24.
Gretchen Müller saß allein im Zimmer und hielt Rückerinnerungen. Ihre seltsam aufregende Kindheit baute sich leuchtend klar vor ihr auf: Der Vater, der sie, wenn er bei guter Laune war, mit Schmeichelnamen und Süßigkeiten überschüttete – dem sie zuweilen noch am späten Abend einen Brief ganz heimlich forttragen oder aus dem feinen Geschäft an der nächsten Ecke eine Flasche Wein besorgen mußte, streichelte ihr anerkennend das weiche Gesichtchen. Der Bruder, der dauernd über ihr und allen Ausgängen wachte, erschien ihr trotz des unaufhörlich zwischen ihnen bestehenden Kampfes als der Stab, der sie stützte und leitete. Wenn sie abends in ihrem Bettchen lag und die Hände zu dem von ihm gelehrten Gebet faltete, dachte sie seiner als letzten Gedanken.
Er half bereits von der Tertia an für den Haushalt mit zu verdienen. Eine Anzahl Jungen, kaum älter als sie selbst, waren ins Haus gekommen. Ihnen allen hatte er mit nie versagendem Eifer in schwachen Fächern nachgeholfen. Zuweilen fiel von diesen Einnahmen eine Kleinigkeit für sie ab. Ein gutes Buch oder ein Blumenzwiebelchen, dessen Entwicklung sie eifrig zu überwachen hatte. Immer wieder hatte sie seiner gedenken müssen.
Ihres Vaters, der sie bis auf das letzte unerhörte Quälen, das sie schließlich dem Verführer in die Arme getrieben, nur immer verwöhnte und bewunderte, gedachte sie längst als eines armen Verirrten, der auch seinen eigenen, richtigen Weg niemals erkannte.
Und jetzt sollte sie – vielleicht sehr bald – sterben, ohne dem Bruder gedankt, seine Vergebung erfleht und ohne ihn vor allem auf die Straße zu seinem Glücke geführt zu haben! Bisher war sie sicher gewesen, daß der Tod, wenn er endlich käme, von ihr als heißersehnter Erlöser empfunden werde.
Seit Tagen grübelte sie unaufhörlich! Sie suchte allein zu sein, denn sie wollte ungestört bleiben, um nur zu einem vernünftigen Entschluß zu kommen.
Da klopfte es. – Zuerst wollte sie nicht öffnen. Schließlich tat sie es, vor der Tür stand nur die schwächliche Sechszehnjährige des Hausmeisters.
„Ich brauche Sie heute nicht,“ sagte Gretchen Müller leise und enttäuscht.
„Fräulein von Ostried hat mir heute eine feine Ansichtskarte von Dresden geschrieben,“ erzählte Jene wichtig. „Ich soll alle Tage raufgehen und mich ja nicht von Ihnen wegschicken lassen. Sie hätte so viel Angst um Sie und darum gar keine rechte Ruhe.“
Gretchen Müller hatte sich nachdenklich an das Fenster neben Eva von Ostrieds Schreibtisch gesetzt. Es gab wirklich jemand, der sich um sie sorgte? Wie schön das war! Sie hätte es eigentlich nach aller empfangenen Güte wissen und daher keinen Augenblick vergessen dürfen.
„Sie sollen auch ordentlich essen und trinken,“ tuschelte die Sechszehnjährige geheimnisvoll, indem sie auf einen freien Winkel neben dem Schreibtisch zeigte. „Da in der Ecke stände was ganz Feines für Sie, wenn Sie es noch nicht gefunden haben sollten.“
Eine Flasche stärkenden Weines, ein gebratenes Hühnchen und ein paar andere Leckerbissen. Am Halse der Flasche war ein Zettelchen befestigt, das Eva von Ostrieds klare Handschrift trug: Meinem lieben Gretchen, damit ich sie frisch und wohl wiederfinde.
Daran hatte Eva von Ostried in ihrem Schmerz und in dem Kampf um die Antwort der schwersten Zukunftsfrage denken können!
In diesem Augenblicke kam Gretchen Müller zum ersten Male die Frage an, wieviel sie ihrer Wohltäterin wohl gekostet haben mochte. Eine genaue Vorstellung besaß sie nicht davon. Sie hatte aber die bestimmte Ahnung, daß es eine große Summe sein müsse.
Da lag die Mappe, in welche Eva von Ostried gewissenhaft alle Rechnungen einzuheften pflegte. Sie hatte die sonst, nach jedem Gebrauch ängstlich verschlossen, sicherlich über dem Schweren der letzten Zeit vergessen. Mechanisch klappte Gretchen Müller sie auf und überflog die einzelnen Posten. Immer wieder begegnete sie ihrem Namen als Veranlasserin der Ausgaben. Entsetzt zuckte sie zusammen, rieb die Augen, als wollte sie um jeden Preis aus diesem Traum erwachen und vertiefte sich von neuem.
Dies alles waren Dinge, die sie benötigt hatte. Hier die langen Rechnungen des Apothekers und das erste beglichene Arzthonorar, die Kosten für die Pflegerin und Stärkungsmittel. Dort die Neuanschaffungen für Wäsche und Kleider. Mit bebenden Fingern tupfte sie auf die einzelnen Reihen und zählte sie umständlich zusammen:
Dreitausend und fünfhundert Mark für sie. Und wovon?
Um Gottes willen! Wenn Eva von Ostried darum jene Schuld, die der Mann ihrer Liebe nicht vergeben konnte, auf sich geladen hätte? Täglich hatte sie doch an dem ängstlichen Erwägen jeder Ausgabe gemerkt, daß Eva von Ostried nicht mit irdischen Schätzen gesegnet sein konnte!
Ihre abgezehrten Hände hatten sich zusammengekrampft, als flehten sie um die Kraft zu dem schwersten, entsühnenden, letzten Schritt!
Wenn sie aber noch einmal gesundete? Wozu dann die neue, jammervolle Qual? Dann würde sie gewiß nicht früher ruhen, bis sie alles zurückgezahlt hatte.
Müde dämmerte sie ein. Wundervoll ruhig, wie seit Monaten nicht mehr, gestaltete sich ihr Schlummer. Als sie nach Stunden daraus erwachte, war sie frei von Schmerzen. Die Nacht durchschlief sie gleichfalls traumlos tief bis zum Morgen, an dem sie die gellende Pfeife des Novembersturms wachheulen mußte.
Ihr war so wohl und leicht, wie seit langem nicht.
„Ich werde bestimmt noch einmal gesund,“ dachte sie und tastete sich auf, um etwas zu genießen.
Aber plötzlich – sickerte es warm und purpurn, wie ein eiliges Bächlein, über ihre Lippen. Das war der fliehende Strom des Lebens; dagegen gab es nun nichts mehr. Morgen war sie vielleicht schon tot!
Sie versuchte sich emporzurichten. Es schlug fehl. So rief sie mit lauter Stimme, wie sie fest überzeugt war, den Namen der Hausmeisterstochter. Es war aber nur ein heiseres Stammeln, das ungehört verklang.
In höchster Angst begann sie zu beten.
Als sie eine Stunde später noch einmal versuchte, sich zu erheben, schien ihre Kraft gewachsen zu sein. Sie brachte es fertig, zum Schreibtisch zu taumeln. Mit kaum leserlicher Hand malte sie wenige Zeilen:
Lieber, guter Bruder! Komme sogleich zu mir. Ich soll sterben und muß Dich zuvor noch gesprochen haben. Frage die Botin nichts. Du wirst alles aus meinem Munde erfahren, auch warum ich bei Eva von Ostried bin. Fürchte keine Begegnung mit ihr. Sie weilt in Dresden. Die Schlüssel zur Wohnung schicke ich Dir mit. Es könnte sein, daß ich nicht mehr zu öffnen imstande wäre.
Dann versuchte sie die Treppe herunter zu schleichen. Als sie endlich vor der gutmütigen Hauswartfrau stand, schrie diese laut auf.
„Mein Je... wat ist denn mit Ihnen? Sie sehen ja wie ein Geist aus.“
„Ich bin sehr krank,“ sagte Gretchen Müller kaum verständlich. „Dieser Brief muß sofort an die Adresse hier. Bitte, rufen Sie Ihre Tochter...“
„Amanda? Die ist leider nicht da! Kann ich nicht meinen Max schicken?“
„Wie alt ist er?“
„Ostern wird er acht.“
„Nein. Bitte, gehen Sie selbst! Hier, nehmen Sie – für Ihre Tochter.“
Es war ein Halskettchen aus feinstem Silberfiligran.
– – – Mit einem Aechzen sank sie dann auf das Ruhebett ihres einfenstrigen Zimmers, und ihre fieberglänzenden Augen verfolgten gespannt den gleichmäßig vorwärtsrückenden Zeiger der Uhr. Schließlich schlief sie vor Schwäche ein.
Die alte Pauline stand, noch schneeweiß bis in die Lippen, vor Walter Wullenweber und berichtete von dem Unglück, das sie am Vormittag betroffen hatte.
„Wie es gekommen ist? Ich hatte mir einen heißen Stein ins Bett geschoben. Wenn man alt ist, kann man nicht mehr so recht warm werden. Hundertmal hab’ ich das schon gemacht und nie ist was passiert. Nun heute grade. Die Betten sind verkohlt und das schöne Kleiderspind ist ganz hin. Alle Sachen drin sind zu Fetzen verbrannt. Nur ein Kleid ist wie durch ein Wunder verschont, das gute Schwarzseidene, in dem unsere Frau Präsident gestorben ist...“
„Grämen Sie sich nicht darüber, Pauline,“ tröstete Walter Wullenweber.
„Wäre die Flurnachbarin nicht so beherzt gewesen, hätt’ ich Ihnen die ganze Wohnung ausgeräuchert...“
„Freuen wir uns also des günstigen Ausgangs –“
„Nun hab’ ich richtig nichts anzuziehen. Und ich muß doch an ihr Grab. Ihr Geburtstag is...“
„Ich denke, das gute Schwarzseidene ist verschont geblieben? Sagten Sie das nicht soeben?“
Erschrocken wehrte sie ab. „Wo denken Sie hin, Herr Rechtsanwalt?! Das ist mir heilig. Nein, nein....“
„Ihre Frau Präsidentin würde Sie auslachen, wenn sie das gehört hätte..“
„Meinen Sie wirklich?“ Es klang, als leuchte eine scheue Hoffnung durch alle Trostlosigkeit.
„Auch nach meinem Empfinden wäre es kindisch, wenn Sie aus diesem Grunde fernblieben. Nach allem, was Sie mir von ihr erzählt haben, kann ich mir unmöglich denken, daß sie dies billigen würde.“
„Ich glaube beinahe auch nicht recht dran...“
„Wie können Sie noch überlegen? Der Schaden ist gewiß schmerzlich für Sie, aber viel schmerzlicher würde es sein, wenn auch dies letzte Kleid – dies Heiligtum in Ihren Augen – mitverbrannt wäre.“
„Darüber könnt’ ich bestimmt nicht wegkommen...“
„Sehen Sie wohl? Also Kopf hoch! und Hand her. – Vielleicht hat Ihre Frau Präsidentin aus der Höhe den ganzen Brand überhaupt bestellt, damit ihre alte, überbescheidene Pauline wenigstens einmal im Leben in Seide rauscht.“
„Zuzutrauen wär’ ihr das schon...“
„Na also. Nachher werden Sie mir jedes verbrannte Stück genau aufzählen und möglichst beschreiben, damit ich ordnungsgemäß Anzeige von dem Brand machen kann. Einstweilen sehen Sie, bitte, nach, wer draußen Sturm läutet.“
Es war die Hausmeistersfrau, die Gretchen Müllers Brief brachte.
„Lieber, guter Bruder...“ Walter Wullenweber wischte mechanisch über die schrägliegenden Buchstaben, die ihm in zitternden Wellenlinien entgegensahen. Er rief nach der alten Pauline. Seine Füße waren plötzlich zu schwer zum Aufstehen, seine Hand zu unsicher zum Klingeln.
„Ich möchte die Botin sprechen, die dies soeben gebracht hat. Schicken Sie sie herein,“ sagte er mit schwerer Zunge.
„Ach Gott, Herr Rechtsanwalt.“ Er wehrte ab.
„Die Frau ist sehr eilig gewesen; gleich ist sie wieder weg.“
„Hm –“. „Da liegt noch was Eingewickeltes, Herr Rechtsanwalt,“ erinnerte Pauline. „Es sind Schlüssel, hat die Frau gesagt. Sie möchten sich selbst die Wohnung aufschließen. Das Fräulein wäre nämlich ein bißchen kränklich ...“
Der Name auf dem Schild und der Schlüssel in seiner Hand... Nein, nein, es war kein Traum! Schon stand er mit einem unsäglichen Gefühl von Verwirrtheit auf dem schmalen Korridor.
„Lieselott!“ rief er laut und erschrak über den Klang der eigenen Stimme.
Dann tappte er weiter. Das Musikzimmer kannte er aus Eva von Ostrieds Schilderungen. Er sah auch im Geist die hohe, stolze Gestalt der Besitzerin und fühlte, daß seine heiße Liebe zu ihr niemals sterben konnte. Jeder weitere Schritt war eine Qual für ihn. Wie ein Einbrecher kam er sich vor und ging doch weiter... bis er in dem kleinen, einfenstrigen Raume stand, dessen Fenster einen Ausschnitt der sommermüden Bäume zeigte...
Auf dem Ruhebette lag eine schmale, zusammengekrümmte Mädchengestalt. Das Gesicht war wachsbleich. Die Lippen farblos. Der Goldton ihres Haares das einzig Lebendige an diesem starren Bilde.
Mit einem dumpfen Aufschluchzen warf er sich über sie. „Kleine Lieselotte!“
Seine Arme hoben sie ein wenig empor. „Lieselott, ich bin bei dir.“
Da zuckten die Lider endlich und ihre Augen wachten auf: „Walter... Bruder...“ Nichts weiter vermochte sie zu sagen.
Er fragte nichts. Er lag auf den Knieen und hatte seinen Kopf in ihre Hände gebettet. Sanft lehnte sie ihre Wange an sein dichtes, blondes Haar.
„Wie schön ist das, Walterle...“ Und dann wie ein Hauch: „Der Vater... unser Vater... weiß er schon?“
Er machte eine verneinende Bewegung.
„Walterle,“ sagte sie dicht an seinem Ohr, „ich habe mich halbtot vor dir geschämt. Jetzt ist alles, alles gut! Aber, es dauert nicht mehr lange. Und ich muß dir doch so viel erzählen.“
Zuerst sprach sie von sich, während er einen Stuhl neben ihr Lager geschoben hatte und ihre Hände festhielt. Sie mußte häufig Pausen machen. Sonst reichte ihr Atem nicht aus. Und er mußte doch so unendlich viel wissen.
„Du wirst geahnt haben, wohin ich ging, als ich Euch verließ?“ begann sie in bebender Scham.
„Ja,“ nickte er und verhüllte seine Augen mit der Rechten, „zu dem Mann, vor dem ich dich schützen wollte.“
„Laß mir deine Hände, Walter.“
Er fühlte die Eiseskälte ihrer Finger und schauerte zusammen, weil er daraus die Nähe des Todes zu spüren meinte. Ihre Stimme war so leise, daß er sich zu ihren Lippen herabneigen mußte, um sie überhaupt zu verstehen.
„Er hatte geschworen, mich zu seiner Frau zu machen.“
„Das hast du geglaubt?“
„Wäre ich sonst zu ihm gegangen? Konntest du das auch nur einen Augenblick von mir glauben, Bruder?“
Er schwieg. Das war das Härteste gewesen, daß er davon überzeugt war.
„Ich schwöre es dir! Als ich die untrüglichen Beweise seiner Treulosigkeit hatte, als ich wußte, daß bereits eine andere seinen Namen trug, ohne daß mir eine Ahnung davon gekommen war, verließ ich ihn.“
„Wie habe ich dich gesucht, Lieselott...“
„Finden lassen durfte ich mich nicht von dir. Nicht wahr, das verstehst du auch. Gelernt hatte ich nichts wie das bißchen Harfenspiel. Und in ein Nachtkaffee wollte ich nicht! – Dein Name, Walter, hat mich vor vielem zurückgehalten. Mit diesem Namen durfte ich auch nicht in der Oeffentlichkeit arbeiten. Du hättest mich gefunden. Ein Zufall half mir. Als ich wieder einmal umsonst nach Beschäftigung gegangen war, fand ich, neben mir, in einem Abteil der Stadtbahn eine Tasche mit Ausweispapieren... Ich nahm sie an mich. Es ging doch nicht anders. Seitdem bin ich „Gretchen Müller.“ Aber er fand mich auch als solches und ließ mir keine Ruhe. In dem Geschäft, das mich angenommen, machte er mich unmöglich. Ich wollte sterben... Da war aber eine, die es verhindert hat. Eine Schülerin von Eva von Ostried. Sie hat mich zu ihr gebracht ...“
„Wie lange schon,“ fragte er heiser.
„Länger als zwei Jahre. Ohne Eva von Ostried wäre ich verhungert. Ihr verdanke ich alles. Nicht nur, daß ich wieder anständige Kleider und eine Heimat erhielt, das sie mich pflegte und umsorgte. Ach, das war wohl schön... Aber das andere war das Wunder, das meine Seele gereinigt hat. Wie eine Schwester ist sie allzeit zu mir gewesen. Sieh her, diese Sachen hat sie für mich gekauft, damit ich auch in ihrer Abwesenheit nicht darbe. Und hier in dieser Mappe stehts, wieviel Geld sie für mich geopfert hat. Woher sie das konnte? – Walterle, ich weiß es nicht, wie so vieles. Aber ich las deinen harten, letzten Brief an sie. Er bestätigte meine Ahnung, die mich nicht verlassen, seitdem ich das erste Mal einen Umschlag mit deiner Handschrift bei ihr sah. Sie ahnt nicht, daß ich deine Schwester bin, wie sie mir auch deinen Namen nicht verraten hat. Nur, daß sie Braut geworden und nachher – – das andere – – daß alles aus sei – – hat sie mir gesagt. Walterle, hör’ zu – – sie hat mich in die Arme genommen, auch damals, als der Verführer bei ihr eindrang und sie wissen mußte... Laß – frage nichts – – fluche ihm auch nicht. Er ist tot – – Vielleicht tat sie es, weil sie auch um sich litt – – Und um dich. Am allermeisten. Nun hast du ihre heiße Liebe, die nur für dich fühlt und bangt, zurückgestoßen...“
Er stöhnte auf. „Was mich das gekostet hat – – –“
„Ich weiß es, denn ich kenne dich, Bruder! Du hättest mich nie wiedergefunden, wäre sie nicht in mein Leben getreten. – Nicht um mich – – nein um ihretwillen fand ich die Kraft, dich zu rufen...“
„Sie liebt mich nicht mehr,“ wendete er ein.
„Ach du! Ihre Liebe ist so stark, daß sie sich vor ihr fürchtet. Darum wird sie es auch vielleicht tun.“
„Wovon sprichst du?“
„Ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie ein Verwandter von ihr – ein Majoratsherr – der denselben Namen wie sie führt, um sie geworben hat.“
„Und sie...? Ist sie schon seine Braut?“
„Noch nicht. Aber die beiden Wochen Bedenkzeit, die sie sich erbeten hat, sind bald verstrichen...“
„Wann sind sie vorüber?“
„Es war vor neun Tagen...“ Er stand auf.
„Glaubst du, Lieselotte, daß sie nach allem mir noch einmal vertrauen kann?“
„Ich weiß nicht, was Euch getrennt hat und will es nicht wissen. Nur, daß sie dich weiter über alles liebt, weiß ich als einzig Gewisses.“
„Und ich sie ebenfalls –!“
„Also wirst du sie aufsuchen?“
„Es wird mich zwingen...“
„Dabei sollst du ihr diesen Brief geben. Ja, Bruder? Ehe du kamst, habe ich ihn geschrieben. Es steht nur eine Zeile darin.“
„Und warum willst du nicht selbst – –?“
Sie lächelte ihn an. „Ich werde sterben. Es ist nur der Wein, der mir diese letzte Kraft gab, auszuhalten. Jetzt darfst du mich nicht allein lassen. Hörst du? Erst, wenn es ganz dunkel geworden ist, sollst du heimgehen...“
Ein langes Schweigen kam. Er hatte sie aufgerichtet.
„Wo wohnt dein Arzt, Lieselotte,“ forschte er.
„Laß ihn, Walter. Was soll er mir noch? Sieh mich an. Du bist mein Arzt und Erlöser... Und nun erzähle vom Vater – –“
Er tat es, und sie nickte zuweilen.
„Jetzt wird er sich über meinen Gruß freuen, Bruder...“
„Ich werde ihm telegraphieren, Lieselott!“
„Morgen, ja! Nicht heute! Es tut so bitterlich weh – hier – hier – –“ und sie zeigte auf die Brust.
Fest bettete er sie in seinen Armen.
„Glaubst du, Walter, daß mich eine andere, wie sie, damals aufgenommen hätte – mit dem Schimpf der Verlassenen und Geächteten. Todkrank. Kaum ein anständiges Stück Zeug auf dem Leibe – –“
„Hör’ auf!“ flehte er gequält.
„Du mußt genau wissen, wie es damals um mich stand. Sonst begreifst du ihr großes, warmes Opfer nicht voll.“
„Doch, ich fühle es in seiner ganzen Tragweite, Lieselott.“
„Du hast sie vorher eine Heilige genannt. Das ist sie wirklich... Sieh, ich weiß am besten, wie rein sich ihre Seele hält. Darin ist lauter Licht und Keuschheit. Alles nur für dich!“
„Und ich konnte sie richten,“ dachte er dumpf.
Ihr leichter Körper wurde schwer in seinen Armen. Das Gesicht veränderte sich auffallend. Es nahm spitze, fremde Züge an. Der Atem setzte aus. – Es ging aber wieder vorüber.
„Tag und Nacht hat sie um dich geweint, Walter!“
Dann sprach sie lange nichts mehr. Nur der Atem kämpfte verzweifelter, bis wieder ein rosenrotes Bächlein über ihre Lippen quoll. Danach wurde ihr leichter wie zuvor. Nur die Stimme gehorchte nicht mehr, und die Gedanken waren weit – weit weg.
„Meine Harfe,“ verlangte sie mit einem röchelnden Lachen, „laßt sie mir doch!“
Er dachte daran, daß er sie ihr zuweilen verschlossen gehalten, weil sie ihre Aufgaben für die Schule und später für die Häuslichkeit darüber vernachlässigte. Ueberall empfand er seine Mißgriffe.
„Herr Tebecke konnte keine Musik vertragen,“ träumte sie erschauernd.
Das war der Name des Mannes, dessen Reichtum den Vater geblendet und sie aus dem Hause dem Andern entgegen gehetzt hatte.
Auf ihren eingefallenen Wangen erblühte ein Röslein. Die Augen glänzten. Sie wußte nichts mehr von der Gegenwart...
Sie lag, die Hände fromm gefaltet und lächelte.
Mit einem Wehlaut warf er sich über ihre Hülle...
Die kleine weiße Rose, aus dem Heimatsboden gerissen, durch den Strom sündiger Leidenschaft blutrot gefärbt, im Staub der Straße zertreten, – nun war sie wieder schneeweiß und würdig für den himmlischen Garten des allmächtigen Vaters!