4.

Es war – doch – nicht möglich! –

Jeder Blutstropfen wich aus Eva von Ostrieds Gesicht. Ein eiserner Reif schien sich um Brust und Schläfe zu pressen. Sie stand plötzlich in der Mitte des Zimmers, suchte nach ihren Kleidern und fand nichts, als das Flimmern des Mondes, der überall seine Silbermünzen aufzählte. Ihre Glieder begannen so stark zu zittern, daß sie kraftlos auf einen Stuhle sank und den einzigen Wunsch hatte, die Hände der alten Pauline zu fassen, damit dies entsetzliche Grauen vor ihr wiche.

Das alte Mädchen starrte auf das Telegramm, das zu Boden geglitten war. Die helle Nacht durchleuchtete jeden Winkel mit jenen silbernen Schlafenstunden, von denen die Präsidentin behauptete, daß sie auch den unruhvollsten Seelen den Frieden schenkten. Eine Ahnung, zu grauenvoll, um zu Ende gedacht zu werden, erschütterte die beiden Menschen.

Da löste sich der Krampf eisiger Kälte in Eva von Ostrieds Seele in einem Schrei auf. Die Hände der alten Pauline tasteten das Blatt vom Boden empor. Mühsam buchstabierte sie Wort um Wort:

Dame mit Ausweis Präsident Hanna Melchers, Grunewald und Ihrer Adresse soeben in Wartesaal 2. Klasse Herzschlag erlegen. Leiche zur hiesigen Halle überführt.

Belgard a. Persante.
Bahnhofsdirektion.

– – Es war immer noch Nacht. Das Warten auf das erste Morgengrauen wurde unerträglich. Auf dem Tisch aus heller Birke lag das Kursbuch, das Eva vergessen hatte, in die Handtasche der Präsidentin zu legen. Es war noch aufgeschlagen. Trotzdem fand sie nicht, was sie suchte.

Und man mußte doch zu ihr!

Sie saßen dicht beieinander und schwiegen. Nur einmal flüsterte die alte Pauline:

„Sie wird auch wohl dies längst bedacht haben. Der Justizrat weiß sicher mit allem Bescheid.“

Nun warteten sie darauf, daß man endlich einen Kranken, dessen Nachtruhe nicht gestört werden durfte, um Rat fragen konnte. – Sobald im Osten der erste rosige Streifen den Morgen ankündigte, telephonierte Eva von Ostried in seine Privatwohnung. Er antwortete ihr selbst. In seiner Stimme war weder Entsetzen noch Staunen, als er es gehört hatte.

„Sie haben alles zur Reise nach Belgard vorbereitet, Fräulein von Ostried? Das war überflüssig! Ich fahre selbst. Und zwar – warten Sie mal – so – ich hab’s schon – mit dem Vormittagszuge um 9 Uhr. Alles weitere später. Ich werde Ihnen von dort Nachricht geben.“

Eva wagte eine Einrede.

„Sie sind sicher noch krank, Herr Justizrat. Wird es Ihr Arzt erlauben?“

Kurz und klar tönte seine Erwiderung:

„Ich habe ihr dies versprochen, denn sie hat mit ihrem unerwarteten Tode stets gerechnet. Sie beide halten sich natürlich zu Hause, damit Sie jederzeit meine Nachricht sofort trifft.“ –

Nun galt es wiederum zu warten!

Eva saß zusammengekauert an dem Platz, von dem aus sie der Präsidentin deren Lieblingslieder gesungen hatte. Auf dem Flügel stand noch das Solveiglied von gestern.. Und durch das Entsetzen schlich sich die Ahnung, daß sie jetzt ganz frei war.

Sie schämte sich, weil sie daran zu denken vermochte. Der Weg zur Kunst lag lockend vor ihr. Ihre Seele war sehnsüchtig und weich wie nie zuvor. Die scheue Ahnung wuchs schnell zur freudigen Gewißheit – und bepflanzte ihren Weg mit köstlichen Blumen. – Sie dachte innig an die Tote und konnte doch bereits wieder das fordernde – schöne Leben fühlen.

Dagegen half keine heiß aufwallende Scham. – Die Zukunft war rosenrot. – Das stille Gesicht der Toten mußte kalt und wachsbleich sein. – Eine neue Empfindung überkam sie. Wie sie wähnte, ganz rein und frei von allem Irdischen. – Sie wurde davon vor dem Bild, das die Präsidentin als junge Frau darstellte, auf die Knie gezwungen. – Das kluge, gütige Antlitz erschien ihr wie das eines Vergebung und Verstehen auf sie herablächelnden Engels. Niemals glaubte sie die mütterliche Frau mehr geliebt und verehrt zu haben, wie in diesen Augenblicken!

Die Empfindung stärkster Dankbarkeit löste ihr auch die ersten Tränen aus. Daß sie fortan frei und unabhängig sein durfte – fern ab von der grausamen Not, die der Alltag bringen kann – das war das Werk der Toten, von dem sie erst, als bestimmt beabsichtigt, in Oeynhausen Kenntnis erhielt. – Während ihre Tränen unaufhaltsam rieselten, hörte sie Melodien, von denen kein anderes Ohr einen Laut vernehmen konnte. Und ahnte nicht, wie sehr sie – mit diesem Ausdruck der Reinheit und Entrücktheit – ihrer verstorbenen Mutter glich. Nur, daß jene allzeit ihre reiche Begabung vor fremden Augen wie ein köstliches Geheimnis verborgen gehalten, während ihre Tochter nach Anerkennung und Ruhm fieberte.

– – Die Schrecken des Todes waren überwunden. – Der goldene Traum vom Leben war zu schön. – Der ausdrückliche Wunsch der Präsidentin, neben dem Gatten, der in der Waldesruhe des Stahnsdorfer Friedhofes schlief, beigesetzt zu werden, hatte sich erfüllt. Die kleine, würdige Feier, von welcher – ebenfalls nach der Bestimmung der Verblichenen ihren Bekannten erst am folgenden Tage Kenntnis gegeben werden durfte, war vorüber. Justizrat Weißgerber, noch blaß und matt von der kaum überstandenen Erkrankung, saß vor dem Schreibtisch der Präsidentin und hatte beide Hände auf die Schriftstücke gelegt, die er – nach ihrer Bitte – zur gründlichen Durchsicht mit in sein Heim nehmen wollte.

„Nun sollen Sie auch endlich näheres über ihre letzte Stunde hören, Fräulein von Ostried,“ sagte er dabei zu Eva. „Ich mußte mich gestern kurz fassen. Die Zeit war karg bemessen. – Sie wissen, daß sie einen ungefähr einstündigen Aufenthalt in diesem kleinen pommerschen Städtchen nehmen mußte. Kellner und Wirt berichteten mir übereinstimmend davon. Zuerst hat sie eifrig geschrieben, wie sie das auf Reisen gern tat. Wir sprachen einmal über diese ihre Angewohnheit. Sie meinte, mancherlei Vergessenes und Versäumtes käme auf diese Weise bei ihr zu seinem Recht. Briefe und Karten behaupteten freilich die Beiden hinterher nicht aufgefunden zu haben. Aber, sie kann ja auch das Geschriebene noch selbst in den Kasten gesteckt haben. Entfernt soll sie sich jedenfalls auf wenige Minuten haben. Kurz darauf hat sie einen leichten Herzkrampf gehabt. Die Frau des Bahnhofswirts hat ihr beigestanden und ihr auch eins ihrer Eigenzimmer zum Ausruhn angeboten. Das lehnte sie indessen ab. Nur ein Glas starken Weines soll sie sehr hastig getrunken haben. Offensichtlich tat ihr das wohl, denn sie hat bald darauf den Hilfreichen in ihrer uns zur Genüge bekannten gütigen Art gedankt und dem Kellner ein sehr reiches Trinkgeld gegeben, obschon sie noch eine kleine halbe Stunde bleiben mußte. Wenig später hat sich der Anfall wiederholt. – Der Arzt wurde gerufen und hat nur noch ihren Tod feststellen können. Das andere wissen Sie ja.“

Eva von Ostried tat mit zuckenden Lippen eine Frage:

„Ob sie wohl noch – sehr – gelitten hat.“ – Das Staunen über das, was der Jugend unfaßbar grausam erscheint, durchfror sie von neuem.

Der Justizrat schüttelte den Kopf.

„Sie hätten den Ausdruck des Friedens sehen müssen, der auf ihrem Gesicht lag.“ – Dann fragte er und in seiner Stimme war ein Klang von Neugier:

„Warum mochten Sie übrigens nicht neben Pauline sein, als der Sarg hier noch einmal geöffnet wurde, wie sie auch dies erlaubt hatte, wenn einer von Ihnen den Wunsch danach äußerte?“

Eva von Ostried zögerte mit der Antwort.

„Ich habe meinen toten Vater gesehen –“ Es klang wie das Geständnis von schwer überwundenem Grausen.

„Ich glaube wohl, daß es kaum noch Jemand mit einem so geringen Schuldkonto, wie sie es hatte, geben kann,“ meinte er sinnend.

„Sie sind überzeugt, daß der Friede in ihren Zügen daher gekommen sei?“

„Ja – das bin ich voll und ganz!“

„Wie grausam ist auch dies. Das Leben lassen und alle Schuld – zusammengedrängt – in letzter Stunde empfinden und bereuen zu müssen,“ sagte sie schaudernd und dachte dabei wiederum an ihren Vater, dessen Qual nicht zu Ende hatte kommen können.

Er zuckte mitleidslos die Schultern.

„Einmal rächt sich eben alles! – Das ist der Trost von uns Juristen, wenn wir lediglich mit dem Beweis unserer starken Ueberzeugung belasten können. – Nun muß ich aber zu meiner Arbeit. Mein Bürovorsteher ist verzweifelt. Stöße von Akten warten auf mich.“

Sie hielt ihn nicht zurück, obgleich ihr schwere Fragen auf den Lippen brannten. An der Schwelle wandte er noch einmal den Kopf nach ihr.

„Sie hatte mich schon vor Jahresfrist gebeten, nach ihrem Tode möglichst unverzüglich den Antrag auf Eröffnung ihres Testaments zu stellen. Ich habe es also bereits veranlaßt. In ein paar Tagen hoffe ich, wird auch Ihnen Nachricht zugehen.“

„Fräulein von Ostried, ich weiß nichts näheres, als daß sie sich mit der Absicht getragen hat, Ihnen in jeder Beziehung die Wege zu ebnen. Vielleicht wollte sie es mit mir an Ihrem letzten Geburtstag durchsprechen. Vielleicht erschien es so einfach, daß sie hierfür meinen Rat nicht brauchte. – Jedenfalls – machen Sie sich keinerlei Zukunftssorgen. Nicht wahr, Sie werden dann doch sofort mit aller Kraft Ihre Studien fortsetzen?“

„Ja, Herr Justizrat, das beabsichtige ich zu tun – denn auch mir hat sie in Oeynhausen von dieser Absicht gesagt.“

„Wohin Sie sich zunächst wenden – ob Sie, einer Bestimmung gemäß, noch in diesem Haus bleiben oder ob sie andere Wünsche gehabt hat – nun, wir werden ja bald alles hören. – Jedenfalls schon heute das eine, jederzeit bin ich für Sie da. Ich weiß, wie nahe Sie ihr standen.“ Und Eva von Ostried empfand es als ein unsagbares Glück, daß sie diese edle, gütige Frau wie eine Tochter geliebt hatte. – –

Vier Tage später kam die alte Pauline mit einem geöffneten Schreiben zu Eva von Ostried. Ihr Gesicht zeigte einen hilflosen und verlegenen Ausdruck, als sie ihr den großen Bogen hinreichte.

„Bitte, lesen Sie sich das auch mal durch. Ich versteh’s nicht ordentlich. Damit muß doch eine andere als ich gemeint sein.“

Eva tat ihr den Gefallen und nickte ihr am Schluß freundlich zu.

„Es stimmt alles, Pauline. Sie sind nun reich!“

Da begann das alte Mädchen bitterlich zu weinen. Und unter Tränen stieß sie heraus:

„Mir ist so angst. – Nein, nein, Fräuleinchen – ich glaube nicht –“

„Ich will es Ihnen langsam vorlesen, Pauline. Hören Sie zu. Dann klingt es wahrscheinlicher.“

Sie stand mit andächtig gefaltenen Händen neben Eva von Ostried.

In dem vorschriftsmäßig eröffneten Testament der verstorbenen Frau Hanna Melchers, verwitwete Landgerichtspräsident, fand sich die folgende Bestimmung, von der wir Ihnen hiermit Kenntnis geben:

„Ich bestimme ferner, daß meine gute Pauline Müller, in dankbarer Anerkennung ihrer nahezu dreißigjährigen mir treu geleisteten Dienste bis zu ihrem Tode aus meinem Nachlaß monatlich die Summe von einhundert und fünfzig Mark erhält. Außerdem soll sie sich nach Ihrer Wahl die Möbelstücke für zwei Stuben aussuchen und alles dasjenige an Wäsche und Kleidern, was ihr zu besitzen wünschenswert erscheint.

Mein Testamentsvollstrecker und Freund, Justizrat Dr. Weißgerber, möge freundlichst bei dieser Wahl an einem von ihm zu bestimmenden Tage zugegen sein –“

Das alte Mädchen regte sich noch immer nicht. Sie war sehr rot und ihre Hände zitterten, trotzdem sie sie fest zusammengelegt hatte. Sie nahm langsam das Schreiben wieder an sich. Ihre Blicke suchten eine bestimmte Zeile, die ihr die wichtigste erschien. – Schwerfällig buchstabierte sie, während ihr die Tränen über die Wangen liefen:

– Meine gute Pauline Müller –

– Eva von Ostried harrte seither einer ähnlichen Mitteilung. Sie war erstaunt, daß sie nicht mit der gleichen Post ebenfalls die amtliche Benachrichtigung empfangen hatte. Als der zweite Tag ereignislos zu Ende ging, wollte sie sich an den Justizrat wenden. Aber – schon zum Ausgehen bereit – empfand sie etwas wie Scham über ihre Ungeduld. Die Präsidentin hatte das Nichterfüllen von Versprechungen allzeit hart verurteilt. – Wie durfte sie auch nur einen Augenblick Zweifel hegen? Der nächste Tag – ja, vielleicht bereits die kommende Stunde – würden auch sie beglücken.

Mit fieberhafter Ungeduld widmete sie sich dem Aufräumen der Zimmer. Obgleich es ihr selbst sinnlos erschien, säuberte sie mit einer ihr sonst fremden, peinlichen Gründlichkeit jeden Winkel und vermied dabei dem Gedanken, der ihr wie ein Wahnsinn erschien, Raum zu geben.

In der Nacht fand sie keinen Schlaf. Die Eule schrie wieder. – Der Totenvogel, wie ihn die alte Pauline genannt hatte.

Was aber konnte ihr noch Lebendiges geraubt werden?

Das eine, große, letzte Hoffen, auf welches sich ihr Leben aufbauen sollte. Es duldete sie nicht länger im Bett. Sie erhob sich und riß die Fenster auf. Noch immer war Vollmond und silbernes Leuchten.

Wenn ihr die Präsidentin jenes Hintergehen in Oeynhausen doch nicht vergeben hätte – wenn sie erst noch abwarten wollte – und wartete – bis – es – nun – zu spät geworden?

Sie sank am Fenster nieder und kühlte die heißen, zuckenden Finger am Glas der Scheiben. Das brachte sie zur Besinnung.

– Es waren Hirngespinste schlafloser Stunden – ohne Berechtigung. Ja mehr. – Eine Beleidigung für die Beste und Fürsorglichste, die niemals etwas Beschlossenes versäumt hatte. –

Sie begab sich wieder zur Ruhe und schlief nun traumlos und sanft, bis Pauline sie weckte.

„Stehen Sie schnell auf, Fräuleinchen. Herr Justizrat ist da und will mit Ihnen reden.“

Das kluge Gesicht des alten Juristen zeigte eine fremde Unsicherheit, als Eva von Ostried ihm gegenüberstand.

„Wundern Sie sich nicht über mein frühes Erscheinen,“ versuchte er sich zu entschuldigen. „Ich hätte ebenso gut bereits gestern um diese Zeit bei Ihnen sein können. Aber, es war mir zu unfaßbar. Ich konnte und wollte es nicht glauben.“

In ihr regte sich das Angstgefühl der verflossenen Nacht von neuem.

„Was ist geschehen, Herr Justizrat?“ Er zögerte mit der Antwort.

„Das Testament, wissen Sie –“ Er sah, wie sie erblaßte. Das gab ihm die Sicherheit zurück. „Ich habe vorgestern noch einmal darin Einsicht genommen. Es war mir freilich längst bekannt. Nach Besprechung mit Frau Präsident hatte ich es aufgesetzt. Ich erwartete aber einen noch nicht dem Wortlaut nach gesehenen Nachtrag – in Form eines Zettels oder meinetwegen eines Briefes. – Denn, es ruht noch nicht sehr lange beim zuständigen Amtsgericht. – Ich fand nichts. – Kurz – Sie sind darin nicht bedacht, Fräulein von Ostried.“ Eine Weile wartete er geduldig auf eine Entgegnung. Sie schwieg. Er hatte die starke Empfindung, daß er ihr darüber forthelfen müsse, ohne indes das rechte Mittel zu kennen.

„Ich habe Ihnen bereits gestern angedeutet, was ich aus ihrem Munde weiß. Eine harmlose Bemerkung allein ist das nicht gewesen. Sie bat mich damals auch, daß ich Ihnen zur Seite stehen möchte, wenn sie nicht mehr dazu imstande wäre. – Was anders kann sie gemeint haben, als daß ich Sie auch bei Anlegung des von ihr Ererbten beraten möge? – Meine Erkrankung – die Unmöglichkeit an dem Fest Ihrer Volljährigkeit zugegen zu sein. – Vielleicht ihre Reise. – Ja, das alles kann dazwischen gekommen sein. Und dennoch glaube ich auch jetzt an kein Aufschieben. – Ich sage da vielleicht etwas Sinnloses. – Ich müßte es eingesehen haben, daß irgend ein Zufall – sie an der Ausführung gehindert hat. – Gestern zog ich das noch überhaupt nicht in Betracht. Ich war sicher, daß sich unter den von mir aus ihrem Schreibtisch entnommenen Schriften eine Bestimmung zu Ihren Gunsten vorfinden mußte –“

Eva von Ostried hob den Blick. Ein entsetztes Fragen, das ihm ans Herz griff, lag darin.

„Und Sie – fanden – es endlich?“ Die Kehle war ihm wie eingerostet.

All diese Tausende und Abertausende – Heime und Stiftungen bekamen sie – gänzlich fremde, wenn auch bedürftige Menschen. Und diese hier – die sie geliebt, an der sie sich erfreut hatte – die sollte leer ausgehen?

Er riß sich zusammen. Es mußte doch geschehen.

„Nein, ich fand nichts, Fräulein von Ostried.“

Sie stand mit schlaff herabhängenden Armen vor ihm. Allmählich veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichts und wurde schreckhaft starr, als sähe sie ein Gespenst. – Es war die Zeit, der sie entgegenging. – Schwer hing sich die Freudlosigkeit an ihre Glieder und machte ihre blühende Jugend frühzeitig welk und alt. Alles Hoffen versank mit diesem Schlag. –

Da war ein schnurgerader, sandiger Weg mit ungezählten spitzen Steinen. Den mußte sie gehen, weil es nach diesem keinen andern für sie gab. – Er tat sehr weh. – Aber nur ihr Blut floß. Das Leben blieb.

Sie wimmerte auf und wußte doch nichts davon. Dem alten Mann griff es ans Herz. Das lichte Bild seiner Freundin wollte sich verdunkeln.

„Wenn ich ihr doch helfen könnte,“ dachte er grimmig.

„Ich habe trotz meiner großen Einnahmen auch nur gerade so viel, als ich für mich und meine fünf Töchter brauche,“ sagte er in einem Ton, als schäme er sich dieser Wahrheit. „Sie wissen es durch unsere Tote. – Meinen beiden verwitweten Töchtern gebe ich die gesamten Mittel zur Fortführung ihres kinderreichen Haushalts – sonst –“

Sie hörte nur dies letzte Wort, das bedauerte, keine Almosen spenden zu können. Sie mußte also wie eine Bettlerin vor ihm stehen. Sonst hätte er das nicht zu sagen gewagt. – Ihre Muskeln spannten sich langsam an. Ihre Augen wurden stahlhart. Sie fühlte alle Peitschenhiebe, mit denen der Alltag ihrer wartete, voraus und bäumte sich dagegen auf.

„Ich besitze eigenes Vermögen, das mir der frühere Vormund durch Frau Präsident aushändigen ließ,“ sagte sie hochmütig. Eine Last glitt von seiner Brust. Sie hörte ihn aufatmen und mußte lächeln, weil er ihren Stolz so willig glaubte. –

„Gottlob – dann ist es ja doch nicht so hart, wie ich gefürchtet habe.“

„Durchaus nicht. Keine Sorge um meine Zukunft, Herr Justizrat!“

„Sie werden sich aber stets an mich wenden, wenn Sie irgend einen Rat gebrauchen sollten.“

„Sehr gütig von Ihnen. Hoffen wir, daß ich in keinerlei böse Lagen gerate –“ Ihre sonst melodische Stimme klang fast schrill. Ihr Lächeln wirkte maskenhaft. Er fuhr mit dem Taschentuch über die hohe, kahle Stirn. „Ich möchte noch gleich mit der alten Pauline wegen der von ihr zu wählenden Sachen verhandeln –“

Pauline war eigensinnig. Sie mochte von all den schönen, vielfarbenen Seidenkleidern der Präsidentin nur eins. – Und gerade das unmodernste und älteste, worin sie gestorben war.

„Anziehen werd’ ich’s natürlich nie,“ meinte sie, von neuem aufweinend, „denn sie hat’s noch mehr in Ehren gehalten, wie ihre andern –“

– – Eva von Ostried kniete vor der altertümlichen Kommode und raffte ihre Habseligkeiten zusammen. Ohne Ueberlegung warf sie alles in einen großen, sehr neu aussehenden Koffer. Die fieberhafte Ungeduld, möglichst schnell aus diesem Hause fortzukommen, trieb sie zur Eile.

Sie wollte keinen Bissen Gnadenbrot weiter annehmen, keine Bettelgabe begehren. Während sie sich das stolz und trotzig vornahm, fiel ihr Blick auf das, was ihr gehörte. Eine glühende Röte überzog ihr Gesicht. Wozu spielte sie Versteck mit sich? War nicht alles, was sie besaß durch die Güte der Verstorbenen geschaffen? Hatten ihr nicht deren zarte Geschenke und das liebevolle Erspähen ihrer geheimsten Wünsche alles beschert? Was blieb ihr, wenn sie darauf freiwillig Verzicht leistete? – Das Gefühl ihrer Ohnmacht gegenüber dieser Tatsache war so stark, daß sie nicht weiter schaffen konnte. Entsagung – Kampf und Armut lauerten überall auf sie als willkommene Beute. Denn was bedeuteten die armseligen tausend Mark Muttererbe?

Sie mußte auflachen. Es klang grell und schaurig in diesem hellen, freundlichen Mädchenstübchen. – Die Tränen schossen ihr in die Augen. Das weitere Leben war wertlos geworden. – Und dennoch – es fortwerfen, weil der goldene Traum der Künstlerhoffnung verwehrt war?

Unmöglich! In den Adern pochte die Jugend. Allein die Vorstellung, sterben zu müssen, schuf schon ein wildes Wehren dagegen.

Der sandige Weg mit den spitzen Steinen würde beschritten und – zu Ende gelaufen werden! – Ohne die geliebte Kunst!

War das überhaupt auszudenken? – Täglich fremden Launen zu dienen, stündlich Nadelstiche zu erdulden, bis alles Empfinden tot war? Amtsrat Wullenweber fiel ihr ein. Wenn sie ihn bitten würde? – Es war Wahnsinn mit diesem Gedanken auch nur zu spielen. – Auch Ralf Kurtzig, der alternde Meister, konnte ihr nicht helfen. Sie wußte durch die Präsidentin, daß er wohl Reichtümer eingeheimst, aber niemals aufzuspeichern verstanden hatte. Und ihr Studium war teuer. – Die ersten Lehrkräfte waren notwendig. Die Weiterbildung auch des Gehörs durch den Besuch der besten Konzerte blieb Erfordernis. – Gute und nahrhafte Kost, anständige Kleidung mußten auch sein – – Sie hatte erlebt, wie das Geld unter den Fingern zerrann. – –

Sie wollte alles begraben! – Als sie meinte, daß mit diesem Vorsatz das Hauptsächlichste geschehen war, packten sie Verzweiflung und Jammer so heftig, daß sie aufschrie und sich über ihre Noten warf...

Und doch – wenn nur der erste Schritt getan war!

Sie wurde nachdenklich – vergaß die begonnene Arbeit, riß den Hut vom Haken und drückte ihn auf das Haar. – Wenn sie hier fort wollte, mußte ein neuer Unterschlupf gefunden werden. – Und fort wollte sie. Je früher, desto besser. – Im Laufschritt eilte sie die breite, stille Straße hinunter. – Wollte zu der Zweigniederlassung der von der Präsidentin bisher gelesenen Zeitung, um ein Gesuch nach einer Stellung aufzugeben – vergaß dann aber sofort wieder diesen Vorsatz und eilte gedankenlos weiter, den wundervollen, schattigen Plätzen entgegen, an denen die prunkvollen Häuser der glücklichen Besitzer lagen.

Die Welt war klar, satt und durstlos. An stillen Seitenstraßen schienen die jungen Buchen zu bluten, als verschenkten sie freudig ihren Lebenssaft. Unbeschreibliche Sehnsucht nach einem Menschen, der sie in dieser Stunde haltloser Verzweiflung voll verstehen könnte, überkam Eva von Ostried. Sie wußte sich Niemand!

Ihre Schönheit hatte zu allen Zeiten glühende Bewunderer gefunden. Aber sie kannte sich selbst noch zu wenig, um schon zu wissen, daß sich lediglich ihre stark entwickelte Eitelkeit durch die unverhüllten Blicke der Leidenschaft befriedigt gefühlt.

Wäre es anders gewesen, hätte sie damals unmöglich Paul Karlsens gestohlene Zärtlichkeit als eine unerhörte Beleidigung empfinden können. Ihr Herz war bisher völlig unberührt geblieben. Ihre Frauensehnsucht suchte indessen unbewußt – an den lauten Huldigungen vorbei – nach den stillen Gassen, die zu dem Tempel reiner Liebe führen.

Und dennoch sträubte sie sich heftig gegen die Zumutung, die Krone des Frauendaseins einzig in der Ehe mit einem Manne zu suchen.

Plötzlich verlangsamten sich ihre Schritte. Lauschend neigte sich der Kopf. Rächten sich die Stunden der Aufregung und gaukelten ihr Töne vor aus jener Welt, die ihr von heute an verschlossen war. Oder gehörte die jauchzende Stimme hinter ihrem Rücken der Wirklichkeit an?

Ach, daß die Seele Dein meiner Seele sich eine,

Du teures Kind, laß mich Deine Augen sehn.

In diesem weißen Kleid, mit diesem Heiligenscheine

Bist Du ein Engel aus Himmelshöhen.

Sie wollte dem wohlbekannten Liebeswerben Wilhelms entfliehen, stürzte weiter und stand doch im nächsten Augenblick durch den lockenden Ruf bezwungen, wie gebannt still.

Zwei Hände rissen die ihren, die kalt und matt gewesen, an sich.

„Kleine, süße Mignon, endlich sehen wir uns wieder.“

Paul Karlsen war an ihrer Seite und sie ließ ihn nicht ihre Verachtung spüren. – Alles lag weit hinter ihr! Wie eines wirren Traumes, den ein Kind gehabt und sich ganz falsch gedeutet hatte, gedachte sie flüchtig seines Kusses.

Er hatte ihre Hände freigegeben und schritt ruhig neben ihr dahin.

„Wohin wollen Sie, Fräulein von Ostried?“ Das klang durchaus korrekt und brachte ihr einen Strom zuversichtlicher Hoffnung.

„Wenn ich das selbst wüßte,“ entgegnete sie leise. Er betrachtete sie aufmerksam und schob sich ein wenig an sie heran.

„Fronen Sie nicht mehr bei Ihrer alten Dame, hinter deren Stuhl ich Sie oft genug – zähneknirschend – sehen mußte?“

Da sagte sie ihm von dem Tode der Präsidentin. Er hörte ihr aufmerksam zu.

„Gottlob – also der Kunst endlich zurückgegeben! – Wird das schön werden. Wir halten natürlich fortan fest zusammen.“

Sie mied seinen bittenden Blick.

„Ich gehe fort von Berlin.“

„Ah!“ machte er enttäuscht, „wohin denn? Berlin bietet doch die besten Ausbildungsmöglichkeiten. Auch kann man hier gar nicht anders, als sehr brav sein. Ich habe mirs vor allen andern Städten ausgesucht. – Ob gerade darum? Nein, das zu behaupten wage ich doch nicht. – Wissen Sie, nun ist’s entschieden. Don Karlos – Meister Heinrich und die verehrten blutigen Könige des nämlichen Namens mit aufsteigender Numerierung sind tot und feierlich begraben. – Vor Ihnen steht der künftige erste Heldentenor der Welt.“ Sie empfand brennenden Neid, schämte sich der Aufwallung und fragte hastig:

„Wie ist das möglich geworden?“

„Tja –“ machte er und schwippte leichtsinnig mit den Fingern durch die Luft, „es hat sich halt endlich eine unversiegbare Goldader auffinden lassen.“

Sie ahnte nicht, daß immer noch der Neid aus ihren wundervollen, leidenschaftlichen Augen sprang. Ihm entging es nicht. Er spielte seine Rolle ausgezeichnet – hielt sich fest im Zügel, wenn er sie auch noch bezaubernder als damals in Oeynhausen fand.

„Und Sie – wie weit sind Sie gekommen? – Ihnen fehlte nicht mehr viel zur künstlerischen Reife!“

Ihre Hand ballte sich in ohnmächtigem Zorn. Er am wenigsten durfte etwas von ihren jähzerstörten Hoffnungen ahnen. Sie schämte sich ihrer Armut.

„Ich? – Nun, es wird sich bald genug etwas für mich finden lassen. Ich kann nur noch vorläufig zu keinem festen Entschluß kommen.“

Er betrachtete sie heimlich und bemerkte einen bittern fremden Zug, der vor wenigen Monaten bestimmt noch nicht dagewesen war. Sie erschien ihm plötzlich wie ein Becher aus edlem Kristall, der alles offenbart. Auch sie spielte ihm eine Komödie vor. Aber, sie spielte sie nicht glaubhaft genug. Ihr mußte entschieden etwas geschehen sein, das sie gedemütigt hatte. Ihr Stolz, der ihn anfangs entflammte, ehe er ihn unbequem und zuletzt lächerlich gefunden, war in diesem Augenblick unecht. Aber er wollte sie ein wenig quälen.

„Sie müssen mir versprechen, daß Sie an der ersten Stelle Ihrer Tätigkeit meiner in warmer Fürsprache gedenken,“ bat er mit knabenhafter Frische und hielt ihr die Rechte hin. „Schlagen Sie ein, Fräulein von Ostried.“

Es klang respektvoll und freundschaftlich. Der Ton tat ihr wohl. Ihre Ehrlichkeit litt indes kein weiteres Versteckspiel. Ihr Herz, das sich gerade hatte beruhigen wollen, begann wieder wie rasend zu pochen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, so sehr sie auch dagegen kämpfen mochte. Das stellte er mit stürmischer Freude fest. Ganz zart bemächtigte er sich von neuem ihrer Hände:

„Sie können mir vertrauen. Wirklich – Herrgott – wer machte mal keine Dummheit – Ihre Schönheit hatte mich einfach kopflos gemacht – nein – es war doch wohl mehr die grenzenlose Bewunderung Ihres herrlichen Talents. Vergeben Sie mir, Eva. Sehen Sie in mir einen Freund und Bruder –“

Da sagte sie ihm alles!

Er bedauerte sie nicht, als sie zu Ende gekommen war, trotzdem er sie „armes Hascherl“ nannte. Es klang vielmehr aus den Worten ein schelmisches Lachen, weil er dem traurigen Zufall die Rechnung verderben wollte.

„Das ist wahrhaftig keine Kopfhängerei wert! Wozu wäre ich Ihnen denn sonst heute in den Weg gelaufen? – Sie dachten auch nur einen Augenblick ernstlich daran, der Musik zu entsagen? Ja, wissen Sie denn nicht, daß Sie damit die größeste Sünde begingen. – Und – sündigen dürfen Sie nicht! – Herrgott, Mädel, was haben Sie für Gold in der Kehle. Darauf pumpt Ihnen jeder gerissene Geschäftsmann, so viel Sie wollen.“

Sie mußte, angesteckt durch seine hinreißende Zuversicht, lächeln.

„Meine alten Gönner und Lehrer leiden an dem nämlichen Uebel, wie ich selbst,“ sagte sie bitter und dachte in erster Linie an Ralf Kurtzig.

„Und die jungen,“ fragte er und suchte ihren Blick. Sie wollte sich nicht empfindlich zeigen und konnte doch nicht hindern, daß eine glühende Röte ihr Gesicht überzog. Er betrachtete sie mit den Augen des Künstlers, der sich an jeder gelungenen Schöpfung freut. – Als sie jetzt mit der ihm nur zu wohlbekannten Bewegung der Unnahbarkeit den Kopf zurückwarf, reizte sie – wie einst – sein Mannesempfinden. Der Wunsch, ihre stolze, schlanke Gestalt an sich zu pressen – den roten, lockenden Mund mit glühenden Küssen zu bedecken, verlangte genau so ungestüm wie nach dem Zusammenspiel seine Erfüllung.

Nur, daß er sich heute überwand und nicht das Geringste tat, um den zarten Keim ihres jungen Vertrauens zu zerstören. Er sprach weiter, als habe er keine Antwort von ihr erwartet:

„Ich wollte Sie nur ein wenig quälen – Ihnen zeigen, daß Sie im Augenblick aus eigener Kraft nichts vermögen.“ Sie wurde unsicher.

„Sie widersprechen sich ja.“

„Weil ich soeben noch von den klugen Geschäftsleuten redete? Das halte ich aufrecht! – Sie warten sozusagen an allen Ecken auf Sie, mein Fräulein. Es kommt lediglich darauf an, daß Sie den richtigen festmachen. Die Wahl muß vorsichtig gehandhabt werden. Zugleich mit diesem Ehrenwerten lauern hundert Fallen, in welche Ihre Unerfahrenheit glatt hineintappt, wenn Ihnen der kühle Berater fehlt.“

Sie seufzte auf, weil sie ihm glauben mußte.

„Ich könnte mich an den juristischen Berater der verstorbenen Präsidentin wenden. Er hat mir seine Hilfe angeboten.“

„Ein Jurist und sei er noch so tüchtig, versteht nichts von all diesen Dingen. – Da gibt es Vorschläge und schließlich Abschlüsse, gegen die kein Paragraph gewachsen ist.“

„Das bestärkt mich in der Notwendigkeit, zu entsagen.“

„Sehen Sie an! So sehr verachten Sie also mich und meine Freundschaft?“

„Sie wollten mir wirklich helfen?“

„Merken Sie das endlich? Ich habe bereits einen Plan. Wir besteigen die nächste elektrische Bahn und fahren gemeinsam zu – nun – nennen wir ihn meinetwegen Herrn Freundlich! Der Mann ist bis zu einem gewissen Grade gefällig und auch beinahe ehrlich, wenn man seine Schliche so lange und genau kennt, wie ich. – Mir hat er jedenfalls vor Jahren rührend geholfen. Freilich,“ und sein Gesicht nahm einen zerknirschten Ausdruck an, „ein bißchen hänge ich – aus purer Vergeßlichkeit – immer noch bei ihm. Wirklich nur deshalb. Meine Goldader hätte ihn längst befriedigen können. – Also – wollen Sie?“

Sie zögerte noch. Die Hoffnung durchleuchtete aber schon das kurze Zaudern.

„Er kennt mich doch nicht?“

„Darum verbürge ich mich eben für Sie! Mich kennt er und weiß genau, was ich kann und noch leisten werde. – Passen Sie auf, wir schaffen es mit Leichtigkeit. Ein paar tausend Mark gewährt er unter durchaus annehmbaren Bedingungen zweifellos.“

Sie folgte ihm willenlos, als er in eine Seitenstraße einbog und zu einer Haltestelle herüberquerte.

Sie saßen Seite an Seite auf dem schadhaften Tuch der schmalen Sitzbank und schwiegen. Das Hoffen, das Eva von Ostried für alle Zeit eingesargt zu haben meinte, trieb grüne Keime. – –

Herr Freundlich bewohnte ein düsteres, etwas feuchtes Kellergelaß und war sehr unfreundlich. Ueber seiner scharfgebogenen Nase spähten zwei kleine stechende Augen in Karlsens schönes, leichtsinniges Gesicht.

„Wie werde ich Sie nicht wiederkennen, Herr Karlsen,“ unterbrach er ihn mürrisch, „Sie stehen ja noch mit achtzig Mark und fünfzig Pfennig zu Buch.“

„Sie irren, Bester, es können unmöglich mehr als dreißig Mark sein.“

„Fangen Sie nicht schon wieder an zu handeln. Ich sage Ihnen, daß es sogar neunzig sind, wie mir eben einfällt.“

„Schön. Sie sollen Recht behalten. Sonst ist es demnächst zu hundert angewachsen. Das weitere in dieser Sache später. – Heute will ich nichts für mich. Ich bringe Ihnen hier Fräulein von Ostried, die schon einmal mit noch nie dagewesenem Erfolg in Oeynhausen die Mignon gesungen hat. – Ihre Stimme birgt ganze Goldfelder.“

Die schlauen Augen glitten, den Wert ihrer Schönheit abschätzend, jetzt über Eva von Ostrieds Gestalt und Antlitz. Sie empfand diese Blicke mit körperlichem Schmerz.

„Um wieviel handelt es sich denn?“ fragte er langsam und vorsichtig.

„Fünftausend Mark würden vorläufig genügen.“

„Und die Sicherheit?“

„Gebe ich Ihnen! Zudem verpflichtet sich die Dame schriftlich zu regelmäßiger Abzahlung in Raten nach Abschluß ihres ersten Vertrages.“

Herr Freundlich lachte kurz und trocken auf.

„Eine schöne Sicherheit! Wollen Sie mich vielleicht zum Narren halten?“

Eva begann zu zittern. Die Scham, daß sie Paul Karlsens Vorschlag angenommen, wurde so stark, daß sie zur Tür strebte, um ohne Gruß zu scheiden. – Da streckte sich die dürre Hand des Geldverleihers nach ihr aus.

„Nicht so hitzig, Fräulein. Sie gefallen mir sonst. – Und ich könnte Ihnen schon helfen!“

Eva von Ostried sah in diesem Augenblick hilfesuchend nach Paul Karlsen hinüber. Sie wurde unsicher.

„Wir müssen uns aber vorher erst auf gut Deutsch mit einander verständigen,“ fuhr er fort. „Es soll natürlich die Oper sein. Kennen wir doch. – Was anderes wird’s auch tun. Kurz gesagt: Ich wüßte was Passendes für Sie. Auf die Stimme kommt’s dabei nicht besonders an. Aber Kleider und Firlefanz müssen sein. Was sonst verlangt wird, ist bei Ihnen vorhanden. – Sie gehen zum Varieté, Fräulein!“

Eva von Ostried riß nun doch die niedere Tür auf und flüchtete die ausgetretenen unsauberen Stufen empor auf die Straße.

Ohne sich nach Paul Karlsen umzusehen, lief sie weiter.

„Sie dürfen mir nicht zürnen, ich habe es gut gemeint,“ bettelte seine Stimme demütig. Sie sah starr geradeaus, damit er die Tränen ihrer Scham und Verzweiflung nicht merken sollte.

„Jetzt werden Sie kein Vertrauen mehr zu mir fassen können,“ klagte er. „Und ich wollte dies doch lediglich versuchen, damit Ihnen – das andere – nicht etwa schwer fallen sollte.“ Nun wandte sie ihm doch ihr Gesicht zu.

„Welches andere? Glauben Sie hiernach wirklich noch, daß ich einem zweiten Versuch zustimmte?“

„Ich glaube nichts. Aber ich weiß. Es ist kein Versuch mehr. – Sie brauchen lediglich „Ja“ zu sagen. Dann ist alles in Ordnung.“

„Ich wollte, ich wäre Ihnen nicht begegnet,“ sagte sie hart.

„Morgen werden Sie anders denken.“

„Morgen werde ich vielleicht schon Berlin verlassen haben.“

„Nein,“ sagte er und seine Lippen wurden schmal vor Erregung, „morgen werden wir beide – gleich ausgelassenen Kindern – der Zukunft entgegenlachen. Wetten?“ Sie tat, als habe sie dies Letzte nicht gehört.

„Ich muß meine Sachen fertig packen. Leben Sie wohl.“

Er hielt Ihre Hand fest.

„Fräulein von Ostried – ich bin Ihre Zukunft! Fühlen Sie das nicht? – Es ist nicht Großsprecherei. Es ist einfache, ungeschminkte Wahrheit. – Sie werden pünktlich heute Abend um neun Uhr vor dem Gartentor der Villa sein, die sich Karlsbaderstraße 14 befindet.“

„Ich werde nicht kommen. Verlassen Sie sich darauf.“

„Streiten wir nicht. Ich erwarte Sie. Also keine Angst. Dort wird sich jemand finden, der Ihnen ohne Schuldschein und sonstige Versprechungen alle Mittel gewährt, die Sie nötig haben. – Es ist kein Scherz dabei. Sehen Sie mich an.“

Sie schüttelte den Kopf ohne den Blick zu heben.

„Lassen Sie mich. Ich will nicht mehr.“

„Ich mag leichtsinnig und verschwenderisch – faul und meinetwegen sogar nicht immer zuverlässig sein. Ein der Kollegenschaft gegebenes Versprechen habe ich noch nie gebrochen. – Hören Sie. Mein Ehrenwort, daß Sie nicht umsonst kommen werden. Daß Sie das bezeichnete Haus als Eine verlassen, die für alle Zeit zu ihrer Kunst zurückgekehrt ist.“

Sie antwortete ihm nicht. Sie riß nur ihre Hand gewaltsam aus der seinen und setzte ihren Weg allein fort.

Er machte keinen Versuch ihr zu folgen.

Aber solange die klare Ferne ein Schatten ihres schwarzen Kleides zeigte, sah er ihr mit einem Lächeln des Triumphes nach.