Viertes Kapitel.

Der erste Besuch in Philadelphia.


Sieh! wie lieblich und wie fein,

Ist’s für Menschen friedlich sein,

Wenn ihr Thun einträchtig ist,

Ohne Falschheit, Trug und List.


Der Spätherbst war herangekommen und die Arbeiten auf Leinbach’s Farm nur noch gering und konnte leicht von Vater Leinbach und seinen beiden Söhnen verrichtet werden, da nahm Theodor sich’s vor den Bauern zu fragen, ob er es ihm jetzt erlauben wolle, nach Philadelphia zu gehen, und einige Tage daselbst zu verweilen, er sei sehr neugierig zu erfahren, ob Nachrichten von seinen lieben Eltern und Geschwistern, für die er stets Liebe im Herzen hege, bei dem ehrwürdigen Pastor Mühlenberg angekommen seien, denn da keine Postverbindung zwischen Philadelphia und Oley bestehe, habe er seine Briefe an den Pfarrer addressiren lassen.

Als er in die Wohnung des Farmers trat, um sein Gesuch anzubringen, saß derselbe am Tisch und schrieb. Indem er Theodor gewahrte, erhob er sich freundlich und frug nach des jungen Mannes Begehr. Ich will, erwiederte dieser, Euch Vater Leinbach fragen, ob Ihr mir erlauben wollt, da wenig Arbeit mehr auf der Farm zu verrichten ist, nach Philadelphia zu gehen und daselbst einige Tage zu verweilen. Gewiß, mein Sohn, war die Antwort des gutherzigen Mannes, du hast mir bis daher treulich gedient, warst fleißig und geschickt, und noch mehr, du hast meine Buben, die Neigung zum Müssiggang hatten, dazu gebracht, daß sie Freude an der Arbeit haben, Alles geschickt angreifen, so daß ich sie loben muß, und dir dazu zum Dank verpflichtet bin. Gehe mit Gott und verlasse dich darauf, wenn du mir noch eine zeitlang so fort dienst, sollst du es in deinem ganzen Leben nicht bereuen. Kannst nach Philadelphia gehen, wann du willst und eine ganze Woche daselbst verweilen; wann willst du dahin abgehen? Am Freitag Morgen, wenn es möglich ist, in aller Frühe, denn ich möchte noch am Sonntag Abend Philadelphia erreichen, bis zu meiner Abreise sind es noch zwei Tage, die ich noch benutzen will, die gröbsten Arbeiten auf der Farm hinwegzuräumen, damit den Buben die Arbeit, da sie noch jung sind, nicht zu schwer werde. Gut, sagte Leinbach, komme am Donnerstag Abend in meine Stube, ich will dir deinen vollen Lohn bis zum Tage deines Abgangs ausbezahlten, denn wenn du nach Philadelphia kommst, wirst du allerlei Bedürfnisse haben, dazu braucht man Geld und es soll mir Niemand nachsagen, daß ich meinen Knecht wie einen Bettler nach Philadelphia gehen ließ. Gerührt nahm der junge Mann Vater Leinbach’s Hand und dankte ihm mit den herzlichsten Worten.

Der Morgen, den Theodor zu seiner Abreise bestimmt, war ein gar herrlicher, wie er um diese Jahreszeit, Ende des Monats Oktober, außer Ost-Pennsylvanien, wohl wenige in der Welt giebt, und werden diese Tage, sowie der Beginn des Monats November, von dem Volke der „Indianische Sommer“ genannt. Der junge Mann war schon, nachdem er am Vorabend von allen seinen Lieben Abschied genommen, vor Tagesanbruch reisefertig, denn er wollte noch an diesem Tage eine gute Strecke Weges zurücklegen, da ihn die Sehnsucht nach Philadelphia trieb, wo er freudig empfangen zu werden hoffte. Mit einem derben Hickorystock, ein Bündlein unter dem Arm, trat er aus dem Hause und wollte eben den Fußpfad betreten, der hinter dem Hause über einen Hügel führt, folgen, als ihm eine Stimme Halt! und wohin so eilig? zurief. Erschrocken wandte sich Theodor um, erkannte aber sogleich in dem Rufer, der seine Stimme etwas verändert hatte, Friedrich, den ältesten Sohn des Farmers, welcher ihm freundlich zuwinkte, zurückzukommen. Er folgte dem Winke und trat zu Friedrich, welcher unter der Stallthüre stand. Dieser drohte dem Herangekommenen mit dem Finger und sagte: Theodor, was denkst du! glaubst du, daß der Vater, die Mutter und wir Alle zugeben würden, daß du mit einem Ränzchen unter dem Arm, einen Hickorystock in der Hand in Philadelphia einziehen sollst, wo Vater so viele Bekannte hat? Nein, lieber Freund, das geht nicht, das wäre ja für uns eine Schande. Indem er dies sagte, öffnete er die Stallthüre und zog eines der schönsten und besten Pferde des Farmers heraus das schön gesattelt und gut bepackt war. Vor Erstaunen wußte Theodor nicht was er sagen sollte, aber Friedrich ließ ihn nicht zu Worte kommen, zog ihn zum Pferde heran und auf dasselbe deutend, sagte er: Hier in dem Sack befindet sich eine Kanne unserer besten Butter, die du der Mutter Kreuderin zum Geschenk bringst, in diesem hier, sagte er, indem er den Erstaunten auf die andere Seite des Pferdes führte, befinden sich zwei unserer besten Schinken, die giebst du der Pfarrersfamilie, in dem Packet am Sattelknopf befindet sich ein Stück Tuch, welches meine beiden Schwestern aus Flachs gesponnen und sorgfältig gebleicht haben, dies giebst du der braven Maria, und endlich hier neben dem Sattel findest du in dem Säckchen Lebensmittel, die unsere Mutter für dich eingebunden hat, damit du auf der Reise keinen Hunger leidest. Nun sitz auf, Theodor, reite zu, möge der liebe Gott dich auf der Reise begleiten.

Wie ein Träumender, mit Thränen in den Augen und keines Wortes fähig, bestieg der junge Mann das Pferd und drückte seinem jungen Freunde stumm die Hand und wollte eben aus dem Hof reiten, als die ganze Familie Leinbach vor dem Thor erschien, ihm Abschied zuwinkte und glückliche Reise wünschte.

F. S. Berg Maria. [S. 28]

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GRÖSSERES BILD]

Mit gepreßtem Herzen ritt Theodor die Straße entlang und saß eine geraume Zeit wie ein Träumender auf dem Pferde, das rüstig zuschritt, aber plötzlich erschrocken stehen blieb. Theodor erwachte aus seiner Träumerei, und sah sich in einem düstern Urwald und vernahm ein furchtbares Geheul von wilden Thieren, die sich, wie es schien, zerfleischten. Er hielt schnell besonnen das schöne Pferd fest am Zügel, schmeichelte es, und so blieb es ruhig, doch zitternd, stehen. Nach wenigen Minuten stürmte eine Rotte Wölfe aus dem dichten Gebüsch, die einen Panther verfolgten, liefen keine zwei hundert Schritte von ihm über die Straße und den Bergabhang hinab. Als das Getöse vorüber war, wurde das Pferd wieder ruhig und Theodor ritt jetzt, ohne auf weitere Gefahren zu stoßen, den ganzen Weg entlang, bis er, als es bereits zu dunkeln anfing, ein Wirthshaus erreichte, das einladend an der Straße stand, und wo er sich erinnerte mit Vater Leinbach übernachtet zu haben. Das Wirthshaus, wie man mir vor einiger Zeit versicherte, steht heute noch, aber nicht einsam an der stillen Straße, sondern beinahe in der Mitte der schönen und volkreichen Stadt Norristown.

Der Wirth nahm den Reisenden freundlich auf, denn er erkannte in ihm sogleich den jungen Mann, der vor einem halben Jahre mit seinem Freunde Leinbach bei ihm übernachtete. Sogleich nahm er seinem Pferde die Bürde ab, führte es in den reinlichen Stall und ließ ihm gutes Futter geben. Nachdem er sein Abendessen genommen und noch ein gutes Glas Cider getrunken, begab er sich zur Ruhe, denn er war sehr ermüdet und schlief bald ein, bis das Grauen des Tages begann. Schnell kleidete er sich an, sah nach seinem treuen Pferde, ließ sich eine Tasse Kaffee geben, sattelte sein Pferd und nahm Abschied von den freundlichen Wirthsleuten. Heute trieb er sein Pferd nicht stark an, denn er hatte ja weit über die Hälfte des Weges zurückgelegt und konnte leicht Nachmittags Philadelphia erreichen, wohin er sich so sehr sehnte.

Die Glocke des Philadelphia Stadthauses schlug eben die dritte Nachmittagsstunde, als Theodor schon vor dem goldenen Schwan in der Sassafraß-Straße anhielt. Mutter Kreuderin stand zufällig vor der Thüre und war ganz erstaunt den schönen Reiter auf dem stolzen Rosse bei ihrem Hause halten zu sehen. Bald aber erkannte sie ihn, und rief mit starker Stimme: Tausendmal willkommen mein lieber Sohn! eilte zu ihm und reichte dem jungen Manne die Hand, und als dieser frug, ob er einige Tage bei ihr verweilen könne, rief sie, ohne auf die Frage zu antworten, den Hausknecht herbei und befahl ihm, das Pferd in den Stall zu bringen und auf das Beste zu versorgen, aber Theodor wartete auf diesen nicht, ritt in den Hof, denn er wollte vor Allem zuerst für das ihm anvertraute so schöne und gute Thier sorgen. Mit Hülfe des Knechtes war bald das Pferd abgesattelt und an einen saubern Platz geführt, dann nahm er seine mitgebrachten Effekten und trug sie in das Aufbewahrzimmer des Hotels.

Bis jetzt hatte der junge Mann keine Gelegenheit bei Mutter Kreuderin nach seiner Maria zu fragen, da diese mit der Herrichtung des Abendessens sehr beschäftigt war. Wohl hatte er von Maria Briefe erhalten, die durch Gelegenheit mit Bauern aus Oley und der Nachbarschaft zu ihm kamen, und auf gleiche Weise wieder geantwortet, doch Mutter Kreuderin konnte ihm ja viel mehr sagen, als all die Briefe. Sobald daher das Essen eingenommen und die gute Frau sich vom Tisch erhob, folgte er ihr in die Sitzstube, wie man damals den Porlor nannte, und frug mit ängstlicher Stimme wie es dem Mädchen ergehe. Ja! ja! sagte die freundliche Schwäbin, dem Blitz Mädle goths guat, sie ist schön wie der Frühling und ehrlich und fleißig wie die heilige Martha. Die Mühlenbergs, besonders die Pfarrerin, sind ganz in das Mädle vernarrt, und ist so geliebt wie ihre eigenen Kinder, und lassen sie nicht von sich.

Als vor einiger Zeit der junge Pfarrer Peter Mühlenberg mit seiner schönen Frau Anna nach Virginien ziehen mußte, wo eine deutsche Gemeinde im Shenandoah Thal ihn zum Prediger berufen, da bat er dringend seine Mutter ihm doch Maria mitzugeben, aber diese erwiederte, daß dieses unmöglich sei, denn Maria sei ihr ein großes Bedürfniß in ihren alten Tagen, wo ihr Körper sich zu schwächen anfinge, sie sei ihr nicht allein eine treffliche Haushälterin, sondern auch eine treue Freundin und Pflegerin geworden. Er möge sich sonstwo unter den deutschen Mädchen in Philadelphia eine aussuchen, Maria ließe sie nicht eher von ihrer Seite, bis sie es selbst verlange aus ihrem Hause zu gehen, und nach Virginien! — Peter wo denkst du hin? so weit geht Maria nicht, denn wisse, unter uns gesagt, in Oley steckt ein Magnet, der zieht so stark, daß ihre Wanderung von hier nur dorthin geht. Peter mußte ohne Maria von dannen ziehen. Auch ich, fuhr die gute Alte fort, habe so etwas von einem Magnet bemerkt, denn wenn Maria mich von Zeit zu Zeit besucht, und wir auf dich zu sprechen kommen, da strömen viele Seufzer aus ihrer Brust und alle fliehen Oley zu, wo sie doch weiß, daß du dort so wohl versorgt bist. Nun, bist du mit meinem Bericht zufrieden? Gewiß, erwiederte Theodor, drückte seiner treuen alten Freundin die Hand und sagte ihr herzlichen Dank.

Jetzt packte der junge Mann die mitgebrachten Geschenke aus, und reichte der Mutter Kreuderin die mit der besten Butter gefüllte Kanne, bemerkte dabei, daß dieses ein Geschenk von der Familie Leinbach sei, und hoch erfreut trug das Weible dasselbe in die Küche. Da es schon spät war, wollte Theodor Benz die Familie Mühlenberg nicht mehr besuchen, und wandelte, bis es Bettzeit war, in dem damals noch so kleinen Philadelphia umher.

Der nächste Tag war ein Sonntag, und da Theodor im Lande so wenig Gelegenheit hatte, die Kirche zu besuchen, so sollte sein erster Gang heute zur Kirche sein. Er erinnerte sich an das seinen lieben Eltern gegebene Versprechen, niemals, wenn sich ihm die Gelegenheit böte, den Gottesdienst versäumen zu wollen und im Geiste sah er, wie heute am Sabbath seine Eltern und Geschwister andächtig nach dem Gotteshause in der alten Heimath wanderten und gewiß seiner im Gebet gedenken würden. Er kleidete sich auf’s Beste für den Kirchengang, und als er aus seinem Zimmer kam und in die Wirthsstube trat, fand er auch schon die Wittwe Kreuderin zur Kirche gerüstet und beide wanderten neben einander nach der St. Michaliskirche an der Cherry und Fünften Straße, wo Pastor Mühlenberg den Gottesdienst hielt.

Peter Mühlenberg nahm heute seinen Text aus dem zweiten Buch Moses, 20. Kapitel, Vers 12, welcher lautet: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf das du lange lebest im Lande, daß dir der Herr, dein Gott, giebt.“ — Dann sprach er von der großen Sünde, welche Eltern begehen, wenn sie ihre Kinder nicht gut erziehen, sie vom Schul- und Kirchengehen abhalten, und schon von frühester Jugend an nicht an Arbeit und Reinlichkeit gewöhnen. Es sei meistens der Eltern Schuld, wenn die Kinder ungehorsam und schlecht werden. Der Jugend rief aber der Pastor zu: Ein Kind das nicht Vater und Mutter ehret, so lange sie leben, ist ein Schandfleck der Menschheit, ihm steht der Himmel nicht offen und schon auf dieser Welt wird der Fluch es treffen. Dann gab er Beispiele von dem Glück, wenn Eltern und Kinder einig und friedlich mit einander leben, wie die Allmacht über sie wache, und wie der Segen des Himmels über sie herabströme. Nachdem die Predigt beendigt war, sang die Gemeinde das herrliche Lied von Gellert:

Wie groß ist des Allmächt’gen Güte,

Ist der ein Mensch, den sie nicht rührt?

Der mit verhärtetem Gemüthe

Den Dank erstickt, der ihm gebührt?

Nein, seine Liebe zu ermessen,

Sei ewig meine größte Pflicht,

Der Herr hat mein noch nicht vergessen,

Vergiß mein Herz auch seiner nicht.

Nachdem der Pastor den Segen über die Anwesenden gesprochen, wurden die Thüren der Kirche geöffnet und Alle wanderten ihrer Heimath zu. Auch Theodor ging mit der lieben Frau Kreuderin, still und in sich gekehrt, nach ihrer Wohnung zum goldenen Schwan.

Da Nachmittags kein Gottesdienst gehalten wurde, rieth Frau Kreuderin ihrem Theodor, die Familie Mühlenberg und seine Maria zu besuchen, sie wolle dann mit dem Hausknecht die Geschenke in die Pfarrerswohnung schicken. Der Rath gefiel dem jungen Manne, und nachdem die Glocke die zweite Mittagsstunde geschlagen hatte, begab sich derselbe nach der Wohnung des Pfarrers, wo er höchst freundlich aufgenommen wurde.

Er dankte der braven Familie für alle die Güte, die sie ihm und der Maria erwiesen, mit den herzlichsten Worten. In demselben Augenblick trat der Hausknecht des goldenen Schwanes mit den Geschenken in die Stube, welche Theodor der Frau Pfarrin mit folgender Bemerkung übergab: Hier schickt Ihnen Vater Leinbach zwei ganz vortreffliche Schinken, mit dem Wunsch, dieselben gefälligst anzunehmen und sich gut schmecken zu lassen. Die Familie denke stets mit Liebe an ihren guten Pfarrer, es ist eine höchst brave und religiös gesinnte Familie und er danke Gott, daß er ihn zu Leinbach’s geführt, wo er wie ein Sohn und Bruder behandelt werde. — Mühlenberg bat dann den guten Mann, der Familie Leinbach herzlichen Dank für das schöne Geschenk zu sagen und weiter erwähnte, wenn ich mal wieder in die Gegend von Oley komme, wo ich so viele und treffliche Leute kenne, so werde ich die Familien Leinbach, Guldin, Keim, Yoder, Bartholet und Griesemer besuchen, die alle Mitglieder meiner Gemeinde waren.

Mittlerweile war die Pastorin in die Küche geeilt, brachte Maria in die Sprechstube, und als diese ihren Theodor erblickte, stieß sie einen Freudenruf aus, lief auf den jungen Mann zu und ohne Scheu vor den Pfarrersleuten, drückte sie einen heißen Kuß auf seinen Mund, und mit Thränen in den Augen dankte sie ihm, daß er den weiten Weg unternommen, um sie zu besuchen.

Gefällt es dir noch in Oley? war die erste Frage des Mädchens. Gewiß, entgegnete Theodor, denn ich werde ja dort wie ein Sohn und Bruder behandelt, erwiedere aber auch diese gute Behandlung durch Treue und Fleiß, und habe ich vor den braven Leuten kein Geheimniß, davon kannst du dich hier überzeugen. Er nahm das Packet in welchem sich die Leinwand befand, und überreichte es dem Mädchen und bat, dasselbe zu eröffnen. Sie öffnete. Alle Anwesenden waren erstaunt, als sie die herrliche Leinwand sahen, und wegen ihrer blendenden Weiße und Feinheit bewundert wurde. Dieses Geschenk schicken die beiden jungen Töchter meines Wohlthäters mit dem herzlichsten Wunsche, daß es dir gefallen möge, und der Bitte, daß du sie einmal in der heißen Jahreszeit besuchen möchtest. Nachdem Maria für das schöne Geschenk gedankt, bat sie die Frau Pfarrerin, dasselbe für sie aufzubewahren, welche sich auch gleich dazu bereit fand. Nun lud Mühlenberg Theodor ein bei ihm zum Abendessen zu bleiben und nach dem Essen könne er mit Maria Frau Kreuderin besuchen und ihre Angelegenheiten besprechen. Dankbar nahm der junge Bauer die Einladung an.

Bald saß die ganze Familie Mühlenberg mit Theodor und Maria wohlgemuth beim Abendessen beisammen; der Pfarrer war heute besonders vergnügt, denn er hatte einen Brief von seinem Sohn Peter aus Shenandoah erhalten, der ihm meldete, daß die deutsch-lutherische Gemeinde daselbst ihn höchst freundlich empfangen, für ihn und seine Frau ein gutes, wohlgebautes stattliches Haus in einer wunderschönen Lage eingerichtet, welches für immer seine Wohnung sein solle. Bei seiner Antrittsrede wäre die Kirche, welche größer als die St. Michaeliskirche in Philadelphia sei, überfüllt gewesen und man hätte alle Fenster öffnen müssen, damit die vielen Leute, welche nicht mehr in der Kirche Platz, fanden, die Predigt draußen hören konnten. Das Shenandoah-Thal sei eine wunderschöne und sehr fruchtbare Gegend, wo sich meistens nur Deutsche niedergelassen hätten, die dort den Ackerbau auf fleißige und geschickte Weise betrieben, aber auch durch reichliche Ernten belohnt würden. Es sei ein sehr ehrliches, unverdorbenes Volk, das mit reiner Liebe an ihrem Glauben hänge. Er danke Gott, daß er ihn hierher geführt, er werde sich bestreben, seine Pflichten treu zu erfüllen.

Als das Abendessen eingenommen war, bemühte sich Frau Mühlenberg mit ihrer ältesten Tochter und Maria, Alles wieder in Stube und Küche in Ordnung zu bringen, damit der Maria Gelegenheit gegeben werde mit Theodor einen Spaziergang durch die Stadt zu machen, wo jetzt so viele neue Gebäude errichtet würden.

Während die Frauen so beschäftigt waren, unterhielt sich der Pastor mit seinen beiden Söhnen Ernst und Christoph und Theodor über das Schaffen und Vorwärtsschreiten der Deutschen in Pennsylvanien. — Bald waren die Frauen mit ihren Arbeiten fertig, und nachdem sich Maria ordentlich gekleidet hatte, führte sie die Pfarrerin in die Stube, wo die Männer saßen, und bat Theodor mit seiner Braut noch ein wenig durch die Stadt zu wandern und dann zu Mutter Kreuderin zu führen, die sich gewiß freuen werde, die beiden jungen Leute bei sich zu sehen. Sogleich war Theodor bereit, den Wunsch der Pfarrerin zu erfüllen. Das Paar entfernte sich unter dem Zuruf: Viel Vergnügen! aus dem Pfarrhause und begab sich zuerst nach der Chestnutstraße, wo noch theilweise an dem Stadthause gebaut wurde, dann in die Zweite Straße zur Christkirche, wo sie das damals so schöne Glockenspiel hörten, dann begaben sie sich nach der Vierten und Cherrystraße, wo man eben den Bau der deutsch-lutherischen Zionskirche begonnen, und zuletzt zum goldenen Schwan, wo sie von der Mutter Kreuderin erwartet wurden. Diese hatte bereits in ihrer Stube einen kleinen Imbiß hergerichtet und lud die jungen Leute ein, etwas bei ihr zu genießen, denn es käme ja aus gutem Herzen, und es freue sie herzlich, wenn es ihnen wohlschmecken würde. Vor ihr hatten die Liebenden kein Geheimniß, und besprachen ihre jetzigen Verhältnisse mit denen ihrer Zukunft.

Theodor war der Ansicht, er wolle noch einige Jahre Leinbach treulich dienen, dann werde derselbe gewiß sein Versprechen halten, und ihm zu einem Stück Land verhelfen auf dem sie sich häuslich niederlassen und ernähren könnten. Maria sollte noch eine zeitlang bei Mühlenberg’s bleiben und sich etwas für die Einrichtung der Haushaltung ersparen, später wolle er wieder nach Philadelphia kommen, sich von Pastor Mühlenberg trauen lassen und sie dann in die neue Heimath führen. Bis dahin käme er ja noch öfters nach der Stadt, wo man das Nähere besprechen könne. Mutter Kreuderin fand den Plan ausgezeichnet, und Maria reichte Theodor die Hand und sagte, daß sein Plan ganz ihrem Wunsche entspreche. Freudig erhob sich dann die Wirthin zum goldenen Schwan und rief mit befehlerischer Stimme: Kinder! aber das sage ich euch, die Hochzeit muß bei mir gefeiert werden, und da beißt die Maus keinen Faden von ab. Gewiß! Gewiß! riefen die beiden Liebenden zu gleicher Zeit: Ihr bleibt unsere Mutter in Freud und Leid. Der Himmel gebe, daß wir einst in euren älteren Jahren euch pflegen und vergelten können, was ihr so mütterlich für uns gethan.