9.

Das Nationaltheater hatte seinen großen Tag. Die Aufführung des ersten Aktes des „Parsifal“ war vorüber. Die Reihen lichteten sich. Es strömte die Stufen hinab, die in den Garten des Theaters führten. Auf den meisten Gesichtern lag noch die Andacht des Weihespiels. Einzig eine Frauengestalt hatte ihren Stuhlplatz inne behalten und saß mit zusammengelegten Händen. In ihr zitterten die heiligen Klänge nach: „Selig im Glauben.“

Zwei Herren waren, abseits des flutenden Menschenstromes, stehen geblieben und sahen zu ihr hinüber.

„Sie haben vor Beginn im Erfrischungsraum mit ihr gesprochen, Kurtzig,“ sagte der Jüngere, „kommen Sie, wir gehen jetzt zu ihr.“

„Das wage ich nicht, Baron Alvensleben. Sie wissen, wer einen Gottesdienst stört, muß eines Strafbefehls gewärtig sein.“

Der alternde Meister schüttelte den Kopf.

„Sie steht doch aber in der Oeffentlichkeit, mein Lieber!“

„So – tut sie das? Ich dachte, wir wären uns gestern Nacht nach ihrem Konzert gerade darüber einig geworden, weshalb sie an der Laufbahn einer Bühnensängerin vorbei, in der musikalischen Welt Berlins in der Hauptsache als erste Bildnerin verheißungsvoller Stimmen gilt und sich nur selten zu einer Konzertreise versteht.“

„Gott ja, gestern Nacht! Inzwischen habe ich darüber nachgesonnen und muß gestehen, daß mir die Aufgabe, sie umzustimmen, sehr verlockend erscheint.“

„Sie sind nicht der Erste, der das erkannt und auch versucht hat, Baron.“

„Vielleicht aber der erste Leiter einer hocheingeschätzten Oper, der willig ist, sie sogleich in seinen Verband zu übernehmen.“

„Auch diese Freude muß ich Ihnen leider zerstören. Vor einem halben Jahre, als sie noch lange nicht so weit wie heute gekommen war, machte bereits Ihr Kollege Spartenberg denselben recht energischen Versuch.“

„Sie kennen sie länger, Kurtzig?“

„Ungefähr fünf Jahre.“

„Da werden Sie auch um die Gründe wissen? Sie kennen auch mich. Ich bin verschwiegen. Was käme da in Betracht?“

„Da fragen Sie mich zu viel, Baron.“

„Vielleicht erblich belastet?“

„Möglich! Die Mutter, nach dem Bilde zu urteilen, war eine Schönheit! Der Vater soll ein flotter Herr gewesen sein, der ihr nichts als Schulden und den alten Namen hinterließ.“

„Verdreht,“ sagte Baron Alvensleben, „aber hören Sie, versucht wird es dennoch. Wenn nicht jetzt, ganz bestimmt am Schlusse. Wenigstens ein Plauderstündchen im Parkhotel mit ihr.“

„Schön! Machen Sie sich das Vergnügen! Sie können sich meinetwegen als Zeuge ihrer gestrigen Triumphe einführen. Nur, sagen Sie ihr nichts von unserer Bekanntschaft.“

„Na nu!“

„Ja, Baron. Sie vertraut mir voll und ich möchte nicht, daß dies jemals anders würde. Kein Mißverstehen, Ihr Lächeln ist unangebracht. Die Kunst kann, wie wir soeben festgestellt haben, sehr rein sein. Der Künstler in mir freut sich an ihr, ringt um die Erhaltung ihrer Gunst, zollt ihr neidlos die verdiente Anerkennung.“

„Das haben Sie mir gut gegeben, Kurtzig. Ich nehme es Ihnen nicht übel. Kommen Sie. Nein, nicht in den Prunksaal. Sehen Sie, da schreit der Unterschied zwischen Bayreuth und München. Die Aufführung verspricht auch diesmal ganz hervorragend zu bleiben. Nur das Drum und Dran ist’s, was hier nie erreicht wird. Die Weihe fehlt. An Kosimas Brandaugen vorbei schlich man sich dort während der Pausen, trunken vor Begeisterung in das sanfte Grün eines wirklichen Götterhains und entheiligte sich nicht, bis die feierlich rufenden Tubenklänge wiederum erbrausten.“

Ganz einsam saß Eva von Ostried in dem weiten Raume. Sie war auf vier Tage nach München gekommen, um im Anschluß an die beiden Konzerte, in denen sie sang, den „Parsifal“ vor allem zu hören. Nun hatte die Musik alles Schlafende in ihr wachgerüttelt. In Berlin konnte sie es zurückschieben in das Dämmern eines dauernden Halbschlummers. Während sie bereits seit Jahresfrist lehrte, vernachlässigte sie das Selbstlernen nicht. Ihre Zeit war dadurch mit jeder Stunde, ja, mit jeder Minute, im voraus berechnet. Hier ruhte sie aus.

Aber überwand sie jetzt auch die Schatten, bezwang sie alle Gedanken, indem sie sich zu der Menge begab, zum Einschlafen brachte sie sie nicht wieder. Sie würden sich zwischen ihre Empfindung und die Gestaltung der nächsten Aufzüge drängen und ihr nichts hinterlassen als das bittere Gefühl, plötzlich vor der verschlossenen Pforte zum Allerheiligsten zu stehen. Darum ließ sie sich willig von ihren Gedanken zwingen.

Wie war es doch damals gewesen, als sie die Villa der toten Präsidentin verließ? – Sie hatte sich eine kleine Wohnung genommen. Wirklich in guter Gegend. Und eine Bedienung, die in jeder Beziehung ausgezeichnet für sie sorgte, war auch schnell gefunden, weil sie mit dem Entgelt nicht kargte. Dann kamen die Lehrer an die Reihe. – Die allerersten. Ralf Kurtzig blieb ihr treu, wie sie ihm. Seine Gegenwart war ihr ständig mit einer Feier verbunden, die sie wunderbar für die nüchternen Arbeitsstunden des Unterrichts stärkte. Ohne das gesteckte Ziel jemals zu verlieren, schritt sie weiter. Das Ziel, auf Heller und Pfennig einst zurückzuerstatten, was – –

Jede neubeginnende Woche bestimmte sie zum Beginn des Zurücklegens. Es wollte aber immer noch nichts damit werden.

Sie wurde erschreckend mager, nervös und hilflos. Denn ihre Nächte hielten tausend Rächer für die durchhetzten, gedankenlosen Tage in Bereitschaft. Der Inhalt der kleinen schwarzen Handtasche nahm merkwürdig schnell ab. Es kostete alles noch viel mehr, als sie berechnet hatte. Von den zwölftausend Mark hatte das erste Jahr mit seinen zahlreichen Anschaffungen die Hälfte verbraucht. Nach dieser Feststellung änderte sie auch ihren Lebensplan. Bis dahin sah sie Unterrichtsstunden lediglich als eine Hilfsquelle an. Jetzt stellte sie nach Rücksprache mit ihren Lehrern fest, daß bis zum ersten Geldverdienen als Opernsängerin noch eine geraume Zeit vergehen mußte. Denn als abgeschlossen konnten sie die Ausbildung ihrer Stimme vorläufig noch nicht bezeichnen.

Und danach?

Sie zweifelte nicht daran, daß ihr die breite Oeffentlichkeit mit Huldigungen und Beifall danken würde. – Ob sich aber auch in gleichem Maße die Gagen einstellen würden? – Toiletten würden nötig werden, die erschreckend viel kosteten, wenn nicht ein anderer sie bezahlte.

Auch jener andere hatte sich zur Verfügung gestellt. Paul Karlsen, der sich aus den Berichten seiner ahnungslosen Frau die Zusammenhänge leicht aufbaute, fand sie schnell und flehte um ihre Vergebung. Als Eva von Ostried ihm für immer die Tür gewiesen, wußte sie, daß das Blut ihrer Mutter in ihr stärker geworden, als dasjenige ihres Vaters. Auf der einen Seite lockte ein Erfolg, wie sie ihn niemals auf der andern erwarten durfte.

Knie beugten sich vor ihr! Hände haschten nach dem Saum ihres Gewandes. Geld und Schmuck leuchteten. Lorbeer duftete. Und sie hielt es für unmöglich, zu entsagen! Aber aus dem wirren Hetzen der Gespenster rang sich eine Aussicht zum Frieden durch: Gutmachen!

Es war schwer, wenn nicht unmöglich! Und der heimliche Fluch würde weiter lasten. Vielleicht, daß ihn der Beifall einer dankbaren Menge – die Leidenschaft eines Einzelnen für Stunden abnahm?

Und wiederum danach? – Was sind Stunden im Vergleich zu Jahren – Jahrzehnten?

In jener Zeit der härtesten Kämpfe klopfte eine blutjunge, blasse Verkäuferin an ihre Tür. Sie hatte Eva von Ostried singen hören und wußte seit diesem Augenblick mit dem feinen Gefühl der Ringenden, daß jene eine Gottbegnadete war. – Fast weinend vor Verlegenheit und Erschrecken über ihre Kühnheit hatte sie ihre Bitte vorgetragen.

„Helfen zum Aufstieg!“ – Retten aus dem Schlamm, der schon ihre Füße netzte.

Eva von Ostried war voller Mitleid gewesen, obwohl sie nicht an die Berufung dieses blassen Kindes zur Kunst glaubte. Warum sollte sie sich aber kein kleines Liedchen von ihr anhören? Summte ihre Köchin nicht auch beständig.

Das kleine Lied aber war zur Offenbarung eines großen Talents geworden! Die schmale Verkäuferin schied mit dem Strahlen eines sie überwältigenden Glücksgefühls. So kam Eva von Ostried zu ihrer ersten allerdings nicht zahlungsfähigen Schülerin, und erlebte, wie diese wuchs und strebte, wie Schlacke um Schlacke abfiel und das Edelmetall alle Tage herrlicher hervorleuchtete. Sie würde es wohl auch noch erleben müssen, wie jene einst von sich reden machen, Bewunderer haben, die Menge hinreißen würde, während sie selbst nichts weiter war als deren Förderin und Schleiferin.

„Der Uebel größtes aber ist die Schuld!“ Davor gab es keine Rettung!

Einzig, wenn sie der Schar ihrer beständig wachsenden Schüler dienend, sich selbst und die zuckenden Wünsche immer aufs neue überwand, fühlte sie Ruhe, die fast dem Frieden gleichkam. Und doch blieb es nur ein Scheinfrieden! An der Empörung ihrer Lehrer, als sie ihnen den Entschluß bekannt gab – an jedem Blicke offenkundiger Huldigung, der ihr gezollt wurde, empfand sie die unerhörte Härte ihres Opfers. Unzählige Mal war eine Umkehr von ihr beschlossen. Und dann mußte der leidenschaftlich gefaßte Vorsatz doch unter dem Vernichtungsfeuer der Gewissensangst verbrennen!

Sie hatte nicht gewagt, jenes Geld aus dem Hause zu geben. Konnte die Bank nicht nach seiner Herkunft forschen und sie entlarven?

Noch bevor die Tubenklänge die andächtige Gemeinde zurückgerufen hatten, begann sich der Zuschauerraum zu füllen. Eva von Ostrieds Blicke wurden plötzlich von etwas Flammenden gefesselt. In dem brandroten Haar einer üppigen Erscheinung glühte ein Halbmond köstlicher Edelsteine auf. Sie empfand den Anblick des auffallenden Schmuckes an dieser Stätte als etwas Ungewöhnliches. Ernst und feierlich, wie zum Tisch des Herrn waren die meisten erschienen. Es reizte sie, nun auch das Gesicht unter dem lohenden Haar zu sehen. Die leuchtend weiße Haut, der stark sinnliche Mund, die unnatürlich schwarzen dichten Brauen kamen ihr bekannt vor.

Das war doch eine im Palasttheater beschäftigte Soubrette, die für kurze Zeit ihre Flurnachbarin gewesen! – Und ihr Begleiter? Denn immer wieder neigte sie sich in eifrigem Tuscheln zu dem schlanken Nachbar hinüber. – Paul Karlsen!

Ein Wort von ihm – nahe an ihrem Ohr geflüstert – ließ sie zusammenfahren. „Dummerchen!“ War das zu der andern gesagt oder belustigte er sich über ihre Zurückweisung, sie als etwas unbeschreiblich Albernes und Törichtes verhöhnend? Dann lachten beide.

Lachten sie etwa gemeinsam über sie? Hatte er ihr von jener Stunde erzählt, die sie neben ihm in seinem Musikzimmer verbrachte oder die Komik jener andern geschildert, die sie zum Hüter seiner ehelichen Treue machen wollte? –

Ihr schossen die Tränen der Empörung in die Augen. Zum ersten Male spürte sie ein starkes Verlangen nach einer Hand, die sie an diesem allen vorüber, in die Stille und Klarheit führen und dort festhalten würde.

– – Karfreitagsehnen! Unbeschreibliches Verlangen nach Glück und Frieden! Heiligste Verzückung! Lossprechung von aller Schuld! Sei heilig!

Der Lichtschein aus der Höhe erfüllte den Gral mit hellstem Erglühen. Die Andacht war vollendet!

Eva von Ostried ahnte nicht, daß sie tränenüberströmt, in zitternder Ergriffenheit fassungslos auf den sich langsam senkenden Vorhang starrte. Sie merkte erst, daß sie gehen müsse, als sich leise eine Hand nach der ihren tastete.

„Kommen Sie, Kind. Sonst sperrt man die heiligen Tore zu.“

„Sie sind’s, Meister?“ Zutraulich schob sie ihren Arm unter den seinen. „Jetzt gehen wir ein wenig an den Hildebrand-Brunnen, ja?“

Er wäre gern dorthin und überall weiter in dem weichen, fließenden Grau dieser Dämmerstunde mit ihr gewandert, aber ein Dritter war plötzlich neben ihnen und ließ sich nicht wegschieben.

„Baron Alvensleben!“ bequemte sich Ralf Kurtzig endlich seinen Namen zu nennen. – Nun waren sie zu Dreien! Es war kein Zauber mehr dabei. Alles sah nüchtern und verwaschen aus, denn der Regen rieselte leise aus der Luft herab. Das gewahrte Eva von Ostried erst jetzt.

„Wir wollen uns möglichst schnell ins Parkhotel begeben,“ schlug der Baron vor, als sei es ganz selbstverständlich, daß sie für den Rest dieses Tages zusammenblieben. „Ihnen ist es doch recht, gnädiges Fräulein? Ich habe einen kleinen Tisch am offenen Fenster bestellt. Die Anlagen des Maximilianplatzes sind in diesem Jahre besonders schön.“

Sie sah bittend zu Ralf Kurtzig hinüber.

„Nicht wahr, ich vertrage nach solcher Musik keine fremden Menschen?“

Baron Alvensleben lachte leise. „Empfinden Sie mich etwa als fremd? Mir sind Sie eine liebe Bekannte – seit vorgestern und gestern her. Ich hörte Sie zweimal. Ihre Schubertlieder am ersten Abend waren eine wundervolle Leistung, hinter welcher die sonst recht saubere Kunstfertigkeit des Violinisten leider abgrundtief versank. Am künstlerisch wertvollsten freilich faßten Sie am zweiten Abend das Lied der Carmen auf, wie Sie ja auch mit dem hinreißenden Glanz und der einzigen Wärme Ihrer Stimme der Bühne und nicht dem Konzertsaal gehören.“

Er tat, als merke er ihr Zusammenzucken nicht. Heimlich aber freute er sich daran und pries die gründliche Kenntnis von der Beeinflussung auf die Künstlerseele.

„Aha, der Köder lockt schon. Alter, guter Kurtzig, wir kennen doch den Rummel,“ dachte er dabei. Er glitt klug und geschickt, als sei dies nichts anderes, als eine bedeutungslos gemeinte Feststellung gewesen, zu ihren Liedern zurück. Sie war ein seltener Vogel. Scheu – trotzig und unsäglich empfindlich. Das fühlte er deutlich. Bestimmt eine, die einen Regisseur zur Verzweiflung bringen konnte, daneben aber auch das liebe Publikum vor Wonne rasen machend.

„Von wem stammte übrigens das kleine Lied, das Sie als Zugabe sangen,“ fragte er weiter. „Die Liederfolge verriet den Komponisten nicht. Die drei Sternchen an Stelle des Namens pflegen sonst zu einem gewissen Mißtrauen zu berechtigen. Diesmal nahm bei aller Schlichtheit die Originalität der führenden Melodie stark gefangen.“

„Den Komponisten vermag ich nicht zu nennen,“ gestand Eva von Ostried, „das kleine Lied hat eine eigene Geschichte.“

„Die Sie am offenen Fenster erzählen werden, ja,“ bat er mit einem knabenhaft fröhlichen Blick.

„So lang, daß sie nicht zuvor beendet sein dürfte, ist sie nicht, Herr Baron. – Ich saß eines Tages in einem Berliner Café und fand auf dem Platze neben mir ein mit Noten bedecktes Blatt, augenscheinlich erst ein Entwurf, denn es war viel ausgestrichen und verbessert. Ich nahm’s mit nach Hause. Und seither singe ich es jedesmal als Zugabe. Die Wirkung, die es zuerst auf mich ausübte, ist die gleiche geblieben.“

Sie waren sehr schnell vorwärts gegangen. Ohne, daß Eva von Ostried früher etwas davon gemerkt, standen sie vor dem Parkhotel. Mit einer abwehrenden Bewegung wandte sie sich zur Umkehr.

„Jetzt wäre es geradezu eine Beleidigung, wollten Sie uns verlassen,“ sagte Alvensleben entrüstet.

„Ich begreife nicht, was Ihnen an meiner Gesellschaft liegen kann, Herr Baron? Mir wäre es jetzt eine Qual in einem besetzten Raume zu sitzen,“ sagte Eva. „Das können Sie sicher am besten begreifen, Herr Baron. Der Regen hat aufgehört. Ich gehe zum Hildebrand-Brunnen. Wenn Sie beide mich dort später noch aufsuchen wollen, sollen Sie mich schon finden. Ein Stündlein bleibe ich bestimmt.“

*

„Warum sind Sie so schweigsam, Kurtzig,“ fragte der Baron, als sie sich endlich unter dem geöffneten Fenster gegenüber saßen. „Sie sehen doch, ich ärgere mich auch nicht, obgleich mir eine ähnliche Abfuhr noch nicht vorgekommen ist. Wer mag wohl der Glückliche sein, der sie irgendwohin an ein Tischlein-deck-dich führen darf?“

„Es fällt ihr nicht ein, sich an den ersten besten zu hängen.“ Ralf Kurtzig erwiderte das in einer ihm sonst fremden Gereiztheit.

„Aber bester Meister, wer traut ihr denn eine Geschmacklosigkeit zu? Sicher ist er ein Auserwählter. Ob Adonis oder Künstler – oder gar beides vereint – das wage ich nicht zu entscheiden. Sie werden ihren Geschmack besser kennen.“

„Ihr Herz hat bestimmt noch nicht gesprochen.“ Das klang nicht mehr so sicher, wie das erste Mal. In der Stimme lag ein gequälter Ton, der den Baron aufhorchen ließ. Er kniff das linke Auge zu und hob spähend das gefüllte Glas empor.

„Wenn Sie das genau wissen – und Sie waren ja stets ein sehr sicherer Beobachter – ja, warum zögern Sie dann noch, alter Freund?“

Ralf Kurtzig fuhr jäh zurück.

„Ich verstehe Sie nicht, Baron. In dieser Sache vertrage ich keinen Scherz.“

„So tief sitzt es schon! Dann beeilen Sie sich gefälligst, ehe Sie zu spät kommen. Eine Stunde Bedenkzeit hat sie Ihnen gegeben und zu einer Verlängerung dürfte sie sich kaum verstehen.“

„Ich verbitte mir alles weitere in dieser Sache.“ Der alternde Meister war so hastig aufgestanden, daß er dabei sein Glas vom Tische stieß.

„Kurtzig, machen Sie keine Geschichten. Sie werden doch wohl von einem guten Freund eine harmlose Neckerei vertragen? Wozu hätte ich meine gesunden Augen? Sie hängt augenscheinlich sehr an Ihnen, kennt Sie durch verschiedene Jahre, lächelt Ihnen zu, strahlt Sie an. Herrgott, was ist denn dabei? Haben wir nicht schon ganz andere Sachen erlebt? Denken Sie an den alten Dresdner Amfortas aus den achtziger Jahren und seine jugendschöne kaum zwanzigjährige Gattin, die Heroine des W.’r Stadttheaters.“

„Ich bin ihr Lehrer, vor dem sie – genau wie meine andern Leute – zittert und bebt.“ Es klang schon milder.

„Wenn Sie das sagen, wird es ja wohl stimmen. Mir scheint, das Zittern und Beben liegt reichlich lange hinter Euch beiden, was?“

„Ich habe Anteil an ihrer Entwicklung – Freude an ihrer Kunst und Schönheit. Es fällt mir nicht ein, das zu bestreiten.“

„Na, sehen Sie wohl.“

„Mehr aber nicht!“

„Wozu das betonen. Lassen Sie. Wenn es uns noch hascht, will die Scham kommen und einen großen Zorn daraus brauen. Dabei, großer Gott! Was hat das Altwerden mit der Abkühlung der Gefühle zu schaffen? Die bleiben nicht nur. Nein, sie werden stärker und klarer, wie alter Wein, der doch auch den begehrtesten Rausch bringt. Danach gibt’s keinen Jammer. Fahren Sie nicht auf. Wer ihn kennt, wirklich kennt, der zieht ihn dem Most und dem feurigsten Heurigen allemal vor. – Und nun die Hand her, alter Sturmgeselle. Dafür darf keine Scham auf Lager sein. Das Einzige, was Sie bewegen kann, wäre ein großer und gerechter Stolz. Ich streite nicht mal ab, daß mir ein Neidgefühl hochsteigen wollte. Sehen Sie, so ehrlich bin ich Ihnen gegenüber. Und nun Schluß damit. Wenn wir mit dem Essen fertig sind, mache ich noch einen Spaziergang an der Isar entlang. Vielleicht allein. Vielleicht auch nicht. Aber auf Ihre Begleitung rechne ich nicht. Sie gehen ja wohl nachher noch ein bißchen an den Hildebrand-Brunnen?“ – – –

Ralf Kurtzig spürte eine wohlige Wärme durch seine Adern glühen. Der Wein war gut. Und schließlich – der Alvensleben ein anständiger Kerl, von dem man sich auch mal eine kleine Entgleisung gefallen lassen konnte.

War’s denn überhaupt eine?

Sie sprachen jetzt eifrig von dem Winterspielplan, den der Baron schon bestimmt hatte. Ralf Kurtzig hörte ihm nur scheinbar aufmerksam zu. Seine Blicke irrten durch das geöffnete Fenster und suchten den Brunnen. Er saß träumerisch da und nahm kaum etwas von den Speisen.

„Dann trinken Sie wenigstens, Kurtzig.“ Und der Baron schänkte ihm fleißig ein. Dabei lag das wissende Lächeln eines, dem die Frauen keinerlei Ueberraschungen mehr bestreiten können, um seinen glattrasierten Mund. Mit dem verwöhnten Auge des Feinschmeckers kostete er die zunehmende Spannung in den geistvollen Zügen des ihm gegenüber Sitzenden behaglich aus. Er hatte doch stets das richtige Gefühl. Schon gestern kam ihm die Gewißheit, daß es nur eines Fünkchens bedürfe, um den Brand dieser späten Leidenschaft zu entzünden. Und dieser Funke war gefallen. Weiterer bedurfte es nach seiner Erfahrung nicht mehr. Ralf Kurtzig fühlte sich heiß, jung und sehnsüchtig. Und daran trug der schwere Oberungar den Löwenanteil.

„Ich denke, wir sind jetzt voll befriedigt,“ sagte er und ließ die Augen schärfer in die Ferne spähen.

Bereitwillig erhob sich der Baron.

„Das ist auch meine Ansicht. Man soll dem kühlen, grauen Tone dieses Abends etwas Rot auflegen. Besorgen wir das also.“

Vor dem Eingang des Hotels trennten sie sich. Ohne zu zaudern setzte Ralf Kurtzig seinen Weg in der Richtung auf den Hildebrand-Brunnen fort. Erst nach einigen Minuten blieb er stehen, riß den Hut herunter und ließ sich die müde, schwere Spätsommerluft um die Stirn gehen.

Was hatte er vor?

Es zuckte in seinen Armen, als wolle er Lasten heben und in die Lüfte emporwerfen. Seine hohe, edel geformte Stirn wurde flammend rot.

Er war ein Narr! Hundertmal war er zu diesem Mädchen gegangen – hatte auch wohl seine Hand gehalten – Rat erteilt – gescholten – und jetzt plötzlich? Der Wein war schuld!

Er hatte es im Untergefühl, daß sie schließlich nur ihn auf der Welt besaß, wenn sie auch noch niemals mit einander darüber gesprochen hatten. Zuerst war es das Verhältnis zwischen Lehrer und Schülerin, später dasjenige eines Vaters zur Tochter, eines Freundes zur Freundin.

Noch einmal, Ralf Kurtzig, du bist ein Narr!

Aber wahr blieb’s trotzdem, daß der sechzigjährige Amfortas mit der Zwanzigjährigen über alle Maßen glücklich geworden war. Noch ein rosenrotes, dufterfülltes Spätglück.

Warum sollte es also ihm unmöglich sein? –

Was denn? Keinen Schritt weiter. Nicht zum Hildebrand-Brunnen. Nicht den Wahnsinn einer Stunde in das Leben einer tragen, deren einziger Freund und Schutz er werden durfte. Sich selbst nicht zum Bettler machen.

Und doch ging er weiter.

Da saß sie. Zusammengekauert. Verträumt. Er sah ihre Hände. Weiß und zart hoben sie sich von den Spitzen ihres Kleides ab. Und jetzt winkten sie ihn heran. Da war er neben ihr und nahm an ihrer Seite Platz.

Ihre Augen leuchteten voller Glanz. Der leichte Schleier war verschwunden. An ihren dichten langen Wimpern hing eine Träne.

„Warum haben Sie geweint,“ fragte er und wußte nicht, daß in seiner Stimme die Leidenschaft zitterte. Sie hörte den Klang und wunderte sich. Er war ihr fremd.

„Ich fühlte mich sehr einsam, aber dann habe ich mich auf Sie freuen müssen,“ sagte sie dankbar.

„Auf mich?“ Wie ein Rausch stieg es von seinem wildpochenden Herzen zum Hirn empor. Der Wein trug die Schuld. Nein, die weiche, graue Luft.

„Auf mich?“ fragte er noch einmal.

Sie nickte ihm zu und legte ihre Hand auf die seine. – Da lag sie. Nicht zu berühren wagte er sie, obgleich alles in ihm danach schrie, sie mit glühenden Küssen zu bedecken.

„Was wäre ich ohne Sie,“ fragte sie leise und weich.

Ist er ein Narr? Starr und steif saß er neben ihr. Ihre Hand war bei einer hastigen Bewegung von der seinen herabgeglitten und hing nun – matt und verlassen – zwischen ihm und ihr.

Der Brunnen plätscherte. Irgendwo durchschnitt das sanfte Dämmergrau ein kleines funkelndes Licht. War das schon das Rot, von dem Alvensleben gesagt hat? Seine Stirn wurde feucht. Mühsam erhob er sich.

„Ich muß fort.“

„Meister, was ist Ihnen? Habe ich Sie verletzt?“ In ihrem Ton lag tiefe Traurigkeit. Da blieb er neben ihr.

Und plötzlich. – Er war nicht länger Herr über sich. Er hatte ihre beiden, weichen, weißen Hände an sich gerissen und an sein Herz gepreßt.

„Hörst du das schlagen? Für dich! – Für dich!“

Sie wurde unruhig, obwohl sie den Wechsel in seinen Stimmungen kannte.

„Was haben Sie, Meister? Sind Sie krank?“

„Was mir ist? Fühlst du das nicht?“

Er hat sie „Du“ genannt. Wie seltsam. Früher hatte sie sich das brennend gewünscht. Heute ängstigte es sie.

„Fühlst du meine Liebe nicht? Ich kann sie nicht länger verbergen. Ein Jahr ist lang. Seitdem weiß ich es schon und habe dagegen gerungen. – Nun geht’s nicht mehr. – Werde mein Weib!“

Sie starrte ihn fassungslos an. War er irre geworden? Er sprach weiter, ohne ihre Antwort abzuwarten.

„Du gehörst mir ja schon längst mit jedem deiner Gedanken. Weißt du das nicht?“ Sie fühlte seinen heißen Atem – das Nähern seiner Lippen und wurde von einer wilden Angst, von einem Entsetzen emporgerissen. – –

„Ich kann nicht! Ich kann nicht!“

Er wollte sie küssen. Wild wehrte sie sich und stieß nach ihm, nach ihrem geliebten, verehrten Meister, dem einzigen Menschen, dem sie voll vertraut hatte. Er fühlte den Stoß und sah das aufsteigende Grauen in ihren Augen – taumelte zurück, sah sie irre an und stammelte etwas.

Was? Sie verstand es nicht. Sie sah nur, daß er von ihr ging.

Nun hatte sie Keinen mehr auf der Welt!