Zweites Kapitel.

Ankunft in Philadelphia. — Der brave Pastor Mühlenberg. — Frau Kreuderin zum goldenen Schwan. — Der Bauer aus Oley. — Schwerer Abschied.


Endlich hatte das Schiff nach einer Fahrt von 92 Tagen die Stadt Philadelphia erreicht, und kaum seine Anker am Fuße der Highstraße (jetzt Marktstraße) geworfen, so fanden sich auch schon mehrere Personen auf demselben ein, um Arbeiter zu suchen und den erwähnten Menschenhandel zu treiben. Maria, deren Vater in Amsterdam die Schiffsfracht für seine ganze Familie bezahlt hatte, konnte ungehindert ans Land gehen, und Benz beeilte sich den Capitän zu bezahlen, damit er Maria begleiten könne. — Als der junge Mann in die Cajüte getreten war, dem Capitän bemerkt, daß er seine Schiffsschuld bezahlen wolle und 150 Gulden auf den Tisch legte, gerieth dieser Mensch in eine große Wuth, hieß ihn einen Betrüger, der schon in Amsterdam das Geld gehabt, Armuth geheuchelt und sich als Serve habe eintragen lassen. Solchen Schwindel lasse er sich nicht gefallen, und wenn er ihm nicht ein Pfund Sterling mehr bezahle, so wolle er dafür sorgen, daß er nicht vom Schiffe komme, bis sich ein Kaufmann für ihn gefunden. Eingeschüchtert durch den so rohen Seemann, nahm Theodor Benz wieder das Geld von dem Tische und eilte auf das Deck, um seiner Maria die traurige Kundschaft zu bringen. Bald hatte er das Mädchen gefunden, welche zum Abgang gerüstet war, und sich mit einem Herrn in geistlicher Tracht eifrig unterhielt. Als sie ihren lieben Freund mit blassem Gesichte und großer Niedergeschlagenheit auf sich zukommen sah, eilte sie schnell demselben einige Schritte entgegen und frug ängstlich was ihm begegnet sei. Er erzählte mit kurzen Worten wie ihn der Capitän behandelt und was er von ihm jetzt noch verlange. Lächelnd zog Maria ihre Geldbörse und wollte ihrem Freund das verlangte Geld reichen, als plötzlich der Herr im Priestergewande, der die Klage des jungen Mannes vernommen, die Hand, die das Geld reichen wollte, zurückwies, und den jungen Mann bat, die 150 Gulden mitzunehmen und ihm in die Cajüte zu folgen.

Die freundlichen Worte des so achtbar aussehenden Mannes bestimmten Theodor, dem Verlangen desselben zu folgen, und als beide in die Cajüte eingetreten waren, ersuchte der Geistliche den jungen Mann die 150 Gulden wieder auf den Tisch zu legen, und frug dann den Capitän in ruhigem aber festem Tone, ob er das Geld dort auf dem Tische, welches die Frachtschuld des Anwesenden betrage, nehmen wolle oder nicht.

Als der Capitän die festen Worte vernommen und in dem Sprecher einen in Philadelphia hochstehenden Prediger erkannte, röthete sich sein Gesicht mit Zornesgluth, doch ohne weiteres zu bemerken, strich er ruhig das Geld ein, und gab Benz den in Amsterdam abgefaßten Contrakt zurück, worauf sich die beiden Männer ohne weitere Bemerkungen entfernten.

F. S. Berg Maria. [S. 12]

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GRÖSSERES BILD]

Nachdem die jungen Leute dem ehrwürdigen Herrn herzlich gedankt, rief derselbe einen Mann herbei und befahl ihm diese beiden Leute mit ihren Sachen in das Gasthaus der Frau Kreuderin zu bringen, die in der Sassafraßstraße (jetzt Racestraße) das Hotel zum goldenen Schwan hielt, und der guten Frau zu sagen, daß er ihr diese beiden jungen Leute zusende. Zu Theodor und Maria gewandt, sagte er, zieht hin, seid fleißig und ehrbar, der Herr sei mit euch. Nach diesen Worten begab er sich unter die übrigen Einwanderer.

Dieser brave Geistliche war kein anderer, als der in jener Zeit so hochgeachtete deutsch-lutherische Pastor

Heinrich Melchior Mühlenberg,

der sich in jenen so trüben Tagen der armen Einwanderer mit großer Selbstausopferung so liebreich annahm. Nichts konnte ihn abhalten, wenn ein Einwanderer-Schiff bei Philadelphia Anker warf, auf dasselbe zu eilen, gleichviel ob auch auf demselben bösartige Krankheiten herrschten. Er brachte den Armen, Kranken und Elenden Trost und Hülfe. Er war ein treuer Befolger der Lehre des Weltheilandes, und wird sein Andenken geehrt werden bis in die spätesten Zeiten. Mit dankbarem Herzen blickten Theodor und Maria dem guten Manne nach, und verließen das Schiff, auf dem sie so viel Noth und Elend erlebt, und dankten im Stillen dem lieben Gott, daß er sie von demselben befreit.

Bald hatten sie das Hotel der Frau Kreuderin erreicht und wurden von derselben auf das Freundlichste empfangen. Frau Kreuderin war eine sehr ehrsame und fromme Wittwe, die sich, nachdem ihr Mann am gelben Fieber gestorben, welche Krankheit der Zeit oft in Philadelphia herrschte, mühsam durchbringen mußte, war stets wohlgemuth und thätig, und obgleich ihre Mittel auch beschränkt, so half sie doch in freundlicher Weise den bedürftigen Einwanderern, welche ihr zugesandt wurden, und gar Mancher wurde von ihr gespeist und beherbergt, ohne dafür entschädigt zu werden.

Als Theodor und Maria, welche mit Empfehlungen des ehrwürdigen Pastors Mühlenberg in ihrem Hause aufgenommen waren, sich sehr anständig betrugen, und Maria ihr trauriges Schicksal erzählt hatte, so fühlte sie sich zu ihnen in wunderbarer Weise hingezogen. Sie küßte Maria, und mit Thränen in den Augen sagte das gute Mütterlein: Tröste dich, liebes Kind, du sollst an mir, wenn du brav bist, eine zweite Mutter finden. Vorerst bleibst du bei mir, du kannst in der Küche und Stube helfen, bis ich einen anständigen Platz für dich gefunden habe, und für den da, sie reichte Theodor freundlich die Hand, werde ich bald einen Platz bei einem Bauern finden, denn da ist er in seinem Element, und ist er fleißig und ehrlich, wird er bald in unserm gesegneten Pennsylvanien ein selbstständiger Bauer sein.

Nicht lange sollten Theodor und Maria unter einem Dache bleiben, denn schon am dritten Tage nach ihrer Ankunft im goldenen Schwan kam ein wohlhabender deutscher Bauer aus Oley, einer fruchtbaren Landschaft in dem jetzigen Berks County gelegen, in das Gasthaus der Frau Kreuderin, wo er immer einkehrte, wenn er nach Philadelpia kam, denn bei der ehrbaren Frau war er stets gut aufgenommen. Nachdem sich die alten Freunde herzlich begrüßt, sagte er, er sei gekommen, um einen jungen deutschen Bauern zu suchen, der sich bei ihm gegen guten Lohn und Behandlung verdingen wolle. Er verspreche auch, wenn er ihm drei bis vier Jahre treulich diene, zu einem schönen Stück Land zu verhelfen, auf welchem er sich dann häuslich niederlassen könne. Freudig überrascht, reichte die gute Kreuderin, welche den Bauern als einen sehr ehrbaren Mann kannte, die Hand und sagte: Meister Friedrich Leinbach, so hieß der Bauer, ihr braucht nicht weit zu laufen, um den rechten Mann zu finden, ich habe ihn im Hause, doch ehe ich ihn euch zuführe, müßt ihr mir fest versprechen, daß ihr den jungen Mann gut behandelt und ihr könnt euch dann darauf verlassen, daß er fleißig ist und euch gute Dienste leisten wird, er ist ein Bauerssohn und scheint mir ein gar williger und gutmüthiger Mensch zu sein, der sich vor keiner Arbeit fürchtet.

Danke! danke! rief Leinbach, ich gebe euch, Frau Kreuderin, das Versprechen, daß der junge Mann bei mir und bei meiner Familie gut aufgehoben sein soll. Schnell eilte die gute Frau hinaus und kam bald mit Theodor zurück, und stellte den schön gewachsenen und kräftigen jungen Mann dem Bauern vor, welcher über die schöne Gestalt überrascht war, dem jungen Manne freundlich die Hand reichte und erklärte, daß er hierher gekommen sei, um einen Knecht für seine Bauerei zu suchen; er habe eine schöne, große Bauerei in Oley, mit leichtem, gutem Boden, wo die Arbeit nicht so schwer sei, als bei andern Farmen, und wenn er den Dienst annehmen wolle und drei Jahre bei ihm bleiben, seine Pflicht treulich erfüllen, so wolle er ihm für das erste Jahr 15 Pfund Sterling nebst Kleidung und guter Kost geben und gut behandeln. Mutter Kreuderin habe ihm ein gar gutes Zeugniß von ihm gegeben, und wenn er mit den Bedingungen zufrieden sei, so solle er ihm dies jetzt sagen, ob er die Stelle annehmen wolle. — Gewiß! rief der junge Mann, und reichte dem so gutmüthig aussehenden Bauern die Hand, ich will euch treulich dienen nach meinen besten Kräften und hoffe, daß wir es beide niemals bereuen werden, einander gefunden zu haben. Zu den ihm gestellten Bedingungen müsse er aber noch hinzufügen, daß es ihm erlaubt werde, wenn die Arbeiten auf der Farm nicht so dringend seien, jedes Jahr einmal nach Philadelphia gehen zu dürfen, doch sollte die Abwesenheit nicht über drei Tage dauern. Gern willigte Leinbach auch in diese Bedingung, zog seine Börse und gab dem jungen Manne, wie es damals der Gebrauch war, ein Handgeld, und erklärte, daß er morgen in der Frühe sein Wäglein mitnehmen werde, er solle recht früh bei der Hand sein, denn die Wege an manchen Stellen in der Wildniß, die sie durchfahren müßten, seien noch rau, und, wenn ihnen kein Unglück zustoße, könnten sie in zwei Tagen seine Heimath erreichen.

Da die Zeit zum Mittagessen herangekommen war, so lud Mutter Kreuderin Leinbach ein, ihr Gast zu sein, was dieser auch nicht ausschlug, doch sogleich in den Hof eilte, und aus seinem Wagen zwei Welschhühner, einen Sack mit Aepfeln, eine Kanne mit Butter nahm und in die ihm bekannte Küche trug, wo er die daselbst beschäftigte, einfach doch reinlich gekleidete, Maria sah, die seine ganze Aufmerksamkeit erregte.

Bald saß man in heiterer Stimmung an der Mittagstafel, wobei Maria nicht fehlen durfte, und als der Bauer das saubere, flinke Mädchen beim Aufwarten beobachtet hatte, meinte er, zu der Wirthin gewandt, wenn Maria wolle, so würde er auch sie mit auf die Farm nehmen, die seinen beiden Töchtern von neun und zwölf Jahren gewiß nützlich wäre und er wolle ihren Dienst gut belohnen; aber Frau Kreuderin fiel ihm sogleich ins Wort und sagte, daß dieses unmöglich sei, denn Maria müsse noch eine zeitlang bei ihr verweilen, denn sie passe jetzt nicht, da sie so viel Unglück erlebt, auf eine einsame Bauerei. Begnügt euch jetzt, Meister Leinbach, fuhr sie ruhig fort, mit dem jungen Manne, und gefällt es ihm bei euch, so kann es auch noch geschehen, daß Maria zu euch kommt. Der Bauer verstand den Wink und schwieg.

Daß der Abschied zwischen Maria und Theodor kein leichter war, kann man sich wohl denken, denn die beiden jungen Leute liebten sich aufrichtig und von ganzem Herzen. Theodor versprach seiner Maria, die beinahe untröstlich war, daß er bei jeder Gelegenheit durch Bauern, welche von Oley nach Philadelphia kämen, einen Brief senden werde und sie sollte dieselbe Gelegenheit benutzen, ihm zu antworten, denn an eine Postverbindung in das Innere von Pennsylvanien war damals nicht zu denken. Nach der Erntezeit wolle er aber selbst kommen, wo sie sich dann mündlich ihre Erlebnisse mittheilen könnten und sich über die Zukunft berathen. Mit Thränen in den Augen und mit schwerem Herzen schieden die beiden jungen Leute, in der frohen Hoffnung, sich bald wieder zu sehen.

Am nächsten Morgen, als der Tag kaum graute, rollte Leinbach’s Wäglein aus dem Hofe des Gasthauses zum Goldenen Schwan und fuhr vor das Haus, wo Theodor mit seiner wenigen Habseligkeit schon bereit stand, neben ihm die gute Mutter Kreuderin, von welcher er jetzt herzlichen Abschied nahm. Darauf stieg er auf den Wagen auf welchem Leinbach bereits saß und die Zügel hielt, und nun rasch fort ging’s aus der Stadt der Bruderliebe, der neuen Heimath Oley zu.

Die Reise von Philadelphia, ohngefähr 60 Meilen, dauerte in jener Zeit mit einem Fuhrwerk volle zwei Tage, das heißt, wenn demselben auf dem rauhen Wege kein Unglück zustieß, oder sonstiger Aufenthalt vorkam, denn man hatte nicht allein mit schlechten Wegen, sondern auch oft mit wilden Thieren und den noch gefährlicheren herumstreifenden Indianern zu kämpfen.

Unsere Reisenden hatten glücklicher Weise keinen Unfall, noch kamen ihnen wilde Thiere und Indianer zu Gesicht, und erreichten am Abend des zweiten Tages glücklich Leinbach’s Farm, wo sie von der Familie, sowie von einigen benachbarten Bauern freundlichst empfangen wurden, so daß sich Theodor schon in der ersten Stunde heimisch fühlte und sich’s fest vornahm, durch Fleiß und gutes Betragen sich die Liebe und Achtung seiner neuen Lebensgefährten zu erwerben und zu erhalten.

Als er in sein sauberes Kämmerlein geführt war, um sich zur Ruhe zu begeben, senkte er sich vor seinem Bette auf die Knie, dankte seinem ewig guten Schöpfer für alles Gute, was er an ihm gethan, bat auch, wie es jedes gute Kind thun sollte, den lieben Gott, daß er seine lieben Eltern und Geschwister in der alten Welt beschützen wolle, sowie Alle die ihm Gutes gethan. Ermüdet stieg er in sein Bett und war bald in tiefen Schlaf versunken, bis ihn die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne weckten.