21.

Der geräumige, vornehm ausgestattete Blüthnersaal schien bereits eine halbe Stunde vor Beginn des heutigen Konzerts gefüllt. Aber mit dem Glockenschlage strömte nochmals ein neuer Menschenstrom herein, staute sich einen Augenblick und verteilte sich dann nach allen Seiten hin. Wie das Rauschen einer Unruhe lief’s durch den Saal, dann schlossen sich die Türen und es wurde ganz still.

Das Künstlertrio begann mit dem tatrischen Tondrama von Tschaikowski. Vielleicht beherrschte der wundervoll reine Klang des Cello ein wenig zu sehr die Melodie, die von der Geige hätte geführt werden müssen. Aber das war nur für die ersten Minuten der Fall. Dann bot das Zusammenspiel einen künstlerischen Genuß von höchster Vollendung und die gewaltige Dramatik des ersten Satzes löste eine beifallslose Ergriffenheit aus.

Nach der ersten Pause kam von einer der Türen Horst Waldemar von Ostried und ging suchend – die Platzkarte in der Hand – die vollbesetzten Reihen auf und ab. Er wußte genau, daß er irgendwo unter einem Pfeiler einen Eckplatz hatte.

Als er endlich die kleine Dame im Schwabinger Künstlerkleidchen und die dazu gehörenden braunen Haarschnecken vertrieben hatte, war es gerade der Augenblick, daß Evas stolze, schlanke Erscheinung in dem sehr schlicht gehaltenen Gewand aus weißer, fließender Seide auf dem Podium erschien.

„Hast du jemals etwas so Märchenhaftes gesehen?“ flüsterte hinter seinem Rücken ein begeistertes junges Wesen ihrem älteren, würdigen Nachbar, der offenbar ihr Vater war, zu.

Horst Waldemar lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit ihrer Antwort.

„Ausnahmsweise spielst du dich als echter Kindskopf auf,“ tadelte die tiefe Stimme. „Befreie dich gefälligst von ihren äußeren Reizen, sonst kannst du unmöglich das genügende Verständnis für sie als Sängerin aufbringen. Und du weißt, daß sie das verdient.“

„Ich empfinde dich als einen merkwürdig gnädigen Kritiker, so bald es sich um sie handelt, Papa.“

„Merkst du nicht, daß sie uns alle durch ihr Talent dazu zwingt, Kind? Dies alles ist nur der Anfang. Eines Tages wird man in der musikalischen Welt nur von ihr sprechen. Dann wird sie ungeheure Honorare bestimmen und erhalten. Man wird sich einfach zerreißen, um sie festzumachen. Das habe ich bereits vor einem Jahre gewußt. Und niemals begriffen, daß sie sich mit dem bescheidenen Lose einer Konzertsängerin begnügt.“

„Sie wird sehr bald einen Prinzen oder einen Doppelmillionär heiraten, Papa, und dann darf sie nur für den Einen singen.“

Er lachte leise.

„Beide mögen sich finden lassen! Ob sie aber mag?“

„Ich glaube, ich könnte nicht widerstehen.“

„Diesen Glauben teile ich. Du bist leider im Alltag das nüchternste Geschöpf unter der Sonne, wenn es irgendwie Stellung, Vorteil oder Glanz zu erkaufen gibt.“

Es klang bitter.

„Ich muß doch, seitdem Mama tot ist, sparen. Für uns Beide,“ sagte sie, als schäme sie sich ein wenig für ihren alten Vater, der das wirtschaftliche Einmaleins so schlecht beherrschte.

Er seufzte verzweifelt auf. „Ach, diese ewigen Geldnöte, Trude.“

Da jauchzte der erste Ton durch die andächtige Stille und löschte die Nöte des Lebens aus. Schuberts tiefergreifende ewig schöne Weihelieder erbrausten. Das Lied vom „Abendrot“ umspann die Hörer mit seinem weichen, sehnsüchtigen Ewigkeitszauber.

Den fünf Handschriftliedern war ihre Stimme und die Begleitung voll angepaßt und jubelnde Stürme echter Begeisterung lösten sie aus. Eva von Ostried stand, als ginge sie die Raserei der Menge nichts an, und trat schließlich, mit einer Handbewegung auf den Komponisten deutend, bescheiden zurück. Er mußte an ihre Seite kommen. Die beiden hochgewachsenen Menschen reichten sich einen Augenblick fest die Hände.

In diesem Augenblick erhob sich Horst Waldemar von Ostried so leise, wie es seine mächtige Figur zuließ und tastete sich nach der Tür. Ihre Mitwirkung war nach der gedruckten musikalischen Beitragsfolge hiermit zu Ende. Noch einmal sah er zu ihr hinüber. Sie hatte die Hände wieder frei und leicht zusammengelegt. Sein Blick war gefesselt. Gewaltsam riß er ihn los. Noch ehe ihm das voll gelungen, hatte sie ihn bemerkt. Eine Sekunde begegneten sich ihre Blicke. In der nächsten wandte sie den Kopf zur Seite.

Ihm flog etwas durch den Sinn. Zusammenhanglos, wie er meinte und töricht genug. Die Worte, die vorher der alte Kritiker über den Prinzen gesagt hatte – „Ob sie aber mag?“ Dann reckte er sich noch höher auf und verließ in dem Augenblick den Saal, als die unaufhörlich Klatschenden sich glücklich eine Zugabe erbettelt hatten. Es war das kleine Lied des unbekannten Komponisten, daß sie damals in München gesungen:

Ich hatt’ eine weiße Rose

Auf meinem Blumenbrett...

Eva hatte sich dem nicht endenden Beifall entzogen und war auf der Hintertreppe ins Freie gelangt, denn der Anblick des Einen, der sich plötzlich weit vorgebeugt und unverwandt zu ihr herab gestarrt, hatte ihr die Fassung und alle Freude an dem schönen, großen Erfolg geraubt.

Nun sah sie nur ihn, fürchtete ihm irgendwo zu begegnen und stellte doch in dem nächsten Augenblick mit bitterer Angst fest, daß er zu stark und zu stolz sei, um nach dem Geschehenen auch nur einen solchen Versuch zu machen. Die herzliche Einladung des Trios zu einem gemütlichen Beisammensein nach dem Konzert hatte sie, unter irgend einem törichten Vorwand, abgelehnt. Wie eine Diebin schlich sie sich fort. Der Schwarm der Hörer hatte sich verlaufen. In der Beförderung der elektrischen Bahnen mußte vorübergehend eine Stockung eingetreten sein. Es war alles still und tot um sie her.

Plötzlich stand er neben ihr und ging an ihrer Seite weiter. Walter Wullenweber hätte dies noch vor Stunden für unmöglich gehalten. Er wollte nichts, als sie wiedersehen, und danach alles überlegen! Nun zwang ihn etwas zu ihr.

„Woher kennen Sie das kleine Lied?“

„Das Lied? Welches Lied?“ fragte sie.

„Mein Lied.“

„Das von der weißen Rose? – Es ist das Ihre?“

„Ja, ich habe es vertont. Der Text ist von meiner armen, kleinen Schwester.“

„Ich fand es vergessen in einer kleinen Konditorei und nahm es mit mir. Seitdem habe ich es oft gesungen.“

„Eva,“ sagte er dicht an ihrem Ohr und alles, was er an Liebe, Leid, Sehnsucht und Angst um sie getragen hatte, lag in diesem einen Worte.

Es riß sie von ihm fort, denn die alte Schuld schlug mit harten Fäusten auf sie ein, aber sie hörte nichts als das eine leise, zärtliche Wort. Und seine Hand riß die ihre an sich: „Ich liebe dich – weiter über alles.“

Da gab sie den Kampf auf.

„Wo warst du so lange?“ fragte sie voll seliger Scheu.

Nun nahm er auch ihre schlanke stolze Gestalt. Einen Augenblick ruhte sie an seinem Herzen.

„Ich war immer bei dir, Eva.“

„Und ließest mich doch ganz allein.“

„Durfte ich denn kommen? Hast du deinen Brief vergessen, den schrecklichen kalten Brief?“

„Es war alles nicht wahr,“ stammelte sie.

„Warum dann aber? Wozu diese unsägliche Qual für uns Beide?“

„Frage nichts! Ich weiß es nicht. Ich weiß nur das Eine.“

„Was ist das? Sprich es aus!“

„Daß ich dich ebenso liebe, wie du mich!“

Seine Arme umfaßten sie – trugen sie beinahe, und mit geschlossenen Augen ließ sie es geschehen. „Du, du,“ sagte er nur, „nun hat alle Not eine Ende!“

Da schlug es wieder in ihr wundes Gewissen. „Ich muß noch mit dir sprechen. Morgen, ja?“

Das unheimliche Gespenst des dunklen Geheimnisses, unter dem er bis zur Grenze des Ertragenkönnens gelitten – da war es wieder. Und dennoch nichts mehr von alledem.

„Es ist doch Keiner da, der jemals ein Recht an dir gehabt hätte, Eva?“

Stolz und frei blickten ihre Augen in die seinen.

„Niemand! Das schwöre ich dir!“

Nun war alles – alles gut! Keine Frage sollte jemals an seinen Qualen rühren. Er würde ihr bedingungslos vertrauen. Er hob ihre Hände und preßte seine Lippen darauf.

Der nächste Tag war ein Sonntag. Mit holdseliger Befangenheit, die ihn rührte und beglückte zugleich, hatte sie seinen Besuch in ihrem Heim abgewehrt. So war es festgelegt, daß sie sich um die Mittagszeit draußen in Wannsee treffen und alles nötige miteinander vereinbaren würden. Denn sie waren im Innern gleich entschlossen, daß sie schon diesen Winter als Mann und Frau durchleben mußten!

Auf dem schmalen Sitzbrett eines Bootes saßen sie und sprachen von sich und ihrer Zukunft.

„Ein glänzendes Los erwartet dich nicht, Liebste,“ meinte er. „Siehst du, mein festes Einkommen genügt eigentlich. Aber da ist noch mein Vater. Ich schrieb dir damals alles von ihm. Und dann meine kleine Schwester. Wenn ich sie doch eines Tages wiederfände.“

Fest schmiegte sie sich an ihn.

„Mit mir, die ich leider mit ganz leeren Händen zu dir kommen muß, rechnest du also lediglich als Verbraucherin?“

Er sah sie erschrocken an.

„Anders darf es nicht sein, Eva!“

„O doch! Verstehe mich nicht falsch. Ich werde an dir und deiner Liebe volles Genüge finden. Das weiß ich. Frei von allem Ehrgeiz will ich dir schaffen helfen, indem ich weitere Stunden gebe.“

„Nicht früher, bis es dringend notwendig geworden ist. Versprich mir das schon jetzt.“

„Gut,“ sagte sie nach einer Weile. – An ihrem Zaudern merkte er, wie schwer ihr die Zusage wurde.

„Ich glaube, das war von mir allzu egoistisch, Liebling. Aendern wir es darum ungesäumt ab. Wenn deine Sehnsucht dich früher dazu treiben sollte, dann sagst du es mir!“

Sie nickte.

„Wie du mir überhaupt alles – alles anvertrauen mußt. Nicht wahr? Aber das ist ja selbstverständlich!“

„Wenn ich dir nun doch eine Kleinigkeit verschweigen würde,“ fragte sie mit schmerzhaft zusammengezogenen Brauen.

„Es käme darauf an, was es wäre. Halte mich nicht für kleinlich. Ich will dir immer grenzenlos vertrauen. Aber ein Geheimnis, daß schon bestanden hat, ehe du mein Weib wärst. Siehst du, das müßte ich kennen. Oder?“ Er stockte.

„Warum sprichst du nicht zu Ende, Walter?“

„Es war nichts, Liebste,“ lenkte er ab.

„Du willst kein Geheimnis dulden und schaffst in demselben Atemzug eins,“ klagte sie.

Ihre Augen standen voller Tränen. Der Jammer über ihr Schicksal erpreßte sie. Er aber glaubte, sie verletzt zu haben, befreite sich von dem sich selbst gegebenen Versprechen und sagte rasch und klar:

„Du hast einen Anspruch, den Satz zu Ende zu hören. Ich wollte sagen, wenn es das Geheimnis eines Geschehnisses wäre, von dem du wüßtest, daß es nichts in mir änderte – das ich voll begreifen, ja vielleicht sogar nachmachen könnte, dann gestände ich dir ohne weiteres das Recht zum Verschweigen ein.“

„Also in keinem andern Fall?“

„Nein! Vielleicht könnte ich etwas, das ich nie begreifen lernte, dennoch verzeihen.“

„Du mußt mir noch mehr darüber sagen, Walter. Ich verstehe dich noch nicht völlig.“

„Und es ist doch so klar, Liebste! Ein hartes Geheimnis, lediglich durch einen Zufall enthüllt, würde für immer Glauben und Vertrauen in mir vernichten.“

„Auch die Liebe?“ fragte sie mit Aufbietung aller Kraft.

„Meinst, daß die ohne Glauben und Vertrauen möglich ist?“

Einen Augenblick rang sie um Atem. Jetzt mußte sie es ihm sagen. Keine Minute durfte es länger nach diesem verschwiegen werden.

Da legte er den Arm um sie und zog ihren Kopf an seine Brust. So ruhte sie aus, während der leichte Kahn fast stillstand, und dachte dumpf und verzweifelt und dennoch über alle Maßen selig: Noch einen Herzschlag lang, und dann – –

Er küßte sie auf Mund und Augen. Ein leiser Wind begann sie ein wenig vorwärts zu treiben. Die Sonne sah ihr warm und strahlend ins Gesicht.

Plötzlich ward sie fest entschlossen, ihr Glück nicht aufs Spiel zu setzen. Denn der Zufall? Er konnte ihr nichts anhaben. Niemand außer ihr wußte darum!

„Wir törichten, dummen Menschen,“ flüsterte sie an seinem Herzen und lachte dabei. Wie von einem Alp befreit atmete er auf.

Daß sie jetzt schweigen konnte und lachen war der beste Beweis, daß er sich alle Schatten nur eingebildet hatte!

Sie wurde sprühend ausgelassen.

„Daß hätte ich niemals für möglich gehalten,“ wunderte er sich beglückt.

„Du wirst noch viel Seltsames an mir erleben.“

„Sicher aber lauter Schönes und Beseligendes.“

„Möglich! Als deine Frau findet auch das immer noch ausstehende Wunder, das eine Ahne verheißen hat, eine Erfüllung.“

„Worin könnte das wohl noch bestehen?“

„Daß einer Ostried, die gleich einer Nachtigall flötet – verzeih’ mir diese Anmaßung, aber so steht es geschrieben – eines Tages ein Märchenschloß vom Himmel herabfällt, worin wir Beide dann unsere allerreinste, allertiefste Liebe vor den neidischen Menschen verstecken können.“

„Das Schloß mag nahe genug sein. Aber, ich bin das Hindernis. Paß nur auf, du kennst meine Schattenseiten nicht.“

„Ich weiß nur, daß ich glücklich durch dich bin. Was wird nur die alte Pauline sagen, wenn sie alles erfährt.“

„Ich bilde mir ein, sie hat es vorausgewußt, Liebste.“

„Hat sie etwas derartiges verraten oder gar dir zugeredet.“

Es klang schelmisch und übermütig.

„Gelobt hat sie dich nur immer, bis ich ihr das im vollen Ernst verbieten mußte.“

„Und darin ist sie gehorsam gewesen?“

„Aufs Wort.“

„Dann wirst du auch mich völlig beherrschen, Liebster.“

„Und du wirst dich zu deiner Kunst zurücksehnen?“

„Soll ich es dir wirklich wiederholen, du Unersättlicher? Mein Sehnen bist du! Ohne dich wäre mir jenes sagenhafte Märchenschloß nie und nimmer beschert worden.“

„So süß es in meinen Ohren klingt, Liebling. Der Jurist weiß es anders.“ Und er erzählte ihr von jener durch Horst Waldemar von Ostried aufgefundenen grundlegenden Erbfolgebestimmung. Sie hörte aufmerksam zu und brach schließlich in ein helles Lachen aus. Diesmal kam es aus einem schattenlos fröhlichen Herzen.

„Nun verstehe ich endlich den Brief des Regierungsassessors und nunmehr entthronten Anwärters. Das heißt,“ fügte sie verbessernd ein, „jetzt kann er wieder seine alte langweilige Maske vorstecken. Zwei Tage nach dem Familientag erhielt ich ein Schreiben von ihm. Ach so – ich muß noch etwas voranschicken. Er wollte mich nach jener Sitzung heimbegleiten – aber ich hatte kein Verständnis dafür und schickte ihn fort. Darauf nahm er Bezug. Es war ein schöner Brief. Du mußt ihn auch lesen. Inhalt: Ich hätte es ihm angetan und er flehte um meine Huld!“

„Richtig Huld hat er geschrieben?“

„Jawohl! Du, das war sehr diplomatisch. Darunter konnte ich mir allerhand vorstellen. Warte, es geht noch weiter. Wann er kommen dürfe, um sich von meiner Vergebung zu überzeugen und wann vor allen Dingen er mich seinen lieben Eltern bringen könne, die sich herzlich auf mich freuten. Dabei schenkten mir damals besagte liebe Eltern auch nicht die geringste Beachtung.“

„Was hast du ihm geantwortet?“

„Geantwortet? Aber, Liebster?“

„Nun ja –“

„Kein Wort natürlich! Er ist doch auch Jurist und wenn ich ihm ganz klar meine Ansicht über diesen Fall mitgeteilt hätte, würde er mich sicher vor das hohe Gericht geschleppt haben. Denn, du mußt bedenken, daß ich bei Abfassung seines Briefes die für ihn ausschlaggebenden Beweggründe noch nicht ahnte. Ich habe ihn einfach für wahnsinnig gehalten. Später änderte ich diese betrübliche Ansicht in eine nicht minder unschöne ab. Er wurde mir langsam zu einem gewissenlosen Betörer, dem jedes Mittel zur Erlangung eines unsaubern Wunsches recht ist.“

„Du hättest also Frau Regierungsassessor und noch viel mehr werden können. Bestimmt aber die Schloßherrin von Waldesruh, wenn auch im reifsten Alter. Der jetzige Majoratsherr scheint keine Lust zur Wiedervermählung zu haben.“

Sie zuckte zusammen, als fröstele sie. „Niemals sah ich ein seelenloseres Gesicht als das seine! Findest du das nicht auch?“

„Sonderlich zu erwärmen vermag auch ich mich nicht für ihn. Aber er ist ein Mann von hochanständiger Gesinnung. Nicht wahr, wie leicht hätte er es gehabt, diese unbequeme Bestimmung aus dem verrosteten Kasten einfach verschwinden zu lassen. Wenn er auch nachträglich ausgeführt hat, daß sie ihn und einen eventuellen Sohn aus einer zweiten Ehe nicht anficht. Immerhin, es brachte ihm Arbeit und Reibereien ein.“

„Natürlich. Ich vergesse immer wieder, daß ich in den Augen der ganzen Familie verfehmt bin. Nein,“ verbesserte sie sich, „das wäre undankbar. Der Kummersbacher war herzlich gut mit mir und der kleine Dichter, der mich übrigens treu besucht, hat mir längst zwei Flügel verliehen.“

„Mache dich jedenfalls in allernächster Zeit auf die wichtige Eröffnung gefaßt, Evalein, daß deiner späteren Linie bei einer standesgemäßen Heirat die Aussicht zur Wiedererlangung der alten Heimat beschert sein soll!“ Sie errötete tief und nestelte sich von neuem an ihn.

„Ich gehöre dir. Nur dir! Alles andere ist wertlos geworden! Du wirst mir auch diese Mitteilung, die hinfällig geworden ist, ersparen – nicht wahr?“

„Das darf ich als pflichtgetreuer Anwalt, der gar nichts mit deinem Liebsten zu schaffen hat, nicht!“

„Aber, wenn ich nun doch sehr, sehr bald auch vor der Oeffentlichkeit deine Braut heiße.“

„Damit bist du leider noch nicht meine Frau!“

„Auch das wird gar nicht mehr so lange auf sich warten lassen?“

„Wären dir endlos lange zwei Monate als Verlobungszeit zu kurz, Liebste?“

„Nein, nein! Das sind ja mehr als sechzig Tage!“

Schweigsam aneinander gelehnt saßen sie, sahen träumerisch nach den silbergrauen Perlen und beschlossen, Hand in Hand, daß in den nächsten Tagen ein ausführlicher Brief über dies Ereignis nach Hohen-Klitzig berichten solle.

Noch einmal jammerte Eva von Ostrieds Gewissen auf. Dann hatte sie auch diese Regung überwunden.