinakothek gehen wollen. Während sie das dachte, lauschte sie nach den Geräuschen vor ihrer Tür. Da trappten wohl wirklich Ralf Kurtzigs frühere Schüler, um noch ein Stündlein bei ihrem Meister zu sitzen. Sie fühlte, daß er sich darüber freuen würde, wenngleich sie seine polternden Worte bei der Erkenntnis ihrer Huldigung zu hören meinte. „Geht lieber schlafen – Ihr. Das ist Euern Stimmen zuträglicher.“

Sie öffnete die Tür. Ihre Blicke irrten den matterleuchteten Flur entlang. Vier erwartungsvolle Gesichter wandten sich ihr entgegen.

„Grüß Gott, werte Kollegin! Halt – dageblieben? Rede und Antwort gestanden: Wo haben Sie ihn gelassen?“

„Ich warte auch auf ihn,“ sagte sie und erschrak nun selber, denn sie hatte sich das bisher nicht zugestanden.

„Da ist es das Einfachste und Erfreulichste, wenn wir das fortan gemeinsam besorgen.“ Sie schüttelte den Kopf.

„Das geht leider nicht.“

„Und warum nicht,“ staunte der Sprecher. „Ich denke, Sie sind sein Liebling?“

„Wer sagt Ihnen das?“

„Einer, der es bestimmt wissen muß. Können Sie gut raten?“

„Sie scherzen.“

„Fällt mir nicht ein. Er hat, als ich ihm vorgestern durch ein Dutzend Straßen nachgejagt bin und zuletzt auch glücklich eingefangen habe, immer nur von Ihnen gesprochen. Denn ich war sein Lieblingsschüler! Sind wir also nicht zwei ganz alte, sehr gute Bekannte?“

Sie wollte wissen, was er gesprochen hatte von ihr.

„Gott, was einer, wie er, halt so sagt. Nicht besonders viel! Zusammengefaßt wohl kaum zehn Druckzeilen. Es kommt ja auch lediglich auf den Inhalt an. Ist’s Ihnen wirklich um den zu tun?“

„Ja,“ nickte sie.

„Auch wenn Sie rot werden müssen, vor Stolz?“

„Auch dann!“

„Vielleicht bringe ich alles zusammen. Also, daß er Sie gefunden hätte, daß er Ihnen zum Aufstieg helfen dürfte, das wäre doch das Allerschönste aus seinem Leben.“

Sie blickte versonnen vor sich hin. Das Allerschönste.

„Nun verlange ich auch die Belohnung. Kommen Sie, einen fünften Schemel besorgen wir. Uns hat gerade noch die Frauenstimme gefehlt. Sowie wir das erste Geräusch hören, soll’s losgehen.“

„Was haben Sie vor?“

„Einen Willkommensgruß natürlich zur Begrüßung. Alle vernünftigen Leute wären längst zur Ruhe, sagt die Kellnerin aus Berlin. Einen falschen werden wir also nicht ansingen.“

„Nein, ich kann nicht bleiben, aber ich werde innen warten,“ sagte sie, nickte ihnen freundlich zu und ging. Aber sie blieb wirklich in den Kleidern.

Lange, lange! Da hub draußen ein Singen und Klingen an:

Geschmolzen ist der Winterschnee,

Der Hornung wandelt sich zum See.

Nun kam er also!

Aber mit einem schrillen Mißton brach der Gesang ab und ein Raunen und Reden und Laufen hörte sie herein.

Da eilte sie mit bangem Herzen hinaus zur Treppe – –

Auf einer Bahre hatten sie ihn gebracht. Einer der Träger erzählte mit umständlicher Wichtigkeit, ohne daß ihn jemand darum befragt hätte: „Wir gingen gerade vorüber, als sein Körper unten aufgeklatscht ist. Es war nicht leicht, ihn rauszufischen. Hier ist seine Brieftasche, in der wir eine Karte von diesem Hotel mit seinem Namen darauf gefunden haben.“

– Sein langes, eisgraues Haar hing tief in die Stirn hinein. Mit großem hellen Blicke starrten die offenen Augen. Seine Lippen waren nicht ganz so fest wie sonst geschlossen. –

Da warf sich Eva von Ostried neben der Bahre auf die Knie und preßte seine schlaffen Hände an ihr Herz, wie er es am Brunnen mit den ihren getan hatte. Und er wehrte ihr nicht.

Sie legte ihren Kopf dorthin, wo seine Liebe für sie gepocht. Es war still – für immer.