22.

Sie hatte ein Herz aus Glas und der Geliebte sah alles, was darin vorging! Selbst bis dahin ahnungslos, daß es so war, offenbarte ihr erst sein entsetztes Stammeln, daß sich ihm nun doch ihr Geheimnis enthüllt habe. Sie gewann es über sich, um seine Vergebung zu betteln, sie zu gewähren war ihm unmöglich!

Er schüttelte sie ab und floh mit einem Ruf des Abscheus für immer – –

Als Eva von Ostried mit einem wilden Schrei aus diesem Traume emporfuhr, versuchte sie sich zu verhöhnen. Nachmittags, wenn sie sich zum Aussuchen der Verlobungsringe treffen würden, wollte sie ihm davon erzählen. Zugleich erschrak sie über diese Kühnheit, denn lediglich das gläserne Herz war ein Gebilde ihrer aufgepeitschten Nerven. Das weitere entsprach ja der Wahrheit!

Die Morgensonne leuchtete durch die herbstlichen Bäume des Parkes und trug zu ihrem goldenen Strahlen den Widerschein der gelb und rotgefärbten Blätter ins Zimmer hinein; dabei wurde Evas Herz wieder ruhig.

Gegen zehn Uhr vormittags brachte Gretchen Müller einen Rohrpostbrief.

Eva von Ostried streckte mit glücklichem Lächeln die Hand danach aus. Walter Wullenweber schrieb in großer Eile:

Mein Liebling, werde soeben telegraphisch zur Entgegennahme eines Testaments in die Nähe Berlins aufs Land gerufen. Komme wegen ungünstiger Bahnverbindung jedenfalls erst spät abends zurück. Auf morgen also...

Ein neuer Tag ohne ihn! Es erschien ihr schmerzlich und doch süß zugleich! Die Tränen kamen ihr vor Glück.

Der Montag vormittag war ihr sonst wegen der fünf aufeinanderfolgenden Stunden dahingeflogen. Heute dehnte er sich endlos.

Nachdem ihr Tagewerk vollendet, schloß sie sich in das kleine einfenstrige Zimmer ein, wie damals, als sie ihm den Abschiedsbrief geschickt hatte. Ein Berliner Konzertagent kam, verhandelte mit Gretchen Müller und begehrte Eva von Ostried danach ungesäumt zu sprechen. „Er mag wiederkommen,“ sagte sie drinnen, ohne zu öffnen. Was ging sie noch die Kunst an? Ihr Glück lag einzig in ihm. Mechanisch nahm sie das dünne Päckchen aus dem Schreibtisch und legte es vor sich hin. Ihr graute vor der erneuten Berührung. Mit spitzen Fingern zog sie endlich seinen Inhalt ans Licht. Es enthielt nur noch zwei Scheine. Die letzten! Das andere des Raubes war aufgebraucht. Wenn sie die laufenden hauswirtschaftlichen Ausgaben beglichen haben würde, mußte sie von neuem einen dieser Scheine wechseln. Die letzte unbezahlte Arztrechnung für Gretchen Müller fiel ihr ein. Es waren wiederum dreihundert Mark, trotzdem sie selten genug nach dem Sanitätsrat gesandt hatte.

Es schadete ja auch nichts. Gewechselt mußte doch werden. Sie brauchte ein Hochzeitskleid – einen Schleier und den grünen Myrthenkranz. Wovon sollte sie dies und noch viel mehr bezahlen, wenn nicht von diesem Gelde?

Seine Braut, die ihre äußere Schönheit gestohlen haben würde – im wahrsten Sinne des Wortes. Den Treuschwur verachtend und selbst – Verbrecherin!

Aber heimliche Stimmen flüsterten Trost und Hoffnung: „Er läßt dich niemals! Ohne dich ist seine Zukunft schal. Sei ganz ruhig –“

Sie nickte und glaubte es zuletzt! Und spann nun aus, wie es sein würde, wenn Sie ihm alles gesagt hätte. Eine unbeschreibliche Seligkeit mußte das werden! Von dieser Vorstellung kam sie nicht mehr los.

Gegen Abend schrieb sie ihm alles, wie es sie dünkte, zu nüchtern. Da sie es überlas, erschien es ihr grausam. Aber es war ihr unmöglich gewesen von ihren Gefühlen dabei zu sprechen; die würde er klar empfinden, ohne daß sie ein Wort verlöre, meinte sie. Unmöglich schien es ihr auch, der Opfer Erwähnung zu tun, die sie gebracht und noch eine Zeitlang weiter bringen mußte, weil sie der heimatlosen Schwerkranken eine Zufluchtsstätte bot. Das alles würde Sache der mündlichen Aussprache sein.

Als der Brief fertig war, begriff sie nicht, wie sie jemals zaudern konnte. Sie trug ihn selbst fort, wie damals. – Dann ging sie ihren Tag weiter! – –

Jedesmal, wenn vierundzwanzig Stunden später die Klingel gellte, glaubte sie zu fühlen, daß er jetzt da sei.

Glaubte es immer wieder, bis dieser Tag sank und ein neuer kam, der ebenso ereignislos verlief wie sein Vorgänger. Erst am dritten Tage packte sie eine fürchterliche Angst. Wenn er nicht darüber fortkäme? – Das währte aber nicht lange. Seine tiefe große Liebe würde niemals sterben können.

Am vierten Tage hatte sie keine Hoffnung mehr! Und am fünften Tage ertrug sie die Qual nicht länger. Ohne ihren Namen zu nennen, fragte sie im Büro an, ob er zu sprechen sei. Darauf erwartete sie ein „Nein“ und erhielt statt dessen den Bescheid, daß er, wie alle Tage, seine juristischen Sprechstunden abhalte.

Da warf sie sich auf einen Stuhl und mußte lachen. Es klang schaurig. Sonst hätte sie aber schreien müssen – immer nur schreien – das ganze Haus zusammen und noch weiter zu der Straße hinaus, denn die Fenster waren weit geöffnet.

Er lebte und gab ihr keine Antwort! Was war das?

Ein paar Stunden später wußte sie es. Sie riß seinen Brief gleich vor der Tür auf, als sie ihn empfing. Da sank sie bewußtlos zusammen, und Gretchen Müller fand sie, den Brief in der Hand.

Gretchen Müller hatte noch niemals einen Blick in fremde Post getan. Jetzt las sie, nach kurzem Zaudern, bewußt Wort um Wort, begriff nicht alles, aber wußte doch, daß der Strenge nun auch bereit war, sein eigenes Herz zu Tode zu foltern.

„Du wirst viel gelitten haben, ehe Dir dieser Brief möglich war,“ schrieb er. „Das fühle ich deutlich. Was Du tatest, mag Dir damals einen Augenblick als der einzige Ausweg erschienen sein. Leichtsinnig hast Du es nicht tun können. Es wird sich auch hundertfach gerächt haben. Alles das wiederhole ich mir seit Tagen. Dein erster Brief war eine Folge davon und wie vieles andere wohl noch, das Du unerwähnt ließest. Ich glaube sogar, daß ich eine andere verteidigen könnte. Eine, die ich nicht liebe als meines Wesens Heiligstes. Um Deine Freisprechung habe ich vor meinem Gott gerungen und sie doch nicht finden können. Es ist unaussprechlich grausam, auch für Dich. Aber daran läßt sich vorläufig nichts ändern.

Ich ringe weiter. Habe Geduld mit mir und mit dem dumpfen Schrecken, der mich nicht loslassen will.“

Nach überraschend kurzer Zeit konnte Eva von Ostried sich allein auf das Ruhebett begeben. Suchend irrte ihr Blick umher.

„Ich habe den Brief auf Ihren Schreibtisch gelegt,“ sagte Gretchen Müller.

Am nächsten Tage raffte sich Eva von Ostried auf und stand plötzlich vor der Hausgenossin. „Wenn Sie mir schnell etwas Warmes bereiten könnten, Gretchen. Ich muß nämlich zu dem Agenten, den ich neulich durch Sie abweisen ließ. Wie gut, daß Sie sich seine neue Adresse geben ließen.“

Es klang ruhig. Auch das Gesicht war, obgleich immer noch sehr blaß, wieder ebenmäßig schön, wie zuvor. Entsetzt wehrte Gretchen Müller ab:

„Sie dürfen auf keinen Fall heraus. Hören Sie nur, wie scharf der Wind pfeift.“

„Es war leichtsinnig, daß ich den Agenten nicht anhörte,“ sagte Eva. „Erinnern Sie sich noch, was er sagte?“

„Ganz genau. Er käme, um eine Reihe Winterkonzerte mit Ihnen zu vereinbaren und wenn es möglich sein könnte, auch über das andere zu reden.“

„Welches andere? Mir ist nichts bekannt!“

„Ich wagte nicht danach zu fragen. Er war eilig und beleidigt, weil Sie ihn nicht vorließen.“

„Nun also, wie stehts jetzt mit der Wegzehrung, Gretchen?“

„Sie ist längst bereit. Aus dem Hause lasse ich Sie aber nicht.“

„Seien Sie nicht kindisch.“

„Ich flehe Sie an. Hören Sie nur dies eine Mal auf mich.“

Eva von Ostried fühlte ein inneres Erschrecken.

Es mußte einen Grund haben, daß Gretchen Müller sie zurückhalten wollte. Sollte sie etwas ahnen?

Aber was war denn überhaupt geschehen? Zwei Menschen, die sich auf seltsame Art gefunden, hatten sich ebenso wieder getrennt. Ein Teil war schuldig, der andere schneeweiß. Noch besser. Eins rang mit der Nacht des Wahnsinns; das andere hielt unentwegt seine juristischen Sprechstunden ab.

Bedurfte es eines klareren Beweises, wer mehr litt?

Sie biß die Zähne zusammen. Und wenn sie auf dem Wege niederfallen sollte, sie würde jetzt doch den Agenten aufsuchen und sich von ihm anwerben lassen, wohin er sie haben wollte.

Und Toiletten würde sie anschaffen. Nicht mehr weiße, unschuldsvolle Nonnenkleider, sondern prunkvoll schimmernde, wie es sich für eine große Sünderin ziemte.

Und kostbare Steine mußten Arme und Hals in Zukunft ebenfalls schmücken. Man bekam sie schon, wenn man es nur erlaubte!

Ihre Augen brannten dunkel aus dem wieder erblaßten Gesicht. Heiß und rot lockten die Lippen.

Sie suchte nach ihrem Mantel und vermochte ihn doch nicht zu fassen, trotzdem er vor ihr am Ständer hing. Es schwebte und wogte plötzlich alles um sie herum.

„Ich gehe doch,“ stieß sie hervor, als stände der mächtige Feind neben ihr, der ihren Willen band.

Sie fühlte ein Knäul aufsteigen, an dem sie zu ersticken drohte. „Wasser – einen Schluck Wasser,“ keuchte sie atemlos.

Sie netzte die Lippen, aber das Würgen blieb. Eine erbarmungslose Faust stieß sie auf den nächsten Stuhl. Ihre Hand fuhr an die Stirn. Wie leer das da war. Wie tot. Der Fahrt auf dem Wannsee erinnerte sie sich, als sein Mund sich auf den ihren preßte. „Ohne Glauben und Vertrauen keine Liebe möglich,“ sagte er – –

Irgend etwas löste sich in ihr; ein Schrei, ein Schluchzen; Tränen stürzten aus ihren Augen.

Gretchen Müller sah starr geradeaus, als merke sie von alledem nichts. Jedes Trostwort war sinnlos. Nur eins konnte helfen. Und dies eine blieb zu schwer für sie! Sie dachte an alle Güte, welche sie durch die jetzt namenlos Leidende erfahren hatte. Noch einmal durchlitt sie die Qualen der Armut und des erschütternden Erkennens eigenen Unwerts. Nichts blieb ihr erspart. Die Demütigungen, die sie als Stellungssuchende erfahren, die Ansinnen, die ihr noch jetzt das Blut vor Scham in die Wangen trieben – die Liebe zu dem Unwürdigen, die nicht sterben wollte, obwohl sie ihn verachten mußte. Und zuletzt der nagende, jammervolle Hunger. Wie hatte das alles monatelang in ihrem Körper gewühlt, bis sie endlich entschlossen gewesen, das elende Leben von sich zu werfen.

Erst jetzt war sie imstande eine Kleinigkeit für ihre Retterin zu tun.

Sie hatte lediglich nötig ihm zu sagen: „So ist es und nicht anders. Mag sie selbst in den Augen der Welt das Schlimmste getan haben. Ich weiß nichts und will nichts davon wissen. Es ist alles aufgewogen durch ihre Güte und Größe. Ich habe doch Augen zu sehen. Wie viel Männer hätten ihren Reichtum willig hingegeben für ihr Lächeln, für das Dulden reicher Gaben. Sie hat nie etwas angenommen. Ich weiß, daß sie alle Schätze für Einen aufgespart hat. Und nun richtet er sie. Wer darf das tun?“

Mehr brauchte sie kaum zu sagen.

Fast gierig prüfte Gretchen Müller das Gesicht, das ihr doch längst mit jedem Zug vertraut geworden. Seine Schönheit erfüllte sie in diesem Augenblick mit unsagbarer Freude. Es war unmöglich, daß einer, der sie liebte, hier freiwillig entsagte.

„Vielleicht entschließe ich mich sehr bald zur Bühne. Vielleicht auch nicht! Es hat ja noch Zeit,“ sagte Eva nach längerer Zeit des Besinnens.

– – Eine Woche später ging ihr, aus dem Büro in der Markgrafenstraße, von einer fremden kritzlichen Handschrift, deren Name unleserlich blieb, unterzeichnet, nachstehende Eröffnung zu:

Gemäß einer durch Herrn Horst Woldemar von Ostried, derzeitigen Majoratsherrn auf Waldesruh, aufgefundenen grundlegenden Familienbestimmung aus dem Jahre 1701 wäre auch das weibliche eheliche Kind eines ohne männliche Nachkommenschaft verstorbenen Majoratsherrn von Waldesruh insoweit am Majorat erbberechtigt, als ein aus ihrer ebenbürtigen Ehe hervorgegangener Sohn mit dem vollendeten achtzehnten Lebensjahr, besagtes Majorat mit allen darauf ruhenden Rechten und Verbindlichkeiten übernehmen soll. Bedingung wäre, daß diese Tochter in jeder Beziehung einen einwandsfreien Lebenswandel geführt hat. Sie haben nach Ansicht des Seniorenkonvents bisher dies Recht nicht verwirkt und werden deshalb hiermit vorgemerkt. Aus der abschriftlich beigefügten, später aufgenommenen Bestimmung, die sich auf Seite 56 des Familienstatuts aus dem Jahre 1830 vorfindet, ersehen Sie die genausten Bedingungen für diese Vormerkung ebenso, wie auch dasjenige, was unter einer ebenbürtigen Ehe im Sinne der grundlegenden Bestimmung zu verstehen ist.

Die Mitteilung, daß Sie von dieser Nachricht Kenntnis genommen und mit Ihrer Vormerkung resp. Eintragung vor dem Regierungsassessor von Ostried sich einverstanden erklären, erbitten wir gefälligst umgehend.

Ohne auch nur einen Augenblick zu überlegen, antwortete Eva von Ostried:

Ich verzichte ausdrücklich auf dieses Recht und bitte, mich mit ähnlichen sich etwa in Zukunft noch neu ergebenden Mitteilungen zu verschonen.

Dann mußte sie lachen. Es entsprang der Bitterkeit und Verachtung über alle Satzungen, die Menschen gemacht hatten. Langsam begriff sie das eine:

Walter Wullenweber hatte die vorliegende Mitteilung nicht mit seinem Namen decken können, weil sie in seinen Augen nicht dasjenige „untadlige Weibsbildn“ war, das sie zu sein hatte, um als Stammutter eines zukünftigen Majoratsherrn in Betracht zu kommen. Es regte sie nicht mehr auf!

Ihr Gesicht wurde hart wie ihre Seele. Ihre Hand zitterte nicht, als sie jetzt zum zweiten mal die Feder eintauchte, um einen unwiderruflich letzten Brief an Walter Wullenweber zu schreiben. Sie tat es wie eine Fremde:

„Ich will dein Ringen, wenn es inzwischen nicht aufgegeben sein sollte, kurz beenden. Quäle dich nicht mehr damit, für mein Verbrechen Entschuldigung oder gar Vergebung zu finden. Dazu ist es zu spät geworden. Ich wüßte mir nichts mehr damit anzufangen. Der Rausch, dem ich mich hingab, wirkt nicht mehr. Daß ich Dir für Deine spätere würdigere Ehe das Beste wünsche, sei Dir ein Beweis, wie ruhig und empfindungslos mein Herz für Dich geworden ist.“

Sie überlas das Geschriebene nicht. Eilig verschloß sie den Umschlag und fühlte nichts dabei, außer der staunenden Verwunderung, daß sie ihm erst heute geschrieben hatte.

Erst als er mit dem andern zusammen besorgt war, erschrak sie plötzlich so sehr, daß sie sich setzen mußte, weil ihre Knie zitterten. Wie war es möglich geworden, daß sie ihm darin noch das „Du“ gegeben hatte?

Pah, sie wollte nicht mehr darüber nachdenken. Ihre Seele sollte endlich frei werden. Und als müsse sie diesen Entschluß ungesäumt bekräftigen, drückte sie auf den Knopf der elektrischen Klingel, die zur Küche hinausführte. Ihre Stimme klang aber fest, beinahe kalt, als sie zu der Eintretenden sagte:

„Meine Verlobung, liebes Gretchen, war nicht von Bestand. Sie ist wieder gelöst. Und zwar endgültig!“

Dann sprach sie hastig, ohne eine Antwort zu ermöglichen, von gleichgültigen Dingen.

– – Die nächste Zeit brachte viel Hast und Abwechslung. Der emsige Agent hatte von Eva von Ostrieds augenscheinlich eingetretenen Bekehrung zur Vernunft einem ihm bekannten Direktor Mitteilung gemacht. Das wiederum ergab vertrauliche Anfragen, die eine ausführliche Antwort erheischten. In irgendwelcher Weise band sich Eva von Ostried vorläufig nicht.

Mitten in diese Unruhe hinein kam eines Tages der Brief des Waldesruher Majoratsherrn, der zwecks mündlicher Rücksprache in der bekannten Neuregelung und ihrer Ablehnung im Auftrage des Seniorenkonvents um die Gewährung einer mündlichen Aussprache an einem von ihr zwischen dem Zwanzigsten und Fünfundzwanzigsten zu bestimmenden Tage höflichst bat.

Der Vorwand wäre für jede Andere, wie Eva von Ostried, durchsichtig gewesen. Seine Anwesenheit neulich im Blüthnersaal – eine vor Tagen stattgefundene zufällige Begegnung mit ihm, bei welcher er deutlich die von ihr vereitelte Absicht einer Annäherung zu erkennen gab, hätten sie zum Nachdenken bringen müssen.

Ihr lag dies alles viel zu weit ab. Sie mochte ihn nicht wiedersehen. Die Vorstellung seines kalten, ausdruckslosen Gesichts brachte ihr ein unbehagliches Gefühl. Kurz, wenn auch nicht unfreundlich, lehnte sie sein Ersuchen mit dem Hinweis ab, daß eine Aussprache ihren unabänderlich feststehenden Entschluß nicht umzustoßen vermöge.

An einem der nächsten Tage kam, nach längerer Pause diesmal, der Vetter Javelingen wieder.

Eva von Ostried sah ihm erstaunt entgegen. „So feierlich? Ja, was gibt es denn? Hat der neue Operntext seinen Komponisten gefunden und bringen Sie mir schon die weibliche Hauptrolle zum Studium?“

Er schüttelte den Kopf.

„Das ist es nicht! Ich komme als Abgesandter des Kummersbacher.“ Er sah, daß sie die Lippen verzog, als schmecke sie einen unangenehm bitteren Trank.

„Augenscheinlich mochten Sie ihn damals sehr gern,“ wunderte er sich. „Und jetzt plötzlich? Wirklich, ich merkte längst die Umwandlung.“ Es klang hilflos.

„Von solchen Kleinigkeiten sollten Sie sich nicht quälen lassen,“ mahnte sie sanft.

„Es schmerzt mich, daß Sie sich so fest verschließen, Eva.“

„Tue ich das? Dann ist es jedenfalls nichts neues. Sie kennen mich nur noch nicht von dieser meiner eigentlichen Seite. Gewiß, der Kummersbacher war sehr gut zu mir und ich habe auch nicht das Geringste gegen ihn. Ich bin aber wider alles Gewaltsame. Warum soll ich jetzt plötzlich einer Verwandtschaft wegen, die mir bisher nichts war, in einen neuen Kreis hineinlaufen? Denn, nicht wahr, mit dem Kummersbacher allein hätte es in Zukunft nicht sein Bewenden.“

„Ich belästige Sie ja ohnehin schon,“ meinte er.

„Halten Sie mich für so unehrlich, daß ich mir eine Belästigung gefallen ließe? Wenn Sie kommen, bringen Sie mir Freude mit. Wenn auch nicht in allen Fällen für mich, die Vielbeschäftigte, so doch für das liebe, kranke Mädchen, das ihrer dringender bedarf als ich, die körperlich Gesunde. Schon darum sind Sie mir stets willkommen. Sie wissen, meine Zeit gehört der Arbeit. Wenn es mir aber möglich wird, lausche ich Ihnen herzlich gern.“

Er zog ihre Hand ehrerbietig an die Lippen. Sie mußte denken, ob er das wohl auch tun würde, wenn er wüßte.

„Ich komme also heute mit einem Auftrage,“ gestand er fast schüchtern.

Ihr Gesicht nahm einen hochmütigen Ausdruck an. „In Wahrheit schickt Sie gar nicht der Kummersbacher, sondern der Waldesruher, nicht wahr?“

„Nein... wirklich nicht! Aber – wissen Sie schon davon?“

„Daß er mich im Auftrage des hohen Seniorenkonvents zur Einwilligung jener mich lächerlich anmutenden Eintragung bewegen will? Nun, das hat er mir geschrieben!“

„Ich dachte an das... andere.“ Ein unbewußter Neid ließ seine sanfte Stimme schärfer als sonst werden.

„Davon weiß ich nichts. Mag auch nichts hören. Verzeihen Sie diese Offenheit.“

„Ich fürchte aber, Sie werden ihm nicht mehr entgehen.“

„Dann ist es immer noch Zeit, daß ich mich darüber ärgere oder freue.“

„Sie dürfen sich nicht freuen,“ sagte er leidenschaftlich.

„Ich glaube selbst, daß dies mein Schicksal ist.“

„Nicht so! Freude sollen Sie haben, so viel es nur irgend gibt.... Aber... Warum sind Sie so bitter geworden?“

„Sie irren, mein lieber Dichter. Nur abgearbeitet bin ich. Und... werde es in Zukunft noch viel mehr sein. Sehen Sie hier – mein Büchlein ist voller Pflichten. In nächster Woche singe ich zweimal in Dresden. Danach in Weimar. Verhandlungen mit Dessau schweben gleichfalls. Berlin will mich auch. Die Vorbesprechungen, dies ängstliche Aufpassen, daß der Agent nicht den Löwenanteil in die eigene Tasche senkt, ist sehr anstrengend.“

„Ich könnte es nicht.“

„Wenn man ein bestimmtes Ziel vor Augen hat, geht auch dies!“

„Sehnen Sie sich denn nach Reichtum, Eva?“ fragte er.

„Ja, das tue ich!“

Er erblaßte und sah auf seine schmalen, nervösen Hände nieder. „Reich ist er. Sehr reich sogar! Der Kummersbacher sprach von mehreren Millionen...“

„Nun also... hübsch für ihn! Wer der Glückliche ist, will ich nicht wissen. Ich gönne jedem sein Schäfchen. Nur Sie sollen jetzt endlich zum Ziel kommen. Was ist es für ein geheimnisvoller Auftrag, den Sie da übernommen haben.“

„Der Kummersbacher läßt Sie innig um Ihren Besuch bitten, so bald es sich einrichten läßt.“

„Hat er vielleicht gehört, daß ich gerade für die nächsten Monate täglich voll besetzt bin?“

„Wie mißtrauisch Sie geworden sind.“

„Das gehört zu meinem Geschäft! Denn, wenn ich nach dem Beschlusse des hohen Familienrats auch keine Bänkelsängerin bin, aber eine, die sich von zwei Mark an von Jedem anstarren lassen muß, die bin ich nun doch mal.“

„Ihnen muß etwas Hartes geschehen sein,“ forschte er.

„Vielleicht! – Machen Sie ein Sonett darüber. Aber am Schluß muß man lachen können. Hören Sie?“

Sie wurde ihm unheimlich.

„Also, der gute Kummersbacher erinnert sich seiner freundlichen Einladung von dazumal?“ fuhr sie fort. „Sagen Sie ihm mit einem schönen Gruß meine Dankbarkeit und ich käme bestimmt in der Zeit von Januar bis April...“

„Dann beanspruchen ihn die Sitzungen im Herrenhaus und die Nachberatungen in Berlin.“

„Eben darum,“ meinte sie ruhig. „Und nun kein Wort mehr davon. Ich bitte Sie herzlich darum. Kleiden Sie meinetwegen die Ablehnung auf Ihre zarte Weise ein. Ich will nicht die Gastfreundschaft der Familie, von keinem Einzigen ...“

„Ohne Ausnahme?“ fragte er mit eigenem Nachdruck.

„Ausnahmslos,“ bestätigte sie. „Und jetzt kommen Sie. Ich werde Sie begleiten. Gretchen Müller wird sehnsüchtig warten... Eine Stunde kann ich mich ebenfalls von Ihnen fortreißen lassen. Dann muß ich wieder arbeiten und Briefe schreiben. Ach, diese ewigen Geschäftsbriefe..“

– – – Er las leise und bescheiden, wie auch sonst am Anfang!

Die Eröffnung des Kummersbacher klang ihm in den Ohren. „Paß auf, es kommt. Für so was habe ich einen feinen Riecher... Darum beeile dich gefälligst, daß wir sie möglichst bald in meine ländliche Stille kriegen. Ihre Nerven, die deiner Ansicht nach reichlich runter sind, müssen erst in die Höhe, ehe er seinen Mund zu der entscheidenden Frage auftut...“