17.
Auf dem gärtnerischen Hätschelkinde des neueren Charlottenburgs, dem Savigniplatze, rief ein alter Invalide eine Neuigkeit aus dem Morgenblatte aus. Eva von Ostried wartete hier seit geraumer Weile auf ihre Bahn; als die heisere Stimme an ihr Ohr schlug, streckte sie mechanisch die Hand aus und kaufte ein Blatt.
Zuerst überflog sie die fettgedruckte Ueberschrift ohne sonderliches Interesse. Dann aber las sie mit scharfer Spannung und konnte nicht gleich voll begreifen:
„Kurz vor Redaktionsschluß ging uns die folgende Nachricht zu, die eine angesehene und sehr wohltätige Dame der Berliner Gesellschaft in tiefe Trauer versetzt. Als sich gegen acht Uhr abends in einem zuvor für diesen Zweck bestellten Zimmer im Hotel Esplanade die uns von der letzten Aufführung der „Meistersinger“ her als vollendetes „Evachen“ bekannte Dresdener Kammersängerin J. P. mit dem neuen Heldentenor des Charlottenburger Deutschen Opernhauses, Herrn P. K., zu einem Imbiß niedergelassen hatten, erzwang sich eine auffallend gekleidete Person den Eingang in diesen Raum und schoß den vielversprechenden Künstler nieder. An einem zweiten Schusse, den sie im Begriff stand, auf seine Begleiterin abzugeben, konnte sie glücklicherweise gehindert werden. Der sofort herbeigerufene Arzt vermochte leider nur noch den Tod des hochbegabten Sängers festzustellen. Aus eigner Ueberzeugung wissen wir, daß dem heimgegangenen Künstler eine glänzende Laufbahn sicher war, die das grauenhafte Verbrechen jäh zerstörte. Die Personalien der Mörderin waren bis zu dieser Stunde noch nicht festzustellen, weil sie hartnäckig jede Auskunft über ihre Person verweigerte. Der Direktor des Hotels glaubt in ihr eine frühere Chansonette zu erkennen. Ob dies richtig ist, bleibt abzuwarten. Dagegen erfahren wir zuverlässig, daß am Nachmittag desselben Tages, also noch bevor das Schreckliche geschah, die junge, seit langer Zeit schwer leidende Gattin des Künstlers in ihrem schönem Heim im Grunewald einem Herzschlag erlag. Ihr plötzlicher Tod steht in keinerlei Zusammenhang mit dem Vorfall. Sie war die einzige noch lebende Tochter der eingangs erwähnten Frau Kommerzienrätin E., die mit ihr nun auch das letzte Kind verliert, nachdem vor Jahren ihre beiden älteren Töchter von einer heimtückischen Krankheit dahingerafft wurden....“
Eva von Ostried setzte sich auf eine der Bänke, vor denen eine Schar Kinder spielten. Sie war bestürzt, denn Karlchen war das Opfer seiner Schuld, und wieder flammte es in riesenhafter Schrift vor ihr auf: „Der Uebel größtes...“ Und diesmal vervollständigte sie ruhig und fest „aber ist die Schuld“. Seitdem sie ihr Lebensglück opfern mußte, fand sie keine Strafe dafür zu groß. Es verging kein Tag, an dem nicht der heiße, zwingende Wunsch zur Sühne in ihrer Seele flammte.
Als Eva von Ostried nach Hause kam, fand sie die Hausgenossin scheinbar unverändert am Herde walten. Das gewährte ihr eine vorübergehende Erleichterung. So legte sie die Arme um die schmalen Schultern und führte Gretchen Müller sanft in das kleine Zimmer, in das die liebe Sonne und das bunte Herbstlaub der alten Parkbäume hineinschienen.
„Ich habe Ihnen das Versprechen gegeben, Sie niemals, wie die Andern, durch eine Frage zu quälen, Fräulein Gretchen“, begann sie unsicher. „Denn es muß alles seine Zeit haben, um heilen zu können, Gretchen. Und wir haben es deshalb noch nie in Worte gefaßt – – ich weiß aber, wie nahe Ihnen Paul Karlsen einst gestanden hat...“
„Ich habe ihn sehr lieb gehabt. – – Das ist lange, lange her...“
„Und jetzt...“
„Sie wollen mir sagen, daß er tot ist, nicht wahr?“
„Sie wissen bereits?“
„Ich habe alles gelesen,“ antwortete das Mädchen.
Sie schauerte zusammen. „Ich habe ihn verachtet – ihm geflucht – und doch – im innersten Herzen liebte ich ihn weiter. Warum das sein muß, weiß ich nicht. Ich schämte mich, daß ich mich heimlich von ihm küssen ließ, daß ich den Meinen Kummer und Schande machen mußte. Ich löste mich eines Tages von ihm, schlug und spie nach ihm, und habe doch immer nach seinem Anblick Sehnsucht gehabt. Keinem könnte ich das sonst sagen, wie Ihnen. Als ich ihm folgte, wollte ich nichts anderes, als daß er mich bald zu seiner Frau machen würde. Daß er nicht mehr frei war, erfuhr ich viel später. Seitdem hat er mich nicht mehr berühren dürfen. Tagelang habe ich gehungert, weil ich sein Geld verachtete; denken Sie doch, das Geld seiner Frau! Kannten Sie sie? Ja? Wie sah sie aus? Ich denke sie mir wie ein Kind, das weder einen eigenen Willen noch ein eigenes Leben hatte.“
„So ist sie wohl gewesen?“
„Ihr Vertrauen zu ihm muß grenzenlos gewesen sein. Darüber wurde eines Tages in dem Kreis, in den er mich einführte, hinter seinem Rücken viel gespöttelt. Dadurch habe ich davon erfahren....“
„Nur darum ist sie schrankenlos glücklich gewesen und auch geblieben, Gretchen.“
„Glauben Sie an ihr Glück?“
„Ich habe es gefühlt,“ sagte Eva von Ostried und erzählte ihr, wie sie die junge zarte Frau kennen gelernt.
„So glauben Sie nicht, daß sie etwas von mir geahnt hat?“
„Auf keinen Fall. Er war zu gewandt und zu klug, um ihr nicht die vollendete Komödie des treuen Ehemannes vorzuspielen.“
„Dann wird sie mir auch niemals geflucht haben.“
„Nein, mein Kleines, das konnte sie bestimmt nicht tun, weil sie ahnungslos war. Wäre sie es aber selbst nicht geblieben – hätte sie im Laufe der Zeit einsehen müssen, daß seine Treue weniger wie ein fadenscheiniges Tuch darstellte, dazu hätte weder ihre Kraft noch ihre Veranlagung ausgereicht. Was sie an Gefühlsstärken besaß, gehörte ihm.“
„Können Sie sich vorstellen, daß ich am meisten um diese arme, stille, vertrauensselige Frau gelitten habe?“
„Ja, das kann ich! Es war aber unnötig.“
„Nun ist sie gestorben, ohne dies erleben zu müssen...“
„Das erscheint mir als ihr größtes Glück. – Ich muß heute noch meine Rechnungsbücher abschließen, Kind,“ meinte Eva dann in verändertem, ruhigen Tone. „Es ist sehr viel nachzutragen. Und Briefe muß ich ebenfalls schreiben. Denn bald geht es zu den beiden Konzerten nach München. Ich möchte Sie gern mitnehmen. Könnten Sie sich jetzt nicht leichter entschließen?“
„Meine Angst vor der lauten Welt ist trotzdem größer geworden,“ gestand Gretchen Müller beschämt. „Aber auch, wenn ich meine Bangigkeit bekämpfen könnte, wäre die Qual zu groß für mich.“
„So elend fühlen Sie sich wieder?“
„Das wäre übertrieben. Ich bin nur dauernd sehr müde. Sehen Sie, jetzt könnte ich zum Beispiel auf der Stelle einschlafen. Und nachts in der gegebenen Zeit vermag ich kein Auge zu schließen.“
„Ich mache mir bittere Vorwürfe, daß ich Ihnen nachgab und den Arzt lange Zeit nicht befragte.“
„Glauben Sie wirklich, daß er mir noch helfen kann?!“ Sie lächelte. Das gab ihrem durchsichtigen Gesicht den gleichen, unendlich rührenden Ausdruck, wie ihn die Heiligen auf den alten, steifen Bildern in Kirchen besitzen.
„Sie sind zu viel allein, Gretchen.“
Eva von Ostried rechnete wirklich. Es war dasjenige, was ihr zu erlernen am schwersten geworden war. Wenn sie rückwärts dachte, hatte sie von jener Summe keinen Pfennig zu irgend einem unnützlichen Vergnügen verbraucht. Und doch schmolz das Geld erschreckend zusammen.
Der Sommer hatte ihr im Verhältnis wenig Einnahmen gebracht. Die schwerreiche Schülerin im Grunewald verlobte sich und verlor die Lust zu weiterem Lernen. Ihre Lehrer forderten mit dem Steigen aller Werte bedeutend höhere Honorare....
Es wäre aber dennoch nur ein Teilchen über die Hälfte entnommen gewesen, hätte sie Gretchen Müller nicht Obdach und Pflege gewährt. Zuerst entnahm sie für diesen Zweck der kleinen Tasche skrupellos Schein um Schein. Bis sie plötzlich mit jähem Entsetzen merkte, daß sie nur noch zwei enthielt. Die Leidende mußte nach der strengen Forderung des Arztes, ohne daß sie einen klaren Begriff davon bekam, auf das Sorgfältigste gepflegt werden. Der Leidenden einfach zu eröffnen, daß es ihr – leider – nicht länger möglich sei, sie zu behalten, erschien ihr mehr als grausam. Ja, ihr Herz wollte es auch nicht zugeben! Sie hing an dem stillen scheuen Wesen.
München mit der Einnahme der beiden Konzerte stand zwar in naher Aussicht. Wer aber vermochte den Ertrag im Voraus zu berechnen?! Es brauchten nur ungewöhnlich zahlreiche Darbietungen der ähnlichen Art zusammenzutreffen, dann war das Ergebnis bei weitem nicht das erhoffte. Das Honorar für den neunten November, in dem sie im Blüthnersaal singen würde, war zwar festgelegt, aber nicht sonderlich hoch bemessen. Ihr war es mehr auf das Zusammenwirken mit dem bekannten Künstlertrio wie auf die Einnahmen angekommen.
Wie sollte sie also jemals imstande sein, mit Zins und Zinseszins, wie sie es sich zur Lebensaufgabe gemacht, alles zurückzugeben? Die heimliche Not wuchs zuweilen so mächtig, daß sie sie in alle Welt hätte hinausschreien mögen.
Und doch wachte sie mit ängstlicher Sorgsamkeit über jedem ihrer Worte, meinte oft genug aus einer unschuldigen Frage oder einem bedeutsamen Blick ein Ahnen ihres Frevels herauszulesen.. Sie arbeitete und lernte nur noch wie ein Automat! Einmal mußte ja doch alles anders werden!
Sollte sie sich jetzt noch der Bühne zuwenden?
Das sonderbare Erschauern durchkältete sie von neuem. Ihre Keuschheit kämpfte dagegen an. Aber war sie nicht schön? Liefen ihr die Männer nicht in voller Bewunderung nach? Nur ihres ermunternden Lächelns hätte es bedurft, um die Fäden zu knüpfen. Sie mußte ihr Leben von Grund auf ändern. Die Gleichgültigkeit gegen die kleinen Geschehnisse des Daseins fortan bekämpfen. Da lag zum Beispiel noch uneröffnet die schon vor Stunden angekommene Post.
Weltbewegendes war nicht darunter. Ein Schüler sagte für diesen Nachmittag seine Stunde ab und erbat sich eine andere Stunde dafür. Das brachte wieder Mühen und Aenderungen in Menge. Ihr theoretischer Lehrer fragte an, ob sie eine in der Berliner Gesellschaft durch Schönheit und Geld wohlbekannte Gräfin regelmäßig zum Gesang begleiten wolle. Sie zahle ausgezeichnet. Dazu verspürte Eva von Ostried nicht die geringste Lust, so gern sie auch ihre Einnahmen vergrößert hätte. Ihr Stolz bäumte sich auf. In dem Bewußtsein ihrer Künstlerschaft empfand sie das Anerbieten als eine Beleidigung. Freilich war es gut gemeint, denn sie hatte neulich in seiner Gegenwart einen vernehmlichen Seufzer über die wachsenden Ausgaben getan.
Eine Handschrift auf dem graugetönten steifen Leinenumschlag war ihr fremd und nicht angenehm. Sie zeigte so viel Schnörkel und Haken, als wisse der Schreiber nicht voll mit sich Bescheid. Es war der Brief des Waldesruher Majoratsherrn, der sie für Mittwoch nächster Woche zur Teilnahme an der Familiensitzung der Ostrieds in das Haus Adlon einlud.
Früher hätte sie ihn achtlos bei Seite geschoben. Ihre einzige Empfindung wäre möglicherweise eine berechtigte Bitterkeit gewesen, daß sich das gesamte edle Geschlecht niemals um ihr Wohl bekümmert habe. Eine Erinnerung aus ihrer Kinderzeit an zwei Erscheinungen, die ihr damals wie aus Holz geschnitzt erschienen, tauchte auf. Die beiden steifen, stummen Gestalten thronten eines Tages an der Spitze der elterlichen Mittagstafel. Zwischen ihm hatte ein rothaariges, kleines Mädchen von ihrem Alter Platz genommen, das sie lebhaft an ihren toten Goldfisch erinnerte. Dessen Augen hatten aus dem gläsernen See ebenso blaß, rund und erstaunt geblickt, wie diejenigen der schweigsamen Puppe.
Sie hatte die beiden Steifen mit Großtanten anreden und ihnen die Hand küssen sollen. Das war ihr aber nicht möglich gewesen, weil sie ein heftiger Widerwille geschüttelt hatte.
Ihr zarte, scheue Mutter hörte mit ängstlichen Augen den späteren Erklärungen der ungebetenen Gäste zu, die wiederholt betonten, daß sie lediglich des gebrochenen Wagenrades halber hier Einkehr gehalten hätten.
Der Vater hatte zuvor in den Ställen seine Wut über den unerwünschten Besuch ausgetobt. Aber nachher küßte er selbst die häßlichen Hände aus Holz. Und dann waren sie plötzlich wieder fort gewesen! Näheres erfuhr die kleine Eva über den kurzbemessenen Besuch von keiner Seite. Nur wenn sie ungehorsam war, schreckte sie die Kinderfrau mit der Drohung. „Warte, die gnädigen Großtanten sollen schon wiederkommen....“
Es traf aber nicht ein. Es kam seitdem überhaupt Niemand mehr von der Verwandtschaft! Noch einmal überlas sie das Schreiben. Ihm fehlte jede persönliche Bemerkung. Auch wurde eine Antwort auf diese Einladung nicht erwartet. Wer nicht erschien und auch keinen Einspruch gegen den bekannt gegebenen Tag erhob, unterwarf sich dem von der Mehrheit der Anwesenden gefaßten Beschluß.
Heute überlegte Eva von Ostried mit einem Gefühl der Genugtuung, daß es ihr gutes Recht sei, unter diesen Andern zu sitzen und mitzustimmen. Ihr Einspruch würde genügen, um einen neuen Tag in Vorschlag zu bringen. Diese Feststellung befriedigte sie. Seitdem sie jene Schuld auf sich geladen, verlangte sie heißhungrig nach äußerer Anerkennung ihrer Standesrechte. Wenn es sich also mit ihren Pflichten vereinen ließe, würde sie vielleicht dieser Einladung nachkommen.