Schluß.
Eva von Ostried war einen halben Tag eher, wie sie zuerst gedacht, aus Dresden zurückgekehrt, hatte von jeder telegraphischen Benachrichtigung abgesehen, weil sie der kleinen, aufmerksamen Hausgenossin keine Mühe machen wollte und sich durch den mitgenommenen Schlüssel mühelos Zutritt verschafft. Die verworrene Erzählung der Hausmeistersfrau unten im Hausgange war ihr unverständlich geblieben. Nun stand sie, Sorge und Zärtlichkeit auf dem Gesicht, vor – – Walter Wullenweber – –
Als sie ihn erkannte, streckten sich ihre Arme in stummer entsetzter Abwehr aus. – Nichts begriff sie, als daß er da war. Alles andere wurde ihr unfaßbar. Erst nach geraumer Weile merkte sie, was geschehen, und schrie in grauenhafter Furcht auf, daß die Todkranke, als sie ihrer letzten Stunde gewiß wurde, ihn gerufen haben mußte.
Aber warum? Hatte sie alles gewußt und wollte für sie bitten? Ja – so war es! Durch diese Erkenntnis kam sie zur Kraft!
„Sie hat es gut gemeint,“ sagte sie endlich leise und weich, „und es war auch gütig, daß du gekommen bist. Aber, nicht wahr, nun wollen wir uns nicht länger quälen. Ich werde mein nächstes Konzert abtelegraphieren und sie zur Ruhe betten lassen. Lebe wohl...“
Er war dicht neben ihr.
„Eva!“
Sie hob nur die Hand.
„Laß alles schlafen. Das ist meine letzte Bitte.“
Da stieß er heraus, was sie erst allmählich erfahren sollte. „Sie ist meine Schwester, Eva! Die arme kleine Lieselotte, von der ich dir schrieb... damals – –“
„Deine – Schwester – die du so lange vergeblich gesucht hast?“
„Ja. Hier ist der Brief, mit dem sie mich rief.“
Sie starrte darauf hin, als begriffe sie seinen Sinn nicht. „Deine Schwester?“ wiederholte sie nur immer wieder.
„Nicht wahr, das ändert alles!“
Sie sah mit wirrem Blick umher, an ihm vorbei und endlich auf das bleiche, lächelnde Gesicht der Toten.
„Was könnte es wohl ändern? Doch, die Bitterkeit! Ich will dir wenigstens die Hand reichen.“ Wie einst riß er ihre Rechte an sein Herz. „Nicht so! Es ist nur um ihretwillen. Sie hat mir ja auch dies Opfer gebracht.“
„Fühlst du es als Opfer, Eva? Vergiß doch! Ich liebe dich noch immer über alles.“
Sie schüttelte den Kopf. „Nichts mehr davon. Es ist alles längst vorbei und überwunden.“
„Bei ihrem Andenken schwöre ich dir, daß ich nie aufgehört habe, dich zu lieben. Nur das andere...“ Er stockte.
„Es war sehr hart, aber ich habe es begreifen gelernt.“
„Jetzt mußt du begreifen, daß ich nicht ohne dich leben kann, Eva.“
„Du bildest dir nur ein, daß es so sein müsse. Begreiflich. Glaubst, mir um deiner Schwester willen Dankbarkeit zu schulden. Der Schmerz um sie – – ein wenig wohl auch die Reue – haben dich, den sonst unbestechlich Ehrlichen so weit getrieben. Ich verstehe auch das. Und will – vergessen – –“
„Du sollst nicht, Eva!“
„Wenn ich schon – – vorher vergessen hätte – –?“
Er sah sie fassungslos an. „Lieselott hat mir auch von der Werbung des Waldesruher gesprochen. Solltest du dich bereits vor Ablauf der beiden Wochen für ihn entschieden haben?“
„Ich wollte es tun,“ erwiderte sie sanft. „Aber – – nun wird es wohl doch nicht gehen.“
„Warum nicht?“ drängte er mit neu erwachender Hoffnung.
„Warum? Ach – – das läßt sich schwer ausdrücken. Vielleicht, weil ich mich auch seiner nicht wert fühle.“
Er umklammerte ihre Handgelenke. „Du sprichst nicht die Wahrheit – –“
„Ich könnte nichts anderes sagen – – im Augenblicke.“
„Soll das heißen, daß ich später – – morgen, übermorgen – –“
„Nein,“ wehrte sie erschrocken ab. „Es soll heißen, daß ich niemals wieder – –“
„Wen? Den Andern?“
„Nein, dich,“ sagte sie, immer noch wie im Traum.
„Eva, ich flehe dich an. Denke daran, daß es das letzte Mal sein kann.“
„Das wäre gut! Ich will ruhig werden und sühnen. Gönne mir diese Ruhe.“
„Du hast hundertmal gut gemacht. Ich danke dir – –“
Sie ließ ihn nicht zu Ende kommen.
„Nur an mein Glück hat sie gedacht, deine kleine Schwester. Das sieht ihr ähnlich. Ich habe sie sehr lieb gehabt. Vielleicht – –“
„Sei barmherzig. Vergib mir meine Härte und Ungerechtigkeit.“
„Steh auf – – ich allein bleibe die Schuldige. Es hilft nichts, ich – – habe gestohlen. Siehst du, jetzt zum ersten Mal geht das fürchterliche Wort aus meinem Munde. Das Gespenst läßt sich nicht vertreiben. Die Präsidentin hatte mir nichts zugedacht und ich habe es nicht glauben wollen. Ich habe dir nie von meinem Verhältnis zu ihr gesprochen. Jede ihrer Handlungen bewies mir, daß sie mich lieb hatte. Selbst, wenn sie unzufrieden mit mir war, wurde sie nicht hart. Ich merkte vielmehr, daß sie darunter litt. Und sie – – hat es mir auch versprochen. Klipp und klar. Da ist es mir unfaßbar gewesen, daß sie, die nie ein gegebenes Versprechen brach, nicht an mich gedacht haben sollte. Bei Gott! Mein Gefühl hat unablässig dagegen geeifert, immer noch, bis vor ganz kurzem. Nicht wahr, wenn sich schließlich doch ein Nachsatz, der mich bedacht hätte, vorfand, dann – ja dann – –. Das wirst du gewiß auch nicht verstehen. Wirst meinen, an meiner Schuld ändere das nichts. Mich hätte es losgesprochen. Ich hätte mir einbilden können, ich wäre nun nicht länger schuldig! So aber, wenn ich vergessen wollte – wie damals – in deinen Armen – nachher kam es doch wieder. Ein Satz nur, aber ein fürchterlicher, strenger noch wie du – – „Der Uebel größtes... aber ist die Schuld...““
„Wir werden gemeinsam arbeiten und sparen, damit wir alles zurückerstatten,“ flehte er erschüttert. „Denn so grausam, daß du mich nun zu deinem Schuldner auf Lebenszeit machst, der nicht abtragen darf, was du seiner Schwester gegeben, kannst du nicht sein.“
„Das Geld – – das schreckliche Geld – –“ klagte sie. „Wie es dich schon drückt, daß du es schuldest – –“
„Nein, das andere ist mir die Hauptsache. Deine Liebe, die selbstverständliche Güte, dein Verstehen und Vergeben, mit dem du meine Schwester überschüttet hast – –“
„Sollte ich, die schuldig Gewordene, sie verurteilen?“
„Ich war auch schuldig an ihr und habe dich doch gepeinigt.“
„Das tust du erst jetzt und ich kann es nicht länger ertragen. Laß uns das Nötige ruhig mit einander besprechen. Ich überlasse dir natürlich die Bestimmung über alles, was sie angeht. Willst du es lieber allein besorgen, weil doch auch wohl dein Vater kommen wird... so begebe ich mich für diese kurze Zeit in eine Pension. Wirklich, es macht mir nichts. Du denkst, daß dies hier die Heimstätte deiner kleinen Schwester sei, aus der, hinweggetragen zu werden, ihr gutes Recht ist. Wenn alles vorüber ist, kehre ich schon zurück. Wohl kaum mehr für lange... Ich weiß das alles noch nicht.“
Er stand hoch und stark neben ihr, als habe er die Last, die ihn zu ihren Füßen niederzwang, endlich abgeworfen.
„Noch einmal. Ich liebe dich! Sei barmherzig. Stoße mich nicht zurück.“
„Weil ich es sein muß, sage ich: mache ein Ende! Glaubst du, daß du mir dankbar zu sein hast, dann habe ich ja auch die Erfüllung einer Bitte gut.“
„Sprich sie aus. Was du willst, soll geschehen!“
„Ich danke dir. Vergiß mich, Walter!“
„Kannst du dir das wirklich erbitten?“
„Ja, das kann ich!“
Er griff an die Stirn. Sein Gesicht wurde von einer schmerzhaften Angst verzerrt.
„Eine Erklärung verlange ich wenigstens...“
Sie sann ein wenig. „Wie soll ich das erklären? Fühlst du es nicht?“
Er schüttelte wild den Kopf.
„Nein? Du hast doch empfunden, daß ich dein Leben verdorben hätte... wenn...“
„Empfunden? Doch nicht! Nur einen Augenblick lang gefürchtet. Das, was dir gehört, hatte gar nichts damit zu schaffen. Das andere in mir, das für das Recht steht und fällt, schrieb dir den Brief. Mein Herz hat dich auch in diesem Augenblick keinen Deut weniger geliebt als zu Anfang und jetzt!“
Mit leicht geschlossenen Augen lauschte sie ihm. „Es klingt schön. – Ich glaube es aber nicht!“
„Dann muß ich vollenden. Ich verstehe, daß du mich niemals geliebt hast wie ich dich...“
In ihrem Gesicht begann es zu zucken. Sie war am Ende ihrer Kraft.
Noch ein Wort – eine Wiederholung der alten Bitte – ein Entgegenrecken seiner Arme und... Sah er denn ihre große, heiße Liebe, daß er nicht müde wurde, sie zu verlangen? Er durfte sie nicht gewahr werden. Nie mehr... Sein Leben mußte hell und rein bleiben. Würde sie sein Weib, machte sie ihn zum Mitschuldigen und vernichtete ihn langsam damit. Was lag an ihr? Mochte sie nachher zusammenbrechen. Bis sie es ausgesprochen hatte, würde sie sich aufrecht erhalten.
„Ich gehe also. Du und die alte Pauline, Ihr werdet alles nach deinem Willen einrichten. Den Schlüssel kannst du danach unten bei der Hausmeistersfrau abgeben. Ich hole ihn mir später schon...“
„Soll das deine Antwort auf meine Anschuldigung sein?“
„Verlangst du wirklich eine?“
„Eva,“ stöhnte er, „laß es genug der Folter sein. Ich bitte dich nach diesem nicht mehr!“
Sanft streichelte sie die gefalteten Hände der Toten. Und es war, als bringe ihr die eisige Kühle die Besinnung zurück – – als sei sie nun gegen alle Sehnsucht gefeit.
„Ich kann nicht,“ gestand sie leise, „und wenn ich mich halbtot quälen würde.“
„Quälen sollst du dich nicht. Nein – das hast du nicht um uns verdient.“ Es klang hart und fest. „Du hast uns genug geopfert. – Noch heute Abend werde ich meine kleine Schwester zu mir holen. Verzeih dies Letzte. Ich muß dich solange aus deiner eigenen Wohnung vertreiben. Danach aber – ich hoffe gegen zehn Uhr – ist jede Spur von uns verwischt.“
Sie fühlte mit kaltem Schrecken, wie sie zu taumeln begann. Wenn er sie jetzt noch einmal ansehen würde – – Seine Augen mieden ihr Gesicht, während er, nach kurzer Pause, wieder zu sprechen begann.
„Du hast mir am Schluß deines letzten Briefes etwas schreiben können, was ich lange nicht begriffen habe. Vielleicht hast du es wirklich so gemeint. Daß ich glücklich werden soll ohne dich. Jetzt beginne ich deinen Wunsch zu begreifen. Du wirst und willst ohne mich glücklich werden. Das weiß ich nun – –“
Sie widersprach ihm nicht. Einen Herzschlag lang wartete er darauf. – „Lebe wohl, Eva.“
Hatte sie den gleichen Abschiedsgruß für ihn gehabt? Mit vorgeneigtem Oberkörper stand sie und lauschte, wie sein Schritt auf dem teppichlosen Stückchen Parkett zwischen Sterbezimmer und Musikraum hörbar wurde – – wie er über den langen Korridor tappte – die Hand auf den Drücker schlug, der stets ein wenig schwer gehorchte und die Tür hinter sich zuklappte.
Dann erst brach sie mit einem wilden verzweifelten Aufschrei, der nichts als unsterbliche, ewige Liebe nach ihm war, in die Kniee.
Major a. D. Wullenweber hatte nicht zur Bestattung seiner Tochter kommen können. Noch bevor der Eilbrief seines Sohnes in Hohen-Klitzig angekommen war, packte ihn ein neuer Schlaganfall. Lebensgefahr bestand auch diesmal nach dem Urteil des Arztes nicht. Immerhin war die größte Schonung und Ruhe erforderlich. Der Amtsrat verschwieg ihm daher den Inhalt des zur Vorbereitung des Vaters an seine Adresse gerichteten Briefes. So lag der Kranke – ahnungslos – mit leise röchelndem Atem, ohne zu ahnen, daß in derselben Stunde, in welcher er nach drei Tagen wieder mit Genuß einer schmackhaften Suppe zusprach, seine kleine Lieselott an der Seite ihrer Mutter zur letzten Ruhe gebettet wurde.
Die alte Pauline war von Walter Wullenweber so weit ins Vertrauen gezogen, wie es sich um das traurige Geheimnis seiner kleinen Schwester handelte. Mehr hatte er ihr auch nicht sagen wollen! Und sprach ihr dann, als alles vorüber war, doch davon, daß er Eva von Ostried liebte und sie, nach kurzem unaussprechlichen Glück, verlieren mußte.
„Sie dürfen morgen nun doch nicht zum Geburtstag Ihrer Frau Präsidentin heraus,“ sagte er am dritten Abend nach der Beisetzung.
„Warum denn nicht, Herr Rechtsanwalt?“
„Weil Sie von rechtswegen längst ins Bett gehören...“
„Da halte ich es gar nicht aus. Mir ist, als müßte ich laufen und immer blos laufen, um einzuholen, was mir sonst wegflitzt.“
„Ich habe einen schönen großen Kranz bestellt, Pauline. Lauter tiefrote Astern, von denen Sie mir mal sagten, daß sie Frau Präsidentin von allen Blumen am liebsten hatte,“ versuchte er sie zu beruhigen.
„Wie gut Sie sind,“ dankte sie gerührt.
„Gut?!“ lachte er gerührt auf. „Sie dürften eigentlich sowas nicht sagen. Versprechen Sie mir jetzt feierlich, daß Sie sich mit meinem Vorschlag einverstanden erklären.“
„Was soll ich denn, Herr Rechtsanwalt?“
„Morgen brav daheimbleiben und hier den Tag im Gedächtnis an Ihre Frau Präsidentin verbringen. Den schönen Kranz trage ich ihr selbst ans Grab. Es macht mir nichts aus...“
Sie wurde rot wie ein junges Mädchen, das eine Not nicht länger verbergen kann. „Und wenn Sie mich festbänden, bliebe ich nicht zu Hause. So gut Sie es wieder mal meinen. Das geht nicht. Wie eine Meineidige käme ich mir vor. Ich hab’ ihr in die Hand versprochen, daß ich jedes Jahr, solange ich am Leben bin, ihr Grab an dem Tage schmücken wollt’, denn sie konnte keine Unordnung leiden. Und wenn ich mir gleich den Tod holen müßt’ – jawohl... hin würde ich doch machen.“
Da sagte er kein weiteres Wort dagegen, sondern ließ sie gewähren, als sie am nächsten Tage in dem feierlichen Schwarzseidenen, mit dem Kranz auf dem Arm vor ihm stand und leise und beschämt wegen ihres Ungehorsams um Entschuldigung bat. –
Walter Wullenweber hielt sich mit eisernem Willen aufrecht. Seine stark entwickelte Pflichttreue, die unermüdlich die angehäufte Arbeit abtrug, unterstützte ihn. Nur in den kurz bemessenen Freistunden gab er sich seinen trostlosen Gedanken hin.
Ob sie ihn wirklich nicht mehr liebte? Tagelang hatte er es als sicher angenommen. Wie durch ein aufregendes Ereignis Gesicht und Gehör verloren gehen konnten, mochte auch wohl ihre Liebe dieser Erschütterung nicht standgehalten haben. Jetzt begann er ihre Scham und ihren Stolz richtig einzuschätzen. Begriff, so sehr es auch gegen das starre Gesetz ging, daß eine nachträglich aufgefundene Bestimmung der Präsidentin zu ihren Gunsten die Last der Tat von ihr abgewälzt hätte.
Damit ward ihm auch das Andere klar. Daß sie mit diesem Augenblick wieder sein und diesmal auf ewig gewesen wäre. Nun dies unmöglich geworden war, hatte er keinen Anteil mehr an ihr! Er hatte den Kopf auf die Platte des Schreibtisches gelegt und litt weit über alle Kraft unter der Unmöglichkeit, dies jemals zu ändern – mdash; –
Das ungestüme Aufreißen der Korridortür, ihr heftiges Zuschlagen, das Hereinstürzen der feierlich angetanen, alten Pauline, ließ ihn erschrocken emporfahren. Selbst nach dem Brande war sie nicht so fassungslos erschienen. Sie stand vor ihm, wie er sie noch nie gesehen hatte. Ihre welken Lippen zittern.
Augenscheinlich wollte sie etwas berichten und brachte doch nichts heraus, als ein Aufschluchzen der Freude!
„Das habe ich in der Tasche von unserer Frau Präsidentin Schwarzseidenem gefunden,“ konnte sie endlich herausbringen.
Er las den Inhalt des gelblich gewordenen Zettels. Ihn voll zu begreifen, war ihm noch versagt. Es war zu neu, zu gewaltig und zu schön. Als er sich endlich dazu zwingen konnte und sich auch überzeugte, daß Unterschrift und Datum diesen Zeilen volle Gültigkeit verliehen, steckte er ihn zu sich und sprang auf.
Bescheiden, auch jetzt noch, wartete die alte Pauline auf das erste seiner Worte.
Er preßte nur stumm ihre Hände zwischen den seinen, sodaß sie Mühe hatte, einen Aufschrei zu unterdrücken und stürzte fort – – –
Mit stillem Lächeln sah sie ihm nach. Ihr war nicht verborgen, wohin ihn jetzt sein Weg führen mußte.
Seit zwei Tagen weilte Eva von Ostried wieder in ihrem Heim. Es kam ihr grenzenlos öde vor. Der jubelnde Beifall, der ihr ebenso in Dresden wie in Weimar geworden, lag weit hinter ihr. Ihr Blick galt der Zukunft. Morgen in der Frühe würde sie den Vertrag unterzeichnen, der sie auf die Dauer von drei Monaten in die verschiedensten Großstädte führen sollte. Und dann – –
Ja – dann kam endlich doch wohl noch alles, wie sie es einst so heiß gewünscht und nun längst nicht mehr erstrebt hatte – – –.
Wahrscheinlich zum kommenden Herbst würde sie einer schon jetzt ergangenen dringenden Einladung des Dresdner Intendanten folgend, dort auf Engagement singen.
Sie kämpfte nicht mehr. Alles schien überwunden zu sein. Das einzige Gefühl, dessen sie sich für fähig hielt, bestand in einem brennenden Neid auf die Tote.
Das kleine einfenstrige Zimmer, aus dem sie hinausgetragen war, blieb seither unbenutzt. Furchtsam wurde es von Eva von Ostried gemieden. Nicht die Tote allein wehrte ihr den Eintritt, sondern vor allem der Lebende, der erst langsam für sie sterben mußte.
Sie saß vor dem Flügel, aber sie dachte nicht an das, was einst ihr höchstes Sehnen gewesen. Wie längst durchlesene Bücher, die kein Interesse mehr erwecken konnten, betrachtete sie die Stöße von Noten. Es gab nur noch ein Lied für sie, das sie niemals vergessen würde, das kleine Lied von der weißen Rose....
Sein Lied! Vorläufig hatte sie sich am Fenster einen Tisch mit allem Nötigen zum Schreiben zurechtgestellt. Sinnend ruhte ihr Blick auf dem großen weißen Bogen, der gespenstisch zu ihr hinwinkte. Ehe es Abend geworden war, wollte sie einen Brief schreiben...
Sie ging hinüber und tauchte die Feder ein. Wenn er fort sein würde, hatte sie keine Anwartschaft mehr auf das alte stille Schloß in Waldesruh! Trotzdem schrieb sie ihn hastig! Er wurde kurz.
Ich kann nicht Ihre Gattin werden. Aber ich danke Ihnen warm für die mir zugedachte Ehre...
Warum konnte sie es nun doch nicht? – Auf dem Tischchen lag ein Stoß geöffneter Briefe, die sie in Dresden und Weimar erhalten hatte. Schwärmerische Ergüsse – –
Nun brach sie wieder hervor, die alte heiße, wilde Sehnsucht nach dem Geliebten. Das mühsame Versteckspiel mit den eigenen Gefühlen war nutzlose Marter. Ihre Seele gehörte ihm auf ewig.
Wie erlöst atmete sie auf, als draußen die Klingel ging. „Wirklich kommt er,“ dachte sie befriedigt, während sie hinausging.
Sie konnte den Eintretenden in dem Zwielicht nicht sogleich erkennen und ahnte doch sofort, wer er sei! Ihr Herz begann wie rasend zu pochen.
– – – Gehorsam blickte sie auf ein beschriebenes Blatt nieder, das er vor sie hingelegt hatte, als sie sich im Musikzimmer gegenüberstanden.
„Ich kann nicht,“ flüsterte sie, als sie die Handschrift sah. Da las ihr Walter Wullenweber vor:
Nach einem Anfall großer Herzschwäche, den ich zwar überwunden habe, dessen Wiederkehr ich aber fühle, bestimme ich hiermit als Nachtrag zu meinem bereits gemachten Testament, daß meine geliebte Pflegetochter Eva von Ostried bei meinem Ableben Einhundertundfünfzigtausend Mark durch Herrn Justizrat Weißgerber ausgezahlt erhalten soll. Und zwar ist diese Summe von derjenigen für die Stiftungen festgelegten abzuziehen. An den ausgesetzten Legaten soll nichts geändert werden. Meine treuesten Grüße gehören meiner lieben Eva.
Zur Zeit Belgard a. d. Persante, Hinterpommern, im Wartesaal der 2. Klasse, den 24. August 1918.
Frau Präsident Hanna Melchers.
Als Walter Wullenweber zu Ende gelesen hatte, sah er sie an. Und sah, daß sie ihre Hände, wie bittend, zu ihm erhoben hatte. Nun lag sie an seinem Herzen.
„Eva – jetzt – bleibst du mein?“
„Ja,“ flüsterte sie, „dein, nur dein!“
Er ließ den Brief der kleinen toten Schwester in ihren Schoß gleiten, während er sie küßte.
„Den mußt du selbst lesen.“
Wie kurz er war! Die Zeichen fast unleserlich. Und doch der einzige Satz wundervoll freisprechend – an dem endlich errungenen Glück vollendend, was ihm im Augenblick – vielleicht noch unbewußt – fehlte.
„Der Uebel größtes ist die ungesühnte Schuld!“
In dieser heiligen Stunde streifte Eva von Ostried alle Bitterkeit ab. Die Zeit des Leidens erschien ihr als eine Gnade, durch welche sie pilgern mußte, um des Geliebten würdig zu sein. Während sie ihre Wange an die seine schmiegte, sagte sie dankbar und demütig:
„Unsere kleine Schwester hat recht! Aber ich will noch weiter in ihrem Sinne sühnen, um meines großen Glückes auch würdig zu bleiben!“