5.

Paul Karlsen ging mit gemächlichen Schritten über den rostfarbenen Kies. Zu beiden Seiten des schmalen Weges blühte der Vorgarten. Ueber dem weinumzogenen Haus lag die Mittagssonne. Augenscheinlich hatte er es nicht eilig. Auch die wenigen bequemen Marmorstufen der Treppe nahm er fast zögernd. In dem Vorraum, der zur eigentlichen Diele führte, erwartete ihn die steife Gestalt eines alten Dieners, der etwas eigentümlich Lebloses hatte. Paul Karlsens Augen waren noch von der Fülle der Sonne geblendet. Er erschrack, als sich eine Hand nach seinem Hut ausstreckte, trotzdem er dies Bild nun doch nachgerade kennen mußte.

„Na – bin ich heute pünktlich, alter Hagen,“ fragte er lässig.

Das Gesicht veränderte sich nicht. Nur die leise Stimme klang vorwurfsvoll.

„Die gnädige Frau wartet seit einer Stunde mit dem Essen!“

Er lachte kurz auf, warf den Kopf in den Nacken und murmelte etwas.

„Verdammter Zwang,“ hieß es. –

In dem großen, sehr kühlen Eßzimmer harrten auf köstlichem Leinen zwei Gedecke. – Dieser Raum wirkte pomphaft und erdrückend. Die Bespannung der Wände mit schwarzem Rupfen allzu feierlich. Die wuchtigen Möbel spreizten sich in ihrer Kostbarkeit. Die Sonne, welche durch stilvoll bemalte Scheiben ohnehin ihren Weg niemals finden konnte, war vollends von schweren Vorhängen abgesperrt. Nur die Tafel mit dem blendend weißen Leinen trug eine Fülle blutroter Rosen und dunkelblauem Kristall.

Plötzlich löste sich aus der halbdunklen Schwermut die überschlanke Gestalt einer weißgekleideten Frau und schritt auf Paul Karlsen zu. Das längliche Gesicht war auffallend bleich. Die Nase trat scharf hervor, als habe ein kürzlich überstandenes Krankenlager den Wangen die natürliche Rundung genommen.

Karlsen führte ihre Hand an die Lippen und ließ den Wortlaut seiner Stimme in gut gespielter Ueberraschung klingen:

„Du hast ja diese Leichenkammer heute so herrlich geschmückt, kleine Frau. Wer soll denn beigesetzt werden? Und ein neues Gewand hast du ebenfalls angelegt.“

Ihr stiegen die Tränen auf. Nicht weil er sie warten ließ. O nein – daran hatte sie sich längst gewöhnt. Aber – daß er nicht – daran dachte.

„Das Kleid,“ sagte sie hastig, um nicht laut aufweinen zu müssen, „kennst du es wirklich nicht, Paul?“

Er zog sie nach einem der hohen Fenster herüber und zerrte den Vorhang zurück. In dieser Bewegung lag ein Aufbäumen auch gegen vieles andere.

„Nee, mein Kind. Keine Ahnung habe ich.“

„Ich trug es an dem Tage unserer heimlichen Verlobung in Oeynhausen.“

Er lachte verlegen auf.

„Richtig! – Natürlich! – Jetzt sehe ich es. Das sind aber doch höchstens vier Monate her und noch längst kein Jahr. Wo ist also der geschätzte Anlaß zu einer besonderen Feier?“

„Heute sind wir einen Monat Mann und Frau,“ sagte sie leise und konnte nun doch nicht hindern, daß ein runder Tropfen auf das kostbare Gewand fiel. – Er zog ungeduldig die Stirn empor.

„Schön – also einen Monat! Was ist das im Vergleich zu all den Jahren, die hoffentlich noch vor uns liegen. – Also, ich habe dieses hohe Fest verschwitzt. Nimm’s nicht übel. Mir brummt der Kopf. Es gibt doch mehr Arbeit und Schwierigkeiten zu überwinden, als ich anfänglich annahm.“

„Ich störe dich doch nicht etwa bei deinen Studien, Paulchen?“

Er hatte seinen Rufnamen überhaupt niemals gemocht. Dies „Paulchen“, das er ihr nicht abgewöhnen konnte, reizte ihn zuweilen bis zur Tollheit. Jetzt überhörte er es, weil er etwas erreichen wollte.

„Du im Besonderen bist das bescheidenste und leiseste Wesen, das es geben kann. Im allgemeinen freilich wäre ich gerade jetzt für eine kurze Zeit nicht eben ungern solo.“ Sie sah entsetzt zu ihm auf.

„Soll das heißen!“ Sie konnte nicht vollenden. Ihre Stimme erstickte in Tränen. Er schüttelte sich, als fröre er.

„Tu mir den einzigen Gefallen und höre mit dem Weinen auf, Elfriede. Ich komme mir ja andauernd wie ein Barbar vor. Nein, nicht du sollst für wenige Tage deine zur Zeit kränkelnde Mutter, eine Straße weiter, besuchen und sie dadurch halb unsinnig vor Freude machen – welchen Wunsch sie mir schon vor einer Woche, allerdings mit der Bitte, ihn dir vorläufig zu verheimlichen, verraten hat – sondern ich werde zu meinem Lehrer unter den blendenden Dachgarten ziehen. Denn, weißt du, kleine Frau, ich muß üben und immer nur üben – kann mich nicht mehr an eine feste Tischzeit binden – vertrage überhaupt zu solchen Zeiten vorübergehend keine andere Gesellschaft als eine männliche.“

Sie legte die Hand auf seinen Arm.

„Paulchen, schenk mirs zum heutigen Tag, daß ich in mein altes Mädchenstübchen zur Mutter darf. Du mußt deine Bequemlichkeit gerade jetzt haben.“

„Das würde eine schöne Geschichte geben, mein liebes Kind! Deine Mutter würde plötzlich vergessen, wie sehr sie sich nach dir gesehnt und felsenfest glauben, ich behandele dich schlecht und lieblos. Denn sieh mal, immerhin bleibt es etwas wunderbar, wenn eine junge, liebliche Frau nach einmonatlicher Ehe ihren Ehemann – wenn auch nur vorübergehend – verläßt.“ Der letzte Satz gab ihr eine ungeheure Kraft.

„Glaubst du wirklich, Paulchen, daß ich der Mutter meinen Besuch in diesem Lichte hinstellen würde?“

„Na, na, Kleines – wer kennt sich mit euch Frauen aus? In gewissem Sinne ähnelt ihr euch alle verteufelt.“

Sie widersprach mit jähaufflackerndem Rot.

„Hast du schon vergessen, was ich dir in der grünen Einsamkeit des Siels am Karpfenteich gelobt habe?“ Natürlich hatte er nicht die geringste Ahnung. Aber er hütete sich es einzugestehen.

„Frauengelöbnisse sind unberechenbar, wie eure Eifersucht, Schatz.“

„Hältst du mich für eifersüchtig?“

„Es käme auf die Probe an. Glatt verneinen möchte ich das nicht!“

„Ich würde sie bestehen. Verlaß dich drauf.“

„Lieber nicht. Deine Mutter wohnt ein bißchen zu nahe, Kleines.“

„Wie tief mußt du mich einschätzen, Paul!“

„Bewahre. Riesig hoch sogar. Hätte ich dich denn sonst geehelicht?“

Sie legte mit einer rührenden Gebärde der Demut ihr Gesicht auf seine schlanke Hand.

„Sage so etwas niemals wieder, Paulchen. Wir wollen uns doch fest, ganz fest vertrauen.“ Ihm wollte ein Lachen aufsteigen. Es wurde aber zuletzt ein Hüsteln daraus.

„Wollen wir auch. Natürlich. Aber jetzt komm gefälligst. Ich verspüre einen Bärenhunger.“ Erschrocken drängte sie ihn zur Tafel hinüber.

„Verzeih – ich vergesse das so oft neben dir!“

Er musterte ihre magere, noch kindlich unentwickelte Gestalt und seufzte leicht auf.

„Leider, mein guter Schatz! Eß und trink, lieb und sing. Ja – so stand es an einem alten Bauernhaus in Sachsen. Und recht hat der Spruch! – Wie ich sehe, hast du zur Feier des hohen Tages auch herrlich für Stoff gesorgt. Hoffentlich ist er gut.“

Sie ließ es sich nicht nehmen, ihm aus der schweren Kristallkaraffe die funkelnde Schale zu füllen.

„Probiere ihn, Paulchen.“ Er hob das kostbare Glas und ließ es hell an das ihre klingen.

„Herrlich! – Ueberhaupt – das muß ich immer wieder anerkennen, du bist eine ganz prachtvolle, kleine Hausfrau.“

Strahlend sah sie zu ihm auf.

„Darum habe ich auch einen Wunsch frei, ja?“

Der Diener trug die Suppe auf. Die Unterhaltung verstummte. Sobald er unhörbar entschwunden war, sagte Paul Karlsen spöttisch:

„Er liebt mich nicht, Elfchen. Weißt du das eigentlich?“

„Er liebt jeden, der mir gut ist,“ sagte sie ruhig, fast streng.

„So? Na, weißt du, das bezweifle ich stark. Oder willst du etwa andeuten, daß ich –“

Sie ließ ihn nicht zu Ende kommen. Sanft legte sie ihre Hand auf seinen Mund.

„Ich bin dir unaussprechlich dankbar dafür. Trotzdem wünsche ich mir noch eine Kleinigkeit.“

„Was denn, Kleines?“

„Den Besuch bei meiner Mutter.“

„Ausgeschlossen! Die Gründe für meine Härte habe ich dir genannt.“

„Sie sind sämtlich hinfällig. Ich fange es eben so geschickt an, daß Mama zum Schluß sich heimlich bei dir bedanken wird.“

„Wie wolltest du das anstellen?“

„Sehr einfach. Heute nachmittag zur üblichen Whistpartie, wäre ich doch herübergegangen. Da werde ich also ausnehmend blaß aussehen müssen. – Lache nicht – ein wenig Weiß genügt schon. Sie wird mich wieder zur Schonung quälen, in ihrer Ueberängstlichkeit meinen längeren Besuch verlangen, damit sie sich selbst von meinem Gesundheitszustand überzeugen kann und zwar dies alles in deiner Gegenwart.“

„Um Gottes willen, ich soll dich doch nicht etwa begleiten. Das hast du bisher doch klug zu vermeiden gewußt.“

„Bringe mir dies Opfer, Liebster.“

„Also gut! Ich will sogar gern mitkommen. Das heißt höchstens für ein bis zwei Stunden.“

„Solange wird es gar nicht nötig sein,“ meinte sie froh. „Aber nun höre weiter. Du sperrst dich gegen das von ihr Geforderte und verweigerst schließlich in aller Form deine Erlaubnis. – Dann wird sie hitzig werden und unter allen Umständen darauf bestehen. – Ich kenne sie doch.“

„Du bist ja eine ganz gefährliche, kleine Heuchlerin, Schatz.“

Er zog sie leicht in die Arme. In tiefem Glücksgefühl schloß sie die Augen, die das einzig Schöne in ihrem Gesicht waren.

„Ist das nicht ein feiner Plan, Paulchen?“

„Ausgezeichnet sogar, wenn mir inzwischen die Sache nicht wieder leid geworden wäre. Du hast als Ernst aufgefaßt, was bei mir nur eine Art Gefühlsausbruch war.“

„Daß du es, wenn auch nur einen Augenblick gewünscht hast, zeigt mir die Notwendigkeit und nachher – wird es um so schöner sein.“

„Gelt, das hätten wir vor einem Vierteljahr auch noch nicht gedacht?“

„Was denn,“ schnurrte er mit erwachender Behaglichkeit.

„Daß wir so schnell unser Glück erzwingen würden.“

Er nickte mit vollem Mund, denn inzwischen war der Braten gekommen, der, zart und saftig, selbst den größten Feinschmecker befriedigt hätte.

„Wärst du nicht plötzlich nach der schroffen Ablehnung meines Werbens durch die Frau Kommerzienrat, wollte natürlich sagen, deiner lieben Mama, kränker geworden und dadurch jegliche Wirkung der Kur auf dein rebellisches Herzlein in Frage gestellt – wer weiß, wer dann heute an meiner Stelle neben dir säße –“

„Wie wenig du mich im Grunde doch kennst, Paulchen. Fühlst du nicht, daß ich niemals einem andern als dir gehört hätte?“

Er nickte ihr zu.

„Kleines Treues – du!“ Dann begann er zu scherzen und von jener Zeit zu plaudern, weil er genau wußte, daß ihr dies die liebste Unterhaltung war. Seine feurigen Augen strahlten tief in die ihren. Das schmeichlerische weiche Organ machte auch das unbedeutendste Wort zu einer Zärtlichkeit. Seine Laune war plötzlich glänzend.

Ueber den blutroten Rosen und dem blauen Kristall schien die Krone des Glückes, die allein die Liebe gibt, in warmen Glanz zu schweben! – –

„Ja,“ sagte einige Stunden später Frau Kommerzienrat Eßling zu ihrer alten Freundin und Vertrauten, die – wie seit Jahren – als Erste zur Whistpartie gekommen war, „in der Nähe hätte ich sie nun ja. Aber, was will das sagen. So viel man auch aufpaßt – allwissend ist doch Niemand. Wer sagt mir, ob Elfriede unter seiner Anleitung nicht ebenfalls Komödie zu spielen gelernt hat?“

Frau Generalkonsul Enck war keine mißtrauische Natur. Aber dieser überstürzt geschlossenen Verbindung zwischen dem überzarten, beständig kränkelnden Mädchen und diesem bildhübschen Leichtfuß, dem Karlsen, brachte sie doch ihre schärfste Mißbilligung entgegen. Hätte man sie, wie das sonst bei jeder wichtigen Entscheidung der Fall gewesen, nur um Rat gefragt. Man hatte jedoch, einfach über ihren Kopf fort, in aller Stille dem durchaus nicht von ihr ernstgenommenen Verlöbnis, die eheliche Verbindung auf dem Fuße folgen lassen.

Nun kamen natürlich Reue und Gewissensbisse über die besorgte, selbst leidende Mutter. Anderseits kannte sie die bewundernswerte Energie der Kommerzienrätin zu genau, um dieses Bündnis von vornherein als dauerndes anzusehen.

„Sie hätten es sich gründlicher überlegen sollen,“ konnte sie sich nicht versagen, zu erwidern. Die andere sah starr auf das feine Porzellan der kostbaren Teeschalen herab.

„Sie haben niemals Kinder besessen. Da können Sie so etwas wohl sagen. Stehen Sie nur an zwei Krankenbetten, in denen scheinbar bisher kerngesunde, bildhübsche, lebenslustige Mädchen – – Auch die andern Aerzte haben zuerst keine Ahnung davon gehabt. Denn daß mein Mann an den Folgen einer hartnäckigen Lungenentzündung in jungen Jahren starb, gab noch allein keinen Grund zur Beängstigung für seine Kinder ab. Erleben Sie mal erst, was ich ertragen habe. – Wie habe ich damals gegen das furchtbare Gespenst gerungen. Hart bin ich gewesen – so hart.“

In ihrem energischen Gesicht, aus dem die scharfe Nase, wie sie auch ihre jetzt noch einzige Tochter hatte, auffallend hervorsprang, zuckte es.

„Regen Sie sich nicht mit den alten Geschichten auf, Frau Eßling.“

„Die Aussprache mit Ihnen tut mir wohl. Zu wem sollte ich wohl davon reden, wenn nicht zu Ihnen, vor der ich kein Geheimnis habe. – Seitdem ich meinen alten Franz, den Diener, meiner Elfriede gegeben habe, weiß niemand im Haus um diese Sachen.“

„Malen Sie sich nicht zu schwarz, Beste,“ verteidigte die Konsulin. „Sie mögen damals streng gewesen sein. Wer wäre es in der gleichen Lage nicht gewesen. An eine Härte glaube ich nicht.“

„Sie sollen selbst urteilen. In St. Blasien war’s, wohin ich nach den erfolglosen Kuren in Hohenhonnef und Davos aus eigenem Entschluß noch mal mit den beiden ältesten Töchtern ging. Denn Sie wissen, ich konnte und wollte nicht daran glauben, daß alles vergeblich sein sollte. In der Liegehalle war ein vergnügliches Leben unter dem jungen Volke, und keines war da, das an ein frühzeitiges Sterben gedacht hätte. Als Gesunder läßt man die sonst im Verkehr der verschiedenen Geschlechter streng beobachteten Richtlinien außer Acht, weil die armen totgeweihten Geschöpfe doch keine Vollmenschen mehr sind. Nicht wahr, wenn unsereins so ein schmalschultriges Kerlchen mit fieberroten Flecken auf den herausstehenden Backenknochen sieht, dann fragt man nicht erst lange danach, was er sonst ist, hat und will, selbst wenn er augenscheinliches Wohlgefallen an dem eigenen Fleisch und Blut zeigt. Im Gegenteil, man freut sich noch gar darüber, und kommt sich wer weiß wie großmütig und gar edel vor, weil man die leibliche Mutter von seinem Glückserreger ist. Darum bin ich auch nicht einen Augenblick besorgt gewesen, als der junge Bildhauer meiner kranken Aeltesten über alle Gebühr hinaus den Hof machte. Erst, als der ihn behandelnde Arzt, dem ich mein Bedauern über diesen hoffnungslosen Fall aussprach, mir rund heraus und lachend erklärte, er wäre froh, wenn jeder seiner Kranken so gesund wäre, wie dieser Künstler, der sicher im nächsten Jahr wieder völlig obenauf sein würde, wurde ich nachdenklich, vorsichtig und streng. – Mein Mädel nahm ich ins Gebet. Den Bildhauer behandelte ich so schlecht, wie es nur irgend ging. – Es war für alles zu spät. – Eines Tages erklärte mir meine Tochter, daß sie sich mit dem Jüngling von Habenichts verlobt habe. Sie hat vor mir auf den Knien gelegen und mich um meine Einwilligung angefleht. Ich blieb hart. Daß der offensichtlich seinem Aussehen nach Totgeweihte lediglich an den Folgen einer schweren Rippenfellentzündung schonungsbedürftig sei, hatte meine Hoffnung bezüglich der eigenen Kinder wunderbar gekräftigt. – Einen Tag nach dem vergeblichen Flehen meiner Aeltesten reisten wir, die noch nicht zur Hälfte vollendete Kur abbrechend, nach Hause. Briefe kamen, wurden von mir abgefangen und prompt vernichtet. Jede Nacht hörte ich das bitterliche Schluchzen meiner Aeltesten – merkte, wie sie bleicher und hinfälliger wurde und glaubte plötzlich doch nicht mehr an den Ernst des Verhängnisses. Es war so nahe. Meine kleine Elfriede, die wenigst anmutigste der Drei, hatte ich indessen aufs Land in Pension gegeben, weil der Arzt von der Möglichkeit einer Ansteckung, selbst bei größester Vorsicht, gesprochen. Nun konnte ich ganz der Pflege und Sorge für die beiden andern leben. – Einmal hat der Bildhauer gewagt, bis in mein Haus vorzudringen. Ich habe ihn auch empfangen. – Seitdem hat er keine Zeile mehr geschrieben. Denn ich war deutlich gewesen. – Vier Wochen nachher hat meine Tochter, unterstützt von ihrer Schwester, noch einen letzten Sturm auf mein Mutterherz gemacht. Weiß Gott, es hat sich in dieser Stunde nicht geregt. Ich habe es als Laune und Eigensinn empfunden, was doch mehr gewesen ist.“

Die Andere legte begütigend die Hand auf die zuckende Schulter der Kommerzienrätin.

„Wir wissen alle, was Sie die langen Jahre für eine aufopfernde, prachtvolle Mutter gewesen sind.“

„So prachtvoll, daß ich mich hinterher noch meines gefestigten Charakters gefreut und ein paar Tage ernsthaft mit dem armen Kind geschmollt habe. Auch meine Zweite hat begonnen für sie und den Bildhauer unentwegt zu betteln. – Als sie einsah, daß ich nicht nachgab, verstummte sie zwar, aber es war seltsam, auch mit ihr wurde es seitdem schlechter. Sie schienen sich beide in das Unabänderliche meines Willens gefügt zu haben, bis zu jenem schrecklichen Augenblick, an dem mich die Pflegerin in der Nacht rief. Da hat meine Aelteste, die stets ein sanftes, scheues Ding war, mir gesagt, wie unerträglich ihr Dasein ohne den Geliebten gewesen und wie wenig sie sich freue, daß es nun endlich aufhören dürfe. – Als die Sonne aufging, war sie tot. Und ich habe Tag und Nacht, von Reue zerrissen, um Vergebung gefleht und mir gelobt, wenigstens an den andern beiden gutzumachen, wenn es mir vergönnt wäre. – Meine Zweite hat keine Kraft mehr zu einer Liebe gehabt. Sie ist ein Jahr später, wie Sie wissen, auch eingeschlafen. Da hatte ich nur das Elfchen, die Jüngste. Das Landleben hat ihr auch nicht die richtige Lebenskraft vermitteln können. Sie blieb weiter zart und schonungsbedürftig. Was es ist? Ich weiß es nicht! Ein bißchen Müdigkeit, das die Aerzte als Bleichsucht ansprechen. Ein bißchen Blässe. So fängt es ja gewöhnlich an. – Und ich wollte und will sie behalten. – Ich war nicht mehr blind und taub. Als ich die Blicke sah, mit denen der Schauspieler Karlsen, den ich übrigens schon vor einigen Jahren im Hause einer Bekannten, die ihn sich zu Gesangsvorträgen herüberkommen ließ, kennen gelernt, meine Elfriede anstarrte, wußte ich sofort, daß ein Kampf von neuem beginnen müsse. Und wußte – auch sein Ende! Denn ich war nicht mehr stark und gesund genug, um noch einmal jene Zeiten von damals durchzumachen. Sein spielerisches Werben ging mir wider alles Empfinden. Er war ein viel minderwertiger Mensch als einst der Bildhauer. Sowas fühlt man als reife Frau sehr schnell. Eins kam noch hinzu. Wer, wie ich, aus einem reichen Kaufmannshause stammt, in dem alles ordentlich gebucht und verrechnet wird, kann sich niemals mit den Gepflogenheiten der Künstlerschaft befreunden. Denn ein Künstler ist der Karlsen. Das steht auch bei mir fest. Daneben ist er aber noch etwas anderes –“

„Wie im Grunde genommen die meisten Männer, liebe Eßling.“

„Das weiß ich doch nicht. Sind sie es aber wirklich, so setzt man es wenigstens nicht als selbstverständlich bei ihnen voraus. In ähnlichen Fällen pflegen sie sich mit dem Mantel einer weisen Vorsicht zu panzern, der den Schein wahrt. Das fällt bei meinem Schwiegersohn gänzlich fort. Er steht einfach da und erwartet die Huldigungen der Frauen als den natürlichsten Tribut. Bleiben sie aus – je nun – so ist das eben bei ihm wie bei jedem andern Künstler, noch dazu bedauernswert. Dann hat er eben nicht eingeschlagen. Findet – hat er überhaupt schon vorher eins ergattert – kein neues oder doch nur ein sehr zweifelhaftes Unterkommen, steigt weiter herunter, sinkt schließlich bis zur Schmiere herab.“

„Nun, das ist bei Karlsen wohl niemals zu befürchten.“

„Nein. Er weiß sich in Szene zu setzen und auch zu halten, was noch wichtiger ist. Schlau, durchtrieben, bildhübsch, liebenswürdig, flott. – Sehen Sie, ich habe mir die Klarheit meines Urteils durchaus nicht trüben lassen. Jawohl, das ist er! Daneben aber auch unzuverlässig und treulos.“

„Haben Sie dafür schon Beweise?“

„Brauche ich nicht! Es ginge wider die Weltgeschichte, wäre es anders. Meine Elfriede ist keine Frau, die solchen Mann dauernd fesseln kann. Glauben Sie mir, der braucht einen Satan von Weib, das ihn in Atem hält – ihn quält und peinigt und ihm höchstens Sonntags die Fingerspitzen zum Kuß überläßt. Er hat sie auch nicht einen Augenblick wirklich geliebt, während jener Bildhauer meiner Aeltesten rechtschaffen gut gewesen ist. Das alles sehe ich erst jetzt ein. Das bewußte Messer saß ihm hart an der Kehle und sein Ehrgeiz – denn den hat er in hervorragendem Maße – sann auf Mittel und Wege, wie er seine Stimme weiter ausbilden und sich die Welt erorbern konnte.“

„Sie werden doch aber Ihrer Elfriede nichts von all diesen Sachen andeuten, Frau Eßling.“

„Wozu? Die Mühe kann ich mir sparen. Sie ist dermaßen in ihn verliebt und vertraut ihm so blindlings, daß sie zur Zeit ohne Ueberlegung die eigene Mutter aufgäbe, um ihn zu behalten und ihm weiter zu dienen.“

„Jedenfalls fühlt sie sich wohl dabei. Sie war stets durchsichtig wie Glas – unfähig der Lüge. Das wissen Sie am besten. Die Ehe bekommt ihr auch gut. Wie ich sie das letzte Mal sah, hatte sie einen Schein von Jugend und Frische, den ich bisher an ihr vermißte. Ja, sie lachte sogar herzhaft.“

„Wenn ich das nur genau wüßte,“ machte die Kommerzienrätin gequält. „Ich deutete es Ihnen bereits an. Auch das Komödienspiel läßt sich bei so einem harmlosen, aufrichtigen Charakter wie dem ihren gar wohl erlernen. Und sehen Sie – da bin ich endlich bei meinem Plan angekommen. So nahe sie mir wohnt – so mühelos ich jederzeit herüber kann, so treu und gewissenhaft der alte Franz auch aufpaßt und mir unweigerlich sofort Verdächtiges zutragen würde, ebenso fremd ist sie mir doch in dieser kurzen Zeit geworden. Der Mann mit seiner absoluten Gewalt über sie steht zwischen uns. Jede ihrer Handlungen wird von ihm beeinflußt. Ich weiß niemals, was aus ihrer eigenen Seele kommt. Darum muß ich sie eine kurze Zeit bei mir – hier in diesem Hause – in ihrem kleinen Mädchenstübchen, das immer ihr Entzücken gewesen ist, haben, muß sie scharf beobachten und sie seinem Einfluß, wenn auch nur vorübergehend, entreißen, damit ich völlig klarsehe.“

„Wie wollen Sie das anfangen? Er wird sich bald dagegen auflehnen.“

„Meinen Sie? Die Klugheit würde es ihm freilich anraten. Aber – ja, wenn er sie wirklich liebte. So aber wird er es als angenehm empfinden, wieder mal allein und noch dazu in der ungewohnten Pracht zu leben.

Ich weiß, Sie waren nicht mit der prunkvollen Ausstattung des Heims für die jungen Leute einverstanden. Sollte ich aber mein Kind entbehren lassen? Da entschloß ich mich eher dazu, ihn unnötig zu verwöhnen.“

„Sie haben entschieden zu viel Zeit zum Grübeln, liebe Eßling. Ziehen Sie sich nicht länger von allen Menschen zurück. Kommen Sie auch wieder öfter zu mir. Sie wissen, in meinem Hause verkehrt viel Jugend. Da geht es fröhlich zu. Und bringen Sie auch Elfriede öfter mit. Es wird ihr gut tun.“

„Sie können es ihr ja heute gleich vorschlagen. Ich fürchte nur, es bleibt wirkungslos, wie alles, was ich bereits zu ihrer Zerstreuung versucht habe. Dabei ist sie, wie mir Franz zuverlässig berichtet, sehr oft den ganzen Tag allein. Der Hausherr kommt lediglich zu den Hauptmahlzeiten und dann nicht etwa pünktlich. Nun, der Zustand anhaltender Einsamkeit wird bestimmt abgestellt werden. Um keinen Preis darf sie mir versauern. Ich werde eine möglichst gleichaltrige Gesellschafterin aus vornehmer Familie für sie nehmen. Die Aerzte haben mir wiederholt von der Notwendigkeit, sie froh zu erhalten, gesprochen.“

„Sie sind zwar eine ebenso kluge wie tatkräftige Frau, meine Liebe. Indes keine Zauberin. Ich muß Ihnen sagen, daß ich weder an Elfriedes längeren Besuch noch an das Dulden der neuen Hausgenossin glaube.“

„Vorläufig bin ich in beiden Fällen zuversichtlich. Das Gesuch nach einer Gesellschafterin ist heute bereits in den gelesensten Tageszeitungen erschienen. Da der künftige Herr Kammersänger keine Zeit hat, auch noch den Inseraten seiner Zeit einen Blick zu gönnen und meine Tochter daheim niemals auf diesen Gedanken kam, bin ich sicher, daß sie bisher nicht das Geringste von meinem Plan ahnen. Verkehr in Elfriedes altem Kreis haben sie nicht. Diese Menschen gehen nämlich meinem Herrn Schwiegersohn, wie ich aus Elfchens gelegentlichen schüchternen Bemerkungen entnehme, auf die Nerven. Also, wer sollte ihnen meine Fürsorglichkeit verraten haben?“

„Ist es nicht gefährlich bei der mir geschilderten Veranlagung Ihres Schwiegersohnes ihm so ganz mühelos ein weibliches Wesen ins Haus und an den Familientisch zu bringen?“

„Was wollen Sie? Sucht er, wird er stets finden. Was allzu bequem gemacht wird, reizt gewöhnlich am wenigstens. Zudem – müssen sich alle Bewerberinnen bei mir melden. Ich werde sie mir sehr genau betrachten – ihre Verhältnisse und, wenn irgend möglich, auch ihre Veranlagung untersuchen und dann hoffentlich eine gute Wahl treffen.“

„Wenn sie Ihnen nun aber, mit vereinten Kräften, nicht gestatten, die gütige Vorsehung zu spielen?“

„Daß meine Elfriede sich zuerst dagegen auflehnt, weiß ich sogar bestimmt. Sie ist rührend bescheiden und macht für ihre Person keinerlei Ansprüche. Es wird ihr gräßlich sein, zu der ihr bereits aufgedrungenen Jungfer noch eine zweite Umsorgerin zu benötigen. Was will das aber sagen? Ihr schwacher Einspruch wird unstreitig an der feurigen Zustimmung ihres Mannes sterben, wenn er es nicht bereits unter der klugen Anwendung meiner Mittelchen getan hat. – Ihm wird diese Lösung außerordentlich genehm sein. Dann braucht er nicht mal mehr den guten Willen zum halbwegs pünktlichen Erscheinen bei Tisch aufzubringen, denn daß er ihn auch nur einmal in die Tat umgesetzt hat, glaube ich bei seinem Egoismus keinesfalls.“

„Ich bewundere Ihre Klugheit aufrichtig, Frau Eßling.“

„Es ist nur die folgerichtige Einsicht von notwendig gewordenen Uebeln, deren schädliche Wirkungen ich mich bemühe, so gut es gehen will, von meinem Kinde abzuwenden. – Hören Sie! Ist das nicht ihr Schritt? Nein – ich irre mich nicht. Das Ohr der Mutter ist scharf. Aber – was ist das? Sie kommt nicht allein? Da ist doch das unverschämte Lachen ihres Mannes. Sollte er ausnahmsweise die Gnade haben?“ –

Es war, als lege sich plötzlich über die strengen, steifen Formen der schweren Möbel ein warmer Glanz. Die alten Nippes in der Servante begannen leise und vergnügt zu klirren. Im Nebenzimmer streckte sich der rotbemützte Kopf des grüngefiederten Papageis blitzschnell empor. Das ehrwürdige Zimmer war erfüllt von dem Schmelz der weichen Männerstimme.

„Darf ich ebenfalls um eine Tasse Ihres unvergleichlich guten Tees bitten, verehrte Schwiegermama?“

Gedankenlos duldete Frau Eßling seinen Handkuß. Ihre Augen blieben dabei gespannt auf die Tochter gerichtet.

„Du siehst erschreckend blaß aus, Kind. Wie hast du geschlafen?“

„Ausgezeichnet, Mama.“

„Das glaube ich dir nicht! Zeige deine Hände. Natürlich – sie sind ganz kalt. Hast du gefroren? Warte einen Augenblick, ich werde sofort an Franz telephonieren. Es ist bestimmt zu kühl bei Euch. Darum habe ich ja am Vorraum der Diele die kleinen Oefen aufstellen lassen, damit sie angemacht werden, wenn die Zentralheizung noch nicht geht.“

„Laß doch, Mama,“ wehrte Elfriede gequält und suchte ängstlich den Blick ihres Mannes. „Die Sonne wärmt noch ganz wundervoll.“

Aber die Kommerzienrätin ließ sich nicht zurückhalten. Sie hatte schon den Hörer in der Hand, um dem alten Diener die nötigen Befehle zu erteilen.

Paul Karlsen saß mit einem rätselhaften Lächeln dabei. Er begehrte nicht auf, schlug nicht etwa mit der Hand zwischen die zerbrechlichen Kostbarkeiten, in denen der goldgelbe Tee deutlich schimmerte. Sondern er nickte seiner Frau beruhigend zu.

„Mama hat ganz recht. Ich habe es mir heute auch schon gedacht.“

Trotz dieser ungewohnten Fügsamkeit fand seine Gegenwart durch die Kommerzienrätin nicht viel Beachtung. Ueber ihn fort sprach sie unaufhörlich zu ihrer Tochter herüber, als befinde sich zu ihrer Linken ein leerer Platz.

„Du wirst übrigens ein oder mehrere Tage bei mir bleiben, Elfriedchen. Ich muß endlich wissen, ob du abends erhöhte Temperatur hast. Widersprich nicht. Ich erlaube auf keinen Fall, daß du heute Abend in dein leider etwas feuchtes Heim zurückkehrst.“

Da ließ sich Karlsens unwiderstehlich frohes Lachen hören. Aber es riß die andern durchaus nicht zu der gleichen Fröhlichkeit hin. Seine Frau sah scheu zu ihrer Mutter herüber.

„Verehrte Schwiegermama, Sie scheinen vergessen zu haben, daß nur ein einziger über das Gehen und Verweilen von Elfriede zu bestimmen hat. Dieser Eine bin ich, mit Respekt zu melden.“

Diesmal ahnte sie nicht, daß er Komödie spielte. Sein Ton war sehr ernst geworden. Sein junges, bartloses Gesicht wirkte fast streng. Den lächelnden Blick des Einverständnisses, den er mit Elfriede tauschte, bemerkte sie nicht. Ihre angeborene Heftigkeit – niemals ernsthaft von ihr bekämpft – brach sich Bahn.

„Das bliebe abzuwarten, Herr Schwiegersohn,“ sagte sie in scharf zurechtweisendem Ton. „Sind Sie etwa hierher gekommen, um mich aufzuregen?“

„Ich wüßte nicht, daß ich diesem vielleicht erstrebenswerten und daher löblichen Vorsatz schon jemals freie Entwicklung gegönnt hätte.“

„Lassen Sie doch die Phrasen, Karlsen. Bei mir wirken sie nicht.“

„Diese Bitte gebe ich gehorsamst zurück, Schwiegermama. Kurz: Elfchen wird mich nach Hause begleiten. Nicht wahr, Schatz?“

Ein schelmischer Ausdruck huschte über das Gesicht der jungen Frau, und ließ es sehr anziehend erscheinen. Sie war glücklich wie ein Kind, daß sie im Einverständnis mit ihrem Mann dies unschuldige kleine Geheimnis haben durfte. Ohne zu zögern, antwortete sie:

„Ja – das werde ich bestimmt tun, Mama. Du hast doch gehört, daß Paul es ausdrücklich wünscht.“

Da richtete sich die Kommerzienrätin steif empor und fragte kurz und empört zu der Konsulin gewandt:

„Was sagen Sie dazu? – Vor Ihnen, die Sie Elfriede über die Taufe gehalten und allzeit wie ein eigenes Kind geliebt haben, brauche ich mich nicht zu genieren.“

Frau Enck war wegen der richtigen Antwort in tödlicher Verlegenheit. Einerseits schätzte sie gleichfalls diesen jungen Menschen nicht allzu sehr, weil sie in seiner Gegenwart beständig das Gefühl hatte, als langweile er sich sträflich. Daneben aber stand ihm in dieser Sache ihr Hang zur Gerechtigkeit bei.

„Beschlafen Sie sich alles noch mal gründlich,“ versuchte sie zu besänftigen. Aber es mißlang ihr gründlich.

Frau Eßling wurde erregter und daher auch in ihren Worten heftig. Sie erhob sich, trat nahe an den Schwiegersohn heran und sagte drohend:

„Sie hören, ich wünsche und befehle es. Und nichts wird mich andern Sinnes machen können.“

Nun war auch Paul Karlsen aufgestanden. Seine schlanke, elegante Gestalt überragte die rundliche der Kommerzienrätin um Haupteslänge.

„Verehrte Schwiegermama, vorerst eine kleine bescheidene Berichtigung. Ihre kühn aufgestellten Behauptungen sind wirklich falsch. Der männliche Teil in der Ehe hat auch heute noch das Recht – genau wie zu jener Zeit Ihrer Jugend – den Aufenthalt seiner Gattin zu bestimmen, sofern er sich dies Recht nicht durch grobe Pflichtverletzungen verwirkt hat. Davon weiß ich mich frei. – Ich würde Ihnen ja herzlich gern einen Gefallen tun. Mir selbst aber Opfer auferlegen – nee – wissen Sie, dazu fühle ich mich nicht stark genug.“

Es klang so überaus ehrlich, daß sogar seine Frau einen Augenblick stutzte. An dem hilflosen Blick, den sie ihm zuwarf, merkte er, daß er nicht weitergehen, nicht in dieser Rolle übertreiben dürfe. Er schwieg also vorsichtig und wartete die nächste Erwiderung ab. Sie blieb lange aus. Dann aber klang die vordem herrische Frauenstimme plötzlich um vieles leiser. Fast bittend.

„Es soll sich nur um eine kurze Zeit handeln, Karlsen. Sagen wir – um drei bis vier Tage! Wirklich nicht länger.“

Er machte den Eindruck eines Menschen, der aufmerksam eine unliebsame Angelegenheit in Erwägung zieht. Daß er nicht sogleich antwortete, sondern – wie um Beherrschung ringend – mit gesenktem Blick auf seine wohlgepflegten, schöngeformten Hände herabsah, gefiel der Konsulin ausnehmend gut. Dann meinte er bitter:

„Ich habe Ihre Neigung nicht, Schwiegermama. Das weiß ich natürlich und hätte mich gehütet auch nur ein Wort darüber zu verlieren, wenn diese Sache nicht gekommen wäre. Jetzt lassen Sie mich darüber sprechen. Glauben Sie, es wirkt erziehlich und macht edler, was Sie doch beabsichtigen, wenn Sie mich dauernd Ihre Abneigung fühlen lassen? O nein – aber Verbitterung und Trotz können sehr wohl daraus entstehen. Bedenken Sie die Folgen, die wiederum das haben kann. – Nicht so schnell. Nein, meine Liebe zu Elfriede läßt mich eine ganze Menge geduldig ertragen. Aber – letzten Endes ist man doch nur ein schwacher Mensch. Und ich bin und bleibe noch dazu ein Komödiant. Einer, der gern Theater spielt, blendet, täuscht, nicht wahr – so schätzen Sie mich doch ein?“

Die Kommerzienrätin sah ihn unsicher an.

„Sie sind zu ehrlich, um mir zu widersprechen, Frau Schwiegermama und ich, nun ja, ich war bis heute zu unehrlich, um gerade heraus zu sagen, daß ich mich tausendmal wohler in einer kleinen, bescheidenen Mietswohnung mit einem Mädchen für Alles fühlen würde. Der von Ihnen errichtete Tempel, in dem nicht mal die Sonne gern weilt, ist mir viel zu unbehaglich. Der alte Leisetreter von Diener stört mich. Nicht, wie Sie triumphierend meinen mögen, weil ich seine Späheraugen fürchte, sondern nur, weil mir dies Gesicht in seiner Maskenhaftigkeit zuwider ist. Und wenn es nach mir ginge, machte ich Ihnen eine tiefe Verbeugung und schlüpfte mit meinem lieben Schatz irgendwo – meinetwegen im hohen Norden Berlins – unter. Aber sehen Sie, das durchzubiegen bringe ich nicht übers Herz. Nicht Elfchens wegen. Denn schließlich bin ich ihrer Gegenliebe sicher. Ich habe aber ebenfalls eine Mutter gehabt, Frau Kommerzienrat, und wenn die auch nur eine schlichte, bescheidene Frau gewesen ist – sie war ebenso stolz auf mich und hing mit genau derselben Liebe an mir, wie Sie jetzt an Ihrer Tochter. Und nur darum, das betone ich ausdrücklich – gebe ich meine Erlaubnis zu dem vorübergehenden Verweilen meiner Frau unter Ihrem Dach. Erinnern Sie sich gefälligst. Als wir beide uns neulich zufällig trafen, nahmen Sie nicht Elfriedes bleiches Aussehen, an dem ich vielleicht schuldig sein könnte, zum Vorwand für diesen Besuch, sondern Sie versuchten mich durch ihre eigene Kränklichkeit zu rühren. – Der Komödiant – in mir sagt leise: „Sieh an, sie kanns fast noch besser wie du.“ Der Mann, je nun, dem war der krumme Weg just nicht angenehm. – Aber diesen Mann haben Sie sich ja bisher niemals die Mühe genommen, kennen zu lernen. Einen Augenblick – ich komme gleich zu Ende. – Elfriede mag getrost bei Ihnen bleiben, solange sie will. Mich aber müssen Sie jetzt entschuldigen. Wie Sie mich einschätzen, werde ich unverzüglich meine vorübergehende Freiheit gehörig ausnutzen wollen. Also – nicht wahr, Sie haben nichts gegen mein Verschwinden. Im übrigen hoffe ich, daß der edle Stratege Franz während Elfriedes Abwesenheit brav und zuverlässig seine Pflicht als Geheimpolizist erfüllt –“

Die Kommerzienrätin rang um ein gutes oder wenigstens versöhnliches Wort, denn die Schlichtheit des Gesagten hatte mehr Eindruck auf sie gemacht, als sie sich eingestehen mochte. Ihre starre Natur suchte vergeblich danach. Und die Hand, die sie ihm entgegenhielt, übersah er. Nur seine Frau nahm er in die Arme und küßte sie herzhaft auf den Mund.

„Wiedersehen, Kleines! Ich schicke dir am besten sogleich deine Zofe rüber. Erbarme dich und nimm sie, ja? Was soll ich mit all den Wachsfiguren.“

Sie schmiegte sich zärtlich an ihn und flüsterte:

„Paulchen – mir ist ganz wirr. – Lange halte ich die Trennung von dir doch wohl nicht aus.“ Und er gab ebenso zurück:

„Mein kleiner, tapferer Kamerad, das ist auch gar nicht beabsichtigt.“

Als er wenig später heimging, lachte er leichtsinnig auf. Er hatte sich wieder mal auf der ganzen Linie nach ungeteiltem Beifall einen glanzvollen Abgang verschafft. Wann wäre ihm auch jemals ein Kampf, den er ernsthaft zu gewinnen trachtete, nicht zum Siege ausgeschlagen? – Mit wachsender Ungeduld sehnte er die Stunde herbei, die ihm ein ungestörtes Beisammensein mit der zur Zeit von ihm am meisten bewunderten Frau schenken sollte.