7.
Kaum tausend Schritt von Karlsens Villa entfernt stand abseits von der Verkehrsstraße eine Bank. Auf diese strebte Eva von Ostried zu. Im Augenblicke war es ihr unmöglich, ihren Weg fortzusetzen. Alles Denken, bis zur äußersten Grenze erschöpft, setzte aus und sie gab sich willig dieser Müdigkeit hin.
Sie fühlte, daß sie sich dem Manne, der ihr seine Liebe geboten, anverlobt habe. Daß sie überhaupt nach seinem Kuß zu ihm ging, ließ nur diese Deutung zu. Er mußte annehmen, daß sie sein Gefühl erwiderte!
Und es war doch eine Lüge! Sie fühlte nichts für ihn.
Die Blicke, die er auf ihr hatte ruhen lassen, peinigten sie noch nachträglich! Das Erinnern an seine heißen, zuckenden Hände, die sie umklammert hatten, als er vor ihr kniete, brachte ihr erneut die starke Empfindung des Widerwillens gegen seine Zärtlichkeiten.
Das Verhältnis zwischen ihren Eltern fiel ihr ein. Der Vater hatte zuweilen, nach einer besonders guten Flasche Wein von der hingebenden Zärtlichkeit ihrer Mutter in der Verlobungszeit gesprochen. Und doch war später aus der Ehe das geworden, was Evas erste Jugend unaussprechlich ängstigte und sie noch jetzt mit Grauen erfüllte! An dem unverbesserlichen Leichtsinn des schönen Ostried zerbrach die Kraft und das Leben ihrer Mutter, nachdem wohl schon längst ihre Liebe dem starren Pflichtbewußtsein weichen mußte.
Und sie selbst wollte sich jetzt ohne einen Funken schlummernder Zärtlichkeit binden?
Um den roten Mund grub sich eine Falte, die ihr Gesicht hart machte. Der Preis, den sie sich dadurch erringen würde, war hoch genug, um einem törichten, streng verschwiegenen Mädchentraume dies Opfer zu bringen.
Sie war bereit! Aber nicht mehr völlig bedingungslos. Das Gesuch der Frau Eßling wegen der Gesellschafterin für die Tochter fiel ihr ein. Sie wollte versuchen, dort ein paar Wochen unterzuschlüpfen, um sich eine Bedenkzeit zu sichern.
Frau Kommerzienrat Eßling befand sich in einer selten weichen Stimmung, als ihr gemeldet wurde, daß eine Bewerberin draußen warte. Der Sieg über den Willen des Schwiegersohns hatte sie vorübergehend versöhnlicher gestimmt. Ihr Gerechtigkeitsgefühl konnte sich zudem gegen die Wahrheit seiner Bitterkeiten nicht verschließen. In der Hauptsache füllte sie die Freude, die Tochter wieder – wenn auch nur für kurze Zeit – bei sich zu haben, gänzlich aus. Daneben verschwand jede Trauer und Auflehnung.
Elfriede Karlsen lag, wie einst während langer Jahre, auf dem Ruhebette und ließ sich mit dem Lächeln eines dankbaren Kindes von ihrer Mutter verwöhnen. Noch ahnte sie die neueste Fürsorge der Kommerzienrätin nicht. Mit wenigen hastigen Worten wurde sie ihr jetzt als eine Notwendigkeit hingestellt.
„Aber, Mama,“ sagte sie flehend, „das ist grausam von dir –“
„Du solltest froh sein, daß ich auf diesen erlösenden Gedanken gekommen bin, Elfriedchen. Die vielen einsamen Stunden taugen nicht für dich. Du grübelst zu viel.“
„Ich warte auf meinen Mann und das ist wunderschön,“ sagte sie. Es lag alle Treue und Zärtlichkeit darin.
„Diese Stunde ist nicht geeignet, um darüber zu streiten, Kind. Schnell nur eins: Ihr betont beide bei jeder Gelegenheit, daß ein Künstler frei sein muß und du willst ihn doch nicht von der Kette lassen?“
Das blasse Gesicht rötete sich trotz der weißen Puderschicht, die Frau Eßling ihrer Tochter niemals zugetraut.
„Soll das heißen, daß ich ihn ungebührlich in Anspruch nehme, ihn in seiner Entwicklung hemme? – Das aber kann unmöglich deine wahre Ansicht sein, Mama. Noch vor wenigen Tagen hast du mir den ernsthaften Vorwurf einer viel zu großen Anspruchslosigkeit gegen Paul gemacht!“
„Darin liegt kein Widerspruch, mein Kind! Natürlich und verständlich, wenn eine junge, verliebte Frau die Minuten zählt, bis ihr der Gatte endlich wiedergeschenkt ist. Aber auch ebenso begreiflich, wenn bei einer Veranlagung wie dein Mann sie nun doch einmal hat, ihn jeder leiseste Zwang behindert und vielleicht sogar verstimmt und hemmt.“
„Hat er sich etwa dir gegenüber beklagt, Mama?“
Die Kommerzienrätin lachte bitter auf.
„Wo denkst du hin, Elfriedchen. Ein so großer Künstler nimmt sich nicht die Mühe, eine gewöhnliche Sterbliche, wie mich, in seine Empfindungen einzuweihen. Aber erinnere dich nur. Ist er nicht häufig genug ungehalten gewesen, wenn du etwa eine Stunde oder noch länger wie ein geduldiges Lämmchen mit dem Essen auf ihn gewartet hast?“
„Mama, nimm den alten Franz wieder zu dir,“ bat die junge Frau gequält. Sie wußte sofort, aus welcher Quelle ihre Mutter die Kenntnis jedes auch des kleinsten und unwichtigsten Geschehnisses aus ihrem Leben schöpfte.
„Du hast mich schon mehrmals darum gebeten, Elfriede. Und heute, wie früher sage ich dir, daß er bleiben wird und muß.“
Elfriede Karlsen seufzte tief auf.
„Was also soll diese Gesellschafterin mir helfen?“
Frau Eßling fühlte, daß der anfängliche Widerstand zu wanken begann. Etwas wie Neugier klang aus der Frage.
„Unendlich viel, Elfchen! Natürlich muß sie klug und gebildet, frisch und einwandfrei sein. Ihr werdet Euch schnell anfreunden. Du hast niemals eine Freundin besessen. Dann sind die Stunden des Wartens plötzlich ausgefüllt. Vielleicht erscheinen sie dir im Laufe der Zeit sogar, wenn Ihr zusammen ein nettes Buch lest – Spaziergänge macht, Einkäufe erledigt und Bilder anseht, zu kurz. Jedenfalls, ein vorwurfsvolles Gesicht oder gar, was mir bei weitem gefährlicher erscheint, ein abgespanntes, enttäuschtes und nicht gerade glänzend aussehendes Frauchen wird Karlsen nicht vorfinden, auch wenn er sich selbst erheblich verspäten sollte. Was meinst du, muß die Folge hiervon sein? So viel habe ich gelernt, um zu wissen, daß Karlsen launenhaft ist. Das Geringste kann ihn verstimmen; eine Kleinigkeit kann ihn aber zu einem hinreißenden Gesellschafter machen.“
„Ich habe keine Ahnung gehabt, daß du ihn so genau kennst,“ sagte Elfriede.
„Höre nur weiter, Friedchen! – Indem du nicht länger mit dieser deutlich zur Schau getragenen Sehnsucht nach ihm schmachtest – nicht mehr die Hände ringst, wenn eine seiner Leibspeisen ungenießbar geworden ist, dir die Augen auch nicht mehr rot und trübe weinst, wirst du dir deinen Mann zu einer Dankbarkeit verpflichten, die dich ihm wichtiger und damit unentbehrlicher machen muß, als dies leider bisher der Fall gewesen ist.“
Die junge Frau hatte sich aufgerichtet und sah unsicher zu ihrer Mutter hinüber.
„Wenn du wirklich Recht hättest, Mama! Aber ich kann nicht daran glauben. Beständig eine Dritte am Tische zu haben denke ich mir qualvoll. Vergißt du, daß sie mir von der kurzen Zeit des Beisammenseins das Beste wegnimmt?“
„Kind, du bist die Frau eines Künstlers. Du mußt sorgen, daß du sie auch bleibst!“
Elfriede Karlsen war sehr bleich geworden.
„Du glaubst doch nicht, daß mich Paul nicht mehr liebt?“
„Wenn ich das auch nur fürchtete, würde ich anders mit meinem Herrn Schwiegersohne umspringen. Nein, davon ist bis jetzt keine Rede. Aber ich will verhüten, daß es jemals zu einer merklichen Abkühlung käme. Glaube mir, Friedchen, mein Rat ist klug und wohlerwogen. Dies Mittel, das ich ihm ebenso wie dir verordne, wird dich voll glücklich machen. Nicht wahr, das wäre doch schön, mein Kind? Jetzt geh einen Augenblick ins Nebenzimmer. Zuerst will ich alles Unwesentliche mit der Bewerberin besprechen. Scheint sie mir die Rechte für dich zu sein, so rufe ich dich.“
Eva von Ostried ließ die prüfenden Blicke und die gründlichen Fragen der Kommerzienrätin in vollendet guter Haltung über sich ergehen. Sie zeigte keine Empfindlichkeit, weil sie draußen ungewöhnlich lange zu warten gehabt hatte. Mit ruhiger Selbstverständlichkeit nahm sie in einem ihr von Frau Eßling gebotenen Sessel Platz und beantwortete kurz und klar deren Fragen.
„Die Zeugnisse, die Sie vorweisen können, sind nicht eben glänzend, Fräulein von Ostried.“
„Eher das Gegenteil, gnädige Frau! Kaum siebzehnjährig nahm ich die erste Stelle an und besaß doch keinerlei Vorkenntnisse, nur den guten Willen, meine Pflicht zu erfüllen.“
„Wollen Sie mir nun etwas über Ihre Jugend – die Jahre vorher, meine ich und vor allem von der Notwendigkeit, die Sie auf den Erwerbsweg zwang, erzählen?“ fragte die Kommerzienrätin.
„Gern! – Mein Vater war Besitzer des Majorats Waldesruh im Kreise Köslin, Provinz Hinterpommern. Meine Mutter, eine geborene Baroneß Strachwitz, starb, als ich vierzehn Jahre zählte. Unsere Verhältnisse waren stets die denkbar schlechtesten. Waldesruh war bereits unter meinem Großvater arg heruntergewirtschaftet. Bei dem Tode meines Vaters blieb mir nichts Nennenswertes. Mein Vormund, Amtsrat Wullenweber, wünschte zudem, daß ich mir sogleich einen Erwerb schaffe. Besondere Sachen hatte ich nicht erlernt. So stand mir lediglich der Weg des Kinderfräuleins oder der Hausstütze offen.“
„In der zweiten Stelle, in der Sie kaum vier Monate weilten, müssen doch ganz besonders wichtige Gründe die Veranlassung zu so schnellem Wechsel gegeben haben? Ich sehe, daß dies Zeugnis die Bemerkung „auf ausdrücklichen Wunsch entlassen“ enthält.“
„Diese Gründe waren allerdings vorhanden, gnädige Frau,“ gab Eva ruhig zu. „Des Hausherrn Verhalten. Jedenfalls konnte ich nicht länger in seinem Hause bleiben.“
„Ich verstehe! Es gefällt mir ausnehmend, daß Sie so empfinden. Sie sind ein sehr schönes Mädchen. Das werden Sie nicht nur von andern gehört haben, sondern selbst genau wissen.“
Eva von Ostried nahm diese Worte als das einfache Feststellen einer Tatsache hin. Es wäre ihr kindisch erschienen, abzuwehren oder gar zu widersprechen.
„Darum fühlte ich mich auch im Hause der verwitweten Frau Landgerichtspräsident Hanna Melchers überaus glücklich. Drei Jahre war ich bei ihr und kann wohl sagen, daß eine Mutter nicht gütiger und liebevoller zu mir hätte sein können.“
„Und dieses letzte und wichtigste Zeugnis, Fräulein von Ostried? Sollten Sie vergessen haben, es mir auszuhändigen?“
„Leider besteht es nicht, gnädige Frau. Frau Präsidentin ist während einer allein unternommenen Reise unerwartet einem Herzschlage erlegen. Sie könnten sich aber über mich bei Justizrat Dr. Weißgerber, dem langjährigen Freund und Testamentsvollstrecker der Frau Präsidentin, erkundigen.“
„Wann ist er daheim? – Wissen Sie das? In sein Büro möchte ich diese Sache nicht gern tragen.“
„Er hatte heute außerhalb zu tun. Immerhin wäre es möglich, daß er schon zurückgekehrt ist.“
Sie sagte das leise und zögernd, weil ihr plötzlich einfiel, daß auch sie ja eigentlich noch wegen des Geldes den Versuch der späten Rücksprache hätte machen sollen. – Der Kommerzienrätin war das Schwanken in der jungen Stimme nicht entgangen. Auch wunderte sie sich über den plötzlich veränderten Ausdruck des schönen Gesichtes. – Erst in diesem Augenblick dachte Eva von Ostried daran, daß es leicht möglich sei, der Justizrat sage am Apparat etwas von ihren vernichteten musikalischen Aussichten. Darüber hatte sie aus guten Gründen geschwiegen.
Frau Eßling aber glaubte bestimmt, daß Eva von Ostried jene Auskunft, trotzdem sie auf dieselbe ausdrücklich hingewiesen, zu fürchten hatte und war umso mehr entschlossen, den Justizrat zu befragen. – Der Justizrat war soeben angekommen und bestätigte am Fernsprecher kurz und klar, daß Eva von Ostried zur vollsten Zufriedenheit der Verstorbenen drei volle Jahre in deren Hause gewesen sei, und daß sie auch von ihm persönlich in jeder Beziehung als ausgezeichneter Charakter geschätzt werde. Er ließ sogar mit einfließen, daß die Präsidentin fest entschlossen gewesen, die junge geliebte Hausgenossin sicher zu stellen. Zweifellos habe sie an der Ausführung dieses Entschlusses der schnelle Tod gehindert.
Frau Eßling kam befriedigt vom Fernsprecher zurück.
„Ich möchte es gern mit Ihnen versuchen, wenn Sie denselben Wunsch haben,“ sagte sie freundlich. „Ich hoffe, wir werden sehr schnell mit einander einig werden. Nur wenige Anweisungen und Bedingungen müßte ich Ihnen zuvor nennen: Sie würden nicht in meinem Hause zu leben haben, sondern bei meiner jungverheirateten Tochter, die Sie gleich noch kennen lernen sollen. Denn sie weilt vorübergehend bei mir. Ihre Pflichten werden sich leicht gestalten. – Sind Sie musikalisch?“
„Ja,“ sagte Eva. „Es dürfte sicher genügen. Ich singe.“
„Das ist mir sehr angenehm. Meine Tochter hat entschieden ein feines Gehör, war aber stets zu leidend, um sich den Anstrengungen langen Uebens auszusetzen. Würden Sie ihr etwa auch Unterricht erteilen können?“
Evas Hände wurden eiskalt. Wie ein Hohn des Schicksals erschien ihr das alles. Aber sie nickte bereitwillig.
„Gut. Für häusliche Arbeiten ist im übrigen eine Kraft vorhanden. Es kommt mir, wie Sie gemerkt haben werden, lediglich darauf an, daß meine Tochter zerstreut und froh erhalten wird. Sie muß zu viel allein sein. Das taugt nicht für ein stilles, ja scheues Wesen, wie das ihre. Können Sie lustig sein, Fräulein von Ostried?“
„Ich werde es vielleicht lernen, gnädige Frau.“
„Und treu, Fräulein von Ostried? Absolut? In jeder Lage? Bei jeder Versuchung?“
„Wie habe ich das zu verstehen, gnädige Frau?“
„Wie ein Mädchen Ihrer Herkunft und Bildung dies verstehen muß. – Treu der Herrin. Was das heißt – hm – eine Erklärung ist nach Ihren Erfahrungen in Ihrer zweiten Stelle wohl kaum notwendig. – Mein Schwiegersohn ist Künstler. Ich weiß nicht mal, ob ich das schon erwähnte. Künstler entzünden sich zumeist sehr schnell und heftig. Und Sie sind, wie ich das bereits feststellte, von der Natur besonders reich bedacht.“
„Ich würde lieber sterben, als eine Ehe zu zerbrechen helfen.“
„Den Eindruck habe ich auch von Ihnen. – Meine Erfahrung mag Ihnen wiederholen, was Sie längst selbst erfahren haben werden. Das Köstlichste und Wertvollste bleibt das gute Gewissen. „Der Uebel größestes aber ist die Schuld!“ schrieb mir mein seliger Vater unter den Einsegnungsspruch. Seither habe ich es als Wahrheit immer wieder bestätigt gefunden. – Treu der Herrin, sagte ich, die Sie sehr gütig – sehr schwesterlich behandeln wird. – Treu aber auch mir. – So selbstverständlich das Erfüllen der ersten Bedingung ist, so sonderbar wird Sie die zweite anmuten. Ich,“ ihre Stimme klang plötzlich gedämpft, „habe nicht dasjenige Vertrauen zu meinem Schwiegersohn, das nötig sein sollte, um ruhig und sorglos das Glück des einzigen Kindes in seinen Händen zu lassen. Diese Heirat ist nur ungern von mir zugegeben. Ich mißtraue ihrer Beständigkeit. – Wollen Sie, im Fall Sie die untrüglichen Beweise für die Berechtigung meines sehr regen Mißtrauens haben, mir dies unverzüglich mitteilen?“
„Das muß ich entschieden ablehnen,“ erwiderte Eva von Ostried bestimmt. „Ich erwähnte bereits, daß ich mich verachten würde, wenn ich Unfrieden zwischen Eheleute streute.“
„Wenn ich auf diese Erklärung hin auf ihre Dienste bei meiner Tochter verzichten müßte, Fräulein von Ostried?“
Eva zögerte mit der Antwort. Das Verlangen nach einem Platze, der sie vorläufig – vor der Not des Lebens schützte – an dem sie sich, fern von der leiblichen Not, ungehindert prüfen konnte, ehe sie sich fest an Paul Karlsen band, drängte sie zum Einlenken. – Die innere Wahrhaftigkeit aber verbot ihr ein Nachgeben.
„Trotzdem könnte ich es nicht versprechen, gnädige Frau.“
Die Kommerzienrätin betrachtete das junge Gesicht lange. Dann reichte sie Eva von Ostried die Rechte hin.
„Also gut. – Die Treue für meine Tochter soll mir genügen. – Vergessen Sie das andere. – Noch ein Wort über Ihr Gehalt. Ich beabsichtigte Ihnen hundert Mark monatlich anweisen zu lassen. Sind Sie damit zufrieden?“
„Fünfzig Mark weniger, wie das Gnadengeld der alten Pauline beträgt,“ dachte Eva bitter, obschon ihr diese Summe genügte.
„Es wird reichen, gnädige Frau,“ sagte sie eintönig.
„So, damit wäre alles besprochen. Jetzt werde ich meine Tochter benachrichtigen. Einen Augenblick, bitte.“ – –
„Ich fürchte nur, das Sie sich neben mir langweilen werden,“ sagte die junge Frau.
Eva lächelte.
„Wir wollen versuchen, uns jeden Tag mit einer besonderen Freude zu erheitern, gnädige Frau.“
Die Kommerzienrätin fand den Ton, in dem ihre Tochter zu der neuen Gesellschafterin sprach, für den Anfang viel zu warm. Gewiß hatte auch sie vorhin ein schwesterliches Verhältnis als sehr wahrscheinlich erwähnt. Immerhin mußte dies doch erst verdient werden. Sie riß deshalb das Gespräch wieder an sich.
„Ist Ihnen der Montag nächster Woche als Tag des Eintritts recht, Fräulein von Ostried? Sie sind doch durch nichts gebunden, nicht wahr? – Oder wollten Sie noch etwas im Hause der Verstorbenen ordnen?“
„Ich könnte bereits morgen kommen, gnädige Frau! Das alte treue Mädchen, das der Präsidentin lange Jahre diente, besorgt alles Nötige allein. Aber Sie haben mir noch gar nicht Namen und Wohnung Ihrer Frau Tochter genannt.“
Die junge Frau antwortete an Stelle ihrer Mutter. Es gewährte ihr immer aufs Neue eine stolze Freude, sich als Frau des jungen Künstlers zu bekennen.
„Unser Häuschen liegt sehr nahe hier; Karlsbaderstraße 10. Wir haben es wundervoll. Nur ein wenig dunkel und kühl. Auf dem Schilde am Gittertore steht Paul Karlsen. – Das ist mein Mann.“
Eva von Ostried blinzelte, als werde sie aus dem Dunkel in einen grellerleuchteten Raum gestoßen.
Sie sollte also zu Paul Karlsens Frau? In sein Haus? Und achtgeben, daß er die – eheliche Treue halte?
Das Frauenbild auf grüner Wiese im roten Mohn hatte bereits den Mann zu ihren Füßen gesehen. Den Mann, als dessen Braut sie sich betrachtet hatte.
„Was ist Ihnen,“ fragte die junge Frau ängstlich und sah hilflos zu ihrer Mutter hin. Hatte Eva von Ostried wirklich aufgestöhnt, als werde sie von heftigen Schmerzen gepeinigt?
Es mußte ein Irrtum gewesen sein! Jetzt stand sie mit dem Ausdruck eines Lächelns da. Nur auffallend gerade und steif hielt sie sich.
„Verzeihen Sie – ich bekam soeben wieder einen jener kleinen Anfälle, mit denen ich, leider, häufiger zu kämpfen habe.“
Frau Eßlings Stimme klang erregt.
„Warum haben Sie bisher nicht davon gesprochen?“
„Gott – man will doch „unter“, gnädige Frau. Nicht wahr?“
„Du wirst sie darum nicht fortschicken,“ flüsterte die junge Frau bittend.
Die Kommerzienrätin überhörte den Einwand ihrer Tochter völlig.
„Durchaus begreiflich, liebes Fräulein. Sie finden auch ganz sicher ein Haus, in dem diese Kleinigkeit nicht stört. Nur für meine Tochter passen Sie, leider, nicht als ebenfalls Schonungsbedürftige. Das sehen Sie auch ein?“ Eva von Ostried nickte mechanisch.
„Vollkommen, gnädige Frau.“
Warum ging sie jetzt nicht. Ihr Lächeln wurde der Kommerzienrätin unerträglich, bis ihr ein Gedanke kam.
„Kann ich Ihnen vielleicht in anderer Weise etwas helfen, Fräulein,“ fragte sie, im Grunde herzlich froh darüber, daß sich ihre Handlung auf gütlichem Wege ungeschehen machen ließ. „Ich halte Sie doch für ein vernünftiges Mädchen.“
Eva von Ostried neigte ein wenig den Kopf, als danke sie für eine Huldigung. – Sie blieb aber weiter unbeweglich stehen und lächelte maskenhaft. Der jungen Frau kamen die Tränen.
„Ich würde Sie trotzdem bitten, Fräulein von Ostried,“ sagte sie rasch und herzlich, „aber wenn Mama nicht will, muß ich mich stets fügen. Seien Sie, bitte, nicht so sehr traurig. Ich werde Sie all meinen Bekannten warm empfehlen und bis Sie etwas gefunden haben, besuchen Sie mich fleißig alle Tage. Auch zu den Mahlzeiten. Wir speisen gegen 2 und 7 Uhr. Ja, wollen Sie das tun?“
Frau Eßling war ins Nebenzimmer gegangen und kam jetzt eilig zurück. Sie drückte einen verschlossenen Umschlag in Eva von Ostrieds Hand.
„Alles Gute für Ihren Weg und fallen Sie beim Hinausgehen nicht über die dumme Stufe, die zur Diele hinabführt.“
„Sie sind sehr gütig, gnädige Frau! Verlassen Sie sich darauf. Ich werde nicht fallen!“
Hatte sie sich verneigt oder – war sie grußlos geschieden? Die ausgestreckte Rechte und den bittenden Blick der jungen Frau mußte sie wohl übersehen haben.
„Sie hat etwas verloren,“ sagte Frau Elfriede verwirrt und zeigte auf das Weiße, das dort lag, wo noch soeben die schöne stolze Gestalt gestanden hatte.
Es war der Umschlag, in den Frau Eßling großmütig einen Fünfzigmarkschein getan hatte.
Am nächsten Morgen gegen neun Uhr war Justizrat Weißgerber schon wieder in der Wohnung seiner alten, toten Freundin. Er ging durch die nur angelehnte Gartenpforte über die Diele sofort zur Küche. Denn er wollte ungestört mit der alten Pauline sprechen. Diese hatte eine mächtige Hornbrille auf der Nase und fertigte umständlich und sorgsam das Verzeichnis der mit Obst und Gemüse gefüllten Gläser an. Offensichtlich war ihr eine Störung bei dieser Arbeit sehr unangenehm.
„Es gibt soeben noch etwas Wichtigeres für Sie zu tun, Pauline,“ sagte der Justizrat eilig. „Sehen Sie mal her. Auf diesem Zettelchen, den ich in einem Notizbuch aus dem Jahre 1917 fand, spricht unsere Frau Präsident von allerhand wichtigen Aufzeichnungen, die sich in einer kleinen, schwarzen Kiste, um deren Verbleib die gute Pauline wisse, finden lassen sollen. Haben Sie eine Ahnung, wo sich besagte Kiste zur Zeit befindet?“
„Eine kleine schwarze Kiste? – Jawohl! Die habe ich selbst auf der Bodenkammer in eine größere gestellt.“
„Wir müssen sie eiligst herunterschaffen.“
„Wozu denn, Herr Justizrat?“
„Denken Sie ein wenig nach. Sie wissen nun ja auch darin Bescheid. Uns fehlt doch etwas, nicht wahr?“
In das alte Gesicht kam ein Zug von Spannung.
„Sie hoffen gerade so wie ich, daß sich was für das Fräulein finden lassen muß. Ach – Herr Justizrat, sie ist wie außer sich. Zum Erbarmen sieht sie aus. Die halbe Nacht habe ich gesucht. Da ist kein Eckchen, das verschont wär’. Ich hatte bestimmt im Gefühl, daß ich es finden müsse, glauben Sie mir. Sogar das Bett unserer Frau Präsident hab’ ich aufgetrennt. Meine selige Großmutter hatte auch was Schriftliches in ihrem Kopfkissen versteckt. – Aber alles umsonst. Wie vor einem Rätsel steh’ ich. Alles, was unsere Frau Präsident anfaßte und sagte, war so klar wie Glas. Aus diesem Dunkel kann ich mich mein Lebtag nicht rausfinden.“
„Wenn ich Sie recht verstehe, ist Fräulein von Ostried nun doch zusammengebrochen, so tapfer sie sich angestellt hat. Mir gegenüber würde sie sich zweifellos weiter zusammennehmen. Sie werden darüber mehr wissen. Oder doch nicht? – Ich glaube, daß sie wieder in Stellung zu gehen beabsichtigt? Eine Dame verlangte telephonisch ausführliche Auskunft über sie.“
„Sie ist sehr stolz, Herr Justizrat. Das habe ich früher nie gefühlt. Ist’s ihre adlige Herkunft, oder was anderes. Sie will jedenfalls nichts von unsereinem annehmen. Und wie gern tät ich’s doch!“
„Das kann ich ihr nicht verdenken, Pauline. Es tut ihr weh, daß sie leer ausgegangen sein soll. Am meisten quält sich darüber ihr Stolz, auf den Sie schlecht zu sprechen sind. Glauben Sie mir, es ist gut, daß sie den besitzt. Hat Sie sich heute zu Ihnen ausgesprochen?“
„Sie hat nur gesagt, daß gegen Mittag jemand ihre Sachen abholen würde.“
„Und über das „Wohin“ kein Wort?“
„Nichts. Fragen habe ich nicht mögen. Es kam mir zu aufdringlich vor. Sie hat ja eigenes Geld, Herr Justizrat. Ich hab’s mit meinen Augen gesehen. Das wird sie nun wohl erst aufbrauchen.“
Selbst seinem juristischen Scharfsinn fehlte im Augenblick die Verbindung zwischen Eva von Ostrieds ihm gegenüber getaner Aeußerung und ihrem scheinbar ganz neuen Entschluß, nun doch wieder in Stellung zu gehen.
„Gleichviel, Pauline, tun wir unsere Pflicht, indem wir die Kiste durchstöbern. Wenn sie auch nichts von Wichtigkeit bringt, müssen wir uns bescheiden!“
Trotzdem er sich wiederholt sagte, daß eine erfahrene, klardenkende Frau wie es die Präsidentin gewesen, Beschlüsse von größester Wichtigkeit unmöglich zusammen mit wertlosen Zeilen, die lediglich einen Erinnerungswert für sie selbst haben mochten, zusammenschichten würde, durchsuchte er – eine Viertelstunde später – umständlich jedes noch so kleine Blättchen.
Auch dies war vergeblich, genau, wie er es gefürchtet hatte, und seufzend klappte er endlich den Deckel herunter und legte das viel zu wuchtige Schloß eigenhändig in die Krampe.
„Am liebsten ginge ich zu ihr und bäte sie vorläufig in mein Haus,“ sagte er vor sich hin.
„Ich fürchte, Herr Justizrat, das wird nichts helfen. Sie ist wie von Stein geworden. – Als ich ihr heute Morgen den Kaffee gebracht habe, war sie kalkweiß. „Haben Sie schlecht geschlafen, Fräuleinchen,“ hab’ ich gefragt und wollte ihre Hand ein bißchen streicheln. Denn so ein Elternloses mag sich jetzt doppelt und dreifach einsam fühlen. Aber, was meinen Sie, Herr Justizrat; weggezogen hat sie ihre Hand und ganz vergnügt getan. Daß sie prachtvoll geschlafen hätt’ und sich wer weiß wie sehr auf die Arbeit freue. Ja, das hat sie gesagt. Angesehen hat sie mich dabei aber nicht. – Seitdem war ich nicht wieder bei ihr drin. Nur ein bißchen gehorcht hab’ ich mal, ob sie vielleicht geweint hat. Ich glaub’ aber wohl nicht. Laut geredet hat sie. Ich hab’ sogar verstanden, was es war. „Der Uebel größtes...“ Jawohl, immer nur diese drei Worte sind’s gewesen.“
„Wäre sie nicht bereits volljährig, hätte ich mich ihretwegen längst mit dem Vormund in Verbindung gesetzt.“
„Ich glaube, damit wär’ sie auch nicht zufrieden gewesen. Sie hat kein Vertrauen zu ihm fassen können und wird froh sein, daß er ihr nichts mehr zu sagen hat.“
„Besitzt sie denn keine Freundin. – Niemand, der einigen Einfluß auf sie ausüben könnte, Pauline?“
„Davon hab ich nie etwas gemerkt. Unsere Frau Präsident hat ihr in meiner Gegenwart mehr als einmal zugeredet, sie sollte doch mit diesem oder jenem jungen Mädchen, das in unser Haus kam, spazieren gehen. Das hat sie immer abgelehnt. Den Grund kann ich mir auch denken.“
„Ich wüßte keinen. Ich habe vielmehr die Ueberzeugung von ihr, daß sie ein guter und zuverlässiger Kamerad sein müßte.“
„Sie ist aber zehnmal hübscher wie die andern. Sie sollten nur mal die Blicke sehen, wenn sie auf der Straße geht. Mit ihr zusammen Einkäufe zu machen, war ein richtiger Spaß. War das ein Herumgedrehe und Nachgegucke. – Hinterhergelaufen sind sie auch wohl. – Fremdes junges Blut freut sich darüber aber nicht. Das wird leicht neidisch.“
„Möchte ihr die Schönheit nur nicht zum Unsegen werden.“
„Die Angst ist unnötig, Herr Justizrat. Sie konnte zu kalt und stolz aussehen, wenn’s einer von den jungen Herren gar zu auffällig mit seiner Bewunderung trieb.“
Der Justizrat mußte lächeln.
„Sie haben auch diesmal Recht, Pauline. Es will mir nur nicht in den Kopf, daß man sich jetzt einfach nicht mehr um sie bekümmern soll.“
„Das wär allerdings traurig. Aber ich werde, ob sie will oder nicht, aufpassen auf sie. – Geht es ihr schlecht, komm ich zu Ihnen, Herr Justizrat. Das andere besorgen Sie denn.“
Eben ging Eva von Ostried, wie in tiefen Gedanken versunken, unten vorüber, ohne die beiden sorgenvollen Gesichter zu bemerken. Sie hatte einen eiligen Gang vor. Noch einmal wollte sie versuchen, unterzukommen. Die neueste Tageszeitung hatte ihr wiederum einen Fingerzeig gegeben. Die hastige Unruhe des Verkehrs war ihr etwas Ungewohntes. Ihr Kopf begann von neuem zu schmerzen. Trotzdem dachte sie nicht daran, umzukehren. Ein verbissener Trotz lag auf ihrem bleichen Gesicht, als sie endlich in die Friedensstraße einbog und die bezeichnete Nummer zu suchen begann. Das neue Gesuch verlangte eine gebildete Stütze im Osten Berlins.
Das Haus, in das sie eintrat, war so dunkel, als sei es ohne Fenster erbaut worden. Im Flur roch es nach Mittagskohl, Kaninchen und Leim. Jeder einzelne Geruch für sich wäre erträglich gewesen. Die Vereinigung erregte ihr Uebelkeit. – Das im dritten Stock auf ihr Klingeln öffnende Mädchen, lächelte ihr vertraulich zu:
„Na, denn man rin in die gute Stube. Drei sind all vor Ihnen.“
Sie wurde in die Küche gewiesen. Eine der Wartenden rückte gefällig auf ihrem Schemel zur Seite.
„Wir werden uns schon vertragen.“
Eva kam der freundlichen Aufforderung nicht nach. Sie kämpfte mit dem Gefühl des Schwindels. „Ein Glas Wasser,“ bat sie matt.
Eins der Mädchen hielt einen Tassentopf ohne Henkel unter die aufgedrehte Leitung. An den schneeweißen Lippen der Neusten merkten sie, daß deren Einsilbigkeit nicht dem Hochmut entsprang. Eva von Ostried wollte trinken, aber sie vermochte das unsaubere, abgestoßene Gefäß nicht an den Mund zu führen. Stumm setzte sie es nieder und wandte sich zum Gehen.
– – Am Spätnachmittag dieses Tages hielt eine Droschke vor dem Haus der verstorbenen Präsidentin. Eva von Ostried hatte bereits auf sie gewartet. Nun trat sie vom Fenster zurück. Koffer und Handtasche waren fertig zum Fortschaffen. Sie selbst zum Einsteigen bereit. Auf dem Mahagonitisch lag wieder die kleine schwarze Tasche mit den zwölftausend Mark anvertrauten Geldes. Ihre Hand streckte sich danach aus und zuckte doch wieder leer zurück. Dann aber preßte sie die Lippen zusammen und riß sie an sich. –
Nun war es entschieden! –
Die alte Pauline kam angelaufen: „Sie wollen doch nicht etwa schon weg, Fräuleinchen?“
„Ist es nicht höchste Zeit damit,“ fragte sie ruhig. „Leben Sie wohl, Pauline.“
„Wohin soll es denn nun gehen? Das ist doch gar nicht möglich.“
„Wohin?“ Die schönen Augen schlossen sich leicht. Der Raub in ihrer Hand hatte ihr Herz erkältet. „Vielleicht schreibe ich Ihnen einmal, beste Pauline.“