20.

Zeit und Arbeit trabten weiter, obwohl Walter Wullenweber in den kommenden Tagen unter der starken Empfindung litt, daß sein Leben still stehe! Niemals war in dem Weißgerberschen Bureau so heftig zu tun gewesen, wie in diesen vergangenen Oktoberwochen. Dazu kam, daß der Justizrat weiter an einer zunehmenden Körperschwäche litt, bei welcher der Arzt strengste Schonung forderte, und Walter Wullenweber nahm sich, um die Arbeit zu schaffen, jetzt dicke Stöße von Akten mit nach Hause.

Wenn er endlich gegen Mitternacht zur Ruhe ging, den Kopf noch voll schwirrender Berufsgedanken, war er todmüde, verfiel auch schnell in einen tiefen Schlaf, um plötzlich mit dem Gedanken emporzuschrecken: „... nun habe ich gründlich verschlafen.“ Und doch war es kaum später als zwei Uhr morgens.

Aber sein Bedürfnis nach Ruhe war gänzlich geschwunden. Er brauchte alle Kraft, um nicht aufzuspringen und von neuem zu arbeiten.

Der dauernde Kampf, sich von den schweren, persönlichen Gedanken freizuhalten, drohte ihn aufzureiben...

Ihre klaren, sprechenden Augen – die ganze Schönheit der jungen stolzen Gestalt – vor allem ihre weiche Stimme, deren Klang ihm verheißungsvoll zärtlich erschienen war.

Kurz! Er kam nicht von ihr frei.

Lange begriff er nicht, wie das möglich sein konnte. Er wollte der immer stärker werdenden Ahnung nicht Gehör schenken. Aber sie wurde ihm zur Gewißheit. „Der Grund ihrer Ablehnung ist ein anderer! Sie liebt dich, wie du sie liebst...“

Schließlich war er sicher, daß sie sich ihm um eines Geheimnisses halber versagte! Die Saat des eigenen Mißtrauens, gestreut durch den Bericht der alten, ahnungslosen Pauline von dem stattlichen Päckchen brauner Scheine in der Handtasche – die einwandfreie Feststellung ihrer eigenen Vermögenslosigkeit – dazu das Lockmittel ihrer bezaubernden Schönheit, das augenscheinlich sogar die alten harten Vertreter ihrer Familie auf ihre Seite gebracht, wuchs, seit dem das Stiftsfräulein Hermine den Stab über sie brach. Er wollte nicht daran glauben. Seine Liebe zu ihr war stärker als alles. Und doch, täglich zertrümmerte er seinen Glauben an ihre Reinheit.

Die alte Pauline hatte ihren Namen nicht mehr erwähnt, seitdem er es ihr verboten. Das war damals nach Eva’s Brief gewesen, als er noch geglaubt hatte, daß sie nun für ihn abgetan sei. Jetzt war er oft auf dem Wege zur Küche, um ihr zu gestehen, daß er ihr Schweigen nicht länger ertragen könne. Hinein ging er niemals. Er blieb vor der geschlossenen Tür und schüttelte den Kopf über seine Schwachheit.

Als er eines Morgens gegen neun Uhr an dem Schreibtisch seiner Arbeitsstätte schaffte, brannte noch die elektrische Lampe. Um diese Stunde durfte, ohne Vereinbarung, kein Klient vorsprechen. Heute meldete der kleine musikalische Schreiber, dem dies Amt bis zur Tischzeit oblag, eine Dame, die ihn ungesäumt in dringendster Angelegenheit zu sprechen wünsche. Mit einem Schlage durchfuhr ihn die Hoffnung, daß es Eva von Ostried sein könne. Er überlegte nichts, sondern starrte der sich öffnenden Tür entgegen. – Es war aber das Stiftsfräulein Hermine, die grau wie der herbe Tag, vor ihm stand.

Er wollte ihr kurz und unfreundlich eröffnen, daß sie sich bis zur angezeigten Sprechstunde zu gedulden habe... aber seine Kehle war wie zugeschnürt. Ungehindert ließ er sie sprechen.

„Ich möchte Sie um meine Unterschriftsbeglaubigung bitten, Herr Rechtsanwalt.“ Dabei hatte sie schon mehrere Schriftstücke vor ihn ausgebreitet und wies mit der harten, knöchernen Hand darauf hin. „Es ist nämlich eine außerordentlich dringende Sache. Ich habe mein Geld mit sechs Prozent anlegen können, während ich bisher dumm genug war, es für nur vier einem kleinen Gutsbesitzer zu überlassen.“

Aus ihren Augen leuchtete die Habgier. Er merkte es deutlich, aber es stieß ihn, den sonst Feinfühligen, nicht ab. Sein persönliches Empfinden regte sich nicht.

Die Beglaubigung war schnell getan. Trotzdem blieb das Stiftsfräulein noch. Sie hatte denselben Stuhl inne, wie damals Eva von Ostried. Daran mußte Walter Wullenweber plötzlich denken. Die zusammengefalteten Schriftstücke lagen immer noch in seiner Hand, ohne daß die Eigentümerin Miene machte, sie an sich zu nehmen.

„Ich bitte sehr, das gehört Ihnen.“

Sie nickte. Aber sie nahm sie ihm trotzdem nicht ab. Um seinem Blicke einen Ruhepunkt zu geben, senkte er ihn darauf nieder und las mechanisch den Namen eines waghalsigen Unternehmers, der seit Jahren ungeheure Werte an Grund und Boden an sich brachte. Sein Name war ihm vielfach begegnet. Ohne, daß ihm bisher die Gerichte sein Handwerk zu legen vermochten, hatte doch jeder, der sich mit seinen Angelegenheiten beschäftigen mußte, das deutlichste Gefühl, daß dies Werk vieler Millionen eines Tages zusammenbrechen und unzählige Vertrauensselige unter sich begraben und zermalmen werde.

Die Verantwortung des Beraters von Rechtswegen regte sich in ihm. Auch dieser Unangenehmen gegenüber!

„Sie haben das Geld doch noch nicht hingegeben?“

„Doch,“ nickte sie stolz. „Die Leute drängen ihm ja ihre Mittel förmlich auf und er suchte nur eine bestimmte Summe.“

Walter Wullenweber war auch diese Gepflogenheit bekannt. Um bei kleinen Sparern kein Mißtrauen zu erwecken, bezifferte er in seinen Gutachten das Geforderte in der letzten Zeit kaum jemals höher als mit hunderttausend Mark.

„Es machte grade unser gesamtes Vermögen aus,“ fügte sie noch hinzu.

„Und Sie haben sich zuvor bei niemand einen Rat geholt? Keinerlei Auskunft über ihn eingezogen?“

„Das war unnötig. Jede der zweiundzwanzig Damen unseres Stiftes war bereit, ihm das ihre, bis auf den letzten Pfennig, ebenfalls anzuvertrauen. Ich war nur schneller wie sie und darum glücklicher.“

So widerwärtig sie ihm auch heute war, eine letzte Frage mußte er dennoch an sie richten.

„Wäre es möglich, daß Sie Ihr Geld, vielleicht mit einem kleinen Verlust – noch zurückziehen könnten? Mir ist bekannt, daß solche Leute, wenn sie dabei etwas verdienen können, sich ausnahmsweise dazu bereit erklären.“

„Glücklicherweise ist das ausgeschlossen,“ kicherte sie. „Das Terrain ist bereits damit erworben. Ich werde außer den sechs Prozent Zinsen noch zwei weitere Prozent nach der Bebauung vom Reingewinn abbekommen. Denken Sie – also das Doppelte der bisherigen Einkünfte...“

Er sagte nichts weiter dagegen. Wozu auch? Zu ändern gab es nichts mehr und sie würde es noch früh genug erfahren. Sie deutete sein Verstummen nach ihrer eigenen Veranlagung.

„Die andern Stiftsdamen würden mich steinigen, wenn sie wüßten, daß mir dies rechtzeitig gelungen ist.“ Sie sah ihn lauernd an. Der abweisende Ausdruck in seinen Zügen bestärkte sie in der Annahme, daß auch er ihr dies glänzende Geschäft mißgönne. Darüber freute sie sich, wollte grade eine hämische Bemerkung machen, unterdrückte sie aber rechtzeitig, weil sie an das andere dachte, um dessentwillen sie in der Hauptsache zu ihm gekommen war.

„Ich habe noch eine Bitte an Sie, Herr Rechtsanwalt.“

„Dafür bin ich zur Sprechstunde von 12 bis 2 Uhr nachmittags zur Verfügung,“ meinte er abweisend. „Dies hier geschah nur ganz ausnahmsweise! Der ungeschulte Schreiber soll keine unangemeldeten Besucher vorlassen.“

„Wenn Sie mich jetzt noch einen Augenblick anhören, wird es nicht Ihr Schade sein,“ tuschelte sie vertraulich.

„Ich bitte höflichst, einstweilen zu gehen,“ entschied er kurz, von ihrer Vertraulichkeit abgestoßen.

„Es handelt sich nämlich um Eva von Ostried,“ fuhr sie fort, als habe sie seine Worte nicht vernommen.

Das entwaffnete ihn!

„Sie waren ja Zeuge meiner Ansichten über sie, Herr Rechtsanwalt. Natürlich habe ich sofort versucht, die nötigen Beweise, von deren Vorhandensein ich mich nach wie vor überzeugt halte, zu erbringen. Es ist mir nicht gelungen. Ich habe keine Berührungspunkte zu den Kreisen, in denen sie lebt. Wie soll ich also das bestimmt vorhandene Material zusammentragen? Sie sind ein Mann und haben als solcher überall Zutritt. Sie sind außerdem noch Jurist und wissen genau, worauf es hier ankommt. Tun Sie mir den Gefallen und bemühen Sie sich in dieser Sache an meiner Statt. An dem Tage, an dem Sie mir Vollgültiges bringen, erhalten Sie von mir dreihundert Mark. Das gesetzliche Honorar, das Sie als Anwalt für Ihre Bemühungen fordern können, bleibt davon unberührt.“

„Wenn Sie nicht wollen, daß ich ungesäumt dem Generalleutnant von Ihrem Verlangen Bericht erstatte, entfernen Sie sich auf der Stelle.“

Sie ging mit wutverzerrtem Gesicht. „Gestehen Sie es nur, Sie sind auch einer von denen, der in ihren Netzen zappelt,“ zischelte sie, schon auf der Schwelle stehend. –

Er war wieder allein und riß die Fenster weit auf, als schwebe in diesem Raum ein Pestgeruch wahnwitziger Verdächtigung, der ihm Uebelkeit erregte. Dann hieb es wie mit Hammerschlägen auf ihn ein. „Er war auch einer...“

Stimmte das nicht? Kam er von ihr los? Er fühlte, daß er an dieser Sehnsucht und Ungewißheit langsam zu Grunde gehen müsse!

An diesem Abend kam er erst gegen neun Uhr nach Hause. Die alte Pauline war seinetwegen in Sorge. Sie wußte sich sein schon seit Wochen verändertes Wesen nicht anders zu deuten, als daß er sich krank fühle. Während er sonst beim Auftragen der Speisen gern einen Scherz machte, saß er jetzt gedankenlos am Tisch und genoß hastig und unfreudig, was sie ihm vorsetzte. Heute wartete der sorgfältig zubereitete Imbiß längst auf ihn.

„Es gibt ein Gläschen Glühwein, Herr Rechtsanwalt,“ sagte sie verheißungsvoll, „haben Sie das nicht gerochen? Die Luft geht scharf und Sie sehen immer aus, als ob Sie nie richtig warm werden könnten.“

Er nickte ihr zu, während er die Aktentasche abwarf.

„Sie hätten Mediziner werden sollen, gute Pauline. Ihre Diagnose stimmt aufs Haar.“

„Sie haben also wirklich gefroren und sagen mir keine Silbe davon,“ meinte sie vorwurfsvoll. „Wie gern hätte ich ein paar Kohlen in den Ofen gelegt.“

„Der Glühwein wird auch helfen. Bringen Sie ihn nur möglichst schnell.“

Sie blieb nachher noch wie in früheren guten Tagen ein wenig am Tisch stehen und sah ihm zu, in der Hoffnung, daß er sich aussprechen werde. Hastig goß er den dampfenden Trank herunter.

„Kann ich noch eins bekommen, Pauline?“

„Aber gewiß! Nur wär’s vielleicht besser, ich brächt’ es Ihnen kurz vor dem Schlafengehen. Das nimmt man, soll’s helfen, in ganz kleinen Schlückchen – macht die Augen zu und schläft geschwind ein, wenn’s sonst auch noch so lange dauern muß.“

„Ich werde ausnahmsweise gehorsam sein. Also – nachher noch eins! Vorher aber und zwar jetzt gleich, bitte, das andere...“

Sie hantierte kopfschüttelnd in der Küche, um seinen Wunsch zu erfüllen. Er würde sich doch nichts angewöhnen? Neulich war er einmal seltsam wankend nach Hause gekommen.

Auch dies zweite leerte er sehr schnell.

„Ich muß übrigens nachher noch einmal fort, Pauline.“

„Bei diesem Wetter? Hören Sie doch, wie der Regen an die Scheiben klatscht.“

„Es hilft nichts. Ich muß eben. Suchen Sie, bitte, den alten Lodenmantel heraus. Die elektrischen Bahnen werden noch überfüllter wie sonst schon sein.“ Sie schlug jammernd die Hände zusammen.

„Jetzt womöglich auch noch eine Stunde oder länger zu Fuß laufen. Lieber Gott, und ich hab’s so gut und trocken und warm. Kann ich das nicht für Sie abmachen, Herr Rechtsanwalt? Lachen Sie mich nicht aus. Ich weiß wohl, daß ich viel zu dumm für Ihre Sachen bin. Aber vielleicht ist’s nur ein Auftrag oder so was. Es war doch schon mal so. Da durfte ich auch an Ihrer Stelle gehen.“

Er legte gerührt seine Hand auf die ihre.

„Vielleicht machten Sie es diesmal sogar besser, als ich, Pauline. Aber – nein – es darf nicht sein. Ich werde nicht früher ruhig.“

Das war wieder geheimnisvoll und unverständlich, wie jetzt so vieles. Seufzend brachte sie den Mantel, der von den Kletterpartien aus der Studentenzeit herstammte und hing ihn sorglich um seine Schultern.

„Wann werden Sie wohl ungefähr zurück sein, Herr Rechtsanwalt?“

„Sie beabsichtigen doch nicht etwa aufzubleiben...“

– – – – Das Vorwärtskämpfen durch den dunklen, nassen Abend tat ihm wohl. Der Regen, der jetzt fein und emsig herunterrieselte, netzte seine pochenden Schläfen und beruhigte die wirren Gedanken. Trotzdem fiel es ihm nicht ein, umzukehren – oder das, was er vor hatte, als etwas Sinnloses zu empfinden. Es gestaltete sich im Gegenteil immer klarer in ihm, daß er diesen Weg machen müsse!

Einmal versuchte er einen Platz auf der Plattform des elektrischen Wagens zu bekommen. Es gelang ihm wirklich. Aber nun stand er – eingekeilt von der Masse mürrischer, hastiger Menschen und atmete den Dunst durchnäßter Mäntel und Kleider ein. Das dünkte ihn unerträglich.

In den kleinen verlaufenen Pfützen der Straße spiegelten sich die trüben brennenden Laternen, sodaß es wirkte, als winke eine Schar abgestürzter Lichtlein, die sich vor dem Ertrinken wehrten, zu ihm herauf. Eine halbe Stunde ertrug er es. Dann sprang er ab und ging das letzte Stück durch Wind, Regen und Kühle. Ohne zu zögern setzte er seinen Weg fort. Als er die neue Kantstraße hinunterschritt und zu beiden Seiten des kunstvollen Brückengeländers den Spiegel des Lietzensees mit der neuen Fülle ertrinkender Lichter sah, beschleunigte er seine Schritte. Ungezählte mal war er denselben Weg in Gedanken gewandert, hatte ihn sich nach der Karte so genau eingeprägt, daß ihm die Gegend vertraut erschien. Nun bog er rechts ab und hielt sich an dem Drahtzaun entlang, der die alten schönen Bäume des Parkes am Königsweg begrenzte.

Das Haus, in dem Eva von Ostried wohnte, war schnell gefunden. Die alte Pauline hatte es ihm, als sie noch darüber berichten durfte, ausführlich und häufig genug beschrieben.

Gänzlich in das Dunkel gedrückt, stand er und starrte nach den Fenstern hinüber, die er als die ihren zu erkennen glaubte. Hinter der Glastür, die auf einen kleinen Balkon hinausführte, sah er den Schein einer rotumhangenen Lampe –, er unterschied die Köpfe zweier Menschen dicht nebeneinander. Der mit dem langgehaltenen fast bis zu den Schultern herunterfallenden Haar war derjenige eines Mannes.

Diese Entdeckung durchzuckte ihn wie ein Stich. Er wollte auch sein Gesicht sehen. Dies gelang ihm nicht. Es mußte, in tiefer Versunkenheit, über etwas geneigt sein, das es völlig verbarg.

Auch von der weiblichen Gestalt vermochte er lediglich ein Stückchen des freigetragenen Halses und eine Hand, die sich zuweilen nach einem Gegenstand ausstreckte, mit Sicherheit festzustellen.

Es genügte ihm. Das Blut brauste vor seinen Ohren. Sein ohnmächtiger Zorn löste sich langsam in eifersüchtige Qualen auf.

Nun stand er hier und sah zu, wie sich dort oben unter dem Schein des verführerischen Purpurs, der das junge Blut doppelt erhitzen mochte, eines der vielen Schäferstündchen abspielte. Er versuchte sich einzureden, daß diese Gewißheit das beste Heilmittel für seine Liebe sei, sah nach dem Schienenstrange der Elektrischen hin, der durch Nebel und Nässe in der Ferne aufblitzte, und beschloß, heimwärts zu eilen und traumlos auszuschlafen. Denn er war sehr, sehr müde. Aber er machte keinen Versuch, sich zu entfernen. Er starrte weiter auf das verschwimmende Bild der beiden dicht zusammengeneigten Köpfe.

Die breite Promenade war menschenleer. Nur einmal klappte die niedere Tür der gegenüberliegenden Polizeiwache und ließ zwei stämmige Schutzleute heraus. Ein paarmal drehten sie sich nach ihm herum, dann gingen sie beruhigt weiter. Er fühlte nichts mehr wie das Bild, dessen Gestalten er klar erkennen mußte, ehe er von hier schied. Seine Augen brannten. Seine Zunge lag hart und trocken im Munde. Vielleicht war es wirklich schon Mitternacht, denn irgendwo schlug eine Uhr zwölfmal. Seine Taschenuhr war plötzlich stehen geblieben. Er entsann sich dumpf eines Märchens, nach dem dies stets geschah, wenn eines Menschen Liebstes die Augen für immer schloß. Erst später fiel ihm ein, daß es ganz natürlich zuging, weil er vergessen hatte, sie aufzuziehen.

Er mußte nun heim!

Da schob sich ächzend die schwere Haustür, von innen geöffnet, auf, und eine Männergestalt trat auf den Bürgersteig hinaus. In dem gleichen Augenblick erlosch oben der rote Lampenschein.

Mit ein paar Sätzen war Walter Wullenweber bei dem Andern – – ging neben ihm dahin, starrte ihn an wie ein Irrer....

Das war doch – –. Das Gefühl der Atemlosigkeit wich der Befreiung, die zu schön erschien, um bedingungslos an sie zu glauben.

„Herr Rechtsanwalt Wullenweber, nicht wahr?“ fragte eine Stimme, die selbst in dem Augenblick gerechtfertigten Erstaunens noch sanft blieb.

Der schweigsame Dichter von der Familientafel der Ostrieds sah erstaunt zu dem Anwalt auf. Walter Wullenweber suchte nach einer glaubhaft klingenden Erklärung.

„Ich hatte in der Gegend zu tun und hoffte nun auf eine zufällig des Weges daherkommende Droschke.“

Die Notlüge war zögernd und ungeschickt hervorgebracht. Aber Edgar von Ostried-Javelingen kannte kein Mißtrauen. Langsam tastete er sich, nach den traumhaften Stunden, in die Wirklichkeit zurück und lachte leise auf:

„Dann ist es gut, daß mich der Zufall Ihnen in den Weg geführt hat. Das gibt es hier kaum. Wir erhaschen aber bestimmt noch die letzte Elektrische, wenn wir eilen. Nicht wahr, wir bleiben jetzt zusammen, um später, wenn die Bahn uns heraussetzt, ein Stückchen durch die Nacht zu gehen. Ist Ihnen das recht?“

Walter Wullenweber bejahte fast ungestüm. Ein wenig später saßen sie nebeneinander wie zwei alte Freunde.

Walter Wullenweber wartete, daß ihr Name fallen würde.

„Ich war in Fräulein von Ostrieds kleinem, entzückenden Heim,“ begann der Dichter endlich. „Ich weiß nicht, ob Sie ihre Adresse kennen.“

„Doch,“ meinte Walter Wullenweber mit mühsamer Beherrschung, „als der Anwalt der Ostrieds...“

„Richtig. Wir hatten es an jenem großen Familientage ausgemacht, daß ich sie zuweilen an Sonn- oder Feiertagen besuchen dürfe.“

„Aber heute ist doch kein Feiertag,“ warf Walter Wullenweber mechanisch ein.

„Nicht im gewöhnlichen Sinne! Für mich bestand er, obwohl sie selbst leider nicht zu Hause war.“

„Fräulein von Ostried ist... abwesend?“

„Seit vier Tagen weilt sie in München, um dort in zwei Konzerten zu singen.“

Walter Wullenweber seufzte tief auf. Wie hatte er das nur vergessen können?! Durch seine Verhandlungen mit Herrn Alois Sendelhuber kannte er die Daten genau.

„Hier habe ich übrigens eine glänzende Rezension aus den Münchener Neuesten Nachrichten über das erste Konzert,“ plauderte der Dichter und suchte einen Ausschnitt aus der Brieftasche. „Leider ist es zum Lesen zu dunkel. Der Inhalt bringt eine schrankenlose Anerkennung ihres herrlichen Stimmaterials bei vornehmster und edelster Vortragsweise. Sie wird sicher dies alles ebenso interessieren wie mich, denn, nicht wahr, auch Sie glauben bedingungslos an ihre Reinheit?“

Ueber Walter Wullenwebers Gesicht lief ein heftiges Zucken. Anfangs wollte er die Frage überhören. Dann vermochte er es doch nicht. Vielleicht blieb dies die einzige Gelegenheit, um sich aus dem offenherzigen Bericht eines großen, guten Kindes, ein klares Bild zu formen.

„Tun Sie es denn?“ fragte er dagegen. Ein erstaunter Blick traf ihn.

„Ich? Allerdings! Ich verehre sie auch um ihrer selbstlosen Güte und Entsagungsfreudigkeit willen, von allen Menschen am meisten. Und ihre Künstlerschaft ist begnadet. Dazu bedurfte ich keine Kritik. Das habe ich sofort in der ersten Viertelstunde gefühlt, die ich ihrem Gesang lauschen durfte. Sie machen ja plötzlich so ein merkwürdiges Gesicht, Herr Rechtsanwalt? Trauen Sie mir keine Urteilskraft zu?“

„Sicher halten Sie sich von Fräulein von Ostrieds Vortrefflichkeiten voll überzeugt!“

„Soll das vielleicht heißen, daß Sie an ihnen zweifeln?“

„Zweifeln? Ich glaube nicht, daß der Ausdruck paßt.“

„Auch jetzt bleiben Sie noch Jurist. Wie leid mir das tut. Als ich Sie neulich längere Zeit beobachtet hatte, war ich sicher, daß Sie ein starkes Gefühl für die Angegriffene hatten, obwohl Sie dies nicht zum Ausdruck bringen konnten.“

„Nehmen wir an, daß Sie sich nicht darin getäuscht haben.“

„Dann dürfen Sie nicht an ihr zweifeln!“

„Alles Zweifeln entspringt dem Verstand! Dagegen kann das Gefühl nicht an.“

„Wie sonderbar und hart! – Sie waren wohl nie in ihrem Heim? Hatten keine Gelegenheit sie zu studieren, wie es mir vergönnt war.“

„Nein. Wie wäre das auch möglich gewesen. Sie suchte mich als Anwalt auf, wir lernten uns dabei kennen – verhandelten –“

„Dann sind Sie entschuldbar, obgleich ich sofort einen nachhaltigen Eindruck von ihr empfing. Verstehen Sie mich nicht falsch. Sie ist sehr schön. Vielleicht überhaupt die Allerschönste. Es liegt nahe, daß ich mich blind in sie verliebt haben könnte. Mein schwacher Körper – meine armselige Stellung als Mensch und leider vor der großen Volksmenge auch noch als Dichter wären kein Hindernis. Ich bin aber gar nicht verliebt in sie. Ich liebe sie! Auch das nicht im üblichen Sinne. Wie man das Gute und Schöne lieben und anbeten muß, so fühle ich für sie. Es kommt mir gar nicht in den Sinn, daß dies etwa in den Augen solcher, denen nichts heilig ist, lächerlich erscheinen könnte.“

„Schwärmer,“ sagte Walter Wullenweber leise. „Was erscheint Ihnen denn so göttlich an ihr?“

„Vor einer Stunde war ich noch fest überzeugt, daß niemals ein Wort davon über meine Lippen gehen würde. Jetzt fühle ich, daß ich, um ihr einen Dienst zu erweisen, daran rühren muß. Sie sollen ein klares, unverzeichnetes Bild von ihr erhalten. – Sie hat ein junges, sicher dem Tode verfallenes Mädchen bei sich. Bei der habe ich heute gesessen und ihr aus meinen neusten Schöpfungen vorgelesen. Sie ist sehr einsam und muß sehr unglücklich sein und Eva von Ostried hat mich gebeten, während ihres Fernseins nach ihr zu sehen. Völlig hat sie sich nicht zu mir ausgesprochen. Es gibt aber Minuten, in denen eine schreckliche Vergangenheit aus ihren entsetzten Augen redet. –

Was ich über Eva von Ostried an Tatsächlichen weiß, hörte ich von ihr. Eines Tages hat sie das ihr bis dahin fremde Mädchen aufgenommen, die Schwerkranke mit allen Opfern gepflegt und wie eine Schwester gehalten. Der Grund ist mir klar. Sie weiß bestimmt, daß deren Wochen oder Monate gezählt sind – daß niemand das sieche, heimatlose Geschöpfchen aufnehmen würde. Darum machte sie ihr mit dem Sonnenschein ihrer Güte die letzte Stunde leicht...“

„Dies todkranke, verlassene Mädchen ist eine Gefallene, nicht wahr?“

Der Dichter zuckte zusammen. Ueber sein Gesicht flammte das helle Rot der Scham oder Empörung.

„Ich weiß nicht, ob sie jemals gestrauchelt oder gar gefallen ist. Und will es auch nicht wissen. Haben Sie allzeit aufrecht dagestanden? Ja? Ich nicht! Ich habe Zeiten hinter mir, in denen ich zu dem Schlechtesten fähig gewesen wäre. Warum ich es nicht ausführte? Ich hatte eine Mutter, die ein Engel war und einen Vater, der ein Held im Ertragen und Entsagen, auch in den opfervollsten Zeiten, blieb. Beide Eltern starben, als ich zwanzig Jahre zählte. Viel zu früh natürlich. Und dennoch spät genug, um mich stark und reif gemacht zu haben. Bei jeder Anfechtung waren sie mein Schutz und Schirm. Wissen Sie denn, ob das kleine, arme Gretchen Müller jemals einen Schutzgeist besitzen durfte? Nun ist auch sie rein und still und sehnsüchtig nach allem Guten. Was ist denn die Hauptsache? Was jemand getan oder versehen hat oder wie er es zuletzt gutmacht? Ich glaube, dies letztere. Ich sage Ihnen, das kranke Mädchen hat sich entsühnt. Und weil Eva von Ostried das genau fühlt, wird ihre Güte und Liebe immer größer!“

„So ist Fräulein von Ostried von ihrem jetzigen Leben also voll befriedigt?“

„Das glaube ich nicht. Sie ist ein verschlossener, starker Mensch, der alles allein trägt. Meinen Sie vielleicht, daß sie sich etwa zu Fräulein Gretchen ausspräche, denn ich darf das für mich noch nicht in Anspruch nehmen. Unsere Bekanntschaft ist zu neu. Sie hat mir gegenüber den Ton einer besorgten älteren Schwester, der neben all meiner Anbetung den unbedingten Respekt keinen Augenblick vergessen macht. Aber die Hausgenossin ahnt ein schweres Geheimnis in diesem Leben und leidet schwer darunter, weil sie nicht zu helfen vermag.“

„Sie ahnt auch nicht, was es sein könnte?“

„Nein! Eva von Ostried vermeidet über sich zu sprechen.“ Noch einmal äußerte sich der alte Argwohn in Walter Wullenweber: „Sie wird ihre guten Gründe dafür haben.“

„Wahrscheinlich. Gut sind sie sicher. Ob richtig? Das wäre die Frage. Ich jedenfalls verstehe, daß sie die Todkranke, die von viel Schmerzen gepeinigt wird, nicht noch mehr belasten will.“

„Wie Sie für alles, was sie angeht, irgend eine Entschuldigung oder Erklärung bereit halten.“

„Könnte ich sie sonst wirklich anbeten? Sie lächeln und denken, ein Dichter kann das sehr wohl. O nein, Herr Rechtsanwalt. Wenn ich auch arm und abhängig bleiben muß, meine Begriffe von Frauenehre und Menschenwürde stehen fest. Die lasse ich mir von niemand antasten, geschweige denn rauben. Wenn sich heute ein Dutzend weiser und berühmter Denker die Mühe machen wollten, mich mit anscheinend logisch aufgebauten Beweisen andern Sinnes zu machen, es hilfe ihnen nichts. Wenn meine Seele klingt, wie sie das in Eva von Ostrieds Gegenwart tut, dann irrt mein Gefühl nicht.“

„Sie sind ein beneidenswert glücklicher Mensch.“

Der elektrische Wagen lief nicht mehr. Die wenigen Fahrgäste waren ausgestiegen. Nun kletterten auch die beiden letzten in ihre Gedanken Versunkenen heraus.

„Bleiben wir noch ein wenig zusammen?“ fragte der Dichter wieder sehr schüchtern.

„Es kommt darauf an, wo Sie wohnen.“

Er nannte eine Straße im hohen Osten.

„Dann haben wir noch eine Viertelstunde den gleichen Weg.“

Schweigsam gingen sie durch die Nacht. Der Regen hatte aufgehört. Sterne waren da und ein schmaler, blasser Mond.

„Herr Rechtsanwalt,“ sagte der Dichter plötzlich leise.

Walter Wullenweber fuhr zusammen. Er hatte die Gegenwart des andern vergessen.

„Verzeihen Sie mir meine Schweigsamkeit. Mir ging so manches durch den Kopf.“

„Das fühlte ich und würde Sie auch nicht gestört haben, wenn die Viertelstunde nicht bald herum wäre. Eine Bitte hätte ich: Werden Sie Eva von Ostried ein wahrer Freund und Berater, wenn Sie es können. Ja? Sie ist sehr einsam und ich bin doch nicht die Persönlichkeit zum schützen. Wollen Sie?“

Walter Wullenweber hielt die feingliedrige Hand des Dichters und preßte sie voller Kraft.

„Ich will es versuchen!“

Nun ging er allein weiter. Die Sterne waren schon wieder verschwunden und der schmale Mond blinkte nur noch wie ein gelber Faden, der zwei dicke, graue, unruhige Wolken zusammen zu nähen versuchte. Ihm war heiß, jung und sehnsüchtig zu Mute!