23.

Es kam wirklich... und zwar erheblich schneller, wie es der Kummersbacher nach der mit heimlicher Schadenfreude von ihm festgestellten Umwandlung des bis dahin scheinbar temperamentlosen Vetters erwartet hatte. Eva von Ostried stand noch im Schmuck eines weinroten Sammetkleides, das die Schneiderin erst soeben abgeliefert und zum letzten mal angeprobt hatte, als die Klingel tönte.

Es war der Waldesruher Majoratsherr, der um die Ehre bat, die gnädige Base sprechen zu dürfen.

Sie dachte lange nach, während er zuerst ungeduldig, danach empört über das rücksichtslose Wartenlassen auf dem schmalen Korridor hin- und herging. Warum erweckte dieser Besuch ihren Unmut? Er brachte ihr doch eine ehrenvolle Genugtuung. Denn, wenn es sich nicht um eine solche handelte, würde sich ein eiskalter, untadliger Ehrenmann wie dieser solcher Mühe nicht unterziehen. Eine feine Falte stand zwischen ihren Brauen, als sie sich endlich entschlossen hatte.

„Führen Sie ihn in das Musikzimmer, Gretchen.“

„Aber das Kleid,“ gab die andere zu bedenken.

„Es wird bei der kurzen Unterredung nicht stören.“

Horst Waldemar von Ostried sah eine Sekunde verblüfft auf. Sie reichte ihm nicht die Hand entgegen. Nur den feinen Kopf neigte sie und deutete höflich auf einen Polsterstuhl.

„Warum kommen Sie, Herr von Ostried?“

„Sie werden sich erinnern... mein Brief...“

„Also darum,“ machte sie gedehnt, „ich dachte, das sei längst abgetan. Sie haben gehört, daß ich nicht will...“

„Darauf kommt es nicht an, gnädigste Base.“

„Soll das ein Scherz sein? Aber der läge Ihnen nicht..“

„Sie haben etwas bei der ganzen Sache übersehen,“ meinte er belehrend, „oder vielleicht unser Anwalt?! Die von mir aufgefundene Bestimmung hat ausdrücklich das Wort „soll“ bei der jetzt neu durchzuführenden Erbfolge vorgesehen.“

„Niemand kann über den Willen eines Menschen bestimmen, als er allein,“ wandte sie kühl ein.

„Das ist ein großer Irrtum. Es gibt Höheres und Stärkeres, dem wir alle uns beugen müssen.“

„Was könnte das sein,“ fragte sie ungläubig.

„In der Hauptsache... das Gesetz...“

„Jetzt wird er mir bestimmt alle Paragraphen aufzählen, die wir beachten müssen,“ fürchtete sie dumpf und ergeben.

„Zuerst dasjenige, was in uns selber ist,“ begann er wieder.

„Das meine will, daß ich mit gleicher Münze heimzahle. Verachtung gegen Verachtung.“

„Sie dürfen nicht abschweifen. Sonst werden wir uns nie verstehen.“

„Ich lege auch keinen Wert darauf.“

„Aber ich tue es. Sehen Sie, das Gesetz, welches ich meine, ist etwas Ehrfurchtgebietendes, denn es kommt aus der Schmiede der Ehre! Wie es sichtbare Orden und Ehrenzeichen für Heldentaten gibt, so sind unsichtbare da, deren Fehlen mehr wie Strafen reden. Daß Sie laut der jetzt zu Kraft erklärten Bestimmung vorgemerkt sind, ist ein solches unsichtbares Ehrenzeichen.“

„Wenn Sie es so auffassen und gekommen sind, um mich zu Ihrer Ansicht zu bekehren, danke ich Ihnen,“ sagte sie um vieles wärmer.

„Wie stellen Sie sich also jetzt zu unserer Frage?“

„Nicht anders wie zuvor.“

„Das heißt, Sie sehen auch jetzt noch ab?“

„Natürlich. Es liegt mir nichts daran.. Ich will frei sein. Ich will...“ Sie wollte hinzufügen, daß sie keinen persönlichen Verkehr wünsche, empfand dies aber einen Augenblick später als taktlos und verstummte.

Er schien die Streifen des Teppichs, der weich und dunkel am Boden hinkroch, zu zählen.

„Ich bitte Sie um Ihre Einwilligung,“ sagte er plötzlich.

Sie mußte ein Lächeln unterdrücken. „Was hätten Sie davon, Herr von Ostried?“

Er zuckte nervös zusammen. „Warum nennen Sie mich hartnäckig mit diesem... steifen Namen?“

„Erlassen Sie mir die Antwort. Sie sind zur Zeit unter meinem Dach und, wenn ich auch kein Edelfräulein in Ihrem Sinne sein mag, das ist mir stets heilig gewesen.“

„Ich möchte den sehen, der sich niemals irrt...“

„Gut! Wir wollen es nicht in Worte kleiden... Ich fühle es und danke Ihnen nochmals. Sagen Sie den andern auch davon, denn, nicht wahr, der – wie nennen Sie ihn doch? – Seniorenkonvent weiß um Ihr Kommen.“

„Nein,“ sagte er kurz und sehr laut.

Das begriff sie nicht. „Ich habe mich niemals mit all diesen Bestimmungen beschäftigt,“ entschuldigte sie sich.

„Ich will haben, daß Sie in den Augen der gesamten Familie rein und makellos dastehen. Daß wir Sie dafür befunden haben, bewirkt das noch nicht. Die Hämischen könnten behaupten, es habe sich inzwischen etwas ihnen Verborgenes herausfinden lassen, das Ihre Unwürdigkeit dennoch dartäte. Der Vetter Regierungsassessor hat Sie neulich auf dem Familientag bereits auffallend genug übersehen.“

Jetzt mußte sie lachen.

„Stimmt das etwa nicht,“ fragte er gereizt. „Hat er Sie begrüßt oder Ihnen auch nur ein verbindliches Wort gesagt?“

„Aber... nachgelaufen ist er mir und hat mir seine Begleitung angeboten.“

„Und Sie?“

„Ich habe ihn fortgeschickt, wie man das auch ohne Ihre Familiengesetze zu kennen, eben tut...“

„Darum wird er Sie jetzt um so mehr mit seiner Abneigung verfolgen.“

„Daran liegt mir auch nicht das Geringste.“

„Aber mir liegt daran!“

Sie sah ihn erschrocken an und stellte fest, daß er sehr rot und erregt geworden war.

„Ihnen? Sie hören ja, daß ich mich auch weiter allein zu schützen gedenke. Ja... und hören Sie weiter. Ich muß Ihnen einen Vorschlag machen. Vielleicht ist es Ihnen allen unangenehm, daß ich den alten Namen Ostried führe. Bitte, seien Sie ganz ehrlich mit mir. Ich bin Künstlerin und kann ihn, ohne, daß es besonders auffällt, jederzeit ablegen. Einmal war ich bereits dazu entschlossen...“

„Sie sollen ihn behalten! Aber der Vetter Regierungsassessor darf Sie nicht verächtlich machen.“

Sie legte den Kopf ein wenig auf die Seite und blinzelte in die Schatten, die jetzt dunkelblau und lila getönt den Raum erfüllten. „Leider verachtet er mich durchaus nicht. Fast wäre mir das lieber gewesen, als das andere...“

„Was ist das?“ fragte er.

„Wenn ich ihn nicht... sehr tief einschätzte, würde ich darüber schweigen. Ich mißachte ihn aber. Darum...“ und sie erhob sich, ging in das Nebenzimmer und nahm aus dem Mittelfach ihres Schreibtisches seinen Brief.

„Lesen Sie ihn. Dies Schreiben ging mir zu, nachdem die Anschlußsitzung über meine oder besser meines künftigen Sohnes Erbfolge stattgefunden hatte.“

Horst Waldemar von Ostried las erstaunlich lange an den kurzen Zeilen.

„Es ist eine Gemeinheit,“ sagte er dann kurz und scharf. Sie nickte.

„Man könnte es wohl als solche bezeichnen! Daß Sie so ehrlich sind, freut mich doppelt...“

„Könnten Sie mir den ungefähren Wortlaut Ihrer Antwort an ihn mitteilen?“

„Nein... das möchte ich nicht.“

„Hätte ich mich in Ihnen getäuscht?!“

„Möglich! Vielleicht mißverstehen wir uns aber. Weil ich nämlich keine Antwort gab, kann ich auch keinen Wortlaut wiederholen.“

Er atmete auf. „Das war gut!“ Dann saß er stumm und schweigsam da.

„Warum geht er jetzt nicht,“ dachte sie erstaunt und sagte laut: „Verzeihen Sie diese Dunkelheit. Ich will jetzt Licht machen... Ich liebe die weichen, unbestimmbaren Farben der Dämmerung sehr.“

„Lassen Sie es!“ bat er.

Gehorsam nahm sie wieder ihren Platz ein. Die drückende Stille begann sie unruhig zu machen.

„Fühlen Sie den Zweck meines Besuches nicht endlich heraus?“ fragte er.

Sie dachte nach und schüttelte den Kopf.

„Und dennoch ist es gut, daß er ihn geschrieben hat,“ meinte er aus tiefem Sinnen heraus. Ihre Anschauungen mußten erdenweit auseinander gehen... sonst hätte sie ihn doch wenigstens einmal ohne Erklärung verstehen müssen.

„Mir gilt er nicht mehr, als der Beweis, daß der Name allein noch lange nicht adelt...“

Er ließ diesen Einwurf unbeachtet. „Können Sie mir dies Schreiben anvertrauen,“ fragte er.

„Wozu? Ich will nicht haben, daß er etwa zur Rechenschaft gezogen wird.“

„Eine Beleidigung in diesem Sinne enthält er nicht! Daß er den Wunsch ausspricht, Sie seinen Eltern zuzuführen, beweist ja gerade, daß er Sie respektiert. Er hätte noch etwas damit warten müssen. Aber er mag wohl gefürchtet haben, ein anderer käme ihm zuvor...“

„Sie baten um den Brief,“ lenkte Eva von Ostried hastig ab, „darf ich wenigstens wissen, zu welchem Zweck das geschah?“

„Um eine Handhabe zu besitzen.“

„Verstehe ich Sie recht? Glauben Sie, daß er unklug genug ist, um diese Sache vielleicht falsch wieder zu geben?“

„Das nicht. Seines Schweigens hierüber sind wir sicher. Nur etwas anderes steht zu befürchten. Vor jedem lauten Wort wird er sich hüten. Er ist in jeder Beziehung ein leiser, vorsichtiger Herr. Es könnte sich aber ereignen, daß er Sie aus dem Hinterhalt angriffe. Sagen wir mal, der Kummersbacher, der seine Augen und Ohren überall hat, würde etwas erfahren und mir wieder erzählen?“

„Warum grade Ihnen?“

„Untersuchen wir das jetzt nicht. Unterstellen wir es als sicher. Dann könnte ich diesen Brief vorzeigen und ihn bloßstellen, wie er es verdient hat....“

„Eigentlich sind wir beide uns doch sehr fremd,“ meinte sie zögernd.

„Soll das heißen, daß Sie kein Vertrauen zu mir haben?“

„Vertrauen...“ sie dehnte das Wort aus, überlegte ein wenig und sah dann wieder und diesmal – bewußt – zu ihm hinüber. Seine kalten farblosen Augen hatten sich auffallend belebt. „Wir wollen den Begriff nicht zerlegen. Behalten Sie den Brief. Ich danke Ihnen für Ihre gute Absicht. Nicht wahr, wenn er etwa ein Jahr geschwiegen haben sollte, dann vernichten Sie ihn. Ein Zurückschicken ist unnötig.“

Als er ihn in die feine helle Ledertasche versenkt hatte, tat er die Frage, die er seit Wochen immer wieder überlegt und nach allen Seiten erwogen und nun endgültig beschlossen hatte:

„Weil Sie es nicht fühlen, muß ich es klar aussprechen. Könnten Sie sich entschließen, meine Frau zu werden, Eva?“ Er sah, daß es sie gänzlich überraschend traf und fuhr fort: „Ich werde im nächsten Monat vierundfünfzig Jahr und gelte als ziemlich gefühllos. Vielleicht bin ich es auch. Meine erste Ehe war durchaus korrekt. Wie sich die zweite gestalten wird, liegt in Ihrer Hand. Sie werden enttäuscht sein, daß ich Ihnen kein Wort von Liebe spreche. Ich kann das nicht. Schon als kleiner Junge wäre ich lieber gestorben, ehe ich ein Gefühl verraten hätte. Es ist Vererbung. Meine Mutter war ebenso.“

Sie saß wie erstarrt und konnte nur denken... „Möchte er doch weiter sprechen. Wenn er aufhört, muß ich ihm antworten.“ Daß er ihr noch vor kurzem unangenehm, ja widerlich gewesen, begriff sie nicht mehr. Zur Zeit war er ihr nicht unleidlicher wie jeder andere!

Und was sang und klang plötzlich vor ihren Ohren? Sanfte, verführerische Stimmen tönten! Und jede verhieß das nämliche! Erlösung – Sühne – Ruhe! Ihm würde sie kein Wort davon sagen. Kein inneres Drängen erzwang dies. Ihr ferneres Leben würde auf das Eine, Große, Letzte eingestellt sein. Untadlig zu werden und weiter Gutes zu tun, wo irgend sich nur die Gelegenheit bieten wollte.

Und vor allem – den Raub könnte sie zurückzahlen.

Er war ja schwerreich. Der Dichter hatte von mehreren Millionen gesprochen. Denn jetzt war es ihr klar, daß er diesen und keinen anderen gemeint hatte. Sie wollte von ihrem Nadelgelde und seinen gewiß sehr reichlich fließenden Geschenken Pfennig um Pfennig zusammenraffen, bis sie endlich alles an den Justizrat Weißgerber, als eine sich an die Stiftung der Präsidentin anschließende Schenkung, zurückzuzahlen vermochte...

Jetzt schwieg er und sah sie erwartungsvoll an. Eine furchtbare Angst begann sie zu foltern, daß er aufstehen und gehen könne... beleidigt, weil sie ihn keiner schnellen Antwort würdigte.

„Haben Sie sich bereits gebunden – dann allerdings,“ sagte er undeutlich, wie ihr schien.

„Nein, ich bin frei.“ Das war keine Lüge.

„Wie lange soll ich warten,“ fragte er. Es klang fast demütig.

„Zwei Wochen,“ bat sie. „Ich habe ein paar Verpflichtungen in Dresden und Weimar übernommen. Dann werde ich auch mit mir fertig sein.“

In seinen Zügen arbeitete es. Aber er verriet nicht seine Gedanken. Er sah sie noch einmal an, als müsse er die Erinnerung an ihre stolze Schönheit mit fortnehmen für diese beiden Wochen. Später würde er sie nicht mehr nötig haben. Er wünschte keine lange Verlobungszeit.

Langsam stand er auf, küßte ihre Hand und schied ohne ein weiteres Wort.

Eva von Ostried zeigte sich die nächsten Tage gelassen, fast heiter. Sie erschien wohl und frisch, als habe sie nicht über schlaflose Nächte zu klagen. Daß ein wenig künstliches Rot über die tiefe Blässe und den scharfen Leidenszug hinwegtäuschte, ahnte Gretchen Müller nicht. Sie trat nie mehr, ohne zuvor feierlich anzuklopfen, in das kleine einfenstrige Zimmer ein. Die unbestimmte Angst, eine Zusammengebrochene oder doch Verzweifelte zu sehen, hielt sie zu dieser Vorsicht an. Einmal, als sie Eva von Ostried ausgegangen wähnte, sah sie sie mit eingewühltem Kopf auf dem Ruhebett liegen und hörte ein ersticktes, jammervolles Schluchzen.

Der Kummersbacher saß vor seinem alten Zylinderbureau, sah abwechselnd in das Wirtschaftsbuch seines Beamten und auf die kotbespritzten, von aufgeweichten Lehmwegen zeugenden Stiefeln herab, dachte aber weder an das eine noch das andere, sondern ärgerte sich mit verbissenem Ingrimm, weil der Doktor, der seines Rheumas wegen die Ritte im Regen streng untersagt hatte, wieder mal Recht behielt. Denn es zwickte und quälte ganz abscheulich.

Draußen lief seit Tagen durch das graue Himmelssieb ein gleichmäßiger Regen nieder und verwandelte Straßen, Aecker und Gärten in einen zähen Brei von unappetitlicher Farbe. In solchen Zeiten merkte der Kummersbacher, daß er ein lediger Mann war.

Er schielte nach den derben Jungen seines Hofmeisters, die unter dem Fenster des Arbeitszimmers mit krampfhaft hochgezogenen Hosenleder über die Pfützen sprangen.

Dieser Anblick verbesserte seine schlechte Laune nicht. Als Hermann, der Getreue, seinen grauen Kopf zur Tür hineinsteckte, polterte er los:

„Was störst du mich fortwährend. Ich habe zu tun. Verstanden?“

„Eine Dame ist draußen,“ meldete er unerschrocken und setzte vertraulich hinzu: „Sie war neulich auch in Berlin beim Familientag.“

Im Nu war der Kummersbacher auf den Beinen.

„Wenn es die Eva wäre...“ Natürlich war sie es! Des kleinen Javelingens Antwort stand immer noch aus. Vielleicht hatte sie dies gewünscht und kam nun selbst, um sie zu bringen und... bei ihm zu bleiben.

„Hol’ andere Stiefel,“ kommandierte er. „Aber ein bißchen pausenlos – und... das gnädige Fräulein führe solange in das Eßzimmer.“

Dann dachte er gerührt und ärgerlich, daß dies Gerenne vom Bahnhof durch Wind, Regen und Brei eigentlich ein unverantwortlicher Leichtsinn von ihr gewesen sei... Hermann stand immer noch vor seinem Gebieter.

„Was fällt dir ein. So lauf’ doch...“

„Gnädiger Herr,“ sagte er plötzlich und ein Lachen flog um seinen faltigen glattrasierten Mund, „die Stiebel vom gnädigen Fräulein sind noch viel dreckiger...“

Der Kummersbacher brummte etwas. Dann schob er sich an seinem Diener vorbei und lief humpelnd auf die Diele heraus.

Hier stand etwas unendlich Gebücktes, Demütiges.

Bei diesem Anblick erlosch seine Freude. Er stutzte und schüttelte den Kopf... Wo hatte der Hermann seine Augen gehabt? Das war doch gar keine Dame. Ein bis auf die Haut durchnäßtes armes, heimatloses Geschöpf war’s, das sich vor Hunger und Uebermüdung wohl nicht weiter zu schleppen vermocht hatte.

„Gehen Sie in die Küche und lassen Sie sich allerlei Gutes von dem Koch verabreichen,“ sagte er mit der unbewußten Weichheit und Milde, die ihn stets beherrschte, sobald jemand seine Hilfe brauchte.

Aber die Demütige blieb, richtete sich nur ein wenig empor und sagte leise:

„Ich bin doch Klausine von Ostried...“

Es fuhr ihm in die Knochen. Er begriff nicht, wie sie sich zu ihm durchgefunden hatte.

„Tritt, bitte, hier ein,“ sagte er endlich. „Du kannst auch im Zimmer ablegen... und nachher mußt du dir wohl trockene Sachen anziehen.“

Sie trug nichts in der Hand wie eine kleine, abgegriffene Tasche mit einstmals kunstvoller Perlenstickerei. Der Kummersbacher überlegte kurz, daß sich darin kaum alles, was eine Frau für ihren äußeren Menschen gebraucht, vorfinden könnte, wurde einen Augenblick verlegen und sagte zu dem Diener gewandt:

„Was machen wir jetzt? Weiß der Himmel, nun haben wir nicht mal was zum Anziehen für sie bei der Hand. Sie muß also vorläufig sehr bald in die Federn. Na, nun geh, du kannst einen Grog für sie bringen und für mich zur Gesellschaft auch einen. Dann richte das wärmste Fremdenzimmer ... Hoppla!“

Klausine von Ostried, das Stiftsfräulein, hatte indessen ihre triefenden Hüllen über den Kaminofen ausgebreitet, in dem ein lustiges Feuer prasselte.

„Setz’ dich einstweilen nahe an die Glut,“ kommandierte der Kummersbacher mitleidig. „So, aber verbrenne dir nicht die Hüfe...“

„Es ist himmlisch warm,“ flüsterte sie dankbar und hielt nun auch die mageren Hände an die durchhitzten Stäbe.

Eine Weile gönnte er ihr diese Behaglichkeit. Dann tippte er ihr auf die Schulter und fragte langsam:

„Jetzt möchte ich endlich wissen, weshalb du das gemacht hast, Klausine?“

Der freudige Ausdruck ihres verkümmerten, spitzen Gesichts erlosch. Sie begann zu weinen. Wie bei einem Kinde liefen auch ihr schließlich die Tränen stromweise über die eingefallenen Wangen. Er erinnerte sich, daß sie in beständiger Furcht vor der Schwester leben sollte und meinte endlich selbst die Erklärung für ihren Besuch gefunden zu haben. Hatte er ihr nicht, in einer Aufwallung von Mitleid, bei dem letzten Beisammensein in Berlin gesagt, daß sie jederzeit ein ruhiges Fleckchen bei ihm finden werde, wenn sie es im Stift etwa nicht mehr ertragen könne?

„Du willst jetzt lieber hier bleiben?“ fragte er weich.

Sie nickte nur und saß dann weiter – hilflos und ängstlich – neben der Glut.

„Sage frei heraus, was passiert ist,“ forderte er nach neuem, geduldigen Warten. Sie begann stärker zu zittern.

„Hunger,“ stotterte sie, als schäme sie sich dieses Geständnisses.

Da ging der Kummersbacher selbst – an dem verdutzten alten Melchers vorüber – in die Speisekammer, schnitt von der freihängenden Seite eine Handbreit Speck herunter, riß das Schwarzbrot in den einen, die angebrochene Kümmelflasche in den andern Arm und ging wieder in das Speisezimmer zurück. Die Geschichte mit dem Tablett und den übrigen Zubehörteilen für ein richtiges Mahl dauerte ihm hierfür zu lange.

„Iß tüchtig,“ nötigte er und schnitt ihr mit seinem derben Jagdmesser, das er niemals aus der Tasche ließ, selbst die Bissen zurecht.

Gierig schlang sie alles herunter, bekam feuerrote Fleckchen und trank auch einen tüchtigen Schluck von dem alten, scharfen Kümmel, obwohl ihre Augen danach noch mehr tränten. Dann saß sie mit andächtig zusammengelegten Händen und blinzelte in die knackenden Holzscheite.

„Jetzt wirst du reden, Klausine,“ befahl er nach geraumer Weile. „Was also ist geschehen?“ fragte er ungläubig und rüttelte sie ein wenig am Arm.

„Sie hat unser ganzes Geld verloren und das konnte sie nicht überwinden.“

„Ja, wie hat sie das denn, in drei Deibels Namen, angefangen? Weißt du Genaueres darüber?“

„Gesagt hat sie mir kein Wort. Aber ich habe es aus den Briefen zusammengelesen. Du kannst dich selbst überzeugen. Ich habe sie dir mitgebracht.“

Er überflog die zerknitterten Schriftstücke, ballte sie zusammen und schleuderte sie endlich zornig in die äußerste Ecke des Zimmers.

„Auf diesen plumpen Schwindel ist sie so einfach glatt reingefallen?“

„Das weiß ich nicht. Sieh, hier ist noch ein Brief. Er kam vor vier Tagen. Danach hat sie es getan...“

Er las auch diesen.

„Richtig! Da teilt ihr ein anderer sauberer Vogel höflichst mit, daß ihr auf Grundstück soundso – im Grundbuch Blatt soundso – eingetragenes Geld in Summe 104000 Mark bei der Zwangsversteigerung ausgefallen sei. Also mit andern Worten, alles hops.“

„So habe ich es auch aufgefaßt.“

Das wunderte ihn, weil er sie für einfältiger gehalten hatte. „Was also hat sie getan, nachdem sie diesen Wisch gelesen?“

„Mich mit zwei Telegrammen zur Post weggeschickt. Ganz heimlich mußte ich mich fortschleichen. Die andern im Stift durften nichts davon ahnen.“

„Nun, und die Antwort? Sagtest du nicht, daß du sie gleich auf dem Amt erwarten mußtest?“ Sie nickte wieder.

„Die hat sie in der Küche verbrannt. Wir haben nämlich jede unsere besondere,“ erzählte sie wichtig.

„Laß jetzt die Nebensachen,“ verwies er streng. Sie hörte nicht darauf.

„In der Küche ist es doch geschehen,“ fuhr sie eintöniger fort und begann schon wieder zu zittern.

„Was ist geschehen? – Nimm dich zusammen, Klausine. So weit warst du schon vorhin...“

„Genaues weiß ich nicht. Als ich dazu kam, waren schon alle Stiftsdamen bei ihr und schrieen und jammerten. Sie lag mitten auf den Fließ. Der Gasschlauch hing herunter und die Luft war schrecklich, trotzdem überall die Fenster offen standen...“

Nun begriff er! – Sie hatte den Verlust des Geldes nicht verwinden können und wollte sich einfach aus dem für sie wertlos gewordenen Leben stehlen.

„Sie ist tot?“ fragte er mit gedämpfter Stimme.

„Sie haben gleich nach dem Arzt geschickt... Noch eine kleine Viertelstunde, hat der zu mir gesagt, dann wäre er zu spät gekommen.“

„Sie lebt also...“

„Sie hat mich doch zu dir geschickt...“

„Und der Auftrag?“

Da lag ihm plötzlich die schmale, verängstigte, durchnäßte Heimatlose zu Füßen. „Du sollst uns einen Winkel geben, wo uns kein Mensch sehen und finden kann,“ bettelte sie...

„Ihr habt doch Euern Platz im Stift nach wie vor.“

„Sie kann nicht mehr dableiben. Sie müsse vor Scham sterben, hat sie gesagt. Und sie schickt dir auch was, damit du es tust... Es wäre ihr Letztes, läßt sie sagen...“

Es waren, mehrfach in einen kleinen schmutzig gewordenen Leinenbeutel eingenäht, zweiundachtzig Mark.

Ein Würgen stieg in die Kehle des Kummersbachers hoch. Unsicher langte er nach der Kümmelflasche und füllte einen kleinen Becher, der irgendwo umherstand.

Verdient hatte sie durch ihre Härte, Geldgier und Verleumdungssucht mancherlei. Aber dies war eine zu harte Strafe.

„Du wirst vorläufig hier bleiben,“ entschied er nach kurzem Ueberlegen. „Ihr werde ich ausführlich schreiben.“ Ihr kleines Gesicht leuchtete in seliger Freude auf. „Und jetzt klingle ich nach Hermann. Er wird dir dein Zimmer anweisen. Lege dich aufs Ohr und versuche zu schlafen. Nötig hast du’s. Deine Sachen lege auf einen Stuhl draußen vor die Tür, damit sie richtig getrocknet werden können. Deine übrigen sollen nachkommen. Ich veranlasse das schon.“

Als er allein war und wieder an seinem Schreibtisch saß, stand er auf und schritt lange ruhelos auf und ab.

Als er mit sich einig war, schrieb er an Hermine:

Deine Schwester wird solange bei mir bleiben, bis sie frisch und gesund ist. Du aber wirst Dich innerhalb zweier Wochen bereit halten, meinem zu Dir entsandten Diener Hermann dorthin zu folgen, wohin er Dich bringen wird. Er ist treu wie Gold und zuverlässig – auch im Schweigen. Verlaß Dich also ganz auf ihn. In mein Haus kann ich Dich leider nicht bitten. Vielleicht setze ich Dir die Gründe auseinander, wenn Du erst wieder Deine Nerven in der Hand hast. Jetzt nur das eine: Des Daseins Not wird nicht, solange Ihr lebt, an Euch herankommen, weil Ihr denselben Namen tragt wie auch ich. Nur dieser Grund und das grenzenlose Mitleid mit Deiner Schwester treibt mich hierzu. Zwanzig Kilometer von Schloß Kummersbach kaufte ich vor Jahresfrist für zwei inzwischen auch alt und grau gewordene, treue, brave Menschen, die in meinen Diensten durch einen Unfall das Gehör verloren, einen kleinen schmucken Bauernhof. Das geräumige Wohnhaus hat drei unbenutzte hübsche, helle Stuben, die ich sogleich für Euch herrichten lasse. An barem Gelde sollen Dir, außer allem, was Ihr dort kostenfrei bezieht, monatlich 50 Mark überwiesen werden. Kommst Du mit dieser Summe nicht aus, bin ich, nach Prüfung zu weiterem bereit.

Es war ihm unmöglich, ein Trostwort oder auch nur einen warmen Gruß anzufügen.

Nach alter Gewohnheit siegelte er den Brief und übergab ihn seinem Diener. Dann holte er noch einen Kümmel, obwohl er sich sonst nur einmal in der Woche etwas derartiges zu leisten pflegte.