15.

„Du bittest mich um eine vertrauliche Auskunft über das Vermögen meines einstigen Mündels Eva von Ostried?“ schrieb Amtsrat Wullenweber an seinen Neffen. „Das verstehe ich nicht. Neugier sähe Dir unähnlich. Beabsichtigt ihr etwa Dein Justizrat Zuwendungen zu machen? Notwendig hätte sie das sicher. Denn ihr gesamtes mütterliches Erbe, das ich am Tage ihrer Volljährigkeit Frau Präsident Melchers für sie übergab, betrug nur eintausend Mark. Hätte ich geahnt, daß die wackere Frau unerwartet schnell, und zwar mit dem von Dir erwähnten, für Eva von Ostried sehr traurigen Ergebnis sterben mußte, hätte ich doch die Tochter ihrer Mutter in ihr gesehen und mich auch nach der erfüllten Pflicht um sie gekümmert. Ihr jetzt noch, nachdem sie sicher das Schwerste hinter sich hat, zu schreiben, widerstrebt mir. Wohl aber möchte ich sehr gern wissen, ob ihr Hilfe erwünscht wäre. Ich weiß nichts über ihr Leben und Wirken. Wäre es nicht das Einfachste, Du zögest Erkundigungen über ihre Lage ein? Geben sie irgendwie zu meiner Unterstützung Anlaß, werde ich mich mit ihr stets in Verbindung setzen. Laß es Dir durch den Kopf gehen und gib mir Bescheid, sobald Du etwa erfährst, daß es ihr kümmerlich ergeht. Im anderen Falle ist die Sache ja ohnehin auf das Beste erledigt.

Dein Vater wird Dir inzwischen selbst seine Absicht, Hohen-Klitzig nicht mehr zu verlassen, mitgeteilt haben. Daher mußte sich mein Verhältnis zu ihm, von innen heraus, bessern. Erlauben Dir die Geschäfte und die Gesundheit Deines Justizrats eine kurze Ausspannung, so weißt Du, daß Du mit Deinem Besuch stets erfreust Deinen

getreuen alten
Wilhelm Wullenweber.“

Der junge Anwalt las diesen Brief mit einer Empfindung, die ihm im Augenblick noch unklar war. Er spürte nur, daß ihn der Inhalt unruhig machte.

Seitdem Justizrat Weißgerber ihm von Eva von Ostrieds schwerer Enttäuschung bei dem Tode der Präsidentin gesagt, ihre Verzweiflung und Kämpfe geschildert, brachte er die Frage nicht mehr zum Schweigen, woher sie nun doch gleich darauf das Geld zu weiteren Studien genommen haben könnte... Ihre Schönheit wirkte, auch in der Erinnerung, in alter Stärke auf ihn. Er empfand sie als das Vollendetste, das er jemals gesehen hatte. Wie er, würden auch andere fühlen. Und ihr Bild trat ganz scharf vor ihn hin. Er sah wieder ihr Erröten – den Glanz ihrer großen, sprechenden Augen und fühlte das leise Beben ihrer Hand in der seinen, und seine Unruhe wurde zur heißen Sehnsucht nach ihr! Aber nach üblichen Begriffen kannten sie einander ja kaum!

Gestern war ihr Herr Alois Sendelhubers erneuter Bescheid zugestellt. Walter Wullenweber hatte schließlich doch kurzweg einen Entschädigungsanspruch in jeder Höhe abgelehnt und ihr, bei einem Beharren seiner Forderung, auf den Weg der Klage verwiesen. Darauf hatte sich der schlaue Agent, der sich Eva von Ostrieds ihm besonders wertvoll dünkende Kundschaft auf keinen Fall verscherzen wollte, zur postwendenden „ausnahmsweisen“ Lösung des Vertrages – bezüglich des strittigen neunten Novembers – verstanden. Somit war diese Angelegenheit erledigt und nichts stand mehr aus, als die Entrichtung der entstandenen Unkosten von Seiten der Anwälte, die der Justizrat Weißgerber, nach Kenntnis der Angelegenheit, jedoch unberechnet zu lassen wünschte. Das schwache Fädchen, an dem er sie gehalten, war damit zerrissen.

Sie aber nie wiederzusehen, erschien Walter unmöglich. Er setzte sich an den Flügel und versuchte die kleinen Lieder zu spielen, die ihm sehr einsame und verzagte Stunden einst als Tröster geschenkt hatten. Seine Sinne blieben nicht bei den Tönen. Sie irrten ab und verlangten nach dem Leben.

Die alte Pauline brachte einen Brief herein. Sie verweilte noch wenig im Zimmer, wie sie das auch bei der Präsidentin getan hatte.

„Herr Rechtsanwalt, ich hab’ neulich nun doch unserm Fräulein geschrieben.“ Für sie stand Eva von Ostried längst wieder in der Gegenwart genau wie einst. Er hielt die Blicke beharrlich gesenkt, als könne sie sonst seine Gedanken lesen.

„Was hatten Sie ihr denn Wichtiges mitzuteilen, Pauline?“

„Nun, wie es mir indessen gegangen is und wie gut ich es auch wieder bei Ihnen habe.“

„Das wird nicht alles gewesen sein, obschon es, was meine Person anlangt, bereits zu viel ist,“ sagte er mechanisch und sah interesselos auf den Brief.

„Sie haben Recht. Die Hauptsache hab’ ich verschwiegen. Ich möchte doch so gern wissen, wie sie wohnt und wie sie alles angefangen hat. Ach, Herr Rechtsanwalt, warum kommt’s meist ganz anders, wie man denkt? Ich hänge ja so sehr an ihr und hab’ mir damals beim Abschied fest eingebildet, wüßt’ ich mal erst, wo sie wohnte, liefe ich auch gleich hin. Denken Sie an, ich war auch wirklich schon mal da. Gleich, nachdem ich von Ihnen die Adresse gehört hab’.“

Sie stockte und sah von ihm weg.

„Wann war das ungefähr, Pauline?“

„Heute vor zwei Wochen, Herr Rechtsanwalt!“

„Warum verschwiegen Sie mir das?“

„Ich war so von Herzen betrübt, Herr Rechtsanwalt.“

„War sie unfreundlich zu Ihnen?“

„Ach, ich hab’ sie gar nicht gesehen!“

„Das verstehe ich nicht!“

„Mir war’s selbst, als könnte das nicht mit rechten Dingen zugehen. Bloß bis an ihre Tür bin ich gekommen.“

„Sie können mir alles sagen, Pauline. Ja, ich bitte Sie sogar herzlich darum.“

„Ich hab’s gleich gefühlt, daß Sie einen guten Begriff von ihr haben, Herr Rechtsanwalt. Und so sehr hab’ ich mich darüber gefreut.“

„Nun, dann erzählen Sie einmal!“

„Es ist schnell erzählt. Ich wußte doch nicht Bescheid und befragte mich erst unten beim Hauswart. Da war eine drin, die mir gleich erzählte, daß sie mal bei unserm Fräulein in Stellung gewesen. Sie gefiel mir auf den ersten Blick nicht. Ach, Herr Rechtsanwalt, wenn Sie wüßten, was ich von der zu hören gekriegt hab’.“

„Es wird nicht schlimm sein,“ meinte er. Aber in seiner Stimme zitterte die Angst vor den nächsten Minuten.

„Doch! Ein Freund von unserm Fräulein soll der Person regelmäßig Geld gegeben haben, damit sie nicht zu hungern brauchte. Aber nun ist er plötzlich gestorben, in München, wo sie gerade ein Konzert gegeben hat. Und nun sollte überall geknapst werden und das Fräulein sei ihr noch obendrein dumm gekommen, als ob sie was dafür könnte, daß sich noch kein neuer Freund gefunden hätt’. Solche Gemeinheiten bloß auszusprechen, nicht wahr? Ich kenn’ doch unser Fräulein! Freude hat sie wohl dran gehabt, wenn ihr einer nachgesehen hat. Wozu hätt’ ihr der liebe Gott denn auch sonst all die Schönheit gegeben? Aber stolz und rein ist sie immer gewesen. Das kann sich bei ihr einfach nicht ändern. Und man hört ja schön die Lügerei heraus. In München soll sie gesungen haben, gerade als der Freund sterben mußte. Und unser Fräulein hätt’ schrecklich nachher geweint. Erzählt hätte sie nichts näheres davon; bloß, daß er nicht mehr Sonntags und auch so kommen könnt’, weil er eben tot wäre. – Aber irgend eine andere Person aus ihrem Hause hat eine Zeitung angebracht. Da hat alles drin gestanden. Sogar sein Namen. Und unser Fräulein soll ausdrücklich auch erwähnt sein als eine, die ganz untröstlich gewesen ist, als sie seine Leiche gebracht hätten. Und jetzt wäre ein Mädchen bei ihr. – Bestimmtes wisse man ja wohl nicht. Aber, wenn sich eine niemals an die Sonne traute, keinen Menschen ohne Verabredung zur Tür reinließ und immer so scheu wie ein Hund rumkröche – denn könnte man sich schon allerlei denken. Der Doktor, der die Hausmeisterkinder bei der Grippe behandelt hat, soll zu irgendwem geäußert haben, daß sie den nächsten Kuckuck wohl nicht mehr hören würde. Und wenn so eine dennoch gehalten würde und verwöhnt und verhätschelt dazu, wie die Hausmeistertochter, die oben aufwartet, erzählt, denn wüßte man schon genug.“

„Und Sie haben das alles doch geglaubt, Pauline! Sonst hätten Sie nun gerade zu ihr hinauf müssen und sie befragen. Ja, das durften Sie nach der langen zusammenverlebten Zeit ganz gewiß.“

„Ich mußte weinen,“ sagte sie still. „Ich war zu unglücklich von dem Getratsch, Herr Rechtsanwalt, wie ich schon gesagt hab’.“

„Sie werden noch einen anderen Grund gehabt haben,“ meinte er. „Auch Ihre Ehrbarkeit hat sich gegen diesen Besuch gesträubt?“

Ihr Gesicht war ganz blaß geworden.

„Das versteh’ ich wohl nicht richtig!“

„Nun, Sie hielten sich, nach dem Gehörten, wohl für zu gut, um Fräulein von Ostried noch zu besuchen.“

Sie stieß einen leisen Schrei aus.

„Bei Gott, das war’s nicht!“

„Was könnte es anders gewesen sein?“

Sie suchte nach den rechten Worten.

„In meiner Jugend war ich sehr hitzig und auch jetzt noch geht nicht alles so still zu, wie sich das wohl eigentlich für mein Alter ziemen tät’. Dafür kann einer nichts, glaube ich. Ich war so voller Gift und Galle, daß ich meine Hände kaum stillhalten konnt’. Die wollten der lügnerischen Person an den Hals. – Und so hätt’ ich zu ihr reinkommen sollen? Das wurde mir klar, als ich vor ihrer Tür stand. Verstellen kann ich mich nicht; sie überhaupt würde gleich gewußt haben, daß etwas vorgekommen wär’. Und wenn sie mich angesehen und auf’s Gewissen gefragt hätt’, ja, Herr Rechtsanwalt, dann wär’ bestimmt alles – aber auch alles – rausgesprudelt. Hinterher hätt’ ich mich prügeln können, soviel es mir paßte. Was gesagt war, blieb! Und wenn ich’s hundertmal widerrufen und bedauert hätt’. Den Schmerz wollte ich unserm Fräulein nicht antun. Darum bin ich eins – zwei – drei wieder die Treppe hinunter und habe mich unten auf der Straße erst mal richtig ausgeweint. Am nächsten Tage wußte ich, daß alles Lüge war von Anfang bis zu Ende. Aber wie das alles zusammenhängt, kann ich nicht wissen.“

Er sah starr geradeaus. Den Zusammenhang, den Pauline nicht zu finden vermochte, den fand er leicht. Er sah ein armes, schönes, schwer enttäuschtes Mädchen ohne Schutz und Rat. Die Folgen waren unschwer zu erraten und wer dürfte darum verurteilen?

„Hatten Sie sich denn in aller Form bei ihr angesagt, Pauline?“

„Ich habe sie gefragt, wann ich ihr passend käm’.“

„Und die Antwort?“

Das alte Mädchen zögerte einen Augenblick verlegen!

„Geschrieben hat sie mir noch nicht, Herr Rechtsanwalt.“

„Hm?!“

„Der Brief kann ja verloren gegangen sein, Herr Rechtsanwalt.“

„Sie werden wohl gar noch einmal bei ihr anfragen?“ sagte er nach einer langen Pause.

„Nein, Herr Rechtsanwalt. Ich werd’ heute nachmittag direkt zu ihr gehen. Herr Rechtsanwalt erlaubt’s mir doch?“

„Daß Sie ausgehen? Aber gewiß, liebe Pauline. Sie sollen mich überhaupt nicht wegen dieser selbstverständlichen Dinge befragen.“

Jetzt lachte sie ein wenig. Dann hörte er die Tür gehen und war mit dem immer noch uneröffneten Briefe allein. Das lenkte ihn zunächst ab. Die fremde steife Schrift auf dem Umschlag war ihm unbekannt.

Der geöffnete Brief zeigte eine siebenzackige Krone über einem Adler, der ein Lamm in seinen Horst schleppte. Der Waldsruher Majoratsherr brachte darunter seine Wünsche zum Ausdruck.

Die Zeilen waren liebenswürdig abgefaßt. Hinter dem Auftrage, der die Abänderung und teilweise Erweiterung der Familienstatuten erbat, zeigte sich die Verheißung zur Rechtvertretung bei einem Zivilprozeß über ein erhebliches Objekt. Daß der darin Beklagte dem jungen Anwalt als ein minderwertiger Aufkäufer alter Waldbestände bekannt war, hätte ihm das in Aussicht Gestellte nur angenehm machen müssen. Trotzdem regte sich ein Gefühl des Widerwillens gegen den ihm bis heute unbekannt gebliebenen Auftraggeber.

In diesem Augenblick war er unfähig zu jeder klaren, nüchternen Erwägung. Erst ein wenig später glaubte er zu wissen, daß ein Mädchen mit der Vergangenheit Eva von Ostrieds unmöglich dem in jeder Beziehung verwöhnten Geschmack dieses adelsstolzen, schwerreichen Witwers genügen könne.

Vergangenheit! – Wie kam er dazu, dies zweideutige Wort mit ihr in Verbindung zu bringen? Dem elenden Klatsch eines natürlich sehr gegen seinen Willen entlassenen Mädchens auch nur den geringsten Glauben zu schenken?

Ihn verlangte nach einer Aussprache mit ihr. Es konnte sie unmöglich vorbereitungslos treffen! Seine Blicke würden ihr längst alles verraten haben.

Er legte Feder und Papier zurecht und schrieb.

Zuerst malte er ihr das Bild seiner Eltern. Dann ging er zu dem über, was ihm leicht von der Feder ging.

„Als ich Sie sah, wußte ich sofort, daß die Stunde meines Glückes da war. Ich zweifelte nicht. Das kam erst später. Sie fühlten alles. Ich merkte es und war sehr froh darüber. Schon als Sie mich das erste Mal verließen, lag mir jeder Zweifel fern. Ich war ruhig und dankbar, daß das Glück nicht an mir vorüberging. Unsere zweite Zwiesprache sprengte fast mein Herz vor Seligkeit. Sie hatten unter der Schar der harmlosen Worte jenes Briefes nach einem Laut gesucht, der Ihnen mehr verriet.

Darum durfte ich Ihnen auch schon jetzt meine Liebe zeigen. Sie widerstrebten nicht. Mein Herz lag in ihrer Hand.

Nun folgten wunderliche Tage. Zuerst Stunden, die ich um jeden Preis auskosten wollte, so schön und unvergleichlich waren sie. Bis eines Tages mein wildes Verlangen sie unerträglich schalt.

Damals habe ich Sie aus der Ferne mit einem Andern gesehen. Ich bin auf ihn – sicherlich einen völlig harmlosen Bekannten – sinnlos eifersüchtig gewesen. Nicht wahr, er ist doch nichts anderes für Sie? Zuweilen sprach ich mit der alten Pauline über Sie. Oft nur Ihren Namen, das war mir genug. Ich vertraute mir nicht mehr. Und das ist sehr hart. Sie sollen alles wissen. Das habe ich mir gelobt. Wir dürfen hinfort kein Geheimnis zwischen uns dulden. Fühlen Sie das auch? Ich habe Sie vor mir verdächtigt und niedrig gestellt. Es war alles nur die sinnlos tobende Eifersucht. Ich habe Sie über alles lieb! Das Ganze bringe ich Ihnen! Nicht nur den Rest.

Vor Ihnen habe ich keine geliebt. Ich bin überzeugt, daß ich auf Sie warten mußte. Darum fordere ich auch Ihre ganze Seele!

Sie sollen mich als Bruder, Freund und Vater empfinden, dem Sie alles sagen dürfen und auch sagen müssen, ehe ich Ihr Lebenskamerad und Geliebter werden darf.

Sie sind rein. Ich weiß es! Kein Fleck ist vorhanden. Keine Stelle, die sich verbergen müsse vor meiner Liebe. Wäre es anders, könnte ich nicht über alle Begriffe selig sein, wie ich es jetzt bin!

Ihr Walter Wullenweber.“

Ohne abzusetzen hatte er zu Ende geschrieben! Unter einem wundervollen Zwange, und wie das Gefühl eines starken, lebensspendenden Rausches blieb es ihm in der Seele zurück.

– Er lief in den Abend hinaus und sah nichts als unruhig segelnde Wolken.

Als er heimkam, war es schon dunkel. In der engen Wohnung erwarteten ihn Helle und Wärme. Die alte Pauline war zurück und hatte die Abendmahlzeit gerichtet.

Er nahm an, daß sie ihm, ohne seine Frage, berichten werde. Aber gegen ihre Gewohnheit verließ sie sogleich das Zimmer, in dem er zu speisen pflegte. Langsam schob er Bissen um Bissen in den Mund, und lauschte dabei nach der Küche hinüber.

Von der behaglichen Hängelampe herab schwang sich die dicke Schnur mit der elektrischen Klingel für die Bedienung. Bisher hatte Walter Wullenweber sie noch nicht benutzt. Er betrachtete die alte Pauline nicht als seine Untergebene, sondern als einen freundlichen Hausgeist, der aus eitel Lust an der Arbeit das Händestillhalten nicht erlernen konnte. Jetzt preßte er den kleinen weißen Knopf in die Birne aus rotgetöntem Holz.

Sie erschien sofort ohne sich verwundert zu zeigen.

„Wollen Sie mir gar nichts von Ihrem Ausflug erzählen?“ fragte er obenhin.

Sie versuchte ihre Verlegenheit unter einem Kichern zu verstecken, das ihm weitab von aller echten Fröhlichkeit erschien. Denn ihr Gesicht, in dem bei einer wirklichen Freude alle Falten mitlachen mußten, blieb sorgenvoll.

„Ach,“ machte sie, „das ist doch kein Ausflug gewesen, Herr Rechtsanwalt!“

„Wie haben Sie Fräulein von Ostried gefunden, Pauline?“

„Ich hab’ halt wieder Pech gehabt.“

„S–o, nahm Ihnen die Person von neulich zum zweiten Mal den Mut?“

Sie wurde ärgerlich.

„Sie sollen das doch nicht sagen, Herr Rechtsanwalt! Natürlich war ich oben. Und geklingelt hab’ ich auch. Mir hat aber Keiner aufgemacht.“

„Die Herrschaft wird ausgeflogen gewesen sein. Der Tag war ganz dazu gemacht.“

„Nein, zu Haus waren sie ganz gewiß.“

„Ihr Fräulein würde doch die alte Pauline, deren Liebling sie immer noch ist, nicht so schlecht behandeln! Sie werden sich geirrt haben,“ widersprach er.

„Ich konnte es auch lange nicht fassen. Aber es war doch wohl so. Ehe ich ihr ins Haus ging, habe ich mir nebenan die kleinen, netten Gärten auf dem Bauland besehen. Vor dem Fenster an der Ecke stand Eine und guckte gerade auf mich runter. Ich kann beschwören, daß das unser Fräulein gewesen ist.“

„Sie haben sich eben versehen, beste Pauline. Ihre Augen haben sechzig Jahre gedient. Da müssen Sie nicht mehr zu viel von ihnen verlangen.“

„Sie war’s bestimmt, Herr Rechtsanwalt. Ich hab’ raufgewinkt und sie hat in der ersten Ueberraschung auch die Hand gehoben. Aber bloß ganz matt. Nachher war sie gleich weg. Dann bin ich nach oben. Wohl zehnmal hab’ ich geklingelt. Gerade wollte ich wieder gehen, da schob eins so recht heimlich von innen die Platte vom Guckloch weg. Das Fräulein war’s aber nicht. Vielleicht die Andere.“

„Deren Aufenthalt bei Fräulein von Ostried die Person damals mißbilligte?“

„So denke ich’s mir!“

„Konnten Sie das Gesicht wahrnehmen?“

„Freilich! Ich hab’ doch scharf aufgepaßt. Ganz elend und durchsichtig war’s. Aber schlecht und verworfen – – Nee, Herr Rechtsanwalt. Solche sehen anders aus.“

„Und dann haben Sie sich also davon gemacht?“

„Was sollte ich sonst tun? Zufällig fand ich einen Bleistift in meiner Tasche und den Fahrschein verwahre ich mir auch allemal, weil die Kinder darauf wild sind. Auf den hab’ ich geschrieben „die alte Pauline war hier!“ und das in den Briefkasten geschoben.“

„Warum setzen Sie sich nicht,“ fragte er plötzlich. „Ich muß noch mancherlei mit Ihnen besprechen. Wenn ich mich recht erinnere, erzählten Sie mir von Fräulein von Ostrieds reichem Muttererbe. Oder, sollte ich mich verhört haben?“

Sie erzählte es noch einmal kurz.

„Sie zeigte Ihnen also, um Sie über ihre Zukunft zu beruhigen, ihren ganzen Reichtum?“

„Ja, so war’s!“

„Und die alte sparsame Pauline ist seitdem der Ueberzeugung, daß es sich um Fünfzigtausend oder gar noch mehr handelte?“

„Ganz so dumm bin ich doch nicht. Mit Geld weiß ich gut Bescheid. Ehe das Fräulein zu uns gekommen ist, hab’ ich alles auf die Bank tragen und wieder runterholen müssen, so oft unsere Frau Präsident nicht mit ihrem Herzen in Ordnung war.“

„Ich will Ihnen genau sagen, wie viel es gewesen ist. Eintausend Mark und kein Pfennig mehr!“

„Nein, nein. Es ist ein ganzes Pack Tausender gewesen.“

„Wenn Sie das eidlich erhärten sollten, gute Pauline.“

„Schwören, meinen Sie doch damit, Herr Rechtsanwalt? Da würd’ ich mich keinen Augenblick besinnen. Wieviel Stück es gewesen sind, das kann ich auf’s Haar nicht wissen. Zehn oder noch ein paar mehr waren es aber auf Ehre und Gewissen. Zehn zum mindesten!“

„Ich will noch etwas arbeiten, Pauline,“ sagte er da ohne weiteren Widerspruch.

Mit ein paar eiligen Schritten war sie neben ihm: „Was Schlechtes dürfen Sie aber nicht von ihr denken, Herr Rechtsanwalt. Sie ist rein wie ein Engel.“

Schwerfällig nahm er in einem entlegenen Winkel seines Arbeitszimmers Platz. Möglichst von der Lampe entfernt, deren greller Schein ihm weh tat. Zum zweiten Male an diesem Tage bereitete er sich zum Schreiben an sie vor. Ach ja, wo war denn der erste Brief geblieben? Genau an dieser Stelle hatte er sich befunden, als er fortgegangen war. Er sprang zu der alten Pauline hinaus.

„Wo haben Sie den Brief von meinem Schreibtische, Pauline?“

„Sie meinen doch den an unser Fräulein?“

„Ja, wo ist er?“

„Im Briefkasten, Herr Rechtsanwalt. Das war meine erste Arbeit, als ich wieder zu Haus war!“