18.
Der Generalleutnant a. D. Jeschko von Ostried, Exzellenz, zog zum dritten Male die Uhr aus der Tasche, warf einen scharfen Blick über die mit ihm an der gleichen Tafel Sitzenden und stellte fest: „Vier Uhr genau!“ Dann wartete er noch eine Minute und erhob sich.
„Als Aeltester der hier anwesenden männlichen Ostrieds eröffne ich hiermit den Familientag unseres Geschlechts und begrüße Alle an dieser Stelle.“.... Hier unterbrach er sich und sah aus strengen, eng zusammengeschobenen Augen auf den plötzlich erscheinenden alten Diener des Kummersbacher Vetters, der die verschiedenen Ostrieds im Vestibül zu empfangen und hierher zu weisen hatte. „Der Kummersbacher kann seine Untergebenen keine Subordination lehren“, dachte er grimmig, während er nervös mit der Rechten auf der Tafel herumtrommelte.
„Es ist noch eine Dame angekommen, die sich Fräulein Eva von Ostried nennt“, meldete der Alte gemütlich. „Soll ich sie hereinführen, Euer Exzellenz?“
„Nein,“ schrie der Generalleutnant, „denn nach der vollzogenen Eröffnung brauche ich das nicht mehr zu gestatten.“
„Mach’ dich nicht lächerlich, Vetter,“ warf der Besitzer der Herrschaft Kummersbach, Mitglied des Herrenhauses, launig dazwischen und blinkte seinem getreuen Hermann verständnisinnig zu.
„Los... hopp!“
Die Falkenaugen des alten Soldaten blitzten und die Adlernase stach gefährlich in die Luft. Das zurechtweisende Wort erstarb ihm aber auf den Lippen. In diesem Augenblick öffnete sich nämlich zum zweiten Mal die Tür und ließ eine junge, auffallend schöne Erscheinung sehen.
„Um vier Uhr genau ist der Beginn der Verhandlung in jeder Einladung festgesetzt. Wer sind Sie überhaupt, wenn ich fragen darf,“ rief ihr die Exzellenz entgegen.
„Es schlägt soeben vier Uhr,“ sagte die Nahende ruhig und trat dicht an den Ehrenplatz und damit zur Seite des Generalleutnants. Ihr Kopf wandte sich dabei ein wenig nach rückwärts, als lausche sie.
„Hören Sie, bitte.“
Sie hörten es natürlich Alle, aber die meisten glaubten es trotzdem nicht.
„Ich kenne Sie nicht,“ sagte der Generalleutnant wieder, weil er mit einer zwischen Aerger und Bewunderung geteilten Empfindung zu kämpfen hatte.
„Ich bin Eva von Ostried, die Tochter des im Jahre 1913 auf Waldesruh verstorbenen Majoratsherrn Weddo. Hier ist meine Einladung!“
Er warf einen flüchtigen Blick darauf.
„Danach steht Ihnen natürlich die Teilnahme an dieser Sitzung frei. Ich darf Sie vorstellen.“
Und er nannte ihren Namen, ohne ihr die der Anwesenden bekannt zu geben. Eva von Ostried fühlte, wie ihr das Blut heiß ins Gesicht schoß.
Sie hatte keinen freundlichen Empfang erwartet. Diese Strenge und Formlosigkeit empfand sie aber als Beleidigung. Vielleicht hätte sie stolz genug sein müssen, um jetzt zu gehen, aber sie lächelte nur – und blieb!
„Wohin darf ich mich setzen?“ fragte sie ruhig und hell.
Da stand Jemand auf und näherte sich ihr. Er war breitschultrig und sonnverbrannt und seine Augen blickten unter den eisgrauen Brauen noch jünglingsklar.
„Zu mir,“ sagte er kurz und herzlich. „Ich bin der Kummersbacher. Ob dir das irgend etwas besagt, ahne ich nicht. Ich nenne dich du. Du erlaubst doch?“ Und er bot ihr ritterlich den Arm und führte sie an seinen Platz. „So, hier setz’ dich einstweilen. Bitte, Vetter Horst Waldemar, etwas nach links, damit mein Hermann noch einen Schemel reinklemmen kann“.
So saß Eva von Ostried denn neben dem, der auf Lebenszeit im Herrenhaus Nachfolger ihres Vaters war. Eine peinliche Pause entstand. Wieder durchbrach die Stimme des Kummersbachers die Schwüle.
„Ich will dir besser alle Anwesenden nennen, liebe Base.“
Und ohne sich durch den abweisenden Ausdruck der meisten Gesichter beirren zu lassen, stellte er sie einzeln vor.
Schlank und stolz stand Eva von Ostried neben der breitschultrigen Gestalt und neigte ihr Haupt nicht tiefer, wie sie das in allen andern Fällen getan hätte, denn es streckte sich ihr keine Hand entgegen. Die weiblichen Mitglieder beachteten sie anscheinend überhaupt nicht. Nur die Männer spähten verstohlen nach ihr hinüber. Ihre Schönheit wirkte verblüffend auf sie. Die gesuchte Einfachheit ihrer Kleidung hob die knospenden Formen auf das Vorteilhafteste. Die ausdrucksvollen Augen leuchteten aus dem sanften Elfenbeinton der weichen Haut und in dem Nußbraun ihrer Flechten spielten goldene Lichter.
Horst Waldemar, der Majoratsherr, sah von seiner Höhe herab prüfend auf die neue Nachbarin. Er mußte zugeben, daß er sie sich anders vorgestellt hatte. Zwar mußte er nach dem Bilde, das sie im Kindesalter neben ihrer Mutter zeigte, auf ein hübsches Gesicht gefaßt sein.... diesen außerordentlichen Reiz mit einer sichern und nicht nur gespielten feinen Vornehmheit gepaart, hatte er nicht erwartet. Seine Ansicht über die Tochter seines Vorgängers wurde dadurch natürlich keineswegs geändert. Nach wie vor empfand er ihre Zugehörigkeit zur Familie, die, mochte sie auch jahrelang nicht hervorgetreten sein, eine Stunde wie die jetzige, zweifelsfrei feststellte, als peinlich. Bisher hatte er noch nicht mit dem Mitglied einer Bühne unter den Augen seiner weiblichen Verwandten an dem nämlichen Tisch gesessen. Trotzdem sprach er sie jetzt an.
„Ich werde mir nächstens gestatten, in einer geschäftlichen Sache an Sie heranzutreten, gnädiges Fräulein.“
Sie betrachtete ihn erstaunt. Er hatte das kühle wesenlose Gesicht eines Menschen, der sich im Widerspruch mit den Schnörkeln und Haken seiner Handschrift befand. Sie war überzeugt, daß er sehr genau mit sich und seinen Wünschen Bescheid wußte. Kühl und knapp antwortete sie ihm, während doch ein eisiges Erschrecken sie anpackte. Es war sehr möglich, er kam ihr noch mit unbeglichenen Forderungen aus ihres Vaters Schuldkonto.
„Sie können es einfacher haben. Ich bin schon heute bereit, Sie anzuhören.“
Er verneigte sich verbindlich. „Hoffentlich finde ich nachher Gelegenheit dazu. Jetzt ergreift aber Vetter Exzellenz endlich das Wort!“
Der Generalleutnant holte tief Atem, sah jeden Anwesenden, außer Eva von Ostried, fest an, um sich das Nennen der einzelnen Namen zu ersparen und begann: „Uns Andern ist die Vorgeschichte unseres Verwandten Edgar von Ostried-Javelingen zur Genüge bekannt. Denn wir gewährten ihm die Mittel zum Studium. Ich spreche dies also für das fremde Mitglied. Die Studien hat er mit Abschluß des nötigen Examens ordnungsgemäß und rechtzeitig erledigt. Leider mußten wir danach noch einmal eingreifen, und diesmal ungebeten. Er wollte nämlich eine Stellung als Regisseur annehmen. Bei einem Theater.“ Hier räusperten sich die gnädigen Großtanten vernehmlich und die Zwillinge kicherten verschämt auf. „Das war natürlich, so lange er sich offiziell zu uns bekannte, nicht tunlich. Wir wiesen ihn auf die Tätigkeit des privaten Schriftstellers hin, die auch seiner angegriffenen Gesundheit zuträglicher war.“
„Darum pfeift er nun wohl auch auf dem sogenannten letzten Loch,“ warf der Kummersbacher trocken ein. Der Einwand blieb aber unbeachtet und die Exzellenz fuhr fort:
„Er hat in unserm Auftrage die Familiengeschichte unseres Geschlechts neu bearbeitet. Selbstverständlich unter Zugrundelegung alter, zuverlässiger Quellen. Sie ist gedruckt und bei dem Verlage Müller und Schulze in Berlin für 22 Mark jederzeit zu beziehen. Was er sonst noch geschrieben hat, weiß ich nicht. Mir hat er einmal ein Drama zugeschickt, das mir Anlaß zu einem sehr ernsten Brief gab. Jedenfalls befindet er sich zur Zeit in schlechter Vermögenslage. Darum hat er den Antrag gestellt, die für bedürftige und würdige Mitglieder auf 5234 Mark angewachsene Summe verliehen zu erhalten. Ich für meine Person hege keine Bedenken, sie ihm zuzuwenden. Der Tatbestand wäre hiermit erschöpft. Ich bitte zur Abstimmung zu schreiten. Etwaige Gegengründe sind möglichst kurz vorzutragen.“
Hermine von Ostried, die älteste der Großtanten stand wuchtig und herausfordernd auf.
„Er selbst bezeichnete sich mir gegenüber als einen freien Künstler. Das schickt sich meiner Ansicht nach nicht für ein Mitglied unseres Hauses. Was ist das überhaupt? Die Zigeuner, die einst von meinem seligen Herrn Vater die Erlaubnis zum Aufschlagen ihrer Buden, in denen sie dressierte Affen und Seiltänzer zeigten, nachsuchten, nannten sich ebenso. Ich muß darauf bestehen, daß er zuvor ausdrücklich verspricht, einem heute ebenfalls noch festzusetzenden Konsortium jede seiner Arbeiten vor Drucklegung zu unterbreiten. Denn vor der Welt decken wir ihn doch sozusagen.“
Eva von Ostried, für welche die Rede mehr wie für den siechen Dichter bestimmt war, der irgendwo im Nebenzimmer auf die Entscheidung wartete, um nachher sein gerührtes „Danke schön“ zu stammeln, lächelte freundlich.
„Darf ich um das Wort bitten, Exzellenz,“ fragte sie plötzlich sehr höflich, als eine kurze Pause entstand.
„Ich war noch nicht fertig,“ sagte die Stiftsdame hochmütig und empört über die offensichtliche Belustigung auf dem schönen Gesicht.
„Du bist also nicht für eine bedingungslose Hingabe, beste Hermine,“ warf der Generalleutnant ungeduldig hin.
„Das habe ich nicht ausdrücken wollen, Jeschko. Ich wollte lediglich meinen Standpunkt darlegen.“ Und dann fuhr sie lang und breit in ihrer Rede fort, ohne daß ihr jemand aufmerksam zuhörte.
„Diese Summe hätte zwar ebenso gut dem Familiengesetz nach einer der ledigen Töchter unserer Familie zugeführt werden können, aber meinetwegen mag er sie nehmen,“ äußerte sich ein „Vortragender Rat“ etwas mißgünstig. Seine Gattin stieß ihn kräftig unter dem Tisch an dasjenige Knie, in dem sich zur Zeit grade der Ischiasnerv unerträglich regte.
„Ich bitte dich, diese Taktlosigkeit in Gegenwart des Waldesruher. Es ist furchtbar mit dir...“ Die hochblonde Ingeborg saß hilflos und errötend da, denn sie hatte begriffen, daß diese Bemerkung auch sie anging. Ihr Gesicht wirkte sehr weiß und rot. Die Augen hatten den starren ausdruckslosen Blick hübscher Wachspuppen. Die kräftige, ebenfalls sehr weiße Zahnreihe leuchtete hinter den rosa Lippen auf, auch wenn sie, wie jetzt, schwieg.
Ein „Regierungsassessor“ murmelte etwas von „unsereinem hätte es auch schon hundertmal bitter not getan,“ aber es wurde dann ohne weiteres Einreden zur Abstimmung geschritten und der Diener des Kummersbachers erhielt den Auftrag, Herrn Doktor von Ostried Javelingen herein zu bitten.
Eva von Ostrieds Blicke richteten sich voll warmen Mitleids auf den Eintretenden. Er sah hager und verfallen aus. Seine Kleider saßen schlotternd. Seine Hände waren wie vertrocknet. Aber in seinen dunkelblauen Augen brannte ein helles Feuer. Er stand neben dem Generalleutnant, Exzellenz, doch sah er eigentlich nur die Fremde in diesem ihm sonst wohlbekannten Kreise. Sein Dank war verworren und längst nicht so überströmend, wie das zu erwarten gestanden hätte. Er schämte sich vor dem fremden, ihm über alle Begriffe schön dünkenden Mädchen.
Nun war die Hauptsache erledigt!
„Du wolltest vorher etwas sagen, Base Eva, wenn ich nicht irre“..... Die jünglingsklaren Augen des Kummersbacher winkten ihr aufmunternd zu, als verhießen sie: „Nimm kein Blatt vor den Mund. Ich halte deine Kante!“
In Eva von Ostried war allerdings bei den Worten des Stiftsfräuleins Hermine heller Zorn emporgelodert. Die versteckte Art, mit der hier mehr über sie wie über den armen, krankaussehenden Dichter der Stab gebrochen wurde, erschien ihr verächtlich. Nun aber das erste Feuer niederglimmen mußte, ohne zu strafen, fühlte sie die alte matte Gleichgültigkeit.
Der Regierungsassessor erwachte aus seiner Schläfrigkeit und späte erwartungsvoll nach ihr hin. Irrte sie oder zuckte in seinen Mundwinkeln ein feiner, überlegenener Spott, der ihrem Schweigen galt? Raffte sie sich jetzt nicht zum Sprechen auf, durfte sie keinen Augenblick länger verweilen. Denn sie konnte sonst eine nicht mißzuverstehende Aufforderung zum Verlassen dieses Zimmers durch die Stiftstanten oder durch die soldatische Exzellenz erwarten.
Deshalb erhob sie sich jetzt doch.
„Ich wollte mich, als einzig dazu Berechtigte, in Abwesenheit des Angegriffenen gegen die Mißachtung des freien Künstlers wehren,“ sagte sie ohne Erregung. „Nun aber ist ja der davon Betroffene selbst dazu imstande. Wenn mir erlaubt wird, ihm kurz zu sagen, was von der Stiftsdame Hermine behauptet wurde...“
„Dagegen protestiere ich,“ schrie die Angegriffene in maßloser Erregung.
„Es ist nicht Sitte, daß aus der geheimen Familiensitzung nachträglich dem dabei nicht zugezogenen Hauptbeteiligten Eröffnungen gemacht werden,“ entschied der Generalleutnant.
„Ich weise darauf hin, daß ich dies während der Beratung abmachen wollte.“ Eva von Ostrieds Zurückweisung des ihr gemachten Vorwurfs klang durchaus sachlich. „Nachdem ich von dem Tadel des Herrn Generalleutnants Kenntnis habe, verzichte ich auf jedes weitere Wort.“
„Ich verlange, daß du sprichst,“ sagte der Kummersbacher streng und scharf. Die andern kannten diesen Ton. Wenn er sich dazu verstieg, pflegte er nicht früher Ruhe zu geben, als bis er seinen Willen bekam. Eine kleine Pause entstand.
„Vetter Javelingen könnte ja noch mal abtreten,“ schlug der Regierungsassessor lässig vor.
„So sprechen Sie denn, wenn es durchaus sein muß,“ erlaubte der Generalleutnant kurz. Und Eva von Ostried fuhr fort:
„Es wurde vorher also der umherziehende Zigeuner dem freien Künstler gleich erachtet. Das empfand ich an sich als keinen Schimpf. Auch der heimatlose Ungar kann sehr wohl etwas von dem Gottesgeschenk in sich haben. Ich richte mich gegen den Ton, in welchem der Vergleich vorgebracht wurde. Er strebte die Herabsetzung und Verächtlichmachung des Künstlerstandes an. Empfindlichkeit liegt mir ebenso fern wie der Wunsch, nach diesem Tage vielleicht einen engeren Zusammenschluß an die Familie, welcher ich entstamme, zu erstreben. Wenn aber die Rednerin auch den abwesenden Dichter vorschob, so richtete sie in Wahrheit ihre Angriffe gegen mich. Dabei war sie klug genug, meinen Namen nicht klar zu nennen. Besäße ich einen brüderlichen oder väterlichen Freund, würde ich diesen zur Erwiderung auf schriftlichem Wege veranlassen. Aber ich stehe ganz allein. Nun ist es mir darum zu tun, an derselben Stelle, die mich beleidigen wollte, zu antworten. Kurz meinen Lebenslauf, seitdem ich Waldesruh verließ: Der Freund meines Vaters übernahm meine Ausbildung zur Bühnenkünstlerin. Sein bedeutender Ruf verbürgte die Richtigkeit seines Urteils. Nachdem er unerwartet starb und mein Vormund, Amtsrat Wullenweber auf Hohen-Klitzig, seine Erlaubnis zum Weiterstudium versagte, nahm ich verschiedene Stellungen als Kinderfräulein und Gesellschafterin an. Zeugnisse darüber sind vorhanden. Zuletzt weilte ich drei Jahre bei Frau Präsident Melchers. Ueber diese Zeit erteilt Justizrat Weißgerber Auskunft.“
Der Waldesruher Majoratsherr, der bis jetzt mit leicht gesenktem Kopf vor sich niedergesehen hatte, streifte sie mit einem raschen Seitenblick. Famos sah sie aus und ganz famos sprach sie auch. Trotzdem würde sie von der Familie nach diesem wohl ebenso wenig beachtet werden wie bis dahin. Und er schien das Interesse für ihre Ausführungen zu verlieren.
„Frau Melchers starb auf einer Reise nach Pommern am Herzschlag und ich, die inzwischen mündig Gewordene, beschloß, endlich meinen sehnlichsten Wunsch, die Ausbildung zur Bühne, fortzusetzen.“
„Woher hat sie das Geld dazu genommen,“ tuschelte das jüngere Stiftsfräulein ihrer Schwester neugierig zu.
Eva von Ostried fühlte, daß sie schwach werden wollte. Nun kam der dunkle Punkt! Und es hieb alles wieder auf sie ein... Die Not des Gewissens glühte – die Angst bis an’s Lebensende unter dieser heimlichen Schmach zu leiden ... Einen Augenblick gab sie ihre Sache verloren. Dann erwachte ihr Stolz. „Meinem Gott und mir... und ihm, den ich liebe, bin ich Rechenschaft schuldig. Diesen nicht...“ Und sie sprach weiter:
„Das Geld – ganz recht. – Das war eine böse Geschichte. Denn mein mütterliches Erbteil betrug nur tausend Mark. Ich hätte aber sehr bald vielleicht das Zwanzigfache verdienen können, wenn nicht das Blut meiner Mutter in mir wach geworden wäre. Ich konnte mich nun doch nicht für die Bühne zur Laufbahn entschließen. Die Gründe dafür nenne ich hier nicht. Sie würden doch kein Verständnis oder keinen Glauben finden. Der Tropfen Ostriedsches Blut – das Erbe meines Vaters also – war nicht dagegen. Zur Zeit verdiene ich meinen Lebensunterhalt durch Unterricht und Konzerte. So werde ich im nächsten Monat zweimal in München, am neunten November einmal im Blüthnersaal, hier, singen. In der Hauptsache ernähren mich die Stunden, die ich begabten Schülern erteile. Meine Wohnung befindet sich in Charlottenburg, Königsweg 24. Ich hatte nicht nötig, dies alles zu sagen. Wie schon erwähnt, stehe ich aber ganz allein für mich ein und bin daher dem niederen Klatsch schutzlos ausgesetzt. Das Andenken an meine Mutter verbietet mir, mich verdächtigen zu lassen.“ Sie neigte sich leicht und machte Miene zu gehen.
Da stand der Generalleutnant, Exzellenz, langsam auf, kam um den Tisch herum auf sie zu und hielt die Hand hin.
„Wir Männer haben zu wenig Zeit und auch zu wenig Begabung, um die Richtigkeit gehässiger Berichte nachzuprüfen,“ sagte er nicht unfreundlich. „Darum tut es mir persönlich leid, wenn Sie sich durch unsere bisherige Zurückhaltung verletzt gefühlt haben sollten.“
Einen Augenblick legte sie ihre Rechte in die seine.
„Glauben Sie jetzt aber ja nicht, Exzellenz, daß ich mich in Ihren Kreis drängen möchte.“
Er sah erstaunt auf. Gradwegs in ihre wundervollen, klaren Augen. Einen Augenblick drohte ihn die weltmännische Sicherheit zu verlassen.
„Und warum nicht,“ fragte er erstaunt.
„Weil ich keine Zeit dazu fände und auch nicht ehrgeizig bin, Exzellenz. Sonst stände ich ja wohl heute als Mitglied einer Bühne vor Ihnen.“
Die andern Herren hatten sich gleichfalls erhoben und sahen etwas verlegen auf den Generalleutnant. Sie tat, als merke sie nichts von dem Erwägen, das aus allen Gesichtern sprach.
„Ich muß nun fort, Exzellenz.“
Neben ihr lachte der Kummersbacher behaglich auf. „Nee, meine Tochter, du bleibst noch gefälligst eine Weile! Wir machen nachher unten eine gemütliche Ecke. Du, meine Wenigkeit, unser Dichter und wer sonst noch Lust hat, kann sich anschließen. Sage nicht „nein“... Bitte...“
„Ich wollte mit der gnädigen Base noch wegen geschäftlicher Dinge verhandeln. Darf ich also mitkommen?“ fragte der Waldesruher höflich.
„Schön. Kannst du machen! Wann kommt denn übrigens der Anwalt? Warum Ihr durchaus die Familienbestimmungen abändern wollt, ist mir zwar nicht klar. Es sind ohnehin zu viel. Aber wenn es sonst ein vernünftiger Mann ist, kann auch das ganz nett werden. So’n Jurist steckt einem manchmal gehörige Lichter über das, was man Logik des Denkens nennt, auf.“
Der Waldesruher klemmte das Monokel ins Auge und prüfte die Uhr. „In zwei Stunden wird er da sein. Solange hätte ich also Zeit.“
Eva von Ostried stand unschlüssig zwischen den Beiden. „Es hat doch keinen rechten Zweck,“ meinte sie leise zu dem Kummersbacher.
„Zweck,“ lachte der vergnügt. „Na wer weiß! Sieh mal rüber. Die gnädigen Stiftstanten giften recht erheblich, weil ihr Liebling, die brave Ingeborg, fortwährend sehnsüchtige Blicke zu uns rüber wirft. Allein darum lohnt es sich schon.“
„Willst du mit von der Partie sein, Inge,“ fragte er laut. „Ich stehe dafür ein, daß du ungestohlen wieder abgeliefert wirst.“
„Wir wollten den Waldesruher Vetter grade herzlich bitten, daß er mit uns den Tee nimmt,“ lehnte das ältere Stiftsfräulein in süßlichem Ton für sie ab.
Horst Waldemar von Ostried ging hinüber und küßte der Sprecherin flüchtig die Hand, die immer noch wie dürres Holz erschien.
„Leider kann ich heute der gütigen Einladung nicht folgen, verehrte Großtante. Ich bemerkte schon soeben, etwas Geschäftliches hindert mich an diesem Vergnügen.“
Dem Dichter war es endlich gelungen, sich an Eva von Ostrieds Seite zu drängen. „Wie innig habe ich Ihnen zu danken,“ flüsterte er.
„In der Hauptsache sprach ich für mich,“ meinte sie lächelnd.
„Daß Sie es überhaupt sagten, war schön.“
„Traurig genug, dass es gesagt werden mußte, nicht wahr?“
Er nickte. „Sie ahnen ja gar nicht, wie unbeschreiblich glücklich Sie sind.“
„Ich!“ machte sie erschrocken. „Warum denn nur? Sie haben gehört – ich bin von meinem gesteckten Ziele abgeirrt ...“
„Aus freien Stücken, ja! Diesen Zwang kann man sich wohl gefallen lassen.“
„Er zerbricht auch mancherlei. Glauben Sie nur!“
„Was wissen Sie davon? Ihre Augen sind licht und rein.“ In diesem Augenblick trat der Kummersbacher wieder heran und verdrängte ihn durch das Vorhandensein seiner mächtigen Gestalt.
– Zu Vieren saßen sie um einen Rundtisch.
„Ich bringe dich nachher nach Hause,“ sagte der Kummersbacher. „Das erlaubst du mir wohl? Auf der Fahrt können wir uns beide noch ein bißchen aussprechen.“
Sie richtete sich auf und lächelte krampfhaft.
„Ich glaube, du bist sehr gut, Onkel Friedrich Wilhelm. Aber, nun ist es für alles zu spät.“
Sie sprach es nur für ihn. Ihre Stimme war ein Flüstern. Der Waldesruher unterhielt sich weiter mit dem Dichter, obgleich er ihn im übrigen nicht als vollwertigen Menschen ansah.
„Mir kannst du vertrauen, Kind. Ich begreife dich schon!“
„So war’s nicht gemeint. Ich dachte lediglich an das mancherlei Schwere, das ich als junges, unreifes Ding, damals ganz allein mit mir, abmachen mußte. Das machte mich vorübergehend bitter. Jetzt bin ich damit fertig. Wirklich. Eine gemeinsame Fahrt denke ich mir für dich sehr unangenehm nach diesem Sekt. Ich benutze nämlich die elektrische Bahn.“
„Und dir von mir einen Wagenplatz bezahlen zu lassen, das widerstrebt dir, mit andern Worten.“
„Ja, das tut es!“
„Du bist eine seltsame Heilige, scheint mir.“
„Aber nicht darum.“
„Also außerdem auch noch. Das kann ich leider nicht beurteilen.“
Der leichtergraute Kopf des Waldesruher wandte sich in diesem Augenblick zu ihr hin.
„Darf ich jetzt endlich meine Frage an Sie richten, gnädige Base?“
„Ich bitte darum, Herr von Ostried.“
Er zuckte unter ihrer förmlichen Anrede ein wenig zusammen und saß danach noch steifer und hochmütiger auf seinem Platz. Sonst war er derjenige, der unerwünschte Vertraulichkeiten zurückwies.
„Sie besitzen von Ihrer Frau Mutter einen Schatz wertvoller, alter Möbel.“
„Das ist Ihnen bekannt?“ wunderte sie sich. „Wie seltsam.“
„Nicht so sehr, wie es den Anschein hat. Waldesruh und Hohen-Klitzig grenzen noch immer.“
„Das hatte ich beinahe vergessen.“
„Und einen Teil der alten Leute behielt ich in meinen Diensten.“
„Wirklich?“ fragte sie mit leisem Spott.
Er überlegte, ob er ihr eine scharfe Zurechtweisung erteilen solle, unterließ es aber, um sie nicht, ohne jedes Nachdenken, zu einer abweisenden Antwort zu veranlassen.
„Die haben mir also davon berichtet,“ fuhr er fort, „als gerade eine Sendung aus Berlin ankam, die von Kluserichter, dem Gutstischler, ausgepackt wurde. Ich bin dann bald zu dem Amtsrat herübergefahren, um sie zu besichtigen. Er verwies mich indes an Sie.“
Sie hatte wiederholt daran gedacht, sich auch diese Sachen in ihr Heim kommen zu lassen, unterließ es aber, weil die jetzige Wohnung keinen genügenden Raum dafür bot. Ihr Herz hing zudem nicht an den Stücken. Für einen guten Preis würde sie sich jetzt ohne weiteres davon getrennt haben, weil sie diejenigen Möbel, die einen wirklichen Erinnerungswert für sie besaßen, bereits umgaben. Sie diesem zu überlassen, verbot ihr Stolz. Wieder spürte sie die unsägliche Nichtachtung, die darin lag, daß er ihrem toten Vater nicht die letzte Ehre erwies, die Kaltherzigkeit, mit welcher er ihr, der Heimatlosen damals schriftlich begegnete.
„Diese Sachen sind unverkäuflich,“ gab sie kurz zur Antwort.
„Sie wollen also gar nicht mein Gebot hören?“
„Es würde mich nicht umstimmen.“
Sein Hochmut fand die schroffe Ablehnung einfach lächerlich. Eine kindische Ueberhebung von dieser gänzlich Mittellosen, die mit eisigem Schweigen abgetan zu werden verdiente. Die Leidenschaft des Sammlers versuchte dennoch ein Letztes:
„Vielleicht darf ich später noch einmal nachfragen, ob Sie Ihre Ansicht geändert haben?“
Sie zuckte die Achseln. – In demselben Augenblick hatte er blitzschnell die ihn eiskalt überrieselnde Empfindung, daß neben dieser unpersönlichen Stimme, die nach einem Wiedersehen verlangt hatte, auch noch der Mann in ihm danach strebte. Brüsk erhob er sich.
„Verzeihung, ich will Befehl geben, daß mir sofort die Ankunft des Rechtsanwalts gemeldet wird.“
„Das brauchst du doch nur an meinen Hermann nach oben zu telephonieren,“ riet der Kummersbacher und unter seinem eisgrauen Bart zuckte die Schadenfreude über die schneidige Abfuhr auf.
Trotz des Rates nahm der andere nicht wieder Platz. Es trieb ihn fort. Das Gefühl lebhaften Aergers über die schroffe Ablehnung, nach welcher er beschlossen hatte, den schlauen Agenten auf Eva von Ostrieds Schätze zu hetzen, war verflogen. Jetzt wehrte er sich lediglich gegen das wachsende Wohlbehagen, das ihm ihr Anblick bringen wollte.
„Weshalb hast du eigentlich den Anwalt so heimlich bestellt,“ fragte der Kummersbacher vergnügt.
„Heimlich? Das dürfte nicht zutreffen. Es war vorher mit Jeschko ausgemacht, daß wir abändern wollten. Ihr habt Euch ja in Pausch und Bogen schon längst vorher damit einverstanden erklärt. Mir fiel neben dem Abfassen von der Bekanntgabe des Familientages natürlich auch die Wahl des Anwalts zu.“
Er merkte nicht, daß ihn der Frager nur noch ein wenig fesseln wollte, um mit inniger Schadenfreude zu prüfen, ob seine längst gemachte Feststellung von dem starken Eindruck der schönen Base auf den Egoisten wirklich zutreffe.
„Ich kenne hier nämlich verschiedene sehr tüchtige Anwälte,“ beharrte er eigensinnig, „und denen würde ich gern eine Kleinigkeit zu verdienen gegeben haben.“
„Dieser ist mir ebenfalls warm empfohlen. Ein gewisser Doktor Wullenweber, vereinigt mit dem als sehr tüchtig anerkannten Justizrat Weißgerber. Zudem Neffe meines Klitziger Nachbarn.“ Dann verneigte er sich stumm gegen Eva, ohne ihr die Hand zu reichen und nickte den beiden andern zu.
Sie sah plötzlich starr und bleich aus. Oder veränderte nur der erste fahle Schein der Dämmerung, der gespenstisch durch die steingrünen Vorhänge kroch, ihr Aussehen?
„Die Luft ist hier nicht besonders gut, nicht wahr?“ erkundigte sich der Kummersbacher teilnehmend, als sie jetzt zu Dreien waren.
„Ich muß nach Hause,“ sagte sie tonlos, ohne auf seine Frage zu antworten.
Es erschien ihr alles nebensächlich und phrasenhaft neben dem einen, was sie soeben gehört.
„Dieser Entschluß kommt ein bißchen plötzlich, Kind..“
Schweigend knöpfte sie an ihren Handschuhen.
„Ich blieb schon viel zu lange.“
„Warum ärgerst du dich eigentlich,“ forschte er beinahe sanft. „Ich sehe keinen Anlaß.“
Sie lachte. Aber es klang wie ein Schrei.
„Aergern, nein, wirklich nicht!“
„Schön, dann also nicht! Meine Begleitung war dir nicht angenehm und anders hast du es dir inzwischen wohl nicht überlegt?“
„Es war unrecht, daß ich gekommen bin,“ klagte sie leise.
„Ich freue mich aufrichtig darüber. Das kannst du mir glauben.“
Sie reichte ihm beide Hände zum Abschied. „Vielen, vielen Dank, Onkel Friedrich Wilhelm.“
„Möchte wohl wissen, wofür?“ brummte er. „Ich sage trotz deines deutlichen Abwinkens, „auf baldiges Wiedersehen.“ Höre mal zu. Im Oktober bin ich wieder auf vier bis fünf Wochen daheim. Dann kommst du zu mir. Ich bitte dich herzlich darum.“
Sie stand mit schlaff herabhängenden Armen vor ihm.
„Versprich mir das,“ drängte er, „Unser Dichter wird auch kommen.“
Der blasse Mensch freute sich wie ein glückliches Kind.
„Ja – ich komme bestimmt. Das wird sehr schön werden.“
„So schnell kann ich nicht Vertrauen fassen,“ entschuldigte sie sich.
„Siehst du, das begreife ich. Daß du wenigstens versuchen willst, es zu bekommen, das kannst du mir auch versprechen?“
„Ich glaube nicht, daß ich diesen Versuch machen werde.“
Er hatte ihr die breiten wuchtigen Hände auf die Schultern gelegt und zog sie sanft zu sich heran. „Man hat es nicht anders verdient. Stimmt! – Trotzdem –“ Und er neigte sich zu ihr und küßte sie auf den Mund. „Denn ich könnte bequem dein Großvater sein, Mädel,“ sagte er nachher wie erklärend, „aber auch schon mit der Vaterwürde wäre ich sehr zufrieden!“
– – Wie eine Träumende ging sie die breiten, schönen Straßen herunter. Sein Name hatte alles wieder aufgewühlt. Sie kam nicht los von ihm. Und es mußte doch geschehen.
„Verehrte Base, gestatten Sie, daß ich Sie begleite –“ Ihr Kopf fuhr herum. Das gelangweilte Gesicht des Regierungsassessors sah in diesem Augenblick äußerst angeregt und verschmitzt aus. Eine Blutwelle der Empörung stieg ihr bis in die Stirn hinauf.
„Ich gestatte lediglich, daß Sie sofort von meiner Seite verschwinden,“ sagte sie kalt und würdigte den Verblüfften keines Blickes weiter.