Neuntes Kapitel.
Die Einsiedlerin.
Wer nur den lieben Gott läßt walten,
Und hoffet auf ihn alle Zeit,
Den wird er wunderlich erhalten
In aller Noth und Traurigkeit.
Nicht lange hatte Maria die brave Frau Mühlenberg zu pflegen, denn nur einige Tage nach Leinbach’s Abreise von Philadelphia, zerstörte die kalte Hand des Todes ein Leben, das seinen Mitmenschen so nützlich gewesen war. Der Pfarrer, welcher in seinen Lebenstagen viel Bitteres erfahren, und durch das Alter sehr geschwächt war, wurde jetzt durch den Tod seiner treuen Lebensgefährtin so sehr erschüttert, daß er beschloß, seinen eigenen Haushalt aufzugeben und zu seiner Tochter zu ziehen. — Auch die Mutter Kreuderin war bald nach der Pfarrerin gestorben und die irdischen Reste der im Leben so Wohlthätigen, der kühlen Erde übergeben, auf deren Grab viele schwere Thränen Maria’s fielen. Nun entschloß sich Maria nach Leinbach’s Farm zu ziehen, und ging mit dem Segen Mühlenberg’s bald dahin ab.
Der Empfang auf der Farm war ein überaus herzlicher, von der Mutter und den Töchtern geliebkost und ihr die Versicherung gegeben, daß sie nicht anders als ein Familienglied betrachtet werden würde. Besonders sprach ihr der alte Leinbach Trost zu, und bat sie, die Hoffnung noch nicht aufzugeben, mit ihrem Gatten vereint zu werden. Aber Maria deutete mit dem Finger zum Himmel und sprach mit zitternder Stimme: Ja dort, dort über den Sternen.
Eines Tages, da ihr Vater Leinbach wieder Trost zugesprochen, sagte sie: Vater Leinbach, wenn ihr mich lieb habt und erfreuen wollt, so laßt mir auf dem Lande meines armen Theodors eine Hütte bauen, habt dann keine Sorge für mich, denn mein Vorhaben dort ist etwas Gutes auszuführen, wird mich in Thätigkeit bringen und gar manchen Kummer von mir scheuchen.
Nach diesen mit Festigkeit gesprochenen Worten, erlaubte sich der gute Mann keine Einwendungen mehr, und sprach nur, indem er dem Mädchen die Hand reichte: Dein Wille soll geschehen.
Schon in aller Frühe am nächsten Morgen ging Leinbach mit einigen Arbeitern nach dem Lande in Pike Township, welches er seinem braven Knechte geschenkt und ließ, nach Maria’s Wunsch, nahe Mott’s Mühle in der Nähe einer Quelle, ein kleines Hüttchen bauen.
Es war im Beginn des Monats März, als Maria mit den Segenswünschen der Familie Leinbach in ihr Hüttchen einzog, worin sie vor Sturm und Kälte geschützt war; ein mächtiger Kastanienbaum umschattete dasselbe. Nachdem Maria im Innern Alles geordnet, vor die Thür trat und die schöne Gebirgsgegend betrachtete, wo hier und da schon aus den Wäldern grünes Laub emporsproß und auf den Farmen die Bäume zu blühen anfingen, da erfüllte sich ihr Herz mit Liebe und Dank gegen den Schöpfer, der diese schöne Welt gebaut, sie nahm sich’s vor, nicht mehr so viel mit ihrem Schicksal zu hadern und eifrig das Vorhaben, den Menschen nützlich zu sein, durchzuführen.
Bald sahen die Bauern der Nachbarschaft die stille, bleiche, schwarz gekleidete Frau die Wälder durchstreifen und nach heilenden Kräutern suchen, deren Aussehen und Heilkraft sie in einem Buche beschrieben fand, welches ihr Pastor Mühlenberg mit der Bemerkung zum Geschenk gemacht hatte, daß im Lande ein Jeder sein eigener Doktor sein müsse.
Nachdem Maria sich während der Frühlingszeit reichlich allerlei Kräuter gesammelt, erkundigte sie sich bei ihren Wanderungen bei den Bauersleuten, ob sie keine Kranke wüßten, denen sie ihre Hülfe unentgeldlich anbieten könne, denn es sei ein Trost für sie, den Leidenden Hülfe zu bringen.
Bald wurde das Anerbieten der Maria in der ganzen Umgegend bekannt und fanden sich auch sofort Hülfesuchende in ihrem Hüttchen ein, denen sie mit Rath und That, großem Eifer und Gewissenhaftigkeit stets zu helfen suchte. Die Kräuter und gute Pflege, die sie den Kranken widmete, hatten meistens die beste Wirkung und wo diese nicht mehr helfen konnten, saß sie außerdem gar manche Nacht an dem Bette der Kranken und Sterbenden Trost zusprechend. Von allen Seiten her kamen ihr die herzlichsten Grüße zu, überall wo sie hinkam, war sie zu Hause. Viele verehrten sie wie eine Heilige. Unter dem Namen:
Die Berg-Maria,
war sie weit und breit bekannt geworden, und manche Kranke kamen aus der Ferne, um Trost und Hülfe bei ihr zu suchen.
Trotzdem dieses Schaffen und Walten ihren Kummer bedeutend gestillt, so kam doch immer wieder neue Trauer und Wehmuth über die Arme, denn der Tod hatte ihre besten Freunde, Pfarrer Mühlenberg, Friedrich Leinbach und dessen braves Weib, schnell nach einander hingerafft und ruhten im Schooße der kühlen Erde. — Von Theodor hatte sie nie wieder etwas gehört.
So lebte Maria in ihrem Hüttchen bei Mott’s Mühle, Pike Township, Berks County, dreißig Jahre lang, bis sie im Jahre 1819 in hohem Alter das Ewige mit dem Zeitlichen segnete und von ihrem Jammer, Kummer und Sorgen befreit wurde. Die Nachricht von ihrem Hinscheiden versetzte die ganze Nachbarschaft in tiefe Trauer, und aus weiter Ferne kamen Männer und Frauen, um noch einmal das Antlitz derjenigen zu sehen, die der Menschheit so viel Gutes gethan. Das Leichenbegängniß war das größte, welches jemals in Pike Township stattgefunden. Kein Haus war in Oley und den angrenzenden Townships, das nicht seine Repräsentanten zu demselben gesandt, und weit her kamen Trauernde zu Wagen und zu Pferde, um der Maria die letzte Ehre zu erweisen.
Der Sarg war mit den schönsten Kränzen und Blumen geschmückt. Als Pfarrer Conrad Miller die Leichenrede hielt, blieb kein Auge thränenleer.
Die Grabstätte ist noch immer gut erhalten und wird heute noch, wie ein Bewohner von Pike Township dem Erzähler dieser Geschichte neulich versicherte, von vielen Verehrern der Verstorbenen besucht.
Ein Herr aus Oley Township, welcher die Schicksale der armen Maria kannte, schrieb bei ihrem Tode die folgende Grabschrift:[3]
Hier unter diesem Steine
Sanft ruhen die Gebeine
Der frommen Maria.
Ihr Herz und ganzes Leben
War ihrem Gott ergeben,
Das man an ihrem Wandel sah.
Sie hat ganz unverdrossen,
Bis dreißig Jahr verflossen,
In Einsamkeit gewohnt.
Ihr Angesichtes Züge
Verriethen Gottes Lieb’,
Damit der Herr sie hat belohnt.
Nachdem sie schon verschieden,
Sah man den süßen Frieden
In ihrem Angesicht.
Es war voll Lieb’ und Wonn’
Als zur Gnaden-Sonn’
Noch immer hingericht.
Nun ist sie weggenommen,
Gott hieß sie zu sich kommen,
Aus diesem Jammerthal,
Wo auf den Himmels-Auen
Sie Jesum wird erschauen,
Mit seiner auserwählten Zahl.
[3] Siehe Daniel Rupps Geschichte von Berks und Lebanon. Jahrgang 1844.