16.
Hinter Eva von Ostried lag ein Tag und eine Nacht voller Kampf und Entsagen! Die scharfen Augen der alten Pauline hatten sich nicht getäuscht. Es war wirklich ihre Hand gewesen, die sich, wiederwinkend, hinter dem Fenster erhob. In jenem Augenblick war ihr das Leben wie ein mächtiger Strom, der sie reißend schnell zum Glück führen wollte, erschienen. Sie empfand nicht länger in der Nahenden die unerträgliche Mahnerin an einen begangenen Treubruch...
Ihre Hand, die nur matt den Gruß erwiderte, war auch nicht schwach geworden, weil sie sich fürchtete. Das kam erst später. Sie war selbst zur Tür geflogen, um der Kommenden zu öffnen. Sehnsüchtig wartete sie ihres ersten, auf der Treppe hörbaren Schrittes. Als er dann endlich vernehmbar wurde, vollzog sich mit einem Schlag der Wechsel von höchster Seligkeit zum tiefsten Entsetzen.
Erst jetzt kam die eigentliche Strafe für ihre Schuld. Alles bisher Durchlittene war nichts gegen dieses. Erinnern und Reue und Bußbereitschaft.
Ihr Kampf währte so lange, bis die Schritte Rast machten. Da war er wider sie entschieden. Sie schleppte sich ins Zimmer zurück. Nur so viel Kraft hatte sie noch gefunden, um der Hausgenossin, die sich schon beim ersten Klingelzeichen zur Tür begeben hatte, das Oeffnen zu verwehren.
Stundenlang lag sie danach blaß und starr auf dem Ruhebett.
Dann kam Walter Wullenwebers Brief.
Sie preßte den Brief an die schmerzende Brust, als sei sie gewiß, damit lasse sich das Stechen und Bohren lindern. Und plötzlich preßten sich ihre Lippen auf die Buchstaben.
Das Heimweh war wieder da. Das brennende, wilde Heimweh! Was sollte nun werden? Eva von Ostried wußte, als sie den Brief gelesen, daß sie täglich und stündlich auf ihn gewartet hatte! Ungezählte Mal wiederholte sie sich die Worte seiner Liebe. Und dennoch haftete keines in ihr, außer den wenigen: „.. Sie sind rein. Ich weiß es!“
Was sie in München nach Ralf Kurtzigs unerwarteter Werbung zum ersten Mal empfunden hatte, daß sie dem Mann ihrer Liebe jenes furchtbare Geheimnis enthüllen müsse, ehe sie die Seine werden könne, wurzelte bereits fest in ihr. Walter Wullenweber sollte wissen und richten! In seine Hände wollte sie die Entscheidung über ihr Schicksal legen.
Und dann erschien es ihr doch unerhört grausam. Sie suchte unentwegt nach einem barmherzigen Ausweg.
Er würde sie verachten! – Vielleicht war seine Liebe aber so heiß, daß er sie dennoch zu seinem Weibe machte?
Ja, und deshalb sollte er dies wissen!
Aber als sie die Feder eintauchte, beschloß sie, es ihm zu verschweigen. Denn nun war ihr unbändig heißer Stolz erwacht. Eine glaubhafte Erklärung, woher die Mittel zu ihrem Studium stammten, würde sich finden lassen. Was wußte ein lediger Mann von den Kosten einer Haushaltungsführung aus dem Nichts – von der Notwendigkeit aller sonstigen Anschaffungen. Schlimmstenfalls konnte sie ihm von jetzigen großen Einnahmen durch Schüler und Konzerte sprechen und das Ueberwinden des ersten Jahres nach dem Tode der Präsidentin durch die vorhandene kleine Erbschaft und reiche Selbstersparnisse erklären. Sein Vertrauen war groß genug, um ihr alles zu glauben. Es erschien ihr unerschöpflich wie ein Brunnen über der springenden Erdquelle.
Das ging aus seinem Briefe hervor.
Es handelte es sich ja auch um sein Glück! Nicht lediglich um das ihre! Wem schadete sie, wenn das Geheimnis ihrer Schuld gewahrt bliebe?
Wieder las sie seine Zeilen.
Dann verriegelte sie ihre Tür.
Gegen Abend tastete sie sich endlich empor und antwortete ihm. Sie hätte nicht zu sagen vermocht, woher ihr die Kraft dazu gekommen war:
„Vom ersten Augenblick unseres Kennenlernens an habe ich Sie als einen grundguten Menschen empfunden. Viele solcher waren mir bis dahin nicht begegnet. Darum zeigte ich mich auch anders, wie sonst.
Ich danke Ihnen für alles, was Sie mir in Ihrem Brief gesagt haben. Es soll mir ein Ansporn zum Reifer- und Besserwerden sein. Erwidern kann ich Ihre Liebe nicht. Ich habe mir die Kunst erwählt. Ihr muß ich treu bleiben. Das begreifen Sie wohl. In dieser Stunde nehme ich Abschied für immer von Ihnen und fühle für Sie wie für einen lieben, großen, treuen Bruder, den ich innig bitte, uns Beiden jedes Wiedersehen zu ersparen.
Es brächte mir nur Qualen und keine Sinnesänderung.
Aber wissen sollen Sie, daß mein Herz keinem andern gehört noch jemals gehören wird....“
In der Karlsenschen Villa waren die Rolläden herabgelassen.
Die junge Herrin des Hauses verließ seit Wochen das Zimmer nicht mehr. Zuerst war es eine harmlose Erkältung gewesen, hervorgerufen durch eine Fahrt im offenen Wagen bei empfindlichem Ostwind. Paul Karlsen hatte damals im „Deutschen Opernhaus“ als Stolzing auf Engagement gesungen und, fiebernd vor Stolz und Rausch, erklärt, daß er im geschlossenen Gefährt ersticken müsse. Da waren sie selbstverständlich ohne das schützende Verdeck mit dem feurigen Braunen der Kommerzienrätin durch die Nacht gejagt, um irgendwo mit ein paar auserwählten Kollegen den ungeheuren Erfolg des Abends bei eiskaltem Sekt zu feiern.
Frau Elfriede war selig gewesen, weil er sie dazu mitnahm. Unter dem Vorwande, dadurch schneller nach der Vorstellung heimzukommen, hatte sie das Gefährt von ihrer Mutter, die es sonst dem Schwiegersohn nicht gewährte, erbeten, nachdem diese umsonst die zarte Tochter von einem Theaterbesuche bei dem rauhen Wetter abzuhalten versucht hatte.
In ihrem lichtblauen Seidenkleide mit den wundervollen echten Spitzen – das Rot des Fiebers und der Erregung auf dem schmalen Gesicht – hatte die junge Frau fast hübsch ausgesehen. Dankbar umfaßte sie ihres Mannes Rechte, weil er sie nicht zuvor heimgeschickt, um dann allein zur Nachfeier fortzustürmen.
Freilich glaubte sie genau zu wissen, daß er das bisher einzig aus Sorge für ihre Gesundheit so getan. Aber eben deswegen jauchzte sie inwendig, daß sie einmal von ihm als Gesunde betrachtet wurde.
Wie hätte sie darum auch nur das leiseste Wort einwenden dürfen, als er den Kutscher zu immer größerer Eile anfeuerte? Der Wind schnitt wie mit scharfen Messern in ihre empfindliche Haut. Ihre Brust begann zu schmerzen, weil sie krampfhaft den Atem einhielt. Sie brauchte aber nur ihres jungen, sieghaften Stolzings zu gedenken, dessen Stimme besonders im Preislied von berückendem Glanz gewesen. So war sie zugleich Weib und Kind! Wunschlos glücklich und daneben neugierig auf den Blick in das bunte Leben.
Nun war es ihr nicht viel anders wie den kleinen Spätmalven ergangen! Sie büßte schwer. Aus der Erkältung war ein Husten geworden, der sich sehr böse und hartnäckig gestaltete, weil ihn die Leidende zu lange verheimlichte. Die schmerzhafte Brust- und Rippenfellentzündung, die sich hinzugesellte, war zwar auch wieder überwunden. Eine kleine Schwäche blieb indes zurück. Das Herz war angegriffen! Nur das Herz. –
Frau Eßling besuchte die Tochter täglich. Aber sie vermied es, mit dem Schwiegersohn zusammenzutreffen. Das ließ sich, ohne damit zu verletzen, sehr gut einrichten. Seitdem Paul Karlsen den fünfjährigen Vertrag, der ihn an das „Deutsche Opernhaus“ band, unterzeichnet hatte, war er noch weniger wie früher in seinem Heim anzutreffen.
Heimlich vor der Tochter hatte sich die Kommerzienrätin erkundigt, ob ihn die Proben zur Zeit so voll, wie er behauptete, in Anspruch nahmen. Und die gewonnene Auskunft mußte es bestätigt haben, denn sie widersprach Frau Elfriede nicht mehr, wenn die über die Grausamkeit der Spielleitung zu klagen begann. mdash;
Im übrigen betrachtete sie diese Erkrankung, die ja, Gottlob, bald zur Genesung werden sollte, als ihr Geschenk, das sie dankbar genoß. Ihre Befürchtungen waren auch geringer geworden, seitdem sich die Tochter endlich bereit gefunden, während einiger Wintermonate mit ihr nach St. Blasien zu gehen. Der wöchentlich einmal zu dem Hausarzt hinzugezogene Professor erklärte sich mit dem Verlauf durchaus zufrieden und die junge Frau selbst fühlte, außer der Mattigkeit, keinerlei Beschwerden.
Heute hatte sie sogar heimlich das Bett verlassen, um mit dem Gatten das Mittagsmahl in dem feierlichen Speisezimmer einzunehmen. Sie brach aber unter den geschickten Händen der Jungfer, die sie für die Ausführung ihres Planes gewonnen, zusammen.
Nun ruhte sie längst wieder in den kostbaren Kissen und lauschte auf den Tritt ihres Mannes, der sogleich hörbar werden mußte. Denn Paul Karlsen wollte ihr den Rest dieses Tages zum Geschenk darbringen. Die Proben fielen aus, ein paar von der Kollegenschaft sehnlichst begehrte Aussprachen hatte er, nach seinem Bericht, abgesagt. Deshalb blieb auch die Kommerzienrätin heute fern. Nur der übliche Morgengruß, ein Strauß frischgeschnittener Herbstblumen aus dem Heimatsgarten standen auf der Glaseinlage des Nachttisches.
Vor dem Ruhelager stand ein zierlicher, mit bunten Weinranken und flammendem Mohn geschmückter Tisch mit zwei Gedecken. Die drei von schweren weißen Perlen gehaltenen rosa Schalen brannten und erfüllten alle Gegenstände mit warmem, erwartungsvollem Leuchten.
Sie wußte, wie sehr ihres Mannes Stimmung von äußeren Dingen abhängig war. Hatte unzählige Mal erlebt, daß ihn ein trüber Tag – ein klagendes Wort, – ja, selbst eine unfrisch gewordene Blume in den Vasen reizen und niederdrücken konnte. Darum sollte ihm alles entgegenstrahlen wie zu einem Feste.
Selbst der graue Tag hatte sich gegen Mittag aufgehellt. Ein frischer Wind fegte die letzten Wolken zusammen und warf sie in das Nichts. Die Rolläden wurden jetzt emporgezogen. Der buntfarbige Schein des wilden Weins vermählte sich mit den rosa Schleiern zu einer verschwimmenden Farbe von unbeschreiblichem Reiz.
Die junge Frau dachte daran, daß sie in diesem Herbst eigentlich mit dem Gatten in das kleine Landhaus am Scharmützelsee hatte flüchten wollen, um wie eine richtige Hausfrau selbst die Mahlzeiten zu bereiten, während er auf der dazu gekauften ergiebigen Jagd das Wildpret für den nächsten Tag erlegte! Dies kleine Märchen, mit dem sie ihm, sehr gegen den Willen der Mutter, einen langgehegten Wunsch erfüllte, war für sie zu einer Quelle beständiger Sehnsucht geworden.
Denn Paul Karlsen verbrachte seither die wenigen Mondscheinnächte, die ihm keine Berufspflichten auferlegten, im Anstand auf der Wildkanzel, und sie durfte ihm lediglich mit jedem ihrer Gedanken auf diesen Streifzügen begleiten.
Gerade wollte sich ein tiefer, schmerzlicher Seufzer gegen die Härte des Geschicks auflehnen, als ein leichter, federnder Schritt vor ihrer Tür erklang.
Im Augenblick veränderte sich ihr Gesicht. Von innen heraus kam das Strahlen, übergoß nun auch sie mit dem Schimmer rosigen Lebens – tuschte ein liebliches Rot auf ihre Wangen und setzte glänzende Lichter in ihre Augen, die ihm entgegen lachten.
„Wie schön, daß du endlich da bist, Paulchen.“
Er küßte ritterlich ihre Hand und warf sich, ehe er ihr gegenüber Platz nahm, mit einem kleinen fröhlichen Jauchzer, der sie unbeschreiblich glücklich machte, auf das kostbare Fell des Eisbären, welches ein zweites breites Ruhebett deckte.
„Du bist eine ganz raffinierte Person, Elfchen! Direkt gefährlich hast du’s gemacht!“
„Gefällt es dir wirklich, Paulchen?“
„Es ist – nee – stimmungsvoll wäre nicht das richtige Wort! Warte mal –“ und er dachte scheinbar darüber nach, während er in Wahrheit überlegte, wie er ihr nachher glaubhaft machen könne, daß er nun doch nicht den ganzen Nachmittag und Abend an ihrem Lager verbringen werde.
Die feine, gepflegte Hand sank herab.
„So – jetzt hab ich’s! Raffiniert drückt es auch nicht voll aus. Sagen wir mal – verliebt –“
„Das bin ich aber gar nicht in dich.“
„Erlaube mal! Mein gutes Recht habe ich mir noch nie kürzen lassen.“
„Ich habe dich lieb,“ sagte sie mit rührender Schlichtheit.
Er hatte genau gewußt, daß sie dies erwidern würde, wie sie ihm überhaupt keinerlei Ueberraschungen zu bereiten vermochte. Auch diesen wirklich netten Ausputz hatte er ganz bestimmt erwartet. Es rührte ihn gewiß, aber langweilig blieb die ewig gleiche, dienende Unterwürfigkeit und Anbetung dabei doch.
„Du bist ein gutes, liebes Tierchen,“ lobte er freundlich, „erwähle dir eine Extrabelohnung.“
„Darf ich sehr unbescheiden sein, Paulchen?“
„Wollen mal sehen,“ machte er lässig.
„Dann lies mir, nachdem wir gegessen und du dich gründlich geruht hast, etwas vor. Besondere Wünsche wage ich nicht. Deine Stimme erfüllt ja alles, auch das, was mich früher nicht fesseln konnte, mit unvergleichlichem Glanz.“
Es schmeichelte seiner Eitelkeit. Aber – ihr vorlesen – gräßlich langweilig! Neue Hinweise fand die gute, kleine Frau doch nicht heraus. Lernen konnte er also dabei nichts. Im voraus fühlte er ihre grenzenlose Bewunderung – sah förmlich, wie sie, überwältigt von seiner Begabung, in Tränen ausbrach und schließlich ihre Arme um seinen Hals schmiegen wollte.
Da war die kleine Teufelin, das Evachen, eine andere Zuhörerin. Die junge Dresdener Künstlerin hatte neben ihm in den Meistersingern gewirkt. Nun weilte sie zwar längst wieder an ihrem Hoftheaterchen und zeigte vorläufig nicht die geringste Lust, dies gegen ein anderes, und sei es selbst dasjenige, an dem er glänzte, einzutauschen. Heute war sie auf der Durchreise in Berlin und, wie ihm ihr Telegramm mitteilte, gern bereit, ihm im Esplanade ein langbemessenes Plauderweilchen zu gewähren.
„Schön,“ sagte er endlich gönnerhaft, als sei er nun mit dem Nachdenken fertig, „was nehmen wir also? Goethe, ja? Ein bißchen sollst du noch vor Tisch naschen!“
Sie nickte mit leuchtenden Augen – und wartete.
Er dachte einen Augenblick daran, ihr einfach von einer dringenden beruflichen Zusammenkunft zu erzählen, die ihm morgen sehr viel Zeit fortnehmen würde. Dann aber schob er diesen Gedanken vorläufig zurück. Vorsichtig begann er das herbeigeholte Buch aufzuschlagen und fuhr mit den Fingern über die einzelnen Gedichte, als liebkose er sie.
„Hören wir mal die Epigramme, die der Meister in Venedig schuf.“ Und er begann träumerisch und weich das Dritte:
Immer hat mich die Liebste begierig im Arme geschlossen,
Immer drängt sich mein Herz fest an den Busen ihr an.
Immer lehnt ihr Haupt an meinen Knien. Ich blicke
nach dem lieblichen Mund, ihr nach den Augen hinauf.
Sie war wie berauscht. Die Freude, weil dieser Begnadete ihr gehörte, beschleunigten ihren flatternden Herzschlag noch mehr. Dies zarte Geständnis – auch seiner Liebe – entschädigte sie für vieles, um das sie zuweilen andere junge Frauen glühend beneidete. War ihr Glück dafür nicht auch tausendmal vielfältiger und reicher?
Als er jetzt verstummte, wollte sie so fröhlich lachen, wie er es gern hatte, einen Scherz versuchen, damit die von ihm bespöttelte Weichheit fernblieb.
Und sie konnte doch nur haltlos und überglücklich weinen! Es half nichts, daß sie sich sofort seine lebhafte Abneigung gegen alle Tränen, die nicht auf der Bühne vergossen wurden, klarmachte. Unaufhaltsam strömten die Tropfen über ihr Gesicht und löschten alle trügerische Frische fort.
Wie durch einen Schleier gewahrte sie, daß er seinen Mund mißbilligend verzog. Todesangst ergriff sie, der schöne sehnsüchtig erwartete Tag möchte ihm zu einer großen Enttäuschung werden!
„Ich bin zu glücklich,“ entschuldigte sie sich leise.
Er war aufgestanden und zu ihr getreten.
„Matt bist du, mein Kleines und ich, alter Tölpel, gebe mich zu dieser unprogrammäßigen Aufregung auch noch her.“
„Du willst doch nicht sagen –“ Ihre Stimme zitterte ängstlich.
„Daß ich unmöglich den langen geschlagenen Nachmittag oder gar noch den Abend deine angegriffenen Nerven quälen darf, so schwer mir ein freiwilliger Verzicht auf diese famosen Stunden auch wird.“
„Paulchen, ich flehe dich an! Glaube mir doch, es ist nichts, als die große, große Freude, dich heute bei mir haben zu dürfen.“
„Der Meergreis von Hausarzt, der dich kennt, solange du überhaupt da bist, hat mir strengste Ruhe und Schonung für dich zur heiligsten Pflicht gemacht.“
„Aber ich ruhe mich ja gerade bei der Musik deiner Stimme aus! Höre nur, wie wundervoll artig mein Herz geht.“
Lachend schüttelte er den Kopf. „Davon verstehe ich nichts, Elfchen! Ich weiß jetzt lediglich, daß es dein Wohl gilt. Höchstens zwei Stunden insgesamt bleibe ich bei dir. Dann entschwinde ich. Du schläfst fein ein und träumst von mir, wenn nicht besser von unserm Altmeister Goethe.“
„Das besorge ich an sämtlichen andern Tagen schon, Paulchen,“ beharrte sie in fieberhafter Unruhe. „Dies heute ist mein Festtag, den ich nicht hergebe.“
„Sei nicht kindisch, dumme, kleine Frau.“
Sie richtete sich auf und blickte ihn fast streng an.
„Ich werde sofort aufstehen und mich ankleiden lassen. Jawohl, das mache ich! Ganz bestimmt, wenn du grausam bleibst.“ Er lenkte ein.
„Gut, dann will ich auch noch den Nachmittagstee bei dir nehmen. Aber – Hand her. Kein Wort hinterher zu deiner Mama oder zu dem Meergreise! Auch der häusliche Detektiv muß ahnungslos bleiben. Für ihn verschwinde ich gleich nach dem Mittag, das hoffentlich nicht mehr allzu lange auf sich warten läßt. Denn, verzeih, Kleines, aber ich habe einen Bärenhunger.“
Er sprach den Speisen mit dem Appetit eines beneidenswerten Gesunden zu, der eine beträchtliche Menge braucht, um sich den Ueberschuß seiner Kraft zu erhalten. Seiner Stimme zu liebe war er ein sehr mäßiger Trinker. Und dies blieb das einzige Opfer, das er brachte. Denn er liebte einen guten Tropfen bei lustiger Gesellschaft und brauchte ihn eigentlich zur Anreizung noch mehr, wenn sie fehlte. Darum hatte er bei jeder der Hauptmahlzeiten einen Kampf mit sich zu bestehen, der schließlich eine erhöhte Reizbarkeit auslöste.
Heute beschloß er eine Ausnahme zu machen.
Er hob den Sekt aus dem Kühler und war im Begriff den Kelch seiner Frau zu füllen, als er, noch ehe er begonnen, die Flasche wieder steil emporhielt.
„Die Zufuhr von jeglicher Flüssigkeit muß bei dir – nach den Herrn Aerzten – möglichst beschränkt werden. Das Herzchen darf sich nicht überarbeiten.“
Sie zog ein Schmollmäulchen.
„Nur ein einziges Glas, Paulchen. Wir haben uns ja ohnehin schon gegen Mama, den Arzt und den Alten verschworen.“
„Nun, dann will ich ausnahmsweise großmütig sein. Schaden kann es eigentlich kaum. Trinke einen tüchtigen Schluck und dann berichte wahrheitsgemäß von seiner Wirkung.“
Weil sie fühlte, wie sehr sie einer Stärkung bedurfte, leerte sie den Kelch hastig. Er drohte ihr scherzhaft.
„Leichtsinn du! So war’s nicht gemeint.“
Bittend schob sie ihm das schlanke Glas herüber. „Noch einmal, ja?“
„Auf gar keinen Fall, Frau Elfriede.“
„Ich sollte doch Bericht geben. Wie aber vermag ich das. Kaum ein Fingerhut voll war es.“
Er tat ihr mit einem nachsichtigen Lächeln den Willen.
Sie stießen miteinander an. Ihre Lippen röteten sich.
„Jetzt mußt du auch tüchtig essen,“ forderte er und häufte ihr den Teller. Das hatte er noch nie getan. Es erfüllte sie mit heißer Dankbarkeit. Gehorsam begann sie. Aber es ging nicht.
„Ich bin immer noch zu durstig,“ gestand sie mit einem verlegnen Seufzen. „Gib mir noch etwas. Merkst du nicht, wie es mich erfrischt?“
„Habe ich mich denn verhört, daß dir die vereinigte Macht der Aerzte alle Flüssigkeitsaufnahme streng beschränkte,“ fragte er gedankenlos und vergaß, daß er es bereits vorher, als feststehend, erwähnt hatte. „Gewiß, ich irre mich. Denn du bist doch sonst verständig und folgsam wie eine kleine Musterschülerin.“
„Das hast du entschieden geträumt, Paulchen. Vor ein paar Wochen, ja, da hat die ärztliche Obrigkeit etwas Aehnliches gesagt. Das Verbot hat längst ausgewirkt. Heute ist es also mein gutes Recht.“ Warm und wohlig durchrieselte sie das edle, berauschende Getränk. Auch er begann sich behaglich zu fühlen. Im Allgemeinen war’s doch recht hübsch, daß er es so weit gebracht hatte. Einige Unbequemlichkeiten gab es freilich zu überwinden. Die scharf äugende Schwiegermama – der Detektiv von Diener und zuweilen sogar die kleine, verliebte Frau. Denn sie war rechtschaffen wie ein Backfisch in ihn verliebt, trotz ihres großartigen Protestes. Zu einem richtig flammenden machtvollen Gefühl reichte ihr bißchen Kraft nicht aus.
Sie merkte, daß er fröhlich wurde. Das spannte ihre Kräfte an und ließ sie nichts denken, als daß er voll glücklich sein möge. Die leise, geschickte Jungfer bediente heute bei Tisch. Daß der Alte bei den sterbenden Malven stand und scharf ins Zimmer hereinspähte, konnten sie nicht ahnen, denn sie waren beide mit sich und den prickelnden Tropfen zu sehr beschäftigt.
Paul Karlsen blieb auch bei ihr, als das kleine Mahl beendet war.
„Jetzt mußt du deine Havanna rauchen,“ drängte sie liebevoll.
„In deinem Krankenzimmer? Nee, mein Schatz so ungeniert betrage ich mich denn doch nicht –“
Sie hatte aber schon ein verborgen gehaltenes Schächtelchen mit Zigarren hervorgeholt.
„Heute kommandiere ich, mein Lieb.“ Lachend ließ er sich die schwere Havanna von ihr entzünden.
„Wenn uns jetzt deine Vorgesetzten sehen, Kleines.“
„Ich erkenne nur dich an und sonst niemand.“
„Na, na,“ machte er mit erhobenem Finger.
„Soll ich dir eine Probe von meiner Unfolgsamkeit gegen sie alle ablegen?“
„Das wirst du gefälligst unterlassen. Es wäre wahnsinnig, wenn du in deiner Lage eine Unvorsichtigkeit begingest.“
Ein schmerzhafter Stich durchzuckte ihr Herz. In deiner Lage? O, wie sie die beständigen Hinweise auf ihre Schonungsbedürftigkeit haßte.
Freilich hatten sie nicht immer den gleichen Klang! Die Mutter wählte zarte Umschreibungen dafür. Der alte Hausarzt bezeichnete es einfach mit den verschiedenen sanften, warnenden oder empörten O–o! Der alte treue Diener wagte zuweilen ein leises, flehendes aber. Sie meinten in allen Fällen das Gleiche.
„Nämlich, nimm dich in Acht. Sonst –“
Sie dachte plötzlich mit der Empfindung aufrichtigen Mitleids an alle, die einen frühen Tod erleiden mußten. Auch an die Schwestern, die sie noch lebhaft in der Erinnerung als stille, bleiche, ungeliebte Wesen hatte.
Sie aber wurde geliebt wie kaum eine zweite Frau, war glücklich und dachte noch lange nicht an das Sterben! Dies bißchen Unpäßlichkeit. Nun, was hatte dies zu sagen? War nicht diese oder jene aus ihrer Bekanntschaft ebenfalls eine Zeitlang bleichsüchtig und matt gewesen?
Sie wollte gesund und stark werden. Für sich und den Liebsten und all das, was vielleicht die Zukunft noch für sie bereit halten würde. Und beweisen wollte sie ihm ebenfalls, wie unnötig und übertrieben die ewige Bevormundung sei!
Sie rang sich auf und lief zu ihm! Er lag auf dem kostbaren Eisbärenfell und paffte runde, kunstgerechte Ringel in das Rosa der Luft.
Es stieg ihr wie Lachen auf, aber sie mußte husten, als solle sie ersticken.
„Leichtsinn,“ schalt er. Aber auch er lachte dabei.
Sie begann, durch den ungewohnten Genuß des Sektes angeregt, durch den eigenen Willen hochgehalten, zu tollen und wieder zu lachen, zerrte eins der seidenen Kissen unter seinem Kopf hervor, warf es gegen sein Gesicht und stand einen Augenblick mit wogender Brust – atemlos von der ungewohnten Anstrengung mit einem Gefühl heftigen Schwindels.
Als es überwunden war, ohne daß er etwas davon gemerkt hatte, erhöhte sich ihre Ausgelassenheit noch. Ein Rausch glühte in ihr. Dann wurde sie mit einem Schlage ganz matt. Er fühlte ihren leichten Körper schwer und immer schwerer in seinen Armen und trug sie auf ihr Lager zurück. Dort lag sie regungslos unter dem Geriesel der feinen Spitzen.
„Jetzt sagst du lange Zeit kein einziges Wort,“ befahl er. „Ich werde nicht weiter ruhen, sondern wieder lesen. Also, weiter im Text mit unserm Goethe.“
Sie strengte sich umsonst an, ihm zu folgen. In bleischwerer Müdigkeit sanken ihre Lider zu. Es war sehr still. Denn auch Karlsens weiche, schmeichelnde Stimme klang wie ein Streicheln, das alles noch sanfter machte. Er sah nach einer Weile zu ihr hin und entdeckte, daß sie eingeschlafen war.
Sobald er verstummte, öffnete sie die Augen und starrte ihn mit seltsam leeren Blicken an. Es war ihm auch, als röchele sie leise. Er ging nicht zu ihr, um sie zu befragen, ob sie Schmerzen habe, aber er begann wieder zu lesen, bis er endlich, heftig und mißmutig, das Buch zuklappte und sich erhob. Da öffneten sich ihre Lider von neuem. Diesmal streckten sich in zitternder Bewegung die Arme nach ihm aus.
„Paulchen.“ In traumverlorener Bitte klang sein Name. Da ging er großmütig an ihr Lager und küßte sie.
„Schlaf weiter, kleine, müde Frau!“
Ihre Lippen waren so kühl, daß er zusammenfuhr. Ihr Gesicht ähnelte, nun die Röte der Erregung daraus geschwunden, einer geblichenen Maske. Wie sein Mund den ihren berührte, lächelte sie dankbar.
Unter dem feinen Batist der losen Jacke sah er das stoßweiße Zucken des matten Herzens – merkte, wie ihre blassen Lippen nach einem tiefen, erlösenden Atemzug dursteten. Mit kaltem Schrecken durchrieselte ihn der Gedanke, daß plötzlich eine Verschlechterung eingetreten sein könne, die ihn ans Haus fesseln mußte. Ihn zog es unwiderstehlich fort – ins Esplanade.
Er wollte der Jungfer von seiner Befürchtung Mitteilung machen, ehe er verschwand. Sah dann aber ein, daß er ihr lediglich von seinem Ausgange sagen könne, damit sie sich zu der Kranken begebe. Sein mehrmaliges Läuten nach ihr blieb indessen wirkungslos. Nur der alte Diener erschien. Ohne stehen zu bleiben, rief er ihm, nur den Kopf zurückwendend, zu:
„Die gnädige Frau hat mit bestem Appetit gegessen und jetzt schläft sie herrlich. Ich fahre nach dem Scharmützelsee hinaus, um auf den Rehbock zu gehen. Melden Sie das der Frau Kommerzienrat.“
Eine Antwort erhielt er nicht. Ungeduldig stürmte er durch den Vorgarten, ohne zu sehen, daß sich über das alte Gesicht im Vestibül eine heimliche Träne stahl!