19.
„Sie, Herr Rechtsanwalt Wullenweber, haben sich, wie mir mein Waldesruher Vetter mitteilt, bereits über den Inhalt der vorhandenen Familiengesetze unterrichten können,“ sagte Generalleutnant von Ostried, der zur Vorbesprechung über die neu aufzunehmenden Paragraphen mit dem soeben Angekommenen und dem Majoratsherrn, fernab von der langen, feierlichen Tafel, in seinem nicht übermäßig geräumigen Logierzimmer Platz genommen hatte.
Walter Wullenweber verneigte sich bejahend.
„Diejenigen Bestimmungen, welche seit Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches – selbst in dieser Form als Familiengesetz – anfechtbar geworden sind, habe ich mir erlaubt durchzuarbeiten und anders zu formulieren.“
„Sehr schön,“ lobte die Exzellenz zerstreut, „aber das hat Zeit bis nachher. Das Neue ist entschieden wichtiger. – Willst du mir mal gütigst das kleine Heft herüber geben, Vetter?“
Der Waldesruher reckte nur den Arm weit aus und reichte es ihm hin.
„Famos. Immer wieder unterschätze ich deine Körperlänge. – So bitte, Herr Rechtsanwalt, wollen Sie gefälligst Einsicht nehmen, was gewünscht und erstrebt wird. Vor allen Dingen muß das lächerliche Befragen des gesamten Familienrats, wenn zum Beispiel in der Familiengruft eine neue Trauerweide vom Obergärtner gesetzt oder ein Grabmal aufgefärbt wird, eingestellt werden. Künftig soll ein aus zwei oder drei Leuten bestehender Ausschuß darin maßgebend sein. Andere Punkte freilich sind bedeutender. Unsere, das heißt, meines Vetters und meine Ansicht erfahren Sie nebenstehend.“
Walter Wullenweber las aufmerksam.
„Die vorgeschlagenen Abänderungen sind bei weitem einfacher und zweckdienlicher,“ unterbrach er einmal das Schweigen; „nur fehlt die rechtswirksame Form, wie z. B. hier bei einer hypothekarischen Sicherheit für einen der Ostrieds gerader Linie. Das ist aber eine Kleinigkeit.“
Dann vertiefte er sich wiederum, bis ihm das Rot einer heimlichen Erregung über das stubenblasse Gesicht lief. Er sah den Waldesruher Majoratsherrn prüfend an und in diesem Blick lag entschieden etwas Feindliches.
„Sind Sie damit einverstanden, Herr von Ostried, daß der eventuelle älteste Enkel Ihres verstorbenen Herrn Vorgängers nach Ihnen – also vor dem bisherigen Anwärter – als Waldesruher Majoratsherr in Frage käme? Absatz 3 der mir zugänglich gemachten Bestimmungen verlangt ausdrücklich bei einer Abänderung in erster Linie die Bereitwilligkeitserklärung des derzeitigen Majoratsinhabers. Darum meine Frage. Auch darf ich nicht verhehlen, daß die Vorlage dieser neuen Erbfolge bei auch nur einer widerstrebenden Stimme glatt erledigt ist.“
Horst Waldemar von Ostried blickte eine Kleinigkeit gelangweilt drein.
„Ihre erste Frage ist schnell beantwortet, Herr Rechtsanwalt. Warum sollte ich dagegen sein? Bis jetzt lebe ich als kinderloser Witwer. Sollte ich eine neue Heirat schließen.“
Die Exzellenz sah überrascht auf und knurrte etwas. „Na nu – das ist mir ganz neu.“
„Wie meinst du,“ fragte der andere ruhig.
„Bitte weiter. Es war nichts von Wichtigkeit.“
„Ich wollte sagen, daß in jedem Fall mein Sohn, würde mir noch ein solcher beschert sein, als mein Nachfolger auf Waldesruh in Betracht käme. Diese ganze Neuregelung liegt reichlich weit im Felde. Immerhin besteht ein Zwang für sie.“
„Den zu erkennen ist mir bisher nicht möglich gewesen. Darf ich alles Notwendige wissen, um nachher sämtliche Einwendungen widerlegen zu können.“
„An denen wird es selbstverständlich nicht fehlen,“ meinte die Exzellenz ahnungsvoll. „Wappnen Sie sich also mit sehr viel Geduld, sonst werden Sie bestimmt nervös!“
„Ehe ich zu dem Hauptsächlichsten komme, will ich Ihnen kurz wiederholen, was Sie ja, von der Vertretung ihrer Interessen her, bereits vor mir wußten,“ begann Horst Waldemar wieder. „Vorläufig ist die Tochter meines Vorgängers noch ledig. Ich ahne auch nicht, ob eine Aussicht zur Abänderung dieses Zustandes bereits vorhanden ist. Und wenn selbst die junge Dame, die übrigens vorher bei dem ersten Teil der Familiensitzung zugegen war – ist Künstlerin und es wird ein unserer Familie voll ebenbürtiger Gatte als Vater eines neuen Majoratsherrn zur Bedingung gemacht –“
„Schön genug wäre sie allerdings für einen Prinzen, wenn sonst das andere stimmte,“ warf die Exzellenz nachdenklich ein.
Der Waldesruher sah ihn bedeutsam an und zog rasch, wie, um dies zu verdecken, seine Uhr. „Die Zeit eilt. Wir dürfen uns nicht bei Nebensachen aufhalten.“
„Ich war noch nicht zu Ende,“ sagte Horst Waldemar kurz und fuhr fort: „Ein Widerstreben würde, auch menschlich beleuchtet, völlig unerklärlich sein. Trotzdem werden Sie nachher einen heißen Kampf entbrennen sehen. Die übrige Familie weiß nämlich bis zu dieser Stunde lediglich, daß die alten Gesetze durchgesehen und verbessert werden sollen. Damit haben sie sich ohne weiteres einverstanden erklärt. Ihnen mehr zu sagen, schien meinen Vetter und mir verfrüht. Es hätte Anlaß zu unerfreulichen schriftlichen Erklärungen gegeben. Denn wir wissen, daß jeder Einwand gegen die neue Erbvorlage vergeblich bleiben muß. Das durch einen Zufall aufgefundene Zusatzschriftstück verlangt die erwähnte Erbfolge ausdrücklich.“
„Dies Schriftstück war mir bisher nicht zugänglich. Sehr gern würde ich mich jetzt mit seinem Inhalt bekannt machen.“
„Darum bitten wir Sie natürlich. Hier ist es. Sie sehen, eine Abschrift hätte unüberwindliche Schwierigkeiten gebracht. Das Pergament ist brüchig geworden und muß sehr vorsichtig behandelt werden. Zudem hätte ein halbgebildeter Abschreiber kaum die Menge lateinischer Redewendungen richtig wiedergegeben. Ich zog daher die Aushändigung an Ort und Stelle vor und bin gern bereit, Ihnen bei scheinbar unleserlichen Stellen zu helfen.“
Walter Wullenweber prüfte eingehend den Inhalt des Dargereichten. Er hatte sich jetzt wieder voll in der Gewalt. Seine scharfen Augen bemühten sich unter den zahlreichen dunklen Stockflecken die kleine spitze Schrift zu enträtseln.
Die Exzellenz reichte ihm eine Lupe über den Tisch hin. „Wenn Sie an gewisse Stellen kommen, wird sie Ihnen gute Dienste tun.“
Nach einiger Zeit legte Walter Wullenweber die Rechte auf das Pergament und sah auf:
„Nun dies aufgefunden ist, könnte selbst die heftigste Ablehnung nicht mehr an der veränderten Erbfolge rütteln. Ich unterstelle natürlich die Echtheit. Wenn sie von einem Mitglied in Zweifel gezogen würde, kämen langwierige und kaum erfolgreiche Erhebungen heraus. Vollgültige Beweise von der einen oder andern Seite erscheinen mir unmöglich.“
„Ausgeschlossen,“ sagte der Waldesruher mit großer Bestimmtheit. „Daran wagt Keiner zu tippen. Zudem habe ich bereits die Uebereinstimmung dieser Handschrift mit den Aufzeichnungen eines Ahnen einwandfrei feststellen und von einem gerichtlichen Sachverständigen beglaubigen lassen. Hier ist das Dokument darüber. Vielleicht vermag es Ihnen in dem Kampfe zu dienen.“
„Dann dürfte jeder Einspruch wirkungslos bleiben.“
Der Generalleutnant schlug sich in bester Laune, auf die Knie. „Wie ich mich freue,“ sagte er aus tiefstem Herzen, „wenn es auch nur ein Schreckschuß ist und voraussichtlich bleiben wird. Diesen ewig müden, gelangweilten Bengel, deinen bisherigen Nachfolger, muß das mal endlich wach machen.“
„Hier ist auch noch der Umschlag, in dem das Gefundene steckte, Herr Rechtsanwalt.“
„Wie, Sie selbst haben es gefunden, Herr von Ostried?“
„Ohne meinen Vorsatz allerdings! Ich ließ das Kellergewölbe im Waldesruher Schloß aufreißen, damit das schadhafte Mauerwerk ausgebessert werde. Die merkwürdig geformten Nischen und die zahlreichen Verstecke mit den unsichtbar eingelegten Steintüren interessierten mich umso mehr, als bereits mein Großvater, der wie ich Sammler von Altertümern war, uns Kindern von kostbaren seit den Kreuzzügen dort lagernden Schätzen erzählt hatte. In Wahrheit fand sich nur ein verrosteter Eisenkasten vor, der dies Schriftstück barg. Ob mir oder den andern der Fund angenehm sein konnte oder das Gegenteil, habe ich wirklich nicht erwogen. Es war einfach meine Pflicht, daß ich ihn nach Kenntnis des Inhalts ungesäumt dem Senior unserer Familie, meinem Vetter, Generalleutnant von Ostried, unterbreitete. Dies ist geschehen.“
Das klang ohne jede Beimischung von Gefühlswärme, wie Walter Wullenweber feststellte. Es beruhigte ihn. Mit einigem Eifer begann er den Entwurf der neuen Bestimmung zu formen. Jetzt war er fertig, überlas alles und übergab es dann der Exzellenz, die es laut zum Gehör brachte.
„Ausgezeichnet,“ stellten sie beide fest. „Wir können die Herrschaften wieder zusammentrommeln lassen.“
„Einen Augenblick,“ sagte Horst Waldemar plötzlich, als sich die Exzellenz erhob, um seinen Hermann zu beauftragen. „Den letzten Punkt haben Sie zu erwähnen vergessen. Sie erinnern sich doch, Herr Rechtsanwalt?“
– Eine halbe Stunde später einten sie sich wieder um die lange feierliche Tafel. Nur die Reihenfolge war ein wenig verändert. Eva von Ostrieds Platz hatte jetzt der Regierungsassessor eingenommen, während Walter Wullenweber zwischen dem Generalleutnant und dem Waldesruher saß.
Das Stiftsfräulein Hermine fuhr, nachdem der Generalleutnant nach den unwichtigen Abänderungen den Punkt der neuen Erbfolge zur Kenntnis gebracht, von ihrem Stuhl empor. Auch die andern starrten mehr oder minder überrascht, nach dem Sprecher hin, der das Auffinden des alten Schriftstückes noch mit keinem Worte erwähnt hatte. Er hatte absichtlich davon geschwiegen.
Der Kummersbacher freute sich aufrichtig für Eva von Ostried. Nicht, daß er schon ihren ältesten Sohn unter den Waldesruher Buchen hätte herumgaloppieren sehen, nein, daran glaubte er nicht! Er gönnte ihr nur von Herzen jene Ehrenerklärung, die in der Annahme der neuen Bestimmung lag. Scharf spähte sein Blick zu Horst Waldemar hin. Sollte es bei diesem angegrauten Eiszapfen etwa denkbar sein, daß er sich in die jene, lockende Schönheit vergafft habe?
Der Vortragende Rat, Exzellenz, und seine Zwillingstöchter waren mehr verwundert wie empört. Was ging es sie schließlich an, wer die Waldesruher Herrlichkeiten genoß? Ihnen blieben sie jedenfalls fern.
Fassungslos machte die Mitteilung lediglich die Eltern des Regierungsassessors, die bleich und stumm nach Atem rangen.
Der Anwärter selbst hatte nur eine Sekunde die Farbe verloren. Dann war sein Plan gefaßt. Noch ehe Eva von Ostried das Geringste von all diesem erfuhr, also sogleich nach Schluß der Komödie, würde er ihr schreiben. Das verstand er ausgezeichnet. Sie sollte seine Rechtfertigung schon annehmen und ihm, wenn er sich mündlich ihre Verzeihung holte, eine andere Behandlung gewähren, als vorher zwischen den sommermüden alten Linden!
Lodernden Zorn, der ihr häßliches Gesicht noch abstoßender erscheinen ließ, empfand einzig das ältere Stiftsfräulein, während ihre um zehn Jahr jüngere, als unbegabt geltende Schwester Klausine leise zu weinen begann. Sie hatte sich schon zu lange auf die Sommerfrische in Waldesruh unter Ingeborgs Fürsorge gefreut. Dieser Traum von Stille, endlichem Frieden und unbeschnitten reichlichen Gerichten würde durch den Sohn jener Unausstehlichen natürlich zu Schanden werden!
Hermine von Ostried wartete auf das letzte Wort des Generalleutnants. Kaum war es gesprochen, schrillte ihre hohe, jetzt von Verachtung und Zorn gellende Stimme.
„Es ist ein Scherz und nichts weiter, den du dir soeben mit uns erlaubt hast, lieber Jeschko. Ich für meine Person lasse mir solche Sachen nicht gefallen, mögen auch die andern töricht genug sein, sich dadurch verblüffen zu lassen. Ich frage dich, was du damit bezweckst?“
Aber sie ließ ihm nicht etwa Zeit die Frage zu beantworten. Sein lächelndes Gesicht, das sich nunmehr zu verklären begann, reizte sie unaussprechlich. „Schamlos genug, daß Euch Männern diese Bettelprinzeß die Köpfe verdreht hat.“
Da fuhr mit gewaltigem Schlag eine Faust auf die Tafel nieder. Das war die Sprache des Kummersbacher.
Der schmale Dichter, der auf seiner andern Seite saß, während zu seiner Linken die schweigsame Gemahlin des Vortragenden Rates thronte, fuhr zwar zusammen, denn er hatte mit seligen Augen von einer lichten, schönen Frau geträumt, die bei ihrem Sohn in Waldesruh dereinst die alte Heimat wiedergefunden. Als ihn aber die wortlose, donnernde Rede vollends aus allen Träumen gerissen, als er begriff, wem dies galt, leuchteten seine Augen strahlender und seine Seele band sich fest an den alten, aufrechten, knorrigen Mann, der seinem Zorn jetzt auch Worte verlieh.
„Keinen Mucks weiter! Hörst du?! Ich verbiete es dir! Du hast es dein Leben lang gut verstanden, aus dem Hinterhalt zu geifern. Die dir gehörig Bescheid tun könnte, ist nicht mehr da. Warum sie sehr bald schon gegangen ist? Klar genug für einen, der ein bißchen nachdenken kann. Ihr Frauen habt sie gemieden, als ob sie eine Pestkranke wäre. Was hat sie Euch getan? – Antwort! Sie hat nichts von Euch erbettelt und Euch damit das Recht vor der Nase weggeschnappt, sich um sie zu bekümmern... ihr das Leben zu vergällen, wie Ihr das über alles gern besorgt hättet. Warum sage ich eigentlich „Ihr“? Ich meine ja nur dich, Hermine. Denn deiner armen Schwester Seele hast du, falls eine in ihr gesteckt haben sollte, allmählich schon bei Lebzeiten aus ihrem mageren Körper vertrieben. Es ist auch entschieden bequemer für dich.“
„Es ist ein Fremder mit uns am Tisch,“ flüsterte der Vortragende Rat ihm beschwörend zu, „nimm Rücksicht darauf, Kummersbacher.“
„Das hätten die gefälligst bedenken sollen, die ihn angeschleppt brachten. Im übrigen ist er Jurist und hält Verschwiegenheit. Herunter muß auch noch das andere. Sie hat sich allein durchgerungen, sage ich dir. Schwer genug mag das manchmal gewesen sein. Und wenn selbst nicht... wenn das Geld aus einer uns unbekannten Quelle geflossen wäre...“
„Das ist unstreitig,“ rief die Angegriffene... „und zwar aus einer unsauberen.“
„Wage das nicht ein zweites Mal auszusprechen! Ich bringe dich sonst wegen Verleumdung vor das Gericht. So wahr ich hier stehe...“
„Du hast es ja soeben selbst angedeutet...“
„Weil es dir besser paßte, hast du mich nicht zu Ende kommen lassen. Ich verbürge mich dafür, daß die Quelle rein gewesen ist. Jawohl! Und wenn du sie noch durch ein einziges Wort – gleichviel ob offen oder versteckt – herunterreißt ... bei Gott... ich räche sie! Zudem braucht sie wenigstens in Zukunft kein Geld mehr aus irgendwelchen Quellchen. Meines ist da und jederzeit für sie bereit. Es hat mich schon längst bedrückt. Wenn sie auch vorläufig noch nicht will, sie muß und sie wird schon, sage ich dir. Und Euch Allen hiermit!“
Der Vortragende Rat, Exzellenz, der den Kummersbacher seiner Zeit aus guten Gründen um die Uebernahme der Patenschaft bei seinen Töchtern erfolgreich gebeten, lenkte ein: „Du bist immer noch wie ein ganz Junger, Kummersbacher. Wer greift sie denn schon an? Meine Frau und ich durchaus nicht. Ist nichts an diesem Gerede, werden wir die ersten sein, die ihr unser Haus öffnen.“
Noch einmal lohte der Zorn hell auf. „Was ist geredet worden? Was habt Ihr über sie gehört?“
Der Vorsichtige schwieg betreten und schickte einen kurzen Blick zu seiner Gattin, der heißen sollte: „Jetzt zeige, daß du wenigstens ein echt weibliches Geschick im Glätten dieser Wogen hast.“
Aber die Frau Vortragende Rätin blieb sich nur bewußt, daß ihr das Stiftsfräulein Hermine dreihundert Mark für die neuen Wintermäntel der Zwillinge (mit 5 Prozent Zinsen) zugesagt hatte. Sie stammelte daher Unverständliches.
„Es ist zu widerlich,“ sagte der Kummersbacher kurz und verstummte.
Sie sahen alle nach dem älteren Stiftsfräulein hinüber. Die lächelte jetzt. Das war noch viel abstoßender wie zuvor die Wut, die ihre Züge verzerrt hatte.
„Ein einziger Einspruch genügt, um den neuen Beschluß abzulehnen,“ sagte sie lauernd. „Nun wohl, ich verweigere meine Zustimmung. Alles andere ist mir gleichgültig. Und ich sage noch einmal.... die Bettelprinzeß ist nicht schlau genug.“
Diesmal blieb der Kummersbacher ruhig. „Dies Wort hast du vor rund dreißig Jahren schon auf ihre Mutter angewandt. Damit verdarbst du der armen, scheuen Frau, als die sie mir von zuverlässiger Seite später geschildert wurde, die als vertrauendes, unschuldiges Kind nach Waldesruh kam, von vornherein ihre Stellung in der Familie. Damals hattest du, leider, noch einen gewissen Einfluß. Auch ich habe mich dadurch zurückschrecken lassen. Nein, das stimmt doch nicht. Dich kannte ich von jeher. Daß sie den tollen Weddo heiraten konnte, nahm mich gegen sie ein. Ein zweites Mal gelingt dir Aehnliches nicht, selbst wenn dein teuflischer Einspruch die neue Satzung untergraben würde.“
Sie hörte nur dies und lachte voller Hohn. „Ein Wahnsinn, daß man uns überhaupt damit kommt.“
„Bitte, Herr Rechtsanwalt, lesen Sie gefälligst das aufgefundene Schriftstück vor,“ rief der Generalleutnant plötzlich dazwischen. Sein Ton war wie eine Fanfare.
Sie stutzten und lauschten aufmerksam, was Walter Wullenwebers tiefe, ruhige Stimme ihnen enthüllte. Der Major a. D. und seine Gattin sanken mehr und mehr in sich zusammen. Das ältere Stiftsfräulein wurde aschgrau.
„Fälschung,“ keuchte sie..., „elendes Machwerk. Aber wartet! Ich entlarve Euch schon...“
Dem Vortragenden Rat, Exzellenz und dem Kummersbacher wurde das die Echtheit feststellende Gutachten eines namhaften, auch vom Gericht in den verworrensten Fällen als letzte Instanz angerufenen Gelehrten auf diesem Gebiete zur Prüfung vorgelegt. Sie gaben es an die andern Herren weiter. Als sich die Hand des Stiftsfräuleins Hermine danach ausstreckte, wehrte der Generalleutnant kurz ab.
„Nach dem Vorangegangenen kann ich meine Erlaubnis dazu nicht geben. Du, Hermine, kannst es jederzeit nach Ausweis über deine Person, im Bureau unseres Anwalts, des Herrn Wullenweber, einsehen. Seine Adresse wird dir zugehen. Und nun genug davon! Weiteres wird in dieser Sache von dir nicht angehört werden. Damit wärst du auf den gerichtlichen Weg zu verweisen.“
Eine drückende Stille entstand. Sie lehnte mit leicht geschlossenen Augen auf ihrem Stuhl. Niemand bemühte sich um sie. Jeder am Tisch tat, als beschäftige ihn zur Zeit grade etwas anderes. Als sie sich wieder aufgerafft hatte, sagte sie merkwürdig ruhig:
„Ich danke für diesen Hinweis. Er wird aber, denke ich, überflüssig werden. Oder sollte der Vetter Generalleutnant sowie die andern wirklich nichts von jener hauptsächlichsten Bedingung ahnen, die auch dies alte seltsamerweise zur rechten Zeit aufgefundene Schriftstück nicht außer Kraft setzen kann? Mit der schaffe ich es leicht.“
Der Generalleutnant wechselte mit dem Anwalt einen raschen Blick. „Es ist klüger, wir zeigen uns ebenfalls davon unterrichtet,“ flüsterte Walter Wullenweber.
„Ich bitte, daß Sie uns gefälligst jene Bestimmung zu Gehör bringen, Herr Rechtsanwalt.“
Walter Wullenweber sprach fast ein wenig zu kalt und sachlich für den Geschmack des Kummersbacher. Sein Inneres forderte jetzt eine hinreißende Rede für Eva von Ostried. Es war aber vielleicht richtiger, wie der junge Jurist es anfaßte.
„Die Bedingung, welche die,“ hier stockte er und fuhr erst fort, als der Generalleutnant keinen Namen einschob, „jene Dame soeben erwähnte, ist natürlich Seiner Exzellenz und dem Majoratsherrn ebensogut, wie auch mir, dem Wortlaut nach bekannt und im Gedächtnis. Ich werde sie zur Vermeidung jeden Mißverständnisses wörtlich verlesen. Sie findet sich am Schluß der in Kraft stehenden Familiensatzungen und erstreckt sich – ihrem Wortlaut und Sinn nach – auf sämtliche im Vorangegangenen ausgeführte Bestimmungen. Dieser ausdrückliche Hinweis geschieht für diejenigen unter den Anwesenden, welche sie bisher nicht genau kannten und sich vielleicht nach Beendigung der Besprechung noch einmal selbst davon zu überzeugen wünschen. Ich lese also vor:
„Alles, was an Rechten, Wünschen und Anträgen erfüllt werden sollte, geschieht in der schweigenden Voraussetzung, daß sich Anwärter oder Antragsteller des zu Verlangenden oder des Erbetenen bis zu dem Tage der Gewährung als durchaus wert und würdig erzeigt haben. Sollten sich nach stattgefundener Verleihung untrügliche Beweise von dem Unwert des Empfängers beibringen lassen, so ist nicht nur das in Besitz genommene unverzüglich herauszugeben, sondern auch die bereits empfangene Bereicherung mit Heller und Pfennig durch den Seniorenkonvent – das sind die drei ältesten männlichen Ostrieds grader Linie – abzuschätzen und zu ihren Händen zurück zu erstatten. Unter Wert und Würdigkeit eines männlichen Empfängers ist Ehrenhaftigkeit, solider Lebenswandel, der sich von Aergernis erregender Völlerei, Glücksspiel und ehelicher Untreue freihält, in der Hauptsache zu verstehen. Wert und Würdigkeit eines weiblichen Empfängers muß noch strenger beurteilt werden. Sittliche Reinheit hat hier für Ehrenhaftigkeit zu stehen. Die Erzählungen von Schandmäulern, die dies anzweifeln, soll zwar gehört, indes niemals ohne ernsthafte Prüfung vonseiten des Seniorenkonvents geglaubt werden. Als Beweis des Unwerts ist anzusehen: Wer einen Ehegatten, einen verlobten Bräutigam, auch schon einen heimlichen Versprochenen, einer andern abwendig macht. Wer durch unentwegtes Scharmutzieren, Kokettieren, ja selbst durch herausfordernde Kleidung, den Ehrbaren Anlaß zu öffentlichem Aergernis gibt. Ausgeschlossen von Gunsterweisungen aller Art sollen ferner sein, die durch öffentliche Schaustellungen in Buden und Zirkussen, sowie andern nicht einwandfreien Schauplätzen laufend Gelder verdienen.“
Dieser letzte Passus ist wegen einer Gewissen angefügt, die sich im Jahre 1570 des alten ehrenwerten Namen von Ostried durch solche Künste unwert zeigte, ihn abgesprochen bekam und später in Elend und Not endete. Dies als abschreckendes Beispiel unseren lieben Frauen. Ihr Rufname ist ebenfalls ausgelöscht. Ihr Bildnis findet sich in keiner Ahnengalerie vor.“
Walter Wullenweber hatte in den Blicken des älteren Stiftsfräuleins das Aufleuchten des Triumphs deutlich wahrgenommen. Obwohl es ihm lächerlich erschien, empfand er plötzlich eine unerklärliche Angst um eine, die seine Liebe zurückgewiesen hatte; er befürchtete, daß jetzt jemand der hier Versammelten die Erbringung solchen Beweises laut verlangen könne. Und wiederum wünschte er einen Herzschlag lang, daß der Seniorenkonvent die ihm später zweifelsfrei von diesem gehässigen Stiftsfräulein unterbreiteten Ermittlungen bösester Art als zutreffend bestätigen möge. Dann war sie frei und schutzloser, wie je – – und er hätte sie schützen dürfen....
Als diese zweite stürmische Beratung zu Ende war, trat der Kummersbacher auf ihn zu:
„Haben Sie zehn Minuten Zeit für mich, Herr Rechtsanwalt? Nichts Geschäftliches. Und doch etwas, das von dem soeben Erlebten nicht zu trennen ist.“
So saßen sie denn ein wenig später beisammen, und der Kummersbacher begann: „Was ich eigentlich will, ist so ’ne Sache. Kann verschieden aufgefaßt werden. Ich will nämlich auch eine Kleinigkeit von Fräulein Eva von Ostried. Da sind welche, die stehen ihr nicht grade feindlich gegenüber. Der Generalleutnant zum Beispiel; auch den Waldesruher rechne ich dazu. Die andern, mit Ausnahme des kränklichen Herrn, der sich schweigsam verhielt und, wie Dichter das leicht tun, für sie flammt, hassen sie. Einer mehr, einer weniger. Fast hinter jedem Mann steht ein Weib und hetzt ein bißchen. Hinter dem Stiftsfräulein der auf Lebensdauer eingemietete Teufel, der sie völlig regiert. Hinter dem Major außerdem die glühende Angst um das Wohl seines einzigen Sprößlings. Da hat also schon seine Richtigkeit! – Ich habe Eva von Ostried ebenfalls bis zum heutigen Tage nicht persönlich gekannt. Habe mich leider, wie schon zugestanden, auch nicht um sie gekümmert. Ein anständiger Kerl soll die gemachten Fehler, sobald er sie merkt, abzuändern wenigstens versuchen. Und darum habe ich Sie hergebeten. Sie hat es nicht leicht, sich durchzuschlagen. Das fühle ich. Wenn man offene Augen haben will, bringt man das schnell heraus. Direkt von mir nimmt sie aber vorläufig nichts an. Bestimmt hat sie mit Entbehrungen zu kämpfen. Das soll aufhören. Zuerst habe ich daran gedacht, ihr eine regelmäßige Monatsrente durch Ihre freundliche Vermittlung, ohne Nennung meines Namens natürlich, auszusetzen. Sie würde das schnell herausbringen und mit einem dankenden Wort an Sie zurückschicken. Nun ist mir endlich was Besseres eingefallen. Sie leben in Berlin und irgend welche musikalisch befähigte Jugend mag Ihnen auch bekannt sein?!“
„Zufällig bin ich täglich mit einem jungen Menschen zusammen, dessen ganzes Sehnen danach geht, sein musikalisches Talent in den Freistunden vervollkommnen zu lassen.“
„Das paßt großartig. Wer ist’s denn?“
„Einer unserer Schreiber.“
„Das dämpft meine Freude allerdings. Dem Kerlchen wird sie kein fürstliches Honorar zutrauen, nicht wahr?“
Endlich begriff Walter Wullenweber. „So war das gemeint?“
„Natürlich! Ich beabsichtige für jede Stunde – na, sagen wir mal – zehn Mark zu zahlen und ihn ungefähr vier bis fünf pro Woche nehmen zu lassen.“
Der junge Anwalt mußte lachen. „Da er zu jeder Unterrichtsstunde tüchtig üben muß, dürfte ihm daneben für seine bisherige Tätigkeit kaum noch Zeit übrig bleiben.“
„Vielleicht hat er eine Schwester, die auch ideale Bestrebungen in sich fühlt.“
„Sogar ihrer mehrere. Bescheidene, wohlerzogene Mädchen. Näheres weiß ich allerdings nicht. Ich werde mich jetzt für die Familie interessieren.“
„Ja, tun Sie das! Und wenn es möglich ist, könnten ja besser gleich alle bei ihr antreten. Ihre Adresse kann ich Ihnen sofort geben...“
Eine Sekunde überlegte Walter Wullenweber. „Lassen Sie, Herr von Ostried,“ sagte er dann und sein Ton klang anders wie bisher, „es ist unnötig. Ich kenne sie.“
„So darf ich wissen, woher?“
„Fräulein von Ostried hat mich als ihren Beistand gegen einen ihrer Agenten benötigt. Es galt, einen kleinen Irrtum richtig zu stellen...“
„Da war sie wohl persönlich bei Ihnen?“
„Ganz recht! Zweimal. Dann hatte sich die Sache zu ihren Gunsten erledigt.“
Dem Kummersbacher war diese Neuigkeit offensichtlich angenehm. Er rückte näher heran und fragte den jungen Anwalt in vertraulichem Ton:
„Und glauben Sie auch nur ein Wort von dem, was das enge Hirn einer, die nicht anders als böse denken und sein kann, über sie ausstreut?“
Bisher hatte sich Walter Wullenweber fest im Zügel gehabt. Jetzt ließ seine Kraft nach.
Der Kummersbacher bemerkte die Veränderung seines Mienenspiels.
„Was haben Sie, Herr Rechtsanwalt? Die verdammte Stickluft hier.“
„Das ist es nicht,“ sagte Walter Wullenweber tonlos.
Der Kummersbacher sah ihn fest an, begriff langsam und nickte ein paar mal.
„So stehts also. Und sie? Verzeihen Sie die Frage. Neugier liegt nicht drin. Ich habe das Mädel so lieb wie eine Tochter gewonnen.“
Das Bekenntnis des alten Herrn, daß er sich um sie sorge, ließ keine Ausrede zu.
„Ich – wollte sie zum Weibe. Aber – sie kam nicht...!“
Es wirkte wie das erschütternde Geständnis eines, der für einen Augenblick die Maske abwirft, und der Kummersbacher fragte kein Wort mehr. Er hatte auch keinen Trost bei der Hand. Kurz und herzlich sagte er:
„Wir beide haben heute nicht das letztemal zusammen geredet! Nicht wahr, das Gefühl haben Sie auch?“