Erstes Kapitel.
Wo Maria geboren. — Ihre Eltern. — Die Auswanderung nach Pennsylvanien. — Schreckliche Erlebnisse auf dem Weltmeere.
Wenn man jetzt mit dem Eisenbahnzuge thalwärts Stuttgart, die Hauptstadt des Würtemberger Landes, verläßt, erreicht man in wenigen Minuten an der ersten Station das schöne, an einem Abhange gelegene Dörfchen Feuerbach, dessen Name schon in den ältesten Geschichten des Schwabenlandes genannt wird. Hier wurde in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts unsere Berg-Maria geboren; der Name ihrer Eltern war Jakob und Maria Jung, bemittelte Bauersleute, die ihren drei Kindern Jakob, Johann und Maria, so weit es in jener Zeit möglich war, eine gute christliche Erziehung geben ließen.
Schlechte Ernten, hohe Steuern, die den Bauern damals von den verschwenderischen Herzögen von Würtemberg auferlegt wurden, machten den Vater unserer Maria muthlos, und er sah ein, daß er, trotz allem Fleiß und Sparsamkeit, mit jedem Jahre ärmer wurde, worauf er beschloß sein Gütchen zu verkaufen und nach Amerika auszuwandern, so wehe es ihm auch that, seine schöne Heimath zu verlassen, wo seine Eltern und Ureltern sich redlich ernährt, und in kühler Erde auf dem schöngelegenen Gottesacker ruhten. Doch, von Amerika kam ja ein so schöner Ruf, der Tausende bestimmte, das deutsche Vaterland zu verlassen, so dachte auch Vater Jung, daß auch er mit Fleiß und Beharrlichkeit sich dort eine neue Heimath gründen könne und seinen Kindern eine bessere Zukunft bereiten, wie dieses in Heimbach möglich sei.
Bald fand er auch einen Käufer für sein Gütchen und Weinberg und rüstete sich für die weite, damals noch beschwerliche und gefährliche Reise, und verließ bald mit Frau und Kindern wehmüthig seine Heimath.
Nach einer wochenlangen Reise erreichte die Familie die Seestadt Amsterdam in Holland, von wo aus damals viele Schiffe nach der Stadt Philadelphia in Amerika abgingen, und wo sie hofften bald eine passende Reisegelegenheit zu finden. In jener Zeit hatten sich gar viele Europamüde in Amsterdam eingefunden, und jedes Schiff, das von dort nach Amerika ging, war mit Auswanderern überfüllt, die wie Schaafe zusammen gedrängt und noch dazu auf das Schlechteste beköstigt wurden, wodurch denn auch nach kurzer Reise schon bösartige Krankheiten unter den Passagieren entstanden und der Tod reiche Ernten hielt.
Auch die Familie Jung kam, nachdem sie mehrere Wochen auf eine Schiffsgelegenheit gewartet, auf ein solches Schiff, welches außer den großen Unbequemlichkeiten auch einen gewissenlosen Capitän und eine gar rohe Mannschaft hatte. So kam es denn auch, als die Auswanderer kaum zwei Wochen auf hoher See waren, eine pestartige Krankheit auf dem Schiff ausbrach und der Tod viele, ja sehr viele Opfer forderte. Kaum war das Leben der Armen aus dem Körper gewichen, so kamen auch schon die rohen Matrosen und warfen den Todten mit wahrer Lust in die Tiefe des Meeres.
Unbeschreibliche Noth und Schrecken herrschten auf dem Schiffe und das Jammern war Tag und Nacht herzzerreißend. — Auch die Eltern und Brüder unserer Maria wurden von der Pest weggerafft und noch an demselben Tage in die Fluthen des Meeres versenkt. Einsam, trost- und hoffnungslos, mit rothgeweinten Augen, saß das arme Mädchen auf dem Lager, wo der Tod ihre Lieben heimgesucht hatte. Nachdem der große Schmerz etwas nachgelassen und Maria wieder einige Ruhe in ihr Herz bekommen, nahm sie das Gebetbuch ihrer Mutter und suchte Trost darin, sie betete sehr andächtig zu dem allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde, und bald wurde es ihr auch leichter. Trost und Hoffnung kam wieder in ihre Seele und ruhiger wurde es in ihrem Gemüthe.
So saß sie eines Tages traurig auf dem Verdeck des Schiffes und blickte hinaus in die Wellen die ihre Lieben begraben, und Thränen füllten die Augen; da nahte sich ihr ein junger, wohlgekleideter Mann mit aufrichtigem Gesicht, bot ihr freundlich einen guten Tag und versuchte sie zu trösten. Da das Mädchen den Gruß und die Trostworte freundlich aufnahm, so bot er der Verlassenen auch seinen Schutz an, den sie mit Dank annahm.
Theodor Benz, so hieß der junge Mann, war in einem Dörfchen bei der Stadt Lahr in Baden geboren, wo sein Vater Ackerbau betrieb, sich aber leider nur kümmerlich ernähren konnte, denn er war reichlich mit Kindern gesegnet. Als Theodor, der zweitälteste Sohn in der Familie, erwachsen war und einsah, daß er seinen Eltern wenig nützen konnte, nahm er sich vor, nach Amsterdam zu gehen, wo Agenten aus Amerika sich aufhielten, welche kräftige junge Männer für den Ackerbau suchten und freie Ueberfahrt versprachen, die aber von den Leuten in Amerika wieder abverdient werden müßte.
Mit Bewilligung und dem Segen seiner Eltern trat er die Reise nach Amsterdam an. Wie erwähnt, seine Eltern waren arm und konnten dem jungen Manne nur wenig Geld zur weiten Reise mitgeben, doch Theodor war zufrieden, er hatte ja der Eltern Segen und an dem war ihm am meisten gelegen; er war religiös erzogen, ehrte, wie ein braves Kind es thun muß, seine lieben Eltern und Geschwister, und somit dachte er sich reich.
Nach einem zweiwöchentlichen Marsche, ein Ränzchen auf dem Rücken, einen derben Stock in der Hand, aber ganz mittellos, erreichte er die Seestadt Amsterdam, wo er glücklich bald einen amerikanischen Agenten fand, der ihn, nachdem er sich verpflichtet, für die Kosten der Ueberfahrt, dem Aufenthalt in Amsterdam, Farmarbeiten in Amerika zu verrichten, aufnahm. Auf diese Weise wurden in jener Zeit viele Personen beiderlei Geschlechts, sogar Kinder, nach Amerika befördert, wo ihnen leider, nicht allein auf dem Schiffe, sondern auch bei ihrer Ankunft in Amerika, besonders in Philadelphia, ein trauriges Loos zufiel. Hören wir, was ein gewisser Gottlieb Miltenberger, der im Jahre 1750 von Würtemberg nach Philadelphia kam, darüber sagt:
„Der Menschenhandel auf dem Schiffsmarkt geschieht also: Alle Tage kommen Engländer, Holländer und hochdeutsche Leute aus der Stadt Philadelphia und sonst aller Orten, zum Theil sehr weit her, und gehen auf das angekommene Schiff, welches Menschen von Europa gebracht, feil hat und suchen sich unter den gesunden Personen, die zu ihrem Geschäfte passen, heraus und handeln mit denselben, wie lange sie für ihre, auf sie haftende Seefracht, welche sie gemeiniglich noch ganz schuldig sind, dienen wollen. Wenn man dann des Handels eins geworden, so geschieht es, daß erwachsene Personen für diese Summe, nach Beschaffenheit ihrer Stärke und Alter, drei, fünf bis sechs Jahre zu dienen sich verbinden. Die ganz jungen Leute aber von 10 bis 15 Jahren müssen dienen bis sie 21 Jahre alt sind. Viele Eltern müssen ihre Kinder selbst verhandeln und verkaufen wie das Vieh, damit sie, wenn die Kinder ihre Frachten auf sich nehmen, vom Schiffe frei und los werden können. Da nun die Eltern oft nicht wissen, wohin ihre Kinder kommen, so geschieht es oft, daß nach dem Abscheiden vom Schiffe manche Eltern und Kinder viele Jahre oder gar Lebenslang einander nicht wieder sehen. Ein Mann muß für sein Weib, wenn sie krank hinein kommt und so ein Weib für ihren Mann stehen und die Fracht auf sich nehmen, und also nicht allein für sich, sondern auch für den Kranken fünf bis sechs Jahre dienen.“[1]
Kehren wir nun wieder zu unserer Erzählung zurück. Durch das öftere Zusammensein der beiden jungen Leute Theodor und Maria fanden sich bald ihre Herzen, und treue und aufrichtige Liebe fesselte die jungen Leute. Sie schwuren, sich nie zu verlassen in Freud und Leid, und baten in inständigem Gebet den allmächtigen Gott, daß er sie stets beschützen möge. Eines Tages aber, als man das Festland sehen konnte und Alles auf dem Schiffe in froher Stimmung war, trat Benz traurig und niedergeschlagen zu Maria und sagte mit bebender Stimme: Meine liebe Maria, nur noch einige Tage und wir müssen eine zeitlang von einander scheiden, denn sobald das Schiff vor Philadelphia Anker wirft, wirst du frei ans Land gehn können, ich aber darf das Schiff nicht eher verlassen, bis sich Jemand findet, der meine Fracht bezahlt und dem ich dann mehrere Jahre dienen muß. Ich bin ein „Verdungener.“
Theodor erwartete nun, daß Maria, von deren wahrer Liebe zu ihm er überzeugt war, erschrecken werde, aber diese sprang freudig auf, reichte ihm die Hand und sprach: „Gott dem lieben Gott sei Dank, daß ich dir helfen kann, ich, ich will dich loskaufen, wie viel bist du schuldig?“ „150 holländische Gulden,“ erwiederte Theodor. „Gut denn,“ nahm das gute Mädchen wieder das Wort; „durch den Tod der lieben Meinigen ist mir von ihrer Hinterlassenschaft ein gutes Sümmchen zugekommen, das ich sorgfältig aufbewahrt habe, komm mit mir hinab, du sollst augenblicklich die erwähnte Summe haben.“ Mit unaussprechlichem Dankgefühl drückte Theodor seiner Maria die Hand.
[1] Den obigen Bericht haben wir Herrn Professor Seidensticker in Philadelphia zu verdanken, der ihn in alten Dokumenten fand. Der Verfasser dieser Erzählung hat auch mehrere Deutsche gekannt, welche die Ueberfahrt abverdienen mußten. Im Jahre 1818 hat der Congreß den Menschenhandel aufgehoben.