8.

Amtsrat Wullenweber auf Hohenklitzig erwartete Gäste. Sein einziger Bruder, der als Major a. D. in Berlin lebte, sollte, geleitet von dem Sohne, eintreffen.

Dieser Bruder war ein schwererträglicher Egoist geworden, nachdem ihn ein hartes Geschick zweimal grausam strafte. Der erste Schlag raubte dem verschwenderischen und von jeher leichtsinnigen, daneben aber im Dienst tüchtigen und ehrgeizigen Offizier die bis dahin ausgezeichnete Gesundheit. Ein ungeschickter Schütze schoß ihn auf einer Treibjagd so unglücklich an, daß er sich seither nur an zwei Krücken fortbewegen konnte. Der zweite Hieb traf ihn schwer an seiner Ehre und machte ihn zum schroffen Verächter jeglichen Menschenwertes, weil er die helfenden Krücken verzeihender Einsicht nicht zu finden vermochte.

Amtsrat Wullenweber hatte von einem persönlichen Empfange am Bahnhof abgesehen. Er stand auf der Steintreppe vor seinem unscheinbaren Gutshause und spähte nach der Staubwolke aus, die ihm das Nahen des Wagens verraten sollte.

Und nun saßen sie zu Dreien an einem runden Tische und sprachen über völlig gleichgültige Dinge. Das Zimmer blitzte in Frische und Sauberkeit. Auf den kalt- und steifwirkenden Möbeln aus hellster Birke zeigte sich kein Stäubchen. Es fehlte aber dennoch jede Spur einer liebreich schmückenden Frauenhand. Das Mahl war einfach, aber schmackhaft zubereitet, doch schien keiner den rechten Genuß daran zu finden.

Amtsrat Wullenweber, der ein ebenso ausgezeichneter Ackerwirt wie schlechter Diplomat war, setzte das Grübeln über die ungefährlichste der persönlichen Fragen mit stummer Energie fort. Endlich meinte er sie gefunden zu haben und wandte sich an den Neffen, der schlankgewachsen, blond und merkwürdig ernsthaft für seine zweiunddreißig Jahre, zwischen ihnen saß.

„Na, Walter, nächstens mußt du nun auch wohl schon drei Jahre Assessor sein, nicht wahr?“

Doktor jur. Walter Wullenweber besaß die strahlend blauen Augen eines reich Begnadeten, der sich trotz aller Lebenshärten, seine kleine Welt voller innerer Schönheit unversehrt erhalten hat.

„Etwas länger bereits, Onkel,“ erwiderte er und seine Stimme klang weniger klar, wie bisher.

„Nun – und –“

„Immer noch nicht Präsident,“ scherzte er. „Trotzdem fühle ich mich den Umständen nach recht wohl. Die Arbeit befriedigt mich, nachdem ich meinen auch dir ja zur Genüge bekanntgewordenen Jugendwunsch überwand. Ja, ich freue mich sogar darauf, als Richter zu wirken. Am liebsten in einer möglichst kleinen Stadt mit viel ländlicher Umgebung.“

„Dann melde dich hierher an das Amtsgericht Köslin,“ riet der Amtsrat. „Da hast du alles. Alltäglich machst du in Straf-, Zivil- und Grundbuchsachen. Sonntags flitzt du zu mir raus und speist von der Glanzdecke.“

Der Major a. D., der mißmutig und schweigsam zugehört, mischte sich jetzt ins Gespräch.

„Und ich schimmele indessen in unserer hochherrschaftlichen Hofwohnung am grünen Strand der Spree und warte auf irgend einen geduldigen Jemand, der mich die Hühnerstiege herunterschleift, damit ich nicht gänzlich verkomme.“

In dem ernsten Gesicht des jungen Juristen zuckte es unwillig. Aber er blieb ruhig.

„Wenn du dich nicht zum Mitkommen in besagtes Städtchen entschließen könntest, müßten wir uns allerdings zuerst nach einer kräftigen Stütze für dich umsehen,“ sagte er ohne Empfindlichkeit.

„Soll ich jetzt vielleicht auch noch in eines jener mir schon als Fähnrich unausstehlichen Nester unterkriechen?“

„Von einem Zwang kann natürlich keine Rede sein, Vater. Auch ich ließe mich nie mehr zu etwas zwingen.“

Der alte Herr sah scharf zu dem Sohn hin.

„Was soll das heißen, bitte?“

„Daß ich den Weg gehen werde, den ich mir, nach manchem inneren Kampf, ausersehen habe.“

„Darf ich wenigstens erfahren, wohin er dich führen soll.“

„Ganz gewiß. Zur Anstellung als Richter, dem gewöhnlich Gegebenen, wenn man die nötigen juristischen Vorstufen überwunden hat.“

„Mach dich gefälligst nicht lächerlich, Walter! Wenn man in unserer Lage sitzt, kommt es lediglich aufs Geldverdienen an.“

Assessor Wullenweber schüttelte den Kopf.

„Ueber dieselbe Ansicht wäre es – vor ungefähr zwölf Jahren – beinahe zwischen uns zum Bruch gekommen. Damals ließ ich mich von dir zwingen. Mein bescheidenes Muttererbe hätte vielleicht wirklich nicht zu dem als sinnlos von dir bezeichneten von mir ersehnten Lebensberuf ausgereicht und du hattest recht, mir ein persönliches opfern deiner Mittel als ausgeschlossen hinzustellen. Heute jedoch,“ und seine Stimme wurde hell und scharf, „wäre jeder Versuch zu meiner Umstimmung für dich aussichtslos. Oder doch nur von Erfolg, wenn ein sehr trauriger Grund dazu käme.“

Der Major hatte sich zurückgelehnt und spielte an den schwarzen Heften der Bestecks. „Was verstehst du darunter?“ Für eine harmlose Frage war der Ton zu scharf.

„Ehrenschulden, die unbedingt abgetragen werden müssen. Und ich habe keine, Vater.“

Das Mahl war beendet.

„Wir setzen uns noch eine Pfeife lang auf die Veranda,“ schlug der Amtsrat, der seinen heftigen, verbitterten Bruder nicht sogleich am ersten Tage durch eine schroffe Einmischung reizen wollte, vor.

Sie saßen alle Drei auf den sauber gescheuerten Steinfließen und stießen dicke Tabakswolken aus den kurzen Rohren. Zu einer gemütlichen Unterhaltung wollte es auch jetzt nicht kommen. Die Luft schien wie mit Zündstoff angefüllt.

„Sage mal selbst,“ wandte sich der Major plötzlich an seinen Bruder, „hältst du es für möglich, daß einer mit seiner kleinen Pension auskommen kann?“

Der Assessor wechselte die Farbe.

„Was soll das heißen, Vater?“

„Bleib’ ruhig sitzen! Schlimm genug, daß dir das nicht längst allein klar geworden ist.“

„Ich verstehe nicht, worauf du hinaus willst.“

„Scheinst ja merkwürdig schwer von Begriffen in diesem Punkt zu sein. Kurz – ich mag nicht länger rumhocken und entbehren – stillhalten und abstreichen.“

Der Amtsrat sah das bleichgewordene Gesicht seines Neffen und nickte ihm fast väterlich zu, obwohl sie sich bisher merkwürdig fremd gegenüber gestanden hatten. „Nimm’s nicht tragisch, Junge. Wir ändern ihn doch nicht mehr,“ sollte es heißen. Dann zog er die Stirnhaut empor, wodurch er sich schon als Sechsjähriger unter seinen Brüdern eine besondere Achtung verschaffte und kniff ein wenig die Lippen ein, als schlucke er eine bittere Arznei. Aber er wurde damit fertig!

„Du hast’s wirklich verteufelt eng und dunkel in Berlin, Bruder. Davon habe ich mich ja vor ein paar Wochen selbst überzeugen müssen. Aber dein Junge solls und kanns diesmal nicht ändern. Das siehst du bei ruhiger Ueberlegung auch ein. Ich mache dir einen vernünftigen Vorschlag. Packe deinen Kram und zieh’ zu mir. Zwei Stuben kannst du ganz für dich haben und diese Veranda und den ganzen Garten, denn ich sehe auf dem Felde genug Grünes. Jawohl – meinetwegen auch noch das kleine Seezimmer dazu, obgleich ich mich daran gewöhnt habe. Nur den Jungen laß endlich von der Leine!“

„Ich geh’ nicht raus aus Berlin,“ knurrte der Major eigensinnig.

„In deiner Lage ist das ein Wahnsinn, Richard.“

„In meiner jetzigen – vielleicht! Darum soll sie eben auch geändert werden. Walter kann leicht und angenehm das dreifache verdienen, wenn er nur mal ruhig nachdenkt. Wir mieten uns nachher irgend eine kleine Villa. Ich kann mir einen Diener halten. Und das Leben wird wieder einigermaßen anständig.“

„Du hast mir bereits neulich etwas derartiges angedeutet, Vater. Ich faßte es keinen Augenblick als Ernst auf.“

„Darum habe ich mir die Wiederholung bis heute aufgespart. Onkel soll zuhören. Nicht wahr, Wilhelm,“ wandte er sich an den Amtsrat, „ein guter Rechenmeister warst du immer.“

„Ich rechnete aber für mich und mit mir als Verdiener, mein Lieber.“

„Soll das ein versteckter Vorwurf sein?“

„Deute es dir, wie du willst! Daß Walter nicht Musik studieren durfte, darin mischte ich mich nicht ein. Das verstehe ich schließlich nicht. Wie er sich damals als grüner Bengel damit abgefunden hat, das gefiel mir, wenn schon er sich auffallend ablehnend zu mir benommen hat. Darum nehme ich heute und später seine Partei.“

„Ihr tut gerade, als wollte ich ihn zu etwas Unerhörtem verleiten und ich will ihn doch lediglich in eine gute, ja famose Lage bringen.“

„Ueber dies Kunststück würde ich gern näheres erfahren,“ lachte der Amtsrat gemütlich.

„Er soll als Teilhaber bei einem äußerst geschätzten, erstklassigen Anwalt eintreten. Der Mann hat ohne Vermögen angefangen und eine aus sieben Köpfen bestehende Familie durchgebracht. Neben der seinen, erhält er noch die Familien seiner beiden ältesten verwitweten Töchter. Das Geschäft muß also einträglich sein. Als anfänglichen Monatsgehalt ist er willens, einem tüchtigen Assessor, der dauernd eintritt, vorläufig neunhundert Mark zu gewähren. Nachher soll es steigen oder gar zur Hälfte gehen, denn er hat einen Knax weggekriegt und kanns allein nicht mehr schaffen. Später besteht natürlich die sichere Aussicht zur gänzlichen Uebernahme seiner juristischen Praxis. Ich habe die Empfindung, daß dieser Zeitpunkt nahe ist. Der Mann macht’s wohl kaum noch sehr lange.“

Walter Wullenweber war anfangs mit einem ungläubigen Lächeln der Schilderung seines Vaters gefolgt. Jetzt begann er damit zu rechnen, daß tatsächlich etwas Wahres daran sein mußte.

„Woher weißt du das alles,“ fragte er sachlich und noch vollkommen beherrscht.

„Gott – ich habe mal was bei dem Mann zu tun gehabt. Wir sind ins Gespräch gekommen. Er hat mich sogar mal in deiner Abwesenheit freundschaftlichst besucht. Verzeih’ nur gütigst, wenn ich mich ein paar Straßen weiter ohne deine gnädige Mithilfe oder Erlaubnis davonmache.“

Walter Wullenweber kannte seinen Vater genau. Darum wußte er auch jetzt, daß der nicht etwa unter seiner Bevormundung litt, sondern, daß sein Gewissen in irgend einer Beziehung nicht das reinste war. Diese bestimmte Annahme schärfte ihm in plötzlich erwachsender Angst den Blick.

Zeigte der Sechzigjährige nicht die deutlichen Spuren einer nervösen Unsicherheit wie nach jeder begangenen Torheit? Und war sein ohnehin sprunghaft wechselndes Benehmen in letzter Zeit nicht noch unbeständiger geworden? Jetzt mußte sich Wullenweber mit aller Kraft zur Bewahrung seiner Ruhe zwingen.

„Konnte ich dir nicht ebenso gut raten und helfen, wie es der Justizrat Weißgerber imstande war, Vater? Du siehst, so ganz blind und taub bin ich doch nicht neben dir dahingegangen. Ich sah Euch vor einiger Zeit aus einem Weinlokal herauskommen. Das nahm mich bei dem Vielbeschäftigten eigentlich Wunder – ich wollte dich auch fragen – vergaß es aber nachher über etwas wichtigerem. Nicht wahr, bei ihm gedachtest du mich auch unterzubringen? Aber, lassen wir das jetzt. Etwas anderes erscheint mir wichtiger. Wozu brauchtest du einen fremden Juristen? Wozu trugst du das Geld aus dem Hause?“

Der schwache Versuch, die Angelegenheit ins Scherzhafte zu ziehen, mißlang.

„So weit bin ich noch nicht heruntergekommen, mein Sohn, um mir dauernd und in jeder Kleinigkeit von dir Vorschriften machen zu lassen. Noch bestimme ich. Und wenn einer von uns beiden zu gehorchen hat, bist du es. Das merke dir.“ Der Amtsrat versuchte zu beschwichtigen.

„Kinder, nur keinen Streit!“

„Verzeih, Onkel, daß dies gleich die erste Stunde ausfüllen muß. Du hast ja aber selbst gehört, daß sich Vater die Auseinandersetzung ausdrücklich für diesen Tag aufgespart hat.“

„Zänkereien vertrage ich nicht,“ begehrte der Major auf. „Meine Ruhe wollte ich endlich mal haben, frei sein. Du sollst nicht wieder aus einer Lappalie ein Erdbeben machen, Walter.“

Ein langer strenger Blick streifte ihn.

„Du weißt, daß ich schon übermorgen abreisen muß, Vater. Dann ist also dein Wunsch erfüllt. Ich möchte aber nicht mit dieser seltsamen Unruhe an die Arbeit zurück. Wir wollen uns aussprechen. Ich erkläre dir nochmals, daß alles, was du über mich bestimmen solltest oder bereits, ohne mein Wissen, bestimmt hast, hinfällig ist. Niemals werde ich nur um des Geldes willen einen Weg, den mir mein Innerstes vorzeichnet, aufgeben.“

„Ich hätte wissen müssen, daß du keiner Kindesliebe fähig bist.“

„Sprich nicht weiter, Vater. Denke rückwärts.“

„Habe ich nicht nötig! Was ich getan habe, auch das, woran du jetzt vielleicht auch noch rühren möchtest, ich täte es gleich wieder.“

„Richard,“ mahnte der Amtsrat still. „Laß die Schatten ruhen.“

„Ihr meint wohl, ich fürchte mich vor ihnen? Weit gefehlt, was sich an meinem eigenen Stamm nicht biegen lassen will, muß weggebrochen werden.“

„Versündige dich nicht, Bruder.“

„Sprecht doch endlich ihren Namen aus. Macht mir Vorwürfe. Schiebt mir alle Schuld in die Schuhe. Ich kann’s ertragen. Ich werde Euch Rede und Antwort stehen.“

Er war der Ueberzeugung, daß seine Stimme im Zorn gellte, und sie war doch nur ein zitterndes, angstvolles Flüstern. Der Schatten, dem er anscheinend mutig begegnete, mußte ihn atemlos gehetzt haben. Das Gespräch verstummte. Der Atem des alten Offiziers bekam keine Kraft mehr. Sein Gesicht erschien in der ungewissen Beleuchtung des schwefelgelben Abendsrots grau und verfallen. Ein junges, leidenschaftliches Geschöpf, dem die Mutter zu früh sterben mußte, saß plötzlich auf dem vierten Stuhl. Und doch lag in Wahrheit nichts als der unruhige Schein wilden Weinlaubs darauf. Die einzige Tochter des Majors und Walters Schwester!

Der Amtsrat wischte sich über die Augen. Seitdem das mit ihr geschehen war, hatte der Bruder sein Haus gemieden. Erst jetzt war er, ohne besondere Einladung, wieder gekommen.

„Die Reise hat mich etwas angestrengt,“ sagte der Major plötzlich. „Ich will schlafen gehen.“ – –

Eine Weile verharrte der Amtsrat noch in nachdenklichem Schweigen. Dann tippte er dem Neffen auf die Schulter.

„Du mußt mir alles von damals erzählen, Walter. Aus den Briefen, die mir der Vater geschrieben hat, bin ich nicht klug geworden. Hast du irgend etwas über sie erfahren können?“

„Nein, Onkel. Es ist alles vergeblich geblieben. – Du weißt, Vater war stets ein leidenschaftlicher Schachspieler. Auch unser Leben hat er berechnen wollen, weil es für sein eigenes nicht mehr anging. Mancher Zug mag richtig gewesen sein! Nur der Grundgedanke blieb falsch. Nach ihm waren wir, seine beiden Kinder, willenlose Figuren. Dir ist die Lieselotte auch lieb gewesen. Ihre Tollheiten erfrischten, ihr Liebreiz entzückte jeden. Der Vater war sehr stolz auf sie, solange sie sich ihm bedingungslos fügte. Sie hatten stets miteinander Geheimnisse vor mir. Ich durfte ihr daher meine brüderliche Liebe nicht so voll zeigen, wie ich sie empfand. Mußte streng mit ihr sein, denn ich wollte doch nicht, daß sie verloren gehen sollte. – Sie fügte sich dem Vater also willig, bis die Liebe über sie kam. Den Anfang habe ich mit erlebt. Er sang auf der Abendgesellschaft einer reichen Frau, die sich einbildete, seine Stimme entdeckt zu haben. – In Berlin selbst lebte er nicht dauernd, und das machte mich ruhig. Er nannte sich Schauspieler und zog überall umher, wo man ihn bezahlte. Einen ersten Brief fing ich ab – las ihn und nahm sie mir vor. Sie versprach, ihn zu vergessen. Das Versprechen hat sie aber nicht gehalten. Die kleine Lieselotte war mit einem Schlage Komödiantin geworden.“

„Und hat Euer Vater nichts davon gemerkt.“

„Du weißt, er besitzt die Fähigkeit, Unbequemes solange zu übersehen, wie es nur irgend angeht. Eines Tages hatte er aber seinen größten Schachzug fertig überlegt. – Ein Millionär hatte die Lieselotte auf einem Winterball kennen gelernt und begehrte sie. Die Anbetung des älteren reichen Mannes hat ihr bis zu einem gewissen Grade sogar Spaß gemacht. Als sie merkte, daß er ernste Absichten hatte, wurde sie zuerst ängstlich, dann scheu, und schließlich energisch. Sie wollte ihn nicht. – Es war aber bereits alles zwischen dem Vater und jenem abgehandelt. Er hatte ihm auch eine Menge Schulden bezahlt, von denen wir Kinder nichts wußten. Es war also seiner Ansicht nach eine Unmöglichkeit, die Sache rückgängig zu machen. – Lieselotte hat nicht an den Ernst seiner Drohung, daß sie sich diesmal unweigerlich fügen müsse, geglaubt. So hinreißend lieblich sie war, ebenso unbändig, leidenschaftlich und lebenshungrig ist sie gewesen. Von dieser Seite kennst du sie nicht. Hier war sie lediglich das spielerische Kind. Allmählich wuchs sich ihr Durst nach Freiheit zu einer fast krankhaften Gier heraus. Vielleicht hätte sie doch schließlich eingewilligt, wäre der andere, an dessen ehrliche Absichten ich niemals glaubte – nicht immer wieder dazwischen getreten. – Ein Lump, Onkel, in der Maske eines bildhübschen Schlingels. – Sie blieb taub und blind. Ich habe in jenen Zeiten täglich versucht, auf sie einzuwirken, schließlich in jener Nacht nach den letzten, wilden Auseinandersetzungen mit dem Vater, auch fest geglaubt, daß sie zur Einsicht gekommen wäre. – Nach ein paar Monaten, hoffte ich, würde sich der Grimm des Vaters und ihre eigene blinde Leidenschaft verebbt haben. Ich hatte mich gründlich verrechnet. Am nächsten Morgen war sie verschwunden. – Du kannst überzeugt sein, Onkel, das Menschenmögliche, um ihren Aufenthalt herauszubringen, habe ich versucht.“

„Und der Millionär, Walter?“

„Hat umgehend seine Forderungen eingeklagt.“

„Pfui Teufel.“

„Ich glaube, als ordentlicher Geschäftsmann mußte er das tun.“

„Wie habt Ihr’s möglich machen können, Junge?“

„Es ging schon!“

„Viel Vertrauen hast du nicht zu mir gezeigt.“

„Doch, Onkel! Ich wußte zum Beispiel ganz genau, daß du helfen würdest, wenn ich dich darum gebeten hätte.“

„Ich versichere dir, daß mir niemals eine Bitte oder Anfrage von Euch zugegangen ist.“

„Das weiß ich! Weil ich unbedingtes Vertrauen in deine Bereitschaft setzte, durfte der Brief des Vaters, der deine Hilfe forderte, nicht abgehen.“

„Das verstehe ich nicht, Junge.“

„Du hättest dein Geld niemals von ihm zurückerhalten und wenn er es dir hundertmal zugesichert hätte.“

„Darum also hast du es nicht erlaubt? Ich habe dich bisher nicht richtig gekannt.“

„Das hat mir oft genug leid getan, Onkel. Sehr gern hätte ich vieles mit dir besprochen, was ich nun allein mit mir ausfechten mußte. Wie sollte ich es aber ändern? Ehe ich nicht die alte Rechnung des Vaters beglichen hatte, mochte ich das nicht anstreben!“

„Das wäre dir wirklich gelungen?“

„Ja, seit einem Monat bin ich diese Last los.“

„Aus eigener Kraft?“

„Ich glaube, ein glattes Bejahen gäbe ein falsches Bild. Mein Studium wurde billiger, als ich es mir ausgerechnet hatte. Ein paar tausend Mark erübrigten sich davon. Und der Rest? Weißt du, es mag einer so viel auf Berlin schelten, wie er Lust hat. Ein Gutes bringt es zweifellos. Erwerbsmöglichkeiten, an welche man selbst in einer größeren Mittelstadt gar nicht denken würde. Einige, die ich benützte, mögen nicht gerade standesgemäß gewesen sein. Daß sie durchaus anständig waren, bedarf nicht der Zusicherung. In der Hauptsache verdiente ich durch Repetitorien. Mir saß alles noch frisch im Gedächtnis. Da habe ich ein halbes Dutzend Referendare zum Examen eingepaukt. Sie schafften es und das brachte mir weitere. So ist eigentlich nicht mal ein Wunder dabei gewesen.“

„Und du meinst, daß dein Vater jetzt endlich gelernt hat, mit dem Seinen auszukommen?“

„Bisher habe ich den Gedanken an neue Schulden nicht haben können. Er hat ja doch gesehen, wie ich schuften mußte. Vorhin wurde ich allerdings stutzig. Hattest du nicht auch das Gefühl, als schleppe er an einer Last, die er überängstlich zu verbergen versucht?“

„Ich schob das auf die Erinnerung an Lieselotte.“

„Die wirkt ganz anders! Danach kommen Stunden, in denen er sich einschließt und nachher trinkt.“

„Und das ist nun deine Jugend!“

„Meine eigentliche Jugend ist der unerschütterliche Glaube an eine gute Zukunft.“

„Du hast eine von Herzen lieb, nicht wahr, mein Junge?“

„Nein, Onkel, noch nicht! Mir blieb zu wenig Zeit dazu, glaube ich.

Aber ich fühle, daß es eines Tages kommen wird. Und darum lebe ich trotz allem auch gern. Ein Ziel ist da und ein fester Wille zur Erfüllung aller Pflichten.“

„Sonderbarer Heiliger.“

„Bis heute habe ich zu keinem davon gesprochen, Onkel.“

„Das glaube ich dir aufs Wort! Siehst du, da haben wir uns nun jahrzehntelang gekannt und ich habe doch nichts weiter von dir gewußt, als daß du einen Jugendwunsch, von dessen Ernsthaftigkeit ich mich allerdings überzeugt hatte, überwunden hast. Ich fand das riesig vernünftig und die Art, in der du es tatest, hat mir gefallen, wie ich ja schon erwähnte. – Diese eine Stunde hat gründlichere Arbeit als die ganzen Jahre getan. Nun kenne ich dich wirklich. Weiß Gott, viel Freude ist nie in meinem Leben gewesen. Nicht mal das Ziel, das du dir gesetzt hast, war darin vorgesehen. Nur immer der graue Alltag. Ich habe viel Staub schlucken müssen, denn zu den Sonn- und Feiertagen ließ ich mir nie recht Zeit. Jetzt freue ich mich und bitte meinem Leben manches ab. Sieh hinaus. Der Mond scheint gerade hell. Die Felder mit Stoppeln haben ihre Ernte hinter sich. Das Brachland muß ausruhen, damit es im nächsten Jahre wieder seine Schuldigkeit tut. Sogar die Fichtenkusseln wachsen langsam aber sicher ins Geld. – Ich hab’ bloß immer in meinem Dasein säend geschuftet. Ohne Sinn und Verstand. Denn für wen? Ein ekliges Geschäft, wenn man darauf keine Antwort weiß. Jetzt wird’s anders werden. Du mußt öfter zu mir kommen, Junge!“

Einen Augenblick ruhten ihre Hände fest in einander! Das war wie ein Schwur, obgleich kein Wort dabei gesprochen wurde.

„Und jetzt wollen wir in die Klappe gehen,“ sagte der Amtsrat wieder in seinem alten, fast befehlshaberischen Tone, den sich ein Herr leicht angewöhnt, der auf seinem Stück Eigenland streng nach Ordnung sieht. – –

Walter Wullenweber konnte nicht schlafen. Hinter der weißgetünchten Wand ruhte sein Vater und war ihm, nur durch eine dünne Verschalung getrennt, so nahe, daß er das unruhige Umherwerfen des schwerfälligen Körpers vernehmen mußte. Im Karpfenteich und in den sich daranschließenden Sumpfgräben quakten die Frösche. Aus den Viehställen sang zuweilen eine klirrende Kette.

Hinter der weißen Wand ward ein Stöhnen hörbar. Er erhärtete sich dagegen. Mußte er nicht auch, schweigsam, oft genug leiden? Tief wühlte sich sein Kopf in den verschwenderischen Reichtum der weichen Federkissen ein. Und doch lauschten die Sinne – wider Willen – und erlauschten, daß sich der Mann, der um keinen Preis alt und schwach sein wollte, in Schmerzen wand. Da sprang er auf und ging zu ihm.

„Was hast du, Vater? Soll ich dir von deinen Tropfen geben?“

Der Major winkte ab. „Laß nur. Dagegen helfen sie doch nicht! Ich halte das nicht länger aus.“

„Luft und Stille hier werden dir gut tun. Nur Geduld.“

„Dazu habe ich keine Zeit mehr.“

„Was hast du, Vater?“

„Du mußt mir helfen, Walter!“

„Sobald es Tag geworden, wollen wir nach einem Arzt senden,“ sagte Walter Wullenweber und glaubte doch nicht, daß der hiergegen etwas vermöge.

„Was soll mir der? Ich brauche nur dich!“

„Ich bin ja bei dir!“

„Du willst mich nicht verstehen. Da in der Tasche steckt der Wisch.“

Und Walter Wullenweber las:

„Wenn Sie innerhalb von zwei Wochen nicht Ihr mir gegebenes Ehrenwort einlösen und das Geliehene zurückzahlen mit 7 Prozent Zinsen, mache ich die Sache anhängig. Halten Sie mich nicht für ganz dumm. Ich kenne Mittel und Wege, die Sie klein bekommen. Erst im vergangenen Jahre ist einem alten Offizier ein gebührender Denkzettel vom Ehrenrat aus ähnlichem Anlaß erteilt. Denn wenn einer sein Ehrenwort bricht, so ist er nichts weiter als ein Schuft. – – –“

„Ist das wahr, was hier steht?“

Hart und fast mitleidslos klang die Frage.

„Ja, es ist wahr! Aber –“

Walter Wullenweber ließ sich schwer auf den Schemel sinken, der irgendwo stand. Er empfand in diesem Augenblick nichts als Verachtung für den Mann, der ihm alles zerschlug, was er sich mühsam errang.

„Es geht mich nichts an,“ sagte er sehr langsam.

„Du willst mich nicht – retten?“

„Nein.“

„Ich soll also –?“

„Ganz recht; du sollst endlich einmal selbst tragen, was du verschuldet hast. Ich bin nicht länger willig, mich zu opfern!“

„Es ist auch dein Name.“

„Leider! Ich werde meiner vorgesetzten Behörde unverzüglich von dem Beschluß der deinen, sowie ich davon Kenntnis erhalte, Bericht erstatten und tragen, was daraus für mich kommt!“

„Und wenn ich dir schwöre, daß dies das letzte Mal sein soll.“

„Ich würde keinen Glauben mehr an dich aufbringen können. Damals, ja, da bildete ich mir ein, daß ein Mensch so etwas nicht zum andern Mal fertig brächte. Kein Fremder einem Fremden gegenüber. Und dich betrachtete ich damals noch als meinen Vater.“

„Soll das heißen, daß du heute – nicht mehr?“

„Ja! Das wollte ich damit sagen!“

„Walter sei barmherzig.“

„Bist du es jemals gewesen? Hast du uns nicht alles zerschlagen, Wunsch, Jugend, Zukunft?“

„Aber die Ehre, die habe ich doch hochgehalten!“

„Das bildest du dir nur ein.“

„Du bist nicht Offizier!“

„Auf meine Auffassung kommt es aber zur Zeit mehr an.“

„Wenn ich dir mein Ehrenwort verpfände, daß ich nie wieder.“

„Spare es dir! Ich lege keinen Wert darauf!“

Ein Schrei gurgelte aus dem weitgeöffneten Munde. Das Gesicht nahm eine bläuliche Färbung an. Die Züge spannten sich. Das Kinn schob sich weit vor. Und dann kam jäh ein sichtbarer Verfall.

„Ob das der Tod ist,“ fragte sich Walter Wullenweber und zog, wie bei dem juristischen Aufbau eines wohlgelungenen Gutachtens die einzig mögliche Folge aus der Bejahung: „Dann trage ich die Schuld!“

Es war aber nur ein leichter Schlaganfall, wie der aus der nächsten Stadt zugezogene Arzt am Spätvormittag des neuen Tages feststellte. Lebensgefahr lag nicht vor. Alle merklichen Folgen würden sich voraussichtlich nach einiger Zeit verlieren.

Walter Wullenweber wich dem fragenden Blicke seines Onkel aus. Am nächsten Tage rüstete er sich zur Abreise, ohne Nachurlaub erbeten zu haben. Er fühlte, daß seine Anwesenheit den Kranken nicht förderte.

„Du machst dem Futternapf meiner alten Klidderten wenig Ehre,“ sagte der Amtsrat in der letzten Stunde zu dem Neffen. „Was ist’s denn? Hast du mir nichts zu sagen, Junge?“

„Herzlichst zu danken. Sonst wüßte ich nichts.“

„So, ich dachte! Na schön. Warst du schon bei deinem Vater?“

„Ich stehe eben im Begriff.“

„Warte einen Augenblick. Ich begleite dich.“

Walter Wullenweber wollte eigentlich die paar letzten Minuten mit dem Kranken allein sein. Er schwieg aber. „Vielleicht ist es besser so,“ dachte er stumpf und trat scheinbar ruhig an das Bett des Majors.

„Ich muß nun fort.“ Der Kranke wollte sich auf die Ellbogen stützen, um sich ein wenig emporzuringen. Es gelang aber nicht.

„Ich gebe dir mein Wort, daß alles anders werden soll. Willst du mir nicht die Hand reichen, Walter.“

Ein kurzes Zaudern. Dann reichte sie ihm der Assessor hin. „Werde gesund, Vater!“

Da weinte Major a. D. von Wullenweber die ersten Tränen, seitdem ihm das von dem ungeschickten Schützen geschehen war.

Eine Woche später erhielt er Nachricht von seinem Sohne.

Lieber Vater! Heute nur kurz die Mitteilung, daß ich von meiner Behörde den Abschied aus dem Staatsdienst erbeten habe, um, sobald er mir erteilt sein wird, bei Justizrat Weißgerber, mit dem ich bereits einig bin, einzutreten.

Teile es auch Onkel mit. In Eile

Dein Walter.

Als auch der Amtsrat den Inhalt kannte, schlug er mit der Faust auf den Tisch.

„Und das erfahre ich erst heute? Was hast du denn wieder angestellt? Konntest du wenigstens deinen Mund nicht rechtzeitig aufmachen, damit dies verhindert wurde?“

Da erzählte der Major das Hauptsächlichste. Das Fehlende dachte sich der andere schon hinzu.

„Wieviel wars denn zum Kuckuck?“

„Viertausend Mark!“ gestand der Major zerknirscht.

„Und wofür? Für Lumpereien natürlich!“